JUGEND STELLT SICH VOR

Maria Alejandra erinnert sich

Wir haben in unserer Kindheit und Jugend gezeichnet, gemalt, gebastelt, musiziert, getanzt, kleine Theaterstücke aufgeführt, Kurzgeschichten geschrieben und Sprachen gelernt. Wir sind teilweise in verschiedenen Kontinenten geboren. Dadurch haben wir viele Bekanntschaften, ja sogar schöne Freundschaften geschlossen. Das kreative Schaffen hat mitgeholfen, Selbständigkeit zu erlangen. Auch heute noch, im erwachsenen Alter, wo wir verschiedene Berufe ausüben, investieren wir weiterhin viel Zeit für kreatives Denken und Arbeiten. Wir haben die Idee, junge Menschen aus der ganzen Welt zu ermuntern, es uns gleichzutun. Viele Schüler haben verborgene Talente, welche oft von niemandem erkannt, oder entdeckt werden. In vielen Fällen werden sie sogar verkannt oder einfach ignoriert.

 

Ich bin in Bolivien aufgewachsen, meine Muttersprache ist Spanisch. Mit sieben Jahre zog ich mit meiner Familie in die Schweiz, wo ich dann Schweizerdeutsch und Schriftdeutsch lernte. Nebenher noch Englisch. Nun studiere ich seit zwei Jahren in Barcelona Tourismus mit Schwergewicht Marketing. Da kam noch Katalanisch hinzu. Mein Vater sagte mir, als ich noch in Bolivien im ersten Schuljahr steckte; ›vergiss altertümliche Fächer wie Geschichte und Religion, lerne Sprachen, das bringt dich weiter.‹

 

Heute, mit über 20 Jahren, denke ich oft daran zurück. Er hatte mehr als recht damit. Das lustigste und unvergesslichste Erlebnis für mich war, (wir lachen noch heute darüber), als ich gerade mal zwei Monate in der Schweiz zur Schule ging, lud ich meinen Vater ein, zum Maisingen in die Schule zu kommen. Er kam und die Klasse sang Deutsch, Schweizerdeutsch, Rätoromanisch, Italienisch, Französisch, Englisch und Latein. Ich sang fröhlich mit. Mein Vater weinte fast vor lauter Freude. Auf dem Nachhauseweg fragte ich ihn dann; ›hat es dir gefallen?‹ und er meinte voller Bewunderung; ›das ist ja völlig irre, wie hast du bloß so schnell und so viel gelernt?‹, und ich fragte; ›kannst du mir noch sagen, was das alles bedeutet, was wir da gesungen haben?‹

 

Es ist herrlich, an einem Tisch zu sitzen, wo Freunde aus aller Welt beisammen sind und ich mich in verschiedenen Sprachen unterhalten kann. Und es gibt auch immer viel zu lachen, wenn jemand eine Sprache lernt und ihm die üblichen Fehler des Anfängers unterlaufen. So fragte beispielsweise eine Freundin die andere; ›ya tienes la reserva del vuelo?‹ (hast du die Reservation des Fluges schon?) und die Freundin; ›no, estoy en la lista de esperanza.‹ (nein, ich bin auf der Hoffnungsliste!) richtig wäre, la lista de espera. (die Warteliste) und  so weiter, bis sich Bauchschmerz anmeldet.

 

Und echter Bauchschmerz stellte sich vor zwei Jahren ein, als wir an der Küste Kataloniens in einem typischen Strandrestaurant dinierten. Bei blauem Himmel, Sonnenschein, leicht welligem Meer, saßen wir bei Paella und Sangría, als plötzlich ein rustikaler Fischer mit einem Eimer durch das offene Restaurant pilgerte. Er bot Fisch an. Da er wusste, dass in diesem Restaurant nicht nur Einheimische dinieren, sondern auch Auswärtige und Touristen, sprach er Katalanisch, Spanisch und Englisch. Er ging von Tisch zu Tisch und da und dort wurden ihm einige Fische abgekauft. Ines, meine beste Freundin, die etwas Englisch, auch etwas Spanisch spricht, war neugierig und wollte einen Blick in den Eimer werfen. Mit einer Geste winkte sie den Fischer heran. Er kam und Ines guckte in den Eimer. Sie erwartete darin einen oder mehrere größere Fische, doch es waren nur klitzekleine darin, Sie schaute den Fischer überrascht an und sagte mit vehementer Stimme; ›hey man, a little pequeño su fish!‹ Selbst der Fischer setzte sich einen Moment hin und lachte.

