fortsetzungsroman

von

 

Achim Hildebrand

 

Das Labyrinth der Welten (Teil I)

(Urheberrechte und Copyrights © by Achim Hildebrand)

 

 

 

"Nimmst du wohl deine schmierigen Finger von mir! Du Schwein – was glaubst du, wer du bist?" Thaina, die Wirtstochter, keilte mit den Hacken heftig nach Nidels Schienbeinen. Aber es fruchtete nicht viel. Er hielt sie eng von hinten umfasst und wich ihren Tritten geschickt aus. Außerdem mussten ihre Hände den Krug halten, den sie gerade voll zapfte. Nidel hatte ihre Wehrlosigkeit schamlos ausgenutzt. Seine Linke lag schwer auf ihren Brüsten, während er ihr mit der Rechten ein kleines Ding vor die Nase hielt. Es war ein Würfel aus poliertem schwarzen Stein, mit abgerundeten Ecken und Kanten. Jede seiner Seiten zeigte drei, mit Silber ausgelegte Striche.

 

"Gefällt dir das?", schnurrte Nidel an Thainas linkem Ohr vorbei. "Möchtest du das haben?"

 

"Pff, ein Würfel – was soll ich wohl damit?"

   "Aber es ist kein gewöhnlicher Würfel, sondern ein Schmuckstück. Schau, wie er glänzt - und die silbernen Verzierungen. Der macht sich sicher gut an einer Halskette." "Wer weiß, wo du ihn herhast? Gestohlen vermutlich - wie alles, was du besitzt."

   "Aber ich würde ihn dir schenken, wenn du…"

"Wenn ich was? Mich mit dir im Heu wälzen? Mit einem Falschspieler und Wegelagerer?"

   "Warum nicht? Warum nicht gleich hier, im Weinkeller?" Er fasste derb zwischen ihre Beine. Thaina schrie laut auf und riss sich los. Der Krug fiel ihr aus den Händen, zerbarst auf dem Boden und überflutete ihre Holzschuhe mit einem Schwall Rotwein. Sie hielt entsetzt die Hand vor den Mund, als sie sah, was geschehen war.

 

Dann fasste sie sich und trat wieder nach Nidel. Diesmal traf sie besser. Nidel ging ächzend zu Boden und hielt sich die schmerzende Kniescheibe. "Du Scheusal! Schau, was du gemacht hast!", schrie Thaina. "Ich hol meinen Vater, der prügelt dir das Fell von den Knochen! Vater! Vater, komm schnell!" Schreiend wirbelte sie herum und rannte mit fliegenden Röcken die steile Treppe des Weinkellers hinauf.

 

Nidel schaute ihr mit offenem Mund hinterher. Verdammt, das war schief gegangen. Nicht, dass Thaina im jemals Hoffnungen gemacht hätte, aber sie hatte gewöhnlich auch nichts dagegen, wenn die Gäste ihr auf den Hintern klapsten oder ihr die Schürzenbänder aufzogen. Warum stellte sie sich ausgerechnet bei ihm so störrisch? Sicher, als herumziehender Glücksspieler hatte er keinen besonders guten Ruf – aber gerade das war es doch, was die Mädchen sonst so aufregend fanden. Dieser Hauch von Abenteuer, den er verbreitete… - und der Würfel war mindestens zwanzig Zestrinen wert. Nidel schüttelte hilflos den Kopf. Wer sollte das begreifen?

 

Egal - er musste schleunigst von hier fort, wenn er nicht windelweich geprügelt werden wollte. Nidel versuchte sich aufzurichten. Aber der Schmerz, der durch sein Knie schoss, ließ ihn wieder einknicken. Keuchend sank er gegen eine der Säulen des Kellergewölbes. Oben in der Schankstube brüllten wütende Männer. Stühle wurden gerückt und schwere Stiefel trampelten. Nidel knirschte mit den Zähnen. Jetzt war ohnehin alles zu spät. Die Treppe war der einzige Zugang zum Keller und er hörte schon Schritte auf den oberen Stufen poltern. Seine Finger krampften sich um den verfluchten Würfel, der ihn verleitet hatte, Thaina so zu bedrängen.

 

Wenn er nur hier raus könnte. Einfach verschwinden…

Das Poltern auf der Treppe wurde - leiser! Auch das Licht im Keller schien schwächer zu werden. Die Kerze auf dem Weinfass war nur noch ein winziger Funken in einer nachtschwarzen Unendlichkeit. Nidel fühlte, wie der Würfel in seiner Hand immer wärmer wurde. Angst packte ihn; verzweifelt versuchte er, vor der Dunkelheit davon zu kriechen. Aber sie holte ihn ein; umhüllte seinen Blick und seine Gedanken…

 

 

Als sein Bewusstsein zurückkehrte, war es immer noch dunkel. Aber Nidel stellte rasch fest, dass er wach war und sich bewegen konnte. Er saß auf dem Boden, mit dem Rücken an etwas Kaltes, Hartes gelehnt, das seine tastenden Finger als steinerne Säule erkannten. Für einen Moment war er verwirrt. Das Bild des Weinkellers war noch in seinem Kopf. War er etwa immer noch dort und erst jetzt wirklich aufgewacht. Hatte er die Szene mit Thaina und den tobenden Männern nur geträumt?… Kaum, denn in seiner Kniescheibe pochte immer noch der Schmerz von Thainas Tritt.

 

 

Nidel schnüffelte in die Dunkelheit. Nein, das war kein Weinkeller. Es roch weder nach verschüttetem Wein noch nach dem alten Holz der Fässer. Nur nach feuchtem Stein. Außerdem, wenn er im Weinkeller ohnmächtig geworden wäre, hätten ihn der Wirt und seine Helfer sicher windelweich geschla-gen. Aber er fühlte sich nicht, als ob er Prügel bezogen hätte. Das hier war ein Ort, den er nicht kannte. Aber wie war er hierhergekommen? In seiner anderen Hand fühlte er die Kanten des Würfels. Er war noch immer warm. Konnte dieses steinerne Ding etwas damit zu tun haben? Vielleicht war es Dämonenschmuck, oder ein ausländischer Talisman. Der Mann, dem er ihn aus der Tasche gefingert hatte, war jedenfalls ein Fremder gewesen.

 

Nidel war kurz versucht, das Ding wegzuwerfen, bevor es noch mehr Schaden anrichtete, aber er zögerte. Wenn der Würfel ihn hergebracht hatte, konnte er ihn vielleicht auch wieder zurückbringen. Man musste nur herausfinden, wie es funktionierte. Er steckte das Ding in seine Hosentasche.

 

Dann stand er vorsichtig auf und tat zwei Schritte in die Dunkelheit. Für einen Moment glaubte er, hinter sich ein leises Huschen zu hören. Aber es wiederholte sich nicht, als er danach lauschte.

 

Zunächst musste er feststellen, wo er sich befand und wo es Licht gab. Zu dumm, dass er weder Fackeln noch eine Lampe bei sich hatte.

 

Seine tastenden Finger entdeckten eine Wand - und etwas, das ihn zurückzucken ließ - etwas Lebendiges. An der Stelle, die er berührt hatte, leuchtete ein fahler Schimmer auf, dann gleich daneben noch einer und noch einer. Immer mehr Lichtpunkte schlossen sich an, vereinigten sich und pflanzten sich fort, wie ein kaltes Feuer, das den Stein erfasste. Schließlich waren die Wände, soweit er sehen konnte, von mattem, elfenbeinfarbenem Licht überzogen. Nidel trat näher an die Wand, um zu sehen, wodurch das Leuchten hervorgerufen wurde.

