CHRISTIAN MUTZEL

Christian Mutzel wurde am 01.04.1990 in Schwandorf, in der Oberpfalz, geboren. Sein betriebswirtschaftliches Studi-um mit der Vertiefung Mar-keting schloss er an der Fachhochschule Ansbach mit dem Bachelor of Arts ab. Seit 2016 ist er in einer Online-Marketing-Agentur als Content Marketing Manager und Texter tätig. Mit seiner Leidenschaft für das Schreiben gelangen ihm bislang Veröffentlichungen von Kurzgeschichten in ver-schiedenen Anthologien. Außerdem führt er seinen ei-genen Blog. Der erste Roman ist in Arbeit. Besuchen Sie ihn auch auf seiner Webseite:

 

                                       https://federundgeist.blog/ 

 

 

 Hier ist seine Geschichte:

 

 

Seelenernte

(Urheberrechte & Copyrights © by Christian Mutzel)

 

Er hatte es getan. Ungläubig und zitternd starrte Henry auf seine blutbeschmierten Hände. Den Stein, mit dem er die Tat vollbracht hatte, hielt er noch immer verkrampft fest. Heiße Glut schoss durch seine Adern und sein Atem war wie eine schwer arbeitende Dampfmaschine. Er hatte ihn getötet. Es war noch alles so unwirklich, wie ein luzider Traum. Doch nachdem Henry eine halbe Ewigkeit fassungslos und ohne Regung inmitten der vom Frost bedeckten Gräser gesessen hatte, schaffte es sein Verstand allmählich, sich aus dem dichten Nebel hervor zu tasten, der seine Gedanken blockierte. Die Realität schließlich anerkennend wisperte er heißer vor sich hin: „Es ist wirklich. Ich habe ihn getötet.“ Mit geweiteten Augen musterte er den Leichnam, von dessen Kopf scharlachrote Rinnsale sich in alle Richtungen ausbreitete. Inmitten der weißen Weiten hoben sie sich selbst im fahlen Dämmerlicht noch deutlich ab und waren gut erkennbar. Zuerst war es etwas Schuld, die in ihm aufkam, der Anflug des Gewissens, das der Mensch wohl nie vollkommen ausstellen konnte.

 
„Ich habe ihn getötet“, wiederholte der Mann mit dem zerzausten Haar, der mit viel zu kühler Kleidung unterwegs war und nun spürte, wie die Kälte seine Finger taub machte. Er ließ die Tatwaffe fallen und rieb sich die Hände etwas aneinander, um das kalte Brennen zu vertreiben. Aufgeregt blickte er sich umher. Hatte ihn jemand beobachtet? Es war wohl unwahrscheinlich. Er lauschte gegen das sanfte Säuseln des Windes. Kein weiteres Geräusch.


„Ich habe ihn getötet“, verkündete er für sich ein drittes Mal, wobei seine Gesichtslähmung brach und sich seine Mundwinkel zu einem irrsinnigen Lächeln verzogen. Ein Anklang von Euphorie lag in seiner Stimme. Henry verspürte, wie ihn die Gewissheit des Sieges überkam, Triumph Fanfaren spielten nur für ihn alleine. Er hätte am liebsten voller Inbrunst gejubelt, doch soweit hatte sich sein katatonischer Zustand wieder gelegt, als dass er sich dazu hinreisen ließ, in irgendeiner Weise Aufmerksamkeit zu erregen. Auch wenn es ausgeschlossen war, dass an diesem abgelegenen Ort zu dieser Stunde noch jemand unterwegs war, so wollte er kein Risiko eingehen.


