DOERTE KREBS

 

 

mit Ihrem herausragenden Beitrag zum Wettbewerbsthema des zweiten Semesters 2021.

 

            

 

Doertes kurzer Steckbrief: Jahrgang 1961, lebt in Hamburg, hat zwei erwachsene Töchter und verdient ihren Unterhalt als Objektplanerin in der Baubranche.  Eine unbescholtene Texterin und Bogenschützin, weiß wovon sie schreibt und freut sich über Leserinnen und Leser. Komplimente und Kritik erwünscht.

 

 

 

In Varde 

(Urheberrechte & Copyrights © by Doerte Krebs)

 

 

Heute wurde im Parlament der Weg freigemacht für das Programm Viva – Menschen der Welt. Das Gesetz regelt die Auswahl und die Rechte von Menschen in Europa, die in dem weltweit angelegten Rettungsprogramm die Unsterblichkeit erlangen sollen. Die Auswahl ist Ehrensache und soll vergleichbar der Berufung von Schöffen erfolgen. Ein Vetorecht gibt es nicht. Man geht davon aus, dass nur wenige Menschen für das Programm infrage kommen. Faktisch kann Europa lediglich tausendfünfhundert Personen benennen. Ziel dieses Programms ist die Sicherung der menschlichen Spezies über die Zeit der Flut hinaus. Das Prozedere für Nutztiere ist bereits vor Jahren verabschiedet und erfolgreich umgesetzt worden. Die Wissenschaft hat daraus wichtige Erkenntnisse gewonnen, die ihr bei der Umsetzung des aktuellen Programms helfen werden. Es handelt sich um eine prophylaktische Maßnahme, die die Eignung des Menschen für den langfristigen Aufenthalt in einem außerirdischen Schutzraum prüfen soll. So könnte bei weiterem Verlust von irdischem Territorium, bei einer Entspannung der Situation eine Rückbesiedelung der Erde durch den Menschen erfolgen.

 

Das waren die Nachrichten zum Mittag.

 

Gunnar sinkt zurück in seinen Sessel. Wollte er doch niemals wieder damit zu tun haben, aber er erinnert sich noch ganz genau an die letzte Gesellschafterversammlung seiner damaligen biopharmazeutischen Firma Phyto-Tech Ltd. Um fünf Uhr morgens stieß er die Flügeltür des Konferenzsaals gegen den gerade heranrollenden Servierwagen. Er entschuldigte sich nicht. Er flüchtete aus dem Hotel in Lissabon und vor seinen Partnern. Es war noch dunkel; er fror und er wusste, das würde so bleiben.

 

VIVA, kein anderes Produkt ihrer hochwirksamen Pflanzenheilmittel, hatte eine solche Dynamik entwickelt. Duft und Spur hatten sie Doreen zu verdanken gehabt. Sie, die immer auf der Suche nach voreiszeitlichen Pflanzen gewesen war, süchtig, das Rätsel ihrer Überlebenskunst zu lösen, hatte die Pflanze am Fuß des Mount Hagen auf Papua-Neuguinea gefunden. Gunnar hatte die Kommunikation entschlüsselt, Kitai diese in ihre chemischen Bestandteile zerlegt und Abril hatte die Wirkstoffe zusammengebracht, mit Träger- und Botenstoffen. Gemeinsam war ihnen ein fein bemessenes, maskiertes  und gerührtes Wunder gelungen. Von außen aufgetragen – die Erkenntnis dieser Bedeutung war der Durchbruch gewesen. Ausgestattet mit einer Eintrittskarte in das Nervensystem befähigte es Zellen, sich immer wieder zu teilen und neu zu bilden, mit dem Wuchs eines Keimlings oder auf den Menschen übertragen mit dem Vermögen eines Pubertierenden. Der Alterungsprozess des Körpers wurde ausgesetzt. 