 

Es waren kleine, insektenartige Tiere, die träge durcheinander krabbelten. Sie erinnerten an Stechwanzen, mit dreieckigen Panzern, langen, spitzen Rüsseln und blinden Kugelaugen. Das Licht kam aus ihren Körpern und drang durch die fahlgrauen Rückenschilde nach außen. Wenn man den Kopf nahe an die Wand hielt, konnte man hören, wie ihre winzigen Panzer gegeneinander raschelten. Nidel bemerkte auch, dass es heller wurde, wenn er sich in ihrer Nähe bewegte, und langsam dunkler, wenn er sich still verhielt. Darum ging er rasch einige Schritte auf und ab, um so viel Licht wie möglich zu bekommen.

 

Die Höhle schien ihm nicht natürlichen Ursprungs zu sein, oder war zumindest durch die Erweiterung einer natürlichen Höhle geschaffen worden. Es gab kein Staub, Schlamm oder Geröll auf ihrem Grund, der so eben war, wie ein Tanzboden. Und die Säule, an der er gelehnt hatte, war kein Tropfstein, sondern aus dem Fels herausgehauen worden. Das ließ vermuten, dass er nicht der erste und einzige Mensch war, der sich hier drinnen aufhielt; und mit etwas Glück würde er auf jemanden treffen oder einen Ausgang finden. Aber Nidels Zuversicht verflog, als er seine Umgebung genauer untersuchte.

 

Die Steinsäule war eine von vielen, die ein ausgedehntes Gewölbe stützten, einen Saal mit zwölf Seiten. Und auf jeder der zwölf Seiten führte ein dunkler Gang in den Fels. Zwölf schwarze Höhlenschlünde, von denen vielleicht nur einer ins Freie führte - oder gar keiner. Nidel verzog das Gesicht. Wenn er so viele Gänge erforschen musste - und er hatte keine Vorstellung, wie weit sie in den Fels reichten - waren seine Vorräte vielleicht doch zu knapp. Wasser besaß er bestenfalls für einen weiteren Tag. Er überlegte nicht lange, suchte sich einen Gang aus und ging darauf zu. Noch bevor er die Stollenmündung erreicht hatte, blieb er wieder stehen. Aus dem direkt daneben liegenden Gang drang ein schwacher Lichtschimmer, der langsam heller wurde. Dann hörte er das leise Schlurfen von Schritten und keuchendes Atmen. Jemand kam durch diesen Gang auf die Säulenhalle zu.

 

Nidel zog sein Messer und drückte sich neben dem Eingang gegen den Felsen. Einige Atemzüge lang kam das Schlurfen immer näher. Nidel unterdrückte seinen Drang, in den Tunnel zu spähen. Wer oder was immer da auf ihn zu kam - es war besser, im Zweifelsfall überraschend von hinten angreifen zu können. Er wich sogar noch einen Schritt zur Seite, als sich eine unförmige Gestalt aus der Tunnelöffnung löste und gemächlich in die Halle trat.

 

Zuerst schien es Nidel, als sei es nur ein wandelnder Haufen übereinander geworfener Lumpen, aber dann bemerkte er die eisgraue, verfilzte Haarmähne, die fast bis zum Boden reichte. Es musste also ein Kopf da sein, auf dem sie wuchs. Das Ding war einige Schritte weit in die Halle geschritten und stehen geblieben. Offenbar hatte es Nidel noch nicht bemerkt. Dann aber begann es, ohne sich umzudrehen, zu sprechen:

   "Seltsam - jedes Mal, wenn ich einen Besucher zum ersten Mal antreffe, finde ich ihn mit einer Waffe in der Hand. Wirkt meine Höhle so bedrohlich auf dich? Oder ich selbst?" Die Stimme des Wesens klang tief und rau, wie Stein, der auf Stein knirscht. Nidel ließ erschrocken das Messer sinken.

   "Ich… ich…", stammelte er, fand aber keine passende Antwort, denn jetzt drehte sich die Gestalt nach ihm um. Er blickte in ein Gesicht, so grau und riesig, wie der Fels der Höhle.

 

Nidel fiel zuerst die eigenartige Kleidung des Geschöpfs auf. Nichts passte zusammen. Es schien, als sei sie aus den Moden aller Zeiten und Länder wahllos zusammengestellt worden. Über einer Felljacke hing ein verschossener Umhang aus violetter Seide. Die Hosen aus geschupptem Leder gefertigt steckten in kurzen, breitgetretenen Stiefeln mit gespaltenen Spitzen. Den Kopf bedeckte eine flache, ballonartige Kappe mit vielen herabhängenden Zipfeln, an denen silberne Glöckchen hingen. Von der Schulter des Wesens baumelte, an einer Lederschlinge, ein langes bronzenes Rohr und in der Rechten hielt es einen mit Schnitzereien verzierten Holzstab, auf den es sich stützte.

 

Das Wesen selber war durchaus menschlich. Sah man von seiner steingrauen Haut und den riesigen schaufelförmigen Händen ab, glich es einem verwahrlosten alten Mann.

  "Nun?", knirschte es. "Sprichst du nicht gern mit Leuten, in deren Wohnung du eindringst?"

  "Ich bin kein Einbrecher", erwiderte Nidel hastig. "Nur durch einen unerklärlichen Zufall bin ich hierher geraten und möchte nichts weiter, als wieder hinaus."

 

 

 

"Und du glaubst, die Klinge in deiner Hand bestimmt mich dazu, dir hinaus zu helfen?"

 

Nidel schaute verlegen auf sein Messer. Auch wenn der Alte ihn um einen guten Kopf überragte, wirkte dieser eher ein wenig verrückt als bedrohlich.

 

"Entschuldige, aber ich wusste nicht, was das für ein Ort ist und was aus dieser Höhle hätte kommen können. Ich bin nur vorsichtig. Wenn du mir zeigst, welcher Weg hinausführt, werde ich dich nicht weiter behelligen und dir, so gut ich kann, eine Belohnung zahlen."

   "Welcher Weg hinausführt?" Der Alte lachte dröhnend. "Alle diese Gänge führen hinaus. Aber …"

   "Aber?"

"Nur einer führt dich zurück in deine Welt."

 

   Nidel schluckte.

 

"In meine Welt?", fragte er. "Was meinst du damit? Wo bin ich denn hier?" Seine eigene Stimme kam ihm dünn wie Grillenzirpen vor.

     Der Alte richtete sich zu voller Größe auf und stieß seinen Stab auf den Boden, dass es hohl durch die Grotte hallte.

   "Weil dies das Labyrinth der Welten ist. Und ich bin Barsuliam, sein Hüter. Von hier aus gelangst du in jede Welt, die war, ist, oder sein wird. Und hier - ", seine Stimme sank zu einem drohenden Raunen ab, " - bist du in keiner Welt."

 

Nidel bezwang die dumpfe Furcht, die diese Antwort in ihm aufsteigen ließ und versuchte nachzudenken. Wahrscheinlich war der Alte nur ein armer Verrückter, der sich hier verkrochen hatte und den ganzen Tag über wirre Gespräche mit sich selber führte. Ganz sicher war es so. Vielleicht konnte man ihm sogar, mit etwas Geschick, ein paar brauchbare Hinweise aus der Nase ziehen.

 

"Aber du sprichst meine Sprache", sagte Nidel. "So weit von zu Hause kann ich also nicht gelandet sein." Barsuliams Grinsen entblößte eine Reihe gelber Zähne, die an Lehmziegel erinnerten.

