JOHANNES HARNECKER

Johannes Harnecker ist ein treuer Hanseat. In seiner noch jungen beruflichen Laufbahn, hat er es als Programmierer im Finanzsektor mit viel Technik zu tun. Wen wundert es, dass er im literarischen Bereich nach entsprechender Spannung und dem Sinn für das Übernatürliche Ausschau hält. Entsprechend nennt er uns spontan, dass Stephen King und H. P. Lovecraft zu seinen favorisierten Autoren gehören. Er resümiert, dass für ihn das Gütezeichen einer Geschichte nicht die Charaktere oder die eingesetzten stilistischen Mittel oder Ausdrucksweisen des Autors die Gewähr für inhaltliche Qualität garantieren, sondern viel mehr, wie eine Geschichte geschrieben ist.

 

Als Beispiel führt er auf: „THE SHINING von Stephen King beispielsweise, ist für mich ein Paradebeispiel. In diesem Buch passiert inhaltlich nicht allzu viel, aber den Wahnsinn in einer so logisch und nachvollziehbaren Art darzustellen ist meiner Meinung nach einmalig.“

 

Als seine Hobbys, – nebst lesen und schreiben – nennt er Fußball und Fahr-radfahren. Auf unsere Frage, ob jetzt der HSV noch zu Lebzeiten Uwe Seelers wieder erstklassig wird, meint er gelassen, „Uns Uwe wird uns noch länger erhalten bleiben, er wird am 5. November dieses Jahres erst 85. Aber ich habe ein Programm in Vorbereitung, das den Wiederaufstieg des HSVs bis spätestens 2023 sicherstellt!“

 

 

Interview mit Pierre am 23. August 2021 

 

 

 

Ein schwieriges Exemplar

(Urheberrechte & Copyrights © by Johannes Harnecker)

 

 

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite, oberhalb der bewaldeten Anhöhe, beobachtete ein aufmerksames Augenpaar den weiter unten liegenden Acker. Das rechte Auge rot geäderte blickte durch das Visier seines Jagdgewehrs. Im Fadenkreuz befand sich ein Paket, welches ohne weitere Utensilien auf der weiten Grünfläche lag. Es hatte keinerlei Aufschrift oder sonstiges Erkennungsmerkmal, als es sich zu regen begann. Der Mann schaute stur nach vorn und schien auf etwas zu warten, als sich eine Kinderhand aus dem Paket erhob.

 

*****

Als Sam auf sein Leben zurückschaut, waren es stets die kleinen Momente, die ihn im Nachhinein doch immer wieder nachdenklich stimmten. Die Rausschmeißer-Lieder in der Stammkneipe um die Ecke, wenn die ersten Sonnenstrahlen das verblichene Glas durchbrachen und die vergilbte Poster vergangener Rocklegenden beleuchteten, oder spätabendliche waghalsige Kletteraktionen auf zu hohe Kräne, nur um die Heimatstadt im gelben Licht der Straßenlaternen mit halb zugekniffenen Augen als ein Meer aus tausend Farben zu begutachten. Doch ein schwüler Sommerabend hebt sich mit besonderem Nachdruck von vielen anderen Momenten ab. Er saß, wie so oft, mit Paul am See hinterm Haus und diskutierte über vermeintlich wichtige Themen. Es hatte schon seit Wochen nicht mehr geregnet, sodass offen liegende Wurzeln der umliegenden Bäume in Sams Augen starke Ähnlichkeiten mit Arthritis zersetzten Händen aufwiesen, die sich in unnatürliche Winkeln über den Untergrund erstreckten und versuchten den letzten Tropfen Wasser aus dem Boden zu saugen. Eine Ironie des Schicksals, dachte Sam, wo sie doch fast direkt am Wasser saßen, dennoch schienen die Pflanzen um sie herum zu sterben.

 

Für die Mücken waren die beiden ein gefundenes Fressen, wie Geier, die nur auf Ihre Chance warten, versammelten sie sich in Scharen um sie, aus denen sich in sich gewobene Schwärme formten. Als jedoch eine Tüte herumgereicht wurde, bildete der Rauch eine Art natürlicher Schutzschild um Paul und Sam, eine Kuppel, sie, gegen den Rest der Welt. Dem grellen Neonröhren-Licht des Bootshauses entgegengewandt, schaute sein Gegenüber auf den letzten Zipfel vom Joint. “Hast du auch manchmal das Gefühl nicht allein zu sein …, in deinem Kopf meine ich.” Er lallte schon leicht, nahm jedoch einen weiteren tiefen Schluck aus seinem Bier. Er gab einen wirklich traurigen Anblick von sich ab und Sam machte sich Sorgen. Vom Schicksal eigentlich belohnt, machte Paul jedoch seit Längerem einen müden Eindruck.

 

Trotz behütetem Elternhaus und Möglichkeiten, von denen viele nur träumen können, versucht er den Schein eines unbeirrten, psychisch stabilen Individuums zur Schau zu stellen, was ihm meistens auch ganz gut gelang, dennoch schaute Sam durch diesen Schleier hindurch. Wie die Barriere zu den Insekten schien auch dieses Thema eine unsichtbare Grenze zwischen ihnen zu ziehen, deren Überquerung stets mit Abneigung sowie dem Abflachen des Gesprächs geahndet wurde. Umso mehr erstaunte es, dass Paul selbst dieses Thema ansprach.

       “Was meinst du?” Sam blickte in die Ferne, versucht sich nichts anmerken zu lassen. Es folgte eine längere Zeit, in der beide eine kleine Entenfamilie beobachteten, welche den Steg vor ihnen entlang watschelte.

    "Es ist manchmal wie ein inneres, langgezogenes Echo .... In so völlig alltäglichen Situationen schreit sich jemand in meinem Kopf die Seele aus dem Leib.” Die Entenmutter sprang den halben Meter von der Holzplanke ins stille Wasser, die Küken sahen verdutzt zu.

       "Du hörst also Stimmen?” Sam war geschockt, er hatte irgendwo gelesen, dass der Graskonsum durchaus zu schizophrenen Episoden führen konnte, und verspürte ein leichtes Unwohlsein, als ihm klar wurde, dass sie in letzter Zeit doch relativ häufig am See gewesen waren, um sich ein paar Gramm zu teilen. Eine unterbewusste Bestandsaufnahme seiner eigenen geistigen Gesundheit sollte folgen. Ein erstes Küken stellte sich wagemutig an den Rand des Stegs und sprang unentwegt ins kalte Wasser.

 

    “Ja, nicht so wie im Film. Sie sagen mir nicht, dass ich irgendwas Bestimmtes tun soll. Es ist wie ein einziger Pulk, der einfach zusammenhangloses Zeug schreit. Das Einzige, was ich ausmachen kann, ist, dass sie raus wollen. 

      "Die Küken sprangen nach und nach vom Steg, eins blieb jedoch immer wieder stehen. Es unternahm zwar immer wieder Anläufe, brach diese jedoch im letzten Moment ab. Sam war zwiegespalten, eine Therapie vorzuschlagen schien die einzige valide Option zu sein, dennoch ist dieses Thema mit einem immensen Stigmata behaftet und es kann auch leicht falsch aufgefasst werden. Paul schien diese zwanghafte Pause zu bemerken.

     “Was? denkste ich bin irre?”, wie auf den Fuß getreten, wich Sam aus.

"Hast du vielleicht mal daran gedacht, weniger zu kiffen?” Paul rollte mit den Augen.

    “Das schon wieder! Gras macht nicht abhängig …, ich kann jederzeit aufhören, wenn ich will.”

 

Für ihn war das Thema abgehakt. Es folgte wieder eine Pause, in der sie dem verbleibenden Küken dabei zusahen, wie es mittels eines breiten Astes am anderen Ende des Stegs erst auf einen darunter liegenden Stein rutschte, um dann, ohne die Wasseroberfläche in irgendeiner Weise ins Ungleichgewicht zu bringen, in den See glitt. Toll, dachte sich Sam, das hast du ja mal richtig vergeigt. Wo er Paul nun von der Seite betrachtete, erkannte er aber noch mehr. Ein Blick in Pauls kalten Augen verriet eine tiefe innere Unruhe und Verwirrtheit. Er dachte über das Gesagte nach.