 

Stell Dich hier vor, mit einem kleinen Erlebnisbericht oder einer Kurzreportage über Dein Land, Deine Stadt oder Deine Schule und mach mit bei pierremontagnard.com

 

Mit lieben Grüßen

 

Alejandra 


 

 

 

 

Valerie Kyburz

 

(ihr Pseudonym), hat uns freund-licherweise einige ihrer  besten Aufsätze aus ihrer Schulzeit zur Veröffentlichung zugestellt. Sie ist heute 27 Jahre jung, war das enfant terrible ihrer Schulzeit, setzte  entgegen ihrer Eltern ihren Willen durch und besuchte das Kindertheater von Basel. Heute ist sie ausgebildete Theater- und Filmschauspielerin, inszeniert eigene Theater-Stücke und produziert eigene Video-Kurz-Krimis. Ihre sehr originel-len Aufsätze werden uns in den nächsten Monaten im Newsletter unterhalten.

 

 

 

 

 

Wenn ich das Sagen hätte

(Urheberrechte & Copyrights by Valerie Kyburz)

 

Vorwort

 

Ich weiß nicht mehr, wie lange das Blatt Papier vor mir leer blieb und mir das Herumspazieren der Lehrerin im Klassenzimmer auf die Nerven ging. Jedes Mal, wenn sie bei mir vorbeikam, kurz verharrte, sich bestimmt wunderte, warum ich noch nichts geschrieben hatte, jedoch nie etwas sagte und weiter spazierte, verspürte ich Lust, sie anzubrüllen und sie aufzufordern, sich auf ihren Allerwertesten zu setzen und aufzuhören mit ihren spitzen Stöckelschuhen den Holzboden zu malträtieren und unnötigen Lärm zu produzieren. Es fiel mir nichts ein. Beim besten Willen nicht. So ein saublödes Thema! Dabei hatte ich doch immer was zu sagen, auch wenn allen andern die Puste, das Wissen oder die Argumente ausgegangen waren, da lief ich mich normalerweise gerade erst warm.

 

Es waren schlussendlich bestimmt etwa 15 Minuten verstrichen, mein Griffel noch kalt, das Blatt noch immer leer, doch dann, endlich, die Lehrerin kurvte nach der zigsten Runde gegen ihr Pult, setzte sich hin, bemächtigte sich eines Buches. Die Erlösung.

 

Ich vergaß für einen Moment den blöden Aufsatztitel und meine Gedanken kreisten drei Wochen zurück. Es war Sonntag. Tante Frieda hatte zur Geburtstagsfeier ihrer Enkelin geladen. Garten-Party. Grillen im Freien, Champagner, Snobs, furchtbar! Die Enkelin, Hildegard, bereits 32 Jahre auf dem Buckel, Barbie Gesicht, Weizen blond, ganz kleine Tittchen – meine waren mit damals vierzehn doppelt so groß, mit der „aller Welt Erziehung“ immer milde zu lächeln, immer danke und bitte zu sagen und sich ja nie in ein Erwachsenengespräch einzumischen. Mein Pech, niemand da in meinem Alter, weder ein Prinz noch eine mögliche „Pferde stehlen Freundin“, nur die grenzenlos angepasste Enkelin, ein paar kleinere Kinder, ihre Eltern, zwei blöde Kläffer und die meist schon zwischen Scheintod und Verwesung vegetierenden Saurier und Saurierinnen. Tante Frieda, die absolut perfekte Snob-Lady.