 

"Vergiss solche Überlegungen. Alle Zeiten und Welten sind hier gleichermaßen nah oder weit. Aber es mag sein, dass du nicht der erste Besucher aus deiner Welt bist. Manche leisten mir lange genug Gesellschaft, dass ich ihre Sprache lernen kann."

 

Nidel verzog das Gesicht. Irgend etwas war hier nicht geheuer. Was Barsuliam sagte, klang zwar verrückt, aber alles in allem nicht verrückt genug. Zu viel Folgerichtigkeit lag darin und zuviel Selbstverständlichkeit in der Art, wie Barsuliam sprach. Nidel verdrängte seine vagen Befürchtungen. Solange er nicht wusste, wie er aus der Höhle heraus finden sollte und niemanden außer dem Alten fragen konnte, musste er sich auf dessen Erklärungen einlassen.

  "Wie auch immer", sagte Nidel. "Ich habe nicht die Zeit dir so lange Gesellschaft zu leisten. Wozu auch? - meine Sprache hast du ja schon gelernt. Mir liegt nur daran, dass du mir, so schnell es geht, den Weg in meine Welt zeigst."

   "Das ist nicht so einfach."

"Warum?"

   "Warum?" Barsuliam lachte wieder und schüttelte sich, dass seine bunten Lumpen hin und her schwangen, wie die Federn eines Vogels, der sich plusterte. "Siehst du die zwölf Gänge, die von hier weg führen? Nach tausend Schritten führt jeder von ihnen in eine Halle wie diese hier und teilt sich in elf weitere Gänge. Und diese teilen sich wiederum jeder in elf Gänge, und so fort. Und in jedem dieser Gänge gibt es zwölf Nischen, von denen jede in eine andere Welt führt."

   Nidel nickte. "Ich glaube, ich verstehe. Du meinst, es würde sehr lange dauern, sie alle auszuprobieren."

    "Zu lange - selbst wenn du ein Unsterblicher wärst. Überdies - auch das Ausprobieren ist nicht so einfach. Man hat nur einen einzigen Versuch."

    "Aber wie…?"

Der Alte unterbrach ihn mit einer heftigen Geste seines Stabs.

  "Später davon! Erzähl mir zuerst etwas über dich. Deinem Sinn für Anstand nach zu urteilen, kommst du von sehr weit her. Sonst würdest du selber erkennen, wie unhöflich es ist, den Hausherrn mit neugierigen Fragen zu belästigen. 

 

Fortsetzung folgt .....

 

Findet Nidel da jemals wieder hinaus?

 

Das Labyrinth der Welten (Teil II)

(Urheberrechte und Copyrights © by Achim Hildebrand)

Außerdem ist meine Langeweile sicher größer als deine. Es kommt sehr selten vor, dass sich Besucher in mein Labyrinth verirren. Selbst wenn sie mir erzählen, was sie morgens zum Frühstück hatten, ist das für mich eine aufregende Neuigkeit."

 

Nidel ließ das Messer wieder in seiner Lederscheide verschwinden.

   "Ich bin ein… ein fahrender Händler aus Nagroskin." Obwohl Nidel mit seiner Tätigkeit an den Spieltischen und gelegentlichen Gaunereien ein gutes Auskommen hatte, redete er nicht gern darüber.

 

"Erstaunlich - erzähl mir mehr davon. Hast du einige von deinen Waren mitgebracht? Kann ich sie sehen?"

  "Nein, ich ..., ich wurde von Straßenräubern überfallen und niedergeschlagen. Vermutlich haben sie mir alles geraubt. Aber genau weiß ich es nicht, denn als ich aufwachte, befand ich mich in dieser Höhle."

   "Scheint so, als hätten dir diese Räuber einen ziemlich üblen Streich gespielt. Ein Glück, dass sie dich am Leben gelassen haben." Nidel glaubte ein amüsiertes Funkeln in den Augen des Alten wahrzunehmen. "Und du weißt nicht, wie sie das gemacht haben? Auf welche Weise sie dich her befördert haben?" Nidel schüttelte den Kopf.

"Nein. Wie kommt man denn für gewöhnlich hierher?"

    Barsuliam hob belehrend den Zeigefinger.

 

"Es gibt viele Wege in diese Höhlen. Manchen gelingt es allein durch die Kraft ihres Willens oder sie werden von ihren Träumen hergetragen. Aber meistens…" er machte eine nachdenkliche Pause, "…meistens bedarf es dazu gewisser Hilfsmittel… Gegenstände zum Beispiel. Es könnte sein, dass diese Straßenräuber etwas Derartiges benutzt haben, denn solche Kerle träumen nicht und haben keinen starken Willen."

 

"Was für einen Gegenstand meinst du?"

 Barsuliam beugte sich zu ihm hinunter und sagte mit gedämpfter Stimme:

     "Etwas wie einen Talisman. Eine kristallene Kugel oder… einen Würfel!" Die letzten beiden Worte stieß er hervor wie einen Fluch und in seinen Augen loderte es. Plötzlich fühlte Nidel die Ecken und Kanten des Würfels in der Hosentasche wie Messerklingen gegen sein Bein drücken.

 

   "Nicht dass ich wüsste", er zuckte mit den Achseln und schaute zur Seite. "Ich kann mich nur an ihre Knüppel erinnern."

 

   "Schade", Barsuliams klobige Hand öffnete und schloss sich. Mit einem Knurren wandte er sich ab.

 

"Wenn du mir hilfst, schnell in meine Welt zurückzukehren", sagte Nidel, "könnte ich vielleicht nachsehen. Möglicherweise sind die Schurken noch in der Nähe."

   "Nicht so hastig, Junge. Das musst du dir abgewöhnen, wenn du hier unten zurechtkommen willst. Zurück kannst du vorerst nicht."

 

Nidel spürte, wie etwas an seinem Messer zupfte. Er schaute an sich herunter und erblickte eine katzengroße Kreatur, die jedoch in ihrer Scheußlichkeit nichts mit einer Katze gemein hatte. Das Geschöpf wirkte wie ein kleiner, fetter Affe, hatte aber einen breiten Krötenkopf, mit spitzen, abstehenden Ohren und rötlichen, geschlitzten Augen und einem so breiten Maul, dass es einer geöffneten Auster glich. Es hatte sich an Nidels Stiefel aufgerichtet und tastete mit seiner langen, klebrigen Zunge nach dem Messer. Nidel stieß einen entsetzten Schrei aus und sprang zur Seite. Das Geschöpf fiel auf die Vorderfüße und zischte Nidel zornig an.

 

"Was ist…", der Alte drehte sich wieder zu Nidel um. "Oh, du musst dich nicht erschrecken. Das ist nur Treek, mein liebster und einziger Gefährte hier unten. Komm her Treek. Du darfst nicht so zudringlich sein zu unserem Gast. Weißt du nicht, was sich gehört?"

 

Das Krötenwesen warf Nidel einen verdrossenen Blick zu und hoppelte zu seinem Herrn. Es drückte sich an dessen Stiefel und zischelte:

   "Fremder findet Treek hässlich. Fremder ist viel hässlicher."

Barsuliam tätschelt ihm tröstend den Krötenkopf.

   "Aber nein, er findet dich nicht hässlich - nicht wahr?" Er warf Nidel einen auffordernden Blick zu.

 

"Nein, nein", stammelte Nidel. "Er ist nicht hässlich. Ich bin nur erschrocken."

  "Siehst du Treek. Er mag dich. Ich bin sicher, ihr werdet noch gute Freunde werden."

