AKTUELLER NEWSLETTER

Hier finden Sie den jeweils aktuellen Newsletter, welcher monatlich zum 15. erscheint. Wenn Ihnen rückwirkende Ausgaben fehlen, senden Sie uns eine kurze Mail an: info@pierremontagnard.com

 

Sie können den Newsletter schnell und unkompliziert anfordern, jedoch ebenso einfach wieder abbestellen. Er ist kostenlos und verpflichtet Sie zu nichts.

 

Pierre Montagnard

   

       Newsletter

 

Juli 2021

Mitten im Wald in der Nähe eines kleinen Bächleins, umringt von gewaltigen Eichen, stand eine ärmliche Hütte, erbaut mit eignen Händen von einem noch ärmlicheren Einsiedler. Dieser einfache Mann lebte von Wurzeln und Beeren. Gegen die bittere Kälte schützte ihn nur ein Sack ähnliches Kleid aus Wolle, das längst zerfranst und schmutzig geworden war. Ein Trupp Soldaten hatte sich in diesen Wald verirrt und trafen nun auf diesen Einsiedler. Die Soldaten waren ausgehungert und mordlüstern. Doch sie merkten schnell, dass es sie auch nicht satt machen würde, wenn sie diesen dünnen Einsiedler töten würden. Das Fleisch schien ihnen ungenießbar. 

 

 

Sie baten den Einsiedler, ihnen einen Weg aus dem Wald zu weisen. Das tat der Einsiedler und begleitete die Soldaten zur Dorfgrenze. Als er allein wieder zurückkehrte zu seiner Hütte, war diese verwüstet worden. Offenbar hatte ein anderer Trupp Soldaten in der Zwischenzeit gehofft, essbares oder bares dort zu finden. Aber außer Bücher und einer Schüssel mit Wurzeln und Beeren hatten sie nichts vorgefunden. Alles war zerstört worden. Der Einsiedler legte sich traurig in sein durchwühltes Stroh und schlief unruhig ein.

 

 

Da träumte er von einem Baum, an dem nicht Blätter, sondern Menschen hingen. Auch die Wurzel des Baumes bestand aus Menschen. Sie litten sehr unter ihrer Last. Der Druck des Menschenbaums presste ihnen sogar das Mark aus den Knochen heraus. All ihre Mühen, den Menschenbaum am Leben zu erhalten wurden durch Prügel und Not gelohnt. Sie waren Bauern, die aus der Erde holten, was aus der Erde zu holen war. Die untersten Äste über den Bauern waren Plünderer und Diebe, einfache Soldaten wie diese, die auch die Hütte des Einsiedlers zerstört hatten. Das wenige Hab und Gut wurde den Bauern von diesen Plünderern geraubt. Doch die Plünderer waren nur armselige Fußsoldaten, die gottlos von der Hand in den Mund lebten und nicht über den einzelnen Tag hinaus planten. Über diesen Fußsoldaten standen die gelernten Soldaten. Sie klopften die einfachen Soldaten so lange aus, bis sie sich das bisschen Hab und Gut der Bauern selbst aneigneten. Doch über diesen wiederum standen die Kommandanten, die sich auch für was Besseres hielten. Sie prügelten das Hab und Gut aus den gelernten Soldaten raus.

 

 

Über all diesen hingen die oberen Äste. Um sie zu erreichen, musste man eine Leiter ersteigen, die allerdings mit einem schmierigen Öl bestrichen war. Das schafften die wenigsten. Fast alle rutschten von der Leiter. Nur diejenigen, die schon einen Verwandten an den oberen Ästen hatten, wurden hinauf gehoben. Ganz egal ob dumm oder klug. So saßen oben fast nur Protegierte. Um den Baum auch unten am Leben zu erhalten, wurde gelegentlich ein klein wenig davon, was man zuvor den Bauern ganz unten genommen hatte und ganz nach oben weiter gereicht hatte, wieder herab geworfen. Doch das kam meist nicht unten an, weil geschickte Leute es noch vorher abfangen konnten. So hungerten die, die unter der geschmierten Leiter standen weiterhin. Dieses System wurde allein vom Krieg selbst am Leben erhalten.

