SCIFI FORTSETZUNGSROMAN

Kurz-Vita

 

Hildegard Schaefer

 

Geboren 11/49 in Lauenburg/Elbe begann ich mit 11 Jahren SF zu verschlingen, mit 17 las ich meine ersten Märchen. 16 Jahre war ich alt, als ich Europa bereiste. Nach einem halben Jahr ließ ich mich in Amsterdam aufgreifen. Es folgten zwei abgebrochene Lehren, dann Arbeit als Tankwart, im Krankenhaus, Fabrik, Post, Tierarztpraxis, Altenhelferin, Kassiererin, mehrere selbstständige Tätigkeiten u. v. a. mehr. Letztendlich arbeitete ich 23 Jahre als Bürokauffrau in Hamburg. Seit 1969 bin ich verheiratet und wohne in Buchholz/Nordheide. Wir haben zwei Kinder und vier Enkel. Ehrenamtliche Tätigkeiten als Hospizhelferin und Krankenhaus-Besuchsdienst. Zurzeit bin ich Mitarbeiterin im Mehrgenerationenhaus.

 

 

Seit 2003 bin ich Mitglied bei den Freien Deutschen Autoren, vorher und jetzt bin ich Teilnehmer in verschiedenen regionalen Schreibgruppen, halte Lesungen, gebe Workshops und bin mit Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien vertreten. 

 

 

INNERE STIMMEN

(Urheberrechte & Copyrights © by Hildegard Schaefer)

 

Prolog

 

Manuel bremst, er wird von einem hellen Licht geblendet.

    „Das kann doch nicht wahr sein, ein Ufo, und wir hier. Und das jetzt, wo ich dich schnell nach Hause bringen wollte, Wanda.“ Seine Beifahrerin antwortet nicht und starrt gebannt auf den Acker. „Aliens, davon habe ich schon immer geträumt. Ich hatte gehofft, dass mir mal einer begegnet, ich habe keine Angst vor ihnen, ich bin ein begeisterter Science Fiction Leser – schon immer gewesen. Aber dass das alles heute passiert - und das an diesem Abend, der sowieso  alles verändern wird.“ Sie öffnet die Autotür.

    Manuel packt sie am Arm. „Bleib hier, du weißt nicht, was du tust. Gerade jetzt, gerade jetzt wo wir – wir dürfen auf keinen Fall irgendwie in dieses Geschehen  hier hineingezogen werden, dann fliegt alles auf.“

    „Was fliegt alles auf, dann weiß deine Frau Bescheid, meinst du wohl. Du hast doch mit mir Schluss gemacht. Heute Abend. Eben gerade. Und ob du wirklich sterben wirst – das kann ich nicht glauben. So gesund wie du aussiehst. Das ist nur eine billige Ausrede von dir, weil du deiner Frau keinen reinen Wein einschenken möchtest.“

 

Manuel schweigt. Sie hat ja recht. Den ganzen Tag, kämpfte er mit sich, dann siegte die Bequemlichkeit. Drei Monate hat der Arzt ihm noch gegeben Warum sollte er diesen ganzen emotionalen Terror über sich ergehen lassen, besser wäre doch, einfach abzuwarten und alles auf sich zukommen zu lassen. Und sich des Restlebens zu freuen und jedem Stress aus dem Weg zu gehen. Wanda ist lieb, aber es wäre besser, wenn dieses anstrengende Verhältnis jetzt beendet werden würde. 

 

Er lässt den Acker nicht aus den Augen. „Da, jetzt ist es gelandet und nicht mehr so hell, jetzt können wir schnell wegfahren. Wanda, bleib doch um Himmels willen im Auto.“

    „Das könnte dir wohl so passen.“ Wanda reißt die Tür auf und läuft auf das schimmernde Ding zu. Manuel bleibt auf seinem Platz sitzen und verriegelt die Türen. Er sieht seine Geliebte schnellen Schrittes auf den Acker gehen und zeitgleich öffnet sich eine Tür in dem Ufo. Wanda bleibt stehen, wartet, dann geht sie mit ausgestreckten Händen weiter. Zwei Wesen steigen aus dem Ufo. Sie tragen silbern schimmernde Kleidung und gehen auf die Frau zu. Manuel hört nicht, was gesprochen wird, aber er sieht, dass sich Wanda weiter auf die beiden zu bewegt. Er hat den Eindruck, dass es Menschen sind, doch das kann er sich nicht vorstellen, denn das hätte er in den Nachrichten – hoffentlich - gehört, dass irgendein Land so etwas gebaut hätte, was so aussieht wie ein UFO.