„Ach mein lieber Jonas“, seufzte Henry, als er in den leeren Augen des Toten versank. „Es hätte nicht so enden müssen. Aber warum musstest du dich an meiner Frau vergehen?“ Sie würde es auch noch bezahlen, das hatte er sich geschworen, doch im Gegensatz zu seinem Bruder wollte Henry das verräterische Flittchen nicht so einfach mit einem schnellen Tod davonkommen lassen. Sie sollte leiden, aber dafür brauchte es etwas mehr Planung. Alleine der Umstand, dass die beiden Brüder regelmäßig zusammen auf die Jagd gingen, bot die Möglichkeit, die Bluttat dezent zu begehen. Und kein Ort war besser geeignet als dieser, wo sich kaum jemand her verirrte. In der Nähe gab es einen kleinen Spalt, von dem aus ein Schacht fast senkrecht in unbekannte Tiefen führte. Eine Höhle, die fatal war für unaufmerksame Spaziergänger – und das ideale Versteck für eine Leiche. Sie war nicht weit weg von hier. Ein bisschen müsste er den Körper ziehen, die Schleifspuren hinterher beseitigen. Henry rappelte sich auf und wollte gerade nach dem Leib des Ermordeten greifen, als er aus den Augenwinkeln ein Licht wahrnahm. Es bewegte sich mit gemächlicher Geschwindigkeit und kam aus dem Waldstück der alten Landstraße, das unterhalb des Berges verlief, auf dessen Gipfel die Lichtung war, auf der er sich befand und die auch hier oben von Bäumen umsäumt war.


Es war eindeutig ein Auto. Es schien, abzubremsen. Henry sah angestrengt hinab. Ja, es bremste tatsächlich, fuhr rechts an den Rand und hielt am Acker.


„Zum Teufel“, fluchte Henry und ging in die Hocke. Es war zwar schon relativ dunkel, doch von den Lichtverhältnissen so, dass man seine Silhouette aus dieser Distanz gerade noch erkennen konnte. Womöglich hielt er nur kurz an, um seine Position zu prüfen. Wer sonst, als jemand, der sich verfuhr, sollte diese Straße, die in den letzten Jahren durch etliche Abkürzungen obsolet wurde, passieren? Es bliebt nichts Anderes übrig: kurz ausharren, dann weitermachen. Den schmalen Pfad in das Dickicht, in dem Henry sein Auto geparkt hatte, hatte der Wagen auf jeden Fall schon hinter sich gelassen. Keine Gefahr also, dass er entdeckt werden würde.


Doch es kam etwas anders, als erwartet. Scheinbar stieg aus dem Auto jemand aus, es war mit dem blanken Auge nicht ersichtlich. Henry kramte aus seiner Jagdtasche sein Nachtsichtfernglas hervor und blickte hindurch. Tatsächlich. Es war ein Mann, der das Auto verließ und quer über das Feld ging. Was er dort nur machte? Wahrscheinlich nur eine Erleichterung, dachte sich Henry. Doch der Mann ging weiter und weiter. Schließlich hielt er an und blieb still. Mehr machte er nicht, außer dazustehen. Wenn Henry raten müsste, hätte er gesagt, dass der Typ auf jemanden wartete. Seine Neugier war geweckt und prompt vergaß er für den Moment, was er eigentlich noch vorhatte. Er versuchte, etwas vom Gesicht des Fremden zu erkennen, der so merkwürdig an diesem verlassenen Platz umherwandelte, konnte aber nur etwas von schräg hinten erkenne. Angespannt observierte Henry die Person, der sonstigen Welt völlig entschwunden. Dann geschah etwas noch Seltsameres. Das Auto fuhr weiter und ließ die Person auf dem Feld zurück. Warum setzte man jemanden im Nirgendwo aus? Die anfängliche Neugier wich einem mulmigen Gefühl. Das ganze Szenario war ihm nicht geheuer. Doch er wollte auch nicht ablassen. Er wollte wissen, was dort vor sich ging. Noch immer stand der geheimnisvolle Mann regungslos da. Nichts von dem, was Henry gerade beobachtete, ergab für ihn Sinn. „Was hast du vor?“, fragte er sich.


