SCIFI FORTSETZUNGSROMAN

Kurz-Vita

 

Hildegard Schaefer

 

Geboren 11/49 in Lauenburg/Elbe begann ich mit 11 Jahren SF zu verschlingen, mit 17 las ich meine ersten Märchen. 16 Jahre war ich alt, als ich Europa bereiste. Nach einem halben Jahr ließ ich mich in Amsterdam aufgreifen. Es folgten zwei abgebrochene Lehren, dann Arbeit als Tankwart, im Krankenhaus, Fabrik, Post, Tierarztpraxis, Altenhelferin, Kassiererin, mehrere selbstständige Tätigkeiten u. v. a. mehr. Letztendlich arbeitete ich 23 Jahre als Bürokauffrau in Hamburg. Seit 1969 bin ich verheiratet und wohne in Buchholz/Nordheide. Wir haben zwei Kinder und vier Enkel. Ehrenamtliche Tätigkeiten als Hospizhelferin und Krankenhaus-Besuchsdienst. Zurzeit bin ich Mitarbeiterin im Mehrgenerationenhaus.

 

 

Seit 2003 bin ich Mitglied bei den Freien Deutschen Autoren, vorher und jetzt bin ich Teilnehmer in verschiedenen regionalen Schreibgruppen, halte Lesungen, gebe Workshops und bin mit Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien vertreten. 

 

 

INNERE STIMMEN

(Urheberrechte & Copyrights © by Hildegard Schaefer)

 

Prolog

 

Manuel bremst, er wird von einem hellen Licht geblendet.

    „Das kann doch nicht wahr sein, ein Ufo, und wir hier. Und das jetzt, wo ich dich schnell nach Hause bringen wollte, Wanda.“ Seine Beifahrerin antwortet nicht und starrt gebannt auf den Acker. „Aliens, davon habe ich schon immer geträumt. Ich hatte gehofft, dass mir mal einer begegnet, ich habe keine Angst vor ihnen, ich bin ein begeisterter Science Fiction Leser – schon immer gewesen. Aber dass das alles heute passiert - und das an diesem Abend, der sowieso  alles verändern wird.“ Sie öffnet die Autotür.

    Manuel packt sie am Arm. „Bleib hier, du weißt nicht, was du tust. Gerade jetzt, gerade jetzt wo wir – wir dürfen auf keinen Fall irgendwie in dieses Geschehen  hier hineingezogen werden, dann fliegt alles auf.“

    „Was fliegt alles auf, dann weiß deine Frau Bescheid, meinst du wohl. Du hast doch mit mir Schluss gemacht. Heute Abend. Eben gerade. Und ob du wirklich sterben wirst – das kann ich nicht glauben. So gesund wie du aussiehst. Das ist nur eine billige Ausrede von dir, weil du deiner Frau keinen reinen Wein einschenken möchtest.“

 

Manuel schweigt. Sie hat ja recht. Den ganzen Tag, kämpfte er mit sich, dann siegte die Bequemlichkeit. Drei Monate hat der Arzt ihm noch gegeben Warum sollte er diesen ganzen emotionalen Terror über sich ergehen lassen, besser wäre doch, einfach abzuwarten und alles auf sich zukommen zu lassen. Und sich des Restlebens zu freuen und jedem Stress aus dem Weg zu gehen. Wanda ist lieb, aber es wäre besser, wenn dieses anstrengende Verhältnis jetzt beendet werden würde. 

 

Er lässt den Acker nicht aus den Augen. „Da, jetzt ist es gelandet und nicht mehr so hell, jetzt können wir schnell wegfahren. Wanda, bleib doch um Himmels willen im Auto.“

    „Das könnte dir wohl so passen.“ Wanda reißt die Tür auf und läuft auf das schimmernde Ding zu. Manuel bleibt auf seinem Platz sitzen und verriegelt die Türen. Er sieht seine Geliebte schnellen Schrittes auf den Acker gehen und zeitgleich öffnet sich eine Tür in dem Ufo. Wanda bleibt stehen, wartet, dann geht sie mit ausgestreckten Händen weiter. Zwei Wesen steigen aus dem Ufo. Sie tragen silbern schimmernde Kleidung und gehen auf die Frau zu. Manuel hört nicht, was gesprochen wird, aber er sieht, dass sich Wanda weiter auf die beiden zu bewegt. Er hat den Eindruck, dass es Menschen sind, doch das kann er sich nicht vorstellen, denn das hätte er in den Nachrichten – hoffentlich - gehört, dass irgendein Land so etwas gebaut hätte, was so aussieht wie ein UFO.

 

Mit den Händen formen die beiden eine flirrende Scheibe. Es entstehen Bilder um die Gruppe herum, und Manuel sieht zu seinem Erstaunen Pyramiden erscheinen, in denen die beiden Personen herumgehen. Sie winken Wanda einladend zu und sie folgt ihnen..

    „3D live“, rutscht es aus Manuel heraus, „aber warum Pyramiden. Wenn sie zu denen wollten, dann brauchen sie doch nicht uns zu fragen.“

 

Wanda dreht sich zu ihm um und winkt. Warum Pyramiden - Manuel  hat sich schon immer für Archäologie interessiert, gerade diese Bauwerke fand er einfach nur spannend. Er öffnet die Tür, lässt sie offen stehen. Warum Pyramiden, warum Pyramiden, in denen man umhergehen kann, als ob die Zeit stehengeblieben wäre. Die Neugier lässt ihn nicht los.

    „Komm“, ruft Wanda ihm zu.

„Sie beißen nicht, sie sind sogar Menschen wie wir, braungebrannt und Zwillinge und ich kann sie sogar verstehen.“

 

Manuel betritt den Ackerboden. Wahrscheinlich kommt hier Getreide hoch, die ersten Hälmchen sind bereits zu sehen. Es wird Spuren geben, morgen wird sich ein Bauer darüber beschweren – oder auch nicht, die Gegend hier ist menschenleer, das war einer der Gründe, warum er mit Wanda schon so oft hierhergefahren war. Worauf habe ich mich da nur eingelassen, fragt er sich und gibt sich sogleich die Antwort. Wegen der Pyramiden. Warum haben Aliens 3D Live Pyramiden fragt er sich zum wiederholten Male. Und schon steht er inmitten dieser Illusion und ergreift Wandas Hand.

   „Das ist mein Mann“, erklärt sie den beiden abwartend vor ihr stehenden Fremden. Beide Parteien verbeugen sich voreinander und halten die Handflächen geöffnet nach oben.

    „Er und ich, wir beide würden Ihr Angebot gerne annehmen“.

Manuel schaut sie erschrocken an.

    „Was für ein Angebot, Wanda?“

„Ach Manuel, das wäre doch eine riesengroße Chance für uns. So wie ich sie verstanden habe, möchten sie uns kurzfristig entführen. Sie wollen beim Mutterschiff, was außerhalb der Reichweite unserer Instrumente liegt, und dort ein paar unserer Chromosomen entnehmen. Sie haben das schon öfter gemacht, sagen sie“.

 

    „Ja“, meldet sich der gegenüber Manuel stehende Alien.

„Sogar sehr oft schon. Wie Sie unschwer sehen, sind wir beide Klone. Und auch wenn unsere Wissenschaft schon sehr weit fortgeschritten ist und es keine Krankheiten mehr bei uns gibt, können wir nur begrenzt Klone herstellen. Manchmal brauchen wir eben frisches Material. Wir haben ihre Welt sozusagen als Reservoir, schließlich kommen wir ja auch von hier.“

      Manuel starrt ihn an. „Von hier? Was soll das bedeuten?“

„Na ja, sie haben doch noch ein paar Pyramiden hier. Allerdings nicht mehr so viele. Früher, als wir hier noch lebten, gab es Unmengen davon. Diese paar restlichen, die jetzt noch stehen, wurden weit nach unserer Zeit erst gebaut. Ich verstehe übrigens nicht, wieso niemand  bei dieser Bauweise geblieben ist, es gibt nichts Besseres. Hier“, er macht eine einladende Geste mit seinem Arm. „Schauen sie, so wohnen wir. Inmitten dieser Pyramiden, mitten in unserer neuen Welt. Wir mussten vor langer Zeit diese Welt verlassen, um uns zu retten – es gab hier eine große Katastrophe, davon wissen sie bestimmt noch, und einige von uns waren so mutig, den Sprung in das All zu wagen. Und es geht uns gut, all die vielen Jahre, aber eben diese Klone, das ist noch unser Problem“.

 

Manuel hört ihm mit offenem Mund zu. „Sie kommen von hier? Sie sind die Erbauer unserer Pyramiden? Warum haben sie denn mit uns keinen Kontakt aufgenommen außer ab und zu Menschen zu entführen?“

    Der andere Mann nickt.

„Wobei“, relativiert er, „diese jetzigen Bauwerke sind ziemlich missglückte Kopien unserer Gebäude, aber – es ging wohl nach der Katastrophe alles drunter und drüber und wir hatten lange Jahre keine Möglichkeit, hierher zurückzukehren. Wir mussten erst einmal unsere eigenen Probleme lösen. Und, wenn sie ehrlich sind, schauen sie sich um – überall Krieg – sie bekommen ihre Welt und ihre Herausforderungen noch lange nicht in den Griff. Sie sind noch nicht so weit für eine planetenübergreifende Kommunikation. Wir wollten der Menschheit eine Chance geben, diese vielen Streitigkeiten beizulegen – aus eigener Kraft.“

Manuel nickt heftig. „Aber Krankheiten – haben sie die noch? Solche wie Krebs zum Beispiel?“

Beide sprechen zusammen wie im Chor. „Natürlich nicht, Krebs war das erste, was wir eliminierten.“

Wanda schaut Manuel an. „Wie sich das anhört, leben sie wie im Paradies. Was wäre, wenn wir uns entschließen, mit ihnen zu gehen? Jetzt gleich, sofort? Wir haben nichts zu verlieren. Und du hast eine Chance, wieder gesund zu werden.“

    „Gerne, kommen sie mit, wir würden uns freuen. Normalerweise möchte niemand seine Heimat verlassen, aber wenn sie beide kommen möchten, dann ist das in Ordnung für uns. Sagen Sie, können sie Kinder gebären?“, er wendet sich Wanda zu und sein Gesicht beginnt zu strahlen als sie freudig nickt. „Das wäre sehr interessant für uns, nicht wahr?“ Er dreht sich zu seinem Zwilling um, der heftig mit dem Kopf nickt. „Das wäre wirklich wunderbar, aber schauen sie sich noch vorher unsere Pyramiden von innen an, ob sie sich vorstellen können, in so einem Gebilde zu wohnen.“

 

Die beiden fassen sich an den Händen und betreten mutig die nächste, schimmernde Pyramide. Manuel sieht die Welt plötzlich mit anderen Augen an. Einfach verschwinden – neu anfangen. Er sieht schon die Zeitung: Universitätsprofessor vermisst. Wurde er von einem Ufo entführt? „Wanda, ich liebe dich, jetzt haben wir vielleicht doch eine Zukunft.“

 

Die beiden Wesen schauen auf die Körper der beiden Menschen, die jetzt auf den Boden liegen. Die Pyramiden sind verschwunden. Zwei große Käfer stehen jetzt dort und Eklid rasselt in seiner eigenen, klickenden Sprache. „Es funktioniert immer wieder mit den Pyramiden, die Subjekte sind so neugierig. Aber dass sie freiwillig mitkommen wollen, das hatten wir noch nicht.“ Beide klicken mit ihren Mundöffnungen. „Lass uns starten, die oben warten schon auf uns. Nicht, dass noch welche hier in dieser einsamen Gegend vorbeikommen. Immerhin haben wir zwei Exemplare unauffällig kapern können.

 

Auf dem Raumschiff herrscht emsiges Schwirren, die beiden Menschen werden in eine Maschine gelegt, und eine durchsichtige Zyste wird implantiert. Eklid wendet sich an Surtik. „Krebs hat der Mann, willst du ihn etwa davon befreien? Als Belohnung sozusagen?“

 

Surtik schaut auf die beiden. „Es liegt eigentlich nicht in unserem Interesse, dass sie lange leben. Hätten sie auf ihren Symbionten gehört, wäre er wohl nicht krank geworden, aber sie sind ja so dumm.“ Er wendet sich an Eklid und klickt

    „Ja, wer hört schon auf sein Bauchhirn, auf seinen Symbionten? Zum Glück für uns wissen sie nichts von ihm, sonst hätten wir es nicht so leicht gehabt mit ihnen. Wir haben uns an die menschliche Sprache und die Bewegungen gewöhnt, aber es wird langsam Zeit, dass wir uns ablösen lassen und wieder nach Hause kommen. Diese ganzen Aktionen mit den Entführungen, das alles nur, um mehr über diese Spezies mit ihren Symbionten zu erfahren. Dabei haben wir sogar die Wahrheit gesagt, denn immerhin stimmt das ja mit den Pyramiden, es ist also nicht gelogen und nicht weit hergeholt. Nur dass diese Menschen damals nach der Katastrophe auf der neuen, unwirtlichen Welt strandeten. Aber sie haben ja das Beste daraus gemacht. Genaugenommen haben sie die ganze Welt ausgehöhlt. Die Technik, die sie dafür nutzten, das ist auch etwas, was wir uns von ihnen nehmen wollen. Und wir wissen nicht einmal, ob sie die Raumfahrt einstellten oder im Geheimen weiter daran forschen. Deshalb müssen wir unsere kleinen Spione in diese Körper hier einbetten, damit wir zumindest Ohren auf dieser Ursprungswelt haben und so etwas über sie erfahren können. Über ihre Denkweise und ihre Biologie, denn um einen Feind zu bekämpfen, sollte man so viel wie möglich über ihn herausfinden.“

 

Die Maschine vor ihnen summte. „Ah fertig, jetzt haben sie unsere kleinen Miniatur-Käfer-Spione im Leib – und sie haben immer noch keine Technik entwickelt, sie zu entdecken. Gut für uns. Denn wenn ihre Zeit gekommen ist, wenn sie über diesen Körper und sein Denken alles erfahren haben, was möglich ist, und uns weitergeben konnten, dann werden sie ihr Werk vollenden. Und wenn sie der Meinung sind, der Krebs bringt den Menschen zu früh zu Tode, dann werden sie die nötigen Schritte übernehmen – vielleicht hat die Frau ja recht, und er wird geheilt – wer weiß das schon.“ Beide nehmen die Körper aus der Maschine heraus und legen sie zurück in den kleinen Gleiter, mit dem sie zum Mutterschiff geflogen waren. 

 

Nach ein paar Minuten erreichen sie wieder den Platz, von dem sie gestartet waren und bringen die beiden Menschen zurück in das Auto, das immer noch mit geöffneter Tür auf der Straße steht.

    „Ich habe ja gesagt, hier kommt keiner vorbei“, klickt Eklid. „Diesen Platz müssen wir uns merken, vielleicht haben wir morgen noch einmal so viel Glück.“ Surtik gibt zu bedenken;

     „na ja, wir haben aber keinen Vorrat mehr an Mikrokäfern, das darfst du auch nicht vergessen, und auf dem Schiff können wir sie nicht herstellen, also sollten wir zurück nach Hause fliegen. Und außerdem müssen wir die ganzen Informationen, die wir von den kleinen Spionen gesendet bekamen, erst auswerten. Das wird noch eine ganze Zeit dauern, denn wir müssen sehr langsam über den Planeten fliegen, um ihre Signale zu empfangen, aber wir sollten dabei nicht beobachtet werden. Sonst fangen die Menschen auf dieser Welt an, sich bedroht zu fühlen. Wir sind ja tatsächlich schon oft beobachtet worden, allerdings folgten keine Schritte gegen uns. Diese Wesen können sich wohl nicht vorstellen, dass es Leben außerhalb ihrer kleinen Kugel gibt. Diese Erkenntnis sollte noch eine ganze Weile dauern, umso mehr Zeit haben wir, uns vorzubereiten. Ungestört vorzubereiten. Und dann können wir unsere Eroberung des ausgehöhlten Menschenplaneten endlich planen. Diese Welt ist noch nichts für uns, so rückständig wie die hier sind.“

 

Manuel starrt auf das Lenkrad. Seine Hände liegen im Schoß und die Scheinwerfer sind nicht angeschaltet. Es ist dunkel geworden. Warum steht er hier auf dieser gottverlassenen Straße ohne Licht? Ein Seufzen neben ihm lässt ihn zusammenzucken. Wanda. Ach ja, seine geliebte Wanda. Sein Kopf fühlt sich an, als ob er in Watte gepackt sei. Er hat es ihr gesagt. Oder etwa  nicht? Er ist krank. Sehr krank sogar. Hat sein Arzt gesagt. Auch Ärzte können sich irren. Soll er jetzt die verbleibende Zeit nutzen und das tun, was er schon immer tun wollte? Mit Wanda zusammenleben - vielleicht auf einer einsamen Insel oder dort, wo niemand Fragen stellt? Oder sollte er reumütig zurückkehren zu seiner Frau, und die letzten Monate seines Lebens in einer kalten Umgebung verbringen, die sein Herz gefrieren lässt? Was ist mit seinen Studenten – wer würde ihn vermissen? Soll er die letzte Zeit noch Geld heranschaffen müssen – wollen – sollen?

Er verspürt plötzlich einen Heißhunger. Sein Mund ist trocken – Durst hat er auch. Was ist los mit ihm? Warum kann er sich nicht daran erinnern, was er mit Wanda besprochen hat?

 

„Manuel“, eine brüchige Stimme neben ihm lässt ihn zusammenzucken. „Was ist passiert? Irgendwie ist mir so komisch – und ich habe einen Riesenhunger. Und Durst auch. Ich habe im Kofferraum einen Picknickkorb mit Essen und Sekt und Selters – holst du ihn bitte nach vorne? Ich weiß nicht - ich glaube, wir wollten etwas feiern, aber ich kann mich gerade nicht daran erinnern, was wir feiern wollten. Und wieso stehen wir mitten auf der Straße? Wir sind doch sonst immer zu dieser Lichtung gefahren, wo uns keiner sehen kann und dort haben wir – haben wir …“

    „Ja, Schatz, dort haben wir uns geliebt. Aber ob wir da heute Abend gewesen sind und was wir dort gemacht haben, das kann ich dir beim besten Willen nicht sagen“.

     Er steigt aus und holt den Picknickkorb aus dem Kofferraum. Sein Blick fällt auf den Boden neben dem Auto.

    „Moment, Wanda, da ist was komisch“. Er geht auf das Land, kleine Halme sind zu sehen, wahrscheinlich wird dort Getreide angebaut. Er sieht Fußspuren auf dem Acker, und noch ein Paar. Frauenfußspuren. Er schaut auf seine Schuhe, sie sind Lehm-verkrustet. War er etwa auf dem Acker? Er geht weiter, beide Spuren führen auf einen Platz zu, der rundherum niedergedrückte Erde hinterlassen hat.

    „Wanda“, er ruft sie herbei, hat immer noch den Korb in der Hand. „Bist du auch hier lang gegangen?“ Ihr Gesicht ist ein einziges Fragezeichen. Sie schaut auf ihre Schuhe – Lehm-verschmiert und es sind ihre Spuren, auf denen sie nun weitergeht. Bestürzt schaut sie auf die kreisrunde, zerdrückte Kuhle.

    „Manuel – wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, hier ist ein UFO gelandet. Und wir sind auf sie zugegangen, das würde ich mir zutrauen - aber ich weiß nichts davon. Und das würde ich doch wissen, oder etwa nicht?“ Ihre Stimme zittert, sie ringt die Hände und starrt auf das Auto.

 

Manuel schaut sinnend in die Luft, dann setzt er sich auf den Boden – direkt in die Mitte der sanft eingedrückten Fläche und packt den Picknickkorb aus. Als ob es nichts Wichtigeres zu tun gäbe, essen sie mit viel Genuss und noch mehr Hunger das von Wanda eingepackte Essen – ungeachtet der besonderen Situation und dass sie fast im Dunklen sitzen. Mit Blick auf die ausgeschalteten Scheinwerfer des Autos kramt er in seiner Hosentasche herum und holt sein Smartphone hervor. Er schaltet die Lampe an und wirft automatisch einen Blick darauf. Keine neuen Nachrichten, keine Mails, keine Neuigkeiten aus den sozialen Netzwerken. Wanda schaut ihm neugierig zu. Sie holt ihr eigenes aus der Tasche und schaut ebenfalls darauf.

    „Manuel – schau mal, hier.“

„Wo soll ich nachschauen?“

    „Na, dahin, wo die GPS Daten sind – ich meine die Standortbestimmung – und dann sage mir, was du dort siehst.“

Manuel schaut auf das Smartphone und wird blass.

    „Du auch?“

 

„Ja, ich auch, wir beide – und jetzt haben wir einen Beweis – einen echten Beweis – dass es UFOs gibt – und dass sie Menschen entführen. Uns zum Beispiel. Aber warum?“

 

Manuel atmet tief auf.

    „Wir müssen etwas machen, unbedingt! Es melden, auch wenn sie uns wie alle UFO-Beobachter als Spinner ansehen,  Aber die Smartphones lügen nicht, das wird man uns bestätigen müssen. Man wird wissen, dass wir kurzzeitig nicht auf dieser unserer Welt waren. Irgendwo anders, sehr weit weg. Es gibt also Lebewesen, Aliens, die unsere Welt besuchen. Und wir werden uns untersuchen lassen, sofort. Und meine Frau wird die Wahrheit erfahren und das ist gut so. Wanda. Ich überlege gerade, ob das wirklich stimmt, was mir mein Arzt gesagt hat. Egal, wie es ausgeht, egal, wie lange ich noch zu leben habe, ich habe jetzt eine Aufgabe. Wir beide haben eine Aufgabe und wir bleiben nicht nur dadurch zusammen.“ 

 

Ende des Prologs, lesen Sie die Fortsetzung ab dem 30. November 2021.

 

 

 

INNERE STIMMEN

(Urheberrechte & Copyrights © by Hildegard Schaefer)

 

 

I. Kapitel        (STILLE)

 

„Klangmassage in Therapieraum 12“, las Maren auf ihrem Reha-Plan. Sie zog die Vorhänge zurück. Frühlings blaue Lichtblitze zwangen sie, die Augen zu schließen und sie spürte den Schmerz kommen. Er kam aus dem dunklen Fleck in ihrem Gehirn, der deutlich auf dem Röntgenschirm zu erkennen war. Sie nahm die übliche Ration Schmerzmittel und vorsichtshalber noch etwas mehr, um die Nachwirkungen der nächtlichen Alpträume zu bannen. Ein letzter Blick in den Spiegel und sie stülpte die Perücke wie einen Hut über ihren kahlen Schädel.

 

Es war noch vor dem Frühstück – trotzdem war der Raum voller Patienten, die bereits auf den Matten lagen, als sie eintrat.       

   „Tschuldigung“, nuschelte sie der Therapeutin zu, dann schaute sie sich Hilfe suchend um.

   „Du kannst dich neben mich legen, ich rutsche nach links, dann ist noch Platz für dich“, hörte sie die Stimme von Ellen. Maren kannte sie aus der gestrigen Kunststunde, sie fühlten sich sofort zueinander hingezogen.

   „Danke“, flüsterte sie, dann legte sie sich auf eine Matte. Maren hatte noch nie meditiert, und unter dieser Massage konnte sie sich beim besten Willen  nichts vorstellen. Dann lauschte sie dem Klang der Schale nach, die angeschlagen wurde. Ein anderer, warmer Ton folgte und dann erfüllte die Stimme der Therapeutin den Raum:     

   „Euer Körper wird schwer. Lasst es leer werden in euch, fallt in die Stille, lasst eure Gedanken fortfliegen und hört auf das, was tief in eurem Inneren zu euch spricht.“

 

Maren bemühte sich ernsthaft, an nichts, an überhaupt nichts zu denken. So schwer hatte sie es sich nicht vorgestellt, es summte in ihrem Kopf als ob Bienen darin wären. Sie fokussierte sich auf die Schale, die diesen besonderen, tiefen Ton hervorgerufen hatte. Er vibrierte immer noch in ihrem Leib und sie versuchte, sich die Wölbung der Schale in ihrem Inneren vorzustellen und dass das Innere des Gefäßes völlig leer war und darauf wartete, gefüllt zu werden. Blitzartig kam ihr der Heilige Gral in den Sinn, das wundertätige Behältnis, das als Kelch, Stein oder Schale beschrieben wird. Der Klang in ihrem Bauch fühlte sich nicht mehr wie Metall an und begann sogar leicht zu pulsieren.

Maren wartete.

 

Ein leises Flüstern war zu vernehmen. Maren konzentrierte sich und die Stimmen – es waren zwei, konnte sie jetzt besser verstehen. Sie klangen besorgt.

   „Benta, wenn die kleine Menschin von Cunte nicht geheilt werden kann, sieht es sehr schlecht für beide aus. Ich versuche, mit meiner Menschin, ihrer Mutter also, Kontakt aufzunehmen, aber du kennst sie ja, sie sind alle taub“.

   „Canat, wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben, vielleicht finden wir doch noch jemanden, der uns verstehen kann“, hörte Maren die Stimme, die ihr näher und irgendwie vertraut war. Und plötzlich sah sie das Bild eines Hundes – einen weißen Lhasa-Apso – vor sich, der ein rotes Halsband trug. Und ein Mädchen sprach zu ihm, so- dass Maren ihre inneren Ohren so weit öffnete, wie sie nur konnte.