 

Mit den Händen formen die beiden eine flirrende Scheibe. Es entstehen Bilder um die Gruppe herum, und Manuel sieht zu seinem Erstaunen Pyramiden erscheinen, in denen die beiden Personen herumgehen. Sie winken Wanda einladend zu und sie folgt ihnen..

    „3D live“, rutscht es aus Manuel heraus, „aber warum Pyramiden. Wenn sie zu denen wollten, dann brauchen sie doch nicht uns zu fragen.“

 

Wanda dreht sich zu ihm um und winkt. Warum Pyramiden - Manuel  hat sich schon immer für Archäologie interessiert, gerade diese Bauwerke fand er einfach nur spannend. Er öffnet die Tür, lässt sie offen stehen. Warum Pyramiden, warum Pyramiden, in denen man umhergehen kann, als ob die Zeit stehengeblieben wäre. Die Neugier lässt ihn nicht los.

    „Komm“, ruft Wanda ihm zu.

„Sie beißen nicht, sie sind sogar Menschen wie wir, braungebrannt und Zwillinge und ich kann sie sogar verstehen.“

 

Manuel betritt den Ackerboden. Wahrscheinlich kommt hier Getreide hoch, die ersten Hälmchen sind bereits zu sehen. Es wird Spuren geben, morgen wird sich ein Bauer darüber beschweren – oder auch nicht, die Gegend hier ist menschenleer, das war einer der Gründe, warum er mit Wanda schon so oft hierhergefahren war. Worauf habe ich mich da nur eingelassen, fragt er sich und gibt sich sogleich die Antwort. Wegen der Pyramiden. Warum haben Aliens 3D Live Pyramiden fragt er sich zum wiederholten Male. Und schon steht er inmitten dieser Illusion und ergreift Wandas Hand.

   „Das ist mein Mann“, erklärt sie den beiden abwartend vor ihr stehenden Fremden. Beide Parteien verbeugen sich voreinander und halten die Handflächen geöffnet nach oben.

    „Er und ich, wir beide würden Ihr Angebot gerne annehmen“.

Manuel schaut sie erschrocken an.

    „Was für ein Angebot, Wanda?“

„Ach Manuel, das wäre doch eine riesengroße Chance für uns. So wie ich sie verstanden habe, möchten sie uns kurzfristig entführen. Sie wollen beim Mutterschiff, was außerhalb der Reichweite unserer Instrumente liegt, und dort ein paar unserer Chromosomen entnehmen. Sie haben das schon öfter gemacht, sagen sie“.

 

    „Ja“, meldet sich der gegenüber Manuel stehende Alien.

„Sogar sehr oft schon. Wie Sie unschwer sehen, sind wir beide Klone. Und auch wenn unsere Wissenschaft schon sehr weit fortgeschritten ist und es keine Krankheiten mehr bei uns gibt, können wir nur begrenzt Klone herstellen. Manchmal brauchen wir eben frisches Material. Wir haben ihre Welt sozusagen als Reservoir, schließlich kommen wir ja auch von hier.“

      Manuel starrt ihn an. „Von hier? Was soll das bedeuten?“

„Na ja, sie haben doch noch ein paar Pyramiden hier. Allerdings nicht mehr so viele. Früher, als wir hier noch lebten, gab es Unmengen davon. Diese paar restlichen, die jetzt noch stehen, wurden weit nach unserer Zeit erst gebaut. Ich verstehe übrigens nicht, wieso niemand  bei dieser Bauweise geblieben ist, es gibt nichts Besseres. Hier“, er macht eine einladende Geste mit seinem Arm. „Schauen sie, so wohnen wir. Inmitten dieser Pyramiden, mitten in unserer neuen Welt. Wir mussten vor langer Zeit diese Welt verlassen, um uns zu retten – es gab hier eine große Katastrophe, davon wissen sie bestimmt noch, und einige von uns waren so mutig, den Sprung in das All zu wagen. Und es geht uns gut, all die vielen Jahre, aber eben diese Klone, das ist noch unser Problem“.

 

Manuel hört ihm mit offenem Mund zu. „Sie kommen von hier? Sie sind die Erbauer unserer Pyramiden? Warum haben sie denn mit uns keinen Kontakt aufgenommen außer ab und zu Menschen zu entführen?“

    Der andere Mann nickt.