Für einen Moment nahm er sein Fernglas zur Seite, um sich die bereits etwas müden Augen zu reiben, da nahm er den geheimnisvollen Schein wahr, der am Himmel erschien. Es war kein Stern. Dafür war er zu niedrig. Für ein Flugzeug war er zu hell. War es ein Meteor, der dabei war, auf die Erdoberfläche einzuschlagen? Durfte er Zeuge eines solchen Naturereignisses werden? Anderseits bewegte sich das Licht dafür viel zu langsam. Doch es bewegte sich – und das gerade auf den Boden zu. Als das mysteriöse Objekt etwa auf der Höhe war, auf der Helikopter flogen, war zu erkennen, dass es rund war und von allen Seiten azurblaue-silberne Strahlen von sich aussendete. Nervös ergriff Henry erneut sein Fernglas und versuchte, das Ding genauer zu identifizieren. Definitiv: Es war rund. Und es war …, er konnte nicht sagen, was es war, doch das Objekt setzte seinen Weg stringent fort. Und wie reagierte der Mann? Henry schwenkte auf ihn um und war überrascht, zu sehen, dass der Kerl noch immer genauso still dastand. Die unheimliche Erscheinung, die direkt auf ihn zukam, schien ihn nichts auszumachen. „Was macht er da?“, zischte Henry vor sich hin. „Warum bleibt er stehen und was geht hier vor sich?“


Die Logik gebot es, das, was seine Augen wahrnahmen, als Anlass zu nehmen, zu verschwinden. Und ja, Henry selbst verspürte Angst. Doch eine irrationale Stimme, die ungleich stärker war, hielt ihn zum Bleiben an. Schamlos appellierte sie an dem Verlangen, das Unbekannte zu erkunden.


Das leuchtende Objekt erreichte schließlich den Boden. Durch sein Nachtsichtgerät konnte Henry es nun genau mustern. Es handelte sich dabei in der Tat um eine perfekte Kugel, die offenkundig aus einer Art von Metall bestand, sicher konnte er es nicht sagen. Die Lichter erloschen. Der Mann gebar sich wie gehabt. Entweder hatte das Entsetzen ihn so gelähmt, dass er nicht anders konnte oder er war unsagbar dumm. Oder gab es noch einen anderen Grund? Eine Tür öffnete sich an der Kugel und fuhr sich wie die Rettungsrampe an einem Flugzeug aus. Henry spürte, wie sich jedes einzelne Haar an seinem Körper aufstellte.

 

Der Mann setzte sich zum ersten Mal seit seiner Ankunft auf dem Feld in Bewegung. Er ging etwas auf die Rampe zu. Gleichzeitig bewegte sich etwas heraus. Ein unbeschreibliches Grauen ergriff Henry. Eine Gestalt schritt die Rampe herunter. Sie war großgewachsen, in der Form glich sie in etwa einem Menschen. Doch der Hals war bestimmt fünfmal so lang und die Hände waren versetzt mit Krallen, die Dolchen glichen. Das gesamte Erscheinungsbild hatte etwas Reptilienartiges, ohne dass man es hätte in exakte Worten fassen können. Das Wesen – was immer es war – nährte sich dem Mann und umschmeichelte seinen Kopf mit seinen Krallen. Dabei blitze für einen Augenblick an dessen Hals etwas auf. Dieses Detail hatte Henry zuvor nicht bemerkt. Aber es war eine Art Halsband, das am Mann befestigt war und das dieses kurze Lichtsignal von sich gab. Die Kreatur gab ein Handzeichen in Richtung der Tür und nickte kurz darauf. Dann kehrte sie zurück in die Kugel und führte einen Ruck mit der Hand aus, sowie man die Leine eines Hundes zog. Der Mann ging auf Kommando hinterher, folgsam und ohne Widersinnigkeit – als hätte er keinerlei Kontrolle über seinen Körper mehr.