   „Mama ist in der Reha, aber ich habe jetzt ganz doll Bauchschmerz, ist das nicht komisch, Pinki?“ Eine neue, verzweifelt klingende Stimme drang an ihr Ohr:

   „Canat, hier ist Cunte. Ich beobachte den Organismus von dem Mädchen und jetzt hat sich etwas Neues ergeben. Das kleine Darmanhängsel ist geplatzt und Eiter verteilt sich in der Bauchhöhle. Hast du Ellen, Sybilles Mutter erreichen können? Ihre Tochter hat starke Schmerzen und geht zu ihrem Vater und der, oje, der will mit ihr zum Hausarzt Dr. Meier fahren, das ist absolut die falsche Adresse. Sie muss sofort ins Krankenhaus – wenn sie mich doch nur hören könnte.“

 

Ein lauter wummernder Ton erklang … „Und nun kommt langsam zurück und öffnet die Augen. „Streckt die Arme, die Beine aus, ballt die Hände zu Fäusten und setzt euch dann langsam auf.“ Maren reagierte wie betäubt. Ein weißer Lahso-Apso. So häufig sind diese Hunde nicht. Ellen besaß so einen ..., hörte sie gestern beim Abendbrot. Beim Aufräumen fragte sie vorsichtig:

   „Ellen, heißt euer Hund Tinki und hat er ein rotes Halsband?“

„Ja, aber woher weißt du das, darüber haben wir doch gar nicht gesprochen?“

   „Und euer Hausarzt ist ein Dr. Meier?“

 Ellen blieb abrupt stehen.

   „Wer bist du, woher kennst du uns? Ich dachte, du kommst aus einer anderen Stadt.“

 

Maren versuchte stammelnd, das während der Klangmassage belauschte Gespräch wiederzugeben.

   „Wenn euer Hund Tinki heißt und ein rotes Halstuch trägt, dann hat deine Tochter gerade jetzt einen Blinddarmdurchbruch und muss dringend operiert werden. Ihr Vater bringt sie zu Dr. Meier, der ist wohl sehr langsam, jedenfalls – es geht um ihr Leben. Sie gehört augenblicklich ins Krankenhaus.“

   „Du spinnst, das alles  kannst du gar nicht wissen“, schüttelte Ellen verwirrt den Kopf,

   „aber vorsichtshalber werde ich meinen Mann anrufen. Dann wirst du ja sehen, dass das alles nicht stimmt“, und sie holte das Handy aus der Tasche.

   „Erik, Ellen hier, sag mal, geht es Sybille gut? Sie hatte doch neulich Bauchschmerzen, ist alles in Ordnung mit ihr?“ Sie lauschte angestrengt und wurde blass.

   „Erik, frage bitte nicht nach, woher ich das weiß, aber du musst augenblicklich mit ihr ins Krankenhaus und nicht zu Doktor Meier fahren, sie hat vielleicht einen Blinddarm-Durchbruch.“ Nach einer kleinen Pause fauchte sie ins Telefon,

   „mach´s einfach“, und steckte das Handy zurück.

„Sie hat ganz starke Bauchkrämpfe und sie sind gerade auf dem Weg zu Dr. Meier“, schaute sie Maren fassungslos an.

 

Die zuckte nur die Schultern,

   „ich weiß nicht, was das für Stimmen waren, aber sie haben vielleicht das Leben deiner Tochter gerettet. Ich hatte den Eindruck, als ob es in Sybilles Inneren, so heißt wohl deine Tochter, irgendetwas gibt – so wie bei dir und  mir anscheinend auch – und das weiß über uns Bescheid und versucht uns zu warnen.“

 

Ellen schaute sie forschend an, eine steile Falte entstand zwischen den Augenbrauen.

  „Du bist mir unheimlich, Maren, wohin bist du da bloß hineingeraten. Ich habe jedenfalls nichts in mir, was mit mir reden kann, und meine Tochter auch nicht.“

 

Maren konnte nicht schlafen. Hatte der ganze Spuk nur mit den Tönen der Klangmassage zu tun gehabt? Das wollte sie unbedingt klären. Zwei Tage später schlich sie sich in eine andere Therapiegruppe hinein, da der Termin ihrer eigenen erst in ein paar Tagen war. Wieder ließ sie sich in die Meditation fallen, versuchte sich in die Höhlung der Schale hineinzudenken und wieder vernahm sie ein Flüstern.

   „Du hast mich verstanden, das freut mich sehr. Ich bin Benta. Hab keine Angst, ich lebe in dir, seit du geboren wurdest. Ich bin so etwas wie in Symbiont.“

 

Maren hielt den Atem an und versuchte eine Frage zu denken:   

   „Haben alle Menschen so einen wie du im Leib?“

„Ja, sie nennen uns zum Beispiel‚ Bauchhirn, innerer Arzt‚ Siebter Sinn, aber wir haben viele Namen. Vielleicht fiel es dir deshalb so leicht, uns zu verstehen, weil du dir eine pulsierende Schale vorgestellt hast, einen Gral.“

    „Du weißt, was ich denke?“

„Ja.“

    Maren kroch eine Gänsehaut über ihren Rücken.

„Man kann sich an uns gewöhnen, Maren, das haben viele Menschen schon geschafft. Dann braucht es auch keine so tiefe Meditation mehr, sondern nur noch ein intensives Hineinhören in den Bauch. Wir freuen uns natürlich besonders, wenn wir bei einer Frau sein dürfen.“

    „Warum?“ Marens laute Stimme hallte in dem Raum.

„Bitte seien sie leise, was machen Sie überhaupt in dieser Gruppe, sie gehören zu der anderen.“

   „Tschuldigung,“ nuschelte sie, nahm schnell ihre Matte auf und verließ den Raum.

 

Nach dem Frühstück zog sie sich in ihr Zimmer zurück. Sie würde alle anderen Termine an diesem Tag ausfallen lassen, das würde außer Ellen sowieso niemandem auffallen und mit der hatte sie nur noch einmal kurzen Kontakt am Frühstücksbüfett gehabt, als diese flüsterte:

   „Meine Tochter wurde operiert und jetzt geht es ihr gut, danke. Sie hatte tatsächlich einen Blinddarmdurchbruch.“

 

Sie nahm einen tiefen Schluck Wasser und streckte sich auf ihrem Bett aus. Maren konzentrierte sich auf ihren Bauch.

   „Also noch mal, Benta, warum bevorzugt ihr gerade Frauen?“

„Sie können gebären. Wir haben auch Empfindungen und Gefühle, Maren. Wir freuen uns, wenn wir mit euch reden können. Mit euren Kindern können wir das. Sie lernen viel von uns. Ihr seid alle etwas Besonderes, schade, dass ihr das nicht wisst. Und wenn ihr sterbt, sind auch wir nicht mehr körperlich vorhanden. Dann kehren wir zurück, reich beladen mit Erfahrungen und euren Erinnerungen. Es liegt in unserem Interesse, dass ihr lange lebt, denn nur durch euch können wir Emotionen erleben und das ist für uns das Paradies.“

  „Welche Menschen sind das, die sich an euch gewöhnt haben, Benta?“, griff Maren den Faden wieder auf. Sie begann, an ihrem Verstand zu zweifeln. Schließlich sprach sie mit ihrem Bauch, oder vielmehr einem Fremdkörper darin, der sich Benta nannte. Exorzismus, stach plötzlich wie eine Feuerlanze in ihr Bewusstsein. Dämonen, sie war besessen, zweifellos waren es Dämonen! Angst überflutete ihr Denken. Sie schlug die Hände vor das Gesicht und wimmerte.

 

„Stopp“, peitschte Benta in ihre aufsteigende Panik.

   „Einige von denen, die uns hören konnten, hatten tatsächlich die Befürchtungen, dass wir Dämonen sind. Auch wieder nur ein Name von vielen. Die Kirche hat dann ihr Übriges dazu getan. Manchen fehlt eben einfach die Vorstellungskraft. Menschen denken, was nicht auf Anhieb erklärbar ist, das gibt es nicht, das darf es nicht geben, das ist unheimlich. Wenn sie etwas nicht verstehen können, was ihnen Angst macht, wollen sie es vernichten. Wir sind keine Dämonen, wir sind Symbionten, hörst du? Wir nehmen nicht nur, wir haben auch etwas, das wir euch geben können.“

   „Das verstehe ich nicht“, beruhigte sich Maren halbwegs,

„was meinst du damit, Benta?“

 

Die Antwort kam nach einer kleinen Pause.

   „Wir kennen euren Organismus, wissen, was euch gesunden lässt und was euch krank macht. Wir können heilen. Wir heilen durch Information. Jemand, der mit uns in Verbindung steht, kann in Kontakt treten mit dem Symbionten des Kranken und der kann ihm dann sagen, wie geheilt werden kann. Eine klassische Win-win Situation“.

    Maren lachte bitter auf.

„Hexen, das wird mir jetzt klar. Die wurden verbrannt. Das ist für mich keine Win-win Situation.“

   „Aber es gab auch welche, die sagten, Gott spräche zu ihnen. Religionsstifter waren auch dabei und andere wurden für heilig erklärt, weil sie heilen konnten.“

    Maren nickte und dachte an Hildegard von Bingen, ihre Visionen, ihre Medizin.

   „Und wie ist das mit Leuten, die Stimmen hören, die ihnen sagen, sie sollen etwas Böses tun, z. B. jemanden umbringen?“ Maren meinte fast, einen empörten Aufschrei zu hören.

  „Hörst du nicht zu? Wir wollen leben, leben, leben. Wir sind emotional tot, wenn jemand sich oder einen anderen umbringt. Sicher, manchmal werden wir auch falsch verstanden, das passiert, wenn die Verbindung nicht so stabil ist wie zum Beispiel die mit dir. Nicht alle können so gut hören, das ist eine ganz spezielle Gabe. Im Traum dringen wir manchmal durch, doch oft werden wir nur als Alpträume verstanden, das musst du doch auch bemerkt haben, auch du hast solche Träume Maren. Und dadurch entstehen eben diese Missverständnisse. Es gibt zu wenige Menschen, die ihre inneren Stimmen richtig einordnen können.“

Maren schwieg.

 

Sie schwieg lange und eine Frage perlte in ihr hoch, drängte an die Oberfläche.

   „Und – ja, du brauchst mich gar nicht erst zu fragen, das versteht sich doch von selbst. Ich kann dir bei deinem Problem helfen, bei deiner Krankheit. Morgen werden wir einen Spaziergang in einen  ganz besonderen Wald machen, den schon deine Großmutter besuchte und der ihr bei ihrer Erkrankung geholfen hatte. Du wirst sehen, gegen jede Krankheit ist ein Kraut gewachsen.“

 

Maren überlegte, ob sie diesem Symbionten wirklich vertrauen konnte. Diesen Spruch hatte sie zu oft von Medizinern gehört und jeder war von sich überzeugt gewesen. Letztendlich hatte ihr noch niemand helfen können und der Tumor quälte sie schon seit einem Jahr. Seit ihre Mutter Selbstmord verübte.

 

 

 

 

 

 

 

INNERE STIMMEN

(Urheberrechte & Copyrights © by Hildegard Schaefer)

 

 

II. Kapitel       (Der innere Arzt)

 

 

In dieser Nacht wurde sie von einem Flüstern geweckt.

   „Wach auf, wir müssen uns auf den Weg machen“.

 

Sie blinzelte zum Fenster und sah, wie der junge Tag in seinem dunkelgrauen Gewand zu ihr hineinschaute. „Bleib noch liegen, ich kann mich mir dir am besten unterhalten, wenn du entspannt bist. Sonst bleibt dir nur das Bauchgefühl. Ich habe Kontakt zu dem Symbionten deiner Urgroßmutter aufgenommen. Sie haben mir die Pflanze gezeigt, die wir finden müssen. Achte auf das Bild, das du jetzt im Kopf hast, das ist sie“. Karen sah vor ihrem inneren Auge ein maigrünes, weiß blühendes, flach kriechendes Gewächs.

 

   „Wieso meine Ur-Großmutter?“, fragte sie verwirrt und schlug sich auf den Mund. Wieder hatte sie laut gesprochen.

 

   „Deine Verwandte hatte das gleiche Krankheitsbild wie du, ihr hat es geholfen. Ich kann deine Blutsverwandten, die Symbionten in direkter Linie, schnell kontaktieren. Bei anderen müsste ich erst in das Wissenspool einsteigen und sie ausfindig machen, das dauert natürlich unendlich viel länger und ist auch sehr anstrengend.“ Karen wunderte sich bereits nicht mehr darüber, was Benta alles möglich war.

 

Sie stieg aus dem Bett und wusste mit Bestimmtheit, dass sie in ihren Wagen steigen und zu dem Ort fahren muss, wo sie in frühester Jugend zusammen mit ihrer Mutter Blaubeeren gesucht hatte. Sie schlich sich durch die Korridore zum Notausgang, niemand war zu sehen als sie die Klinik verließ.

 

Die Tankanzeige im Auto stand beruhigend hoch, es war eine weite Strecke zu fahren. An Benzinmangel sollte es also nicht liegen.

   „Mist , ich habe meine Handtasche vergessen,“ stieß sie hervor. Heimlich zurückgehen war nicht mehr möglich, erste Autos fuhren auf den Parkplatz.

 

Der Ort war nach drei Stunden erreicht. Sie erinnerte sich an die kleine Bahnstation, von der aus sie mit kleinen Eimern bewaffnet in den nahen Wald abtauchten. Dort stellte sie das Auto ab und versuchte, sich zu orientieren. Es gab keinen Wald mehr.

 

Sie schritt durch gepflegte Wohnstraßen, überall standen einzelne Häuser, in denen das Leben erwachte. Ratlos schaute sie am Ende der Siedlung auf ein kleines Stückchen Natur, das übrig geblieben war. Blaubeeren konnte niemand mehr hier sammeln. Aus dem Boden wuchsen Pilze, von denen sie einige als essbar erkannte. Sie wunderte sich kurz, warum niemand aus der Siedlung sich die Mühe machte, sie zu sammeln. Unter den restlichen Bäumen fand sie verschiedene Gewächse, doch die gesuchte Pflanze war nicht darunter. Enttäuscht nahm sie Platz unter einer Kiefer und versuchte, sich zu sammeln.

 

  „Ich bin auch überrascht, Karen“, hörte sie kurz darauf Benta. „Deine Ururgroßmutter hatte hier das Kraut gefunden und für sich angewendet. Ihr Symbiont hatte Verbindung mit dem Pool aufgenommen und ihr einsuggeriert, dass es schmecken würde. Sie genas an ihrer Krankheit, ohne je zu wissen, wie gefährdet sie war.“

 

„Ich verstehe nicht, warum es als Krebsmedikament nicht bekannt geworden ist. Seit Ewigkeiten sucht die Menschheit nach so einer Hilfe, warum haltet ihr das geheim?“

 

   „Es ist nicht so einfach, wie du dir das vorstellst, Karen. Jeder Mensch hat so ziemlich sein eigenes Kraut, und es gehört außerdem noch ein bisschen mehr dazu, gesund zu werden.“ „Was denn noch alles“, verzweifelte Karen und rutschte fast aus ihrer Trance, denn Bentas Stimme wurde sehr leise.

 

   „Es ist auch ein Zusammenspiel mit der Umwelt, den Menschen um dich herum und nicht zuletzt von allen Lebewesen, die den menschlichen Organismus bewohnen – sie alle müssen am selben Strang ziehen. Und der Mensch“ - hier wurde der Symbiont noch leiser, „er muss es auch wirklich wollen, mit aller Faser seines Wesens wollen, heil zu werden.“

 

Für einen kurzen Moment dachte Karen an ihre Mutter, ihre Depressionen, ihren frühen Tod. Ihr Magen begann sich zu melden, fast wurde ihr schlecht vor Hunger. Sie hatte seit dem Aufstehen noch nichts gegessen. Aufmerksam betrachtete sie die Pilze, dann entschied sie sich für einen, von dem sie wusste, dass er zumindest nicht giftig war. Mit ihrer Mutter hatte sie auch nach diesen geschaut und immer ein Stück davon auf die Zunge gelegt. Sie drehte ihn aus der Erde, säuberte ihn kurz im Gras und kaute ihn dann gründlich und genussvoll. Er brannte zuerst ein bisschen im Mund, das hatte sie erwartet. Doch dann war der Geschmack erträglich und vor allem – das Essen wärmte sie und füllte den Magen. Ein paar andere Pilze folgten, dann begab sie sich zurück zu ihrem Auto. Der Ausflug war vergebens. Alles war verändert. Sie hatte sich so auf ihren frisch entdeckten Inneren Arzt gefreut, es hörte sich alles einfach und irgendwie hoffnungsvoll an. Benta konnte ihr also auch nicht helfen, es wäre zu schön gewesen. Seit wann hatte sie so einen kindlichen Glauben an die Machbarkeit von Gesundheit?

 

Es wurde Zeit – vielleicht war ihr Verschwinden noch nicht aufgefallen, doch wenn sie beim Abendbüfett auch fehlte, dann konnte sie sich nicht mehr herausreden.

 

Sie ging auf den Haupteingang der Klinik zu und wunderte sich, einen Polizeiwagen dort zu sehen. Schnell versuche sie, den Speisesaal zu erreichen, doch dann hörte sie hinter sich einen lauten Schrei:

   „Da ist sie ja!“ Ellen wies mit einem Finger auf sie und schon wurde sie von zwei Polizisten gepackt. „Wir müssen sie bitten, uns zu begleiten, es ist nur zu ihrem Besten.“

 

Karen sah sich erschrocken um, ein Arzt eilte auf sie zu. „Wir haben sie vermisst und uns solche Sorgen gemacht. Ihre Handtasche lag noch im Zimmer. Schließlich liegen Depressionen in ihrer Familie und als wir noch von ihrer Mitpatientin hörten“ – hier nickte er zu Ellen hinüber – „dass sie Stimmen gehört haben, da blieb uns nichts anderes übrig, als sie in das Psychiatrische Krankenhaus zu überführen. Es ist wirklich nur zu ihrem Besten. Wir wissen von ihrer Mutter, wie sie aus dem Leben schied, wir mussten so handeln um Schaden von ihnen abzuwehren.“

 

Karen sackte zusammen. Sie war doch nicht wahnsinnig, dass man sie zwangseinweisen musste. Sie kannte diese Klinik, als kleines Mädchen hatte sie einmal ihre Mutter dort besucht und es dummerweise ihrer Freundin erzählt. Der Kontakt brach dann ab, denn mit der Tochter einer Irren durfte sie keinen Umgang pflegen.  

  „Umgang pflegen“, genauso altklug hatte sich das Mädchen aus-gedrückt – das hatten ihr bestimmt die Eltern vorgesagt.

 

Beim Einsteigen in das Polizeiauto wurde sie erstaunt von einigen Mitpatienten betrachtet und Karen sah, wie sie zu Ellen gingen und sie ansprachen. Ellen stand steif neben der Tür des Speisesaales und hatte ein Pokergesicht aufgesetzt.

 

Auf dem Weg zum Krankenhaus sprachen die Polizisten kein Wort. Das Zimmer, in das sie schließlich geführt wurde, erinnerte sie an eine Gefängniszelle. Wie mochte ihre Mutter sich hier gefühlt haben? Nichts darüber hatte sie der Tochter erzählt. Als die Tür ins Schloss fiel, drehte sie sich um und betrachtete die glatte Oberfläche. Musste man sie wirklich einsperren mit dem Argument, sie hätte Stimmen gehört? War sie wirklich eine Gefahr geworden und wenn ja, für wen? Die Tür sperrte sie weg: Weg von der menschlichen Gesellschaft, ihren wenigen Freunden, weg von der laufenden Behandlung, weg von dem kleinen Pflänzchen, dass die Heilung bringen sollte. Nun hatte sie nur noch Benta.

 

Sie legte sich auf das schmale Bett, drehte sich zur Seite und zog die Beine an. Mit einem Arm zog sie sich die Bettdecke über ihren Kopf und schloss die Augen. Ihr Kopf schmerzte. Ihren Koffer, in den das Personal bestimmt alle ihre Habseligkeiten geworfen hatte, wollte sie nicht öffnen, wahrscheinlich lagen dort Schmerztabletten. Sie wollte sie nicht nehmen, möglich, dass sie leiden wollte, als Strafe für ihre Leichtgläubigkeit. Sie weinte still in das Kopfkissen und dachte an ihre Mutter.

 

„Sei nicht traurig“, hörte sie nach einigen Minuten Bentas Stimme. „Es ist nicht gut gelaufen heute. Wenn alles glatt gegangen wäre, hättest du zum Mittagessen zurück sein können. Aber jetzt lass uns eine Strategie entwickeln, damit du hier so schnell wie möglich herauskommst.“ Karen zog sich innerlich zurück, fast lethargisch hörte sie zu, wie Benta ihr einen Plan darlegte.

 

Am anderen Morgen saß sie entspannt im Zimmer der Ärztin und lächelte. Sie hatte sich geduscht, dezentes Make-Up aufgelegt und gut gefrühstückt.

   „Ich erkenne dieses Haus wirklich nicht wieder“, meinte sie nach den einleitenden Worten der Ärztin.

  „Meine Mutter war hier eine Patientin – lange vor ihrer Zeit – damals war alles ganz anders, richtig beängstigend, aber vielleicht habe nur ich es so empfunden, ich war ja noch ein Kind.“

   „Ja, es hat sich einiges verändert, es freut mich, dass sie sich hier wohlfühlen.“ Karen zuckte mit den Schultern.

   „Ich bin trotzdem der Meinung, dass das alles ein Irrtum ist. Sicher, ich habe den gestrigen Tag in der Reha gefehlt, das tut mir leid. Ich bekam einen dringenden Anruf von meinem Vater und bin vom Schlimmsten ausgegangen. Es war noch zu früh am Tag, deshalb konnte ich nicht Bescheid sagen. Ich hatte wirklich Angst um ihn, es hörte sich schrecklich an, doch dann hatte es sich zum Glück als falscher Alarm herausgestellt.“

   „Was hatte sich als falscher Alarm herausgestellt?“ beugte sich die Frau neugierig vor. Ihr Haar glänzte kupferfarben in der Morgensonne und Karen schaute mit einem Anflug von Neid auf diese Fülle. Würden ihre eigenen Haare auch wieder so nachwachsen oder würde das erste Grau zu sehen sein? Das wäre kein Wunder nach dieser Achterbahnfahrt die hinter ihr lag. Abwesend nestelte sie an ihrer Perücke.

   „Er dachte, er hätte einen Schlaganfall. Er kam von der Toilette zurück ins Bett und es wurde ihm so schwindelig, dass er stürzte. Da er das Handy immer um den Hals trägt, konnte er mich sofort anrufen – Kurzwahl, sie verstehen...“

  „Und was haben sie dann gemacht“, Karen glaubte, einen lauernden Unterton herauszuhören.

   „Ich habe den Eindruck gehabt, dass es ihm ganz gut ging. Ich habe dann erst einmal meine Schwägerin angerufen – sie ist Internistin – und sie hatte sich mit ihm unterhalten und ihn beruhigt. Jedoch hatte sie ihm vorgeschlagen, dass er, solange ich in der Reha bin, zu ihnen ziehen sollte.

 

Ich habe uns in der Zwischenzeit einen Tee gemacht, der hat ihm auch gut getan. Wenn ich nicht auf ihn aufpasse, vergisst er nämlich zu trinken. Wir haben dann seine Sachen gepackt und ich habe ihn hingefahren. Das dauerte natürlich, mein Bruder und seine Frau wohnen einige Stunden Autofahrt entfernt.“

 

Karen schlug die Beine übereinander und schaute die Ärztin offen an, die den Blick senkte, in ihren Unterlagen blätterte, schließlich auf den Bildschirm starrte. Dann fühlte sie sich von den grauen Augen in den Schraubstock gespannt und hörte den Pfeil kommen:

  „Sie haben Stimmen gehört, erzählen sie mir darüber?“, verschränkte sie die Arme und lehnte sich zurück.

   „Stimmen gehört, wie meinen sie das?“ Karen’s Gesicht war ein einziges Fragezeichen.“ Die Ärztin wirkte verwirrt.

   „Eine Mitpatientin hat das gesagt, als man sich Sorgen machte, was mit ihnen sein könnte.“

  „Ach, das war bestimmt Ellen, eine liebe nette Frau, aber ein bisschen durcheinander, wenn sie mich fragen“, zuckte sie die Schultern.

   „Was hatten sie denn mit ihr zu tun“, fragte die Ärztin neugierig. „Wir unterhielten uns über ihre Tochter, dass sie in letzter Zeit Bauchschmerzen hatte und ich habe dann so dahingesagt, dass ich persönlich Angst davor hätte, dass so ein Wald und Wiesen Doktor Meier, Müller, Schulze das wahrscheinlich gar nicht diagnostizieren könnte, was das für Beschwerden sind und im Nullkommanichts ist es dann ein Blinddarmdurchbruch. Ich kenne das von meiner Schwägerin, die könnte ihnen Geschichten darüber erzählen, was Allgemeinärzte zu dem abdominalen Schmerz sagen.“

 

Die Ärztin nickte zustimmend und beugte sich vor.