 

 

Nach erfolgreichen Versuchen mit Schweinen hatten sie das Mittel an sich selbst angewendet. Dieses No-Go unter Wissenschaftlern war ihnen später, nachdem die damals noch unabhängige Presse von VIVA berichtet hatte und der Hyphe um die Entzauberung des ewigen Lebens den um die Mondlandung in den Schatten gestellt hatte, verziehen worden.

 

Zu dem Zeitpunkt war Gunnar aber bereits aus dem kometenhaften Mega-Trip herausgefallen, in dem sie seit zwei Jahren umeinander rotierend auf den Selbstversuch zu gerauscht waren. Mit den Vorbereitungen zu einer ersten Veröffentlichung hatte Gunnar auf einen Schlag eine unbeteiligte Sichtweise eingenommen und war an einen Abgrund geraten. Mit Kitai, seinem Partner aus Japan, teilte er eine wachsende Verzweiflung. Sie hatten kein Heilmittel geschaffen, sondern überflüssigen, ja schadhaften und begehrlichen Luxus.

 

Das gigantische marktwirtschaftliche Potenzial konnte bei VIVA nicht übersehen werden. Einen Gedanken, an dem insbesondere Doreen Gefallen gefunden und sich innerhalb eines halben Jahres von einer Seherin für Pflanzenpotenzialen zu einer Marketingstrategin geboostert hatte.

 

Die Pflanze Amalane, der sie VIVA zu verdanken hatten, gehörte zur Gattung der Schachtelhalme und war schon vor der letzten Eiszeit fester Bestandteil der Vegetation gewesen. Das waren Kitais und Gunnars erste Argumentationsstränge gegen die Vermarktungsideen von Doreen gewesen. Ihr wertvoller Wirkstoff war nicht für den Menschen, sondern zum Erhalt der Pflanze in einem wechselhaften Umfeld vorgesehen gewesen. Und wer wusste schon, ob die Fähigkeiten dieser oder auch anderer Pflanzen den Menschen nicht schon einmal bekannt gewesen und nur durch den zähen Kampf der Schulmedizin um Deutungshoheit in Vergessenheit geraten waren. War doch die Revolutionierung der Pflanzenheilkunde maßgeblich von den afrikanischen Kollegen ausgelöst worden. Mitte der dreißiger Jahre war dort ein Medikament gegen Covid entwickelt worden, das die Wirksamkeit der Schulmedizin in den Schatten gestellt hatte. Das Wissen seiner afrikanischen Kollegen, um die Anpassung und Kommunikation von Pflanzen mit ihrer Umgebung war vielschichtig und in einer Spiritualität eingewoben gewesen, die der damals aus Europa aufgebrochenen und sich weltweit zementierten Wissenschaft völlig fremd gewesen war und sie blind gemacht hatte für irdische Kompetenz.

 

Abril und Kitai waren im Ringen um die Verantwortung für die außerordentliche Wirkung von VIVA, an deren Diskussion sich Doreen nicht mehr beteiligt hatte, zu der festen Überzeugung gekommen, dass der Mensch kein Recht an Pflanzen, deren Inhaltsstoffen und Potenzialen haben kann, alle mal nicht durch ein Patent, um sie vor dem Gebrauch durch andere Menschen zu schützen.

 

Der andere Aspekt ihres Widerstandes betraf die Erfahrungen, die der Mensch bereits mit dem ewigen Leben und dem Fluch der Unsterblichkeit gemacht hatte. Ja, es war einer der großen Träume der Menschheit und in den monotheistischen Weltreligionen das Heilsversprechen schlechthin für den Preis des Sterbens, aber in der Realität eines ewigen Lebens im Diesseits als Qual und Fluch beschrieben worden, als ein Irrweg und zum Schaden der Menschheit. Über all dies diskutierten sie leidenschaftlich. Und genau der Schaden lag hier offensichtlich auf der Hand. Menschen, reiche Menschen, denn nur die würden sich das Mittel leisten können – würden keinen Platz machen für spätere Generationen. Widersinnig den Druck auf die Ressource Land zu erhöhen, wenn die Flut diesen Lebensraum kontinuierlich schmälerte. Was für vier Leute einen nie zu verbrau-chenden Gewinn schaffen könnte, für dessen Realisierung Doreen um die Welt reiste, würde die Grundlage zerstören, davon als Mensch Gebrauch machen zu können.

