aufsatz fortsetzungen

VON

 

VALERIE KYBURZ

 

Wenn Erwachsene gescheit daherreden

(Urheberrechte & Copyrights © by Valerie Kyburz)

 

 

 

 

 

Valerie Kyburz (ihr Pseudonym), hat uns freundlicherweise einige ihrer besten Aufsätze aus ihrer Schulzeit zur Veröffentlichung zugestellt. Sie ist heute 27 Jahre jung, war das enfant terrible ihrer Schulzeit, setzte  entgegen ihrer Eltern ihren Willen durch und besuchte das Kindertheater von Basel. Heute ist sie ausgebildete Theater- und Filmschauspielerin, inszeniert eigene Theater-Stücke und produziert eigene Video-Kurz-Krimis. Ihre sehr originellen Aufsätze werden die nächsten fünf Monate auch unseren Newsletter bereichern.

Aufsatz-Titel:  Wenn ich das Sagen hättte

 

Vorwort:

 

Ich weiß nicht mehr, wie lange das Blatt Papier vor mir leer blieb und mir das Herumspazieren der Lehrerin im Klassenzimmer auf die Nerven ging. Jedes Mal, wenn sie bei mir vorbeikam, kurz verharrte, sich bestimmt wunderte, warum ich noch nichts geschrieben hatte, jedoch nie etwas sagte und weiter spazierte, verspürte ich Lust, sie anzubrüllen und sie aufzufordern, sich auf ihren Allerwertesten zu setzen und aufzuhören mit ihren spitzen Stöckelschuhen den Holzboden zu malträtieren und unnötigen Lärm zu produzieren. Es fiel mir nichts ein. Beim besten Willen nicht. So ein saublödes Thema! Dabei hatte ich doch immer etwas zu sagen, auch wenn allen andern die Puste, das Wissen oder die Argumente ausgegangen waren, da lief ich mich normalerweise gerade erst warm.

 

Es waren schlussendlich bestimmt etwa 15 Minuten verstrichen, mein Griffel noch kalt, das Blatt noch immer leer, doch dann, endlich, die Lehrerin kurvte nach der zigsten Runde gegen ihr Pult, setzte sich hin, bemächtigte sich eines Buches. Die Erlösung!

 

Ich vergaß für einen Moment den blöden Aufsatztitel und meine Gedanken kreisten drei Wochen zurück. Es war Sonntag. Tante Frieda hatte zur Geburtstagsfeier ihrer Enkelin geladen. Garten-Party. Grillen im Freien, Champagner, Snobs, furchtbar! Die Enkelin, Hildegard, bereits 32 Jahre auf dem Buckel, Barbie Gesicht, Weizen blond, ganz kleine Tittchen – meine waren mit damals vierzehn doppelt so groß, mit der „aller Welt Erziehung“ immer milde zu lächeln, immer danke und bitte zu sagen und sich ja nie in ein Erwachsenengespräch einzumischen. Mein Pech, niemand da in meinem Alter, weder ein Prinz noch eine mögliche „Pferde stehlen Freundin“, nur die grenzenlos angepasste Enkelin, ein paar kleinere Kinder, ihre Eltern, zwei blöde Kläffer und die meist schon zwischen Scheintod und Verwesung vegetierenden Saurier und Saurierinnen. Tante Frieda, die absolut perfekte Snob-Lady.

 

Mann, wenn es doch schon zu Ende wäre. Da bat einer der Bediensteten die Gäste, an den mit Blumen geschmückten, ovalen Gartentisch, wo der Nachtisch serviert wurde.

 

Beim Nachtisch ist es meist noch schlimmer, da wird nicht mehr richtig gegessen, nur noch so rum geschlürft und genippt, was mehr Zeit bedeutet, unsinnige Snob Gespräche anzuzetteln und zu führen.

 

„Valerie!“, erschreckt mich Tante Erika, etwa fünf Stühle weiter rechts am Tisch, und sorgt dafür, dass die Klunkern ihrer Halskette aneinander schlagen, „du kommst doch dieses Jahr aus der Schule, nicht wahr? Wirst du dann auch diese komische Schauspielerei aufgeben?“

 

Ein kurzer, schneller Blick zu meinen Eltern, die leicht schräg von mir gegenüber sitzen und nun bestimmt den Atem anhalten, besonders meine Mutter – wahrscheinlich ist ihr schon der Angst-Schweiß ausgebrochen – während mein Vater so tut, als hätte er Erikas Frage gar nicht gehört und sich mit Marcel Sommerhalder zu seiner Rechten, naheliegenderweise über die Aktienbörse unterhält.

 

„Welche komische Schauspielerei meinst du denn, Tante Erika?“ Höre ich mich sagen, während ich plötzlich feststelle, kurz aus meinen Gedankengängen gerissen, dass ich meinen Griffel über das Blatt führe und bereits eine halbe Seite geschrieben habe …!

 

Der Aufsatz:

 

… Es schreibt jetzt von alleine, die Eingebung ist quasi von alleine gekommen. Sonntags, bei den Snobs, wäre der richtige Titel gewesen, aber so geht’s ja auch, natürlich hatte ich da etwas zu sagen, vor allem eine passende Antwort auf dumme Fragen.

 

André Gut, einer meiner Favoriten aus der Theaterwelt, bei dem ich lernte, wie man, statt sich zu ärgern und sich dann mit einer emotional noch dümmeren Antwort selber lächerlich macht, eine geeignete Gegenfrage zu stellen, mit dem Ziel, die fragende Person damit aufs Glatteis zu führen. Er beherrschte das so gut, dass ich immer wieder fasziniert war und dafür Sorge trug, dass ich seine beste Schülerin wurde.

 

Natürlich war ich nun mit fast fünfzehn auch etwas respektvoller geworden, insbesondere wollte ich meine Eltern nicht in die Pfanne hauen, die sich immerhin, nach einer schier kriegsähnlichen und sehr in die Länge ziehenden Auseinandersetzung schließlich dazu erweichen ließen, dass ich doch noch den Weg einer Theater-Karriere begehen konnte. Aber die Spitzzüngigkeit, die mir eigen war, verlor sich nicht einfach so.

 

„Ach Valerie, stell dich nicht so an, du weißt schon, was ich meine, dieser Kinderverein, diese Träumer, die anstelle von einer fundierten Ausbildung es vorziehen, sich zu verkleiden und irgendjemand zu spielen, statt etwas Nützliches zu lernen!“

 

Ich hatte nicht gedacht, dass mich diese dumme Kuh mit diesem einfältigen Argument innerhalb von wenigen Sekunden auf die Palme bringen würde. Ich glaubte auch kurz gesehen zu haben, wie meine Mutter die Augen schloss und sich auf das allerschlimmste gefasst machte. – Lieber André, steh mir bei, schloss ich mich telepathisch mit ihm kurz. Und dann … ,

 

„du sprichst in Rätseln, Tante Erika, ich weiß nicht, in welchen Geistessumpf du da geraten bist, ich bin beim Kindertheater in Basel,  das Älteste in der Schweiz. Es wurde 1970 gegründet und wird gerade für seinen pädagogischen Dienst an Kindern ungemein geschätzt, ich wundere mich, dass du das in deinem Alter nicht kennst, es ist sogar im hohen Norden Deutschlands nicht nur bekannt, sondern auch sehr beliebt, und um deine Frage zu beantworten, nein, ich werde diese interessante Arbeit nicht aufgeben, denn sie bedeutet mir viel und macht große Freude.“

 

Damit hoffte ich, dass ich einen Volltreffer lancierte, zumal es mir auch gelang, meine Stimme zu kontrollieren. Die Blicke der Anwesenden schweiften nun gespannt zu Erika, die mit Sicherheit etwas ganz anderes von mir erwartet hatte, um mir danach den „Todesstoß“ zu verpassen. Und es kam noch besser. Der neben mir sitzende Walter Giezedanner, ein pensionierter Buchhalter, schaltete sich überraschend ein.

 

Unauffällig, meist ruhig, spricht eigentlich nur, wenn er mit Teufels Gewalt dazu aufgefordert oder genötigt wird, runder Kopf, Glatze, runder Bauch, beugte sich zur Überraschung aller nach vorne und suchte das Gesicht von Tante Erika; „ich kann Valerie nur beipflichten, liebe Erika, ich bin Stammgast im Kindertheater von Basel und außer dem Mitglied. Die Reputation dieser Institution ist sehr nobel und verdient hohe gesellschaftliche Anerkennung.“

 

Damit lehnte er sich wieder sittlich in seinen Stuhl zurück, schenkte mir noch ein vielsagendes Lächeln und damit war Tante Erikas eventuell geplante, neue Offensive im Keime erstickt. Niemals hätte ich mir träumen lassen, dass ich ausgerechnet hier, bei diesen Snobs, ein solches Hochgefühl einfahren könnte. Der Blick, den ich von meiner Mutter zugeworfen erhielt, war eine Mischung aus Dankbarkeit, Bewunderung und auch Erlösung. Sie wusste an diesem Tag, dass sie nie mehr eine spitzzüngige Basler Schnoore von ihrer Tochter zu befürchten hatte. Die überraschende Zugabe von Walter Giezedanner, legte sich wie eine einschläfernde Lähmung auf die Tafelrunde, die Snob-Gespräche wollten nicht mehr so richtig in Gang geraten.