   “Warum sagt sie dann, dass sie Stimmen hörten?“, fixierte sie Karen.

   „Vielleicht habe ich ihr damit Angst gemacht, jedenfalls hat sie sofort ihren Mann angerufen und wie der Zufall es will, es war tatsächlich ein Blinddarmdurchbruch und ihr Arzt hieß tatsächlich Meier. Komisch fand ich nur, dass sie mich anguckte wie ein Auto und seitdem den Kontakt zu mir gemieden hatte. Eigentlich schade, ich fand sie sehr sympathisch. Wenn sie behauptet, ich hätte Stimmen gehört – es war doch ihre eigene Idee, zu Hause anzurufen. Als ob sie einen sechsten Sinn gehabt hätte...“

   „Sie behauptet, Sie hätten Stimmen gehört, die Ihnen diese Informationen zukommen ließen.“

   „Was für Informationen denn?“, ereiferte sich Karen und eine steile Falte erschien auf ihrer Stirn.

   „Zum Beispiel hätten sie einiges über ihre privaten Verhältnisse gewusst, das sie sehr verwirrte.“

   „Na, da möchte ich wirklich wissen, was sie damit meint. Sie hat doch am Frühstücksbüfett jedem alles Mögliche über ihr Zuhause erzählt. Sie war sehr mitteilsam, das kann ich Ihnen sagen. Über den Verdacht, dass ihr Mann fremdgeht, hatte sie aber wohl doch nur mit mir gesprochen – glaube ich zumindest.“

   „Können Sie sich erklären, warum sie Ihnen so was anhängen will?“

   „Was heißt anhängen, die arme Frau projiziert da wohl so einiges. Soll sie doch, wenn es sie glücklich macht“, zuckte Karen die Schultern.

   „Haben sie eine Anzeige wegen übler Nachrede in Betracht gezogen?“

   „Nun, so weit möchte ich eigentlich nicht gehen. Sie tut mir nur leid. Ich habe eigene Sorgen, ich muss mich um meine Gesundheit kümmern und nicht um die der anderen. Ich habe ihr schon verziehen. Vergeben lernen ist das A und O, habe ich dort von meinem Psycho-Onkologen gehört.. Auf jeden Fall möchte ich nicht mehr zurück in die Reha; ich hab gesehen, wie sie tuschelten, das können sie doch verstehen, nicht war?“ Die Ärztin nickte und machte sich einige Notizen, dann schaute sie auf und gab Karen die Hand.  

  „Doktor Mellert wird sie morgen noch einmal ansehen, ich wünsche Ihnen erstmal alles Gute.“

 

In ihrem Zimmer lehnte sie sich an die Wand und beruhigte ihren Herzschlag. In ihrem Bauch hörte sie ein glucksendes Lachen und zum ersten Mal konnte sie nicht sagen, von wem es war.

 

 

 

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III. Kapitel   (Tiere)

 

Maren ließ sich Zeit als man sie nach ein paar Tagen gehen ließ. Das Entlassungsgespräch mit Dr. Mellert war eine Formsache gewesen, der Mann folgte schlichtweg den Empfehlungen der untersuchenden Ärztin. Die Entlassungspapiere in der Hand fragte Maren die Stationsleiterin eher beiläufig, wann denn ihre verstorbene Mutter Patientin in diesem Krankenhaus gewesen wäre. Die Schwester rief die Daten auf und zeigte sie ihr.

   „Ach, da war sie doch länger hier als ich dachte“, meinte Maren und warf einen schnellen Blick auf die Diagnose „Depression wegen Wahnvorstellungen“.

 

Nachdenklich betrachtete sie ihr Zuhause, als sie vor der Tür parkte. Ihr Vater kam auf sie zugelaufen und umarmte sie.

   „Hattest du irgendwelche Probleme in der Reha? Du kommst viel zu früh nach Hause, ich habe dich noch nicht erwartet, trotz dieses merkwürdigen Anrufes.“

   „Wer hat denn angerufen?“, fragte Maren und strich sich mit einer lässigen Gebärde durch das Haar. Die Perücke verrutschte und zog ihre aufgesetzte Sicherheit ins Lächerliche.

   „Irgend so eine Ärztin, sie wollte unbedingt wissen, ob du noch alles Tassen im Schrank hast und warum ich denn zu Hause wäre und nicht bei meinem Sohn.“

   „Und, was hast du gesagt?“, fragte Maren gespannt.

„Du kennst doch mein Misstrauen Ärzten gegenüber, besonders wenn sie aus der Psychiatrie anrufen und noch dazu aus dem Krankenhaus wo man deiner Mutter nicht helfen konnte, ich machte ein bisschen auf tüdelig, sodass sie nichts – rein gar nichts aus mir herausbekam und dann habe ich sofort Volker angerufen und ihn instruiert, dass er sagen sollte, ich wollte wegen der Katze unbedingt wieder zurück nach Hause und dass er sonst nichts sagen soll – vor allen Dingen nichts über dich und dass er seine Frau ebenfalls darüber instruieren soll. Er könne sich zur Not auf den Datenschutz berufen. Maren, was war denn los?“, nahm er sie in die Arme und betrachtete sie fragend.

 

Maren brachte ein mühsames Lächeln zustande. „Da ist irgendwas völlig schiefgelaufen, eine Mitpatientin hat da was über mich gesagt und alle haben es in den falschen Hals bekommen. Lass uns erst mal Kaffee trinken, dann erzähl ich dir alles.“ Sie tischte ihm die gleiche Geschichte auf wie am Tag vorher der Ärztin und dann – sie beobachtete ihren Vater, um nichts von seiner Reaktion zu verpassen, fragte sie plötzlich: „Hat Mama Stimmen gehört?“ Ihr Vater verschluckte sich, dann sprang er auf und die Tür fiel mit einem Krachen ins Schloss. Maren lehnte sich seufzend zurück und atmete tief das vertraute Aroma der Küche ein. Es war eine schnelle Entscheidung von ihr gewesen, dem Vater nichts zu erzählen, jetzt konnte sie nicht mehr zurück. War das richtig? Sie hatte eine gute Beziehung zu ihm, konnte ihm alles sagen, warum hatte sie gezögert?

 

Nach einer Weile, sie räumte bereits das Kaffeegeschirr weg, kam ihr Vater zurück und warf ihr ein kleines Büchlein auf den Tisch. Es hatte ein Schloss an der Seite, das jetzt einen metallischen Klang von sich gab. Jemand hatte es aufgebrochen, es pendelte nutzlos herum.

   „Ich hab’s gelesen, nachdem deine Mutter gestorben ist, vielleicht gibt es dir die Antwort, nach der du suchst.“

 

Ohne ein weiteres Wort zu sagen, ging er hinaus in den Garten, hantierte am Schuppen herum und ging mit Werkzeug in der Hand zur Pforte. ‚Langsam, Maren‘, sprach sie zu sich selbst, ‚es ist alles in Ordnung, niemand sieht dir an, dass du vielleicht nicht ganz richtig tickst, keinen Verdacht erregen, das ist jetzt das A und O‘.

 

Nachdem sie das Geschirr weggeräumt hatte, zog sie sich luftig an, ging ebenfalls in den Garten und legte sich auf die Liege. Der große Kastanienbaum über ihr spendete lichten Schatten. Konzentriert las sie und warf ab und zu einen Blick auf ihren Vater, der das Unkraut am Bürgersteig entfernte. Die Katze strich um seine Beine und wurde gestreichelt.

 

Ein Tagebuch zu lesen – das der eigenen Mutter – sie fühlte sich wie ein Voyeur und begann, die Seiten nur zu überfliegen, um das zu finden, wonach sie suchte. Da war es -, ziemlich zum Schluss, mit einem Rotstift durchgestrichen. Ihre Mutter schrieb, dass sie es nicht mehr aushalten würde, sie liebte ihren Mann doch. Trotzdem könnte sie nicht mehr in seiner Nähe sein. ‚Mit seinen Augen sehen, mit seinen Ohren hören, was tat er ihr damit an, davor müsse sie sich schützen.’ Maren betrachtete das Schriftbild, es war krakelig und endete nach dem Wort ‚schützen’ mit drei dicken Ausrufezeichen. Dann brachen die Aufzeichnungen ab. Ihr Vater hatte ihr nie im Detail erzählt, wie die Umstände gewesen waren, die ihn zum Witwer machten. Er sagte irgendwann einmal, dass die ganzen Psycho-Heinis schuld daran wären, und dass sie so enden musste.

 

Ein lautes Bellen unterbrach sie, dann jagte die Katze an ihr vorbei und kletterte den Baum hoch. Ein kleiner Hund verfolgte sie, weiß, mit einem roten Halstuch und hopste jetzt kläffend vor der Kastanie herum. Der Vater kam gelaufen, einen Rechen in der Hand und wollte auf den Hund einschlagen.

   „Nein, Papa“, schrie Maren. „Diese Töle“, stieß ihr Vater hervor, „meine Minka zu jagen. Kennst du den Hund etwa?“, fragte er leicht außer Atem.

  „Ich glaub ja“, erwiderte sie knapp und schaute sich um. Ein Mädchen, etwa zwölf Jahre, kam angelaufen, eine Leine in der Hand. „Tinki, was machst du denn, du kannst doch nicht einfach ausbüxen.“ Maren schaute schnell auf die Straße, es war kein Auto zu sehen. Ja, sie kannte den Hund. Sie sah ihn mit den Augen des Mädchens, erinnerte sie sich. „Geht’s dir wieder gut?“, fragte sie das Mädchen.

Große Augen schauten sie verwirrt an.

   „Woher wissen sie, dass ich krank war?“

„Das kann dir deine Mutter sagen, wo hat sie denn das Auto geparkt?“ Das Mädchen schaute hilflos auf die Straße.

   „Ich weiß nicht, ich werde sie suchen müssen.“

„Grüß sie von mir, und richte ihr aus: vielen Dank für alles.“

Das Mädchen trat auf die Straße und ein großer Wagen mit verdunkelten Scheiben fuhr langsam rückwärts auf sie zu. Eine Tür schwang auf, das Mädchen und der Hund sprangen hinein, dann brauste das Auto davon.   

   „Was war das denn?“, schüttelte ihr Vater den Kopf.

„Ihre Mutter hat wohl keine Zeit, mir guten Tag zu sagen“, nuschelte Maren. Die Katze kam rückwärts den Baumstamm herunter-geklettert, die Haare gesträubt. Und sie hustete. „Minka, was für eine Aufregung, beruhige dich“, nahm ihr Vater das Tier auf den Arm und trug sie ins Haus.

 

Maren ging diesen Abend früh ins Bett. Sie ließ sich in das Dunkle fallen – sie registrierte erstaunt, dass die Kopfschmerzen nicht mehr vorhanden waren. „Benta“, erreichte sie das Wesen in ihrem Inneren,   

   „ich habe keine Kopfschmerzen mehr, hast du da irgendwas gemacht?“

  „Ich sagte dir bereits, gegen jede Krankheit ist ein Kraut gewachsen. Warum wohl hast du von dem Pilz gegessen? Wir wissen viel über Pflanzen und besonders über Tiere. Das wird übrigens gut in den Sagen der Indianer beschrieben, du solltest dich sowieso ein bisschen mehr für Religionen und alte Riten interessieren, dann wirst du ruhiger, was unsere Existenz angeht. Es gibt überall versteckte Hinweise auf uns, in wirklich jeder Religion und besonders in Zusammenhang mit Tieren.“

   „Heißt das, ihr lebt auch in den Tieren?“, fragte sie verblüfft. Die Antwort dauerte diesmal verhältnismäßig lange.

   „Das kann ich nicht ›Leben‹ nennen, das ist etwas anderes. Sagt dir der Begriff ›Fegefeuer‹ etwas?“ Maren verneinte.

   „Künstliches Koma zwecks Gesundung?“

„Schon eher.“ Es ist Gesundung für uns, der Aufenthalt in den Tieren. Und wir können sie uns aussuchen, das ist nicht so wie bei den Menschen, deren Fleisch wir sind. Und die uns infizieren, mit Hass, Mordlust, all diesen schlechten Emotionen, die wir erst einmal verdauen müssen. Wir haben es nicht leicht mit euch“, beendete Benta das Gespräch. Maren lag noch lange wach. Es ging ihr viel im Kopf herum. Die verschiedenen Totemtiere der Indianerstämme, denen sie nichts zuleide tun dürften, weil sie mit ihnen irgendwie verwandt seien, Märchen mit sprechenden Tieren und die verschiedenen Götter, die ebenfalls aussahen wie die Brüder der Menschen. Plötzlich fiel ihr der Begriff „Krafttier“ ein, dann „Schutzengel“, dann Dämon. Sie musste plötzlich an ihre Mutter denken und begann zu weinen.

 

Die nächste Zeit verbrachte sie damit, in Bibliotheken, im Internet, in gekauften Büchern viele alte Sagen durchzulesen. Dann wurde sie fündig. Die Cheyenne hatten gemeint, dass es einmal eine Zeit in der Menschengeschichte gegeben hätte, wo alles voller Harmonie war. Die Menschen jagten Tiere, doch wenn sie getötet wurden, wurden sie mit Respekt bedacht. Die Knochen der gegessenen Jagdbeute wurden wieder so zusammengelegt, dass ihnen wieder Leben eingehaucht werden konnte. Doch eines Tages begannen die Menschen, die Knochen nicht wieder zusammenzulegen, die Tiere konnten nicht mehr auferstehen. Das erboste sie so, dass eine große Konferenz einberufen wurde und die Menschen von den Tieren zum Tode verurteilt wurden. Die kleinsten Wesen dachten sich die schlimmsten Sachen aus, jeder durfte sich eine Krankheit aussuchen, mit der er die Menschen umbringen konnte, solange, bis nur noch die Tiere auf der Welt seien. Nur der Bär, er stellte sich gegen die Mehrheit und konnte sich durchsetzen, dass es weiterhin Menschen geben durfte. Die Pflanzen hörten bekümmert zu. Und sie entschieden für sich, dass sie die Geißeln, die die Tiere den Menschen antun wollten, verändern würden. Nur musste der Mensch sie erforschen, um genau die Pflanzen zu finden, die ihm Linderung bringen würden. Dann könnte er wieder gesunden. Sie überlegte, ob es auch Pflanzen gab für das spezielle Problem ihrer Mutter. Für Depressionen mit Wahnvorstellungen. Was hatte ihre Diagnose mit inneren Stimmen zu tun? Die Ärztin nahm an, dass sie, Maren, Stimmen hörte, wie Ellen es bestimmt den Reha-Ärzten erzählt hatte. Nicht umsonst hatte sie die Frage direkt gestellt. ‚Mit seinen Augen sehen, mit seinen Ohren hören‘, sie konnte sich keinen Reim darauf machen, was das bedeuten sollte.

 

 

 

 

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IV. Kapitel   (Spiegel)

 

Nach einer erfrischenden Nacht in ihrem eigenen Bett schaute sie sich im Badezimmerspiegel an. Die schwarzen Ringe unter ihren Augen waren verschwunden.

 

   „Danke Benta, woher sollte ich auch wissen, dass du versucht hattest, mit mir Kontakt aufzunehmen und ich nur deshalb diese Alpträume hatte.“

 

In der Küche unten hörte sie ihren Vater hantieren.

 

   „Möchtest du auch ein Frühstücksei?“, rief er nach oben.

 

„Ja gerne, ich habe einen Riesenappetit.“ Sie genoss seine Fürsorge. Seit er von ihrer Krankheit erfahren hatte, war er ihr gegenüber noch liebevoller geworden und kümmerte sich rührend um ihr leibliches Wohl. Maren war früher oft monatelang unterwegs. Sie hatte sich als Krankenschwester und Altenpflegerin selbstständig gemacht und begleitete hilfsbedürftige Senioren auf ihren Reisen. Vom Kreuzfahrtschiff bis zum Wohnmobil – dank ihrer Hilfe konnten auch diese Menschen unterwegs sein. Nach so einem Einsatz freute sie sich auf ihr Zuhause.

 

Im ersten Stock, wo auch das Schlafzimmer ihrer Eltern war, hatte sie ein großes Zimmer mit einer Treppe, die zum Dachboden führte. Dort schlief sie unter einem großen Fenster und konnte in den nächtlichen Himmel schauen. Sie hatte nie den Wunsch verspürt, auszuziehen. Vielleicht, wenn das damals mit Henning funktioniert hätte, das wäre etwas anderes gewesen. Danach hatte sie noch keinen Partner gesucht oder gefunden, mit dem sie ein Zusammenleben probiert hätte, wo auch immer das hätte sein sollen.

 

Auf dem Weg zur Küche blieb sie vor dem Flurspiegel stehen. Nicht lange vor dem Tod der Mutter sah sie, wie diese im Nachthemd stehend davor stand. Sie starrte so intensiv hinein, dass sie die Tochter nicht bemerkte.

   „Ist was, Mutter?“ Maren erinnerte sich an die merkwürdige Antwort, die sie zu hören bekam, nachdem ihre Mutter erschrocken herumgefahren war.

   „Ich wollte nur sehen, ob ich anders aussehe, wenn ich mich anschaue. Ein Spiegelbild kann doch nicht lügen, oder?“, zitterte sie.

 

Maren nahm sie daraufhin in die Arme und sie beide betrachteten sich im Spiegel. Das braune Holz des Rahmens hatte genau den gleichen kastanienbraunen Ton wie die Haarfarbe der beiden, nur dass erste graue Strähnen bei der Mutter zu sehen waren. Plötzlich hielt sie den Atem an. Dieser Rahmen hatte eine andere Farbe, er war viel heller. Wann hatte der Austausch stattgefunden?

 

Beim Frühstück fragte sie neugierig danach. Ihr Vater zuckte zusammen und starrte sie hilflos an.

   „Du weißt doch, wie Mutter starb, nicht wahr?“

 

„Du hast mir erzählt, sie hätte sich die Pulsadern aufgeschnitten.“

 

   „Ja“, er senkte den Blick und starrte auf den Teller.

 

„Ich fand sie an dem Tag morgens vor dem Spiegel. Er war völlig zerschlagen und mit den Scherben davon hat sie es dann getan. Ich hatte immer gedacht, so was kann man nur mit Rasierklingen machen, deshalb fand auch eine Untersuchung statt. Aber niemand hatte verstanden, warum sie ihr Gesicht zerschnitt, bevor sie es tat.“

 

Maren setzte sich neben ihm, legte den Arm um seine Schulter und sprach heiser.

 

    „Sie war eine großartige Frau. Nur eben krank. Deshalb darfst du auch diesen letzten Satz in ihrem Tagebuch nicht für wahr halten, sie hatte Wahnvorstellungen. Ich habe es in ihrem Krankenbericht gesehen. Die Depressionen kamen wohl davon, denn sie war doch sonst eine völlig gesunde Frau.“

 

Ihr Vater stieß unter Schluchzen hervor.

    „Ich hätte es merken müssen, dass mit ihrem Kopf nicht alles stimmen konnte. Ihre Alpträume jede Nacht, sie ließen sie nicht schlafen. Ich habe sie aufstehen gehört und dann war sie meistens vor dem Spiegel. Wenn sie dann wieder zurückkam, blieb sie lange an meiner Seite stehen. Ich wusste nicht, warum, und was sie da wollte. Ich habe mich schlafend gestellt. Doch so ganz wohl war mir die letzte Zeit nicht. Es wurde immer schlimmer. Manchmal hatte ich sogar Angst, dass sie mir etwas antun würde, verzeih, Maren, sie ist nicht mehr da, ich habe sie doch geliebt, was sage ich da …“, unterbrach er sein Reden.

 

Sie drückte ihn noch fester an sich und sagte nur tonlos:

    „Vielleicht hatte sie ja das gleiche wie ich.“

 

Am Nachmittag suchte sie in ihren Schubladen die Bilder, die sie als junge Frau gezeichnet hatte. In der Reha hatte sie unbändige Lust bekommen, dieses Malen fortzuführen. Da waren sie, voll gemalte Blätter mit den Porträts ihrer Eltern, ihrer Freunde und Klassenkameraden. Conny, ihre beste Freundin aus Schultagen, hatte sie zusammen mit dem Bruder gemalt, Manuel hieß er, wenn sie sich recht erinnerte. Er war etwas älter als Conny und sah umwerfend gut aus. Ein bisschen war sie in ihn verknallt gewesen, vielleicht besuchte sie Conny deshalb so oft. Er solle dann eine Frau geheiratet haben, die Conny nicht gefiel. „Kalt“, hatte sie damals gesagt.

    „Sie ist eine kalte Frau, ich weiß nicht, warum er sie liebt. Zu ihm hätte eine warmherzige Frau gepasst, du wärst die richtige für ihn gewesen, finde ich“.

 

Maren seufzte. Es war an der Zeit, sich um alte Freunde zu kümmern. Es war damals eine schöne Zeit gewesen, alle aus dieser  Familie hatte sie gemocht. Leider zog sie mit ihren Eltern in die Stadt und damit schlief der Kontakt ein.

 

Im Internet suchte sie nach Malkursen und fand eine Malschule in genau diesem Ort. Sie meldete sich an. Ellen wohnte dort auch, fiel ihr ein.

 

Als sie im Bett lag, driftete sie in das Land zwischen Wachen und Schlafen und hörte Benta flüstern.

    „Deine Eltern haben sich geliebt. Sehr sogar. Erinnerst du dich an den Satz, dass liebende Menschen ein Fleisch werden? Normalerweise merkt das keiner, aber deiner Mutter ist es aufgefallen und damit ist sie nicht klargekommen. Ein Fleisch. Zwei Menschen. Sehen mit seinen Augen …, ihr Leid zu spüren war schlimm. Aber, nun, du gehst zum Kursus. Malen, das öffnet eine Tür in die kreativen Räume, wie jede Kunst es tut. Egal, welche, es ist nur wichtig, dass du mit Herz und Seele dabei bist. Dann fühle ich mich wie zu Hause …“, wehte die Stimme in die Unhörbarkeit.

 

Sie freute sich auf den Nachmittag. Der Kurs in dem Stadtteilhaus war für Fortgeschrittene gedacht und für einen Moment hatte sie ein schlechtes Gewissen. Die Kunsttherapeutin in der Reha hatte ihr zwar ein außergewöhnliches Talent bescheinigt, aber mit Acryl zu malen war bestimmt schwieriger als mit Kohle.

 

Beim Betreten des Hauses zwängte sie sich an einer Frau vorbei und wurde plötzlich am Arm festgehalten.

    „Na, wenn das nicht die Maren ist“, hörte sie die bekannte Stimme, die zu einer anderen Frau sagte:

    „Ich kenne sie aus der Reha, ich habe dir doch gesagt, dass da eine war, die Stimmen hörte, das hier ist sie.“

 

Maren machte sich innerlich gerade.

    „Du weißt, dass ich das klargestellt habe, unterlasse bitte solche Äußerungen in Zukunft über mich, sonst werde ich dich wegen übler Nachrede anzeigen müssen.“

   „Kein Problem für mich, für dich aber, wenn du nicht mit der Wahrheit leben kannst. Ich halte meine Klappe aber nur, wenn du mir einen Gefallen tust.“

 

Maren versteifte sich, plötzlich spürte sie ein kaltes Gefühl in der Magengrube. „Was für einen Gefallen?“

   „Später, lass uns erst mal hineingehen, das kann ich dir nicht zwischen Tür und Angel erklären. Aber dass du mich in der Reha als Lügnerin bezeichnet hast –, das nehme ich dir schon übel. Der ärztliche Direktor schob mir den schwarzen Peter zu, ich hätte das wohl alles falsch interpretiert. Um des lieben Friedens willen habe ich ihn in dem Glauben gelassen. Was hätte es mir gebracht, wenn ich dich in die Pfanne gehauen hätte. Andererseits, wir wissen doch, wie es wirklich war. Das willst du doch nicht an die Öffentlichkeit bringen, oder?“ Maren meinte, einen drohenden Unterton zu hören und betrat den Raum.

 

Nach ihnen schloss die Dozentin Helga die Tür. Maren registrierte, dass sie keine der neun anderen Frauen kannte, aber Ellen wurde von ihnen begrüßt.

    „Wir haben eine Neue in unserem Kreis“, beendete Helga das Stimmengewirr,

    „Herzlich willkommen und sage bitte ein paar Worte zu dir und deinen Aktivitäten.“ Maren stellte sich mit Namen vor und dass sie bisher nur Kohlezeichnungen angefertigt hatte, aber dass sie in der Reha gelernt hatte, mit Acryl zu malen und dass ihr das großen Spaß mache. Außerdem könne sie hier bestimmt etwas dazulernen. Ellen lachte höhnisch auf und bemerkte spitz: „Ich kenne sie gut, sie hat ungeahnte Fähigkeiten, ihr werdet sie auch noch kennenlernen, spätestens …“, die Dozentin unterbrach sie und verteilte an alle Teilnehmerinnen einen Spiegel, der aufgeklappt vor jede hingestellt werden soll.

  „Schaut euch darin an, versucht es mit einem Selbstbildnis. Da hinten stehen die Leinwände, sucht euch die passende Größe aus.“

 

Maren erschrak, sich selbst zu malen, daran hatte sie überhaupt kein Interesse. Es war zwar kaum zu bemerken, dass sie eine Perücke trug, aber sie litt sehr unter ihrem derzeitigen Aussehen. Schüchtern meldete sie sich.