 

Oder sollte das Ziel gewesen sein, die Fortpflanzung einzustellen und hier und jetzt kraft der materiellen Stellung in der Gesellschaft die Entscheidung zu fällen, wer auf ewig weiter machen dürfte? Allerdings nur mit unfruchtbarem Sex.

 

Dann war die Katastrophe eingetreten, wie Doreen es nannte, mit dem Ausbruch des Mount Hagen im März 2045. Der Nordhang, an dem die nur dort anzutreffende Amalane wuchs, war mit einer drei Meter starken Lavaschicht überrollt und ausgebrannt worden. Doreen hatte umgehend eine Gesellschafterversammlung einberufen, noch gewitzelt, dass sie vier sicher noch leben würden, bis der erste unverdaute Same der Amalane von dem Aschevogel auf der Ostseite ausgeschissen und mit dem Staub über die Jahrzehnte und den Aufwinden über der sich langsam abkühlenden Lavaschicht an seinem optimalen Standort getragen und in einer Lava Falte wieder zu neuem Leben erwachen würde. Sie verfügten zu diesem Zeitpunkt einzig und alleine über die Ernte von 2044.

 

In der Mitte der nächtlichen Sitzung ließ Doreen ihr gemeinsames Ringen um wissenschaftliche und gesell-schaftliche Verantwortung platzen. Mit Ihrem Bekenntnis das Angebot eines Investors entgegengenommen zu haben, eröffnete sie eine wilde Jagd und schaffte es, sie, die Gesellschafter, aus ihrer gemeinsamen Verantwortung in die vier Ecken des Raums zu isolieren. Es gelang Gunnar nicht mehr Kitai zu erreichen, um ihn mit ihren gemeinsamen Zweifeln zu konfrontieren und bei seinem Gemeinsinn zu packen. Ganz im Gegenteil, Doreen traf ihn genau dort, bei seiner sozial ausgerichteten Haltung. Er sollte seine Stilisierung als demütiger Erdretter aufgeben und den Mut der Investoren anerkennen, eine verantwortliche Verwendung für ihre Lebensleistung VIVA zu finden. Und Abril? Sie war damals bereits krank, ihr Krebs wuchs so munter, wie Doreen das Geld in der Kasse klingeln hörte und schneller als ihre verjüngten Zellen. Sie ließ sich von Doreen in den Sattel heben und ritt den zügellosen, goldenen Gaul immer weiter an Doreens vorderste Front. Sie brauchte Geld für Ihre Therapie. Doreen schraubte die Preiserwartungen in die Höhe, in dem sie die Bedingungen für den Verkauf der Firma weiter reduzierte bis auf eine einzige – die vier Gesellschafter sollten vor dem Geschäftsübergang eine weitere Behandlung mit dem Mittel erhalten. Alle Rechte an der Pflanze, der Wirkstoffentwicklung und an der Rezeptur des Mittels und seiner Verwendung sollten aufgegeben werden.

 

Doreen hatte Speed genommen, anders konnte es nicht sein, dass jeder seiner Einwände tausendfach von ihr widerlegt wurde, sie würde noch drei Tage so weiter argumentieren können. Gunnar nicht. Gunnar erschöpfte das fehlende Gespräch, Differenz auszuhalten fand er unsachlich, obwohl er wusste, dass es hier um Macht ging. Er hörte auf zu argumentieren, folgte schweigend dem nun fast einvernehmlichen Gespräch und dem Entschluss seiner drei Mitinhaber. Über dem Berg von Caparica ging der Mond unter. Gunnar verzichtete auf eine weitere Behandlung, dieser Entscheidung schloss sich Kitai an. Damit stieg der Verkaufswert, der einzig noch von der Anzahl der Behandlungsgaben bestimmt war, noch einmal. Gunnar sprang auf, er spürte Doreens Triumph im Rücken, als er auf die Tür des Sitzungssaales zueilte. Scham, schnellte aus seinem Geschlecht in den Schädel und explodierte.