„Wobei“, relativiert er, „diese jetzigen Bauwerke sind ziemlich missglückte Kopien unserer Gebäude, aber – es ging wohl nach der Katastrophe alles drunter und drüber und wir hatten lange Jahre keine Möglichkeit, hierher zurückzukehren. Wir mussten erst einmal unsere eigenen Probleme lösen. Und, wenn sie ehrlich sind, schauen sie sich um – überall Krieg – sie bekommen ihre Welt und ihre Herausforderungen noch lange nicht in den Griff. Sie sind noch nicht so weit für eine planetenübergreifende Kommunikation. Wir wollten der Menschheit eine Chance geben, diese vielen Streitigkeiten beizulegen – aus eigener Kraft.“

Manuel nickt heftig. „Aber Krankheiten – haben sie die noch? Solche wie Krebs zum Beispiel?“

Beide sprechen zusammen wie im Chor. „Natürlich nicht, Krebs war das erste, was wir eliminierten.“

Wanda schaut Manuel an. „Wie sich das anhört, leben sie wie im Paradies. Was wäre, wenn wir uns entschließen, mit ihnen zu gehen? Jetzt gleich, sofort? Wir haben nichts zu verlieren. Und du hast eine Chance, wieder gesund zu werden.“

    „Gerne, kommen sie mit, wir würden uns freuen. Normalerweise möchte niemand seine Heimat verlassen, aber wenn sie beide kommen möchten, dann ist das in Ordnung für uns. Sagen Sie, können sie Kinder gebären?“, er wendet sich Wanda zu und sein Gesicht beginnt zu strahlen als sie freudig nickt. „Das wäre sehr interessant für uns, nicht wahr?“ Er dreht sich zu seinem Zwilling um, der heftig mit dem Kopf nickt. „Das wäre wirklich wunderbar, aber schauen sie sich noch vorher unsere Pyramiden von innen an, ob sie sich vorstellen können, in so einem Gebilde zu wohnen.“

 

Die beiden fassen sich an den Händen und betreten mutig die nächste, schimmernde Pyramide. Manuel sieht die Welt plötzlich mit anderen Augen an. Einfach verschwinden – neu anfangen. Er sieht schon die Zeitung: Universitätsprofessor vermisst. Wurde er von einem Ufo entführt? „Wanda, ich liebe dich, jetzt haben wir vielleicht doch eine Zukunft.“

 

Die beiden Wesen schauen auf die Körper der beiden Menschen, die jetzt auf den Boden liegen. Die Pyramiden sind verschwunden. Zwei große Käfer stehen jetzt dort und Eklid rasselt in seiner eigenen, klickenden Sprache. „Es funktioniert immer wieder mit den Pyramiden, die Subjekte sind so neugierig. Aber dass sie freiwillig mitkommen wollen, das hatten wir noch nicht.“ Beide klicken mit ihren Mundöffnungen. „Lass uns starten, die oben warten schon auf uns. Nicht, dass noch welche hier in dieser einsamen Gegend vorbeikommen. Immerhin haben wir zwei Exemplare unauffällig kapern können.

 

Auf dem Raumschiff herrscht emsiges Schwirren, die beiden Menschen werden in eine Maschine gelegt, und eine durchsichtige Zyste wird implantiert. Eklid wendet sich an Surtik. „Krebs hat der Mann, willst du ihn etwa davon befreien? Als Belohnung sozusagen?“

 

Surtik schaut auf die beiden. „Es liegt eigentlich nicht in unserem Interesse, dass sie lange leben. Hätten sie auf ihren Symbionten gehört, wäre er wohl nicht krank geworden, aber sie sind ja so dumm.“ Er wendet sich an Eklid und klickt

    „Ja, wer hört schon auf sein Bauchhirn, auf seinen Symbionten? Zum Glück für uns wissen sie nichts von ihm, sonst hätten wir es nicht so leicht gehabt mit ihnen. Wir haben uns an die menschliche Sprache und die Bewegungen gewöhnt, aber es wird langsam Zeit, dass wir uns ablösen lassen und wieder nach Hause kommen. Diese ganzen Aktionen mit den Entführungen, das alles nur, um mehr über diese Spezies mit ihren Symbionten zu erfahren. Dabei haben wir sogar die Wahrheit gesagt, denn immerhin stimmt das ja mit den Pyramiden, es ist also nicht gelogen und nicht weit hergeholt. Nur dass diese Menschen damals nach der Katastrophe auf der neuen, unwirtlichen Welt strandeten. Aber sie haben ja das Beste daraus gemacht. Genaugenommen haben sie die ganze Welt ausgehöhlt. Die Technik, die sie dafür nutzten, das ist auch etwas, was wir uns von ihnen nehmen wollen. Und wir wissen nicht einmal, ob sie die Raumfahrt einstellten oder im Geheimen weiter daran forschen. Deshalb müssen wir unsere kleinen Spione in diese Körper hier einbetten, damit wir zumindest Ohren auf dieser Ursprungswelt haben und so etwas über sie erfahren können. Über ihre Denkweise und ihre Biologie, denn um einen Feind zu bekämpfen, sollte man so viel wie möglich über ihn herausfinden.“

 