 

Geschickt führte jedoch Tante Frieda die zügellosen Pferde wieder auf die richtige Fahrbahn, sorgte kurz dafür, dass die mittlerweile etwas müden Kinder mit Nachtisch Naschen wieder wach wurden und schaffte es, mit einem Stichwort das allgemeine Interesse auf die Fusion zwischen Migros und Denner zu lenken, welche in diesem Jahr zustande kam. Das Geburtstagskind, Hildegard, zeigte plötzlich großes Interesse an mir bzw. an meiner Theater-Aktivität und wechselte dazu den Stuhl temporär mit einer Cousine Erikas zu meiner Rechten, welche bis zu diesem Zeitpunkt zwei oder dreimal niesen musste, ansonsten kein einziges Wort gesprochen hatte!

 

Hildegard war das langweiligste, was mir je untergekommen war. Sie fragte Dinge, die wir eigentlich sonst von siebenjährigen Kindern erwarten; „ist Theater spielen eigentlich schwierig“? War die Ouvertüre zu einem endlosen Schwank.

 

Schlussendlich wollte ich dem Aufsatzthema bzw. dem vorgegeben Titel doch noch gerecht werden. Wenn ich das Sagen hätte!

Also gut, nach reiflicher Überlegung komme ich zum Schluss:

 

Bevor Ihr Erwachsenen beginnt, gescheit daherzureden:

 

Haltet einfach alle den Mund, es sei denn, Ihr habt etwas Sinnvolles und wahres (ehrliches) mitzuteilen.

 

Nieder mit dem Snobismus!

 

 

Valerie

 

* * *

Valerie Kyburz

 

„Erhebt Bildung Anspruch zu lehren?“ 

(Urheberrechte & Copyrights © by Valerie Kyburz)

 

Von meinem Schülerpult aus, zweite Reihe außen, konnte ich meine Lehrerin gut beobachten, sofern sie auch an ihrem Pult saß. Dieses stand an der Fensterfront, während ich am Gang der fensterlosen Wand, nur zwei Meter vor der Zimmertür platziert war.

 

Am heutigen Aufsatz-Thema wollte und musste ich mich anstrengen, denn im Vorfeld – vor einer Woche, war ich maßgeblich beteiligt, dass besagtes Thema gewählt wurde. Dazu motivierten mich zwei miterlebte Schuldramen von Freundinnen, welche von der Lehrerin (nicht von der jetzigen) psychisch dermaßen gefoltert wurden, dass die eine einen Selbstmord-Versuch unternahm und die andere, während den zwei Jahren bei derselben Lehrerin, mehr weinte als lachte und mehr verzweifelt in meinen Armen hing, als zu versuchen, sich aufzurichten. Wie grundverschieden wir doch sind, im selben Alter und wie schwach die einen und stark die andern.

 

Besagte Terror-Lehrerin hatte mich zwar auch auf dem Kicker, doch sie stellte schnell fest, dass sie mich weder ängstigen noch verunsichern konnte. Zweimal wollte sie der Klasse vorführen, dass sie auch mich dominiert, doch beide Versuche scheiterten und sie bewies immerhin so viel Übersicht, dass sie es dabei bewenden ließ. Beim ersten Mal schrie sie mich an und als sie die Schlussworte „hast du das kapiert“ hervorstieß,  sagte ich ruhig; „in einem Buch von Charles Dickens kann man nachlesen, dass Menschen, die anfangen zu schreien statt zu sprechen, am Limit ihrer Intelligenz angelangt sind.“ Zunächst herrschte einen Moment bleierne Stille im Schulzimmer und die Lehrerin brachte den offenen Mund nicht mehr zu, während ich triumphierend nach doppelte; „ich habe alle Charles Dickens Bücher gelesen!“ …, beides war gelogen!

 

Sie bereitete sich dann auf eine zweite Attacke vor, doch hatte sie das Pech, dass sie sich dafür den ungeeignetsten aller Momente aussuchte, nämlich just einen Tag nachdem sich Beatrice die Pulsader am linken Handgelenk aufgeschnitten hatte und nicht zur Schule kam. Das wussten zu diesem Zeitpunkt nur vier Personen. Die Mutter von Beatrice – Vater hatte sie keinen. Meine Eltern und ich. Schlimm genug, dass dies nur drei Wochen vor unserem letzten Schultag des vorletzten Schuljahres passierte. Die Mutter von Beatrice rief zuerst meine Mutter an, weil sie wusste, dass ihre Tochter zu mir einen sehr engen Draht hatte. Meine Mutter riet ihr, der Schule vorerst nur mitzuteilen, dass Beatrice krank wäre und deswegen die nächsten Tage nicht in die Schule kommen würde. Ich kriegte eine solche Wut und war kurz davor, mit einem langen Küchenmesser in die Schule zu gehen, um das Scheusal, die Lehrerin, totzumachen. Glücklicherweise rief meine Mutter meinen Vater an, der bereits im Büro war, sofort alles stehen und liegen ließ, unverzüglich nach Hause kam und ein imposantes Management inszenierte.

 

Zuerst umarmte er meine Mutter, dankte ihr, dass sie ihn angerufen hatte, dann nahm er mich, ließ mich auf seine Knie sitzen wie damals, als ich noch ein kleines Mädchen war, streichelte meine Haare und sagte ruhig und bedacht; „das Küchenmesser legen wir nachher wieder in die Schublade wo es hingehört. Beatrice wollte sich nicht umbringen, sie tat in ihrer Verzweiflung einen großen Hilfeschrei. Die Pulsadern aufschneiden ist dafür eine dankbare Methode, es passiert nichts, man müsste sie der Länge nach auf-schneiden, aber das wusste sie bestimmt nicht und falls, wollte sie es gar nicht. Sie ist außerhalb jeglicher Gefahr. Und nun zu dir, du bist ein psychisch starkes Kind, du bist intelligent und hast eine interessante Zukunft vor dir. Gehe in die Schule ohne jegliche Emotionen. Falls irgendetwas geschieht oder zur Sprache kommt, setzt du deinen Intellekt ein, so, wie du ihn in letzter Zeit immer erfolgreich eingesetzt hast. Überlasse Emotionen den dummen, du hast das gar nicht nötig. Hast du noch irgendwelche wichtige Fragen?“

 

Die Gefühle, die mich durchströmten waren so stark, wie ich sie kaum jemals zuvor verspürte. Mein Vater war nicht nur ein großer Psychologe, er war auch Stratege, Manager …, und Vater! Ich hatte keine Fragen mehr, ich fühlte mich wie eine leere Batterie, die gerade mit dem Ladegerät auf 100,0 % auf den optimalsten Leistungsstand aufgeladen wurde.

 

So ging ich an diesem Tag zur Schule, auch innerlich völlig beruhigt, was den Gesundheitszustand von Beatrice anbelangte. 

 

Vaters Erklärungen waren so einleuchtend und selber wusste ich, dass sie sonst unter keinen Depressionen litt. Sie war hübsch, sie war auch unterhaltsam und anständig. Der Terror der Lehrerin machte sie jedoch mehr und mehr unsicher und verzweifelt.

 

Die ganze Turbulenz an jenem Morgen führte jedoch dazu, dass ich die Hausaufgaben zu Hause liegen gelassen hatte und die Zeit reichte nicht aus, um nochmals hin und zurückzugehen.

 

Und als hätte es mir die Lehrerin an der Nasenspitze angesehen, forderte sie die Aufgaben-Hefte von allen, an den Außen Reihen sitzenden Schülerinnen und Schüler. Also die Fensterreihe, die Mittelgangreihe und die Wandreihe.

 

Ich hob die Hand, sie gab mir das Zeichen zu sprechen und ich teilte mich mit: „Es tut mir leid, ich habe das Aufgaben-Heft zu Hause vergessen.“

 

Der Triumph in ihren Augen beschwor das folgende Drama herauf:

„Nicht gemachte Aufgaben bewirken eine 1 als Benotung.“

 

Damit ließ sie es bereits bewenden und wandte das Interesse von mir ab. Erneut erhob ich die Hand, doch sie ignorierte es. Ich stand auf und bemerkte: „Ich habe nicht gesagt, ich hätte die Aufgaben nicht gemacht, sondern das Aufgaben-Heft zu Hause vergessen!“

 

„Niemand hat dich aufgefordert zu sprechen, also sei still!“

 

Nun musste ich aufpassen, dass mir nicht doch noch der Kragen platzte und so überlegte ich meinen nächsten Schritt genau.

„Hat noch jemand die Aufgaben nicht gemacht?“, fragte sie in die Runde. Niemand meldete sich, doch ich benutzte die Gelegenheit erneut die Hand zu heben. Sie ignoriert mich erneut.