Als er sich etwa auf halber Höhe der Rampe bestand, wandte er sich in Richtung seines Beobachters, blickte ihn direkt in die Augen. Als würde er ihn bewusst anstarren und genau wissen, dass er vom Berg herab beobachtet wurde. Aber woher? Furchterregender als dies, war jedoch der Umstand, dass …, nein, das konnte nicht sein. Henrys Schrecken intensivierte sich. Er legte das Fernglas kurz ab, rieb sich die Augen und setzte erneut an. Und doch, bot sich ihm der gleiche Anblick. Es war sein Bruder. Sein Gesicht war unverkennbar. Wie war das möglich? War es ein Streich, die die Übermüdung ihm spielte oder der die nagenden Gewissensbisse, die ihm diese Fantasmagorie auftischten?

 

Mit anklagenden, verengten Augen sah Jonas seinen Mörder an, als würde er Worte der Verteufelung an ihn richten. Henry wandte sich in schrecklichsten Erwartungen um. Zu seinem Erstaunen lag die Leiche noch immer an derselben Stelle. Er hievte sich auf und ging zum Toten herüber. Die gleiche Position, in der er den Leib zurückgelassen hatte. Am liebsten wäre Henry sofort losgerannt. Sofort zum Auto und weggefahren, einfach darauf losgebraust. Doch der Weg zu seinem Wagen würde zu nahe an den Schauplatz dieses Horrors führen.


Er wandte sich wieder dem Acker zu, auf dem das unerklärliche Ereignis stattfand und musste feststellen, dass sein Bruder bzw. das Irgendwas, das seine Form angenommen hatte, fort und die Tür der fliegenden Kugel geschlossen war. Aber sie hob nicht ab. Nichts rührte sich für eine Zeit lang. Selbst der Wind war nun verstummt. Tiefe Stille. Henry traute sich nicht, auch nur die kleinste Bewegung zu machen.


Auf der Straße näherte sich wieder Licht. Es war ein Auto, aber nicht nur irgendeines. Es war der Wagen, der unlängst zuvor Jonas Ebenbild herausgelassen hatte. Doch dieses Mal hielt er nicht an der gleichen Stelle, sondern fuhr weiter. Henrys Augen folgten dem Schein. Zwischen den Bäumen hindurch war er noch vage zu erkennen. Er blieb stehen. Henrys Atem stockte. Es war eindeutig, dass sie den kleinen Waldweg angesteuert hatten, der zu der Lichtung führte. Sie wussten, dass er hier oben lauerte und sie beobachte. Völlig aufgelöst und ohne Kontrolle über seinen Körper setzte er zum Spurt an. Irgendwo hin, einen Ausweg, egal welchen. Ganz gleich, wer das war, der in dem Auto saß, kennenlernen wollte er ihn nicht. Und noch weniger wollte er Bekanntschaft mit den Reptilienwesen machen. In seiner Aufregung hatte Henry allerdings nicht bemerkt, dass er dem Abgrund etwas zu nah kam. Als er loseilen wollte, verlor er auf dem glatten Boden den Halt. Seine Füße gaben nach und schließlich kam sein ganzer Körper zum Fall. Unglücklicherweise stürzte er dabei nach hinten und rutschte über die Kante, Fels und Geröll hinab, erst noch eine Schräge, dann jedoch in die Senkrechte fliegend.


Henry erwachte inmitten von Matsch, Dornen und kaltem Schnee. Sein Körper war unterkühlt. Verwirrt und orientierungslos versuchte er, sich aufzurappeln. Doch allein die leiseste Bewegung, sei es Arm oder Bein, rief in ihm solche Schmerzen hervor, dass er sich die Lippen Blutbeißen musste, um einen Schrei zu unterdrücken. Wie nach der Marter des Räderns war er mit zertrümmerten Gliedern zur Bewegungslosigkeit verdammt. Einzig sein Puls raste im impulsiven Sprint. Röchelnd lag er da in seiner Hilflosigkeit und im Bewusstsein, dass der eisige Atem der Nacht ihm ein Ende setzen würde.