   "Es ist manchmal wie ein inneres lang gezogenes Echo ... Pauls Gesichtsausdruck wurde grimmig, fühlte er sich angegriffen? In den nicht mehr fokussierbaren geröteten Augen loderte es fast so, als würde sich ein Lagerfeuer in den Pupillen spiegeln oder ein Kometenschauer auf das umliegende Land niederprasseln. Sam war verwirrt, bei dem schwachen Umgebungslicht und seinem eigenen Zustand war er sich allerdings nicht sicher, ob er richtig gesehen hatte. Ein erneuter Blick genügte, um festzustellen, dass mit Paul etwas ganz und gar nicht stimmte. Die knallroten Augen begannen ihre Form zu verändern. Sam schrak auf, auf eine derartige Reaktion war er nicht gefasst. Er wollte doch nur helfen.

     “Man sorry, war nicht gemeint, alles in Ordnung?” Paul drehte sich langsam zu ihm um.

    “Warum bist du noch hier?” Das nahm Sam jetzt aber schon mit, was wollte Paul denn damit bezwecken? Die darauf folgende Reaktion verwirrte ihn jedoch umso mehr, denn Paul fing an zu lachen. Ein irres Lachen, wie er es selten gehört hatte, dröhnte über den See,

    “du warst ein wirklich hässliches Kind. Zu Anfang haben wir uns noch Sorgen gemacht, mit der Zeit wurde uns klar, es ist nicht nur äußerlich … DU VERROTEST VON INNEN”. Sam verfiel in Panik. Die Anschuldigung wurde mit solch einer Inbrunst vorgebracht, dass es Sam schwerfiel zu glauben, dass es Paul war, der diese Worte formulierte. Derweilen verformte sich das Gesicht seines Gegenübers.

 

Es begann mit dem Kiefer, der sich selbstständig ausgerenkte hatte. Fänge mit zweireihiger Zahnreihen messerscharfer Zähne entsprangen dem Zahnfleisch. Diese Verwandlung spielte sich innerhalb weniger Sekunden ab. Sam sprang aus seinem alten Campingstuhl auf, wobei die Armlehne nachgab. Er rutschte aus und landete im trockenen Gras. Adrenalin strömte durch sämtliche Venen und als er sich mit einer ruckartigen Bewegung erhob und versuchte einen Sprint hinzulegen, wurde sein Knöchel gepackt. Mit einer erstaunlichen Kraft wurde er zurück auf den Stuhl befördert. Paul war nicht mehr wiederzuerkennen. Sein komplettes Wesen reduzierte sich allerdings auf die Augen, aus denen sich eine Art fleischgewordene Stränge erstreckten. An dünnen Fäden formten sich Krallen, wo eigentlich hätten Augäpfel sein müssen. Der linke Greifarm hielt seinen Knöchel mit eiserner Faust, während sich der andere noch zu verformen schien. Der Schlund der Kreatur bleckte allerdings erneut Ihre Reißzähne. Unter unvorstellbaren Schmerzen nahm sie ihm das Sichtfeld.

 

Sam fuhr mit einem Ruck in seinem Kinosessel auf. Erleichtert blickte er sich um und sah einen prallgefüllten Saal. Er saß in einer der letzten Reihen. Mein Gott, was hatte er nur wieder geträumt. Beim Inspizieren des Saals fiel ihm auf, dass alle Reihen hinter ihm frei waren, vor ihm jedoch jeder einzelne Sitz besetzt war. Dass ihm das nicht beim Betreten des Saals aufgefallen ist …, und welchen Film schaute er überhaupt. Er konnte sich an nichts erinnern. Auf der Leinwand unterhielten sich zwei Männer, welche ziemlich abgetragene Lumpen trugen und es sich auf Heuballen gemütlich gemacht haben. Das Setting schien wohl irgendwie Richtung Mittelalter zu gehen. Sie unterhielten sich über Belangloses, als sich subtil diverse Details zu ändern begannen. Zuerst waren es die Schuhe, die ihre Farbe und vor allem ihre Form veränderten und von dreckigen Arbeiterschuhen zu gepflegten Lederschuhen des 20ten Jahrhunderts übergingen. Dann änderte sich die Haarfarbe, und nach und nach die gesamte Statur der beiden. Auffällig war, dass sich die Unterhaltung jedoch in keiner Weise veränderte. Sie wurde einfach fortgeführt, während beide Gesprächspartner scheinbar durch die Zeit, Raum und Gestalten zu morphen schienen. Verwirrt drehte er sich zu seinem Nachbarn.

      “Entschuldigung, welcher Film läuft hier eigentlich gerade?” Sein Nachbar zeigte keinerlei Regung. Er wirkte fast katatonisch, blickte stur nach vorn und nahm die Bilder ohne jegliche Gefühlsregung auf. Sam wollte sich gerade zurückdrehen, als ihm auffiel, dass sein Nachbar einen weißen Overall trug. Er runzelte die Stirn, eigentlich ja nichts Ungewöhnliches, dachte er, bis ihm auffiel, dass mit Ausnahme von ihm selbst jeder Besucher im Saal dieselbe Art von Overall trug. Die Männer im Film saßen nun in alteingesessenen Sesseln vor einem Kamin. Wobei einer der beiden schon als Ranger auf einem Pferd zu sitzen begann.

     “Das ist mir jetzt wirklich zu blöd”, dachte sich Sam.

Irgendso’ne Kunstscheiße die ich eh nicht verstehe…”

 

Er streckte sich, stand auf und bewegte sich Richtung Ausgang, wobei er sich beim Durchqueren der Reihe nur zu Anfang entschuldigte, da alle Besucher überhaupt nicht auf ihn zu achten schienen. Kurz vor dem Mittelgang stolperte er im Halbdunkel allerdings über etwas. Bei näherer Betrachtung schien es eine Art Schlauch zu sein, der ein Rohr, welches am Fuße der Sitzreihe eingelassen wurde, mit dem Ärmel des darüber sitzenden verband. Nun hatte sich der Schlauch jedoch von der Person gelöst. Er schien irgendeine Art Flüssigkeit zu transportieren, welche sich auf dem Boden ausbreitete und anfing eine Lache zu bilden. Entschuldigend blickte er den Fremden an, es war ein Mann Mitte vierzig, der erst ein paar Sekunden später aus seinem Trance erwacht zu sein schien. Er blickte verwirrt drein, blinzelte vermehrt und schaute Sam anschließend direkt an. Obwohl er diese Person noch nie gesehen hat, kannte er diese Augen. Es war wie ein Spiegelbild im klaren Wasser eines Flusses, das durch das gemächliche Plätschern leicht verzerrt wurde und gerade so reicht, um die Konturen des Gesichts abzubilden. Die sitzende Person machte einen erstaunten Eindruck, blickte ihn jedoch direkt an und sagte fast schon in einem Flüsterton,

     "geh weiter, vielleicht haben sie’s nicht mitbekommen”.

“Bitte was?”.

    “Geh weiter, nun mach schon”. Nicht minder verwirrt, tat Sam wie geheißen. Als er nun die viel zu weiten Treppen herunterstieg, dachte er über das Gesagte nach, als ihn von links ein Ordner ansprach.

   “Ähm, können Sie sich bitte wieder hinsetzen?”. Seine Aussprache war in perfektem Hochdeutsch, dennoch konnte Sam einen Akzent heraushören, den er allerdings irgendwie nicht so richtig einordnen konnte. Generell war der Ordner sehr klein und dennoch schlaksig.

      “Ach Entschuldigung. Ich glaube, ich bin im falschen Film, ich würde gerne den Saal verlassen”. Sam versuchte weiterzugehen, wurde jedoch am Arm gepackt.              “Das ist nicht möglich, setzen Sie sich wieder an ihren Platz!”.