Ich stand wieder auf und sagte laut; „gestern Abend hat sich Beatrice Suter die Pulsader aufgeschnitten, sie ist im Spital, werden Sie das auch einfach ignorieren?“

 

Totenstille trat ein im Zimmer und die Lehrerin wechselte die Gesichtsfarbe, sagte aber dennoch sehr barsch;

„wenn du dich wichtigmachen willst mit diesem Unsinn, dann kann ich noch heute deinen Rausschmiss aus der Schule beantragen.“

 

„Mich? Wieso denn?  Sie hat sich die Pulsadern ihretwegen auf-geschnitten, nicht meinetwegen!“

 

Sie war jetzt nicht blass, sondern richtig weiß im Gesicht geworden, ihre Lippen blutleer und ich doppelte nach; „mein Vater hat übrigens meine Aufgaben gestern angesehen und kurz kommentiert, er meinte, damit müsste ich eine gute Note bekommen. Wenn Sie mir lieber eine 1 unterjubeln wollen, ist das Ihre inkompetente Handlung, aber für die Misshandlungen an uns Schülern, im Besonderen an Margrit Sommer und Beatrice Suter kriegen Sie von uns als Note eine 1 unter null!“

 

Sie war Schachmatt. Unfähig etwas zu sagen, ihr Mund zitterte, sie war einem Kollaps nahe, dem weinen. Bei einigen von uns stellte ich sogar sowas wie Mitleid fest, doch auch die Gewissheit, dass alle geschlossen hinter meinen Argumenten standen.

 

Erhaben wie ein Condor, hoch oben im Kreis fliegend, die sichere Beute unten im Visier anpeilend, stieß ich hinab und beging sowas wie „Leichenschändung“!

 

„Da Sie älter und besser gebildet sind als wir, glauben Sie auch, Sie wären dazu privilegiert, uns zu lehren, aber dazu bedarf es noch anderer Fähigkeiten. Ich habe einmal gelesen, dass eine lehrende Person auch von Psychologie und Pädagogik eine Ahnung haben sollte. Ich werde den Rest dieses Tages die Schule schwänzen und Beatrice im Spital besuchen, gehen Sie auch hin?“

 

* * * * *

 

Aus den Gedanken gerissen beobachte ich seit geraumer Zeit unsere neue Lehrerin aus meinem Schülerpult von der Sitzreihe an der Innenwand. Dabei bin ich mir nicht einmal so sicher, ob sie es vielleicht nicht schon lange bemerkt hat und mich seelenruhig weiter „beobachten lässt". Es fehlen mir noch zwei Sätze, um den, …, so wichtigen Aufsatz zu beenden. Wir sind jetzt zu Beginn des  letzten Schuljahres. Die fehlbare Vorgängerin wurde mit sofortiger Wirkung suspendiert, nachdem es sogar noch polizeiliche Ermittlungen gegeben hatte.

 

Die Neue hatte die Erschwernis, dass sie einer Sonderaufgabe gegenüberstand, zunächst unser Vertrauen wiederzugewinnen. Wenn ich so darüber nachdenke, machte sie dies eigentlich recht gut. Sie plusterte sich nie wichtig auf. Laberte nie gedankenlos dahin, erwähnte nicht ein einziges Mal die Vorkommnisse ihrer Vorgängerin und behandelte uns alle gleich. Es gab weder privilegierte noch benachteiligte. Es gab aber auch keine Glacé-Handschuhe für Margrit und Beatrice.

 

Sie hatte sich wirklich vorgenommen, ihr Eintreten in die Klasse, so, wie ein neues Auto, mit null Kilometern auf dem Tacho zu beginnen. Und das schaffte sie tatsächlich. Ich bewunderte sie.

 

Neue Perspektiven bewegten meine Gedanken. Wie muss ihr wohl zumute gewesen sein, als ihr die Schulleitung von der Zerrüttung unserer Klasse zu ihrer Vorgängerin berichtete? Sie hat die Aufgabe trotzdem in Angriff genommen!

 

Mein letzter, noch nicht geschriebener Satz, ist gleichzeitig mein innigster Wunsch, dass sie den Kopf wenden und zu mir hinschauen möge, damit ich ihr meine Sympathie mit einem Lächeln übermitteln könnte.

 

Sie tat es. Empfing mein Lächeln, erwiderte es, doch erst, als mein letzter Satz bereits zu Papier gebracht war.

 

 

 

* * * * *

Valerie Kyburz

 

 Aufbruchstimmung! Zum Theater! zum Film!

(Urheberrechte & Copyrights by Valerie Kyburz)

 

 

Schon oftmals habe ich versucht, mich zu erinnern, welches nun wirklich der entscheidende Funke war, der mich zum Theater brachte. Der Schritt zum Film ist dann wohl eher eine Folge davon.

 

Vielleicht waren es auch mehrere Funken. Was mich ganz bestimmt in Bann zog, waren die Gerüche. Das Theater verbreitet Gerüche. Polster, Kleider, Perücken, Kulissen, der große Vorhang mit seinen noch größeren Geheimnissen. Zumindest so lange, bis er aufgeht. Und wenn er aufgegangen ist, sind es die Kulissen, die sehr unterschiedliche Gefühle in mir weckten. Bäume und Wald vermittelten in mir Spannung, auch ein bisschen Angst, Ungewissheit, vor allem dann, wenn noch keine Schauspieler da waren und nur die Kulissen auf mich einwirkten. Manchmal war ich auch enttäuscht, wenn nur eine spärliche Hausfassade da war, eine Türe die ins Haus führte, daneben ein kleiner runder Tisch mit zwei Stühlen so klein, als würden gleich Zwerge auftreten. Die Szene hell belichtet, die keine Hoffnung auf etwas Mysteriöses entfachen konnte. Doch dann faszinierte mich ein Troubadour, der plötzlich da war und mit lauter, deutlicher und sicherer Stimme sprach, die ganze Szene dominierte und die ärmliche Kulisse vergessen ließ.

 

In den ersten Schuljahren hatte ich nur drei Freundinnen, für die Theater auch ein Thema war, doch das Gros der Klasse sah sich allenfalls als möglicher Theaterbesucher, jedoch niemals als Darsteller.

 

Da ich bereits im Kindergarten Alter Ballettunterricht genoss, hatte ich einen Vorgeschmack darauf, dass bei einer entsprechenden Ausbildung auf der Bühne eine gewisse Härte an Disziplin verlangt würde. Davor hatte ich keinen Bammel, auch wusste ich ziemlich genau was ich nicht wollte. Keine Oper oder Operette, kein Musical und auch keine Auftritte in einem Kolosseum oder Amphibientheater. Ich wollte das, was mich auch als Zuschauerin faszinierte. Das hautnahe Bühnentheater, wo der Besucher jeden Fehltritt (Körper) oder Versprecher (Text), mitkriegt. Eine riesige Herausforderung. Nicht wie beim Film, wo bei jedem Fauxpas ein Cut erfolgt und die Szene so lange wiederholt wird, bis der Regisseur zufrieden ist. Aber an dem Tag, als ich es wusste, dass Theater meine Welt sein sollte, stand der höchste zu bezwingende Berg, meine Eltern, noch vor mir.

 

Dieser „Lokalkrieg“ dauerte fast ein Jahr und ich schien ihn zu verlieren, doch dann hatte ich die Eingebung. Meine Eltern argumentierten cool nicht etwa aggressiv, aber fast endgültig. Ich wiederum wollte nicht so kindisch reagieren wie einige aus meiner Klasse, wenn ich bei ihnen zu Hause ähnliche „wir erlauben dir das nicht“ Situationen erlebte und die Reaktionen der Kinder dann sehr schmollend und eben auch hoffnungslos endeten.

 

André Gut ist vier Jahre älter als ich, spielte bereits Theater. Ich lernte ihn auf einer Geburtstags-Party von Evelyn Hauser kennen. Er gefiel mir auf Anhieb, ich ihm vielleicht auch, jedenfalls war das gerade mitten im „Krieg“ mit meinen Eltern. In einem günstigen Moment machte ich mich an ihn ran und konnte ihn für ein Gespräch gewinnen. Ich schilderte ihm ohne Zuckerguss mein Problem, er hörte mir aufmerksam zu, dann fragte er mich, wann mein nächster Geburtstag wäre. Ich sagte ihm das lachend und fragte, was das mit meinem Problem zu tun hat und er sagte; „lade mich zu deinem Geburtstag ein, stelle mich deinen Eltern als deinen besten Freund vor und den Rest mache dann ich. Da dein 12. Geburtstag auf einen Samstag fällt, können wir dich am Montag darauf beim Basler Kindertheater einschreiben. Ein Familienmitglied muss dabei sein zum Unterschreiben.“

 

Einen Moment lang brachte ich meinen Mund nicht zu und er küsste mich ganz schnell, sagte noch; „ich dachte zuerst, du hättest ein ernst zu nehmendes Problem, aber du hast keines, deine Eltern haben eines! Ich werde es ihnen nehmen!“

 

Es braucht einiges, mich sprachlos zu machen, aber er schaffte es und er hatte sogar die Unverfrorenheit, mich bis zu meinem Geburtstag im Dunkeln tappen zu lassen, wie er meine Eltern „umdrehen“ würde.