     „Kann man das Bild irgendwie auch abstrakt malen, sodass der Wiedererkennungswert eher gering ist?“

    „Wie du willst, wir malen hier jede so, wie sie kann“, antwortete Helga achselzuckend.

 

Vor Maren standen verschiedene Acrylfarben. Sie starrte sich im Spiegel an. Große, blaugrüne Augen, eine blasse Haut, die gleiche gerade Nase, wie sie ihre Mutter hatte. Die ungeliebten fremden Haare, sie begann zu träumen, dass noch bis vor kurzem kastanienbraunes Haar ihr Gesicht umschmeichelte, dass sie sich doch so gesund gefühlt hatte bis dann …    

    „Willst du gar nicht anfangen, Maren, du hast zwar einen Bleistift in der Hand, aber auf der Leinwand ist überhaupt noch nichts zu sehen.“ Sie schreckte hoch und blickte auf – in den Spiegel. Große, furchtsame Augen starrten sie an. Fremd kam sie sich vor, was musste geschehen, dass sie sagen konnte: Das bin ich, und ich mag mich leiden, wie ich bin? Ihr Blick fiel auf ein hingekritzeltes Zitat, von Rudyard Kipling, das vor ihr auf dem Zettel stand:

 

 

Hab Dein Brot gegessen und auch Dein Salz,

 

Deine Wasser getrunken und Deine Weine,

 

Deinen Tod oft gesehen im Vorübergehn

 

Und Dein Leben gelebt, als wäre es das meine.

 

 

„Hast du mir das eben hingelegt, Helga?“, fragte sie. Ein kurzes Kopfschütteln.

     „Nein, vielleicht habe ich aus dem Makulatur-Stapel aus Versehen ein beschriebenes Blatt genommen, obwohl …, das wäre wirklich ein Wunder, wir bekommen unsere Kladde Zettel von einer Druckerei, da war noch nie ein beschriebenes Blatt dabei. Ich habe euch diese Zettel für Notizen und Skizzen hingelegt, vielleicht fängst du zuerst damit an, einen Entwurf zu machen“, riet sie freundschaftlich. Maren starrte ratlos auf den Zettel, dann auf die weiße Leinwand vor sich.

 

„Na, klappt wohl nicht so recht, hier kannst du dich nicht so rauswinden“, Ellens gehässige Stimme direkt neben ihr ließ sie zu der ersten Acryltube greifen.

   „Darüber mach dir man keinen Kopf, Ellen, vielleicht wird mir auch hier etwas eingeflüstert. Ich bin doch für jede Überraschung gut, das musst gerade du am besten wissen“, zischte Maren sie an und war augenblicklich erschrocken über ihren Ton. Seit wann konnte sie so aggressiv sein? Ihre Mutter hatte sie immer ein   „schüchternes Schäfchen“ genannt, dieser Ton passte überhaupt nicht dazu. Sie starrte auf die Farben, womit bloß sollte sie anfangen. Sie entschied sich für rot, legte sich ein paar Farben auf den Boden, die Leinwand daneben und kniete sich davor. Es war doch egal, es durfte abstrakt sein und sie machte den ersten roten Strich auf die blütenweiße Fläche. Dann begann sie, die Welt um sich herum zu vergessen. Andere Striche folgten, andere Farben, sie freute sich am Zusammenspiel der verschiedenen Nuancen, der bunten Flächen, sie malte so, wie sie es als schön und richtig empfand und fühlte eine nie gekannte Harmonie in sich.

    „So, hängt jetzt eure Bilder an die Wand, und dann werde ich zu jedem einzelnen etwas sagen“, klatschte Helga in die Hände,

    „macht Schluss jetzt, wir bekommen nächste Woche wieder diesen Raum, dann könnt ihr weitermalen, falls ihr noch nicht fertig seid.“

 

Maren wachte erfrischt auf wie nach einem langen, gesunden Schlaf. Sie hängte ihr Bild als Letztes auf. Sie konnte kein Gesicht erkennen, sie wusste, dass sie abstrakt gemalt hatte, aber die bunte Fläche erfüllte sie mit Freude. Als sie sich umdrehte, starrten alle sie an. Ellen hatte den Mund aufgerissen und schlug sich mit der Hand darauf, um einen Schrei zu unterdrücken. Es war gespenstisch still.

 

Maren stand starr und hatte plötzlich Angst. Was war passiert? Sie schaute an sich herunter, die Hose hatte ein paar Farbflecken, daran konnte es also nicht liegen. Ein heftiger Griff zum Kopf – auch ihre falschen Haare saßen so wie immer. Warum diese unnatürliche Stille? Helga starrte sie fassungslos an, dann begann sie langsam in die Hände zu klatschen. Andere folgten ihrem Beispiel, auch Ellen.

 

Maren drehte sich um – war etwas mit dem Bild? Es war bunt, abstrakt, na und? Helga trat auf sie zu und nahm sie in den Arm.

 

    „Ich konnte ja nicht ahnen …“, ihre Stimme versagte. Sie führte Maren zu den anderen, die am Ende des Raumes auf sie warteten und drehte sie um. Maren betrachtete die Bilder, die an der Wand aufgereiht hingen und plötzlich verstand sie. Da war ihr Bild – ihr Gesicht – riesengroß. Nur aus der Entfernung zu erkennen. Sprechende, graugrüne Augen schauten den Betrachter an und luden ihn dazu ein, in diesem Gesicht mit den Augen spazieren zu gehen. In diesen Garten Eden, in dieser unaussprechlichen Schönheit, die so überirdisch war, dass Helga die Hände wie zu einem Gebet faltete und stammelte:

   „Begnadet, einfach nur begnadet. So ein Talent, dass ich das erleben darf. Und du wolltest von uns lernen, du, du …“ sie rang nach Worten „du Supertalent. Du kannst von niemandem auf dieser Welt noch etwas lernen.“ Maren schloss die Augen und atmete tief ein.

 

Sie wusste, dass das ein Werk von Benta war. Benta – das unbekannte Etwas in ihrem Inneren. Er – sie – es hatte in der letzten Zeit nur noch wenig mit ihr kommuniziert.

    „Wir sprechen nur in Notfällen und beantworten Fragen, um Ängste zu nehmen, wenn wir erkannt oder gehört werden. Wie du vielleicht bemerkt hast, so viele Menschen – außer den Kindern – gibt es nicht, die uns verstehen können. Du, genauso wie deine Mutter, gehören dazu.“ Das war das letzte Gespräch gewesen, das Benta mit ihr geführt hatte.

 

Marens neugierige Fragen wurden nicht mehr beantwortet. Jetzt also dieses Wunder beim Malen, sie schüttelte den Kopf. Was hatte das zu bedeuten? Sie verließ das Haus und eilte zu ihrem Wagen. Ellen stand davor. Eine andere Ellen, fast demütig im Ausdruck.

    „Ach ja“, Maren sprach leise, „da war doch was mit einem Gefal-len.“ Ellen räusperte sich und senkte den Blick.

    „Es geht um meinen Mann. Er hatte einen Unfall.“

 "Das tut mir Leid für dich, wieso meinst du, ich könnte dir dabei helfen?“

    „Es ist so, er war nicht alleine im Auto. Eine Frau war bei ihm, sie war sofort tot. Die Polizei konnte ihre Identität noch nicht feststellen. Ich möchte so gerne glauben, dass es nicht seine Geliebte war. Nur – er war seit einer Woche nicht mehr in seiner Firma gewesen, habe ich erfahren. Ich glaube, er wollte mich verlassen.“ Ellen machte eine Pause, dann nahm sie einen tiefen Atemzug und stotterte:

     „Es ist was mit seinem Gehirn, er schaut mich ganz verzweifelt an und kann nicht sprechen. Es könnte ein Schlaganfall sein durch innere Blutungen, die Ärzte sind sich nicht ganz sicher. Ich bitte dich nur um eines, Maren, ich muss wissen, ob er mich im Stich lassen wollte. Ich weiß, dass es dir irgendwie möglich ist, zu ihm vorzudringen. Bitte!“ Maren betrachtete die Frau vor sich. Sie hatte Ellen zuerst sehr gemocht, doch das Ausplaudern nahm sie ihr sehr übel. Andererseits – sie war ein Mensch, der sich quälte. Wie viel von ihrem Hass war darauf zurückzuführen, dass sie sich betrogen fühlte? Maren nahm sie in die Arme.

    „Ich versuche mein Bestes, aber versprechen kann ich dir nichts, Ellen.“ Ein fast schon schmerzhaftes Gefühl im Bauch ließ sie beinahe, die soeben ausgesprochenen Worte bereuen. Warum wollte Benta sie warnen? Das plötzliche Gefühl der Vorahnung vor der Malstunde fiel ihr ein. Was war an diesem Gefallen, dass er für sie, Maren, nicht gut war?

 

 

 

 

 

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V. Kapitel   (Beginn)

 

Es stand das Auto vor der Tür, das bereits vor einigen Tagen in der Straße war. Maren drückte ihrem Vater einen Kuss auf die Wange. „Tschüss bis heute Abend, ich werde abgeholt, muss mich beeilen.“ Ihr Vater warf einen Blick auf das Fahrzeug und spöttelte: „Ach, jetzt hat sie Zeit, die Dame, und du springst gleich. Hat sie Tochter und Hund wieder mit? Sag ihr mal, dass das neulich keine Art von ihr war.“

 

Maren eilte hinaus und öffnete die Wagentür. Ellen war alleine, sie trommelte auf dem Lenkrad herum. „Ich hab’ mit dem Chefarzt gesprochen, er meinte, dass er aufgeschlossen für alles sei, ich solle nur machen, was mir in den Sinn kommt.“ Maren fühlte sich nicht wohl in ihrer Haut. Was, wenn Benta die Zusammenarbeit verweigerte? Andererseits, mehr als blamieren konnte sie sich nicht, und wenn sie keinen Erfolg hatte, gab es wenigstens diese Spannungen mit Ellen nicht mehr.

 

Auf der Station trafen sie einen jungen Arzt, der darum bat, bei der Seance anwesend sein zu dürfen. Maren stutzte. Von irgendwoher kannte sie diesen Mann. Ellen atmete erleichtert auf und Maren hatte den Eindruck, als wäre ihr das mehr als recht. „Du hast doch nichts dagegen, oder?“

 

Maren zuckte die Schultern.

  „Ich kann gar nichts versprechen, ich habe so was noch nie gemacht, bin selber gespannt, was passiert.“

 

Alle drei betraten das Zimmer. Ein Mann lag dort mit geschlossenen Augen in einem Kabel- und Schlauchgewirr, umgeben von Geräten. Die Brust hob und senkte sich, die Maschine arbeitete im Rhythmus. Der Arzt schob ihr einen Stuhl zu, sie setzte sich direkt neben das Bett. Hilflos schaute sie auf die beiden, die ihr aufmunternd zunickten und sich dann an das Fußende postierten. Maren schaute auf das wächserne Gesicht und strich scheu über den Arm des Liegenden. Tiefes Mitleid erfasste sie. Warum wollte Ellen unbedingt wissen, ob dieser Mensch ihr die Treue gehalten hatte? Das war doch jetzt egal, hier lag ein Mensch, der niemandem mehr irgendetwas antun konnte. Er brauchte Hilfe und es war egal, von wem. Für einen winzigen Moment hatte sie den Eindruck, als wüsste er um ihre Anwesenheit, als zuckte ein Augenlid als Reaktion auf ihre Berührung.

   „Stört es sie, wenn wir so dicht dabeistehen“?, fragte der Arzt und Maren  war sich wiederum sicher, dass sie ihn von irgendwoher kannte. Wie hätte sie so eine warme Stimme vergessen können?

  „Wenn sie mich so direkt fragen, ja, besser wäre es, wenn sie mich nicht direkt betrachten, dann kann ich mich besser entspannen.“ Die beiden setzten sich weiter entfernt von ihr und Maren begann, sich auf ihr Inneres zu konzentrieren.

   „Benta, hilf mir, nimm Kontakt auf, was ist passiert, wie ist er in diesen Unfall geraten? Sage es mir.“ In ihrem Inneren empfand sie eine grenzenlose Leere, doch dann löste sich ihre Hand von dem Arm des Mannes. Sie spürte eine tiefe Unruhe in sich. Tonlos und leise sprach sie:

   „Ich brauch‘ einen Stift, einen Zeichenblock oder irgendwas Ähnliches.“ Die Spannung löste sich im Raum, als der Arzt hinauseilte. Er kam nach ein paar Minuten mit einem Briefblock und einem Bleistift zurück.

   „Reicht das?“ Maren nickte. Sie atmete sie tief ein, schloss die Augen und begann nach einer Weile zu zeichnen, die Hände führte jemand anderes. Striche raschelten über das Papier. Sie war nicht mehr im Krankenzimmer. Sie war dort, wo die vollständige, harmonische Stille um sie war. Wo sie immer bleiben wollte. Sie schüttelte die Hand ab, die auf ihren Schultern lag. „Kommen sie zu sich, sie zeichnen schon seit einiger Zeit nicht mehr“. Maren schlug die Augen auf und blickte um sich. Sie war wieder zurück im Zimmer und fühlte sich so gut, als hätte sie lange geschlafen. Erstaunt blickte sie auf das Papier in ihrem Schoß.

   „Habe ich das etwa gezeichnet? Ich kann mich an nichts erinnern.“

Das Bild zeigte ein Fabrikgebäude. Der Name des Auto-Herstellers über dem Tor war bekannt, allerdings befand er sich im nahen Ausland. Ein Dokument hatte sie daneben gezeichnet, worauf „Arbeitsvertrag“ stand.

  „Sagt ihnen das etwas?“, fragte der Arzt die Frau des Patienten. Ellen blickte erschrocken auf die Zeichnung.

   „Er war unzufrieden mit seiner Arbeit, das wusste ich. Vom Hörensagen kenne ich diese Firma. Es ist die Konkurrenz, aber er mag diese Marke. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als mit den Leuten dort zu sprechen. Danke, Maren, bestimmt hilft mir das weiter. Soll ich dich nach Hause fahren? Ich muss das jetzt klären.“ Maren schüttelte den Kopf.

   „Nein, ich habe sowieso noch in der Stadt zu tun, vielen Dank. Ich drück dir die Daumen, dass sich alles aufklären lässt.“

 

Der Arzt lud sie zu einer Tasse Kaffee in die Cafeteria ein.

   „Danke, das kann ich jetzt gut gebrauchen, ich bin ein bisschen durcheinander. Ich hätte nicht gedacht, dass so etwas dabei passiert. Aber ich bin froh, wenn ich helfen konnte.“ Kaum nahm sie den ersten Schluck, ging der Pieper in der Tasche des Arztes an.

   „Entschuldigen sie mich bitte“, entfernte er sich. Maren lehnte sich entspannt zurück. Benta hatte sie nicht verlassen, die Zeichnung war ihr Werk. Hauptsache, es half Ellen.

 

Nach einer ganzen Weile kehrte der Arzt zurück. „Was ist?“, fragte sie bang, denn sein Gesichtsausdruck ließ nur eine Deutung zu. „Er ist eingeschlafen, eben gerade. Ich muss ihnen sagen, dass wir damit rechneten. Ich hatte sogar den Eindruck, dass er nur darauf wartete, sich noch einmal äußern zu können, egal wie. Ihnen gebe ich keine Schuld an seinem Tod, das wird seine Frau genauso sehen“, beruhigte er Maren, die ihn erschrocken mit riesengroßen Augen anstarrte.

 

Eine junge Frau trat an den Tisch, und sprach aufgeregt:

   Dr. Menning, endlich erwische ich sie. Darf ich kurz stören?“ Sie wartete eine Antwort nicht ab, stellte stattdessen einen Karton auf den Tisch. „Das kommt von meiner Mutter, es ist ihr ein Herzenswunsch, dass sie diese beiden Weinflaschen mit Genuss austrinken. Es ist ein Dankeschön für ihre fürsorgliche Behandlung. Auch ich möchte ihnen danken …“, hier unterbrach sie der Arzt mit den Worten:

  „Gern geschehen, das ist doch selbstverständlich.“ Maren erinnerte sich schlagartig: Der junge Mann aus der Bücherei, der sie beim Sprechen mit Benta ertappte. Sie starrte ihn mit offenem Mund an.

   „Frau Herzog, grüßen Sie ihre Frau Mutter von mir, sie war mir eine sehr liebe Patientin. Hat sie sich in der Reha gut erholt?“

   „Ausgezeichnet, sie ist kaum wiederzuerkennen, das hat sie alles ihnen zu verdanken“, strahlte ihn die Frau an. Dann, mit einem kurzen Seitenblick auf Maren, bemerkte sie,

   „Ich habe sie gestört, entschuldigen Sie bitte, aber an Dr. Menning ist wirklich schlecht heranzukommen, da muss man jede Gelegenheit nutzen.“ Maren nickte verstört und schaute der jungen Frau nach, die beschwingt die Cafeteria verließ. Beim Öffnen der Tür drehte sie sich noch einmal um und winkte dem Arzt fröhlich zu, der ebenfalls seine Hand hob und zurückwinkte. Maren platzte heraus:

   „Wir haben uns schon einmal gesehen, erinnern Sie sich? Vor einiger Zeit in der Bücherei!“

   „Ja, natürlich, und ich muss ihnen auch ein Geständnis machen“, er schaute sie mit zerknirschter Miene an: „Ich bin sogar so weit gegangen, dass ich mir ihren Namen geben ließ. Man kennt mich dort“, unterbrach er sie, und Maren konnte außer ‚Wieso denn’ nichts mehr fragen.

   „Als dann ihre Freundin mir erzählte, dass sie vielleicht Zugang zu einem Komapatienten bekämen und mir ihren Namen sagte, musste ich einfach reagieren. Den Chefarzt zu überzeugen war einfach, hätte er allerdings die ganze Geschichte gehört von wegen Beenden der Reha-Maßnahme, Einweisung in die Psychiatrie und stures Leugnen, bzw. sogar Verleugnen ihrer Freundin, dann hätte es anders ausgesehen“. Jetzt schaute er sie offen an:

  „Ich habe damals in der Bücherei nicht geglaubt, dass Sie Selbstgespräche führen Sie wirkten so normal und sympathisch auf mich, ich war schon neugierig. Aber wenn ich jetzt sehe, was aus der ganzen Sache geworden ist, dann bin ich doch sehr erstaunt und verwundert. In puncto Stimmen hören sind sie weiß Gott nicht die einzige, aber das, was sie da im Krankenzimmer bei diesem armen Mann gezeigt haben, das hatte Hand und Fuß.“ Maren schwieg. Diese Beichte hatte sie überrascht. Normalerweise hätte sie sich geschmeichelt fühlen müssen, aber die jüngsten Erfahrungen hatten sie vorsichtig werden lassen.

Wieder zu Hause, legte sie sich auf das Bett und versuchte, mit Benta zu sprechen. Fehlanzeige, als ob dieses Wesen mit ihr nur in besonderen Fällen kommunizieren wollte. Das Wort „Schutzengel“ kam ihr in den Sinn und wie eine Sternschnuppe umwehte sie der Satz: „Das ist auch einer unserer vielen Namen“. Dann schwieg der Himmel in ihr.

 

Am nächsten Nachmittag bekam sie einen Anruf von Dr. Menning. Sie trafen sich wieder in der Cafeteria und als sie eintrat, saß er sehr ernst bei einer Tasse Kaffee. „Was ist passiert?“, begrüßte Maren ihn. Er schaute sie offen an: „Ich habe mich getäuscht, ihre Freundin ist nicht der Meinung, dass ihr Mann eines natürlichen Todes gestorben ist. Sie gibt ihnen die Schuld daran. Sie ging sogar so weit, sie indirekt zu bedrohen. ‚Die Hexe muss brennen’, zischte sie, als sie die Sachen ihres Mannes abholte. Ich weiß nicht, was ich von diesem Ausspruch halten soll, aber vorsichtshalber habe ich meinen Bruder gefragt, der arbeitet bei der Polizei. Er ist zwar bei der Mordkommission, aber mir zuliebe will er sich schlaumachen. Außerdem ist er sehr an ihrer ‚inneren Stimme‘ interessiert. Er bittet darum, sich mit ihnen morgen Nachmittag zu treffen, ist das in Ordnung so?“ schaute er sie fragend an.

  „Selbstverständlich“ antwortete Karen sofort, „obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass sie diesen Ausspruch ernst gemeint hat. Ich werde sie morgen besuchen und ihr mein Beileid aussprechen – nachdem ich mit ihrem Bruder geredet habe.“

 

Dr. Menning atmete auf und wischte sich über die Stirn, als wolle er dort dunkle Gedankenwolken weg streifen. Der Händedruck, den beide austauschten, war diesmal länger als gewöhnlich und Karen spürte eine Welle der Erregung in sich. Verwirrt entzog sie ihm ihre Hand und ging zum Ausgang. Hatte sie sich nicht geschworen: nie wieder? Seit Hennings spektakulärem Abschied hatte sie das Interesse an Männern verloren. So durfte ihr niemals wieder ein Mensch wehtun.

 

 

 

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VI. Kapitel   (Polizei)

 

Sie schlief schlecht in dieser Nacht und war froh, als das Morgenlicht die Schatten in ihrem Gemüt verscheuchte. Henning war die Liebe ihres Lebens gewesen. Eine Familie wollten sie gründen, doch immer kam etwas dazwischen. Mal war es sein Karrieresprung, auf den er warten wollte, dann der Ostasienurlaub, zuletzt die Krankheit seiner Mutter. Doch als Maren selber krank wurde, verließ er sie. Damit nicht genug, er kündigte die Wohnung und ließ alle Dinge aus der gemeinsamen Wohnung zu ihrem Vater bringen. Er arbeitete in einer Anwaltskanzlei und auf ihre Nachfrage bekam sie die Information, dass er ins Ausland gegangen sei.

 

Sie ging in die Küche und bereitete ein gemütliches Frühstück für ihren Vater und sich vor. Aus dem Keller holte sie die letzte Himbeermarmelade, die ihre Mutter noch gekocht hatte.

   „Ist heute etwas Besonderes?“, fragte ihr Vater, als er verschlafen in die Küche kam.

   „Bestimmt, heute ist der erste Tag meines neuen Lebens, Papa. Ich habe so ein Gefühl, als ob heute noch etwas Entscheidendes passieren wird.“

 

Er schaute sie neugierig an und schmierte sich ein frisch gebackenes Brötchen.

  „Du hast da was, Maren, die Marmelade ist um deinen Mund verteilt, es sieht zum Fürchten aus.“

   „Wo?“, fragte sie knapp.

„Da, großzügig verteilt um deine Narbe herum.“

Mit der Serviette wischte sie sich den Mund sauber und dachte für einen kurzen Moment daran, wie sie zu dieser Narbe gekommen war.

  „Du hattest damals einen Schutzengel, als du neun Jahre alt warst“, schaute ihr Vater sie kauend an, er hatte ihre Gedanken erraten.

   „Wenn du nicht so lange gezögert hättest, trotz grün über die Ampel zu gehen, dann hätte dich das Auto voll erwischt.“

 

Maren nickte schweigend. Sie erinnerte sich noch genau an den Unfall, den das Auto verursachte, das bei Rot über die Kreuzung fuhr. Es rammte ein anderes und wenn sie nicht in diesem Moment geträumt hätte, wäre sie zwischen die beiden Fahrzeuge geraten. So bekam sie nur einen Glassplitter ab, der ihr die Narbe über der Oberlippe bescherte. Es kam ihr in den Sinn, ob auch das ein Werk von Benta gewesen war. Bei der nächsten Meditation wollte sie diese Frage stellen, doch das Wesen in ihr war sehr wortkarg geworden. Es hatte keinen Zweck, sich danach zu erkundigen und da sie neuerdings nur noch über das Zeichnen Zugang zu wem auch immer bekam, war das der Mühe nicht wert. Denn wie kam der Kontakt zu Ellens Mann zustande? War Benta der Übersetzer dieses anderen Symbionten und hatte ihr das Zeichnen ermöglicht oder konnte sie direkt mit dem Symbionten des sterbenden Mannes kommunizieren? Hatte er auf sie gewartet? Konnte, wollte er danach sterben oder hatte die Verbindung zwischen ihnen beiden ihm den Tod gebracht?

 

Das Restaurant, in dem sie den Bruder von Dr. Menning treffen sollte, lag an der bewussten Kreuzung, über die sie heute mit ihrem Vater gesprochen hatte. Beim Eintreten spähte sie in die Runde und dort, direkt am Fenster, mit Blick auf die ehemalige Unfallstelle, saß Henning. Sie zuckte unwillkürlich zusammen. Er winkte ihr zu und als sie genauer hinschaute, entdeckte sie, dass dieser Mann dort, der Bruder von Dr. Menning, nur eine fatale Ähnlichkeit mit ihrem ehemaligen Lebensgefährten hatte. Etwas befangen setzte sie sich zu ihm.

   „Schön, sie kennenzulernen, Matthias hat mir schon viel von ihnen erzählt. Ich arbeite in der Nähe und habe mir jetzt eine Pause gegönnt, um mich ihres evtl. vorhandenen Problems anzunehmen.“

 

Maren griff zur Speisekarte, um das Zittern ihrer Hände zu verbergen.