 

Nach den Formalitäten des Verkaufs und wieder zurück in ihren Heimatkontinenten teilten sie das Geld auf. Es betrug weniger, als Doreen in Aussicht gestellt hatte, aber zu viel für einen Menschen. Gunnar und wahrscheinlich auch die anderen versuchten sich ihr großes oder kleines Glück daraus zu bauen. Doreen wurde Geschäftsführerin bei VIVA, ging es also doch auch um Macht.  Abril nahm sich ein Jahr nach Lissabon das Leben, sie hatte Zuflucht in einem Jesuiten-Kloster in Ihrem Geburtsort in Argentinien gefunden. Einzig mit Kitai blieb er in Kontakt. Über den Verkauf haben sie nie wieder gesprochen, aber sie haben sich noch Jahre lang ausgetauscht und festgestellt, dass beide an einer Müdigkeit zu leiden begannen, bei gleichzeitig agilem Körper. Gunnar blieb dabei, jeden Tag zwanzig Kilometer zu laufen, sein Herz und seine Lunge arbeiteten perfekt. Aber eine Art Abwehr, aus der Resignation wurde, teilten Gunnar und Kitai, als ob das Hirn zur Aufnahme und Verarbeitung nur eine begrenzte Kapazität hätte.

 

Gunnar verlässt seine Bibliothek und geht nach unten in die Küche. Er zapft sich ein Glas voll Wasser und setzt sich an den Tisch mit dem grandiosen Blick über die Dünenkante auf den kleinen Sund, der sich nach Westen zum Meer öffnet. Vor dreißig Jahren war es noch die Ansicht auf ein liebliches Tal gewesen, dessen Bach erst fünfzig Kilometer weiter westlich ins Meer geflossen war.

 

Das Programm Viva soll also die Arche Noah der Neuzeit werden. Gunnar stellt sich den zwanghaften Zustand in einer Raumkapsel vor, die Qual über den ungewissen Ausgang. Das muss damals, in der sagenhaften Geschichte, die Eingang in das alte Testament gefunden hatte, nicht anders gewesen sein. Gunnar fehlt der Glaube. Wie sollen die außerirdischen Räume gesteuert werden, wenn die Zentralen auf der Erde von den Kräften der Natur zerstört wurden, vom Sturm, Wasser, Hitze oder Kälte? Der Mensch begreift sich nicht. Nach wie vor geht er davon aus, zu herrschen und die Erde nutzen zu können, wie es ihm gefällt. In der Krise würde es dem Mensch noch nicht einmal mehr gelingen, seinesgleichen zu beherrschen.

 

Hier eine Vermisstenmeldung: Zwei Wissenschaftler auf dem Weg von Rotterdam nach Bremen sind nicht am Zielort angekommen. Sie wurden zuletzt von einer Kamera erfasst, als sie gestern in Oldenburg ein atomares Schiff Richtung Cuxhaven-Insel betreten haben. Das Boot kann seitdem nicht geortet werden. Eine Entführung ist nicht auszuschließen. Die Bürgerinnen und Bürger werden aufgefordert, jeden Hinweis zum Verbleib der Personen zu melden. Es handelt sich um eine ein Meter sechzig große, zierliche Frau, hellhäutig, mit dunkelbraunem, kurzem Haar und einen ein Meter achtzig großen, kräftigen Mann, hellhäutig und mit kurzem, blonden Haar.