 

Er tat es dann mit einer Leichtigkeit, wie ein Clown ein kleines Kind zum Lachen bringt. Zunächst hatte er dafür Sorge getragen, dass er ein positives Punkte-Kontingent auf seinem Konto, meine Eltern betreffend, eingeheimst hatte, dann stieß er gnadenlos zu. Die Torte war fast vertilgt, hebt er sein Kinder-Champagner Glas, prostet meinen Eltern höflich zu, bedankt sich für die herzliche Gastfreundschaft, dann zu mir mit den Worten; „liebe Valery, nochmals herzlichen Glückwunsch zu deinem Geburtstag und besonders zu deinem schönen Geschenk von deinen Super Eltern, die dich Theater spielen lassen, mit eurem aller Einverständnis begleite ich euch am Montag zum Direktor für deine Registrierung und weißt du was Valery, der neue Direktor hat mir die Hauptrolle im Stück ›Die Hexe aus dem Weltall‹ gegeben, er möchte, dass die Rosmarie Scholl meine Tochter spielt, aber ich möchte lieber dich, weil, weißt du was? Der Direktor sagte mir, wenn das Stück Erfolg hat, wird es verfilmt fürs Fernsehen, yupppiiieee, prost!“

 

Einen kurzen Moment blieb mir das Herz stehen, doch nur kurz, ich erkannte Andrés Schauspiel, sein gewaltiges Talent, Menschen zu fesseln, an der Nase herumzuführen oder falls nötig, sie für kurze Zeit als Tanzbären vorzuführen. Ich schlüpfte in seine Rolle, ließ, wie hergezaubert, ein paar Freudentränen über meine Wangen kullern, setzte das glücklichste Gesicht meines Lebens auf, hielt das Glas immer noch wie eine hypnotisierte mit angewinkeltem Arm, zum Anstoßen bereit in der rechten Hand und wandte dieses „Werbebild“ meinen Eltern zu.

 

Der Mund meiner Mutter war noch weiter offen als meiner zu Beginn dieser bühnenreifen Szene doch in ihren Augen las ich, dass gleich eine gehörige Opposition einfahren würde. Aber Vater verhinderte es. Er war in diesem Stück der Tanzbär, stieß zunächst mit mir, dann mit André an und sagte feierlich; „so viel Freude muss einfach gefeiert werden, ich wünsche euch viel Glück“, und zu Mutter gewandt; „ist noch eine Flasche da? Kinder Champagner hat mir noch nie so gut geschmeckt wie heute, du wirst die beiden am Montag begleiten und Valerie einschreiben!“ (nächste Szene; der Mund meiner Mutter bleibt weiter offen, doch die Augen verlieren den Oppositionsglanz).

 

Nachdem ich eingeschrieben war an besagtem Montag, lud uns Mutter noch zum Nachtessen ein, André und mich. Später gesellte sich sogar Vater noch dazu, der sich danach von mir und Mutter verabschiedete, weil er mit André noch etwas zu besprechen hätte.

 

Natürlich hatte ich etwas den Bammel, weil ich meinen Vater kannte und wusste, dass man ihn nicht so leicht aufs Glatteis führen konnte und ich glaubte zu diesem Zeitpunkt auch noch, dass André die Hexe aus dem Weltall, die Rosmarie Scholl, seine Hauptrolle, die Verfilmung, den neuen Direktor und mich als seine Tochter einfach so auf die Schnelle erfunden hatte, um eben glaubhaft zu wirken.

 

Keinen Bammel hatte ich jedoch vom Zugeständnis meiner Eltern, dass sie nun ihr „Geschenk“ an mich rückgängig machen würden.

Vater würde sowas niemals tun. Erst am Mittwoch, als ich André wieder alleine treffen konnte, lüfteten sich noch ein paar Dinge, die mich sehr froh und glücklich stimmten und schließlich noch zu ein paar Lachsalven führten.

 

André schwindelte gar nichts. Es stimmte alles, was er an meinem Geburtstag erzählte. Alles.

 

Mein Vater nahm ihn ins Gebet und war, nachdem er gewusst hatte, dass nichts gelogen war, noch mehr von ihm angetan. Sein Schluss-Plädoyer ihm persönlich gegenüber lautete; „ich bin in meinem Geschäftsleben einigen Lausebengels begegnet, doch du bist der jüngste Satansbraten von allen. Viel Glück und Erfolg! Pass etwas auf mein Kind auf, solange es in deinem Blickfeld weilt.“

 

Auch dies tat André souverän. Er lehrte mich noch ein paar andere nützliche Dinge, zum Beispiel wie man mit Erwachsenen umgeht, denn darin war er ein unbestrittenes Genie!

 

 

* * * * *

 

VALERIE KYBURZ

 

Frondienst im Haus der Geistesgestörten, Teil I 

(Urheberrechte & Copyright by Valerie Kyburz)

 

Endlich einmal ein völlig freies Aufsatzthema! Aber, o Schreck, ehe wir uns versehen, steht bei einigen Schülerinnen und Schülern Ratlosigkeit ins Gesicht geschrieben. Auch bei mir. Ich ertappe die Lehrerin dabei, wie sie verschmitzt schmunzelt, gleich wird sie etwas sagen. Sie wird uns auslachen und vielleicht fragen; „was ist denn, ist euch die Fantasie abhandengekommen?“ Oder, „hättet ihr lieber ein vorgegebenes Thema? Wie wär es denn mit – wenn die Schulglocke läutet oder – was bringt mir wohl der Weihnachtsmann?“ Ich muss selber spontan lachen, ob meinen Gedanken. Doch die Lehrerin verkneift sich jeglichen Kommentar, sie tut jetzt so, als würde sie unsere Verunsicherung ignorieren, schmökert, am Pult sitzend in irgendeiner Lektüre und überlässt uns unserem Schicksal.

 

Nach ein paar unfruchtbaren Gedankengängen, entscheide ich mich für etwas Schwieriges. Für ein Erlebnis das ich nie vergessen werde. Zunächst musste ich mir darüber klar werden, ob nun die Bezeichnung „Geisteskrank“ oder „gestört“ die zutreffende ist. Meiner Intuition folgend fand ich geistes-gestört die Zutreffende.

 

Während in Deutschland und Österreich der Begriff „Frondienst“ nicht mehr so bekannt ist, ist er in der Schweiz noch ein fester und auch gebräuchlicher Begriff. Jemand opfert ein Teil seiner Freizeit (meistens Urlaub) für eine gute und oder lehrreiche Sache. Man hilft dem Bergbauern beim Ernten, beim Heuen oder im Spital oder Altersheimen usw., erhält für diese Arbeit Essen und Nachtlager, jedoch keine Entlohnung.

 

In der Zeitung las ich eine kleinere Annonce, worin eine pensionierte Rot-Kreuz-Schwester junge Leute suchte, die ihr gerne helfen würden, ein mehr oder weniger verlottertes, älteres Herrschafts-Haus mit großem Umschwung, welches ihr vom Städtchen Meisterschwanden geschenkt wurde, wieder auf Vordermann zu bringen, weil sie da ein Projekt für geistig behinderte Kinder und Jugendliche realisieren wollte. Zum Zeitpunkt, als ich die Annonce sah, war das Projekt bereits angelaufen und ich entschloss mich, drei von meinen fünf Wochen Sommerferien dafür zu opfern.

 

Meine Eltern, die eigentlich bereits die Ferien verplant hatten, zwei Wochen Côte d’Azur, zwei Wochen Algarve und eine zu Hause (um sich vom Urlaub zu erholen, bevor es wieder in den Stollen‹ ging), wollten mir die Chose verbieten, doch ich stellte sie vor nackte Tatsachen und verteidigte mich ehrenhaft, indem ich ihnen sagte, dass ich schon fest zugesagt hätte und nun nicht wortbrüchig auftreten könne. Als erst 15-Jährige könne ich nicht wortbrüchig sein, meinte meine Mutter und damit war einmal mehr ein Gefecht heraufbeschworen zwischen ihr und mir und ich musste einmal mehr meinen Vater um den Finger wickeln, der schlussendlich immer das Endschiedsgericht verkörperte und mir zum Siegerpodest verhalf. Diesmal war es jedoch besonders schwierig, weil Mutter ins Gefecht führte, dass diese Rot-Kreuz-Schwester vielleicht da ein Irrenhaus ähnliches Projekt versteckt hält, welches für mich besonders gefährlich sein könnte.

 

Es hat mich immer wieder fasziniert, wie Mütter im Allgemeinen mit fadenscheinigen Argumenten ihre Kinder von etwas abhalten, im Gegensatz jedoch auch zu etwas überreden imstande sind. Unzählige Besuche bei meinen Freundinnen zu Hause zeigten mir eine reichhaltige Vielfalt davon.

 

Am Tage als das Schiedsgericht das Urteil fällte, also mein Vater, wurde folgendes beschlossen; Valerie begleitet ihre Eltern für zwei Wochen nach Frankreich und wird nach der Heimkehr nach Meisterschwanden ziehen, um für drei Wochen den angesagten Frondienst anzutreten. Die Eltern gehen dann noch für etwa zehn Tage in die Algarve und dann wieder nach Hause. Nach Rücksprache mit der Rot-Kreuz-Schwester Astrid war das Paket in diesem Sinne geschnürt. Als Mutter die Schwester vor dem Abschied noch fragte, ob sie denn aus Frankreich täglich einmal anrufen dürfe, sagte die Schwester ziemlich energisch; „wir haben keine Telefonistin im Haus und sind personell sehr limitiert, im Übrigen sind noch weitere sechs Frondienstler hier, wenn die alle einmal täglich angerufen würden gute Frau, könnten wir unsere Arbeit nicht mehr bewältigen, die Valerie macht mir einen sehr selbständigen Eindruck, sie ist kein kleines Mädchen mehr!“

 

Undhastdunichtgesehn, wie Vater auf den Stockzähnen lachte und mir zuzwinkerte? Wie wäre mein Lebensweg wohl verlaufen ohne ihn? Zum Glück musste ich mir das nie vorstellen!