 

So schildert es uns Christoffel von Grimmelshausen in seinem Simplicissimus. Dieser Traum des Einsiedlers ist bekannt als „Ständebaum-Allegorie“. Die Schere von Arm und Reich wächst heute wieder beständig. Sie ist in erster Linie ein Ergebnis der Korruption. Heute sind es wohl keine Bauern, Landsknechte und Pikeniere die an den unteren Ästen hängen und verhungern. Doch die vielen fleißigen und produktiven und reproduktiven Kräfte unseres modernen Wirtschaftsbetriebs werden weiterhin verarscht. Die geschmierte Leiter ist eine Metapher der Chancen- und Leistungs- und Verteilungs-Ungerechtigkeit. Das Problem ist, dass so ein ungerechter Baum keine Überlebenschance hat. Denn nicht jedes Kind reicher und privilegierter Eltern hat auch Führungsqualitäten. So sitzen in den gehobenen Positionen vielfach Idioten oder Menschen ohne jede Moral. Empathie und Moral sind sogar Eigenschaften die jede Karriere zerstören. Besser kommt man voran, wenn man Beziehungen hat, diese eiskalt nutzt, sprichwörtlich über Leichen geht und dann muss man nur noch dafür sorgen, dass die, die unter einem sind, weiter unten bleiben. Die geschicktesten unter den Korrupten fangen am liebsten staatliche Fördergelder auf. So kommt das Steuergeld in der Regel nicht den einfachen Leuten zugute, sondern fördert nur die, die ohnehin schon am goldenen Topf sitzen. Das Ergebnis ist, dass Idioten und gefühllose Dreckskerle immer reicher werden, während die intelligente und empathische Basis die alle ernährt allmählich verhungert. Leistung ist nur noch eine Quelle an der sich Idioten und Schweine laben.

 

Dies war auch der Grund, warum Simplicissimus nach all seinen Abenteuern in der weiten Welt, wieder in seine Einsiedelei zurückkehrte.  Und es ist heute ein Grund dafür, Arbeit und Mühe aus dem Weg zu gehen. Wer schuftet, füttert damit nur Idioten und Schweine.

 

 

 

ENDE

 

 

Meditationen und Reflexionen über

Zeitliches und Zeitloses

 

oder schwere Kost für kluge Köpfe

 

 

Schauen Sie herein in der Rubrik PHILOSOPHISCHES

 

Link GEDANKEN-AKROBATIK

 

 

 

 

 

Der offizielle Schreibwettbewerb

für das I. Semester 2021:

 

A) ENTFÜHRUNG.                     B) BEOBACHTUNG.

 

 

Die Bewertungen wurden am 15. Juli um 24:00 Uhr beendet. Drei Gewinner werden durch spannendes Abstimmen auserkoren. Doch halten wir klar fest, es gab weit mehr als nur drei Sieger-Beiträge!

 

 

  

 

Wir danken allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern herzlich fürs Mitmachen und würden uns sehr freuen, wenn Sie beim Wettbewerb für das II. Semester 2021 wieder mit dabei sind.

 

 

Vielleicht gefällt Ihnen das neue Thema wiederum und spornt Sie zu einem Wahnsinns-Knüller an! Gucken Sie einfach einmal herein bei AKTUELLES, Link Wettbewerb II. Semester 2021. Ab 20. Juli 2021.

 

 

 



 

Michael Kothes Kurzkrimi

 

 

Tod am Frühstückstisch

 

(Urheberrechte & Copyrights © by Michael Kothe)

 

 

Als Hedwig aus dem Badezimmer kam und in die Küche trat, hatte sie keinen Blick übrig für die Sauerei, die sich vor ihr ausbreitete. Mit den für ihr Alter typischen kurzen Schritten trippelte sie ohne Umweg zu der altmodischen Chaiselongue, auf der ihr Heinz ausgestreckt lag. Sein linker Unterarm hing schlaff über der Kante, die Hand lag seltsam geknickt auf dem Fliesenboden. Auf ihrem Weg sparte sie die Blutflecke nicht aus, ihre Hausschuhe hinterließen dünne rote Tappen. Sie beugte sich über ihren Mann und fand tatsächlich ein paar Stellen, die nicht besudelt waren. Wie so oft in Kriminalfilmen beobachtet legte sie ihm zwei Finger auf die nicht mehr pulsierende Schlagader an der rechten Halsseite. Nach einer knappen halben Minute richtete sie sich auf und erreichte mit wenigen Schritten die Anrichte, von der sie das Smartphone aufnahm. Sorgsam achtete sie darauf, die blutigen Flecke nicht zu berühren, die von den Fingern ihres Mannes herrührten. Wie er oft genug betont hatte, konnte er mit diesem Wisch Handy, wie er es nannte, nichts anfangen. Aber er war ein Mensch, der sich unter keinen Umständen helfen ließ. Das Tastentelefon, das er hatte bedienen können, stand nutzlos in seiner Ladeschale.

