SCHMUNZELECKE

Jetzt, mit den ganzen Belastungen, welche das mutierte Coronavirus weltweit verursachte und noch verursachen wird, neigt der Mensch dazu, viele dümmliche Witze in Umlauf zu bringen. Während die einen wirklich komisch sind und auch zu herzhaftem Lachen animieren, gibt es vermehrt die saudummen, primitiven, aus der Kiste der Geistesarmut. Wir halten uns hier konsequent an die Komik, die das Leben auch ohne Extreme auf Lager hat, immer hatte und bis zum Ende haben wird. Auch wenn vieles nicht mehr als ein Schmunzeln entlockt, so bleibt dem Neurotiker das gekünstelte Dumm-lachen erspart.

 

 

Von Bernhard Horwatitsch

 

Streifschuss vom 24. März 2021

 

Anlass: Cancel Culture

 

Ich bin nicht bedroht! ICH BIN DIE BEDROHUNG!

 

Seit nun schon längerer Zeit gehöre ich einer der am meisten gehassten Gruppen an, den alten, weißen, heterosexuellen Männern. Und alles, was man über diese Gruppe behauptet, stimmt. Gott sei Dank bin ich wenigstens nicht privilegiert und kaum noch sexuell aktiv. Aber ich bin wütend. Und wütend darüber, dass ich wütend bin. Natürlich verberge ich diese Wut hinter ironischen Klugscheißereien. Wer es mit mir zu tun bekommt, bekommt es mit mir zu tun. Alles, was früher schlecht war, ist heute auch noch schlecht und alles, was früher besser war, ist heute wieder schlecht geworden. Und alles, was heute besser ist, war früher zwar schlecht, aber wen interessiert das? Alle schauen nach vorn. Nur die alten, weißen, heterosexuellen Männer schauen konsequent in den Rückspiegel. Sieht aus, als würden sie vorausblicken, aber es sieht halt nur so aus. Was sieht der alte, weiße, heterosexuelle Mann, wenn er tatsächlich nach vorne blickt? Hängende Klöten ohne Kröten, viel Not ohne Brot und – was dem Zwangsreimen folgt – die Demenz.

 

Der alte, weiße, heterosexuelle Mann erlebt sehenden Auges seine eigene Verblödung und kann nur hoffen, dass diese Verblödung noch vor der Obdachlosigkeit eintritt. Dann ist er ein dementer, alkoholkranker, alter, weißer, heterosexueller Mann ohne Dach über dem Kopf. Da der alte, weiße, heterosexuelle Mann dement und korsakowerisiert ist, erkennt er seine eigenen Kinder nicht mehr, lebt von der Hand in den Mund auf der Straße und ähnelt zunehmend den Pavianen in Neu-Delhi. Der alte, weiße, heterosexuelle Mann wird zur Affenplage. Sofern sie körperlich noch einigermaßen rüstig sind, greifen sie die friedlichen Passanten auf der Straße an und rauben sie gnadenlos aus. Alles was irgendwie glitzert, zieht sie an. Alles was bimmelt, zieht sie an. Anfangen können sie mit ihrer Beute wenig. Ein primitives Tauschsystem unter den alten, weißen, heterosexuellen Männern funktioniert halbwegs. So werden Essensreste (weggeworfene halbe Döner, Pizzen, Big Macs) gegen Smartphones und Tablets getauscht. Unter den alten, weißen, heterosexuellen Männern gibt es dann wütende Revierkämpfe. Und nicht selten Tote. Sie sehen! Wenn ich jetzt wütend bin und schlechter Laune liegt das ausschließlich daran, dass ich ein alter, weißer, heterosexueller Mann bin.

 

 


Von Michael Kothe

 

Über das Gendern

 

Liebe Lesende,

 

liebe Besuchende (dieses Blogs, dieser Kolumne oder wo auch immer dieser Text ans Licht gezerrt wird),

 

liebe Gendernde,

 

ich bin einer der Schreibenden. Natürlich, um mich in dieser Disziplin weiterzubilden, auch einer der Lesenden, der Analysierenden und der Beschreibenden. Keiner der Bloggenden bin ich, aber warum sollte ich meine Erkenntnisse nicht dennoch in Form von Rezensionen mitteilen? Auch dabei möchte ich politisch möglichst korrekt sein. Für das Ergebnis stehen Gender-Sternchen*Innen und Gender-Doppelpunkt:Innen. Das ist gut so. Obwohl mir Hähnchen-Innenfilets schmackhafter vorkommen, was ja auch kein Wunder ist, denn immer noch werden männliche Küken geschreddert, und Hähnchenfilets gibt es demzufolge nicht. Und es ist eleganter als ein erstes Gender-Zeugnis aus der IT-Abteilung meiner Behörde, das schon vor Jahrzehnten die Komplexität aufzeigte: »Früher war alles einfacher, da gab es Nutzerbetreuer.