 

Doch als wir das Anwesen am Verlassen waren, drangen noch ein paar undefinierbare Schreie an unsere Ohren, die mir kurz einen eiskalten Schauer über den Rücken ziehen ließen, doch ich tat so, als hätte nur ein Hund gebellt, während Mutter erschrocken meinen Vater anstarrte. Ob die Schreie von einem Kind oder einem Tier stammten, war nicht auszumachen, irgendwie konnte man sich dabei gut vorstellen, dass da gerade im Innern der Villa ein Gruselfilm gedreht wurde!

 

Das wird bestimmt spannend hier, dachte ich, immer noch leicht fröstelnd, und als wir schon ins Auto gestiegen waren, drehte ich im Fond des Wagens das Fenster herunter und hörte nochmals, wie aus weiter Ferne, drei furchtbare Schreie. Vater sagte nichts, ich auch nicht und Mutter fiel offenbar nichts Plausibles ein, so schwieg sie auch, als Vater losgefahren war.

 

 

Fortsetzung folgt …,

 

 

lesen Sie den zweiten Teil im November Newsletter 2020 oder hier, bei

Valerie Kyburz

 

 

VALERIE KYBURZ

 

Frondienst im Haus der Geistesgestörten, Teil II

(Urheberrechte & Copyright by Valerie Kyburz)

 

 

Natürlich versuchte es Mutter ein paarmal, in den ersten Ferientagen an der französischen Riviera in Cannes, mich auf meine bevorstehenden Frondienstwochen in Meisterschwanden anzusprechen. Logischerweise mit dem Hintergedanken, mir auf die „feine Tour“, die bereits zugesagte und besiegelte Sache doch noch ausreden zu können. Aber sie unter-schätzte immer wieder meine „Privatstunden“ oder besser, meine Privat-lektionen bei André Gut. Ich hebelte sie rhetorisch aus und dies war auch gar nicht schwierig, hatte ich doch Vaters Freibrief in der Tasche und sie wusste das auch. Ihre Unbeholfenheit bewirkte sogar fast etwas Mitleid bei mir und als ich sie fragte, ob sie sich nun vorgenommen hätte, die ersten beiden Ferienwochen damit zu verbringen, mir eine bereits fest vereinbarte Sache auszureden und wir dafür auch zu Hause hätten bleiben können, gab sie auf. Das war der vierte Tag in Cannes. Der Mittwoch der ersten Woche.

 

In der zweiten Woche führte ich meine Eltern in Cannes herum. Sie hatten nur noch gestaunt, was ich alles kannte. André Gut heizte mir tüchtig ein und brachte mich auf den Geschmack, mich in Reisebüros mit Prospekten und Informationen einzudecken. Natürlich besuchten wir auch ein paar Inseln. Der Gipfel aber war einmal mehr mein Vater. Ihm kann man einfach nichts vormachen. Als wir am Vorabend unserer Rückreise in einem schönen Strandrestaurant auf der Promenade de la Croisette saßen und das letzte Schlemmer Mahl zu uns nahmen, meinte er; „hab ich das richtig im Kopf, dass André am 14. des nächsten Geburtstag hat?“ Von meiner Gabel fiel gleich ein Köpfchen Blumenkohl in den Teller zurück, mein erster Gedanke war, er hatte irgendeinmal Zugang zu meiner Agenda gehabt, doch das durfte ich ihn nicht fragen. So sagte ich so cool wie möglich; „du hast aber ein gutes Gedächtnis!“ Mutter wollte etwas fragen, da aber weder Vater noch ich dem Thema weiter Beachtung schenkten, schwieg sie.

 

Erst, bevor der Nachtisch serviert wurde und Mutter sich kurz zur Toilette verabschiedete, meinte er wieder; „du solltest André ein gebührendes Geschenk aus Cannes heimbringen, hättest du da eine Idee?“

 

Perplex schaute ich ihn an und sagte; „Ich hätte drei Ideen, aber mein Budget reicht bei weitem nicht aus, er würde jedoch auch an etwas kleinem Freude haben.“

 

Eine kurze Pause trat ein. Doch dann:

   „Welche Idee hast du denn zuoberst auf der Liste?“

 

„Mann, Paps, das ist jenseits von Gut und Böse!“

 

„Gut, dann lass uns Gut und Böse einmal näher betrachten!“

 

„Eine Nachtsichtkamera!“ Kam es wie aus der Pistole geschossen von mir zurück. Aber André würde niemals glauben, dass ich das finanzieren könnte.“

   „Weiß er denn, wie viel Taschengeld du bekommst?“

 

„Nein, aber er könnte es trotzdem nicht glauben.“

   „Bist du dir bewusst, was der Junge schon alles für dich getan hat?“

 

„Ja, vielleicht nicht in der ganzen Tragweite, vieles hast du ja immer für mich gemacht.“

 

„Aber er war in manchen Dingen der Initiator, der Manager, dein Verbündeter, schenk ihm diese Kamera und erkläre ihm die Ausgabe so, dass du eben zusammengespart hättest und bei mir noch eine kleine Anleihe aufgenommen hast. Vielleicht kannst du ihn auch mit einem kleinen Schwank überzeugen, darin seid ihr beide doch Experten.“

 

Als Mutter wieder zurückkam, wurde auch gleich der Nachtisch serviert, meine Freudentränen waren fast getrocknet und Vater sagte lakonisch zu Mutter; „wir haben uns schon Sorgen gemacht um dich und waren schon kurz davor, die Polizei zu rufen, du hast es gerade noch verhindert!“ Dieser Mann, mein Paps, hat einfach nie Stress!

 

 

 

* * *

 

 

Der erste Tag in Meisterschwanden verlief sehr interessant. Vater richtete es so ein, dass er mich alleine dahin chauffierte und als wir vor dem großen, schwarzen Eisentor angelangt waren, die Klingel betätigt hatten und eine Angestellte, gefolgt von einem Boxer-Rüden, durch die gepflegte Gartenanlage heran gewalzt kam – sie wog bestimmt mehr als einhundert Kilo – küsste mich Vater auf die Stirn und meinte sarkastisch;

  „also dann, mach es gut mein Liebes, rufe an, wenn irgendetwas ist, viel Spaß in Stephen Kings Filmstudio!“ Dazu lachte er verstohlen. Wir winkten uns zu, als er bereits im Auto saß, während die heran walzende Gertrud gerade das Tor öffnete, mich hinein ließ, während sie den Boxer am Halsband festhielt, damit er nicht aus dem Anwesen entfliehen konnte, dachte ich.

  

Im Haupthaus angelangt, begrüßte mich Schwester Astrid sehr freundlich, hatte jedoch wenig Zeit für mich und sagte, ich solle mich setzen, gleich würde Monika kommen und mich in alles einweisen. Ich saß alleine da in einer großen Empfangsdiele oder Halle, die etwa viermal so hoch war, wie unser Wohnzimmer zu Hause. Rund herum waren die Wände in einem dunklen rostroten oder braunen Rupfen bestückt, der in etwa zwei Metern Höhe mit einer gleichfarbigen Leiste abgedeckt war und darüber von einer hellgrünen Farbe dem Raum noch mehr Weite verlieh. Zwei großzügige Treppen, die beidseitig an den Seitenwänden in die Obergeschosse führten, waren mit einem dicken Spannteppich versehen, der auf jeder Stufe mit runden Messingstangen befestigt war und dieselbe Farbe hatte wie der Sockel der Wände. Die Diele oder Halle war spärlich möbliert. An dem kleinen runden Tisch, der vor mir stand, befanden sich noch zwei gleich gepolsterte Stühle, sicher aus der Zeit eines dieser vielen Luis des einhundert fünfundzwanzigsten!

 

In einem Nebenflügel des Haupthaus angelangt, begrüßte mich Schwester Astrid sehr freundlich, hatte jedoch wenig Zeit für mich und sagte, ich solle mich setzen, gleich würde Monika kommen und mich in alles einweisen. Ich saß alleine da in einer großen Empfangsdiele oder Halle, die etwa viermal so hoch war, wie unser Wohnzimmer zu Hause. Rund herum waren die Wände in einem dunklen rostroten oder braunen Rupfen bestückt, der in etwa zwei Metern Höhe mit einer gleichfarbigen Leiste abgedeckt war und darüber von einer hellgrünen Farbe dem Raum noch mehr Weite verlieh. Zwei großzügige Treppen, die beidseitig an den Seitenwänden in die Obergeschosse führten, waren mit einem dicken Spannteppich versehen, der auf jeder Stufe mit runden Messingstangen befestigt war und dieselbe Farbe hatte wie der Sockel der Wände. Die Diele oder Halle war spärlich möbliert. An dem kleinen runden Tisch, der vor mir stand, befanden sich noch zwei gleich gepolsterte Stühle, sicher aus der Zeit eines dieser vielen Luis des einhundert fünfundzwanzigsten!

 

Da nebst, dass sie mir sehr unbequem erschienen, konnte ich auch nur ungläubig den Kopf schütteln, wenn ich in Zeitungsannoncen ab und zu die Preise für dieses Kamin-feuer-Holz erblickte. Ich würde, wenn ich einmal eigenes Geld verdiene und berufstätig wäre, meine Möbel bei IKEA (uups, Schleichwerbung) aussuchen oder sogar im Brockenhaus, die haben da manchmal richtig coole Möbelstücke.