   „Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Ellen mich bedroht, das hat sie bestimmt nur in ihrer ersten Wut gesagt. Ich hörte, dass bei den Angehörigen eines Verstorbenen auch viel Wut mit im Spiel ist, die später von der Trauer abgelöst wird.“

   „Ich hoffe, dass es in ihrem Fall so sein wird, doch wenn sie eine andere Empfindung haben, ich helfe ihnen gerne. Es gibt da Möglichkeiten …“

   „Dann komme ich gerne wieder auf Sie zurück“, Marens Stimme war tonlos, die Aufregung schnürte ihr den Hals zu. Wie kann ein Mensch einem anderen so ähnlichsehen? Bei genauerem Hinsehen jedoch bemerkte sie die vielen Unterschiede, die so groß waren, dass sie sich fragte, warum sie ihn als Henning zu erkennen glaubte. Sie atmete auf und konnte nun in Ruhe ihre Bestellung aufgeben. Sie aßen und redeten nur wenig.

 

„Mein Bruder hat mir von ihrer seltsamen Kunstfertigkeit erzählt, was das Zeichnen anbelangt“, nahm er das Gespräch nach dem Espresso wieder auf.

  „Vielleicht können Sie auch mir helfen, ich habe da ein ganz spezielles Problem.“ Maren merkte auf und erwiderte fast fröhlich:

    „Aber gerne, was ist denn ihr Anliegen?“

„Ich habe da einen besonderen Fall. Sie wissen, dass ich bei der Mordkommission bin?“ Maren nickte.

   „Gut, wir haben da eine männliche Person, wo alle Indizien darauf hinweisen, dass nur er der Mörder sein kann. Es dreht sich um eine 14-jährige Schülerin, die von ihm erwürgt wurde. Nähere Einzelheiten möchte ich Ihnen ersparen. Matthias hat mir erzählt, dass Sie nicht wissen, was Sie malen, dass man Sie aus der Trance aufwecken muss?“, schaute er sie fragend an.

 „Genauso ist es, und ich bin in dieser Zeit irgendwo im Wunderbaren, es war sehr schön“, meinte sie begeistert.

   „Wir können ja einen zweiten Versuch starten“, meinte er leichtert.

„Ich führe Sie in einen Raum, der an den des Verdächtigen angrenzt und sorge dafür, dass ihn jemand in ein Gespräch verwickelt. Er sitzt dann auf dem Stuhl direkt neben ihnen, nur die Wand ist noch dazwischen, also brauchen sie höchstens einen Meter zu überbrücken.“

   „Ich weiß nicht, wie weit meine neue Fähigkeit reicht, ob sie auch durch Mauern dringen kann und ob sie überhaupt so schnell und auch in so einem Fall abrufbar ist“, gab Maren zu bedenken.

   „Sie wissen, dass das bei Ihrem Bruder mein erstes Mal war?“

   „Ist mir schon klar“, seine Stimme klang angespannt.

   „Es ist nur ein Versuch, wir kommen bei dem Mann nicht weiter, er sagt nichts und müsste sonst entlassen werden.“

   „Wann soll ich denn kommen?“

„Wenn es Ihnen möglich ist, dann bitte gleich, es ist nur ein kurzer Fußweg, vielleicht haben wir ja Glück. Ich werde bei ihnen sein und auf sie aufpassen.“ Maren spürte eine warme Welle durch ihren Körper strömen. Wann – außer ihrem Vater – wollte jemals ein Mann auf sie aufpassen? Noch dazu ein so gutaussehender. Sie nickte und kurz darauf begaben sie sich auf den Weg.

 

Maren saß entspannt auf einem Stuhl und hatte einen Kohlestift und einen Zeichenblock vor sich liegen. Sie begann zu meditieren, horchte in sich hinein, doch es blieb still in ihr. Kurz darauf befand sie sich wieder in diesem seltsamen Zwischenreich der Stille. Sie fühlte sich wohl und genoss die Harmonie um sich. Wo bin ich hier, ist noch jemand da? Kamen die Gedanken aus ihrer eigenen Tiefe und gingen in dieser Traumwelt auf wie zerplatzende Seifenblasen. Ein leises Wispern glaubte sie zu vernehmen, das wieder verschwand und sie in der Stille zurückließ.

 

„Wach auf, Maren, wie fühlst du dich?“ Er musterte sie. Sie schaute auf den leeren Zeichenblock vor sich und Enttäuschung über-schwemmte sie. 

   „Schade, es hat wohl nicht funktioniert, obwohl ich gut meditieren konnte.“ Er schaute sie forschend an.

   „Du weißt wirklich von nichts?“

„Nein, habe ich denn irgendwas gemacht?“

   „Du hast“, und seine Stimme klang begeistert. „Du hast ein Bild gemalt, ein Bild vom Tathergang. Ich bin so froh, dass du das nicht mehr weißt. Entschuldigung, ich bin in das du gerutscht, ist dir das recht? Ich bin Manfred.“ Er nahm ihr den Zeichenblock und den Stift aus den Händen. Maren nickte und schüttelte seine Hand.

   „Maren, das weißt du ja schon.“

„Die Zeichnung hat ihren Zweck zur vollsten Zufriedenheit erfüllt. Danke, danke, danke. Wir haben ein Geständnis vom Verdächtigen bekommen. Ich gab meinem Kollegen das Bild, als du mit dem Skizzieren aufhörtest und er konfrontierte damit den Verdächtigen. Und der fing an zu schreien: „Ja, so war’s, so hat sie mich angeschaut, so hat sie gelegen, woher haben Sie das Bild?“ und er schluchzte und brach zusammen.“

   „Was“, fragte Maren leise, „was habe ich eigentlich gemalt? Zeig es mir, bitte.“

   „Das kann ich nicht, wir haben es vernichtet, das verstehst du doch. Das Geständnis war die Hauptsache, und du hast uns dazu verholfen. Vor Gericht würden wir damit nicht durchkommen. Hokuspokus, hat bei Ermittlungen normalerweise nichts verloren, obwohl man immer wieder mal so etwas hört. Mir ist es allerdings noch nicht untergekommen, es war heute das erste Mal auch bei mir. Ich danke dir. Natürlich bekommst du dafür eine angemessene Vergütung.“

   „Was soll ich denn dafür nehmen, Manfred? Wie bei deinem Bruder kann ich nur sagen, dass ich mich sehr wohlgefühlt habe in dieser Trance. Das ist gar nicht zu bezahlen. Und wenn ich dir damit helfen konnte, umso besser.“

   „Jetzt ruh dich erst mal aus, ich melde mich wieder bei dir.“ Sein Händedruck war warm und fest und sie hatte das Gefühl, als hätte sie ein Bündnis mit ihm geschlossen, das ewig halten würde. Manfred verschwand im Nebenzimmer und sie hörte zwei Männer murmeln. Die Tür war nur angelehnt, und beim Vorbeigehen hörte sie eine fremde Stimme.

   „Als er das Bild sah, dieses grauenerregende von der Tat, wo man sogar den Ort darauf erkennen konnte, hat er noch gesagt, das hat die Hölle geschickt. Sag mal, was ist denn da passiert? Wie hast du das gemacht? Ich hab’s gleich zerrissen, wie du‘s gesagt hast.“ Die Tür wurde verschlossen und Maren starrte den Flur hinunter. Aus der Hölle – das Bild wurde aus der Hölle geschickt – dann war sie in der Hölle gewesen und nicht dort, wo sie dachte, dass sie gewesen wäre, in einer Art Paradies. Sie setzte mechanisch einen Fuß vor den anderen, betrachtete das Grau des Linoleumbodens. Die Hölle also.

 

Sie trat auf die Straße und ging den Weg zurück, zurück zum Restaurant, zurück über die Kreuzung, die ihr beinahe zum Verhängnis geworden wäre.

 

 

 

 

 

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VII. Kapitel           (Besuch)

 

Maren fühlte den Blick der Verkäuferin neugierig auf sich ruhen. Bestimmt war ihr die Unsicherheit anzumerken. Der gestrige Tag hatte ein schlechtes Ende genommen, obwohl er so schön begann. Aus der Hölle also waren die Informationen gekommen, hörte sie als Lauscher an der Tür. Dabei wähnte sie sich im Himmel. Andererseits – es war ein Mörder, mit dem sie Kontakt aufgenommen hatte, da war der Himmel wahrscheinlich fehl am Platze. Nur gut, dass sie nicht wusste, was sie gezeichnet hatte. Und wieder die Frage, ob sie den Kontakt Benta zu verdanken hatte oder dem anderen Symbionten im Leib des Schuldigen.

 

„Womit kann ich Ihnen helfen?“, die junge Verkäuferin trat auf sie zu. „Entschuldigung, ich hab‘ gerade geträumt. Sie können mir wirklich helfen, ich hätte gerne einen Blumenstrauß.“

    „Haben Sie eine Vorstellung, welche Blumen es denn sein sollen?“ Maren ging in dem Laden auf und ab, betrachtete die verkaufsfördernd arrangierten Sträuße auf einem Gestell, das im oberen Bereich mit Balken abgestützt wurde, die sie an einen Galgen erinnerten. Sie schüttelte sich, schaute auf die in Eimern stehenden Rosen und dann auf die hilfsbereite junge Frau. „Es hat keinen Zweck, stellen Sie mir bitte einen Strauß nach Ihrem Geschmack zusammen.“

    „Für welchen Anlass soll es bitte sein?“ „Es ist“, sie holte mühsam Luft, hatte das Gefühl, als läge eine Schlinge um ihren Hals. „Er sollte nicht zu fröhlich sein. Meine …“, sie überlegte, dann sprach sie gepresst weiter „meine Bekannte hat kürzlich ihren Mann verloren. Trotzdem soll es kein Kondolenzbesuch sein, wenn sie wissen, was ich damit meine?“ Die Floristin nickte hilflos und ging an die Arbeit. Aus diesem Eimer eine, aus jenem einige wenige, aus einem anderen einen Arm voll Blumen. Maren betrachtete sie forschend. Konnte diese unerfahren aussehende Person etwas zusammenstellen, was Ellen trösten konnte, aber trotzdem nicht anbiedernd wirkte? Preislich hatte sie nur eine hohe Obergrenze genannt, ihr somit freie Hand gelassen.

 

Nach einer ganzen Weile, Maren hatte sich auf einen Stuhl gesetzt und hing ihren Gedanken nach, hörte sie „Ist es recht so, gefällt er Ihnen?“ Sie schaute auf einen Blumenstrauß, der wunderschön war: dezent, geschmackvoll und nicht zu bunt. „Danke“, atmete sie erleichtert auf, „der wird ihr bestimmt gefallen.“

 

Vor Ellens Haustür begann sie langsam, den Strauß vom Papier zu befreien. Dann klingelte sie. Die Tür wurde aufgerissen und Ellen stand wie ein Racheengel vor ihr. Sie sah furchterregend aus. Die Augen verweint, die Haare ungepflegt, das Kleid war schwarz und hing wie ein Sack an ihr herunter. Sie hatte keine Schuhe an. „Was willst du hier, gehe aus meinem Leben, verschwinde, aber nimm nicht schon wieder jemandem von mir mit, du Hexe.“

Die Tochter kam um die Ecke gelaufen und Ellen nahm sie besitzergreifend in die Arme. „Die da, die hat deinen Vater umgebracht. Und der Arzt steckt auch mit ihr unter einer Decke, aber ich, ich weiß Bescheid. Mich kannst du nicht täuschen. Steck dir die Blumen an den Hut und lass dich hier nie wieder blicken.“

 

Mit einem dumpfen Krachen fiel die Tür ins Schloss und Maren stand davor, als wäre ein Eimer Unrat über ihr ausgeschüttet worden. Das Haus blieb still, keine Schritte, kein Gespräch, keine Frage von der Tochter. Das Haus war zur Miete, wie sie sich erinnerte, es war ein gepflegtes Einfamilienhaus. Wer würde jetzt für die beiden sorgen? Sie wusste nichts über sie, waren sie in auch noch in ein finanzielles Loch gefallen?

 

Ein Hund mit einem roten Halsband kam um die Ecke gelaufen und wedelte mit dem Schwanz. Sie streichelte ihn und bemerkte, dass ihre Tränen auf sein weißes Fell fielen. Eine Gardine bewegte sich und Maren sah die Tochter, die sie angstvoll anstarrte und dann verschwand. „Pinki, lass ab, geh in den Garten“, hörte sie es leise rufen und der Hund verschwand gehorsam.

 

Das Papier in ihrer Hand raschelte und sie schaute auf die Blumen. Eine gelbe Rose strahlte sie an. Was sollte sie damit machen? Zögernd ging sie zum Auto, legte den Strauß auf den Beifahrersitz und fuhr los. Zwei Straßen weiter hielt sie an, sie zitterte und fasste das Lenkrad an wie ein rettendes Seil. So viel Hass – so viel Wut – so viel Verzweiflung. Sie dachte an das Gespräch mit Ellen, als es um den so genannten Gefallen ging. Jetzt konnte sie das warnende Gefühl von damals in ihrem Inneren verstehen. Was war aus diesem so gut gemeinten Gefallen geworden? Ellen hatte völlig falsche Schlüsse daraus gezogen – eigentlich hätte sie erleichtert sein sollen. Schließlich war ihr Mann nicht fremdgegangen und dank ihr konnte er das seiner Frau noch mitteilen. Und dann sterben. Sie hörte von dem Arzt, dass es ein Wunder war, dass er noch so lange durchhielt. Bei diesen schlimmen Verletzungen hatte er keine Chance auf ein Weiterleben.

 

Die Straße vor ihr war menschenleer. Der Himmel bezog sich, bald würde es stürmen. Diese Stadt, sie kannte sie nur aus Connys Erzählungen. Conny war ihre Klassenkameradin und zog hierher. Sie kaufte mit ihrem Mann einen großen Resthof, den sie zu einem Hotel oder etwas Ähnliches umbauen wollten, Maren war darüber nicht auf dem Laufenden, wieweit das Projekt – dieses Riesenprojekt – vorangeschritten war. Sie hatte Fotos von dem Hof gesehen, wusste, wo er lag. Sie traute Conny zu, dass sie das erreichte, was sie erreichen wollte. Allerdings hatte sie nur einen Sohn – er müsste in dem Alter wie Ellens Tochter sein – und dabei hatten sie doch vorgehabt, eine Großfamilie zu gründen. Wusste sie eigentlich, dass Maren erkrankt war? Sie ging mit der Information, dass sie an Krebs erkrankt war, nicht hausieren, aber nun, wo sie als geheilt galt, war das etwas anderes. Jetzt brauchte sie niemand mehr zu bemitleiden, im Gegenteil, sie hatte den Kampf gewonnen.

 

Sie startete den Motor und war nach 15 Minuten auf dem Hof angekommen. Nachdem sie ausgestiegen war, begrüßten sie zwei Hunde stürmisch. Die Eingangstür stand einladend offen und Conny trat heraus.

   „Maren, du hier, endlich. Als ob du es geahnt hättest ...,“ nahm sie ihre Freundin in den Arm und drückte sie, als wäre sie von einer langen Reise zurück nach Hause gekommen. „Danke für die Blumen, die sind wunderschön, aber ich hatte letzte Woche Geburtstag – und du hast mir übrigens nicht geschrieben, noch nicht mal im Messenger Dienst. Aber du weißt ja auch, dass ich es nicht so gerne habe, wenn immer auf das Smartphone gestarrt wird. Ich muss ein gutes Beispiel abgeben für Hermann. Ach, da ist er ja, kannst du dich noch an ihn erinnern? Hermann, das ist Maren.“

Der Junge legte den Kopf schräg und fixierte sie:

   „Und du bist doch die Freundin, die immer unterwegs ist, nicht wahr? Überall in der Welt sein, aber nirgends zu Hause? Stimmt doch?“ Maren drehte sich zu Conny, ohne auf die Bemerkung des Kindes einzugehen.

    „Es ist doch eine ganze Weile her, erkennen würde ich ihn nicht mehr, er ist ja schon ein großer Junge geworden.“

    „Komm erst mal rein, ich stelle diesen wunderhübschen Strauß in eine Vase und dann trinken wir Kaffee, du hast mir viel zu erzählen, Maren, von deinem Vater weiß ich inzwischen so einiges. Die kurzen Haare stehen dir übrigens gut, geht es dir insgesamt wieder besser, ist alles im grünen Bereich?“

 

Maren nickte nur und fragte sich, seit wann ihr Vater eine Plaudertasche war. Was hatte er alles erzählt, was wusste er eigentlich von den letzten Entwicklungen? Manchmal rutschte ihr etwas heraus, an das sie sich nicht mehr erinnern konnte – wollte.

 

„Hier, dein Kaffee, Milch und Zucker steht auf dem Tablett, hast du jedenfalls früher immer genommen.“ „Früher ja, doch es hat sich einiges verändert, den Zucker kannst du gleich wieder wegstellen.“ In der gemütlichen Wohnküche kam Maren langsam zur Ruhe und das innere Zittern legte sich.

   „Scheußliche Geschichte, das mit der Ellen und ihrem Mann. Ich habe einiges davon mitbekommen, schließlich geht ihre Tochter mit Hermann in eine Klasse. Ich weiß nicht, was mir alles in so einer Situation eingefallen wäre, aber wieso gibt sie dir die Schuld an dem Tod ihres Mannes? Das verstehe ich ganz und gar nicht.“

 

Maren senkte den Kopf, um ihr nicht in die Augen zu schauen und murmelte. „Der Arzt, der ihn betreute, war ein Bekannter von mir und wir beide haben eine besondere Methode probiert, ihn aus dem Koma zu holen. Ellen hatte anfangs geglaubt, es würde funktionieren und war völlig euphorisch, dass er weiterleben würde, deshalb trifft sie sein Tod wohl besonders hart. Der Arzt hatte ihr zwar keine Hoffnung gemacht, aber irgendwem muss sie wohl die Schuld geben.“

 

Beide tranken schweigend ihren Kaffee, dann fragte Maren, mit einem Lächeln im Gesicht. „Nun weißt du schon so viel von mir, es geht mir gut und immer besser, aber was ist bei dir in der Zwischenzeit so alles passiert? Und wie geht es deinem Bruder Manuel, ist er immer noch so schlecht verheiratet? Und was macht dein Mann eigentlich mit diesem Riesenhof, wo ist er übrigens?“

 

Conny lacht: „Fragen über Fragen, aber als Erstes: was wir zu feiern haben ist, dass wir gerade heute die Erlaubnis vom Jugendamt bekommen haben, Pflege-Kinder auf unserem Hof aufzunehmen. Und die vielen Räume sind auch für Pensionsgäste gedacht, die Pferde, Kühe, Landwirtschaft und Kinder lieben wie wir. Mein Mann versorgt gerade die Kühe, er wird gleich kommen. Er ist auf einem Bauernhof groß geworden und es war schon immer sein Traum, sich mit vielen Kindern und Tieren zu umgeben. Schließlich ist er von seiner Ausbildung her auch bestens dafür geeignet. Und wir haben nun mal nur Hermann bekommen und nicht eine Fußballmannschaft.“ Conny seufzte tief auf.

    „Aber Manuel, ich weiß nicht, was ich von ihm halten soll. Er macht sich gerade damit lächerlich, dass er in aller Öffentlichkeit behauptet, mit einem UFO geflogen zu sein, bzw. entführt wurde“, – sie macht eine lange Pause –

  „von Außerirdischen, zusammen mit seiner neuen Freundin. Er hat das Haus aufgegeben, ist derzeit beurlaubt und nicht mehr als Professor für Politik tätig. Seiner Frau weine ich keine Träne nach, aber seine neue Liebe, – ich weiß wenig von ihr. Wir wollen nächstes Wochenende hier feiern, dann kommt er und stellt sie uns vor. Wenn du möchtest, du bist herzlich eingeladen, wir würden uns freuen und du könntest sogar deinen Vater mitbringen, ich mag den alten Herrn wirklich gerne. Und übernachten könnt ihr hier sowieso. Was hältst du davon?“

 

Maren nickt. Eine Ablenkung von all den düsteren Gedanken würde ihr guttun und ihrem Vater bestimmt auch.

   „Das Wiedersehen mit Manuel, darauf freue ich mich besonders. Du weißt, dass er früher einmal mein Schwarm war? Ich bin gespannt, wie er sich verändert hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er so ein Spinner geworden ist. Vom UFO entführt  …, hat er denn Beweise für seine Behauptung?“

   „Er sagt, er hätte welche, aber die würden nicht anerkannt. Smartphones könnten manipuliert werden und solange er keine DNA von Aliens unter den Fingernägeln hat und ein Stück Blech vom UFO steht er allein auf weiter Flur mit seiner Meinung.“

 

„Ich glaube ihm, da muss was dran sein, er lügt nie“, tönte vom Flur her eine Stimme und dann trat Christoph zu ihnen. „Schön, dass du uns besuchst, Maren, du hast diesen Hof ja noch nie gesehen, das ist ein großes Versäumnis. Jetzt fehlen nur noch die Kinder, mit Pensionsgästen kommt Conny bestimmt gut klar, die werden wohl auch bald kommen. Wir lassen uns überraschen, wen das Jugendamt hierher schickt.“

   „Du riechst nach Kuh, mein Schatz – nicht, dass du denkst, Maren, dass ich jetzt die Milchkannen auf den Tisch stellen kann, unsere Tiere sind Selbstversorger – sie stehen als Familie auf der Weide. Bei uns wird jedes Wesen absolut artgerecht gehalten. Geschlachtet wird nicht, alle bekommen hier das Gnadenbrot, wenn sie alt werden. Es sind schließlich Familienmitglieder – und das sollen die Menschen, die zu uns kommen werden, – auch wissen.“

 

Später am Abend, in der großen Wohnstube, betrachtete Maren ein großes Bild und fragte: „Wer von euch hat das eigentlich gemalt?“ Christoph hebt scheu den Finger.

    „Ob du es glaubst oder nicht, Maren, ich habe einen Traum nachgezeichnet. Du siehst dort Ziegen, Hühner, Rinder, Hunde und ein wunderschönes, reetgedecktes Bauernhaus. Davor spielen viele Kinder und über allem liegt ein solcher Friede. Ich hoffe, das ist meine sich selbsterfüllende Prophezeiung. Ich habe immer schon gerne gemalt, aber die anderen Bilder sind größtenteils abstrakt.“

   „Wo du das jetzt sagst, Christoph, ich muss Dir unbedingt einmal die Zeichnung von Conny und ihrem Bruder Manuel zeigen, die bei mir zu Hause in einer Schublade liegt. Da waren beide noch sehr jung, so wie ich auch damals. Dann habe ich lange nichts mehr in der Richtung gemacht. Aber in der Reha bin ich wieder auf den Geschmack gekommen, selten hat mir etwas so viel Spaß gemacht. Inzwischen bin ich zur Malerei gekommen und morgen habe ich wieder den Kurs in der Malschule, darauf freue ich mich. Man hat mir ein gewisses Talent bescheinigt, und das nach dem ersten und bisher einzigen Bild, aber wenn ich jetzt dein Bild so sehe, da muss ich wirklich noch viel lernen.“ Maren machte einen Moment Pause in ihrem Erzählfluss, dann fuhr sie ruhig fort:

    „Ellen ist auch in diesem Kurs, ich weiß nicht, ob sie morgen kommt und was sie dann zu mir sagen wird. Sie hat mir sogar direkt gedroht. Der Arzt meinte, ich sollte Kontakt mit der Polizei aufnehmen, vorsorglich. Aber das finde ich übertrieben. Sie ist doch ein vernünftiger Mensch, das war sie jedenfalls, als ich sie in der Reha kennengelernt hatte – übrigens bei der Kunsttherapie damals, haben wir uns ganz gut verstanden, aber sie hat sich verändert. Nur, dass sie mir nach dem Leben trachtet, das kann ich mir nicht vorstellen.“

 

Conny blickte zu ihrem Mann. „Sollen wir ihr das sagen, Christoph?“ Als ihr Mann nickte, atmete Conny tief durch. „Hermann kam aus der Schule und erzählte uns, dass sie meinte, dass ihr Vater umgebracht worden wäre. Von einer Frau und das könne doch nicht sein, dass die daran schuld ist, dass ihr Vater gestorben ist und nicht bestraft wird. Eigentlich haben wir das nicht ernst genommen, Kinder verstehen manchmal nicht die Zusammenhänge. Aber wenn du, das jetzt so sagst, dann haben wir doch Angst um dich. Pass auf dich auf, Maren.“

 

Als Maren am späten Abend nach Hause kam, hatte ihr Vater eine ganze Kiste mit Batterien auf dem Küchentisch ausgebreitet. „Schrecklich, dieses schrille Piepen von dem Feuermelder oder wie dieses Ding heißt. Ich hatte ganz schön Probleme, die Batterien da raus zu holen. Leider habe ich die passenden nicht. Aber morgen muss ich sowieso in die Stadt, ich habe einen Termin beim Zahnarzt. Ich habe den Besuch bei ihm zu lange herausgezögert, und jetzt rächt sich das“, er hielt sich demonstrativ die Wange. „Übrigens, rate mal, wer heute hier auf dem Festnetz für dich angerufen hat.“

 

Er schaute seine Tochter gespannt an und weidete sich an ihrem fragenden Blick. Dann platzte es aus ihm heraus:

   „Henning. Das hättest du nicht gedacht, nicht wahr? Der, der dich so schnöde hat hängen lassen, der will jetzt wohl wieder den Kontakt mit dir – schieß ihn bloß auf den Mond. Er ruft morgen früh noch mal an, ich hab ihm gesagt, dass du ab 10 Uhr weg bist – wohin, habe ich natürlich nicht gesagt, ich bin doch keine Plaudertasche.“

    „Da bin ich aber gespannt, was er von mir will – sei beruhigt, Papa, ich weine ihm keine Träne nach. So wie er sich verhalten hat“, schüttelte sie den Kopf.