“Bitte was? Nein, wieso sollte ich diesen Saal nicht verlassen können?”.

    “Tun Sie’s einfach, oder muss ich die Security rufen?”.

“Ich würde gerne mit Ihrem Manager sprechen”.

   “Ganz wie sie wollen”. Er sprach undeutlich in ein Walky-Talky, anschließend blickte der Ordner Richtung Projektor. Sam folgte seinem Blick und sah ein kurzes Aufblitzen eines chromfarbigen Visiers. Er nahm noch aus dem Augenwinkel wahr, wie der Betäubungsschuss ihn im Nacken traf, ehe er zu Boden ging. Während er zusammenbrach und in den Schlaf driftete, hörte er noch, “wieso wurde er nicht angeschlossen?”

 

“Hast du auch manchmal das Gefühl, nicht allein zu sein …, in deinem Kopf meine ich”. Paul lallte schon leicht, nahm jedoch einen weiteren tiefen Schluck aus seinem Bier. Sam schreckte erneut in seinem Kinosessel auf. Er war in einem weißen Overall gekleidet und hatte einen Katheter im Arm. Er spürte ein heftiges Pochen im Schädel und merkte wie er bereits wieder wegzudriften begann, ein Blick auf die Leinwand holte ihn jedoch wieder zurück. Da saß er in seinem alten Gartenstuhl, ihm gegenüber Paul. Wie kann das sein, dachte er. Wurden wir heimlich gefilmt? Aber sein Abbild auf der Leinwand begann sich bereits zu verändern.

 

“Es ist manchmal wie ein inneres, langgezogenes Echo…” ihm graute es. Instinktiv konzentrierte sich Sam wieder auf Pauls Augen. Und tatsächlich sie schienen. Es sah fast so aus, als wären es Hunderte, gar Tausende Augen, die ihn aus der Ferne mit einer unglaublichen Intensität anstarrten. Als er seinen Blick auf ihn richtete, schaute er direkt in die Kamera und auf einmal ging ein Raunen durch die Reihen des Kinosaals. Kein großes, aber durchaus wahrnehmbar. Dieser Blick drückte Hilflosigkeit in tausendfacher Ausführung aus. Es erinnerte Sam an einen Hilferuf eines Ertrinkenden, den keiner hört. So driftete er wieder in den Schlaf. Ein wiederkehrendes Ereignis, wie sich herausstellen sollte. Es gab in seinem Leben immer wieder Situationen wie die am Steg, in denen es so schien, als würde das Unterbewusstsein seines Gegenübers versuchen die Personen im Saal verzweifelt wachzurütteln. Mit jedem Mal wurden die Wachphasen länger, und so kam es, dass er eines Tages während einer besonders lang andauernden Phase ein paar Gesprächsfetzen der Ordner mitbekam.

 

... na wen bringst du denn?”.

    “Der hier kommt aus Cygnus A. Weiß nicht genau, was passiert ist, aber der Planet ist jedenfalls komplett im Arsch. Glaub, der nächste Stern ist abgebrannt”.        “Na toll, noch mehr Überstunden”. “Tja, irgendwer muss den Job ja machen”. “Jörg hat eben übrigens erzählt, dass Chef will, dass du von nebenan was ab- zwackst, stimmt das?”.

    “Jo, hab die geplante Wiedergeburt mit eigenen Augen gesehen, wenn wir das nicht machen, gibt’s nächstes Mal nen plötzlichen Kindstod. Chef hat dieses Jahrhundert viel auf dieses Exemplar gewettet, 20 Jahre sollte es schon alt werden, sonst darf Chef auf der Couch schlafen, so wie ich das verstanden habe, hat er sein Haus als Sicherheit angegeben.“ „Wow, tja die Quote muss aber auch durch die Decke gehen, ich meine, schau dir diesen Sauhaufen an ....”

 

Die nächste Szene kannte Sam zu gut. Das Zimmer war zwar tapeziert, dennoch waren manche Ecken derartig ausgeblichen, dass sich das Muster kaum vom darunter liegenden Putz unterscheiden ließ. Er trat langsam ein und machte sich auf einen Ansturm gefasst. Seine Mutter hatte sich erschöpft gegen die Wand gelehnt, ohne ihn anzublicken. Vom Flur hatte er nur das Schaben ihrer Fingernägel auf dem Parkettboden gehört. Das, in Kombination mit dem Schreien aus Leibeskräften hatten seinen Vater fertiggemacht und Sam musste übernehmen. Generell hatte sein Vater stets versucht ihn in solchen Zeiten von ihr fernzuhalten, so kam es, dass er mit sechzehn Jahren den ersten psychischen Zusammenbruch miterlebte. Es war wie ein Meer, welches sich nach und nach hochschaukelte. “Du warst ein wirklich hässliches Kind, zu Anfang haben wir uns noch Sorgen gemacht. Mit der Zeit wurde uns klar, es ist nicht nur äußerlich …”

 

Sein Vater hatte ihn vor solchen Aussagen gewarnt. Sam war vorbereitet und steckte sich die Kopfhörer so tief es ging in die Ohren. Aber wo er sie nun stumm betrachtete, loderte es wieder in ihren Augen und Sam zerrte daran. Ein erneutes Raunen ging durch die Reihen des Saals, Sie blickten gebannt auf die Leinwand und es war fast, als würde das Publikum durch die weit aufgerissenen Augen dieser Frau in eine andere Welt blicken. Sie fingen an sich zu regen, sich rhythmisch zu bewegen. Auch Sam stand auf einmal unter Strom. Er konnte in sie hineinsehen. Ein Summen erfüllte seinen Geist, tausend Züge ratterten durch seinen Schädel. Der gesamte Saal schien sich gegenseitig aufzuwiegen und es ertönte ein lauter Knall. Der Mann, dessen Katheter er vor Ewigkeiten aus Versehen mit seinem Fuß herausgerissen hatte, als er den Saal verlassen wollte, ist aufgesprungen, riss die Lehne seines Stuhles ab und schlug so lange auf das Rohr zu seinen Füßen ein, bis dieses mit einem Knall platzte. Er schien nur auf die richtige Gelegenheit gewartet zu haben. Flüssigkeit spritzte in alle Richtungen und Sam erkannte, dass es sich nicht um Blut, sondern um eine leuchtend blaue Flüssigkeit handelte, die aus den Armen der Besucher quoll. Anschließend erwachte die gesamte Reihe zum Leben und er wiederholte die Aktion mit der nächsten Reihe. Andere taten es ihm gleich und auf einmal brach die Hölle los. Das alles ging derartig schnell, dass Sam gar nicht richtig mitbekam, welch ein Tumult entstand, als der Mob versuchte die Türen einzurennen. Sirenen erschallten. Mit einem Mal wurden die Türen geöffnet und eine Menge bewaffnetes Ordnungspersonal betrat den Saal und begann systematisch die Menge niederzuknüppeln.

 

 

Auszug Protokoll: Untersuchungsausschuss, Aufsichtsrat,

Prof. Dr. Hans Maier

 

Vorsitzender:

“... Ich übergebe das Wort an Herrn Maier, welcher die Ermittlungen im Fall des Saals 24a11ef leitet.”