 

Ein Kinderschrei durchzuckte meine Gedanken und meine Glieder, aber es war keiner von denen, die ich noch vom letzten Besuch gespeichert hatte. Er kippte gleich in ein Weinen um, das nichts Beängstigendes vermuten ließ. Auch hatte ich den Eindruck, dass ich da in einem der drei Seitentrakts des Haupthauses saß, wo offenbar sehr wenig los war.

 

Ich erhob mich und beschloss, einen kleinen Rundgang durch diese Halle zu machen, denn das „Kamin-feuer-Holz“ drückte mittlerweile in meinen Rücken und außerdem saß ich nun schon 18 Minuten alleine hier. Aber schon nach wenigen Schritten, die ich in Richtung eines großen Bildes unternahm, um mir das Werk aus der Nähe anzusehen, hörte ich oben eine Tür und gleich darauf sah ich eine weibliche Person, die sich der Treppe auf der von mir aus gesehenen linken Seite befand, näherte.

 

Ich erkannte Monika. Aus dem ersten Besuch und Gespräch vor vier Wochen mit Schwester Astrid, sah ich sie auf einem großen, gerahmten Foto, zusammen mit zwei weiteren weiblichen Festangestellten. Sie winkte mir zu und ich ging ihr entgegen. Unten, am Treppenabsatz trafen wir aufeinander und begrüßten uns.

 

Als sie die Treppe hinunterkam stellte ich fest, dass sie das rechte Bein leicht nachzog. Später erklärte sie mir dann, dass sie einen Motorrad-Unfall hatte, wobei die rechte Hüfte einen unheilbaren Schaden nahm, doch sie von Glück sagen konnte, denn der Lenker, ihr damaliger Verlobter, sei beim Unfall zu Tode gekommen. Monika war jedoch alles andere als trübselig, sogar lustig und unterhaltsam. Außerdem war sie ungeheuer vielseitig und überraschte mich mehrmals mit Dingen, die ich ihr niemals zugetraut hätte. Nebst den üblichen, weiblichen Hausarbeiten konnte sie schreinern, malen, schweißen, mauern und noch ein paar Dinge mehr, zu Beginn kam ich mir manchmal vor wie ein Nichtsnutz. Sie war hübsch, (sie ist es bestimmt immer noch) 27 Jahre alt, also elf Jahre älter als ich und hat lange blonde Zöpfe, dunkelbraune, schöne, liebe Augen.

 

Als wir den Rundgang gemächlich beendet hatten, zeigte sie mir mein Schlafzimmer.

   „Sind Sie auch sicher, dass das mein Zimmer ist?“, fragte ich etwas erschrocken. Denn die Größe und Höhe glich eher dem Schlafgemach einer angehenden Königin. Monika lachte herzlich und meinte;

   „wir duzen uns, ich bin Monika, du kannst mit meinem tauschen, wenn du möchtest, der Unterschied ist, deines hat hellblaue Wände und eine weiße Decke, meines hat rosa Wände mit weißer Decke. Die beiden Himmelbetten sind identisch, auch die Matratzen, ich habe sie ausprobiert!“

 

Alleine dieses Schlafzimmer war es schon wert, hier drei Wochen zu sein. Die Stimme von Schwester Astrid hallte durch das Gemäuer und erreichte auch uns. Monika schaute auf ihre Armbanduhr und sagte; „komm Valerie, es wird Zeit, das Abendessen vorzubereiten, deine erste Arbeit hier ist, den Tisch zu decken, ich zeige dir wie, weil es werden 12 Personen an der Tafel sein und ein paar haben Sondergedecke. Vor dem Essen spricht die Schwester ein Tischgebet, obschon sie nie zur Kirche geht, sie meint, mit dieser verlorenen Zeit kann man etwas Gescheiteres tun. Danach wird dir ein Tuch über deinen linken Schenkel gelegt und alle warten auf das Eintreten des Hundes. Er wird den Tisch umkreisen und zu dir gelangen, seine beiden Vorderpfoten auf deinen Schenkel legen und dich ausgiebig beschnuppern. Wehre dich also nicht dagegen, streichle seinen Kopf, sprich mit ihm und lass ihn dich beschnuppern, solange es ihm gefällt. In der Regel dauert dies etwa zwei Minuten. Danach kennt der Hund, er heißt Romeo, wie du riechst, wer du bist und wie du ihn berührst. Das heißt, er würde dich auch nachts im Dunkel erkennen, wenn du in den Garten gingst, denn da ist er frei und bewacht das ganze Anwesen. Käme jemand von außen unerwünscht auf das Grundstück, würde er es nicht mehr aus freien Stücken verlassen können.“

 

Fortsetzung folgt …,

 

 

lesen Sie den dritten Teil im Dezember Newsletter 2020 oder hier, bei

Valeries Aufsätzen.

 

 

  


Valerie Kyburz

 

 

Frondienst im Haus der Geistesgestörten, Teil III

(Urheberrechte & Copyrights © by Valerie Kyburz)

 

Nachdem mich Romeo ausgiebig beschnuppert, ich außer seinem Kopf auch die fürchterliche Boxerschnauze gestreichelt hatte und er kein weiteres Interesse mehr an mir bekundete, verschwand er wieder auf demselben Weg, auf dem er gekommen war.

 

Schwester Astrid verkündete; „jetzt bist du eine von uns und kannst dich auch nachts innerhalb und außerhalb des Hauses frei bewegen, Romeo wird dich immer erkennen, kurz begrüßen und wieder seine Wach-Runden drehen. Morgen um sieben Uhr gibt es Frühstück, du müsstest also um sechs Uhr in der Küche sein, damit pünktlich um sieben alles bereit ist, danach wird dich Monika, zusammen mit Alex“, sie zeigt auf einen blonden, jungen Mann, „für die Tagesarbeiten einweisen, wünsche guten Appetit allerseits.“

 

Nach einem kurzen Tischgebet Astrids, bei dem es einigermaßen schwierig war herauszuhören, ob sie nun Gott danken will, für all die kulinarischen Herrlichkeiten, die da die Tafel schmückten – es gab Orangen- und Ananas Juice, Toast, Rührei, Spiegeleier, Speck, Schinken, süße Konfitüren, bittere Marmelade, Butter mit und ohne Salz, selbst gebackene Brötchen, Cornflakes, Erdbeeren, Himbeeren, Joghurt, Tee, Kaffee, Kakao, Ovo sowie Datteln und Birnen – oder ob sie ihm schonend aber unmissverständlich kundtat, dass wir alle hart arbeiten und uns deswegen dieser Segen ohne Wenn und Aber zusteht!

 

Sehr sympathisch nahm ich zur Kenntnis, dass diese Tafel von allen genossen wurde und keinem zeitlichen Stress unterlag. Fast konnte man glauben, mein Paps hätte die Tischregeln festgelegt, denn gemäß seiner Philosophie ist jemand, der nur fliegend, oder gar nicht frühstückt ein Spinner, ein Versager, ein Ignorant, dem der Tag es so verdanken würde, indem er ihn alles misslingen lässt! Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber wer früh aufsteht, hat auch früh Hunger. Bei Onkel Titus, der außerhalb von Reinach einen großen Bauernhof betreibt, war ich mehrmals Zeuge, wie die Bauern frühstücken, Z’nüni und Z’vieri auf dem Feld zu sich nehmen, wenn das Heu zusammengetragen wird und erst am Abend wieder gemeinsam in der großen Bauernküche oder Stube zu Abend essen.

 

Dann die große Überraschung. Bei der Arbeitseinteilung wurde ich zu einer Dreiergruppe von andern Frondienstlern zugeteilt, deren Aufgabe darin bestand, die Fassade des eingerüsteten Ostflügels mittels Drahtbürsten zu schrubben, um den alten, bereits ausge-kreideten Anstrich sauber zu bürsten. (auskreiden ist ein Fachausdruck, der mir so erklärt wurde, dass ein alter Anstrich kein Bindemittel mehr enthält und dadurch eben auskreidet, er pulverisiert aus, man muss den Untergrund davon durch Abbürsten säubern, damit danach ein neuer Anstrich haften kann). Eine wahre Knochenarbeit. Schon nach zwei Stunden schmerzten meine Arme und ich wusste, dass ich bis am Abend Schwielen an den Händen haben würde. So war es auch.

 

Auf dem obersten Gerüstladen versuchten meine beiden Mit-genossen ein paarmal mich mit zweideutigen Witzen anzumachen, aber sie gaben es auf, als ich ihnen sagte; „Jungs, euer Gehänge reicht erst zum Pinkeln, mein Freund ist 21, erschreckt kleine Mädchen mit euren Kinderwitzen.“

 

Nach dem Mittagessen durfte ich sogar noch eine Stunde Siesta machen in meinem königlichen Himmelbett. Und was ich noch gar nicht verraten habe ist …, das Badezimmer. Es ist so groß wie mein Schlafzimmer zu Hause, 5 x 5 Meter. Verfügt über eine übergroße Badewanne, eine separate Dusche und eine Ankleide. Der Boden ist mit einem resedagrünen Spannteppich ausgelegt. Wohlgemerkt, das Badezimmer gehört zum Schlafzimmer, also für mich alleine!