Die Maschine vor ihnen summte. „Ah fertig, jetzt haben sie unsere kleinen Miniatur-Käfer-Spione im Leib – und sie haben immer noch keine Technik entwickelt, sie zu entdecken. Gut für uns. Denn wenn ihre Zeit gekommen ist, wenn sie über diesen Körper und sein Denken alles erfahren haben, was möglich ist, und uns weitergeben konnten, dann werden sie ihr Werk vollenden. Und wenn sie der Meinung sind, der Krebs bringt den Menschen zu früh zu Tode, dann werden sie die nötigen Schritte übernehmen – vielleicht hat die Frau ja recht, und er wird geheilt – wer weiß das schon.“ Beide nehmen die Körper aus der Maschine heraus und legen sie zurück in den kleinen Gleiter, mit dem sie zum Mutterschiff geflogen waren. 

 

Nach ein paar Minuten erreichen sie wieder den Platz, von dem sie gestartet waren und bringen die beiden Menschen zurück in das Auto, das immer noch mit geöffneter Tür auf der Straße steht.

    „Ich habe ja gesagt, hier kommt keiner vorbei“, klickt Eklid. „Diesen Platz müssen wir uns merken, vielleicht haben wir morgen noch einmal so viel Glück.“ Surtik gibt zu bedenken;

     „na ja, wir haben aber keinen Vorrat mehr an Mikrokäfern, das darfst du auch nicht vergessen, und auf dem Schiff können wir sie nicht herstellen, also sollten wir zurück nach Hause fliegen. Und außerdem müssen wir die ganzen Informationen, die wir von den kleinen Spionen gesendet bekamen, erst auswerten. Das wird noch eine ganze Zeit dauern, denn wir müssen sehr langsam über den Planeten fliegen, um ihre Signale zu empfangen, aber wir sollten dabei nicht beobachtet werden. Sonst fangen die Menschen auf dieser Welt an, sich bedroht zu fühlen. Wir sind ja tatsächlich schon oft beobachtet worden, allerdings folgten keine Schritte gegen uns. Diese Wesen können sich wohl nicht vorstellen, dass es Leben außerhalb ihrer kleinen Kugel gibt. Diese Erkenntnis sollte noch eine ganze Weile dauern, umso mehr Zeit haben wir, uns vorzubereiten. Ungestört vorzubereiten. Und dann können wir unsere Eroberung des ausgehöhlten Menschenplaneten endlich planen. Diese Welt ist noch nichts für uns, so rückständig wie die hier sind.“

 

Manuel starrt auf das Lenkrad. Seine Hände liegen im Schoß und die Scheinwerfer sind nicht angeschaltet. Es ist dunkel geworden. Warum steht er hier auf dieser gottverlassenen Straße ohne Licht? Ein Seufzen neben ihm lässt ihn zusammenzucken. Wanda. Ach ja, seine geliebte Wanda. Sein Kopf fühlt sich an, als ob er in Watte gepackt sei. Er hat es ihr gesagt. Oder etwa  nicht? Er ist krank. Sehr krank sogar. Hat sein Arzt gesagt. Auch Ärzte können sich irren. Soll er jetzt die verbleibende Zeit nutzen und das tun, was er schon immer tun wollte? Mit Wanda zusammenleben - vielleicht auf einer einsamen Insel oder dort, wo niemand Fragen stellt? Oder sollte er reumütig zurückkehren zu seiner Frau, und die letzten Monate seines Lebens in einer kalten Umgebung verbringen, die sein Herz gefrieren lässt? Was ist mit seinen Studenten – wer würde ihn vermissen? Soll er die letzte Zeit noch Geld heranschaffen müssen – wollen – sollen?

Er verspürt plötzlich einen Heißhunger. Sein Mund ist trocken – Durst hat er auch. Was ist los mit ihm? Warum kann er sich nicht daran erinnern, was er mit Wanda besprochen hat?

 

„Manuel“, eine brüchige Stimme neben ihm lässt ihn zusammenzucken. „Was ist passiert? Irgendwie ist mir so komisch – und ich habe einen Riesenhunger. Und Durst auch. Ich habe im Kofferraum einen Picknickkorb mit Essen und Sekt und Selters – holst du ihn bitte nach vorne? Ich weiß nicht - ich glaube, wir wollten etwas feiern, aber ich kann mich gerade nicht daran erinnern, was wir feiern wollten. Und wieso stehen wir mitten auf der Straße? Wir sind doch sonst immer zu dieser Lichtung gefahren, wo uns keiner sehen kann und dort haben wir – haben wir …“

    „Ja, Schatz, dort haben wir uns geliebt. Aber ob wir da heute Abend gewesen sind und was wir dort gemacht haben, das kann ich dir beim besten Willen nicht sagen“.