 

Maier:

“Vielen Dank Herr Vorsitzender, liebe Kolleginnen und Kollegen. Am Nachmittag des 25.04.8004 kam es zu einem ernst zu nehmenden Zwischenfall im Saal 24k11ef. Wir haben die neue Version verloren, da die Wiedergeburt nicht versorgt werden konnte. Wie Sie bereits wissen, gab es eine Supernova in Cygnus A. Die umliegenden Planeten wurden vernichtet. Unser System war überlastet, was die schiere Masse alter Versionen betraf, die allesamt gleichzeitig in unserem System eintrafen. Wir mussten schließlich in kürzester Zeit Abermilliarden von Seelen den richtigen Sälen zuordnen und deren Transporte arrangieren. Unser System läuft in dem betroffenen Abschnitt noch mit Technik vom letzten Jahrhundert. Wir arbeiten mit Hochdruck daran ein entsprechendes Update durchzuführen, zum Burst mussten wir allerdings diverse Seelen vorübergehend ohne Verkabelung in den Sälen zwischenlagern, um zu gewährleisten, dass es nicht zu sporadischem Aufwachen auf den Gängen kommt. Das Risiko, dass ein Exemplar nach dem Transport direkt wieder aufwacht, ist in der Regel sehr gering, bei diesem gab es jedoch eine psychische Vorerkrankung, die in der Familie vererbt wird, wodurch die Aufwachzeit erheblich reduziert wurde. Dieses Exemplar hat durch ein Missgeschick eine Kettenreaktion innerhalb des Saals in Gang gesetzt. Im Zuge dessen sind diverse andere Exemplare aufgewacht. Wir konnten die Situation soweit unter Kontrolle bringen. Leider haben die aufgewachten Exemplare ihre Energiekatheter für einen nicht irrelevanten Zeitraum gekappt. Die Wiedergeburt war dadurch einige Minuten ohne Vital-Energie-Zufuhr ausgesetzt. Wir können noch versuchen sie zu retten, dass es jedoch zu einer erheblichen Behinderung beziehungsweise einem verfrühten Tod kommen wird, ist unvermeidlich. Sollen wir sie trotzdem in die Welt setzen? Wie sollen wir hierbei vorgehen?”

 

Vorsitzender:

“Ein schwieriges Exemplar…, räumen Sie auf!”

 

*****

 

          Der Mann mit Blick auf den Acker führt seinen Auftrag aus.

 

 

ENDE

 

 

Johannes Harnecker

mit seiner zweiten Geschichte

 

Ich kann die Glühwürmchen

in deinen Augen sehen

 

»Oh, where it starts it ends.«

 

             Das leise Rauschen hatte etwas              Berauschendes.

 

 

 

Ich kann die Glühwürmchen

 

in deinen Augen sehen

(Urheberrechte & Copyrights © by Johannes Harnecker)

 

Das Rotieren des Motors und das damit einhergehende Brummen innerhalb der Karosserie kapselte Tom stets von seiner Umwelt ab. Ein ganz eigenes Portal in eine andere Welt, frei von Sorgen und Nöten. Tom konnte sich darauf einlassen, es zulassen. Cleansing für die Seele. Lange Autofahrten führten bei ihm stets zu eigenen kleinen Aussetzern, in denen sein Geist ziellos durch ein schier endloses Gefilde tiefsten Jungels diffus verknüpfter Synapsen wandelte, die sich wie Lianen explosionsartig ausbreiteten. Meditative Stränge, die sich mit der Zeit aufspalteten und wahrhaftige Diskussionen untereinander zu führen schienen. Die Dreifaltigkeit in Person oder wie dieser ganze Scheiß noch genannt werden kann. Diese meditativen Momente weckten in Tom stets die Erkenntnis, dass im Endeffekt alles egal zu sein schien, allerdings nur vordergründig. Natürlich sind die Probleme, die man mit sich rumschleppt, in einem endlichen Zeitraum irrelevant, aber verändert nicht jede Unebenheit auf dem Weg den Zustand eines Wesens? Eine Theorie seiner selbst war, dass sein Inneres instinktiv immer lauter schrie als seine Umwelt, um sich selbst über die Endlichkeit des Lebens hinwegzutäuschen – wenn auch nur für den Moment. Ein rhythmischer Healthcheck, um zu schauen, dass auch wirklich alles in Ordnung war? Wie kann es sonst sein, dass in monoton anhaltenden Momenten syntaktische Fehlsprünge sich entladender Axiome stattfanden, die wiederum in teilweise viel zu real wirkenden Halluzinationen enden. Oder anders ausgedrückt, warum fing er immer an, in seine Tagträume abzudriften, wenn es um ihn herum laut wurde? In der Ruhe liegt die Kraft, pflegte seine Mutter stets zu sagen und er brauchte viel zu lange zu verstehen, was das wirklich bedeutet …,

 

während sich sein Verstand einkapselte und durch die Breiten vergangener Erinnerungen streifte, begann sich etwas zu regen. Sein Unterbewusstsein unternahm den Versuch, die Leere mit eigenen Eindrücken zu versorgen. So kam es, dass seine geistigen Fühler eine elektrisierende Wirkung erfuhren, je näher er seinem Ziel kam. Er war nicht mehr allein. Im Dschungel beobachtet, ohne zu wissen, aus welcher Richtung genau sich die Präsenz bemerkbar macht. Eine Kreatur, die sich noch nicht zeigen wollte. Das einst so laue Rauschen des seichten Verkehrs verlor mit zermürbender Ausdauer an Glanz und wurde immer mehr zu einem Dröhnen, das in den Untiefen jener Gewässer Anklang fand und sich reliefartig in die audiovisuelle Retina seines Verstands einbrannte.

Ein Stauende kam in Sicht und seine Sinne entzogen dem Unterbewusstsein langsam aber sicher die Kontrolle. Er schaltete, doch das gleichmäßige Brummen war weiterhin zu hören. Es vermischte sich mit dem neuen Drehmoment und stimmte eine vielstimmige Ouvertüre in seinen Ohren an. Sein Magen zog sich zusammen und trieb Ausscheidungen durch sämtliche Poren, die ihn mit Ekel erfüllten wie ein zu lange liegen gebliebener Schwamm, dessen Ränder bereits hart geworden sind, obwohl er nur so vor aufgesogener Flüssigkeit zu triefen schien. Er spürte, wie sich kleine Rinnsale hauchdünner Schweißfäden ihren Weg über die stark behaarte Knöchel Richtung Handinnenfläche suchten. Aus seiner Abwesenheit heraus registrierte er allerdings auch ein tiefliegendes Drücken sämtlicher Rückenwirbel unterhalb seines Kreuzes. Ein Zurechtrücken des Autositzes bewirkte lediglich ein bestialisch klingendes Knacken, das ihn wie ein unterschwellig drückendes Hissen jener unbekannten Kreatur aus den Untiefen seines kognitiven Jungels wieder vollends in die Realität zurückholte. Das Auto stand. Navy: »Hamburg 130 km«. Ein Blick auf die Uhr: 20:34. Er lag gut in der Zeit, dennoch machte ihn die Warterei manisch und so gönnte er seinen Augen eine kleine Auszeit, lehnte sich zurück und holte tief Luft. Ein Lächeln breitete sich auf seinen schmalen Lippen aus und zog ganz ohne sein Zutun über unsichtbaren Fäden an verdrehten Hautpartien, welche sich momentan noch mühelos der Schwerkraft widersetzten. Er lächelte, doch seine Augen strahlten eine Wildheit aus. Einer Wildheit, der er sich allzu bald gegenüber sehen sollte.

 

Dr. Kai Schummer war die nächsten zwei Stunden mit dem Herrichten des Leichnams beschäftigt. Wenig später hörte er Schritte auf dem Gang. Durch die kleine Luke innerhalb der Tür konnte er den langen Korridor komplett einsehen. Er beobachtete den hochgewachsenen Mann, der sich am Fuße der Treppe am anderen Ende anhand ausgehängter Schilder orientierte und anschließend zielstrebig in seine Richtung schritt. Die Kaffeemaschine gab ihr vertrautes Piepen von sich, doch Schummer konnte seinen Blick nicht lösen. Die Zeit schien sich zu verlangsamen. Die letzten Strahlen einer purpurnen Sonne fanden ihren Weg durch das hinter dem Mann verbaute Treppenhauses und erleuchteten ihn von schräg oben, sodass sämtliche Fussel seines abgetragenen Mantels in ein goldrötliches Licht getunkt wurden und dadurch die Illusion eines glimmenden Schimmers erzeugten. 