 

Mann, wenn es doch schon zu Ende wäre. Da bat einer der Bediensteten die Gäste, an den mit Blumen geschmückten, ovalen Gartentisch, wo der Nachtisch serviert wurde.

 

Beim Nachtisch ist es meist noch schlimmer, da wird nicht mehr richtig gegessen, nur noch so rum geschlürft und genippt, was mehr Zeit bedeutet, unsinnige Snob Gespräche anzuzetteln und zu führen.

 

„Valerie!“, erschreckt mich Tante Erika, etwa fünf Stühle weiter rechts am Tisch, und sorgt dafür, dass die Klunkern ihrer Halskette aneinander schlagen, „du kommst doch dieses Jahr aus der Schule, nicht wahr? Wirst du dann auch diese komische Schauspielerei aufgeben?“

 

Ein kurzer, schneller Blick zu meinen Eltern, die leicht schräg von mir gegenüber sitzen und nun bestimmt den Atem anhalten, besonders meine Mutter – wahrscheinlich ist ihr schon der Angst-Schweiß ausgebrochen – während mein Vater so tut, als hätte er Erikas Frage gar nicht gehört und sich mit Marcel Sommerhalder zu seiner Rechten, naheliegenderweise über die Aktienbörse unterhält.

 

„Welche komische Schauspielerei meinst du denn, Tante Erika?“ Höre ich mich sagen, während ich plötzlich feststelle, kurz aus meinen Gedankengängen gerissen, dass ich meinen Griffel über das Blatt führe und bereits eine halbe Seite geschrieben habe …!

 

 

Der Aufsatz

 

… Es schreibt jetzt von alleine, die Eingebung ist quasi von alleine gekommen. Sonntags, bei den Snobs, wäre der richtige Titel gewesen, aber so geht’s ja auch, natürlich hatte ich da etwas zu sagen, vor allem eine passende Antwort auf dumme Fragen.

 

André Gut, einer meiner Favoriten aus der Theaterwelt, bei dem ich lernte, wie man, statt sich zu ärgern und sich dann mit einer emotional noch dümmeren Antwort selber lächerlich macht, eine geeignete Gegenfrage zu stellen, mit dem Ziel, die fragende Person damit aufs Glatteis zu führen. Er beherrschte das so gut, dass ich immer wieder fasziniert war und dafür sorge trug, dass ich seine beste Schülerin wurde.

 

Natürlich war ich nun mit fast fünfzehn auch etwas respektvoller geworden, insbesondere wollte ich meine Eltern nicht in die Pfanne hauen, die sich immerhin, nach einer schier kriegsähnlichen und sehr in die Länge ziehenden Auseinandersetzung schließlich dazu erweichen ließen, dass ich doch noch den Weg einer Theater-Karriere begehen konnte. Aber die Spitzzüngigkeit, die mir eigen war, verlor sich nicht einfach so.

 

„Ach Valerie, stell dich nicht so an, du weißt schon, was ich meine, dieser Kinderverein, diese Träumer, die anstelle von einer fundierten Ausbildung es vorziehen, sich zu verkleiden und irgendjemand zu spielen, statt etwas nützliches zu lernen!“

 

Ich hatte nicht gedacht, dass mich diese dumme Kuh mit diesem einfältigen Argument innerhalb von wenigen Sekunden auf die Palme bringen würde. Ich glaubte auch kurz gesehen zu haben, wie meine Mutter die Augen schloss und sich auf das allerschlimmste gefasst machte. – Lieber André, steh mir bei, schloss ich mich telepathisch mit ihm kurz. Und dann … ,

 