 

Das waren die Nachrichten zum Nachmittag.

 

Gunnar bekommt ein Bild zu fassen, er ist hellhörig, aber der Lautsprecher verstummt. Suchmeldungen oder Aufrufe zur Denunziation gibt es fast nicht mehr. Dafür hört er jetzt seinen Namen. Aus der Ferne. Marta ruft ihn. Er hört Angst in ihrer Stimme. Er steht auf. Die Suchmeldung verrät, dass die Ortung der vermissten Wissenschaftler außer Funktion ist. Menschen ohne Chip gibt es nur noch in unkontrollierten Gebieten, wie in den Bergen von Afghanistan oder eben in Afrika. Gunnar geht zur Tür und öffnet sie. Marta rennt über den Klitstien, sie biegt auf den Wohnweg ein, Gunnar setzt sich in Bewegung.

   „Der Bus hat nicht gehalten!“ Marta packt Gunnar am Arm. Seit es die Wochenschulpflicht gibt, liegen Martas Nerven blank, was die Zwillinge betrifft. Zuerst waren die Internate nur eine Möglichkeit gewesen, und gerne genutzt von auswärtig beschäftigten, meist heimatlosen Produktionskräften, das reichte dem Staat nicht, war er doch dabei seinen Einfluss auszudehnen. Zuerst führte Asien die Internatspflicht ein, dann folgten Europa und Nordamerika.

   „Bevor der Bus abbiegen musste, ist er aus dem Radar gefallen.“ Sie zeigt auf die Smartbrille.

   „Aber ich habe ihn doch gesehen, wie er vorbeigefahren ist auf dem Vestervej. Er ist nicht abgebogen! Gunnar, was können wir tun?“

 

Er nimmt sie in den Arm, Marta ist die dritte Frau, mit der er eine Familie gegründet hat, und sie ist die stärkste. Aber länger als bis zum dritten Kind hat es keine mit ihm ausgehalten. Mach, dass sie bei ihm bleibt. Und dass sie miteinander alt werden. Er seufzt.

 

   „Wir warten noch einen Augenblick, dann nehmen wir Kontakt mit der Mobility auf. Schau, die anderen warten auch auf ihre Kinder.“ Und tatsächlich aus vielen Häusern treten Menschen vor die Türen. Die Realität-Brillen schaukeln an ihren hakeligen Fingern. Hände, Schultern und schwere Luft senken sich zum Boden, unterspülen die Stille, die sich über der sommerlichen Idylle ausbreitet.

 

Ein Rascheln dringt in die andächtige Angst. Vervielfacht sich. Eine Bewegung an der Ecke vom Center. Und ein kollektives Ausatmen. Die Kinder kommen. Ein Schreien erhebt sich über dem ehemaligen Feld mit der Akademikersiedlung, der Pulk löst sich voneinander und einzelne Kinder laufen über die Wege zu Ihren Häusern.

   „Der Bus hat uns rausgelassen.“

„Er hat gebremst.“

   „Da war ein Mann und eine Frau.“

„Der Bus hat Gas gegeben, dann ist er explodiert.“

   „Er ist gegen die Wand gekracht.“

Marta und Gunnar ziehen ihre Kinder ins Haus, helfen ihnen aus den Rücksäcken, bringen das Gespräch auf die Schulwoche, erkundigen sich nach der Lieblingslehrerin.

   „Das wird sich schon aufklären, mit dem Bus.“ Die Kinder nicken, sie haben gelernt, ihre Emotionen einzufangen.

   „Wir haben Hunger!“

„Die ganze Fahrt habe ich mich auf Pfannkuchen gefreut.“

   „Was gibt es zu essen?“ Gunnar schreibt sich Zettel mit seiner Frau, während das Plaudern der Familien kontinuierlich weiter plätschert.