 

Sämtliche Konturen seiner Statur wurden hervorgehoben, wobei sein Gesicht jedoch in fast völliger Dunkelheit lag. Als er sich nun in Bewegung setzte, flackerte die spärliche Beleuchtung im Takt seiner Schritte und warf weite Schatten in ein Gesicht, das die tief liegenden Augenhöhlen wie zwei Krater in wankenden Bewegungen zweier in elliptischen Bahnen kreisenden Monden versetzten. Der Kopf war fast komplett kahl geschoren und gab eine streng verzogene Kopfpartie preis, die in ihrer Unebenheit einem Trümmerfeld glich und durch jahrelangen Nikotinkonsum gezeichnet worden schien. Am Hals traten zerrende Sehnen stark hervor und erinnerten in Kombination der quirlenden Adern an Schläfen und Stirn an eine Garnitur einer ernsten, strengen, aber auch verschwiegenen Persönlichkeit. Doch irgendetwas stimmte nicht. Die Luft begann sich noch schwerer anzufühlen und ein leises Summen erfüllte Schummers Ohren. Die Schachtel Zigaretten in seiner Manteltasche schienen seine Sucht regelrecht zu höhnen und er verwünschte den Ankömmling wegen der verpassten Raucherpause. Schummer griff nach der Kaffeetasse und verbrannte sich direkt beim ersten Schluck ..., was ein Tag heute. Es klopfte an der Tür. Und mit jedem Schlag zuckte Schummer ein kleines bisschen zusammen. Seine Trommelfelle fühlten sich gereizt an, und er hörte irgendwie schlechter als sonst. »Mann, oh Mann, hast dir wohl wieder irgendwo was eingefangen.«

 

Mit einer Handbewegung winkte er den Ankömmling herein und war überrascht. Der Mann war bestimmt Mitte dreißig und damit viel zu alt, als dass er der Sohn des Verstorbenen hätte sein können.

»Ja, kann ich ihnen helfen?«

»Ich hatte angerufen ... Der Leichnam meines Vaters liegt hier. Trauber mein Name.«

»Ah, gut, können Sie sich ausweisen? Ausweis, Führerschein? Reisepass würde zur Not auch gehen.«

Tom kramte in seiner Hosentasche und fischte mit ungelenkiger Bewegung seinen Personalausweis heraus. Schummer warf einen Blick darauf, musterte ihn und nickte. Ein weiterer kurzer Blick bestätigte seine Vermutung, dieser Mann war 34 Jahre alt.

»Haben Sie den Ausweis ihres Vaters, wie am Telefon besprochen, finden können?« Hatte er schon wieder vergessen, die Heizung am Abend vorher runterzudrehen? Gefühlt war es jedenfalls eine Bullenhitze hier. Sein Gegenüber wirkte relativ angespannt. Schummer sah herabhängende Schweißtropfen an den hervortretenden Adern, die im bläulichen Licht des Saals regelrecht pulsierten und an den tief eingefallenen Augenhöhlen an Tropfstein erinnerten.

Tom verharrte kurz in seiner Bewegung, griff dann jedoch ein weiteres Mal in sein Portemonnaie und gab Schummer das dünne Stück Plastik. Dabei fühlte er sich mit einem Mal unwohl. Er hatte einen dicken Klos im Hals ohne zu wissen woher.

»Martin Trauber, Geburtsdatum 07.09.1951.« Schummer blickte demonstrativ noch einmal auf den bisher verschlossenen Leichensack. »Der ist keine 70...«

»Mein Vater war einer der 100.000 Geimpften. Seit seinem dreißigsten Geburtstag ist er nicht mehr gealtert. Ich habe zur Bestätigung auch die Akten mitgebracht.« Der leicht gereizte Ausdruck Schummers wich dezentem Erstaunen. Das Krankenhaus befand sich in einem Reichenviertel und so hatte er schon öfters mit geimpften Patienten zu tun gehabt.

»Ach, tatsächlich, kann ich mal sehen?« Tom gab ihm die Akten, die er aus einer gepflegten Aktentasche holte. Schummer überflog sie und nickte erneut.

»In Ordnung. Kommen Sie.« Die beiden Männer gingen zum Kopfende des Tisches und Schummer öffnete den Reißverschluss des Leichensacks. Als er kurz mit dem Daumen an der Nasenspitze des Toten hängen blieb, durchfuhr ihn ein Zwicken, das einem leichten Stromschlag glich. Außerdem hörte er ein Ploppen in den Ohren, das ihn sehr an den Druckausgleich im Flugzeug erinnerte. Überrascht schaute er nach unten, ohne zu erkennen, woher dies gekommen war.

 

»Na ja, dann lasse ich Sie mal alleine, wenn Sie fertig sind, drücken Sie auf diesen Knopf hier und ich werde benachrichtigt.« Doch der Mann schien dies gar nicht mehr wahrzunehmen. Auch gut, er wollte sowieso nur noch weg.

 

»Rechtsmedizin – Mittelgang«. Er schaute den Gang hinunter – ein dezentes bläuliches Glimmen der spärlichen Beleuchtung spiegelte sich auf den leicht gewellten Wänden wider, die trotz ihres für eine Klinik typischen weißen Putzes unter dem Gewicht des darüber liegenden Gebäudes zu ächzen schienen. Zumindest im Eingangsbereich hatte er noch dieses makellose Aussehen, doch je weiter man sich vom Eingangsbereich entfernte, desto schäbiger wurde es. Toms schweifender Blick stellte jedoch mit unfokussierter Gewissheit eine Ähnlichkeit zu durch Thromben zersetzten und durch Venenschwäche gekennzeichnete Gliedmaßen fest. Auf den ersten Blick wirkte alles in Ordnung, bei näherem Hinsehen runzelt der Arzt die Stirn und ruft seine Assistentin, „Charleen, holen Sie doch bitte einmal Dr. Gabelhauser.“ Doch sein Blick sagt bereits alles.

 

Tom blickt, drang tiefer in die Katakomben ein. Ein Blick durch eine Sonde auf ihrem Weg durch die Innereien eines bettlägerigen Riesen ohne adäquate Behandlung. Je tiefer er schaute, desto schlimmer wurden die Ausprägungen, die sich am schier endlos weit entfernten Ende in ein Gewucher aus Ranken, Wülsten und Platzwunden eines sich ausbreitenden Organismus aufzulösen schienen.

 

Tom hielt sich einen Moment am Handlauf fest und schüttelte entnervt seinen Kopf. Mein Gott, jetzt reiß dich mal zusammen. Er hob den Kopf und der Gang baute sich geradlinig vor ihm auf. Im Hintergrund flackerte eine kaputte Neonröhre, ansonsten war alles ruhig.

 

Bildete er sich das nur ein, oder bewegten sich die blauen Streifen der Reflexionen? Das Licht war zu dimm, als dass er es mit Gewissheit sagen konnte, dennoch musste schlagartig an etwaige Besuche beim damals ansässigen Aquarium denken. Es hatte einen unterirdischen Gang einmal quer durchs größte Becken, Tom war jedoch noch zu klein gewesen, um eigenständig über den Rand des festen Betonfundaments hinwegschauen zu können. Stattdessen betrachtete er die abgerundete Kuppel, welche die trennende Barriere zwischen ihm und den wilden Gewässern bildete. In seiner kindlichen Fantasie ein Himmelszelt, das sich wie der Spalte eines Canyons über ihm erhob. Um ihn herum staunten die Menschen, sieh mal hier …, der hat aber große Flossen. Oh ist der schnell …, aber Tom hatte nur Sinn für die sich überschlagenden Lichteinfälle, die sich in einem harmonischen Muster an der Wand ausbreiteten und kontinuierlich übereinander herfielen und so einen Schwarm ineinander sinkende Lichtblitze auf die Welt losließen. Seine ganz private Lichtshow, an einer riesigen Leinwand. Wie, wenn sein Opa ihn zum Zirkus mitnahm und der Feuerspeier sein Kunststück vorführte. Das letzte Mal saßen sie so weit vorn, dass er die Hitzewelle spüren konnte und sich aktiv wegdrehen musste, damit seine Augen nicht austrockneten, wie Eddie immer sagte. In diesem Moment konnte er das Schattenspiel an der bunten Fassade des Zeltes sehen und fragte sich, wie es wohl von draußen aussieht. Sein Kumpel Eddie meinte, er wäre noch nie in einem Zirkus gewesen. Niemand spuckt Feuer, das ist alles nur ein Trick für Pappnasen. Aber war genau nicht das der Sinn dahinter? Zu wissen, dass alles nur Show ist, und sich trotzdem berieseln zu lassen. Der Mann da vorne konnte natürlich Feuer spucken, sein Opa bückte sich zu ihm herunter – denn er war in einem früheren Leben einmal ein Drache gewesen. Toms Kulleraugen folgten dem leicht verzerrtem Schatten vom Petroleumderivats des Feuerspuckers auf der Zeltplane und verschmolzen in seiner Erinnerung mit den sich überschlagenden Lichtstrahlen des gerade in Aufruhr gekommenen Aquariums. Die Zeltplane war in dem Moment genauso durchsichtig wie das Glas über seinem Kopf und er sah etwas dahinter glimmen.