 

Nach Wiederaufnahme der Arbeit am Nachmittag, verspürte ich so gegen halb fünf Uhr ein beengendes Gefühl, schwierig zu definieren und es wurde immer stärker. Bis ich es kaum mehr aushielt und mich oben auf dem obersten Gerüstladen abrupt umdrehte, weil ich das Gefühl hatte, dass hinter mir etwas nicht stimmte. Mein erster Blick blieb haften auf einer roten Gartenbank im Park, darauf saß ein Mädchen und starrte zu mir hoch. Durchbohrte mit ihrem starren Blick die ganze Distanz, die zwischen uns lag, als hätte ich einen Magnet geschluckt. Sie trug blaue, lange Hosen, eine rote Bluse, ich schätzte sie auf mein Alter, etwa meine Größe, schwarze, kurze Haare und sie starrte und starrte zu mir hoch.

 

Sie ist eine von den Geistesgestörten, überlegte ich, aber ihr Gesicht war weder entstellt noch mongoloid. Ich entschloss mich, –warum weiß ich bis heute nicht, runter zu steigen und zu ihr zu gehen. Eine Zeitlang, diejenige, die ich brauchte, um die Leiter hinunterzusteigen, musste ich ihr meinen Rücken zuwenden, als ich mich wieder zu ihr umdrehte, starrte sie weiter unablässig zu mir. Ich ging ohne zu zögern auf sie zu. Sie starrte mich weiter an. Es waren noch ein paar weitere junge Patienten im Garten, aber niemand nahm von uns Notiz.

 

Ohne zu zögern, setzte ich mich neben sie, lächelte sie an und im nächsten Moment schlang sie ihre Arme um mich, zog mich begehrlich und hemmungslos an sich, legte ihren Kopf an meine Schulter und vermittelte mir unmissverständlich, dass sie in dieser Positur länger zu verweilen gedachte.

 

Langsam konnte ich meinen linken Arm zwischen uns befreien, legte ihn auf ihre Schulter und streichelte ihren Hinterkopf. Allmählich wurde ihre Umklammerung etwas weicher. Dann wanderte mein Blick etwas nach rechts, Schwester Astrid und Monika kamen aus dem Soutterrain des Hauptgebäudes, blieben wie angewurzelt auf der zweitobersten Stufe stehen und guckten mit weit aufgerissenen Augen zu uns. „Ohjeh!“, entfuhr es Monika und Schwester Astrid beorderte; „hole Samuel!“ Das war einer der Pfleger.

 

Als hätte das Mädchen neben mir gemerkt, was nun geschehen würde, verwandelte sich seine Umarmung in einen wahren Schraubstock, der mich kaum mehr atmen ließ. Ich versuchte mich gar nicht erst zur Wehr zu setzen, denn ich spürte die fast übermenschlichen Kräfte, wie sie nur ein verzweifelter Geist auslösen kann.

 

Samuel kam, direkt zu uns und gab Anweisungen. Zunächst zu mir; „bleib einfach so sitzen und tue gar nichts!“ Dann machten sie sich zu dritt daran, das Mädchen von mir loszulösen. Offensichtlich waren sie darin bereits geübt, denn sie arbeiteten mit gekonnten Griffen und standen sich auch nicht gegenseitig im Wege.

 

Mein Herz verkrampfte sich und ich konnte es kaum glauben, wie die drei mit ziemlicher Brutalität das Mädchen bändigten, als wäre es eine Amok laufende Löwin, die aus dem Zoo ausbrechen wollte.

 

Ich konnte ein Schluchzen nicht mehr unterdrücken, doch dann kam der Moment, der mir fast die Besinnung raubte. Das Mädchen begann zu schreien, dermaßen artfremd und inbrünstig, dass ich auch losheulte. Ich spürte eine Kälte bis in mein Knochenmark und mein Erinnerungsvermögen ließ mich wissen, genau diese Schreie waren es, die wir, Mutter, Vater und ich damals aus der Ferne hörten, als wir dieses Anwesen gerade verlassen hatten.

 

Ich weinte hemmungslos. Während Schwester Astrid und der Pfleger Samuel das Mädchen ins Haus brachten, blieb Monika bei mir, nahm mich in ihre Arme und zog mich zur Bank, wo wir eine ganze Weile saßen. Monika sagte gar nichts, ließ mich ausweinen und streichelte meinen Kopf.

 

Das Abendessen nahm ich, auf Geheiß von Schwester Astrid, gemeinsam mit dem Küchenpersonal in der Küche ein. Danach stand mir Monika zur Verfügung. Wir durften uns in die Schlafgemächer zurückziehen, saßen an einem runden Tisch auf Polstersesseln und Monika erklärte mir ausführlich, die Krankheit des Mädchens, welches gar kein Mädchen mehr war, sondern eine bereits 32-jährige Frau, welche im Alter von 16 in jeder Hinsicht stehengeblieben war. An die ganzen Fachausdrücke konnte ich mich danach nicht mehr erinnern, vielleicht wollte ich es auch gar nicht!

 

„Schwester Astrid hat mich beauftragt, mit dir zu sprechen und auch herauszufinden, ob du den Frondienst lieber quittieren möchtest nach diesem Erlebnis? Das hier ist sowas wie ein Irrenhaus für Kinder und Jugendliche, nach außen wird es als Heim für geistig behinderte Kinder geführt. Vielleicht hast du nun Angst und bist verunsichert, es könnte wieder sowas passieren, niemand ist dir böse, wenn du nach Hause möchtest Valerie.“

 

„Besteht denn die Gefahr, dass nachts jemand in mein Schlafzimmer kommen könnte?“, fragte ich etwas blöde. Monika lächelte; „nein, du kannst auch die Türe von innen verriegeln, abgesehen davon wohnen in diesem Nebentrakt nur Personal und temporäre Gäste.

 

Die Patientinnen und Patienten, die sich am Tage im Park aufhalten, sind völlig ungefährlich, auch Laura. Sie würde niemals jemand anmachen, sie hat es bei dir nur getan, weil du dich ihr offenbart hast und ihr so nahe gekommen bist.“

 

„Das arme Mädchen“, entfuhr es mir.

 

„Sie hat weniger Probleme als wir Valerie, eines Tages wird ihr Organismus ausfallen und sie wird schmerzfrei sterben. Wenn du morgen wieder arbeitest auf dem Gerüst, sofern du bei uns bleibst, dann schaue den Patienten einfach zu, aber suche sie nicht auf, sie leben alle in einer andern Welt, die uns verborgen bleibt.“

 

Wir schauten uns an. „Ich bleibe hier!“, sagte ich fest. „Vielleicht kann ich nächste Woche eine andere Arbeit verrichten, damit meine Schwielen an den Händen nicht zu viele werden?“

 

„Ich freue mich so, dass du da bleibst, morgen ist bereits der letzte Tag, den du mit Fassade schrubben verbringen musst, denn am Mittwoch kommt ein kleiner Laster und führt uns Sand, Zement, Steine, Maschendraht, Wellblech und Holz an. Ein Geschenk der Stadt Aarau. Wir konnten sie überzeugen, dass wenn wir einen eigenen Hühnerstall hätten, wir uns mit Hühnerfleisch und Eiern selber versorgen könnten. Du und ich und noch ein Gehilfe werden für diese Arbeit freigestellt.“

 

„Das klingt ja wie Weihnachten, obschon wir mitten im Sommer sind!“, vermerkte ich schon wieder fröhlich. Wir umarmten uns.

 

……. Lesen Sie wie es weiter geht im

Januar-Newsletter 2021


Valerie Kyburz:

 

 

Frondienst im Haus der

Geistesgestörten Teil IV Schluss

 

(Urheberrechte & Copyrights © by Valerie Kyburz)

 

Der Lieferwagen verspätete sich um eine ganze Woche und so musste ich an den Vormittagen jeweils weiter an die Fassaden-Arbeit, doch an den Nachmittagen hatte ich Innendienst. Putzen, Wäsche bügeln und Küchendienst. So gingen die Tage schnell vorbei und nach acht Tagen kam endlich der kleine Laster, kurvte zielsicher gegen halb drei Uhr zur vorgesehenen Gartenecke, wo wir den Hühnerstall und das Außengehege erstellen sollten.

 

Es dauerte fast eine Stunde, bis wir das Material von der Brücke des Fahrzeuges abgeladen hatten, dann kam ein starkes Gewitter auf, begleitet von heftigem Regen. Wir mussten die Zementsäcke vor der Nässe schützen, doch dann verzogen wir uns hurtig in die Küche und halfen beim Kartoffelschälen für das alltägliche, um sieben Uhr stattfindende Abendessen. Als wir die Abkürzung ins Haupthaus durch den Seiteneingang wählten, um weniger nass zu werden, sah ich einige der Kinder, die in einem offenen, größeren Raum an die Wand gefesselt waren. Ich habe mich fürchterlich er-schrocken, doch Monika klärte mich danach auf, dass das völlig normal wäre und dies nur einen Moment dauern würde, danach würden die Kinder – die waren so zwischen 8 und 12 Jahre alt – gewaschen und dann auf ihre Zimmer gebracht. Weiter vorne, bevor es die Treppe hinauf ging, war noch ein offener, kleinerer Raum.