     Er steigt aus und holt den Picknickkorb aus dem Kofferraum. Sein Blick fällt auf den Boden neben dem Auto.

    „Moment, Wanda, da ist was komisch“. Er geht auf das Land, kleine Halme sind zu sehen, wahrscheinlich wird dort Getreide angebaut. Er sieht Fußspuren auf dem Acker, und noch ein Paar. Frauenfußspuren. Er schaut auf seine Schuhe, sie sind Lehm-verkrustet. War er etwa auf dem Acker? Er geht weiter, beide Spuren führen auf einen Platz zu, der rundherum niedergedrückte Erde hinterlassen hat.

    „Wanda“, er ruft sie herbei, hat immer noch den Korb in der Hand. „Bist du auch hier lang gegangen?“ Ihr Gesicht ist ein einziges Fragezeichen. Sie schaut auf ihre Schuhe – Lehm-verschmiert und es sind ihre Spuren, auf denen sie nun weitergeht. Bestürzt schaut sie auf die kreisrunde, zerdrückte Kuhle.

    „Manuel – wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, hier ist ein UFO gelandet. Und wir sind auf sie zugegangen, das würde ich mir zutrauen - aber ich weiß nichts davon. Und das würde ich doch wissen, oder etwa nicht?“ Ihre Stimme zittert, sie ringt die Hände und starrt auf das Auto.

 

Manuel schaut sinnend in die Luft, dann setzt er sich auf den Boden – direkt in die Mitte der sanft eingedrückten Fläche und packt den Picknickkorb aus. Als ob es nichts Wichtigeres zu tun gäbe, essen sie mit viel Genuss und noch mehr Hunger das von Wanda eingepackte Essen – ungeachtet der besonderen Situation und dass sie fast im Dunklen sitzen. Mit Blick auf die ausgeschalteten Scheinwerfer des Autos kramt er in seiner Hosentasche herum und holt sein Smartphone hervor. Er schaltet die Lampe an und wirft automatisch einen Blick darauf. Keine neuen Nachrichten, keine Mails, keine Neuigkeiten aus den sozialen Netzwerken. Wanda schaut ihm neugierig zu. Sie holt ihr eigenes aus der Tasche und schaut ebenfalls darauf.

    „Manuel – schau mal, hier.“

„Wo soll ich nachschauen?“

    „Na, dahin, wo die GPS Daten sind – ich meine die Standortbestimmung – und dann sage mir, was du dort siehst.“

Manuel schaut auf das Smartphone und wird blass.

    „Du auch?“

 

„Ja, ich auch, wir beide – und jetzt haben wir einen Beweis – einen echten Beweis – dass es UFOs gibt – und dass sie Menschen entführen. Uns zum Beispiel. Aber warum?“

 

Manuel atmet tief auf.

    „Wir müssen etwas machen, unbedingt! Es melden, auch wenn sie uns wie alle UFO-Beobachter als Spinner ansehen,  Aber die Smartphones lügen nicht, das wird man uns bestätigen müssen. Man wird wissen, dass wir kurzzeitig nicht auf dieser unserer Welt waren. Irgendwo anders, sehr weit weg. Es gibt also Lebewesen, Aliens, die unsere Welt besuchen. Und wir werden uns untersuchen lassen, sofort. Und meine Frau wird die Wahrheit erfahren und das ist gut so. Wanda. Ich überlege gerade, ob das wirklich stimmt, was mir mein Arzt gesagt hat. Egal, wie es ausgeht, egal, wie lange ich noch zu leben habe, ich habe jetzt eine Aufgabe. Wir beide haben eine Aufgabe und wir bleiben nicht nur dadurch zusammen.“ 

 

Ende des Prologs, lesen Sie die Fortsetzung ab dem 30. November 2021.

 

 

 

INNERE STIMMEN

(Urheberrechte & Copyrights © by Hildegard Schaefer)

 

I. Kapitel        STILLE

 

„Klangmassage in Therapieraum 12“, las Maren auf ihrem Reha-Plan. Sie zog die Vorhänge zurück. Frühlings blaue Lichtblitze zwangen sie, die Augen zu schließen und sie spürte den Schmerz kommen. Er kam aus dem dunklen Fleck in ihrem Gehirn, der deutlich auf dem Röntgenschirm zu erkennen war. Sie nahm die übliche Ration Schmerzmittel und vorsichtshalber noch etwas mehr, um die Nachwirkungen der nächtlichen Alpträume zu bannen. Ein letzter Blick in den Spiegel und sie stülpte die Perücke wie einen Hut über ihren kahlen Schädel.

 

Es war noch vor dem Frühstück – trotzdem war der Raum voller Patienten, die bereits auf den Matten lagen, als sie eintrat.       