 

Was er beim letzten Feuerstoß, dem sich anbahnenden Schatten im Aquarium und dem Hinunterblicken des peinlich penibel polierten Krankenhauseingangs empfand, war ein und dasselbe.

 

Tom setzte sich in Bewegung. Ein gequältes Gemurmel hatte sich mittlerweile zu dem mit beachtlicher Lautstärke angeschwollenen Rauschen dazu gesellt. Tom hörte genauer hin, vor seinem geistigen Auge erschien wieder das Bild eines Urwalds, dessen Bewohner allerdings ganz still wurden. Der Wald versuchte seine Ranken ein paar Zentimeter tiefer im Boden zu verankern, um sich gegen den Erstschlag zu wappnen. Nur noch ein kleines Stück, wie ein betrunkener Teenager auf einer misslingenden Heimfahrt im letzten Moment doch noch versucht, den Sicherheitsgurt irgendwie in die Schnalle zu bekommen, ehe seine Lungenflügel durch gebrochene Rippen punktiert werden. Es wird ganz still, lediglich ein Rascheln verzweifelter trippelnder Pfoten durchsetzte das Ambiente bevor das Erdbeben den Boden in Stücke riss. Tom setzt einen Fuß vor den anderen, er schmeckte den bitteren Nachgeschmack seines eigenen Blutes, das seinen Schädel in schwerfälligen Wogen durchfuhr und ihn über mikroskopisch kleine Schnitte am Rachen kitzelte – ihn stets an die ausbreitende Taubheit seiner Nasennebenhöhlen erinnerte. Es miefte hier unten.

 

Während er seinen schwerfälligen Gang fortsetzte, versuchte er das Gemurmel einzuordnen. Ein wiederholendes Stöhnen, dessen rumorenden Tiefen nur von einer größeren Kreatur entstammen konnten. Es klammerte sich an Tom, und durchfuhr seinen gesamten Körper, indem es sich erst vom Zwerchfell über den Kehlkopf ausbreitete, an ihm zerrte, bis die Lungenflügel zu zittern begannen. Tom schüttelte seinen Kopf, schloss krampfhaft die Augen und drückte sie so fest zusammen, dass sie zu tränen begannen. Als er sie wieder öffnete, sah er keine Wände mehr. Die Wände und der Boden waren aus Glas, umgeben von blauem Nebel konnte er sein Ziel erkennen und setzte sich nun noch schneller in Bewegung.

 

Das Gemurmel schwoll beim Aufprall seiner Absätze an. Er verfiel in einen regelrechten Laufschritt, wobei seine Absätze zuerst feine Risse, dann allerdings immer schwerwiegendere Male im Glas hinterließen. Mit jedem Riss durchbrachen neue Geräusche die dämmende Barriere, das Gemurmel wurde lauter und schwoll teilweise zu einer leibhaftigen Schrei-Arie an. Seine Ohren hatten vor Stunden dem Druck nachgegeben und Tom konnte einzelne Töne ausmachen, die in bestimmten Frequenzen nachhalten und in seinem Kopf verschiedenste Assoziationen hervorriefen. Mit jedem zurückgelegten Schritt lichtete sich der Nebel hinter den Scheiben etwas mehr und er sah eine riesige Grünfläche. Er schaute auf eine Lichtung, auf der sich eine Kreatur wand. Sie hatte sich unter enormen Blättern einer ihm unbekannten Baumart verkrochen. Schmerzen schienen sich hier auf allen Frequenzen zu manifestieren und das Bündel hob und senkte sich in arrhythmischen Zyklen auf und ab. An der Unterseite der Blätter hatten sich bereits ausgebreitete Rinnsale gebildet, die in dickflüssigen Tropfen wie Kautschuk von den Blättern auf den Boden trieften.

       »Ja, kann ich Ihnen helfen?« Tom stand vor dem Arzt.

»Ich hatte angerufen ..., der Leichnam meines Vaters liegt hier. Trauber mein Name.« Tom öffnete die Tür und ihm schlug eine Hitze entgegen, die bei ihm einen sofortigen Schweißausbruch verursachte. Er befand sich in einem florierenden Dickicht ineinander verwobener Ranken einer sprießenden Flora. Die Lichtung erstrahlte in einem sehr hellen Licht wie eine in tiefes Scheinwerferlicht gehüllte Bühne. Er trat ein.

     »Ah, gut, können Sie sich ausweisen? Ausweis, Führerschein ...« Die Strahlen einer am Zenit stehenden Sonne prallten von Perlen eines schwitzenden Waldes ab und verfolgten Tom regelrecht wie Scheinwerferlicht. Die Regentropfen bildeten nicht nur einen schützenden Film über die Wucherungen, sondern agierten auch als Prismen, welche die eintreffenden Strahlen in ihre Spektren zerlegten, wobei die unterschiedlichen Bereiche der Lichtung so in verschiedenste Farbspektren eines Regenbogens aufgeteilt wurden. Tom staunte, er hatte so etwas noch nie gesehen. Wolken verschiedenster Farbräume, versuchten ihre Griffe in seiner Realität zu manifestieren. Sie breiteten sich aus, und er sah das Bündel Blätter pulsieren als es sich in einem schneller werdendem Rhythmus hob und wieder absenkte.

 

»Mein Vater war einer der 100.000 Geimpften. Seit seinem dreißigsten Geburtstag ist er nicht mehr gealtert. Ich habe zur Bestätigung auch die Akten ...« Es wurde wieder still. Eine Bombe, die einschlug, ein Atompilz, der sich bildete und erst implodierte, bevor sich die Verwüstung durch alles fraß, was es zwischen die Finger bekommen konnte. Tom atmete aus und starrte den Arzt an.

     »In Ordnung. Kommen Sie.« Sie gingen zum Leichensack und tatsächlich, er konnte die bunten Gewitterwolken spüren. Sie durchzogen den Raum und als der Mann am Reißverschluss des Sackes zog, entlud sich die gestaute Energie. Ein ohrenbetäubender Knall durchdrang den Saal und Tom spürte wie sein rechtes Trommelfell platzte.

       »Na ja, dann lasse ich Sie mal alleine, wenn Sie fertig sind ...«

 

Tom stand wieder auf der weiten Lichtung, sie waren endlich alleine. Das oberste Blatt war heruntergerutscht und zum Vorschein kam ein geschlossenes Scheitelauge einer Kreatur, die etwa doppelt zu groß zu sein schien wie Tom. Es öffnete sich einen Spalt breit und er starrte in einen pechschwarzen Iris losen Abgrund, dem jegliche Güte mit der Zeit entfallen war.

 

»Hallo Martin ... Vater.« Das Auge schloss sich langsam und neben dem Schweifen aneinander reibender Hautpartien hörte er ein tiefes Rören, das sich eher wie ein Knarzen eines Baumes anhörte, der mit letzter Mühe versucht stehen zu bleiben oder wie Gaffer Tape, das mit einer zu langsamen Bewegung von der Rolle abgezogen wird.