 ‚Rettungsprogramm mit VIVA wurde im Parlament beschlossen‘ 

‚zwei Wissenschaftler werden vermisst, ich kenne sie‘ 

   ‚du denkst, die im Bus?‘ 

‚sie sind auf der Flucht‘ ‚sie könnten rekrutiert worden sein, für das Programm‘  ‚Du denkst sie wollen zu Dir?‘ Gunnar nickt und wendet den Pfannkuchen, Marta trägt die geknüllten Zettel zum Ofen und hält ein Streichholz daran.

 

Der Hund schlägt an. Der Collie läuft vorne ins Haus, blockiert Gunnar, der auf dem Weg in die Küche ist, umrundet den Tisch und die Familie und läuft zum Wohnzimmer wieder hinaus. Gunnar folgt ihm.

   „Können wir mit?“, rufen die Mädchen. Sie sehen müde aus. Immer sehen sie müde aus nach der Schulwoche.

   „Ihr bleibt hier!“ Gunnar erschreckt vor der Härte in seiner Stimme. Der Hund führt ihn zum Wasser. Und will weiter zum Nachbarn, Gunnar pfeift ihn zu sich. Er schaut sich unauffällig um, geht auf den Steg und setzt sich an das äußere Ende. Der Hund schnüffelt unter dem Findling und kommt dann neben Gunnar auf den Steg. Hinter seinem Rücken wird es still. Zwei Menschen sind auf der Flucht, sie waren hier bei ihm, auf der Suche nach Hilfe, aber sie sind weiter gezogen. Gunnar schöpft eine Handvoll Wasser und verwischt seine Tränen mit dem Meerwasser. Ein achtzigjähriger im Körper eines fünfzigjährigen. Er fühlt die Kraft seines Körpers und die Müdigkeit in seinem Geist. Die Wiederholung von Erleben und Erkenntnis zermürbt seine Seele.

 

Nein, seine Lebenslüge verstopft ihm den Esprit. Ja, er kann nicht mehr ändern, was er möglich gemacht hat. Er hätte VIVA verhindern können, die Ernte vernichten, dafür sterben können, was ja durchaus angemessen ist für einen Menschen. In Lissabon vor fast genau einem viertel Jahrhundert hat er versagt. Er ist gescheitert, mit seinen Fähigkeiten an seinen Fähigkeiten. Er ist erbärmlich.

 

Gunnar steht auf und springt ins Wasser. Der Hund winselt, er denkt, er kann nicht schwimmen.

 

Die Luft ist voll mit Helikoptern und Drohnen. Hundestaffeln durchstreifen das Küstenvorland mitsamt der Gärten, Gunnar steht inzwischen wieder am Steg. Er hat die Kinder vom Haus abgeholt.

 „Es muss jemand hier gewesen sein, der Hund hat angeschlagen.“ Der Soldat nickt. Die Kinder haben noch nie Soldaten gesehen. Das humanoid-roboterhafte ist grotesk. Das, die vom Hund gewitterte Gefahr und die Bussache wird die Erregungsimpulse in ihren Chips erklären. Alle fünfzig Meter wird ein Soldat postiert, die anderen ziehen zügig weiter. Ein Spürhund mit Führer läuft schräg über das Nachbargrundstück und gut zehn Meter an ihnen vorbei zum Spülsaum und um den Findling herum. Der Hund kläfft, er will ins Wasser. Der Mann entledigt sich seiner Kleider und folgt dem Hund ins Meer. Der Hund schwimmt einen Kreis, bellt wieder und zeigt die verlorene Spur an.

 

Gunnar kann sich nicht erinnern, wann es hier jemals einen solchen Aufruhr gab. Lieber ins Wasser, als ewig bleiben, kann vielleicht die offizielle Interpretation werden.

 

„Lass uns zum Haus zurückgehen. Wir können später baden, wenn sich die Lage beruhigt hat. Gunnar friert.

   „Papa, Du warst ja schon schwimmen“, bemerken die Kinder.

 

 

 

 

ENDE