   „Tschuldigung“, nuschelte sie der Therapeutin zu, dann schaute sie sich Hilfe suchend um.

   „Du kannst dich neben mich legen, ich rutsche nach links, dann ist noch Platz für dich“, hörte sie die Stimme von Ellen. Maren kannte sie aus der gestrigen Kunststunde, sie fühlten sich sofort zueinander hingezogen.

   „Danke“, flüsterte sie, dann legte sie sich auf eine Matte. Maren hatte noch nie meditiert, und unter dieser Massage konnte sie sich beim besten Willen  nichts vorstellen. Dann lauschte sie dem Klang der Schale nach, die angeschlagen wurde. Ein anderer, warmer Ton folgte und dann erfüllte die Stimme der Therapeutin den Raum:     

   „Euer Körper wird schwer. Lasst es leer werden in euch, fallt in die Stille, lasst eure Gedanken fortfliegen und hört auf das, was tief in eurem Inneren zu euch spricht.“

 

Maren bemühte sich ernsthaft, an nichts, an überhaupt nichts zu denken. So schwer hatte sie es sich nicht vorgestellt, es summte in ihrem Kopf als ob Bienen darin wären. Sie fokussierte sich auf die Schale, die diesen besonderen, tiefen Ton hervorgerufen hatte. Er vibrierte immer noch in ihrem Leib und sie versuchte, sich die Wölbung der Schale in ihrem Inneren vorzustellen und dass das Innere des Gefäßes völlig leer war und darauf wartete, gefüllt zu werden. Blitzartig kam ihr der Heilige Gral in den Sinn, das wundertätige Behältnis, das als Kelch, Stein oder Schale beschrieben wird. Der Klang in ihrem Bauch fühlte sich nicht mehr wie Metall an und begann sogar leicht zu pulsieren.

Maren wartete.

 

Ein leises Flüstern war zu vernehmen. Maren konzentrierte sich und die Stimmen – es waren zwei, konnte sie jetzt besser verstehen. Sie klangen besorgt.

   „Benta, wenn die kleine Menschin von Cunte nicht geheilt werden kann, sieht es sehr schlecht für beide aus. Ich versuche, mit meiner Menschin, ihrer Mutter also, Kontakt aufzunehmen, aber du kennst sie ja, sie sind alle taub“.

   „Canat, wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben, vielleicht finden wir doch noch jemanden, der uns verstehen kann“, hörte Maren die Stimme, die ihr näher und irgendwie vertraut war. Und plötzlich sah sie das Bild eines Hundes – einen weißen Lhasa-Apso – vor sich, der ein rotes Halsband trug. Und ein Mädchen sprach zu ihm, so- dass Maren ihre inneren Ohren so weit öffnete, wie sie nur konnte.

   „Mama ist in der Reha, aber ich habe jetzt ganz doll Bauchschmerz, ist das nicht komisch, Pinki?“ Eine neue, verzweifelt klingende Stimme drang an ihr Ohr:

   „Canat, hier ist Cunte. Ich beobachte den Organismus von dem Mädchen und jetzt hat sich etwas Neues ergeben. Das kleine Darmanhängsel ist geplatzt und Eiter verteilt sich in der Bauchhöhle. Hast du Ellen, Sybilles Mutter erreichen können? Ihre Tochter hat starke Schmerzen und geht zu ihrem Vater und der, oje, der will mit ihr zum Hausarzt Dr. Meier fahren, das ist absolut die falsche Adresse. Sie muss sofort ins Krankenhaus – wenn sie mich doch nur hören könnte.“

 

Ein lauter wummernder Ton erklang … „Und nun kommt langsam zurück und öffnet die Augen. „Streckt die Arme, die Beine aus, ballt die Hände zu Fäusten und setzt euch dann langsam auf.“ Maren reagierte wie betäubt. Ein weißer Lahso-Apso. So häufig sind diese Hunde nicht. Ellen besaß so einen ..., hörte sie gestern beim Abendbrot. Beim Aufräumen fragte sie vorsichtig:

   „Ellen, heißt euer Hund Tinki und hat er ein rotes Halsband?“

„Ja, aber woher weißt du das, darüber haben wir doch gar nicht gesprochen?“

   „Und euer Hausarzt ist ein Dr. Meier?“

 Ellen blieb abrupt stehen.

   „Wer bist du, woher kennst du uns? Ich dachte, du kommst aus einer anderen Stadt.“

 

Maren versuchte stammelnd, das während der Klangmassage belauschte Gespräch wiederzugeben.