Ein Knacken ertönte, gefolgt von einem Stapfen. Es klang nach schweren Schritten, die direkt auf ihn zuhielten. Sich dem Fiebertraum nahe wähnend wandte der Verletzte seinen Kopf behäbig zu der Richtung, aus der die Geräusche kamen. Ein Schatten trat aus dem Dickicht hervor, gefolgt von den Umrissen einer schemenhaften Erscheinung. Sie trat ins Mondlicht, das bleich durch die Kronen der Nadelbäume fiel und offenbarte sich. Für einen Moment hatte Henry befürchtet, dass es eines der Reptil-Wesen wäre. Doch es war offenkundig ein Mensch.


„Hier ist er“, sprach eine grimmige, dunkle Stimme. „Komm her.“
Der Mann, dessen Gesicht zwischen Wintermütze und Schal verborgen war, trat an den unglückseligen Gestürzten heran. Eine weitere Person folgte ihm. Er murmelte in einen Apparat an seinem Handgelenk.
   „Es hat geklappt. Eure Koordinatenangabe war exakt. Wir haben ihn gefunden. Er lebt aber noch. Aber so wie es aussieht nicht mehr lange.“ Er beugte sich musternd zu Henry herab, der flehte: „Bitte, helft mir.“ Doch beide ignorierten ihn.


„Ja, sehr schwere Kopfverletzung, er wird es wohl nicht lange machen. Wir melden uns dann wieder, wenn es so weit ist.“


Einer der Männer seufzte. „Es ist ein Kreuz, dass wir in solchen Fällen nicht nachhelfen dürfen.“


„Es ist gegen die Vorschriften und die Ordnung“, mahnte der andere unbekümmert. „Aber das dürfte schnell gehen. Ob Kälte oder der physische Schaden. Er ist bald tot, so wie der andere.“


„Was wollt ihr von mir?“, fragte Henry mit zittriger Stimme, doch noch immer wurde er missachtet. Schließlich gab er auf und ließ sein Schicksal über sich ergehen. Innerlich verfluchte er seine Peiniger. Er verfluchte seinen Bruder, seine Frau und er verfluchte sich selbst, wünschte die ganze Welt zur Hölle. Dann mit einem Schlag hörten die Schmerzen auf wie durch eine kurze Dosis des stärksten Schmerzmittels aller Zeiten. Nicht nur das, Henry fühlte, wie er seine Glieder wieder bewegen konnte. Seine Hände, seine Füße, alles funktionierte einwandfrei und das Feuer in seiner Brust war erloschen. Seltsamerweise war von der beißenden Winterluft ebenso wenig zu spüren. Er begann erst gar nicht, in seiner Euphorie diesen unglaublichen Umstand zu hinterfragen. Er stand auf.
   „Sie an, es ist so weit“, merkte einer der Männer an. In seiner Erleichterung über die Linderung, die ihm widerfuhr, hatte Henry die beiden schon fast vergessen. Als er ihre Stimme vernahm, wurde ihm augenblicklich in Erinnerung gerufen, dass sie offenkundig Übles mit ihm vorhatten. Also rannte er los. Vielleicht fünf Meter kam er, als er spürte, wie sich etwas um seinen Hals schloss und eine Macht ihn am Weiterlaufen hinderte. Fassungslos musste er feststellen, dass sich ein Halsband an ihm befand – ein ähnliches, das der Doppelgänger seines Bruders trug.