 

Heute gibt es Nutzerinnenbetreuerinnen und Nutzerbetreuerinnen, Nutzerinnenbetreuer und Nutzerbetreuer.«

 

Die Problematik zur modernen Vermeidung verbaler Diskriminierung wird auch nicht geringer, wenn sie mit grammatikalischer Geschlechtsumwandlung einhergeht (Zur Abschreckung diene die von der Universität Leipzig 2013 dementierte Anrede »Herr Professorin«!). Vielmehr sollten wir uns auf das (grammatikalische) Geschlecht beispielsweise des Mädchens konzentrieren! Und auf die Vermeidung der daraus resultierenden (grammatikalischen) Fehlerhäufigkeit bei Autor:Innen: »Das ist aber ein hübsches Mädchen! Sie hat so schöne Augen.« Hallo? Also Rückbesinnung auf die Etymologie und konsequenterweise auf die durchgängige Anwendung der Bezeichnung Maid und ihrer Augen? Altertümlich und daher auch nicht wirklich chic.

 

Zumindest sind Ausdrücke wie Lesende, Besuchende oder Schreibende in Ordnung, wirken sie doch der Separation zwischen Weiblein und Männlein gerade in Zeiten der angestrebten Gleichberechtigung entgegen! In diesem Text habe ich es vorgemacht: Als einer der Schreibenden hebe ich mich nicht von den Kolleginnen der schreibenden Zunft ab, ich analysiere Texte wie jede Rezensentin und unterscheide mich von der Bloggerin nur dadurch, dass ich nicht blogge. Aber … ich sehe gerade: wohin im Singular mit der maskulinen Endung als Lesender oder Schreibender? Ach, da halte ich es doch lieber mit den Richtlinien des britischen öffentlichen Dienstes in seinem Amtsdeutsch, äh, -englisch: »Male embraces female.« *

 

Und so unterlasse ich die Verbreitung dieser politisch korrekten Gedankenansätze in jeglicher Form. Liebe Lesende, verzeiht, dass ich sie euch vorenthalte!

 

Michael Kothe, Autor

 

 

*    »Der Mann umarmt die Frau.« In Anbetracht dieser herzlichen Harmonie ist doch gendermäßig wieder alles in Butter. Oder etwa nicht?

 

 


Von Bernhard Horwatitsch

Streifschuss vom 21. Mai 2021

 

Anlass:

Wozu brauche ich einen Anlass?

 

Vom Unfug der Gesetze!

 

Ich weiß nicht mehr, welcher Netflix-Serie ich den Ausspruch verdanke. Er lautet: „Dein Problem ist nicht, dass du zu viele Skrupel hast, dein Problem ist, dass du zu wenig Skrupel hast.“  Skrupel ist ein spitzer Stein und der war im alten Rom die kleinste Maßeinheit für Masse. Ein Skrupel waren etwa 1,25 Gramm. Aus dem Skrupus (spitzer Stein) entwickelte sich das Diminutiv Skrupel und diente ab dem 16. Jahrhundert als Metapher für überängstliches Verhalten, sich sehr vorsichtig über spitze Steinchen zu bewegen. Skrupellose Menschen haben keine Angst, sind frei von Gewissensbissen und daher sehr erfolgreich in ihrem Leben. Die spitzen Steinchen gehen ihnen am Arsch vorbei.

 

Unser ganzes Rechtssystem ruht auf der falschen Annahme, dass sich der Mensch frei entscheiden könne, ob er eine Missetat ausführt oder nicht. Der in gewisser Weise sehr widerliche deutsche Philosoph Immanuel Kant sah den freien Willen lediglich darin, dass man sich entscheiden kann, sich einer moralischen Instanz unterzuordnen oder nicht. Erst wenn man sich – so Kant – einem sittlichen Gesetz unterwirft, ist man wirklich frei. Das ist ein großer Widerspruch. Denn die meisten erfolgreichen und monetär reichen Menschen unserer Gesellschaft sind erfolgreich und verfügen über einen hohen ökonomischen Status, weil sie genau das nicht tun. Sie unterwerfen sich nicht den sittlichen Gesetzen. Sie machen sie. Kant erschuf ein Sklavenbewusstsein. Doch ich habe Skrupel. Frei bin ich nicht. In meinem ganzen Leben habe ich noch kein Gesetz gebrochen, weder gestohlen, gemordet, betrogen oder für den eigenen Vorteil gelogen.