  

 

 

 

 

 

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VIII. Kapitel           (Blockade)

 

 

Maren war gerade aufgestanden und hatte sich geduscht, da rief Henning an. Es war 8.30 Uhr, ihr Vater stellte gerade die Kaffeetassen auf den Tisch. Er sah sie an, als ob sie eine Kuh wäre, die zur Schlachtung gehen sollte. Er verließ die Küche, damit sie in Ruhe mit ihrem ehemaligen Partner reden und dabei wenigstens den Kaffee genießen konnte.

     „Hallo Henning, lange nichts von dir gehört. Du bist also wieder im Lande. Was willst du jetzt von mir?“ Ihre Stimme klang nicht so sicher, wie sie es sich wünschte. Sie nahm einen tiefen Schluck aus der Tasse und dachte an den Blick ihres Vaters.

    „Hallo Maren, ich freue mich, dass es dir nach dieser scheußlichen  Krankheit wieder besser geht. Wir müssen uns unbedingt sprechen, dringend. Geht heute Abend?“

    „Was haben wir denn noch zu besprechen, Henning? Du hast mich enttäuscht, auf Einzelheiten möchte ich jetzt nicht eingehen. Glaubst du wirklich, du könntest unsere Beziehung wieder …“ Wie immer ließ er sie nicht ausreden.

Er wiederholte

   „Heute Abend, es ist wirklich wichtig. Es geht um etwas Berufliches.“ „Hast du jemanden, den ich auf einer Reise betreuen soll? Ich bin noch nicht bereit, zu arbeiten.“

   „Es geht um etwas Anwaltliches, lass dir helfen, Maren“, wurde seine Stimme plötzlich drängend.

     „Heute 18 Uhr? Wieder beim Italiener?“ Maren seufzte und stellte die Kaffeetasse ab.

„Du gibst ja doch keine Ruhe. Also bis heute Abend.“

 

„Na, was wollte er? Bist du jetzt wieder interessant für ihn, weil du gesund geworden bist?“

    „Ach Papa, mal sehen, was er von mir will, wir treffen uns heute Abend. Es scheint aber nicht darum zu gehen, dass er was von mir will.“

Sie aßen in Ruhe ihr Frühstück, dann machte sie sich bereit für den Weg zur Malschule.

 

Würde Ellen erscheinen? Sie öffnete die Tür zum großen Raum und sah sich neun feindlichen Augenpaaren gegenüber. Stille – keine Bewegung der anderen Frauen ließ Rückschlüsse auf das kommende zu. Die Spannung war kaum auszuhalten. Helga nahm sie am Arm nahm und führte sie hinaus. „Dass die das wagt, so, als ob nichts geschehen wäre, diese Mörderin“, hörte sie noch im Hinausgehen und das zustimmende Gemurmel verfolgte sie bis auf den Flur.

   „Ich weiß nicht, ob das zutrifft, was man dir vorwirft, aber das muss an einem anderen Ort geklärt werden. Bis dahin ist es besser, wenn du dir eine andere Malschule suchst. Aber im Zimmer dort drüben sitzt Evita, die dich gerne kennenlernen möchte. Eine Galeristin, ich habe ihr schon öfters geholfen und sie mir auch, wenn sie Talente – wie dich jetzt zum Beispiel – in die Öffentlichkeit bringt. Ich habe ihr von deinem Selbstporträt erzählt und sie plant gerade eine Ausstellung. Vielleicht hilft dir das jetzt irgendwie weiter, viel Glück“, damit schob sie Maren in das Zimmer, wo eine ältere, gepflegte und elegante Frau sie neugierig musterte.

 

„Das ist also das Supertalent, ich würde mir gerne das Bild einmal anschauen, wenn ich darf.“ Sie lud Maren ein, sich auf den anderen Stuhl zu setzen und atmete tief durch.

   „Aber es ist eine offene Sache noch zu klären, was hörte ich da, dass sie jemanden geschadet haben könnten? Ich habe da so Gerüchte gehört, können sie meine Bedenken ausräumen? Wobei – es ist immer gut, wenn es einen Skandal um einen Künstler gibt.“

 

Maren fand ihr Gegenüber zwar sehr neugierig, aber sie konnte den Standpunkt der Galeristin verstehen.

   „Ich denke, das wird sich bald alles aufklären. Eine andere Frau aus dem Malkurs bat mich um einen Gefallen. Ich sollte Kontakt mit ihrem Mann aufnehmen, der im Koma lag, damit sie sichergehen konnte, dass er nicht fremdgegangen war. Sie hatte einen Verdacht und es war ihr wichtig, die Wahrheit vor seinem naheliegenden Tod zu erfahren“.

   „Entschuldigung, wenn ich nachfrage, aber wie kann man mit einem komatösen Mann Kontakt aufnehmen? Oder sind sie ein Medium oder so was Ähnliches und wie ist das denn erlaubt in einem deutschen Krankenhaus?“

   „Es bestand keine Hoffnung mehr, dass der Mann überlebt. Deshalb ließ man der Ehefrau freie Hand. Sie und ein Arzt waren dabei und ich tat mein Bestes, um ihr zu helfen.“

Evita atmete tief durch. Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt:

   „Ich bin Evita Klessmann, die Mutter von Erik.“ Maren sprang auf:

„Was soll das, wollten sie mich nur aushorchen und dann auch verdammen, wie Ellen, ihre Schwiegertochter? Was soll das ganze Gerede mit Ausstellung, haben sie überhaupt eine Galerie und wollte Helga mich etwa linken?“

Evita stand auf:

   „Ich habe mit dem Arzt gesprochen, er hat das bestätigt, was Sie mir gerade erzählt haben. Es tut mir leid, dass Ellen jetzt diese Schmutzkampagne gegen sie startet. Aber Galeristin bin ich und ich möchte auch das Bild von Ihnen ausstellen, von dem Helga so geschwärmt hat. Allerdings verreise ich morgen früh, würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich es mir heute Abend ansehen könnte?“

   „Ich habe zwar schon etwas vor, aber ich kann meinem Vater das Bild geben, dann können Sie es sich ansehen.“

   „Ja, so machen wir das.“ Sie verabschiedeten sich voneinander und Maren verließ die Malschule. Schnurstracks fuhr sie zu Conny und erzählte ihr von Frau Klessmann, der Mutter des Verstorbenen.

 

„Ich kenne sie, Maren, sie scheint eine taffe Frau zu sein. Ihre Galerie ist bekannt, Christoph hat auch schon bei ihr Bilder ausgestellt und sogar welche verkauft.“ Maren rief ihren Vater an, im Moment wollte sie lieber telefonisch mit ihm sprechen.

   „Papa, eine Frau Klessmann möchte heute Abend mein neues Bild ansehen, stelle es bitte in den Flur. Es ist oben in meinem Zimmer und nicht zu übersehen.“ „Seine Antwort war kurz und knapp und sehr undeutlich. Ja, aber es geht mir nicht gut, habe Zahnschmerzen, nehme Schmerzmittel und lege mich gleich hin. Kann sie nicht morgen kommen?“

   „Sie verreist morgen früh und ist wohl nur neugierig. Wenn’s passt, ist gut, wenn nicht, auch. Mach dir keinen Kopf deshalb, gute Besserung, Papa. Ich treffe mich nachher mit Henning, vielleicht bin ich dann auch wieder zu Hause.“ Sie hörte nur noch ein verwaschenes „Tschüss“, dann legte er auf.

   „Du triffst dich mit Henning?“ Conny sah sie erschrocken an. Maren zuckte nur mit den Schultern.

   „Das Thema ist durch, aber er will mit mir was Wichtiges bereden, bin gespannt, was er mir sagen will.“ Sie verbrachte die Zeit bei ihrer Freundin und Christoph und fühlte sich ausgesprochen wohl in dem großen Haus. Mit Herrmann kam sie ins Gespräch, weil er unbedingt wissen wollte, welche Kontinente sie bereist hatte.

   „Vielleicht werde ich einmal Pilot oder Kapitän – oder Reitlehrer“, bremste er seine Höhenflüge aus. Ich mag Pferde, sie sind einfach nur – einfach wunderbar. Papa hat mir schon so viel beigebracht, aber ich glaube, er versteht sie nicht so gut wie ich.“

   „Möglich“, Maren dachte daran, dass vielleicht auch ein schlafender Symbiont besser mit Kindern als mit Erwachsenen klarkam. Außerdem hatte ein Tier ein Eigenleben, einen eigenen Charakter, der mit dem eines Kindes besser synchronisiert werden könnte.

   „Wird mal lieber Reitlehrer, als Kapitän von großen Schiffen ist es auch nicht immer einfach, das kann ich dir sagen. Was ich alles schon auf Kreuzfahrten erlebt habe …“ Herrmann hing an ihren Lippen und sie fühlte sich das erste Mal in Gegenwart eines Kindes beschenkt. Es wurde Zeit, wenn sie jemals ein Kind bekommen wollte. Doch Henning hatte sich disqualifiziert, nicht auszudenken, wenn sie Eltern geworden wären. Sie schüttelte sich.

 

Gewappnet gegen alles, was auf sie zukommen könnte, ging sie zu dem Italiener, den ihr Ex-Freund vorgeschlagen hatte. Er wartete bereits und wollte sie in den Arm nehmen, doch im letzten Moment hielt er inne und rückte ihr nur den Stuhl zurecht.

   „Was hast du mir denn wichtiges zu sagen?“, kam sie gleich auf den Punkt.

„Kennst du eine Frau Klessmann, Maren?“

   „Ja, inzwischen sogar zwei mit diesem Namen, warum?“

„Mein Kollege hat mir heute in der Raucherpause was erzählt, und das musst du unbedingt wissen, mein Mädchen.“ Anbiedernd war er in das alte Kosewort für sie gefallen und sah sie Beifall heischend an.

   „Also, sie stellte einen Antrag, dass du strafrechtlich verfolgt wirst, und zwar wegen eines Tötungsdelikts.“ Maren hielt den Atem an. Ellen, oder vielleicht sogar Evita Klessmann? Hatte sie vielleicht nur Theater gespielt? Maren traute ihren Einschätzungen inzwischen nicht mehr.

   „Mein Kollege horchte auf, als er deinen Namen hörte, schließlich wussten die meisten, dass wir damals zusammen waren. Er ließ sich also alles erzählen und stellte dann klar, dass das allerhöchstens als Sterbehilfe geahndet werden könne und nicht als Tötungsdelikt oder sogar Mord, wie sie zwischendurch sogar behauptete. Außerdem fand das Ganze im Krankenhaus im Krankenzimmer im Beisein eines Arztes statt, also mein Kollege verstand nicht, wieso sie dir daraus unbedingt einen Strick drehen wollte. Und als sie merkte, dass du nicht in dem Maße belangt werden kannst, wie sie das gerne möchte – wegsperren auf immer und ewig, da sagte sie noch, dass Hexen sowieso brennen müssen. Also Maren“, er wurde plötzlich mitfühlend und legte seine Hand auf ihren Unterarm – „pass bitte auf dich auf, so eine Drohung sollte man ernst nehmen.“

   „Wie sah sie denn aus? Älter, jünger?“

„Keine Ahnung, danach habe ich nicht gefragt. Aber was noch dazu kommt, sie hat in den sozialen Netzwerken behauptet, du wärest eine Hexe. Mit Angabe von Namen und Adresse. Und daraus solltest du wirklich etwas machen. Ich möchte dir gerne dabei helfen, dass du deinen guten Ruf wiederbekommst. Nicht nur, weil ich dich immer noch gerne um mich haben möchte. Meine Wohnung und mein Bett warten auf dich, also, wenn du irgendwann noch einmal in Betracht ziehen könntest …, oder hast du etwa einen anderen?“, dabei legte er seine gepflegte Hand besitzergreifend auf ihre rechte und tätschelte sie gönnerhaft. Maren blieb die Luft weg. Was glaubte er denn, wäre sie für ihn?

 

Fast fluchtartig verließ sie das Lokal und fuhr nach Hause. Die Straße war blockiert – ein rot weißes Band hinderte sie daran, weiterzufahren. Sie sah Rauch aufsteigen und ein Polizist ging auf ihr Auto zu und informierte sie darüber, dass sie nicht in die Straße hineinfahren könne. Die Feuerwehr wäre schon im Einsatz, lange würde es wohl nicht mehr dauern.

 

„Ist es unser Haus, das brennt, Nummer 9? Was ist mit meinem Vater, wo ist er?“ Sie wurde zu einem Polizeiauto geführt und traf dort auf einen nicht informierten Mann, der sie davon in Kenntnis setzte, dass ihr Haus, die Nummer 9, vollständig ein Opfer der Flammen geworden war. „Und mein Vater?“, schluchzte sie. Er biss sich auf die Lippen.

   „Ein älterer Herr wurde ins Krankenhaus transportiert, man kümmert sich dort um ihn.“ Maren griff dem Mann ans Hemd.

   „Rufen sie Herrn Menning an, er arbeitet auf der Mordkommission und berichten sie ihm alles“. Sie sah noch, wie der nicht Uniformierte verblüfft zu seinem Handy griff, dann wurde es schwarz vor ihren Augen. Sie nahm einen Schmerz mit in die Dunkelheit – ihre rechte Hand, dort wo Henning sie angetatscht hatte, brannte wie Feuer. Dann war Stille um sie.

 

 

 

 

 

 

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IX. Kapitel           (Das Brandmal)

 

 

Maren erwachte und sah zwei Männergesichter über sich. Auf der rechten Seite Dr. Matthias Menning und auf der linken Seite seinen Bruder Manfred, der erleichtert aufseufzte.

   „Gott sei Dank, du bist wach, wir haben dich so lange im Rettungswagen gelassen. Matthias untersuchte dich kurz und war der Meinung, dass sonst nichts passiert sei außer deiner Ohnmacht.“ Sein Bruder ergänzte:

   „Stimmt nicht so ganz, denn was ist mit ihrem rechten Arm?“

Maren hatte bislang nur zugehört – nun wusste sie, wo sie war. Einen kurzen, angstvollen Moment hatte sie befürchtet, dass sie ins Krankenhaus transportiert worden war.

   „Wie geht’s meinem Vater?“

Matthias berichtete:

   „Er ist ins Koma gelegt worden und liegt derzeit auf der Intensiv-Station. In ein paar Tagen wissen wir mehr. Manfred“, er wandte sich seinem Bruder zu,

   „gut, dass du gleich da warst“, – hier stockte er plötzlich:

„Was ist mit dem Haus, ist es gänzlich unbewohnbar? Was haben deine Kollegen festgestellt?“

   „Wenn es tatsächlich Ellen Klessmann war, dann hat sie ganze Arbeit geleistet. Wohnen kann niemand mehr darin.“

 

Maren schluckte: „Ellens Schwiegermutter wollte heute Abend meinen Vater besuchen, ich weiß nicht, ob sie mir auch schaden will. Ich war jedenfalls nicht da, der Plan des Brandstifters ging nicht auf. Nur mein Vater, oh Gott, hoffentlich wird er wieder gesund, er hat sein Heim verloren. Und seine Katze müssen wir suchen. Was ist mit meinem Arm, Matthias, er brennt furchtbar, hab‘ ich etwas von dem brennenden Haus abbekommen – sprang das Feuer so weit?“

Matthias hob ihren Arm hoch. Über dem rechten Handgelenk war ein feuerrotes Mal zu sehen. Es hatte die leicht abgerundete Form eines Vierecks mit kleinen Fortsätzen an den Seiten.

   „Es könnte ein Marienkäfer sein“, mutmaßte er, „aber dafür ist es zu eckig. Aber woher du dieses Feuermal hast, das ist mir ein Rätsel.“

Manfred schaute konzentriert auf das Mal.

   „Ich habe diese Umrisse schon einmal gesehen, aber ich weiß nicht mehr genau, wo. Doch – jetzt fällt es mir wieder ein“. Er wurde plötzlich schweigsam.

   „Na, Manfred, das ist wichtig – sag es uns doch.“

„Auf einem Foto, aber das muss ich noch genauer recherchieren, bis dahin ist es nur ein komisches Mal – doch irgendwie sieht es gar nicht wie ein Feuermal aus, es ist eine ganz simple Verbrennung – nur mit diesem komischen Umriss.“ Er drehte sich zu Maren und sagte kurzerhand:

   „Ellen Klessmann war nicht zu Hause, und da sie unter dringendem Tatverdacht steht – wir hätten sie ja doch gleich mitgenommen – haben wir ihre Tochter in die Obhut des Jugendamtes gegeben.“

   „Und der Hund?“, stieß Maren hervor.

„Wir haben ihn nicht gesehen, er ist wahrscheinlich mit dem Frauchen unterwegs …, denke ich doch. Aber sie wird gesucht, dann wird er wohl ins Tierheim kommen.“ Maren seufzte:

   „Es trifft immer die Unschuldigen. Wenn ich nicht ein Treffen mit meinem Ex-Freund gehabt hätte, dann wäre ich vielleicht tot, – aber wer weiß. Ich hätte das Feuer bestimmt bemerkt und Hilfe geholt. Mein Vater hatte starke Zahnschmerzen und wollte sich hinlegen, oder abwarten, bis Frau Klessmann gekommen wäre.“

Manfred merkte auf.

   „Du traust ihr nicht?“

„Ich weiß nicht mehr, wem ich noch trauen kann. Ich war den ganzen Tag nicht zu Hause, hatte nur mit meinem Vater telefoniert und fuhr von meiner Freundin direkt zum Treffen. Henning arbeitet als Anwalt in einer Kanzlei und hatte erfahren, dass eine Frau Klessmann, entweder Ellen oder Evita, das ist die Mutter von Erik Klessmann, mich anzeigen wollte. Als Totschlägerin oder Mörderin wollte sie mich verurteilt sehen. Man riet ihr davon ab, denn: Es war ein Arzt dabei, es war im Krankenhaus und, und, und …, es hätte höchstens was mit Sterbehilfe sein können, meinte sein Kollege. Und außerdem betreibt man im Internet systematisch meinen Rufmord. Mein Name, meine Adresse, Verdächtigungen, was meine Tätigkeit als Krankenschwester und Altenpflegerin angeht. Alles ist gepostet mit der Warnung, ich wäre eine Hexe. Damit ist es aus mit meiner Selbstständigkeit, – ich werde als Reisebegleiterin bestimmt nicht mehr gebucht werden.“

Manfred schaute seinen Bruder an.

   „Ich weiß ja, dass du schon frei hast – aber ich denke, es war in deinem Interesse, dass ich dich hierher geholt habe. Maren braucht jetzt bestimmt Hilfe. Ich werde zurück zu meiner Arbeit gehen und mich auch mal nach der anderen Frau Klessmann erkundigen“.

Maren überlegte.

   „Sie wollte verreisen, das sagte sie mir. Auf die Schnelle wollte sie noch einen Blick auf ein Gemälde von mir werfen – aber ich weiß nicht, ob sie das überhaupt gemacht hat. Oder doch?“ Sie schaute Manfred hinterher, der davoneilte und sagte zu Matthias.

   „Du brauchst dir keine Sorgen um mich zu machen. Ich kann bei einer Freundin unterkommen. Sie vermietet Zimmer.“ Sie murmelte leise zu sich selbst „Die wird sich wundern, dass ich schon wieder zu ihr komme“, und starrte ins Leere.

 

Conny wunderte sich wirklich.

   „Nun beruhige dich erst mal, das ist ja furchtbar, was du mir da erzählst. Natürlich kannst du gerne bei mir wohnen, so lange wie du willst. Kleidung und anderes Zeugs kannst du auch von mir bekommen. Du bist unser erster Gast, und Christoph hat auch schon sein erstes Pflegekind bekommen, er bezieht gerade ihr Bett. Ich zeige dir das Zimmer, und dann sehen wir uns morgen zum Frühstück.“ Maren umarmte ihre Freundin und ging dann ins Badezimmer. Zahnpasta und –bürste, Handtücher, Nachtzeug, alles lag bereit. Sie legte sich ins Bett und überlegte, wie jetzt alles weitergehen sollte. Benta, hätte sie irgendetwas verhindern können? Die Stimme in ihr blieb still.

 

Sie wachte erfrischt auf und ging hinunter in die Küche. Conny und ihr Mann schauten sie betreten an.

   „Was ist, komme ich zu spät?“

Christoph verneinte, doch dann holte er tief Luft.

   „Wir haben gestern spät Abend unseren ersten jugendlichen Gast bekommen, Maren.“

   „Und, das ist doch schön für euch, da braucht ihr doch nicht so still zu sein.“

„Es ist Sybille Klessmann.“

„Nein, das kann nicht sein. Ausgerechnet hier bei euch, ausgerechnet jetzt. Ich werde natürlich zusehen, dass ich sofort eine andere Bleibe finde.“

   „Wir haben ihr noch nicht gesagt, dass du hier bist. Sie wollte unbedingt in die Schule und den Klassenkameraden erzählen, dass diese gewisse Frau, diese Hexe, also du, nun auch noch ihre Mutter auf dem Gewissen hat. Denn der Stand der Dinge ist, dass sie noch nicht gefunden wurde. Aber ihren Hund hat Sybille mitnehmen können, Tinki ist ein ganz lieber, er verträgt sich gut mit unseren beiden anderen.“ Conny knetete ihre Hände.

   „Andererseits können wir nicht zulassen, dass sie dich vernichtet. Sie überblickt das ganze doch noch nicht mit ihren zwölf Jahren. Was hältst du davon, wenn wir die beiden Brüder für heute Abend einladen würden? Den Polizisten, der über die Tat aufklären kann von Gesetzesseite her, und den Arzt, der ihren Vater betreute und dabei war, als du mit ihm –was auch immer – gemacht hast, so, dass er sich noch mitteilen konnte. Was seine Frau ja sogar noch forciert hat – also, man kann mit normalem Menschenverstand nicht nachvollziehen, dass sie dir die Schuld an seinem Tod gibt. Wenn ich das richtig verstanden habe, hatte er keine Überlebenschancen. Was hast du eigentlich gemacht, dass sie dich als Hexe tituliert hat?“ Conny ließ nicht locker, die Neugier schaute aus ihren Augen.

   „Ach Conny, ich finde deinen Vorschlag rührend, aber ein vorpubertäres Mädchen, das so stark zu ihrer Mutter hält, … dabei setzt doch eigentlich schon die Ablösephase ein, wenn ich mich an meine eigene Pubertät erinnere. Anderseits, was haben wir zu verlieren – ich werde die beiden fragen. Vielleicht bekommst du dann heute Abend die Antworten, die du haben möchtest.“

 

Es war wie eine Theaterinszenierung. Maren saß steif an dem großen Tisch, flankiert von den Brüdern, daneben jeweils Christoph und Conny, vor ihnen die leeren Stühle, auf denen Herrmann und Sybille sitzen sollten. Abendbrot hatten beide schon gegessen, sie hatten die Anweisung bekommen, um 20 Uhr in der Stube zu sein.

 

„Was hat die Hexe hier zu suchen?“, Sybille starrte sie hasserfüllt an. „Nicht nur, dass sie meinen Vater auf dem Gewissen hat …“

„Moment Mal, Mädchen.“ Matthias stand auf. „Ich bin der Arzt, der ihn betreut hat und ich kann dir sagen, dass diese Frau hier“, er deutete auf Maren, „dass diese Frau hier auf den Wunsch deiner Mutter, – ich betone, – auf den Wunsch deiner Mutter hin Kontakt mit deinem Vater aufgenommen hat. Das war nur ihr möglich und das wusste deine Mutter.“

„Ha, woher wusste sie das, die da hat sie besabbelt, damit die da an meinen Vater kommt. Um ihn umzubringen.“

 

Jetzt reichte es Maren. Sie sprang auf und schrie Sybille an. „Setz dich. Und höre mir gut zu. Wenn ich nicht dein Leben gerettet hätte, wäre das doch alles gar nicht passiert. Setz dich endlich! Was glaubst du wohl, woher ich wusste, dass du krank gewesen bist, als ich dich vor unserem Haus – das deine Mutter bitteschön abgefackelt hat – gefragt hatte? Ich sagte deiner Mutter in der Reha, dass du einen Blinddarmdurchbruch hast. Dein Vater hat, nachdem sie ihm das gesagt hatte, dich sofort ins Krankenhaus gebracht. Er hätte das nicht getan, wenn ich diese Information nicht weitergegeben hätte. Dann wärst du jetzt tot. Also sei ganz ruhig!“ Sie zitterte, als sie sich setzte.