 

Da sah ich auch Laura, sogar an einer Kette festgemacht. Sie guckte zu mir, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass sie mich wiedererkannte, auch dann nicht, als ich ihr zuwinkte.

 

Nach dem Abendessen spielten wir, die Frondienstler, Halma, Mühle und Mensch ärgere dich nicht, im Aufenthaltsraum, aber ich ging gegen neun Uhr auf mein Zimmer und studierte das Drehbuch für ein Theaterstück, welches wir nach den Sommerferien üben und

dann aufführen wollten.

 

Am Donnerstagmorgen regnete es weiter. Unsere Arbeit musste warten, auch an der Fassade konnte niemand arbeiten. So hatten wir alle Hausdienst. Räume putzen, Böden bohnern, Badezimmer reinigen usw., gegen Abend studierte ich mit Monika den Bauplan für den Hühnerstall, das war noch ziemlich spannend, denn so einfach wie er aussah, bedurfte es trotzdem einer sachkundigen Planung, damit man nicht verkehrt anfängt.

 

 

Schlussendlich benötigten wir dann am Freitag doch noch einen Helfer mehr, denn als es daran ging, den Maschendraht an den Pfosten festzuhalten, um diesen fest bostitschen zu können. Dazu musste er überall im rechten Winkel und auf der richtigen Höhe sein. Zum Glück trug ich weiche Stoffhandschuhe, welche meine schwieligen Hände schonten.

 

Ich staunte immer wieder über das handwerkliche Geschick von Monika, alles, was sie in die Hände nahm, schien ihr vertraut zu sein. Während die beiden Helfer Manfred und Thomas nun begannen, unter fachkundiger Anleitung von Monika, das Gerippe, die Eckpfosten des Stalles zu setzen – diese wurden in Erdlöcher von einem halben Meter Tiefe einzementiert – und mussten kerzengerade stehen, was mit gespannten Schnüren und der Wasserwaage erreicht wurde.

 

Als am Samstag früh wieder Gewitter und Regen angesagt war für den späteren Nachmittag, arbeiteten wir sogar zu sechst am Dachfirst des Stalles, welcher zunächst mit einer Holz-konstruktion versehen und dann mit Trapezblech abgedeckt wurde.

 

So gegen 16:00 Uhr kam Schwester Astrid und nahm unser Werk in Augenschein. Sie klatschte mehrmals in die Hände vor Begeisterung, lobte uns in allen Tönen und empfahl uns, wenn die letzte Blechpaneele fest montiert wäre, die Arbeit ein-zustellen und im Essraum eine Extraportion Erdbeertorte mit Kaffee einzunehmen. Das ließen wir uns natürlich nicht zweimal sagen und flugs deponierten wir alles übrige Baumaterial sowie Werkzeuge und Utensilien unter dem geschützten Stall Dach.

 

Als hätte uns das Gewitter zugeguckt und gewartet mit dem Aus-bruch, so ließ uns der erste Donner zusammenfahren, der fast gleichzeitig nach einem knisternden Blitz hernieder krachte und uns wissen ließ, dass es unmittelbar über uns tobte. Der sofort einsetzende Regen prasselte nun auf unser Hühnerstall-Dach, während wir bereits im Trockenen standen und von der untersten Stufe des Treppenabsatzes des Souterrains die Naturgewalt bestaunten.

 

Thomas und Manfred waren schon gegangen, wohl die Erd-beertorte anpeilend, während Monika sagte, sie würde schon vorgehen, sich duschen und umziehen, wir sähen uns danach im Esszimmer. Ich blieb noch ein paar Minuten, ließ das Gewitter auf mich einwirken, welches nun von seiner Gewalt etwas nachgelassen hatte, während jedoch der Regen mit unverminderter Heftigkeit weiter hernieder- prasselte.

 

Ich ging nun auch, durchquerte wieder den Korridor, kam am großen, offenen Raum vorbei, der war jedoch leer, doch im kleinen saß Laura an der Kette. Ruhig und friedlich, guckte zu mir hoch und ich blieb wie angewurzelt stehen, guckte ihr ins Gesicht und ging, ohne etwas zu denken auf sie zu, setzte mich neben sie und legte meinen Arm um ihre Schultern. Streichelte ihr Gesicht. Sie konnte mich nicht umarmen, da sie an beiden Händen gefesselt war und die Fesseln wiederum an einer in der Wand eingebrachten Stange.

 

Ich streichelte sie nun mit beiden Händen im Gesicht, ihren Kopf, die Haare, ihre kleinen Brüste und küsste sie auf die Wangen. Sie blieb ganz still dabei, zerrte nicht an den Fesseln, nahm alle meine Berührungen ohne ersichtliche Abwehr entgegen. Dann sprach ich leise zu ihr, dass ich sie gerne habe und nun aber gehen werde. Sie sah mich unentwegt an, als ich langsam aufstand und wegging und sie zeigte auch jetzt keine ersichtliche Gemütsregung. Ich rannte in mein Zimmer, warf mich auf das Himmelbett und weinte hemmungslos.

 

Die Erdbeertorte und der Kaffee aber auch die voran genommene, warme Dusche, machten mich wieder etwas fit, doch der aufmerksamen Schwester Astrid entging nichts. Sie beorderte mich danach in ihr Büro und offenbarte mir ohne Umschweife und unter vier Augen folgendes: „Valerie, du bist ein sehr wohlerzogenes und liebenswertes junges Mädchen. Du befindest dich hier an einem sehr speziellen Ort und dir widerfahren Dinge, die deine Psyche noch nicht einordnen kann und dich dadurch leidend machen. Ich muss, ob es mir gefällt oder nicht, eine Entscheidung treffen, um dein zartes Wesen zu schützen. Ich habe bereits mit deinem Vater telefoniert, er und deine Mutter fliegen heute Nacht von Lissabon nach Basel und werden dich morgen Nachmittag hier abholen.“

 

 

Ich erschrak zu Tode, sprang auf und wollte alle meine Energie aufbieten, um das Gesagte von Schwester Astrid nichtig zu machen, aber ich kam nicht weit. Mit einer unmiss-verständlichen Gebärde ihres rechten Armes und leicht erhobener Stimme, erstickte sie mein Aufbegehren und ich sank auf meinen Stuhl zurück. Und wie abgesprochen klopfte es danach an die Bürotüre. Monika trat ein und empfing die Order von Schwester Astrid.

 

Diese ging sogar so weit, dass ich die letzte Nacht nicht alleine schlafen durfte. Ein zweites, einfaches Bett wurde in mein Zimmer gebracht, welches Monika benutzen musste, damit ich wohl mit meinen Gedanken keinen Unfug anstellen konnte.

 

Erst einige Jahre später, in einem persönlichen ›Erwachsenen-Gespräch‹ mit meinem Vater, sagte er mir sanft; „Schwester Astrid hatte damals an alle Eventualitäten gedacht, auch an die, dass du dir in der Verzweiflung etwas antun könntest, ich hätte diese Angst nicht gehabt, aber sie kannte dich eben nicht so gut wie ich.“

 

 

Lange blieb ich in den Armen von Monika hängen beim Abschied und wir vereinbarten, einander zu schreiben. Vater richtete es wieder so ein, dass er mich alleine abholte, ohne Mutter, er wollte mir ihre möglichen, unsensiblen Fragen ersparen an diesem sonst schon „Nerven freiliegenden“ Tag.

 

Es dauerte einige Jahre, bis sich die tierischen Schreie Lauras in meinen Träumen verloren.

 

Nachdem ich in der Theaterwelt so ziemlich gefragt war für beson-dere Rollen, erhielt ich das Angebot einer Hauptrolle in einer sehr exzentrischen Parodie mit dem Titel; „gefangen im Schmerz“. Darin

hätte ich die Figur einer hoch Schizophrenen 30-Jährigen spielen sollen. Ich konnte es nicht und habe abgelehnt.

 

Selbst ein gutes Gespräch mit extravagantem Abendessen mit dem Direktor und Freunden, die mich beeinflussen sollten und obendrein noch eine Gage (die höchste, die mir bis zu diesem Zeitpunkt je angeboten wurde, konnten mich umstimmen. Auch das zuletzt auf den Knien anflehen (im wörtlichen Sinne), half nichts und als „Dickie“, (Spitzname des Direktors), mich damit in Frieden ließ und nur noch eine einzige Frage beantwortet haben mochte, nämlich, warum nicht?, schaute ich ihm in die Augen und sagte leise zu ihm: „Ich sage es dir nicht und auch sonst niemandem und wenn du nun noch ein einziges Mal nur pip sagst in dieser Angelegenheit, brauchst du mir nicht einmal mehr mit einer Neben-rolle in Hänsel und Gretel zu kommen, kapiert?“

 

Er hatte kapiert. Nie mehr erwähnte er etwas darüber. Als Laura 38 hätte werden sollen, verstarb sie. So, wie es mir damals Monika schilderte. Ihr Organismus hatte aufgehört zu funktionieren. Ich fühlte mich erleichtert und sowas wie befreit, nach dieser Nachricht.

 

 

Intuitiv hatte meine Mutter damals vielleicht doch recht. Ihre Bedenken waren begründet, doch ist es bei ihr schwierig, etwas Substanzielles herauszufiltern, da sie grundsätzlich und immer, alles aus der ängstlichen Perspektive sieht.

 

 

ENDE