   Treek zischte und versteckte sich hinter Barsuliams Stiefeln. "Er ist ein bisschen misstrauisch, Fremden gegenüber", erklärte Barsuliam. "Aber ohne ihn würde ich die ewige Trostlosigkeit dieser Höhlen kaum ertragen."

   "Wie lange bist du denn schon hier?", fragte Nidel.

"Woher soll ich das wissen? Hier unten scheint keine Sonne, an deren Aufgang ich die Tage zählen könnte. Aber als ich hier ankam, hatte ich noch keinen Bart, und meine Haare waren schwarz wie Rabenfedern. Es sind sehr viele Jahre, denke ich."

 

Nidel schluckte. Wenn dieser seltsame Alte in so vielen Jahren keinen Weg nach draußen gefunden hatte, dann standen die Aussichten wahrscheinlich wirklich schlecht. Es lag ihm zwar wenig daran, etwas Unangenehmes zu erfahren, aber Nidel griff seine ursprüngliche Frage wieder auf:

  "Ich verstehe noch nicht recht – wenn man in dieses Labyrinth hinein gelangt, warum ist es dann so schwierig, wieder hinauszufinden?"

 

"Schwierig?", lachte Barsuliam. "Unmöglich! Aber komm, es ist besser ich zeige dir, wo die Schwierigkeiten liegen. Dann verstehst du es auf einen Blick." Er schritt zurück in den Höhleneingang, aus dem er gekommen war und winkte Nidel, ihm zu folgen. Treek hoppelte voran. Es war, wie der Alte gesagt hatte: in regelmäßigen Abständen führten seitliche Nischen nach rechts und links in den Fels. Sie waren etwa zwei Mannslängen hoch und breit und gut zwanzig Schritte tief. Die meisten waren einfach leere Kammern im Gestein, aber es gab Ausnahmen, denn in einigen lagen zu Haufen aufgeschichtete Gebeine. Knochen von Menschen, Tieren und Wesen, die Nidel noch nie gesehen hatte. Viele waren zu Staub zerfallen, an anderen klebten noch schwärzliche Reste eingetrockneten Fleischs.

 

"Von wem stammen die?", fragte Nidel.

   "Es geschieht immer wieder, dass sich jemand hierher verirrt. Meistens bekomme ich es nicht mit, weil ich irgendwo in weit entfernten Gängen unterwegs bin. Und wenn ich es bemerke und mich ihrer annehme, dann hören sie meistens nicht auf mich. Sie irren ziellos umher, verfallen dem Wahnsinn und verhungern oder verdursten am Ende."

 

"Erstaunlich, dass sie sich zum Verhungern an bestimmten Stellen sammeln", sagte Nidel. Er fand es auch eigenartig, dass viele der Knochen gebrochen waren - besonders die, die für gewöhnlich Mark enthielten und die Hirnschalen. Ein unbestimmtes Grauen überkam ihn beim Anblick der grinsenden Schädel und Nidel hätte gern gewusst, was sie ihm hätten erzählen können. Aber er hielt es für klüger, Barsuliam nicht darauf anzusprechen. Trotz der rauen Freundlichkeit des Alten war ihm dieser nicht geheuer. Wenn er beim ersten Hinsehen auch wie ein Mensch wirkte – die riesigen Hände und die steingraue Haut hätten genausogut zu einem Troll gehören können. Oder irgendeinem Bastardwesen, das Nidel völlig unbekannt war. Er hatte zunehmend das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmte – ihn eine Bedrohung umlauerte, die auf seinen ersten Fehler wartete. Er musste Zeit gewinnen und herausfinden, was es war.

 

"Das tun sie nicht", antwortete Barsuliam. "Aber es ist mir lästig, wenn die Knochen überall auf dem Boden herumliegen. Es sieht nicht hübsch aus und in meinem Alter fällt man leicht darüber. Deshalb trage ich sie hin und wieder dort zusammen, wo sie mir nicht im Weg sind."

 

"Wovon lebt ihr hier eigentlich?", fragte Nidel beiläufig, während er Barsuliam und Treek in einen weiteren Gang folgte. "Ich habe bisher noch kein Wasser und außer den Käfern nichts Lebendes gesehen."

   "In manchen der Gänge gibt es kleine Quellen", erklärte Barsuliam. "Und was die Nahrung betrifft…" er lachte rau, "… ich bin schon so lange hier unten, dass ich wohl vergessen habe, was Hunger ist."

   "Ich fürchte, die Zeit, die mir bis zum Verhungern bleibt, ist zu kurz, um es zu vergessen", sagte Nidel. Barsuliam lachte wieder.

   "Glaub mir, es findet sich immer irgend etwas. Und wenn es nur ein paar bittere Käfer sind."

   "Und warum sind alle außer dir verhungert?"

Barsuliam hob die Schultern. "Was weiß ich. Vielleicht sterben sie lieber, als von den Käfern zu essen. Vielleicht vertragen sie sie auch nicht und sterben gerade daran. Meine Besucher kommen aus vielen verschiedenen Welten, wie du bemerkt haben wirst. Was in der einen eine beliebte Speise ist, kann sich in der anderen als tödliches Gift erweisen."

 

Nidel verzog das Gesicht. Es kam oft genug vor, dass er für zwei oder drei Tage kein warmes Essen bekam, aber mit Käfern oder anderem Ungeziefer hatte er sich noch nie behelfen müssen.

Aber er nahm Barsuliams Antwort auch nicht allzu ernst. Der Alte wich ihm aus, spielte mit ihm, das war klar. Wie eine Spinne mit einer gefangenen Wespe. Nidel musste herausfinden, was Barsuliam ihm verheimlichte – so lange die Spinne noch den Stachel fürchtete. Einfach töten konnte er den Alten nicht, so lange er nicht wusste, wie man aus diesem Labyrinth wieder entkam.

 

Nidel warf neugierige Blicke in die Stolleneingänge, an denen sie vorbei- kamen. In einem davon bemerkte er eine weit entfernte Nische, die mit einem Vorhang verschlossen war. Er glich Barsuliams Kleidern - zusammengesetzt aus Dutzenden von Stofffetzen und Teilen von Kleidungsstücken.

 

"Was ist hinter diesem Vorhang?", fragte Nidel. "Wohnst du in dieser Nische?"

   "Ich benutze sie zur Erfüllung gewisser Bedürfnisse und bewahre darin Sachen auf, die selbst ich nicht mehr gebrauchen kann", er lachte dröhnend. "Keins von den Zimmern, die man einem Besucher gern zeigt - du verstehst? Komm, dieser Gang ist nicht interessant, ich will dir etwas anderes zeigen."

 

Er packte Nidel am Arm und zog ihn hinter sich her. Nidel erschrak vor der rohen Kraft, die in Barsuliams Griff lag. Sollte er je gezwungen sein, den Alten zu töten, musste es von hinten oder im Schlaf geschehen. Im offenen Kampf würde er mit Sicherheit den Kürzeren ziehen.

 

Erst als sie den Stollenausgang erreichten, gelang es Nidel, sich loszu- reißen. Dabei taumelte er und ließ sich wie zufällig gegen die Wand neben dem Ausgang fallen. Mit widerlichem Knacksen zerplatzten einige Dutzend der Leuchtkäfer unter seiner Schulter.

   "Oh, das tut mir leid", sagte Nidel. "Aber ich bin es nicht gewohnt, dass man mich anfasst."

     Barsuliam warf einen schrägen Blick auf die Käfer.

"Schon gut, Es gibt Myriaden von ihnen. Aber du solltest mir folgen, so- lange du noch nicht gelernt hast, alleine hier zu überleben. Es täte mir leid, wenn du vor der Zeit umkommst."