Hermann starrte sie neugierig an und fragte in die plötzliche Pause hinein:

   „Aber woher hast du das gewusst?“ Maren blickte ihn ruhig an. „Es wurde mir gesagt, so einfach ist das.“ „Wer hat dir das gesagt?“, hakte Conny nach.

 

Manfred schaltete sich ein.

   „Tatsache ist, dass das unwichtig ist, woher sie das wusste. Sie hat dein Leben gerettet und dann deiner Mutter sagen können, dass dein Vater sie liebte und nicht die Frau, die mit ihm im Auto saß, als er verunglückte. Das war genau das, was sie wissen wollte. Und wir alle verstehen nicht, warum sie anschließend der Informantin die Schuld an seinem Tod gibt. Diese Heimlichkeiten ihr gegenüber, dass er eine andere, zukünftige  Arbeitsstelle besucht hatte. Sie fühlte sich vielleicht schuldig, dass sie allein diese Situation heraufbeschworen hatte, die er nicht überlebte. Nicht überleben konnte aufgrund seiner schlimmen Verletzungen nach dem Autounfall. Wobei sein Arzt sogar der Meinung ist, dass er dadurch endlich sterben konnte. Dass er das seiner Frau noch sagen konnte, wo er ihr doch vorher so viel verheimlicht hatte.“

 

Matthias nickte bestätigend.

   „Er quälte sich so, und ich habe gesehen, dass er erleichtert war, nachdem er Maren Bescheid geben konnte. Er soll ganz ruhig gestorben sein, hörte ich. Die Krankenschwester war noch bei ihm. Maren ist auch Krankenschwester, sie hatte seine Situation erkannt. So eine Kontaktaufnahme erlebte sie das erste Mal und sie tat es auch nur, weil deine Mutter ihre ganze Hoffnung auf sie gesetzt hatte. Und das kommt dann dabei heraus“, klang seine Stimme plötzlich bitter.

 

Die Hunde bellten. Conny ging hinaus und kam mit einer Frau zurück.

„Evita“, Maren war überrascht, „ich dachte, du bist verreist.“

   „Oma, wo warst du, die wollten mich zu dir bringen, aber es war niemand zu Hause“, schluchzte Sybille und warf sich in die Arme ihrer Großmutter.

Christoph klärte sie auf:

   „Für so eine Situation sind dann wir zuständig, wir haben vom Jugendamt die Erlaubnis bekommen, in einer Notsituation einzu-springen. Und weil außerdem noch ein Hund dabei war …“, das hätte er gar nicht zu sagen brauchen, denn Tinki sprang fröhlich kläffend an ihr hoch.

   „Nehmen Sie doch erst einmal Platz, Frau Klessmann“, forderte Conny sie auf.

 

Nun war es an der Reihe von Polizeihauptkommissar Manfred Menning, die Großmutter über die Suchaktion nach ihrer Schwiegertochter zu informieren. „Wir haben von mehreren Seiten gehört, dass sie diese Tat – das Haus abzubrennen – angekündigt hatte. Allerdings hätte Frau Maren Meiners das nicht überleben sollen, von daher gehen wir nicht nur von Brandstiftung aus, sondern auch von versuchtem Mord. Wissen sie zufällig, wo sich Ellen Klessmann aufhält?“

 

Maren beobachtete Evita. Ihr Erschrecken war echt, soweit sie das beurteilen konnte.

   „Du warst doch heute ebenfalls in unserem Haus, hast du da etwas mitbekommen, sie vielleicht sogar gesehen?“

Evita starrte sie mit aufgerissenen Augen an.

   „Wie kann man sich so in einem Menschen täuschen, ich kann es nicht glauben, so kenne ich Ellen nicht. Nein, ich war nicht bei dir, ich hatte vorher angerufen und dein Vater meinte, dass das Bild zwar im Flur stehe, aber ihm würde es gar nicht gut gehen. Wir sind dann so verblieben, dass er es in den Keller schafft und sich hinlegt – er hatte schlimme Zahnschmerzen. Wie geht es ihm? Ist er verletzt?“

 

Matthias informierte sie nur darüber, dass er im Krankenhaus behandelt wird.

   „Wir kennen uns ja bereits, wir haben nach dem Tod ihres Sohnes miteinander gesprochen. Ich bin hier mit meinem Bruder, der als Polizist den Fall bearbeitet. Wie der Zufall es will, sind ihre Enkelin und Frau Meiners beide hier untergekommen und ihre Enkelin ist sehr davon überzeugt, dass sie die Mörderin ihres Vaters ist. Wir wollten die Sachlage für sie richtigstellen. Aber wenn hier jemand verletzt worden ist, dann Frau Meiners“, hier nickte er zu ihr hin.

   „Sie hat eine Brandverletzung und keiner weiß, woher. Denn sie war nicht so dicht am Haus, dass Funken sie getroffen haben könnten. Hast du übrigens das Foto mitgebracht, Manfred?“

Der angesprochene holte einen Umschlag aus seiner Hemdtasche.

   „Mir kam die Form ihrer Verletzung sehr bekannt vor, ich habe die Umrisse schon einmal gesehen, nämlich hier.“ Er nahm ein Foto heraus und zeigte seinem Bruder und Maren das Bild, dann den anderen, die sich daraufhin auch die Brandwunde ansahen.

Evita stieß einen erstickten Laut aus.

   „Serafim, du bist von einem Seraph gebrannt worden! Warum bist du gebrannt worden, warum ausgerechnet die gleiche Form wie dieser Käfer oder was das für ein komisches Wesen ist?“

Alle schauten sie neugierig an.

   „Was ist ein Seraph?“, fragte Conny als Erstes.

„Habt ihr noch nie von den Serafim gehört? Die Geschichte mit Jesaja, da hat ein Seraph ihm den Mund gebrannt, damit jeder sehen konnte, dass das, was er sagt, wahr ist. Deshalb sendete Gott die Seraphim – dass man ihm glaubt, dass man auf ihn hört. Dieses Brandmal – das Zeichen der höchsten Macht. Maren, was ist das für eine große Sache, in die du da verwickelt bist? Diese Verbrennung auf deiner rechten Hand, – was hat das zu bedeuten? Dass deine Handlungen wahr sind – richtig sind, – dass man darauf vertrauen kann, dass das, was du tust, von ganz oben kommt? Wenn ich das meinem geschiedenen Mann erzähle, dann kommt er vielleicht endlich einmal raus aus seinem Kloster. Von einem Seraph gebrannt und ich kenne die Person auch noch. Ich, die Agnostikerin, – das finde ich witzig. Deshalb haben wir uns doch scheiden lassen, weil er eine andere Wahrnehmung von der Welt hat als ich. Für ihn und seinesgleichen sind alle anderen, die nicht so denken wie er und seine „Brüder“ nicht nur anders, sie sind sogar Feinde. Und das will ein Mann Gottes sein.“ Eine steile Falte bildete sich auf ihrer Stirn und sie nahm ihre Enkelin in den Arm, die scheu und furchtsam Maren und die Brüder ansah.

 

Matthias nahm das Foto noch einmal zur Hand.

   „Was ist das für eine Kreatur, wer hat das wann und wo aufgenommen und warum?“

   „Das darf ich nicht sagen, noch nicht. Ich wollte nur sichergehen, dass die Umrisse auf Marens Hand die gleichen sind wie auf dem Bild. Tut mir leid, dass ich eure Neugierde nicht befriedigen kann“, Manfred schaute auf seinen Bruder, der kurz eine Nachricht auf seinem Smartphone gelesen hatte und nun betroffen in die Runde schaute.

   „Maren, ich habe gerade eine Information von der Intensivstation bekommen – sie sollten mich verständigen, wenn sich etwas an dem Zustand deines Vaters ändert. Er ist nicht mehr aus dem Koma erwacht.“

Evita schob ihre Enkelin zu Maren hin und nahm beide in die Arme.

   „Nun habt ihr zwei beiden eure Väter verloren und ich meinen Sohn. Ich werde für deine Mutter beten, Sybille, dass wenigstens sie dir erhalten bleibt.“

   „Ich verabschiede mich jetzt“, Manfred nickte in die Runde,

„die Arbeit ruft. Ich melde mich bei euch – dann werdet ihr bestimmt die Geschichte über die Form des Brandmales erfahren können.“

 

 

 

 

 

INNERE STIMMEN

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X. Kapitel           (Der Käfer)

 

Ein paar Tage später fühlte Maren sich soweit gefestigt, dass sie den Weg zu dem Haus wagte. Auch nach der Katze Minka wollte sie sich erkundigen, hoffentlich  war sie in der Nachbarschaft untergekommen. Es roch nach verbranntem Holz – nach Asche – nach Tod. Hierher konnte sie nie mehr kommen – es galt, das Grundstück zu verkaufen und einen Schlussstrich zu ziehen – unter ihre Vergangenheit, unter ihre Jugend. Sie schaute auf die Brandruine. Hier fühlte sie sich wohl, hier waren ihre Eltern, hier lebte sie später auch als Erwachsene. Von den Schwierigkeiten, die ihr Vater und ihre Mutter hatten, die im Freitod der Mutter endeten, ahnte sie damals nichts.

 

Der Niedergang zum Keller war frei, sie ging die steinernen Stufen hinunter – gab es ihr Bild überhaupt noch? Was für ein seltsamer Zufall, dass ihr Vater es in den Keller geschafft hatte, bzw. schaffen wollte – wie Ellens Schwiegermutter, die Galeristin, sagte. Und dort sah sie es – an die Kellerwand gelehnt, schaute ihr Gesicht in den Gang. Was ihr Vater wohl gedacht hatte, als er es sah? Evita wollte es unbedingt ausstellen – sogar ohne es gesehen zu haben.

 

Das Selbstbildnis war in ein diffuses Licht getaucht, das die Augen zum Strahlen brachte. Waren sie nun blaugrün, wie ihre Mutter behauptete? Oder graugrün, wie es in ihrem Ausweis stand? Jetzt waren sie reines, intensives, leuchtendes Grün. Eindringlich schauten sie den Betrachter an. Maren fröstelte. Dieses Bild hatte Benta durch sie gemalt – es war perfekt. Es war kein Werk einer Anfängerin, die sie doch war. Sie erinnerte sich an die ersten, jetzt verbrannten Kohle-Zeichnungen, die unter vielen anderen Porträts auch Conny und ihren Bruder Manuel zeigten. Manuel – er wollte demnächst seine Schwester besuchen und Conny bat sie inständig, auch Matthias einzuladen. Sie machte sich Sorgen um ihren Bruder, denn seit dieser Ufo-Sache er sich verändert. Auch sein Appetit war anders geworden.

 

Conny berichtete Maren, was er wortwörtlich zu ihr gesagt hatte:

   „Ich werde euch die Haare vom Kopf fressen.“

„Du, das glaube ich ihm diesmal wirklich. Kannst du dir vorstellen, was er alles gegessen hat, bevor er mit mir telefonierte? So entsetzlich viel, das ist doch unheimlich. Gibt es nicht sogar eine Krankheit, bei der man immer und immer essen muss? Dabei nimmt er nicht zu – das muss einfach krankheitsbedingt sein“, sie schaute Maren Hilfe suchend an.

    „Dann kann Matthias nämlich ganz unverfänglich einen Blick auf ihn werfen, ob er vielleicht behandelt werden muss; auf einen Doktor der Medizin hört er ja vielleicht.“

„Conny!“ Maren war leicht empört.

   „Matthias ist ein Chirurg, das kann er doch gar nicht beurteilen.“

„Papperlapapp, Arzt ist Arzt. Und du könntest mir übrigens helfen. Kartoffeln pellen, Salat waschen, Nudeln und Eier kochen usw. Immerhin hat er mich ja vorgewarnt, es wird diesmal viel mehr als sonst geben. Fleisch gibt es bei uns ja nur wenig, aber Fisch und viel gegrilltes Gemüse und leckeren Nachtisch und, und, und …, ich freue mich schon auf ihn und seine Freundin.“

 

Als Maren die Treppe hinaufging, strich die Katze um ihre Beine.

   „Schön, dass es dich noch gibt, Minka, dann kann ich gleich für dein neues Zuhause Fressen und Sachen besorgen – Conny und Christoph werden bestimmt nichts gegen eine Katze haben. Du wirst erst einmal in meinem Zimmer bleiben, zum Eingewöhnen.“

 

So war es auch. Als Maren das Tier in ihr Zimmer trug, merkten die beiden großen Hunde kurz auf – sie kannten wahrscheinlich andere Katzen, nur Tinki knurrte leicht. „Das kriegen wir schon hin“, war Sybilles Kommentar. Seit diesem Abend, als ihre Großmutter kam und sie besuchte, war sie sehr bemüht, Maren zu gefallen. „Ich liebe Katzen, darf ich sie in deinem Zimmer besuchen? Oder sie auch in meines nehmen?“

Evita Klessmann hatte mit ihrer Enkelin zusammen entschieden, dass es für alle Beteiligten besser wäre, wenn Sybille auf dem Hof bliebe. „Ich habe doch nur eine kleine Wohnung über der Galerie – unten gibt es zwar eine Kochnische und ein Sofa, aber das ist doch kein Zuhause für ein kleines Mädchen. Hier hat sie einen Schulkameraden, so etwas Ähnliches wie Eltern und viele Tiere um sich. Für Tinki wäre bei mir auch kein Platz. Das ist schon gut so, wie es ist. Und ihr beiden nähert euch ja auch an. Es tut ihr alles sehr leid, sie hat eingesehen, dass sie falsch gehandelt hat, aber sie glaubte ihrer Mutter.“

 

Matthias rief sie am anderen Tag an.

   „Ich habe mit Manfred gesprochen, er bat mich, dich zu fragen, ob er auch mitkommen kann. Manuel interessiert ihn – es geht um seinen Heißhunger – er hätte da was Interessantes für uns. Er wird auch ein Video zeigen, das im Zusammenhang mit dem Foto und dem Feuermal-Umriss zu verstehen ist.“

 

Conny und Christoph hatten nichts gegen den zusätzlichen Gast, Maren hatte ihnen angedeutet, dass sie bestimmt etwas erleben würden, was Licht in diese ominöse Sache mit dem Brandmal bringen könnte.

 

Es wurde eine schöne Feier – Manuel hatte einen verbitterten Zug um den Mund bekommen, der aber verschwand, sobald er Wanda liebevoll ansah. Conny genoss den Abend, denn mit der neuen Liebe ihres Bruders hatte sie sofort Freundschaft geschlossen – allerdings stellte sie fest, dass Wandas Appetit dem ihres Bruders in nichts nachstand.

 

Die Kinder gingen in ihre Zimmer – Sybille zeigte ihrer Oma die Katze, die sich in ihrem Zimmer aufhielt, und ließ sie dann wieder zurück zu den anderen gehen.

 

Manfred war es dann, der nicht mehr um den heißen Brei herumreden wollte.

   „Dieser Appetit – ich meine, dass ihr so viel essen könnt, ohne zuzunehmen – der kam wirklich erst nach dieser Ufo – Entführung?“, wollte er wissen.

 

Manuel bestätigte das, auch Wanda nickte. „Ich habe da einen Verdacht“, ließ Manfred die anderen wissen, „und da möchte ich Maren fragen, ob sie vielleicht nachher ihre besondere Fähigkeit bei Manuel anwenden könnte?“ Maren war erstaunt, nickte dann aber. „Wenn er damit einverstanden ist, gerne, aber was willst du denn von ihm wissen?“ Manfred schaute in die Runde. „Ich zeige euch jetzt allen ein Video auf dem Fernseh-Bildschirm. Und ich möchte von ihr nur wissen, ob er einen anderen Symbionten hat als wir alle.“

   „Hallo, kann mich vielleicht mal jemand aufklären?“ Conny riss die Augen auf.

„Was heißt das – einen anderen Symbionten als wir alle? Ich habe keinen Symbionten, das wüsste ich aber.“ Maren zuckte mit den Schultern.

   „Das ist das ganze Geheimnis, das wolltest du doch unbedingt wissen. So konnte ich mit Sybilles Vater Kontakt aufnehmen. Mein inneres Wesen, es hat viele Namen. Du kannst es auch Lebensfunken, Odem, Atman, Intuition, Schutzengel, Symbiont nennen, es konnte mit dem seinem kommunizieren. Ich war nur der Mittler und habe von alledem noch nicht einmal etwas mitbekommen, weil ich in Trance war.“

 

Conny bekam ihren Mund nicht mehr zu, fasste Christoph an die Hand und schaute still zu den anderen.

 

Manfred ließ das YouTube-Video laufen. Eine Helmkamera zeigte einen Weg, den jemand sehr schnell ging, oder sogar lief. Sie hörten den lauten Atem und dann eine Stimme:

   „Es fing vor 14 Tagen an. Ich hatte einen Heißhunger, das war schon krankhaft. Ich nahm dabei aber nicht zu, ich fühlte mich sogar schwächer. Gefastet hätte ich sonst – aber das lag jetzt nicht drin. Ich begann dann zu meditieren, um herauszubekommen, was mit mir los ist. Hat sonst immer geholfen, ich bin schließlich Yogalehrer. Und dann hörte ich die Stimme. Die hatte ich früher schon mal gehört, aber leiser. Auditive Halluzination – das sagt man wohl dazu, wenn jemand innere Stimmen hört. Mein Arzt guckte mich damals komisch an und dachte wohl, ich sei verrückt. Ich hörte diese Stimme nun wieder und Es sagte zu mir, Es hieße Sekre, und wenn ich seinen Namen wüsste, könnte ich Es besser verstehen. Diese Stimme wollte mir weismachen, dass Es schon immer da gewesen wäre und dass solche Symbionten in jedem Menschen seien und ihnen helfen könnten. Es freue sich, dass ich Es nun besser verstehen könne. Ich dachte natürlich, ich wäre verrückt geworden und schrie, es solle verschwinden, ich komme gut ohne es klar. Es meinte, dass ich ja einen freien Willen hätte und, wenn ich seinen Namen dreimal sagen würde, dass Es auf immer verschwinden soll, dann ginge Es in eine Art Stasi – aber dann könnte Es mir nicht mehr helfen bei …, das habe ich dann nicht mehr verstanden, weil ich schon angefangen hatte zu schreien: Sekre, verschwinde! Das dreimal und dann war es mit einem Mal ganz still. Und nun fing der Albtraum erst wirklich an. Wieder hörte ich eine Stimme – die war aber diesmal zum Frösteln.

   „Danke, dass du den Symbionten weggeschickt hast, dadurch habe ich endlich freie Bahn. Er hatte mich nämlich in einer Art Käfig gefangen gehalten, sodass ich keine Signale zu dem – ihr nennt es Ufo – schicken konnte. Und euch auch nicht erforschen konnte – denn das ist meine Aufgabe, alles über euch zu wissen, damit meine Erschaffer erfahren, wie ihr tickt und wie ihr vernichtet werden könnt, wenn es einmal nötig sein wird. Hauptsächlich aber sind wir an dem Planeten interessiert, den eure Vorfahren besiedelt haben. Diese Technik – dieser besondere Schutzschirm, die andere Raumfahrt, die wirksamen Verteidi-gungswaffen, die sie haben, das wollen wir auch haben, aber dafür müssen wir alles über eure Rasse wissen.“

 

Ich geriet in Panik. Wenn das stimmt, wenn das wirklich stimmt – wenn ich dazu beitrage, dass diese Welt untergeht – und meine eigene wahrscheinlich auch noch – dann bleibt mir nur noch eines noch zu tun. Ihr, die ihr an meinem letzten Lauf teilnehmt durch meine Kamera, ihr seid Zeuge, dass ich diese Welt rette dadurch, dass ich mich töte. Dann kann mein Spion-Alien nichts mehr weitersagen, denn tote Menschen ticken nicht mehr.“ Die Kamera zeigte eine steile Treppe, es ging immer höher hinauf. Der Atem des Laufenden wurde immer kürzer, immer schnaufender, dann hatte er eine Plattform erreicht. Mit dem Schrei „Ich, Sebastian Panapoupoulus, ich tue es für alle Menschen, ich rette die Welt!“, sprang er. Die Kamera ließ den Asphalt immer näher kommen, dann hörte man nur noch ein platschendes Geräusch. Das Bild wurde schwarz.

 

Manfred entfernte den Stick und erzählte mit belegter Stimme: “Wir wurden informiert, dass sich jemand selbst töten will und fanden auch den Ort. Es war zu spät, wir kamen, als er unten ankam. Und wir sahen einen grauen Käfer oder so etwas ähnliches, ca. zwei Zentimeter lang, aus seinem Mund krabbeln. Jemand von uns schoss ein Foto davon, dann trat ein Polizist darauf – ich weiß nicht, warum. Ich habe das Ding dann erneut geknipst – das war dann auf dem Foto, das ich euch gezeigt habe. Dieses Ding, diese merkwürdige Kreatur, die niemand von uns jemals vorher gesehen hat, ist eingeschickt worden – aber bislang haben wir keine Antwort erhalten. Auf unsere Nachfrage hin bekamen wir die Information, wir hätten nichts eingeschickt, das wäre wohl ein Irrtum unsererseits. Vielleicht kommen wir jetzt auf diesem Weg weiter, denn das lässt unserer ganzen Abteilung keine Ruhe. Manuel, ich stolperte darüber, dass Sebastian Panapoupoulus einen Heißhunger hatte – und den hast du ja auch und deshalb wollte ich fragen, ob Maren – und sie ist dazu in der Lage – mal bei dir das machen kann, was sie kann – nämlich Kontakt aufnehmen mit deinem Symbionten Glaube ihr, glaube mir, glaube Matthias, wir wissen, dass das möglich ist und dass jeder Mensch über eine Wesenheit in seinem Inneren verfügt, egal, welchen Namen er ihr gibt.“

 

Manuel war blass geworden, er umklammerte Wandas Hand, Conny bekam den Mund immer noch nicht zu, Christoph hatte sie fürsorglich in den Arm genommen. Maren setzte sich zu Manuel auf die Couch, nachdem er ihr auffordernd zugenickt hatte. Manfred fragte, ob er eine Videoaufzeichnung machen dürfe, dann bat er Christoph um einen Bleistift und ein Blatt Papier und drückte es Maren in die Hand. Sie zwang sich unter den Augen aller in die Ruhe der Meditation und wartete.

 

Als sie wieder zu sich kam, schaute sie auf das Blatt Papier. Es war ein Käfig zu sehen und darin genau diese Kreatur, die sie auf dem Foto gesehen hatte.

   „Du hattest die Augen geschlossen“, sagte Conny. „Du konntest nicht sehen, was du malst. So langsam beginne ich daran zu glauben, dass dieses Video wahr sein könnte – so irre wie das klingen mag. Und das alles nur, weil du so einen Hunger hast, Manuel, tz, tz, tz. Aber Wanda, was ist mit ihr, Maren? Hat sie auch so ein Ding im Bauch oder sonst irgendwo?“ Wanda schaute Maren an und fragte, ob sie ebenfalls bei ihr – mal nachschauen – könne. Conny schmunzelte.

   „Mal eben nachschauen – ja, aber was machen wir dann? Wenn Wanda auch so einen Spion im Leib hat – wie wird man das Ding wieder los? Ich bringe euch bestimmt nicht um und ihr“, damit drehte sie sich in die Runde, „ihr lasst solche Gedanken ebenfalls fallen, falls ihr sie jemals hattet.“

 

Maren setzte sich neben Wanda und konzentrierte sich. Doch es war diesmal alles anders. Es war nicht so wie bei Manuel, wie bei Erik, wie bei dem Mörder. Es war ähnlich so wie bei Ellen in der Reha. Sie hörte Benta, die ihr sagte: „Mit deinem eigenen Geschlecht, da geht es besser. Ich verstärke die Stimme von Wandas Symbionten, damit du sie besser hören kannst, du brauchst es dann nur noch laut zu wiederholen.“

 

Maren begann mit geschlossenen Augen zu flüstern, ihre Stimme wurde heller:

   „Was ihr jetzt hört, das ist nicht Maren, das bin ich, Nafiar. Ich bin der Symbiont von Wanda und ich werde über das berichten, was sie gesehen hat bis zu dem Zeitpunkt, als sie bewusstlos wurde.