   „Wenn euer Hund Tinki heißt und ein rotes Halstuch trägt, dann hat deine Tochter gerade jetzt einen Blinddarmdurchbruch und muss dringend operiert werden. Ihr Vater bringt sie zu Dr. Meier, der ist wohl sehr langsam, jedenfalls – es geht um ihr Leben. Sie gehört augenblicklich ins Krankenhaus.“

   „Du spinnst, das alles  kannst du gar nicht wissen“, schüttelte Ellen verwirrt den Kopf,

   „aber vorsichtshalber werde ich meinen Mann anrufen. Dann wirst du ja sehen, dass das alles nicht stimmt“, und sie holte das Handy aus der Tasche.

   „Erik, Ellen hier, sag mal, geht es Sybille gut? Sie hatte doch neulich Bauchschmerzen, ist alles in Ordnung mit ihr?“ Sie lauschte angestrengt und wurde blass.

   „Erik, frage bitte nicht nach, woher ich das weiß, aber du musst augenblicklich mit ihr ins Krankenhaus und nicht zu Doktor Meier fahren, sie hat vielleicht einen Blinddarm-Durchbruch.“ Nach einer kleinen Pause fauchte sie ins Telefon,

   „mach´s einfach“, und steckte das Handy zurück.

„Sie hat ganz starke Bauchkrämpfe und sie sind gerade auf dem Weg zu Dr. Meier“, schaute sie Maren fassungslos an.

 

Die zuckte nur die Schultern,

   „ich weiß nicht, was das für Stimmen waren, aber sie haben vielleicht das Leben deiner Tochter gerettet. Ich hatte den Eindruck, als ob es in Sybilles Inneren, so heißt wohl deine Tochter, irgendetwas gibt – so wie bei dir und  mir anscheinend auch – und das weiß über uns Bescheid und versucht uns zu warnen.“

 

Ellen schaute sie forschend an, eine steile Falte entstand zwischen den Augenbrauen.

  „Du bist mir unheimlich, Maren, wohin bist du da bloß hineingeraten. Ich habe jedenfalls nichts in mir, was mit mir reden kann, und meine Tochter auch nicht.“

 

Maren konnte nicht schlafen. Hatte der ganze Spuk nur mit den Tönen der Klangmassage zu tun gehabt? Das wollte sie unbedingt klären. Zwei Tage später schlich sie sich in eine andere Therapiegruppe hinein, da der Termin ihrer eigenen erst in ein paar Tagen war. Wieder ließ sie sich in die Meditation fallen, versuchte sich in die Höhlung der Schale hineinzudenken und wieder vernahm sie ein Flüstern.

   „Du hast mich verstanden, das freut mich sehr. Ich bin Benta. Hab keine Angst, ich lebe in dir, seit du geboren wurdest. Ich bin so etwas wie in Symbiont.“

 

Maren hielt den Atem an und versuchte eine Frage zu denken:   

   „Haben alle Menschen so einen wie du im Leib?“

„Ja, sie nennen uns zum Beispiel‚ Bauchhirn, innerer Arzt‚ Siebter Sinn, aber wir haben viele Namen. Vielleicht fiel es dir deshalb so leicht, uns zu verstehen, weil du dir eine pulsierende Schale vorgestellt hast, einen Gral.“

    „Du weißt, was ich denke?“

„Ja.“

    Maren kroch eine Gänsehaut über ihren Rücken.

„Man kann sich an uns gewöhnen, Maren, das haben viele Menschen schon geschafft. Dann braucht es auch keine so tiefe Meditation mehr, sondern nur noch ein intensives Hineinhören in den Bauch. Wir freuen uns natürlich besonders, wenn wir bei einer Frau sein dürfen.“

    „Warum?“ Marens laute Stimme hallte in dem Raum.

„Bitte seien sie leise, was machen Sie überhaupt in dieser Gruppe, sie gehören zu der anderen.“

   „Tschuldigung,“ nuschelte sie, nahm schnell ihre Matte auf und verließ den Raum.

 

Nach dem Frühstück zog sie sich in ihr Zimmer zurück. Sie würde alle anderen Termine an diesem Tag ausfallen lassen, das würde außer Ellen sowieso niemandem auffallen und mit der hatte sie nur noch einmal kurzen Kontakt am Frühstücksbüfett gehabt, als diese flüsterte:

   „Meine Tochter wurde operiert und jetzt geht es ihr gut, danke. Sie hatte tatsächlich einen Blinddarmdurchbruch.“

 

Sie nahm einen tiefen Schluck Wasser und streckte sich auf ihrem Bett aus. Maren konzentrierte sich auf ihren Bauch.