    "Vor der Zeit?"

"Ich möchte deine Gesellschaft natürlich so lange wie möglich genießen. Also werde ich aufpassen, dass dir nichts zustößt. Komm, ich zeige dir jetzt, warum man diese Höhlen nicht so einfach verlassen kann."

 

Nidel folgte ihm, schaute sich aber unauffällig noch einmal um. Diese Nische, davon war er überzeugt, würde ihm einige der Antworten geben, die Barsuliam ihm verheimlichte. Sobald sich die Gelegenheit ergab, würde er heimlich hierher zurückkehren, und nachsehen.

 

Barsuliam führte ihn einige Stollen weiter und blieb schließlich vor der Rückwand einer leeren Nische stehen.

    "Das ist das Tor zu einer anderen Welt", sagte er.

"Hm, ich kann nichts erkennen", erwiderte Nidel. "Da ist nur nackter Fels."

    "Trotzdem liegt dahinter eine Welt, so groß und vielfältig wie deine eigene." Nidel ging einige Schritte auf die Rückwand zu.

   "Halt!", warnte ihn Barsuliam. "Versuch es nicht. Es wäre dein Tod."

Nidel blieb stehen und schaute unsicher über die Schulter.

    "Aber woher…"

"Man kann hindurchsehen, aber man braucht dazu gewisse Vorkehrungen", Barsuliam drängte sich an Nidel vorbei und nahm das bronzene Rohr von seiner Schulter und drückte das Ende gegen den Fels der Rückwand. Es bohrte sich hinein, als bestünde er aus warmer Butter. Nidel bemerkte beim näheren Hinsehen, dass es eigentlich gar kein Fels war, sondern eine an weiches Wachs erinnernde Substanz.

 

"Da, schau hindurch." Barsuliam hielt das Rohr in Augenhöhe fest und winkte. Nidel trat heran, nahm das Ende des Rohrs und drückte sein Auge an die Öffnung. Was er sah, glich einem Stück schuppiger Haut, das sich wie ein atmender Brustkorb hob und senkte. Dann folgte eine blitzschnelle Bewegung und Nidel blickte in einen dunkelroten Rachen, umrahmt von nadelspitzen Zähnen. Ein markerschütterndes Röhren ließ das Rohr erbeben, dass es ihm fast aus der Hand gefallen wäre. Der Rachen klappte zu, verschwand zur Seite und Nidel hatte freie Sicht auf eine weite, grasbewachsene Ebene, auf der ganze Herden echsenartiger Bestien sich in einem endlosen Gemetzel gegenseitig abschlachteten. Nidel schaute dem Blutbad eine Weile fasziniert zu. Schließlich sagte Barsuliam:

 

"Hättest du Lust, dort hinauszugehen?" Nidel nahm das Rohr aus der Wand und schüttelte den Kopf.

    "Natürlich nicht. Ich würde auf der Stelle wieder umkehren."

"Ha - wenn du könntest", sagte Barsuliam. "Aber da liegt die Schwierigkeit. Von hier drinnen ist es nur eine dünne weiche Haut, die vor dem Ausgang liegt. Aber von draußen ist es härtester Fels. Ich bezweifle sogar, dass für den, der nach draußen geht, dieser Gang hier überhaupt noch existiert. Nein, du könntest nicht zurück."

 

"Hat es denn schon jemand versucht?"

   "Alle, deren Knochen nicht in diesen Höhlen modern. Die meisten waren genauso ungeduldig wie du." Barsuliam zeigte ihm noch einige andere Welten. Eine, in der der Himmel schwarz war und die Erde brannte und eine andere, die von dichtem Nebel erfüllt war, in dem sich unheimliche Schemen bewegten. Keine davon schien Nidel geeignet, ihretwegen das Höhlenlabyrinth zu verlassen, in dem er, zumindest für den Augenblick, in Sicherheit war.

 

Er fragte Barsuliam, ob er ihm noch ein paar mehr Welten zeigen könne, aber der schüttelte den Kopf.

   "Nein, das muss reichen. Ich habe nur dieses eine Rohr und es wird jedes Mal ein Stückchen kürzer. Glaub mir, wenn es in diesen inneren Gängen eine Welt gäbe, die für mich geeignet wäre, hätte ich dieses Labyrinth schon längst verlassen."

 

"Das Rohr wird kürzer?", fragte Nidel. Barsuliam seufzte.  

    "Komm. Bevor ich es dir lange erkläre, sieh es dir selber an."  Wieder führte er Nidel in einen anderen Gang und in eine andere Nische. An ihrem hinteren Ende lag ein ausgebleichtes menschliches Skelett. Ein halbes menschliches Skelett, denn der Kopf und der obere Teil des Brustkorbes fehlten.

 

"Ich habe ihn hier liegen lassen", erklärte Barsuliam. "Sein Anblick hat sozusagen etwas Gleichnishaftes."

 

"Was ist mit ihm geschehen?", fragte Nidel.

    "Dumm war er!", keckerte Treek und drehte sich hüpfend um sich selbst. "Dumm, dumm, dumm."

     Barsuliam schob ihn mit dem Fuß zur Seite.

"Der Arme war so unbedacht, ohne Rohr in eine andere Welt zu schauen. Sie hat ihm nicht gefallen und er hat versucht, seinen Kopf zurückzuziehen. Aber es ging nicht. Sein Kopf und sein Oberkörper blieben draußen."

    "Oh", Nidel hob beeindruckt die Brauen. "Ich verstehe."

Barsuliam hob das Rohr an und zeigte auf sein unteres Ende. Der Rand war rau und unregelmäßig, als habe jemand das Rohr mit einer Säge gekürzt.

 

"Jedes Mal, wenn ich mit dem Rohr in eine andere Welt geschaut habe und es zurückziehe, geht ein halber Finger breit verloren. Als ich es fand, war es fast doppelt so lang. Es ist also nur eine Frage der Zeit, wann es ganz aufgebraucht sein wird. Deshalb setze ich es so sparsam wie möglich ein. Zum Beispiel, um einen ahnungslosen Besucher davor zu bewahren, Dummheiten zu begehen."

   "Vermutlich schulde ich dir mehr Dank, als ich jetzt ermessen kann", sagte Nidel.

    "Vermutlich", nickte Barsuliam. "Aber jetzt lass uns zurückkehren. Meine Beine machen mir zu schaffen und viel mehr gibt es auch nicht zu sehen."

 

Nidel folgte Barsuliam und Treek in die Halle zurück, von der aus sie aufgebrochen waren. Dort breitete Barsuliam eine löchrige Wolldecke aus, auf der sie sich niederließen. Da sie sich kaum bewegten, verebbte die Helligkeit in der Höhle bald zum Zwielicht.

 

Barsuliam erzählte noch einige Geschichten, von besonders seltsamen Besuchern und Nidel erfand einige Begebenheiten, die zu seiner vorgegebenen Identität als Kaufmann passten. Aber die Erzählungen des Alten wiederholten sich bald und an Nidels Geschichten schien er, trotz seines Eremitendaseins, kein großes Interesse zu haben. Er stellte zwar immer wieder Fragen, die mit Würfeln zu tun hatten, aber da Nidel sie ausweichend oder gar nicht beantwortete, schlief das Gespräch bald ein. Beide begannen abwechselnd in immer kürzeren Abständen zu gähnen.

 

"Du scheinst müde zu sein." stellte Barsuliam fest. "Willst du dich nicht ein wenig schlafen legen?"