 

Gelogen habe ich viel. Und ich habe keine Skrupel, anderen etwas zu erzählen, was nie stattgefunden hat. Doch ich habe große Skrupel, dafür belohnt zu werden. Ich empfinde mein gutes Gedächtnis, das man zum Lügen braucht nicht als einen Vorteil, aus dem ich Gewinn schlagen will. Es ist eher ein Impuls und stark mit dem Lustgewinn verknüpft, den das Lügen selbst auslöst. Daher denke ich, dass Betrüger, Diebe und Mörder auf dieser Grundlage gar nicht anders können, als ihr von Gott gegebenes Talent zu nutzen.

 

Das ist sehr calvinistisch gedacht. Es gibt Menschen, denen macht es nichts aus, sich ohne zu bezahlen an fremdem Eigentum zu bedienen. Im Gegenteil. Sie folgen einem unwiderstehlichen Drang. Wenn sie ihrem Drang zu stehlen, zu morden oder zu betrügen nachgegeben haben, fühlen sie große Befriedigung und sind glücklich. Unser Gesetz bestraft sie allerdings (wenn man sie erwischt). Doch wäre das Gesetz konsequent, müsste es die belohnen, die nie gestohlen oder gemordet haben. Sie haben genau so frei gehandelt, ginge es nach dem Gesetz. Streng genommen ist das Gesetz also Unsinn. Der Kern unseres Strafrechts ist der so genannte Verbotsirrtum im §17 StGB:   Fehlt dem Täter bei Begehung der Tat die Einsicht, Unrecht zu tun, so handelt er ohne Schuld, wenn er diesen Irrtum nicht vermeiden konnte. Konnte der Täter den Irrtum vermeiden, so kann die Strafe gemildert werden. Wir können mit etwas Übung über einen gewissen Zeitraum unsere ureigenen Impulse unterdrücken, umlenken.

 

Wir können auch rational einsehen, dass es falsch ist, anderen etwas wegzunehmen – sei es ihr Fahrrad oder ihr Leben. Aber wir können das auf Dauer nicht frei entscheiden. Daher ist ein mildes Strafrecht, eine abgemilderte Strafe  selbst für den übelsten unter uns gerechtfertigt. Und diejenigen unter uns, die so sehr von ihren Impulsen angetrieben sind, dass sie nicht einmal einsehen können, dass ihr Tun falsch ist, denen gebührt nicht Strafe, sondern Mitleid. Wenn ein narzisstischer, machtgieriger Psychopath (die dunkle Triade, die nach der Psychologie den bösen Menschen ausmacht) ein Verbrechen begeht, dann gebührt ihm unser Mitleid. Ist das nicht Hohn für alle braven Mitbürger? Ja. Aber es ist deshalb Hohn, weil unsere braven Mitbürger, die auch nicht anders können, als eben brav zu sein, dafür nicht belohnt werden. Würde man jedem Mitbürger eine jährliche Prämie auszahlen, wenn er wieder ein Jahr seines Lebens brav war, dann würde aus dem Gesetz ein richtiger Schuh. So aber ist das Gesetz schlicht Unfug. Kant war nur ein starker Pfeife-Raucher, der gar nicht anders konnte, als zu philosophieren. Ihm ein Denkmal aufzustellen ist Unsinn, denn Kant hätte nicht anders gekonnt. Wir Nicht-Philosophen verdienen alle ebenfalls ein Denkmal, weil wir gar nicht anders können, als nicht  zu philosophieren.

 

 

 


 

 

Wiedersehen in Coronazeiten

(von Michael Kothe)

 

»Hallo, Heiner!« Er winkt.

Hä?

»Mensch, Heiner, wir haben uns ja eine Ewigkeit nicht gesehen. Wie geht´s dir?«

Jetzt steht er vor mir, hat im Laufschritt die leere vierspurige Straße überquert.

»Na ja, es muss.«

»Und ´nen Hund hast du auch?«

»Deswegen steh´ ich ja hier draußen. Sonst wär´ ich mit meiner Frau im Supermarkt.«

   »Mensch, da ham wir ja Glück gehabt. Gut gemacht, Waldi!« Er bückt sich, krault Mia.

   »Du, weißt du noch ...?«, fragt er mich, nachdem er sich wieder aufgerichtet hat.

 

Mia schüttelt sich.