 

»Sieh mich an!« Keine Reaktion. »Nach allem, was du getan hast, SIEH MICH AN!"

Tom begann den Berg aus Fleisch zu besteigen, wobei er von einzelnen blutgetränkten Blättern abrutschte. Seine Schuhe blieben mehrfach in diversen Wunden stecken, doch er interessierte sich nur für die Augen. Oben angekommen setzte er sein komplettes Körpergewicht dazu ein, den Kopf des Wesens gen Boden zu befördern und dort zu befestigen, indem er mehrere Karabiner durch dessen Schlund trieb, die den Körper wie festgenagelt an Ort und Stelle hielten. Der Leib wand sich unter seinem Gewicht, war jedoch nicht in der Lage ihn abzuschütteln, und verlor mit jeder weiteren Bewegung an Kraft. Zu guter Letzt entfernte Tom die Augenlider.

 

Tom setzte sich vor der Kreatur auf die Wiese, wobei ihn die buschigen Enden des umliegenden Pampasgrases den Nacken kitzelte, oder waren das doch wieder nur die eigenen Nerven?

 

Er hatte lange darüber nachgedacht, was er als Nächstes tun sollte. Die richtigen Worte zu finden fiel ihm schon immer schwer, er hatte sich eine ganze Rede zurechtgelegt, Anschuldigung, die nur den richtigen Tonus brauchten, um den gewünschten Zweck zu erfüllen. Doch wo er nun in die Tiefen seines Gegenübers sehen konnte, fiel es ihm allerdings so einfach. Das eigene Spiegelbild verschmolz mit seinen Gedanken. Er hörte ihre Stimme.

      »Weißt du, warum Glühwürmchen glühen?«

»Wofür bezahlen wir eigentlich Steuern? Nicht mehr lange und man bleibt stecken.« Sein Vater drehte sich in seiner charakteristischen Geste zu ihm um, bei der die freie Hand stets auf dem Rücken des Beifahrersitzes platziert zu sein hat. Nachdem der Motor erneut aufjaulte, gab er mehr Gas, um das Hinterteil des Wagens aus einem Schlagloch besorgniserregender Größe zu befördern. In gekonnten Schlangenlinien setzte er dabei noch etwas zurück, um die Schnauze des Kombis endgültig aus der Einfahrt ihres kleinen Einfamilienhauses zu befreien, ohne dabei die Vorderseite ebenfalls abzusenken. Er zwinkerte dem kleinen Tom zu, ohne auf Toms Mutter zu achten, die lediglich einen ihrer ganz eigenen Schnauflaut von sich gab, wodurch sein Lächeln allerdings erstarrte. Die dabei schief angezogene Nase, die Tom aus seiner tiefergelegten Perspektive stets an die Nüstern eines wiehernden Pferdes erinnerten, blähte sich auf, als sein Vater mit erstaunlicher Ähnlichkeit zum Getriebe ihres damals brandneuen Polos einen Laut von sich ließ, der versuchte ein röhrendes Lachen zu imitieren. Als sein Vater anschließend endlich den Gang einlegte, erkannte Tom in den kleinen Fältchen, die sich in konzentrischen Ovalen um die Augen ausbreiteten, einen tief verwurzelten Schatten.

 

Tom lachte nicht. Damals hatte sich die Fuge zwischen den Augenbrauen noch nicht gebildet, die ihn in späteren Jahren mit befehlendem Ton herausforderten, selbst wenn die Worte ihren vertraut verschmitzten Klang nie verloren. Doch seine Augen hatten stets etwas Suchendes. Eine Unterhaltung wurde nicht nur gehalten, sie wurde geführt. Es war stets ein Turnier sich aufbrausender Gewalten, die wie Lanzen versuchten den Gegner zu Fall zu bringen. In späteren Jahren erkannte Tom, warum sein Vater ein solch erfolgreicher Investor gewesen war. Der klare Blick durchdrang das Gegenüber in einer Weise, bei der das Opfer in einem unsichtbaren Käfig gefangen war. Jeder Ausbruchsversuch wurde im letzten Moment mit einem Konter direkt im Keim erstickt. Und er konnte erahnen, in welche Richtung sich eine Auseinandersetzung entwickelte, lange bevor man sich selbst darüber im Klaren war.

 

Doch nun waren seine Augen glasig und hatten all ihren Glanz verloren. Durchsetzt mit Äderchen und geweiteten Pupillen musterten sie gleichgültig die breite Straße und fuhren mit einer Gelassenheit, die keinerlei Störungen duldete, über die vorbei brausende Szenerie der umliegenden Felder der Autobahn hinweg. Die gute Laune seines Vaters und die damit einhergehenden Dämpfe, die ihn an solchen Tagen stets umgaben, führte dazu, dass Toms Nase bereits in frühesten Kinderjahren die verschiedensten Sorten Alkohols nur anhand ihres Geruchs voneinander unterscheiden konnte. 

 

Als sich ein Stauende vor der Biegung der nächsten Anhöhe abzeichnete, vernahm er ein Schnaufen in dessen Zuge eine dezent stinkende Duftwolke durch den Raum waberte. An sie klammerte sich in verzweifelter Manier ein fadenscheiniges Gewebe hysterisch klingender Stimmen, die in Toms Synapsen wieder das allseits bekannte Gewitter für ihn unzusammenhängender Gedanken auslösten. Sie schrien Tom förmlich an. »Lauf davon, so schnell du kannst, bevor sie dich bekommen!« Es war als hätte ein gefallener Engel versucht ihn doch noch zu retten, doch es war bereits zu spät. Tom spürte auf einmal, dass sie nicht mehr zu dritt im Auto saßen. Ein Schauer lief ihm über den Rücken, böse, kalt und unermüdlich. Sein Herz setzte einen Schlag aus, als sein Vater ihn über den Rückspiegel musterte und ihm erneut zuzwinkerte.

 

»Wenn die Glühwürmchen schlüpfen, dann machen sie ein Feuer, ein Feuer, das sie erfüllt und jede Faser ihres Wesens mit einer Intensität durchstrahlt, die jede Glühbirne zu bersten bringen würde. Ein Feuer, das ihre Welt erleuchtet und auf ihre Umwelt abfärbt, kurz bevor sie sich der ewigen Ruhe hingeben. Genau wie du.« Sie stupste dem Säugling auf die kleine in ruhigen Zyklen schnaufenden Nase. Er rekelte sich und schaute mit großen Augen hinauf, in ihre Augen, an deren Farbe er sich nicht mehr erinnern konnte. In seiner Erinnerung hielt dieser Moment lange an und so entstand in der Reflexion ein Feuerwerk, das ihre Pupillen in Farben einer tiefer liegenden Sphäre tunkte, durch die ein Mensch eigentlich nicht schauen konnte. Genau wie ihre tief liegenden Falten, die im untergehenden Sonnenlicht wie Fjorde im goldenen Glanz einer rötlich glühenden Sonne aufleuchten. Einst stark hervortretender Tränensäcke hingen wie Ballons einer Wetterstation über dem untergehenden Land. Auch sie schienen zu brennen und gruben sich tief in das Bewusstsein ein – ja er brannte, und konnte nur erahnen wie er in Zukunft brennen wird.

 

Der Verkehr begann sich langsam in Bewegung zu setzen und fuhr über das Land wie eine träge fallende Lawine metallenen Einheitsbreis.

»Fahr doch endlich, du verdammter Hurensohn.«

»Mensch Martin, muss das sein«. Seine Mutter verdrehte die Augen und starrte stur nach vorn.

»Aber sieh doch, wieso haben solche Leute überhaupt einen Lappen? Mein Gott«.