  Nidel empfand die fürsorgliche Zuwendung des Labyrinthwächters in ausgerechnet diesem Punkt als verdächtig. Denn ob sein Besucher Hunger oder Durst hatte, schien Barsuliam herzlich gleichgültig zu sein. Schlafen kam jedenfalls nicht infrage. Im Gegenteil, nur wenn Barsuliam vorher einschlief, würde sich eine Gelegenheit ergeben, heimlich zu der Nische zurückzukehren, von der Barsuliam ihn so hastig weggezerrt hatte.

 

"Zwecklos", seufzte Nidel. "Die ersten Nächte in einer fremden Umgebung schlafe ich immer so schlecht, dass ich es gar nicht erst versuche. Aber was ist mit dir? Du bist hier zu Hause und mindestens genauso lange wach wie ich. Es stört mich nicht, wenn du dich für eine Weile aufs Ohr legst."

  

"Sinnlos", erwiderte Barsuliam. "Du bist der erste Besuch, den ich in vielen Jahren habe. Die Aufregung darüber würde mich sicher kein Auge zu machen lassen."

 

Nidel warf unter halb gesenkten Lidern einen verdrossenen Blick auf Treek, der zwischen Barsuliams unförmigen Stiefeln eingeschlafen war und leise durch die Nase schnarchte. Das würde bald zum Problem werden. Barsuliam und das kleine Ungeheuer konnten abwechselnd schlafen. Aber irgendwann würden Nidel die Augen zu fallen, und dann …, ja, was eigentlich? Er war sich zwar sicher, dass die beiden fieberhaft darüber nachgrübelten, wie sie ihn überwältigen konnten, aber offenbar waren sie selbst gemeinsam zu feige, um ihn anzugreifen, während er wach war. 

 

Fortsetzung folgt ..., im dritten und letzten Teil

 

 

 

 

Das Labyrinth der Welten Teil III, Schluss

(Urheberrechte und Copyrights ©

by Achim Hildebrand)

Der Alte schien etwas von dem Würfel ahnen und vielleicht sogar zu wissen, wie man mit ihm dieses Labyrinth verlassen konnte. Wenn es so war, würde er es Nidel sicher nicht auf die Nase binden, sondern warten, bis ihm der Würfel von selbst in die Hände fiel. Nidel musste es auf andere Weise herausfinden. Zuerst war es wichtig, mehr über Barsuliam und Treek erfahren. Waren sie überhaupt die einzigen Wesen in diesem Labyrinth? Oder gab es möglicherweise noch andere, die mehr wussten oder besser helfen konnten? Er musste wissen, was sich in der Nische verbarg.

 

Einige Stunden mochten vergangen sein, als Treek plötzlich ausgiebig gähnte, sich streckte und am Bauch kratzte. Dann setzte er sich vor Nidel in Position und starrte ihn mit schräg gelegtem Kopf an. Kurz darauf war es Barsuliam, der schnarchte. Nidel presste die Lippen zusammen. Genau wie er es befürchtet hatte. Und er selbst war mittlerweile so müde, dass er sich nicht mehr viel länger wach halten konnte.

 

Geifer tropfte in langen Fäden aus Treeks breitem Maul und in seinen Augen loderte eine Gier, die Nidel zunehmend beunruhigte. Es war Zeit, dass er etwas unternahm, bevor ihn die Müdigkeit überwältigte und er den beiden ausgeliefert war – was immer sie auch vorhaben mochten.

 

Eine Weile wartete er noch, bis er sicher war, dass Barsuliams Schnarchen tatsächlich das eines Schlafenden war. Dann erhob er sich leise und betrat den Gang, den er mit Barsuliam besichtigt hatte. Treek stellte sich schnüffelnd auf die Hinterbeine und hopste in einigen Schritten Abstand hinter ihm her. Nidel tat zunächst so, als wolle er sich nur ein wenig die Beine vertreten und schlenderte scheinbar ziellos durch die Gänge. Hin und wieder warf er einen Blick in eine Nische oder schaute interessiert zur Höhlendecke. Aber er achtete sorgfältig darauf, die Richtung einzuhalten, die er sich gemerkt hatte. An der nächsten Verzweigung bemerkte er die Stelle, an der er die Käfer zerdrückt hatte. Die Überreste klebten zwar nicht mehr an der Wand - wahrscheinlich hatten ihre Artgenossen sie längst verwertet - aber wo der Schleim der zerplatzten Käfer in den Stein gedrungen war, hatte sich ein großer dunkler Fleck gebildet. Nidel warf noch einen prüfenden Blick nach hinten. Treek hockte in der nächsten Nische und belauerte ihn mit vorgestrecktem Kopf.

 

"He - du kleines Scheusal. Du bist so hässlich, dass deine Mutter sich heute noch schämt, dich geboren zu haben!", schrie Nidel und rannte los. Hinein in die Dunkelheit des Stollens, denn so schnell, wie er lief, konnte ihm das Licht der Käfer nicht folgen. Aber als er hinter sich schaute, bemerkte er, dass Treek ihm mit langen ungelenken Hopsern folgte, jedoch zu langsam, um aufholen zu können.

 

Nidel hatte eine ungefähre Vorstellung, wie weit er laufen musste. Als er das Gefühl hatte, in der Nähe der Nische zu sein, die Barsuliam ihm nicht hatte zeigen wollen, blieb er stehen. Sanft schwoll das Licht um ihn herum an. Richtig, da war der Vorhang. Nidel trat darauf zu und ergriff ihn. Er schaute noch einmal den Stollen hinunter. Treek war zwar nicht zu sehen, aber das Platschen seiner Sprünge bewies, dass er nicht daran dachte, die Verfolgung aufzugeben.

 

Nidel lächelte grimmig und riss den Vorhang zur Seite. Ein dumpfer, süßlicher Geruch schlug ihm entgegen, erstickend wie eine feuchte Filzdecke. Er presste die Hand vor den Mund und versuchte, mit der anderen, die schlechte Luft wegzuwedeln. Die Nische unterschied sich kaum von allen anderen, aber sie war nicht leer. Mit dem anschwellenden Licht schälten sich nach und nach Umrisse aus der Dunkelheit, große Haufen von Dingen, die an den Nischenwänden aufgeschichtet lagen. Nidel erkannte ganze Berge von Kleidungsstücken, schmutzige und verschossene, aber auch nagelneue. Daneben Schuhe, lange, rostige Schwerter, Helme und Werkzeuge. Sogar Dutzende der bronzenen Rohre – wo immer sie herkommen mochten. Es wirkte fast wie das Arsenal einer Armee.

 

 

Erst als Nidel zur Decke schaute, erkannte er, wo er sich befand und das Entsetzen packte ihn mit eisiger Hand bei der Kehle. An eisernen Haken hingen dort große Stücke getrockneten Fleischs, schwarzrot und glänzend. Einige davon hatten Formen, die noch erkennen ließen, um welches Fleisch es sich handelte. Heftiger Schwindel überkam Nidel. Er stützte sich gegen die Nischenwand und versuchte, seinen Brechreiz zu unterdrücken.

 

Dann fiel sein Blick auf einen weiteren Stapel, ganz am Ende der Nische. Es war der kleinste, aber … Würfel! Es mussten tausende von kleinen schwarzen Würfeln sein, die alle so aussahen, wie der, den er in seiner Tasche trug. Nidel ging hin und nahm einen von der Spitze des Haufens. Er sah genauso aus, wie der, den er in der Tasche hatte. Nur, dass statt der drei Striche auf jeder Seite ein silberner Kreis eingeprägt war.