»Hallo, Notdienst … mein Name … Mein Mann ist … ich glaube, er …«

Schnellen Schrittes ging sie zum Küchenschrank, griff ihre Tasse und schenkte sich ihren Morgenkaffee ein. Bis der Notarzt in frühestens zehn Minuten eintraf, hätte sie den Kaffee längst getrunken, die Tasse gespült, abgetrocknet und wieder weggestellt. Dass ihr Morgenmantel auseinanderklaffte und ihr Nachthemd schon hochrutschte, als sie sich an den Tisch setzte, machte ihr nichts aus. Keck schlug sie die Beine übereinander. Heinz hätte sie dafür gerügt.

In seiner Anwesenheit hatte sie die Füße nebeneinanderzustellen, die Knie keusch aneinandergedrückt. Sitte und Anstand hatte er ihr immer gepredigt.

Ihr Blick wanderte von der fleckigen Morgenzeitung auf dem Boden nun doch durch die ganze Küche, bis er an der Chaiselongue hängenblieb.

»Vierzig Jahre lang hast du mich schikaniert, und besonders schlimm waren die letzten fünf. Seit du in Rente bist. Oder muss ich nun sagen: Warst? Und das alte Möbel deiner Mutter hast du so in der Küche aufgestellt, dass du mich ständig unter Kontrolle hattest und an allem herummäkeln konntest, während du nicht einen Finger krumm gemacht hast.«

»Nicht so viel Salz, du weißt, dass ich das nicht vertrage. Und mach das Essen nicht wieder so scharf! Erst gestern … Du hast wieder das teure Öl gekauft, das billige im Supermarkt hätte es auch getan …«

Hedwig schüttelte den Kopf und verscheuchte seine Stimme, die sie sich bei seinem Anblick eingebildet hatte. Aber sein letzter Satz ließ sie schmunzeln. Ein Gutes hatte seine herrschsüchtige und knausrige Art. Über das kleine Vermögen verfügte sie nun allein und musste sich nichts mehr verbieten. Als Erstes würde sie die Küche …

Sie richtete sich auf und überlegte zum werweißwievielten Male, was sie dem Notarzt und vielleicht später den Polizeibeamten sagen würde.

»Gestern hatte ich beim Spülen die Lieblingstasse meines Mannes angeschlagen. Mit einem Zweikomponentenkleber, er liegt dort in der Schublade der Anrichte, habe ich die Scherben so angeklebt, dass er es nicht bemerken würde. Sonst hätte es ein Donnerwetter gegeben. Aber er hat sich wohl doch an der Kante die Lippe aufgeschnitten. Bei dem heißen Kaffee hat er es sicherlich nicht gleich bemerkt. Und da er künstlicher Bluter war … Hach. Es ist schrecklich!«

 

Nicht einmal lügen müsste sie. Die Wahrheit, die reine Wahrheit. Und nichts hinzufügen oder weglassen. Doch halt! Drei oder vier Sätze würde sie nicht sagen.

Dass sie vorher in verschiedenen Geschäften vier gleiche Tassen gekauft und daran geübt hatte, wie sie die anschlagen musste, damit genau diese Schnittkante zustande kam. Dass sie ihr Küchenradio unbedingt auf der Anrichte aufstellen musste und das Mobilteil des Telefons sich an der einzigen Steckdose nicht aufladen konnte. Und dass sie sich, nachdem sie Heinz mit Kaffee und Morgenzeitung versorgt hatte, nur deshalb so lange im Bad verschanzte, um ihm nicht doch helfen zu müssen.

Ach ja, das Bad würde sie auch renovieren lassen.

Ihre Tasse durfte nicht herumstehen, wenn gleich der Notarzt klingelte. Schließlich sollte ihr Mann glaubhaft in der Küche allein gewesen sein.

Was hatte sie zu ihrer Tat inspiriert? Öfter schon hatte sie sich ihr Leben als Landkarte vorgestellt, als Wetterkarte. Ihre Kindheit und Jugend waren sonnig gewesen. Auch ihre ersten Jahre mit Heinz.  Dass sie keine Kinder bekommen konnte, hatte er ihr nie verziehen. Dunkle Wolken zogen auf und ließen sich nicht wieder vertreiben. Wie das Winterwetter, das sie seit Wochen leid war. Doch vor ein paar Tagen hatte der Wettermann im Fernsehen gebietsweise Aufhellungen vorhergesagt. Sie hatte das so verstanden, dass sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen solle.

 

Erleichtert stand Hedwig auf und trug die Tasse zur Spüle. Sie freute sich auf einen Lebensabend voll Sonnenschein.

Dieser Kurzkrimi findet sich in „Quer Beet aufs Treppchen“ (Taschenbuch: ISBN 9783752972672), noch mehr Krimis stehen in der Sammlung „Schmunzelmord“ (TB: ISBN 9783750289017) desselben Autors. Mehr Info auf

 

 

 

https://autor-michael-kothe.jimdofree.com.