Nach einer gefühlten halben Stunde dreht er sich im Gehen noch einmal um. »Man sieht sich, war toll, dich mal wieder getroffen zu haben!«

Meine Frau kommt aus dem Laden, schaut ihm nach. »Wer war das?«

   »Keine Ahnung«, antworte ich und rücke meinen Mund-Nasen-Schutz zurecht, »er hat mich über die Straße hinweg angerufen. Hallo, Heiner! Hat er gebrüllt.«

»Aber du heißt doch gar nicht Heiner.«

   »Doch, mit Maske eben schon!“

 

 

Ich sehe euch immer, aber ihr mich meistens nicht


Pierre Montagnard

 

Vom Bahnhof lasse ich mich per Taxi direkt zur Wohnadresse von Marianne und Hannes fahren. Ich habe sie seit 5 Jahren nicht mehr gesehen und wollte das vor meiner Auswanderung nach Südamerika noch machen, Ich nehme die Treppe in diesem großen Wohnsilo und gelange an ihre Wohnungstür.

 

"Nicht angreifen Kind!", schreit ein Mann in der Wohnung, als ich gerade an der Haustür klingeln will. Und dann gleich nochmals laut, fast unkontrolliert; "nicht angreifen!"

   Ich hatte nun geklingelt, die Tür geht auf, Marianne, die Frau von Hannes macht auf, begrüßt mich und ruft nach drinnen; "Hannes, der Peter ist da!" (das war damals, Ende 1990 in Wien).

 

Als ich drin bin, frage ich Hannes; "sag mal, was habt ihr denn für ein gefährliches Kind, wen wollte es denn angreifen?" (das Kind, Susi, fünf Jahre alt!).

 

"Na da, die große Blumenvase!"

   "Du meintest wohl, anfassen!"

"Angreifen Mann! Ihr könnt doch alle kein Deutsch da drüben!"

 

Ich lache noch heute darüber, vielleicht hatte er sogar recht.

 

* * * * *

 

1973 suchte ich in Rosenheim (Bayern) in einem gerade fertig erstellten Rohbau nach einem Mann, namens Horst Mühldorfer. Ich musste ihm ein wichtiges Laborergebnis aus der Schweiz überbringen. Zu Fuß die Betontreppen rauf und runter, durch die noch offenen, rohen Wohnungen, sitzen im vierten Stock drei Männer in blauen Overalls am Boden und nehmen eine Zwischenmahlzeit zu sich.

 

Gar nicht freundlich werde ich gemustert, mein Sakko und Krawatte passen nicht in ihr Bild und ich sage; „guten Morgen die Herren, wohl bekomms, ich suche nach einem Herrn Horst Mühldorfer, können Sie mir vielleicht weiter helfen?“ Der in der Mitte sagt kurz; „I hob jez mei Brotzeit.“  Daraus schließe ich, dass er der Gesuchte sein muss und sage spontan; krieg I ä wos ap?“ Er glotzt mich an, steht auf, wischt sich die rechte Hand am Overall ab, streckt sie mir hin und sagt; „I wusst jo ned, dass Sie a boayrisch kenna.“

 

Klar, konnte er nicht wissen, denn im Labor in der Schweiz arbeitete ich über vier Jahre mit einem Münchner zusammen.

 

* * * * *

 

Weihnachten im Urwald bescherte uns damals auch echte Zungen- und Gehirn-Wirrungen. Als wir damals ein spätes Mittagessen zubereiteten, fragte Jörg; „Darius könnte doch schon einmal beginnen Kartoffeln und Wurzeln zu schälen.“        „Was willst du denn mit Wurzeln? Sollen wir dafür einen Baum fällen? Fresst ihr denn sowas in Hamburg?“, meint Darius.

 

„Er meint Rüebli!“ Werfe ich ein, um den Fall zu komplizieren, und Karl Heinz meint, wie wärs denn mit Möhren?“ Darius schaut wie immer in so Momenten, völlig verunsichert in die Welt und weiß noch immer nicht, wovon die Rede ist. Bruno kommt aus dem Haus und bringt einen Sack Kartoffeln, ein Netz Karotten und Schabwerkzeug mit. Darius macht große Augen, greift sich an den Kopf und ruft;

   „ihr könnt doch gar nicht richtig Deutsch in Hamburg“, dabei guckt er zu Jörg hinüber. Das Echo von Jörg bleibt nicht aus; „dafür bist du ein Experte in Blasrohren für Indianer!“ Dann guckt Darius noch zu mir und meint; „und ihr da, aus dem kleinen Kanton, habt schon einen Sprachfehler von Geburt auf! Rübli!“

   „Rüebli!“, korrigiere ich ihn, „wenn du schon Sprachen lernst, dann achte auf die korrekte Aussprache!“ 

Karotten     Möhren     Rüebli     Wurzeln