„du sprichst in Rätseln, Tante Erika, ich weiß nicht, in welchen Geistessumpf du da geraten bist, ich bin beim Kindertheater in Basel, das ist das älteste in der Schweiz, es wurde 1970 gegründet und wird gerade für seinen pädagogischen Dienst an Kindern ungemein geschätzt, ich wundere mich, dass du das in deinem Alter nicht kennst, es ist sogar im hohen Norden Deutschlands nicht nur bekannt, sondern auch sehr beliebt, und um deine Frage zu beantworten, nein, ich werde diese interessante Arbeit nicht aufgeben, denn sie bedeutet mir viel und macht große Freude!“

 

Damit hoffte ich, dass ich einen Volltreffer lancierte, zumal es mir auch gelang, meine Stimme unter Kontrolle zu halten. Die Blicke der Anwesenden schweiften nun gespannt zu Erika, die mit Sicherheit etwas ganz anderes von mir erwartet hatte, um mir danach den „Todesstoß“ zu verpassen. Und es kam noch besser. Der neben mir sitzende Walter Giezedanner, ein pensionierter Buchhalter, unauffällig, meist ruhig, spricht eigentlich nur, wenn er mit Teufels Gewalt dazu aufgefordert oder genötigt wird, runder Kopf, Glatze, runder Bauch, beugte sich zur Überraschung aller nach vorne und suchte das Gesicht von Tante Erika; „ich kann Valerie nur beipflichten, liebe Erika, ich bin Stammgast im Kindertheater von Basel und außer dem Mitglied. Die Reputation dieser Institution ist sehr nobel und verdient hohe gesellschaftliche Anerkennung.“

 

Danach lehnte er sich wieder sittlich in seinen Stuhl zurück, schenkte mir noch ein vielsagendes Lächeln und damit war Tante Erikas eventuell geplante, neue Offensive im Keime erstickt. Niemals hätte ich mir träumen lassen, dass ich ausgerechnet hier, bei diesen Snobs, ein solches Hochgefühl einfahren könnte. Der Blick, den ich von meiner Mutter zugeworfen erhielt, war eine Mischung aus Dankbarkeit, Bewunderung und auch Erlösung. Sie wusste an diesem Tag, dass sie nie mehr eine spitzzüngige Basler Schnoore von ihrer Tochter zu befürchten hatte. Die überraschende Zugabe von Walter Giezedanner, legte sich wie eine einschläfernde Lähmung auf die Tafelrunde, die Snob-Gespräche wollten nicht mehr so richtig in Gang geraten.

 

Geschickt führte jedoch Tante Frieda die zügellosen Pferde wieder auf die richtige Fahrbahn, sorgte kurz dafür, dass die mittlerweile etwas müden Kinder mit Nachtisch Naschen wieder wach wurden und schaffte es, mit einem Stichwort das allgemeine Interesse auf die Fusion zwischen Migros und Denner zu lenken, welche in diesem Jahr zustande kam. Das Geburtstagskind, Hildegard, zeigte plötzlich großes Interesse an mir bzw. an meiner Theater-Aktivität und wechselte dazu den Stuhl temporär mit einer Cousine Erikas zu meiner Rechten, welche bis zu diesem Zeitpunkt zwei oder dreimal niesen musste, ansonsten kein einziges Wort gesprochen hatte!

 

Hildegard war das langweiligste, was mir je untergekommen war. Sie fragte Dinge, die wir eigentlich sonst von siebenjährigen Kindern erwarten; „ist Theater spielen eigentlich schwierig“? War die Ouvertüre zu einem endlosen Schwank.

 

Schlussendlich wollte ich dem Aufsatzthema bzw. dem vorgegeben Titel doch noch gerecht werden. Wenn ich das Sagen hätte!

 

Also gut, nach reiflicher Überlegung komme ich zum Schluss:

 

Bevor Ihr Erwachsenen beginnt, gescheit daherzureden:

 

Haltet einfach alle den Mund, es sei denn, Ihr habt etwas Sinnvolles und wahres (ehrliches) mitzuteilen.

 

Nieder mit dem Snobismus!

 

Valerie

 

 

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