   „Also noch mal, Benta, warum bevorzugt ihr gerade Frauen?“

„Sie können gebären. Wir haben auch Empfindungen und Gefühle, Maren. Wir freuen uns, wenn wir mit euch reden können. Mit euren Kindern können wir das. Sie lernen viel von uns. Ihr seid alle etwas Besonderes, schade, dass ihr das nicht wisst. Und wenn ihr sterbt, sind auch wir nicht mehr körperlich vorhanden. Dann kehren wir zurück, reich beladen mit Erfahrungen und euren Erinnerungen. Es liegt in unserem Interesse, dass ihr lange lebt, denn nur durch euch können wir Emotionen erleben und das ist für uns das Paradies.“

  „Welche Menschen sind das, die sich an euch gewöhnt haben, Benta?“, griff Maren den Faden wieder auf. Sie begann, an ihrem Verstand zu zweifeln. Schließlich sprach sie mit ihrem Bauch, oder vielmehr einem Fremdkörper darin, der sich Benta nannte. Exorzismus, stach plötzlich wie eine Feuerlanze in ihr Bewusstsein. Dämonen, sie war besessen, zweifellos waren es Dämonen! Angst überflutete ihr Denken. Sie schlug die Hände vor das Gesicht und wimmerte.

 

„Stopp“, peitschte Benta in ihre aufsteigende Panik.

   „Einige von denen, die uns hören konnten, hatten tatsächlich die Befürchtungen, dass wir Dämonen sind. Auch wieder nur ein Name von vielen. Die Kirche hat dann ihr Übriges dazu getan. Manchen fehlt eben einfach die Vorstellungskraft. Menschen denken, was nicht auf Anhieb erklärbar ist, das gibt es nicht, das darf es nicht geben, das ist unheimlich. Wenn sie etwas nicht verstehen können, was ihnen Angst macht, wollen sie es vernichten. Wir sind keine Dämonen, wir sind Symbionten, hörst du? Wir nehmen nicht nur, wir haben auch etwas, das wir euch geben können.“

   „Das verstehe ich nicht“, beruhigte sich Maren halbwegs,

„was meinst du damit, Benta?“

 

Die Antwort kam nach einer kleinen Pause.

   „Wir kennen euren Organismus, wissen, was euch gesunden lässt und was euch krank macht. Wir können heilen. Wir heilen durch Information. Jemand, der mit uns in Verbindung steht, kann in Kontakt treten mit dem Symbionten des Kranken und der kann ihm dann sagen, wie geheilt werden kann. Eine klassische Win-win Situation“.

    Maren lachte bitter auf.

„Hexen, das wird mir jetzt klar. Die wurden verbrannt. Das ist für mich keine Win-win Situation.“

   „Aber es gab auch welche, die sagten, Gott spräche zu ihnen. Religionsstifter waren auch dabei und andere wurden für heilig erklärt, weil sie heilen konnten.“

    Maren nickte und dachte an Hildegard von Bingen, ihre Visionen, ihre Medizin.

   „Und wie ist das mit Leuten, die Stimmen hören, die ihnen sagen, sie sollen etwas Böses tun, z. B. jemanden umbringen?“ Maren meinte fast, einen empörten Aufschrei zu hören.

  „Hörst du nicht zu? Wir wollen leben, leben, leben. Wir sind emotional tot, wenn jemand sich oder einen anderen umbringt. Sicher, manchmal werden wir auch falsch verstanden, das passiert, wenn die Verbindung nicht so stabil ist wie zum Beispiel die mit dir. Nicht alle können so gut hören, das ist eine ganz spezielle Gabe. Im Traum dringen wir manchmal durch, doch oft werden wir nur als Alpträume verstanden, das musst du doch auch bemerkt haben, auch du hast solche Träume Maren. Und dadurch entstehen eben diese Missverständnisse. Es gibt zu wenige Menschen, die ihre inneren Stimmen richtig einordnen können.“

Maren schwieg.

 

Sie schwieg lange und eine Frage perlte in ihr hoch, drängte an die Oberfläche.

   „Und – ja, du brauchst mich gar nicht erst zu fragen, das versteht sich doch von selbst. Ich kann dir bei deinem Problem helfen, bei deiner Krankheit. Morgen werden wir einen Spaziergang in einen  ganz besonderen Wald machen, den schon deine Großmutter besuchte und der ihr bei ihrer Erkrankung geholfen hatte. Du wirst sehen, gegen jede Krankheit ist ein Kraut gewachsen.“

 

Maren überlegte, ob sie diesem Symbionten wirklich vertrauen konnte. Diesen Spruch hatte sie zu oft von Medizinern gehört und jeder war von sich überzeugt gewesen. Letztendlich hatte ihr noch niemand helfen können und der Tumor quälte sie schon seit einem Jahr. Seit ihre Mutter Selbstmord verübte.

 

Fortsetzung folgt ….!

 

Lesen Sie das II. Kapitel DER INNERE ARZT ab dem 15.

Dezember 2021