   „Ich, Wanda, steige aus dem Auto, Manuel zögert noch. Vor uns öffnet sich eine Tür in dem Ufo und zwei gleich aussehende, braun-gebrannte Menschen in silberner Kleidung steigen aus. Sie heißen mich willkommen und zeigen mir mit Hilfe einer Scheibe, die sie in den Händen drehen, eine virtuelle Welt. Pyramiden, ich gehe darin umher. Manuel kommt jetzt auch zu mir. Sie erklären uns, dass sie in dieser perfekten Welt ohne Krankheit und Streit leben, die Pyramiden wären bei ihnen jedoch weitaus besser als hier. Allerdings würden sie etwas von unserem Genmaterial benötigen und dafür würden sie uns kurz zum Mutterschiff transportieren müssen. Ob wir damit einverstanden wären? Manuel zögert noch. Die Fremden erzählen uns beiden, dass unsere Vorfahren vor langer Zeit die Erde verlassen mussten – es gab hier eine große Katastrophe. Sie nutzten dafür die Raumfahrt und besiedelten eine andere Welt. Dort ist die Wissenschaft inzwischen sehr weit fortgeschritten – es gibt nur noch Frieden dort. Mit Terra – ihrem Herkunftsplaneten, also unserer Erde – mit der wollten sie keinen Kontakt aufnehmen wie mit den anderen Planeten, denn wir wären voller Hass. Kriege und Zerstörung gäbe es hier und sie sind froh, ungestört auf ihrer Welt leben zu können. Wir sollten endlich lernen, unsere Streitigkeiten um alles und jedes beizulegen, die Machtspielchen zu lassen und ebenfalls friedlich miteinander leben zu wollen. Sie besuchen diese Welt nur, weil sie ab und zu frisches Blut brauchen, denn sie sind fast ausschließlich Klone und außerdem würden sie sich freuen, ein Paar, das gebären könnte, bei sich aufzunehmen. Ich unterbreite Manuel, dass das unsere Chance wäre, denn dann wird er geheilt und wir könnten zusammenleben und vielleicht bei den Aliens Kinder bekommen – mich schreckt das nicht, ich bin Science Fiction begeistert. Ich weiß dann nur noch, dass Wanda und Manuel auf sie zugingen. Dann konnte ich nichts mehr sehen, nur noch hören, denn Wanda schloss die Augen. Wir sind tatsächlich geflogen. Auf dem sogenannten Mutterschiff konnte ich eine Maschine arbeiten hören und eine Unterhaltung zwischen zwei Wesenheiten belauschen – aber diese Sprache ist weit entfernt von dem, was menschliche Sprechorgane zustande bringen können. Ich stelle mir vor, dass, wenn Käfer sprechen könnten, dann müsste es sich in etwa so anhören. Als Wanda und Manuel wieder zurücktransportiert wurden, konnten sie sich an nichts mehr erinnern. Und ihr Hunger, dieses dauernde Essen-müssen, hatte begonnen.“

 

Maren lehnte sich entspannt zurück und öffnete die Augen. Mit ihrer normalen, dunkleren Stimme berichtete sie:

   „Ich habe alles verstanden, was Wandas Symbiont mir sagte – als ob ich mit ihren Augen gesehen hätte – bis zu dem Moment,  wo sie die Augen schloss und bewusstlos wurde.“

 

Wanda und Manuel starrten Maren an. Wanda sprach:

   „Also so ist es mit mir weitergegangen, wir hatten recht mit unserer Behauptung, dass wir von einem Ufo entführt worden sind. Wir sind in das Mutterschiff gebracht worden, man brachte uns wieder dorthin zurück, wo wir zuletzt waren. Tja, das war’s  mit Leben auf einem fremden Planeten und Kinderkriegen dort und so. Wenn wir die verräterischen Smartphones nicht hätten und den Gedächtnisverlust, dann wäre uns das alles gar nicht aufgefallen. Wir hätten uns nur über unser Essverhalten gewundert. Gut, dass Maren Licht in diese Angelegenheit gebracht hat. Diese Sprache der Aliens – ich hätte zu gerne gewusst, was die beiden zu bereden hatten.“

 

Alle in dem Zimmer schauten sie erstaunt an. Manfred bat sie darum, alles zu wiederholen, was sie eben gesagt hatte, es wäre wohl ihre Muttersprache gewesen, verständlich, diese Aufregung jetzt, da könnte sowas schon mal passieren. Wanda wiederholte, dann schaute sie Maren mit großen Augen an.

   „Aber es hat doch in meiner Muttersprache mit dir gesprochen, oder etwa nicht? Konntest du es denn übersetzen?“

 

Ihr Freund Manuel schaute betroffen in die Runde, schaute Matthias, Maren, Manfred, Evita, Conny und Christoph an.

   „Wisst ihr eigentlich, was das bedeutet? Ich glaube Maren, dem Video und unserer eigenen Erfahrung. Das heißt dann aber, dass unsere Welt ausspioniert wird – was Gott sei Dank meist verhindert wird durch unsere Symbionten – was auch immer das für Wesen sind. Darüber muss ich noch eine Menge erfahren. Aber wir, die Menschheit, wir waren vor langer Zeit – zur Zeit der Pyramiden, in der Lage, unseren Planeten zu verlassen und eine Kolonie zu gründen auf einem anderen Planeten. Und diese Kolonie – oder lass es einen besiedelten Planeten sein – ist in Gefahr. Warum auch immer ein Kontakt zu unserer jetzigen Menschheit nicht stattfand oder -findet, das gilt es unter anderem zu ergründen.

 

Manfred mischte sich ein:

   „Ich habe ein ganz anderes Problem – wenn jetzt wir statt Sebastian Panapoupoulus die Welt retten müssen weil wir im Besitz wertvoller Informationen sind, wie stellen wir das an?“

 

Wanda schaute Maren hilflos an.

   „Dieses Wesen, das gesprochen hat, das in meiner Muttersprache zu dir gesprochen hat, wie lerne ich es, mit ihm so zu kommunizieren wie du es getan hast? Du hast es verstanden und in deiner Sprache den anderen erzählt, was es in mir in meiner Muttersprache gesprochen hat – wie ist das möglich? Und ich hatte die ganze Zeit das Gefühl einer unendlichen Liebe – ich habe in Liebe gebadet, das war so schön.

 

Maren schaute sie gebannt an. Ein Bad der Liebe – hatte sie das mit Benta auch so empfunden? Sie fühlte sich wie im Paradies, als sie gemalt hatte, als sie den Kontakt entweder mit Benta oder dem anderen Symbionten hatte. Aber ein Bad der Liebe? Sie hörte es leise flüstern: „Aber du liebst doch auch nicht“.

 

 

 

INNERE STIMMEN

(Urheberrechte & Copyrights © by Hildegard Schaefer)

 

 

 

 

XI. Kapitel           (Der Mönch)

 

Maren stand vor Evitas Haus. Nach der Scheidung hatte sie die unteren Räume als Galerie umgestaltet. Sie hatte Wände herausreißen lassen, nur die Toilette blieb, wo sie war. Ein kleines Sofa und eine Kochnische, um sich einen Kaffee aufbrühen zu können, waren in einem kleinen Nebenraum untergekommen.

 

Ein großes Schaufenster öffnete den Blick in die fast fertige Ausstellung. Marens Selbstporträt hing nicht dort – es war stattdessen direkt vor dem großen Fenster platziert worden, sodass jeder, der davor stand, direkt in diese intensiv grünen Augen schaute. Ihr wurde mulmig. Wie fühlten sich die anderen Besucher, was löste dieser Blick in ihnen aus? Ihr Handgelenk begann zu jucken, dort, wo sich das Brandmal befand. Sie musste sich kratzen. Evita hatte ihren Ex-Mann verständigt und er wollte zur Vernissage kommen und dort die Person kennenlernen, die von den Serafim gebrannt worden war.

   „Komm rein“, Evita stand in der Tür und winkte ihr zu.

„Gordon ist schon angekommen, er hat ein Zimmer in dem Hotel ein paar Straßen weiter genommen. Er ist schon sehr gespannt darauf, dich morgen zu sehen. Hast du inzwischen etwas darüber gehört, was mit Ellen ist? Wurde sie schon gefunden?“ Maren schüttelte den Kopf.

   „Sie ist wie vom Erdboden verschluckt. Die Suche nach ihr läuft auf Hochtouren, man hätte es mir gesagt, wenn sie gefunden worden wäre. Inzwischen mache ich mir sogar schon Sorgen um sie. Wer hätte gedacht, dass so viel Kreativität in ihr steckt – denn so unauffindbar zu sein, das ist schon eine Kunst.“

 

Evita zeigte ihr das Smartphone und Maren sah darauf ihr Gesicht.

   „Das ist das mindeste, was ich für dich tun kann. Ich habe dein Gesicht auf Instagram gepostet und noch auf anderen Social-Media-Kanälen, denn ich möchte deinen Ruf wiederherstellen. Ich bin die Mutter des Menschen, den du angeblich umgebracht hast – so wie Sybille das geschrieben hat – so wie sie es von ihrer Mutter gesagt bekommen hatte. Wir haben uns verbündet, sie und ich. Die nächsten Tage wird sie ebenfalls dein Gesicht posten und erzählen, was ihre Mutter in ihrer Verblendung getan hat, dass sie und nicht du zur Mörderin wurde. Sie entschuldigt sich bei allen ihren Followers über diese falschen Informationen und rät ihnen, nichts mehr von dem zu glauben, was sie geschrieben hatte. Und schau mal, dein Gesicht: die grünen Augen, das kastanienbraune Haar – hat es nicht sogar einen kleinen, rötlichen Schimmer? Natürlich bedient es ein bisschen die Fantasie. Viele Jugendliche stellen sich so eine Hexe vor – eine weiße Hexe, denn natürlich hat Sybille auch geschrieben, wie das ganze Theater angefangen hat: Reha, deine innere Stimme, die zu ihrer Mutter sprach und damit das Leben der Tochter, ihr Leben, letztendlich gerettet hatte. Ich hoffe, das alles schießt nicht über das Ziel hinaus. Du hast mir mit Veröffentlichungen freie Hand gelassen, aber man weiß ja nie, was das Internet daraus macht. Es kann alles verändern. Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht.“

 

Die Vernissage war sehr gut besucht, und natürlich wollten die Leute wissen, ob und zu wie viel das Porträt dort vor dem Schaufenster verkauft werden sollte. Evita gab sich sehr bedeckt und erzählte nur, dass der Künstler/ die Künstlerin nicht genannt werden möchte und dass das Bild absolut unverkäuflich sei.

   „Aber Evita, das fliegt doch auf, denn in der Malschule bei Helga hat doch jeder gesehen, dass ich das Bild gemalt habe.“

   „Ja schon, aber du weißt doch, dass Menschen Geheimnisse brauchen. Wer sagt denn, dass nicht die innere Stimme da die Hand im Spiel hatte“, kicherte sie. „Und sei ehrlich, genauso war es doch, oder nicht?“

 

Gordon, der Mönch, wurde ihr von Evita vorgestellt und sie zogen sich auf das Schlafsofa zurück. Eine braune Wolldecke lag dort und Maren deckte sie über die Knie und legte ihre Hand darauf. Er betrachtete das Brandmal, schaute sich jedes Stückchen Haut darauf an und ließ sich alles haarklein erzählen.

   „Meine Frau hat mich schon darüber informiert, dass da bei dir – ich darf dich doch duzen – etwas ganz Besonderes in deinem Inneren ist – eine Stimme. Ein Symbiont; diesen Begriff habe ich in diesem Zusammenhang noch nie gehört. Verzeih, aber ich bin immer noch der ungläubige Thomas. Und dieses Brandmal – hattest du es wirklich nicht durch den Hausbrand bekommen? Ein Funken, der flog?“

   „Ich bin anfangs ja auch dieser Meinung gewesen. Evita hat gleich von den Serafim geredet, von Jesaja und so weiter. Ich bin leider nicht bibelfest, habe auch mit den ganzen Geschichten dort nicht viel am Hut. Aber alle behaupteten, dass es nicht möglich gewesen wäre – der Brand war zu weit entfernt. Zeitweilig dachte ich sogar, dass es meine Abneigung gegen meinen ehemaligen Partner gewesen sei, denn an dem Nachmittag, als das Haus brannte, hatte ich mich mit ihm getroffen und er fasste mich genau dort an. Aber Gordon, ich kann deine Skepsis nur zu gut verstehen. Du wolltest morgen doch sowieso deine Enkelin besuchen. Sie ist in so etwas wie in einer Jugendeinrichtung untergekommen und fühlt sich dort sehr wohl. Ich wohne dort auch noch zurzeit. Du bist ja wohl über die ganze Angelegenheit mit deiner Schwiegertochter informiert?“

Gordon nickte und schaute betrübt ins Leere.

   „Sie wird der Verdammnis preisgegeben werden, denn sie hat das Heiligste getötet – ein Leben. Die irdische Gerechtigkeit kann das nicht wiedergutmachen, was sie getan hat. ‚Mein ist die Rache, spricht der Herr‘, aber Erik werde ich eines Tages wiedersehen, daran glaube ich fest, und das tröstet mich. Warum nur ist er so früh heimgegangen?“

 

Gordon überzeugte sich am nächsten Tag darüber, dass seine Enkelin sich wirklich sehr wohlfühlte. Auch er genoss die friedliche Stimmung in diesem Hause und beschloss, nicht mehr im Hotel, sondern dort unterzukommen. Auf Marens Wunsch hin wurde ihm abends das Video gezeigt, das Manfred aufgenommen hatte und auch das Video, das den Suizid von Sebastian Papadopoulus zeigte.

 

Danach konnten Conny, Christoph, und Maren einen gebrochenen Mann sehen.

   „Eine Offenbarung – unter so profanen Umständen. Habt ihr bemerkt, dass das Pfingstwunder sich manifestierte?“ Er blickte in ratlose Gesichter und schüttelte sanft seinen Kopf.

   „Keine Ahnung haben die Menschen mehr von dir, oh Herr. Kurz gesagt, das Pfingstereignis ist die Geburt der Kirche – so sehe ich das. Der Heilige Geist kam über die Menschen, jeder konnte jeden verstehen, alle redeten in Zungen, die jeder verstehen konnte. Das ist bei Wanda und Maren passiert. Und das muss ich in einem Video erleben – das erlebe ich in einem Video. In einem Video“, wiederholte er kopfschüttelnd und verließ den Raum mit hängenden Schultern. Nach einer langen Pause kam er zurück.

   „Jetzt glaube ich auch, dass du von den Serafim gebrannt worden bist, Maren“, wandte er sich an sie.

   „Und deine innere Stimme – wenn die Menschheit in höchster Not ist, dann spricht der Himmel“, murmelte er jetzt leise wie zu sich selbst.

   „Wir alle sind in höchster Gefahr – und wir sind gewarnt worden – dank den Stimmen. Ich habe ja schon immer gewusst, dass wir mit unseren Seelen in Kontakt treten können. Es gibt so viele dokumentierte Wunder, aber immer noch glauben die Wenigsten daran. Was muss die Kirche denn noch tun, damit endlich geglaubt werden kann? Und das eine kann ich euch sagen – mich habt ihr jetzt überzeugt – aber ihr kennt die Menschen nicht. Was nicht zu erklären ist, das wird nicht geglaubt. Und natürlich gibt es auch viele Scharlatane, die den Glauben an Wunder zerstört haben – niemand möchte gerne hinters Licht geführt werden. Aber es gibt das Licht, es gibt das Licht, und es gibt die Liebe“, wiederholte er und schaute nach oben an die Zimmerdecke.

 

Maren erschrak. Sie musste an die seltsame Bemerkung denken, die Benta ihr zuraunte – oder war es ausnahmsweise eine ihrer eigenen inneren Überlegungen? ‚Aber du liebst doch auch nicht‘.

 

Sie erinnerte sich an die Beerdigung ihres Vaters. Nach langer Zeit sah sie Volker, ihren Bruder, wieder. Sie hatten nicht so oft Kontakt, ihr Verhältnis war so, dass sie sich nur zu Weihnachten und zu seinem Geburtstag sahen und durch ihre Krankheit noch weniger. Er umarmte sie und raunte in ihr Ohr:

   „Nun ist es auf ewig zu spät, seine Liebe zu erringen. Ich habe ihn geliebt. Aber er, er liebte nur dich. Weißt du das eigentlich?“ Seine Frau, die Ärztin, war mitgekommen und umarmte sie ebenfalls. Maren wunderte sich – in ihrer Familie waren solche Begrüßungen nicht üblich, wie auch andere Zärtlichkeiten kaum vorkamen. Lange ging ihr diese Bemerkung nach. Volker war der kleine Bruder und es vergällte ihre Kindheit, dass sie immer auf ihn aufpassen musste. Ihre Mutter zog ihn vor, das merken Kinder, auch wenn Eltern glauben, sie würden die Liebe gerecht verteilen. Sie gab den Kampf um die Liebe der Mutter später auf und akzeptierte die Situation so, wie sie war. Doch dass ihr Vater sie liebte – das war ihr nicht aufgefallen, er war zu selten im Haus. Woran hätte sie das merken sollen? Erst, als die Mutter starb, fiel ihr auf, dass er sehr fürsorglich zu ihr war. Doch ist Fürsorge Liebe? In ihrem Beruf – den sie sonst nicht so gerne und so lange hätte ausüben können, war sie ebenfalls fürsorglich – zu den Patienten, zu den alten Menschen. Das war das, was Menschen nötig haben, was sie brauchen, das war ihre Meinung. Sie liebte Menschen, glaubte sie, doch hatte sie jemals eine Person geliebt? So wie Wanda? Die kurz davor war, die Erde zu verlassen, um ihren Geliebten gesunden zu lassen und auf einer fernen Welt mit ihm Kinder zu bekommen? Unwillkürlich schüttelte sie den Kopf – niemals, niemals, niemals. Vielleicht hatten die alten Menschen bereits auf sie abgefärbt. Sie scheuten Risiken, wollten ihre Bequemlichkeit haben und bevorzugten Routine in allen ihren Aktivitäten des täglichen Lebens. So waren jedenfalls die Personen, mit denen sie es die letzten Jahre zu tun hatte. Die immerhin noch wagten, zu reisen, aber trotzdem jeden Komfort haben wollten.

 

Die Liebe zu ihrer Mutter hatte sich dann irgendwann verloren, hatte sich verändert, es war eine freundschaftliche Beziehung geworden, wie zu ihrem Bruder auch.

   „Was ist denn Liebe?“, sprach sie Gordon direkt an. Sie wusste von Evita, dass er ein an sie uninteressierter Ehemann war, auch die Beziehung zu seinem Sohn zerbrach daran, dass er es vorzog, in einem Kloster zu leben.

„Gott ist Liebe“, sprach er salbungsvoll und schaute sie fast strafend an. Bevor er weitere Erklärungen losließ, verließ sie den Raum und überließ es den anderen, seinen weiteren Sprüchen zuzuhören, die sie bis in ihr Zimmer begleiteten.

 

Am nächsten Morgen trafen sich alle zum Frühstück wieder. Gordon betrachtete seine Enkelin neugierig und erkundigte sich nach ihrem Religionsunterricht. Sybille verdrehte die Augen.

   „Weißt du, in unserer Klasse haben wir eigentlich alle Religionen der Welt – es ist schon interessant zu erfahren, dass es so viele unterschiedliche Meinungen und Namen für Gott gibt. Papa hat mir beigebracht, dass ich alle diese Informationen sammeln soll und mich dann für den einen Weg entscheiden soll, der für mich der wahre ist.“

 

Maren bemerkte die steile Falte auf Gordons Gesicht, dann fragte mit zuckersüßer Stimme:

   „Und, hast du ihn bereits gefunden – so wie ich?“ Sybille zuckte mit den Schultern.

   „Ab 14 könnte ich mich taufen lassen – das bin ich noch nicht, das hatten meine Eltern beide nicht gewollt – aber ich weiß nicht, ob ich katholisch, evangelisch oder irgendwas anderes werden möchte, man hört inzwischen ja nicht so viel Gutes über die Kirchen. Du musst nur mal googeln, Opa, dann bist du darüber auf dem Laufenden.“

   „Ich bin ja nicht vom Mars, ich weiß schon, was in der Welt abgeht, deshalb musste ich mich ja zurückziehen. Ich habe meinen Seelenfrieden gefunden im Kreise meiner Brüder.“ Er wartete, bis Sybille und Herrmann sich verabschiedeten, dann drehte er sich zu den anderen.

   „Wie können wir dieser Gefahr begegnen, wie können wir unsere Welt retten, habt ihr euch darüber schon einmal Gedanken gemacht?“

Conny und Christoph antworteten beide gleichzeitig mit dem Satz:

    „Natürlich haben wir das.“ Sie schauten einander an und lachten. Christoph blickte zu Maren:

   „Ich glaube, du bist die Letzte, die über unsere ersten Ergebnisse des gemeinsamen Brainstormings informiert ist. Es ist auch noch nicht alles in trockenen Tüchern, aber es sind schon wirklich gute Ansätze zu sehen.“ Gordon verschränkte die Arme und lehnte sich zurück:

   „Na, da bin ich aber gespannt.“

Conny schenkte Kaffee nach und begann dabei zu erzählen.

   „Weißt du Maren, dass Christoph zuerst Informatik studiert hatte, bevor er sich für die Sozialpädagogik entschied?“ Maren schüttelte den Kopf.

    „Und weißt du auch, dass ich eine der besten Rechtsanwältinnen war, bevor ich mich für unser gemeinschaftliches Projekt hier begeistern ließ?“ Maren öffnete den Mund vor Erstaunen.

   „Ich wusste nur, dass du Jura studiert hast.“

„Und mein Bruder, Manuel, er kennt sich absolut mit Politik aus. Wanda ist Journalistin und hat Beziehungen zu den Presseleuten fast in der ganzen Welt. Manfred ist in der Exekutive, Matthias im Gesund-heitswesen und Evita ist in der Kunstszene zu Hause.“ Sie setzte sich und schaute Christoph zärtlich an.

   „Wir alle haben unsere besonderen Fähigkeiten und überlegen, wie man dieses gebündelte Paket nutzen kann, um – wie gesagt, die Welt zu retten. Damit ist deine Frage zwar noch nicht beantwortet, Gordon, aber du siehst schon, dass wir uns bereits Gedanken gemacht haben. Und wie sieht es mit dir aus, welche Gedanken hast du dir gemacht?“

   „Ich bin ein Kirchenmann, und auch ich habe Ideen und einen gewissen Einfluss. Maren und Wanda – ich habe ihr Pfingstwunder gesehen, ich habe die Spur der Serafim gesehen, und ich sage euch, das wird die Kirche bis hinauf in die höchsten Ämter genauso sehen. Ihr werdet erleben, dass unsere Religion immer noch sehr stark ist und dass wir auch ökumenisch noch sehr viel ausrichten können – es muss nur begonnen werden, es muss nur begonnen werden“, wiederholte er und bekreuzigte sich.

 

Sybille platzte in das Zimmer hinein:

   „Maren, du bist eine Berühmtheit geworden – alle wollen von dir geheilt werden – oder so was Ähnliches. Jedenfalls hast du eine Menge Leute dazu gebracht, sich über ihre Wehwehchen Gedanken zu machen. Mein Account platzt aus allen Nähten. Conny, kannst du mir dabei helfen, dass ich die Blödmänner rausbekomme, die nur neugierig sind?“

 

Maren schaute das Mädchen erschreckt an.

   „Ich und heilen? Um Gottes willen, ich habe überhaupt keine Ahnung davon. Ich bin nur zu Beginn meiner Bekanntschaft mit Benta darüber informiert worden, dass so etwas möglich war – ist – sein könnte, wenn die Symbionten miteinander kommunizieren, aber das habe ich nie auf mich bezogen.“ Sie schaute hilflos in die Runde.

   „Wie komme ich aus dieser Nummer nur wieder heraus, ich bin ein glühender Verfechter der Schulmedizin. Allerdings hat in meinem Fall wohl Benta einen Teil zu meiner Gesundung beigetragen, glaube ich zumindest. Aber ich und andere, wildfremde Menschen heilen – nein danke, das ist nichts für mich.“ Sie schüttelte heftig den Kopf.

   „Ja, aber wie sage ich das meinen Freunden?“ Sybille schaute sie ratlos an.

   „Ich glaub‘, dass manche wohl wirklich denken, du kannst Wunder wirken. Die müssen das alles an ihre Eltern und Bekannte weitergegeben haben – aber diese Menge von Anfragen, damit konnte ich doch nicht rechnen. Ich wollte nur die Wahrheit sagen, dass du keine Hexe bist, äh, keine Hexe, die brennen soll, wie meine Mutter das immer gesagt hat.“

 

Gordon schüttelte den Kopf.

   „Sowas kommt dabei heraus, wenn Hoffnungen geweckt werden – da sind bestimmt verzweifelte Menschen darunter. Aber du weißt schon, Maren, dass das nicht deine Aufgabe ist.“

 

Maren schaute ihn betrübt an.

   „Und was ist dann meine Aufgabe? Ihr alle habt euch schon Gedanken gemacht, was ihr tun könnt, um die Welt vor einer Gefahr zu warnen, aber was soll ich denn machen?“

 

Conny schaute sie fröhlich an.

   „Du bist doch der Dreh- und Angelpunkt, Maren, ohne dich hätten wir nichts – gar nichts gewusst von dem Ufo, den Symbionten und den Käfern. Wenn dir nichts einfällt, uns fällt bestimmt etwas ein, was du machen kannst, ich hätte da schon ein paar Vorschläge, die mir im Kopf herumgeistern. Aber nun gehe ich mit Sybille erst mal raus und schaue mir ihr Smartphone an. Schrecklich, dass so junge Menschen schon auf das Netz losgelassen werden. Die haben doch keine Ahnung davon, was da alles passieren kann – auch wenn sie in bester Absicht handeln.“

 

Nach ein paar Minuten kam Sybille wieder zurückgestürmt, mit Tränen in den Augen. Sie weinte:

   „Maren, Tinki liegt auf dem Boden. Ich glaube, Tinki stirbt. Conny ist bei ihm, aber er hechelt so komisch. Du musst ihn retten, so tu doch was – er stirbt sonst, nun komm doch schon, bitte, bitte, bitte komm.“

 

Lesen Sie Ende Mai, wie die Geschichte weitergeht!

 

Kapitel XII, DAS BILD