 

Nidel fühlte, wie ihn der Schwindel erneut zu überwältigen drohte, als er begriff, was sich hier seit Ewigkeiten abspielen musste. Aber er durfte jetzt keine Schwäche zeigen. Treeks Hopser wurden immer lauter – er musste jeden Moment auftauchen. Nidel steckte den Würfel in seine Jackentasche. Dann kehrte er zum Eingang der Nische zurück, zog sein Messer und verbarg sich hinter den breiten Falten des Vorhangs.

 

Schon zwei Atemzüge später streckte Treek seinen unförmigen Kopf in den Eingang und lugte schnüffelnd hinein. Nidel verlor keine Zeit. Er schoss nach vorne, packte das kleine Monstrum im Genick, riss es empor und setzte ihm die Klinge an die Kehle. Treek schrie wie eine zornige Krähe und schlug mit allen Vieren um sich, aber Nidels Griff ließ den Schrei in einem heiseren Röcheln verstummen.

 

 

"Halt still, kleines Scheusal, oder ich schneide dir deinen hässlichen Schädel vom Hals", knirschte Nidel. Treek wurde schlaff wie eine Marionette.

 

"Und jetzt raus mit der Sprache: Was geht hier vor? Was hat es mit diesem Barsuliam, oder wie er heißen mag, auf sich?" Nidel lockerte seinen Griff ein wenig, um Treek genug Luft zum Reden zu lassen. Das Krötenwesen hustete und spuckte, leistete aber keinen Widerstand mehr.

 

"Raus!", krächzte es. "Wir wollen hier raus …, endlich raus!"

 

"Ja und?", fragte Nidel.

 

"Würfel – man braucht Würfel dafür. Wir wissen, du hast einen. Du musst ihn uns geben."

 

"Würfel?", herrschte Nidel ihn an. "Und was ist mit denen da?" Er hielt Treek so, dass dieser auf den Würfelberg schauen musste.

 

"Die taugen nichts", quäkte Treek. "Sie alle falsch."

 

"Wie? - falsch?"

 

"Falsch! Sie nur gut, um herzukommen. Aber nur einer, der bringt hinaus."

 

"Na und – meiner ist auch falsch", sagte Nidel aufs Geratewohl.

 

 

"Nein, du hast ihn. Du hast den einzigen – wir wissen es! Ich habe es gerochen. Alle anderen sind hier. Er muss es sein", Treek drehte mühsam den Kopf nach hinten und schaute Nidel aus fiebrig leuchtenden Augen an. "Er hat drei Striche auf jeder Seite - nicht wahr? Die hat er doch?"

 

"Was weiß ich", knurrte Nidel. Er überlegte, ob er Treek einfach die Kehle durchschneiden und die weiteren Verhandlungen mit Barsuliam führen sollte, konnte sich aber nicht entschließen. "Und wenn - wie benutzt man ihn, um wieder hinauszukommen?" Trotz seiner unangenehmen Lage begann Treek zu kichern.

 

"Du weißt es nicht? Dann wird er dir nichts nützen. Dann kannst du ihn uns geben."

 

"Wenn du es mir sagst, nehme ich euch beide mit hinaus", sagte Nidel und drückte wieder fester zu. Er hatte das Gefühl, Zeit zu verlieren. Dieses Verhör musste bald zu einem Ergebnis kommen.

 

"Das geht nicht", röchelte Treek. "Nur ei …, nur einer kann ihn benutzen."

 

"Nur einer? Und was ist mit …" Nidel hob überrascht die Brauen. Aber Treeks verschlagenes Grinsen verriet ihm, woran er war. Genau so, wie er wusste, dass er den Würfel um keinen Preis aus der Hand geben durfte, wenn er jemals wieder die Sonne sehen wollte.

 

"Aaah!" Nidel fühlte sich plötzlich im Genick gepackt – mit so roher Gewalt, dass er seine Wirbelknochen knirschen hörte. Der Schmerz lähmte ihm die Muskeln. Treek und das Messer fielen zu Boden.

 

"Haben wir wieder unsere gute Erziehung vergessen?" dröhnte Barsuliams Stimme. "Sind wir wieder neugierig?" Die riesige Hand, des Alten umschloss Nidels Hals wie einen dünnen Stock. Er spürte, wie Barsuliams Fingerspitzen vor seinem Kehlkopf zusammen trafen. Nidel wurde in die Luft gehoben, wie er es zuvor mit Treek getan hatte. Dieser Alte war keineswegs gebrechlich. In seinen monströsen Händen wohnte eine Kraft, die Nidel noch nie bei einem Menschen beobachtet hatte. Schlagartig war ihm klar, dass er verloren hatte. Aus diesem Griff gab es kein Entkommen mehr.

 

"Also gut", fuhr Barsuliam fort. "Deine Neugier kürzt die Sache wesentlich ab. Du kannst stolz darauf sein, dass noch niemand sich so kurze Zeit hier lebend aufgehalten hat, wie du. Und du…", er richtete seinen Blick auf Treek, der winselnd am Boden hockte. "…du hattest doch nicht vor, den Würfel auf eigene Rechnung an dich zu bringen? Du wolltest doch nicht ohne deinen alten Meister von hier verschwinden?"

 

Treek stieß einen ängstlichen Quiekser aus und versuchte, in Deckung zu hopsen. Aber Barsuliams schwerer Stiefel traf ihn mitten im Sprung und schleuderte ihn gegen die Rückwand der Nische. Mit einem verzweifelten Heulen verschwand das Geschöpf in der wachsweichen Masse.

 

"Und jetzt zu dir", sagte Barsuliam bedächtig. "Wo haben wir den Würfel versteckt? Hier? Oder da?" Seine freie Pranke tastete über Nidels Jacke. 

 

"Hier ist er!", krächzte Nidel. Er fasste in seine Jackentasche, nahm den falschen Würfel heraus und schleuderte ihn zwischen die Kleiderhaufen. Barsuliam warf Nidel zur Seite wie einen leeren Sack und hastete hinterher. Während er in den Kleidern wühlte, versuchte Nidel keuchend, wieder auf die Beine zu kommen. Er wusste, dass ihm nur wenige Augenblicke blieben.

 

"Das ist er nicht!", hörte er Barsuliam brüllen. Der Alte fuhr herum. In seinem Blick flackerte nackter Wahnsinn. "Wo ist der Richtige?"

 

 

Nidel antwortet nicht. Auf unsicheren Beinen stolperte er aus der Nische und hastete in Richtung der großen Halle. Einen richtigen Plan hatte er nicht. Ohne Barsuliams Hilfe war der Würfel für ihn wertlos und der Alte würde ihm das Geheimnis nicht freiwillig verraten. Alles, was Nidel tun konnte, war, Zeit zu gewinnen und zu hoffen, dass ihm eine brauchbare Idee kam.

 

Er spähte im Laufen nach hinten, um zu sehen, ob der Alte ihm folgte. Aber Barsuliam stand hoch aufgerichtet in der Mitte des Ganges. Die Arme ausgebreitet und den Kopf nach hinten geworfen stieß er einen durchdringenden, trillernden Schrei aus. Aus Zorn? Aus Verzweiflung? Nidel konnte sich keinen Reim darauf machen. Aber da der Schrei keine Wirkung auf ihn selbst zu haben schien, rannte er einfach weiter.