„Es hat keinen Zweck. Deine Seele gehört nun uns. Und sie ist verpflichtet, uns zu folgen.“


„Meine Seele?“ Diese Worte waren ihm so befremdlich und sinnentleert. „Was macht ihr mit mir?“


Eine lautlose Stimme gab dem Mann mit dem Halsband den Befehl sich umzudrehen und so tat er es. Dabei fiel sein Blick auf den Leib, der am Boden gefroren war und ihm war klar, was seine Peiniger damit meinten, wenn sie von Seele sprachen. Auch wenn er sich noch so sehr weigerte, anzuerkennen, was sich gerade abspielte, dass er es selbst war, der tot vom Schnee bedeckt war, konnte er nicht leugnen. Jegliche Worte waren ihm versagt, um nur annähernd auszudrücken, was in ihm vorging.
  „Gehen wir“, sagte einer der Männer und nahmen ihren Gefangenen an der unsichtbaren Bande mit. Widerstand war zwecklos. Sie zogen ihn durch den verschlungenen Trampelpfad hindurch auf den ausgewiesenen Waldweg bis zu der Einfahrt, an der die beiden Wagen standen. Sie zwangen ihn in ihr Auto und fuhren los – es erübrigte sich jede Frage, wohin. Dementsprechend war die Fahrt nur von kurzer Dauer.

   „Geh nun los zum Schiff“, befahl einer der Männer und gegen jeden Willen tat Henry, wie ihm geheißen wurde.


Letztendlich war er es nun, der vor der mysteriösen Kugel, diesem überirdischen Fluggerät stand und voller demütiger Panik betrachtete, wie sich die Tür abermals öffnete. Eine der Echsen Kreaturen trat heraus.

 

Vom Nahem wirkte sie noch einschüchternder. Sie ging anmutig auf den Menschen zu, der im Vergleich wie ein Zwerg wirkte und tastete ihn behutsam ab.


„Ja, diese Seele hat Energie“, schnarrte die Kreatur. „Irgendwie scheinen Verbrecher doch mehr Energie zu haben. So gehe nun hinein ins Schiff. Deine Seele wird einen hohen Dienst verrichten, zur Rettung unserer Welt. Sie ist wertvolle Energie.“


Die Monstrosität ging voran und Henry folgte wortlos in das Schiff, dem grellen Schein entgegen. Zu klaren Gedanken war er längst nicht mehr fähig. Die Tür schloss sich. Das Fluggerät hob ebenso leuchtend ab, wie es herabkam. Als es sich am Zenit des Himmelszeltes befand, durchzuckte ein kurzer Blitz das tiefe Schwarz, kaum mehr als der Bruchteil einer Sekunde, und es war verschwunden. Die beiden Männer, die ihre neue Fuhre abgeliefert hatten, hatten den Ort des Geschehens indessen schon längst hinter sich gelassen.

 
„Ok, einen Auftrag haben wir für heute Abend noch“, sagte der Eine.    „Sektor G67, Abschnitt B. In zwei Stunden wird dort jemand sterben, sagt die Zentrale. Die Zeitkamera hat hier eine Aufnahme übermittelt. Ein Typ begeht Selbstmord. Schneidet sich die Pulsadern auf."
    „Dann machen wir uns mal auf den Weg“, grummelte der andere.

„Du hörst dich ziemlich genervt an.“
  „Will man es mir verübeln? So langsam habe ich es satt, den Menschen beim Sterben zuzusehen auf die aller dümmsten Weisen. Das Seelensammeln verliert seinen Reiz.“

  „Ich muss dir zustimmen. Aber was will man machen. Unser Überleben hängt von der Energie ab und irgendwer muss die Drecksarbeit ja machen.“
   „Da hast du wohl recht. Aber der Sammlerdienst ist so dumpf nur noch. Vielleicht lasse ich mich doch in die Beobachtungsmannschaft versetzen. Hätte selbst mal Lust, andere durch die Gegend zu schicken. Und ich will nicht mehr in dieser abscheulichen Körperform herumlaufen. Ich denke, ich werde gleich morgen meinen Antrag auf Versetzung stellen.“

 

 

ENDE