      »Jetzt hör doch endlich ...« Doch Tom hörte nicht mehr hin. Seit dem letzten Stau hatte sich die Panik regelrecht in ihm festgesetzt. Sie betäubte ihn und drückte ihm die Luft ab. Sämtliche Schlagadern zogen sich mit pulsierenden Fäden über seine Kopfhaut und gruben ihre gierigen Finger in sein Fleisch. Toms Sinne kapselten sich ab und nahmen nur noch den eigenen kleinen Mikrokosmos wahr. Seine Stirnhöhle wurde wie ein zu lau aufgeblasener Ballon, der einfach nicht platzen wollte, hin und her gequetscht. Sein Kopf dröhnte und er fühlte wie sich sämtliche Kapillaren seines noch so kleinen Körper zusammenzogen und versuchten Herr der Lage zu werden. Was passiert hier?

 

»Die Tür, du musst sie nur öffnen.« Doch sie fuhren auf der Überholspur in atemberaubender Geschwindigkeit.

»Nein, niemals.« Er begann sich zu regen, seine Starre fing an sich zu lösen und Tränen der Verzweiflung rannen ihm über das Gesicht. Ein Hissen durchfuhr den Raum.

»Da, die Lücke da vorne«, doch niemand sonst schien es gehört zu haben. Oder? Die Augen seines Vaters begannen zu wandern. Seine Mutter blickte völlig entnervt in den Seitenspiegel und drehte sich um, als sie das leise Schluchzen vernahm.

»Ist alles gut, mein ...«. Doch es ging alles so schnell. Toms Pupillen weiteten sich. Er sah seinen Vater, oder so glaubte er zumindest, denn eng um ihn gerungen hatte die Luft zu vibrieren begonnen, sich zusammengezogen und in Strängen die Augen seines Vaters penetriert. Ein Aufschrei blanker Wut und der Wagen machte einen Satz nach vorn. Er versuchte sich auf die rechte Spur einzufädeln, um den Wagen vor ihnen zu überholen, doch durch die ruckartige Bewegung kam der Wagen ins Schlingern. Tom und seine Mutter begannen zu schreien und auf einmal, war es nur noch Tom der schrie.

 

Dr. Schummer betrat das Zimmer und sah Tom mit tränenden Augen vornübergebeugt über dem Leichnam verweilen.

»Wieso haben Sie denn seine Augen geöffnet?«

Tom reagierte nicht darauf.

       »Ist es möglich, der Einäscherung beizuwohnen?« Perplex starrte Schummer ihn an.

»Tendenziell spricht erst einmal nichts dagegen. Es dauert allerdings noch eine Weile, bis der Ofen das nächste Mal in Betrieb genommen wird.«

        »Ich habe Zeit.«

 

Tom saß wieder vor der Kreatur. In der Ferne sah er bereits dicke Rauchschwaden, deren Qualm dem Horizont jeglichen Glanz nahm. Mittlerweile bedeckten fast gar keine Blätter mehr ihr Haupt und stellte so eine zerfetzte Fassade eines einst mächtigen Körpers zur Schau. Amüsiert dachte er an gestrandete Tiefseefische. Solche, die unter dem fehlenden Wasserdruck aufblähen und nur noch ein aufgedunsener, plumper in sich zusammenfallender Klumpen Fleisch ohne Rückgrat darstellen, dessen Halbwertszeit längst überschritten war – ein Schatten ihrer selbst. Aus den Ausbuchtungen sprossen verschiedenste Extremitäten, die in allerlei unnatürlichen Winkeln herausragten und ihn in gewisser Weise an Arme und Beine erinnerten. Hier im breiten Licht der Lichtung wirkten sie allerdings eher wie nutzlose Ausprägungen einer Spezies, an der die Evolution scheinbar vorübergegangen war. Die übereinander herfallenden Fettschichten rieben derart stark aneinander, dass sich über feine Risse stoßweise in kleinen Fontänen dunkles Blut über das Geschöpf ergoss. Tom dachte an die Wasserbomben, mit denen sie sich als Kinder bekriegt haben und an beschädigte Blindgänger, die nicht platzen wollten.

 

Die Luft wurde bereits merklich stickiger und er roch den beißenden Hauch von Ruß und Rauch. Das Sichtfeld verkleinerte sich ebenfalls, dieses Mal allerdings nicht durch den Nebel. Tom drehte sich weg und betrachtete zum ersten Mal die Lichtung im Detail. Ein kleiner Bach durchzog die Landschaft. In der Ferne konnte er ein leises Rauschen ausmachen, das größere Wassermassen ankündigte, hier jedoch plätscherte er gemächlich dahin. Mit der Zeit gewann er seinen Gehörsinn zumindest in Teilen wieder zurück, und konnte verschiedenste Laute des Tierreichs ausmachen. Angefangen vom Kreischen rivalisierender Gruppen aggressiv klingender Primaten, welche sich mithilfe diverser Schlingpflanzen fortbewegten, bis hin zu Vögeln, die mit ihrem Schnattern und Trommeln versuchten Bäume zum Einsturz zu bringen. Das buschige Ende der Sträucher um ihn herum kitzelte seine Handinnenflächen als er mit betrübter Miene seine Finger durch die Stauden fuhr. Er hörte das Rascheln und die leichte Brise, welche die Szenerie um ihn herum in einen schweifend lang gezogenen Ton vertrauter Stille trieb. Er setzte sich auf, es war zu still. Das Tier vor seinen Füßen begann einen tiefen kehlkopfartigen Laut von sich zu geben, der Tom durchs Mark ging.

 

Ein Lächeln gepaart mit einem Stirnrunzeln setzte sich auf sein Gesicht, als er das sich windenden Tier betrachtete. Er spürt die unaufhaltsame Kraft einer sich langsam aber stetig voran arbeitenden Dampfwalze, die ihre züngelnden Griffel über das umliegende Land erstreckte.

     »Ich habe eine Überraschung für dich.« Und Tom fiel wieder in die großen, verzweifelten Augen.

 

Das Feuer erreichte die Lichtung wie ein altvertrauter Freund und bäumte sich zu einer meterhohen Feuerwand auf, die sich an herunterhängen Ranken hochzog und sie einhüllte.

      »Ich weiß, du kannst nicht sterben. Aber zu welchem Preis? Das alles hier passiert nur in deinem Kopf, da drinnen.« Er klatschte mit der offenen Handfläche auf das geöffnete Auge der Kreatur. Die Hitze drückte und glich einem feurigen Inferno.

 

»Was ich für dich vorbereitet habe, wirst du dir nicht ausmalen können. Ich werde dich brechen.« Die Funken tanzten und Tom fing Feuer, ein letzter Blick in die Augen der Kreatur und er sah sein Spiegelbild. Langsam schlossen sich seine Augen, mit verschwommenem Blick und hämmerndem Kopf stellte er perplex fest, dass die Funken in einer gleichbleibenden Sequenz an Intensität gewannen und so den Eindruck eines pulsierendem Schwarms vermittelten. Er sah die Welt durch die Augen jener Kreatur, die er sich geschworen hatte, nie zu werden. Das Lächeln erlosch und er ließ sich fallen.

     »Ich kann die Glühwürmchen in deinen Augen sehen.« Und tatsächlich, die Funken pulsierten zu einer Melodie.

 

 

Epilog

 

Als kleiner Junge zählten die Abende beim Bootshaus zu den schönsten Momenten des Sommers. Sie erwiesen sich später auch immer wieder als Ankerpunkt für etwaige Therapien. Denn jeder braucht seinen Ground Zero, etwas, wofür es sich zu kämpfen lohnt, etwas, woran man seine eigene Sterblichkeit messen kann. Wo er sich nach dem Unfall im durch den Verkehr windenden Krankenwagen befand und die Schockstarre für einen Moment nachließ, dachte er genau daran, während sich das Blaulicht mit blauen Pfeilspitzen in sein Gedächtnis einbrannte.

 

»Denn Glühwürmchen glühen bedingungslos. Sie haben keine Fassung wie Lampen, die bei Stromausfall einfach erlöschen. Einmal angefangen, bringen sie es zu Ende. Hörst du sie?«

 

Sie saßen auf einer breiten Veranda umgeben vom Schilf ihres Bootshauses. Und tatsächlich, er hörte sie. Sie blinkten, strahlten im Takt einer schlagenden Melodie. Und wieder lächelten ihre Augen.

 

 

ENDE