 

Plötzlich glaubte er eine Bewegung weit vor sich zu bemerken, aber das Licht reichte noch nicht weit genug. Da Barsuliam ihn nicht verfolgte, blieb er stehen und kniff die Augen zusammen. Da waren auch Geräusche. Ein feuchtes Platschen, wie von – war das Treek? Unmöglich, das kleine Monstrum befand sich in einer Welt, aus der es nie zurückkehren würde. Nein – Nidel spürte wie seine Nackenhaare sich aufstellten, als ein Schatten nach dem anderen sich aus dem Dunkel schälte. Das waren Hunderte von Treeks! Der ganze Boden des Stollens war ein brodelnder Teppich hopsender und zischelnder Krötenwesen, die sich beängstigend flink auf ihn zu bewegten. Mit dieser Horde konnte er es nie und nimmer aufnehmen. Dann lieber versuchen, an Barsuliam vorbeizukommen.

 

Nidel wirbelte herum und rannte zurück. Es war klar, dass bald eine Entscheidung fallen musste. Lange konnte er die Verfolgungsjagd durch die endlosen Stollen nicht mehr durchhalten.

 

 

Barsuliam stand noch immer mitten im Gang. Aber diesmal hielt er eines der großen Schwerter aus der Nische in den Händen. Nidel erkannte das dämonische Grinsen im Gesicht des Alten, als dieser ihn den Gang herauf kommen sah.

 

"Lass es uns zu Ende bringen!", frohlockte der schreckliche Hüter des Labyrinths. Aber Nidel rannte mit unverminderter Geschwindigkeit weiter und begann Haken zu schlagen. Barsuliam ahnte wohl, dass sein Opfer noch nicht ganz aufgegeben hatte und hob das Schwert. Aber es war eine außergewöhnlich schwere und unhandliche Waffe. Selbst mit seiner unmenschlichen Kraft konnte er es nur mühsam handhaben. Nidel erkannte den winzigen Augenblick, der ihm blieb, dem Schwerthieb zu entgehen. Aus dem Lauf heraus schnellte er sich nach vorne und schoss flach am Boden unter der zischenden Klinge hindurch - rollte sich ab, sprang auf die Beine und rannte weiter. Barsuliams Fluch und das Klirren des Schwertes blieben hinter ihm zurück.

 

Aber etwas war nicht in Ordnung. Ein stechender Schmerz, der mit jedem Schritt heftiger wurde, brannte in seinem Knie. Beim Absprung musste sich die Kniescheibe endgültig verschoben haben. Schon nach hundert Schritten wusste Nidel, dass es zu Ende war. Er konnte nicht mehr rennen und hinter ihm wurde das Trappeln der Krötenwesen immer lauter. Keuchend vor Schmerz stützte er sich gegen die Stollenwand und humpelte weiter, tausende von Leuchtkäfern zerdrückend. Rechts vor ihm öffnete sich der Eingang zu einer Nische. Die allerletzte Chance.

 

Wenn er sich dort versteckte …, vielleicht würden seine Verfolger es nicht bemerken und einfach vorbeirennen. Sein von Schmerzen betäubter Verstand sagte ihm zwar, wie sinnlos seine Hoffnung war, aber er atmete erleichtert auf, als er in den Schutz der Nische und zu ihrem rückwärtigen Ende taumelte. Keuchend blieb er stehen und drückte sich gegen die Seitenwand.

 

Das Zischen und Hoppeln kam näher; auch Barsuliams Rufe und der schwere Schritt seiner Stiefel. Nidel ließ kraftlos die Arme sinken und starrte zum Eingang der Nische.

 

Zischeln und Trappeln …, lauter …, lauter .…, sie kamen! Wie eine Flut durch einen gebrochenen Damm strömten sie in die Nische, hopsten auf Nidel zu und bildeten einen lebenden Teppich um ihn herum. Er versuchte, nach ihnen zu treten, aber sie wichen seinen unsicheren Tritten mit Leichtigkeit aus.

 

"Na kommt schon", krächzte Nidel. "Worauf wartet ihr? Bringen wir es hinter uns."

Aber sie kauerten nur da und starrten ihn an. Dann erschien Barsuliam im Eingang der Nische. Sein steingraues Gesicht war vor Anstrengung und Zorn gerötet und in seinem Blick las Nidel nichts als Wut und Gier.

 

 

"Siehst du", sagte der Alte. "Deine blinde Flucht war umsonst. Den Tod hättest du leichter haben können." Schwer atmend stapfte er auf Nidel zu; die Masse der Krötenwesen teilte sich vor seinen Schritten, wie eine Volksmenge vor dem Herold eines Königs.

 

"Halt!", schrie Nidel mit überschnappender Stimme. Barsuliam hielt verdutzt im Schritt inne.

 

"Halt!" Nidel riss den Würfel aus seiner Hosentasche und hielt ihn hoch. "Noch einen Schritt und ich werfe ihn dort hindurch." Er deutete auf die Rückwand der Nische, hinter der eine fremde, unberechenbare Welt lag. Barsuliam legte den Kopf zur Seite und wirkte plötzlich unsicher. Er versuchte ein wohlwollendes Lächeln.

 

"Nicht doch. Ich weiß, dass du am Leben hängst. Lass uns miteinander reden. Wir werden uns sicher einigen."

"Einigen? Worüber?"

"Wir könnten den Würfel gemeinsam benutzen, um…"

"Das geht nicht", keuchte Nidel. "Es kann ihn nur einer benutzen. Treek hat es mir gesagt."

 

Barsuliam breitete die Arme aus. "Was weiß denn Treek? Komm erst mal zu Atem und beruhige dich." Seine Hände vollführten eigenartig rhythmische Gesten. Nidel konnte nicht anders, als ihnen mit den Blicken zu folgen. Er spürte, wie seine Wachsamkeit nachließ und sich mehr und mehr mit Barsuliams Gesten beschäftigte.

 

 

"E'shheer!" der gezischte Laut des Alten klang wie ein Befehl. Nidel sah aus den Augenwinkeln, wie etwas Dunkles auf ihn ein sprang. Kleine scharfe Zähne gruben sich in sein Handgelenk, bis der Schmerz ihm die Finger öffnete und der Würfel zu Boden fiel. Schreiend schleuderte er das Krötenwesen von sich und wich einen weiteren Schritt zurück. Sein verletztes Bein knickte unter ihm weg. Nidel strauchelte, verlor das Gleichgewicht und fiel nach hinten gegen die Rückwand der Nische. Sein Körper sank in die wachsartige Masse ein. Nidel spürte, wie sie sich über ihm schloss, in seine Ohren und Nasenlöcher einzudringen versuchte, aber er fiel durch sie hindurch und im nächsten Moment fühlte er kalte Luft über sein Gesicht streichen.

 

Er stürzte rücklings zu Boden und prallte mit Schulter und Kopf gegen etwas Hartes. Vor seinen Augen tanzten bunte Flecken und für einen Moment glaubte er, das Bewusstsein verloren zu haben. Doch als die Flecken verblassten, war es zwar finster, aber seine Gedanken waren noch da. Seine Sinne auch, denn er nahm den Geruch von feuchtem Holz und verschüttetem Wein wahr.

 

Ein schwacher Lichtschimmer drang durch das Dunkel und wurde immer heller. Dann hörte er leise Stimmen. Menschliche Stimmen, die aufgeregt durcheinander riefen:

 

"Wo ist er, Thaina? Er kann doch nicht einfach verschwunden sein!"

 

"Da! Da sitzt er doch!"

 

"Warte Freundchen, jetzt gerben wir dir dein Fell!"

 

 

Nidel ließ sich grinsend gegen die Säule sinken und presste schützend die Hände vor sein Gesicht. Sie waren kalt und leer. Der Würfel war fort. Aber – Prügel hin oder her – kein Spieler hatte je einen glücklicheren Wurf gemacht.

 

 

ENDE DER GESCHICHTE