Die allgemeine Ankündigung zur Abschaffung des Geldes bewirkte nicht nur bei Banken und Unternehmen großes Kopfzerbrechen, sondern auch bei kleineren Kommunen wie Gemeinden bis hin zum Zimmermädchen und anderem Service-Personal, welches seine künftigen Trinkgelder davonschwimmen sah.

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Michael Kothes Satire zur

Abschaffung des Geldes

 

 

Der »Grove«

(Urheberrechte und Copyright © by Michael Kothe)

 

Ganz Europa bereitete sich auf die Einführung des digitalen Euro vor. Ganz Europa? Nein, ein kleines galicisches Dorf leistete Widerstand.

»Juan Manuel!«

Befehlsgewohnt hallte die Stimme der Bürgermeisterin durch das Obergeschoss, als sie ihren persönlichen Referenten rief. Nach ihrer Wahl hatte sie es sich nicht nehmen lassen, das neue Bürgermeisterbüro in dem schmucklosen Gebäude gegenüber dem Supermarkt zu verlassen und ihren Arbeitsplatz im romantischen, antiken Rathaus einzurichten.

»Juan Manuel!«

»Señora?«

»Bitte überarbeiten Sie den Textentwurf für die Einladung an die Direktoren und die Druckereibesitzer. Es ist so weit. Der Termin ist entschieden, die Europäische Zentralbank hat sich im Zuge der weltweiten Bargeldabschaffung auf den ersten Januar festgelegt. Viel Zeit bleibt uns nicht mehr.«

»Señora, hier ist der Text mit der Anlage. Ich hatte ein paar Daten nachzutragen, deswegen mussten Sie mich zweimal rufen. Den Vorsitzenden des Verbandes der Einzelhändler habe ich mit auf den Verteiler gesetzt.«

Angélica García Fernandez hob die Brauen. Sie kannte den vorauseilenden Gehorsam und die Sorgfalt ihres Referenten, aber dass er diese Anlage selbständig zusammenstellte, rang ihr großen Respekt ab. Mit einem Lob nahm sie ihm die Ausdrucke aus der Hand und nickte ihm zu. Bevor sie sich in den Text und die Tabellen vertiefte, lehnte sie sich in ihrem Ledersessel zurück und blickte aus dem Bürofenster auf den Marktplatz der zehntausend Seelen-Gemeinde O Grove, der außer freitags als Parkplatz diente. Am linken Rand ihres Blickfeldes nach draußen nahm sie ein Stück vom Hafen wahr, in dem sich bunte Fischerboote auf den flachen Wellen wiegten. Der Atlantik wagte sich mit seinem heftigeren Seegang nur selten durch die Ría de Arosa hierher ans südliche Ende der Bucht.

Angélica seufzte. Zu oft hatte sie sich in der letzten Zeit mit den Zweigstellendirektoren der im Ort vertretenen Banken über die Einführung des digitalen Euro und die Abschaffung des Bargelds ausgetauscht. Mit Vertretern aus Handel und Gastronomie hatte sie gesprochen und sich auch deren Befürchtungen angenommen. Bürgerinnen und Bürger waren von sich aus auf sie zugekommen, auch Vivencio, der Präsident der lokalen Rentner- und Pensionärs-Vereinigung, hatte seine Aufwartung gemacht und das Unbehagen seiner Senioren vorgetragen. Auch ihre eigenen Gedanken zu dem Thema waren nicht angetan, sie sorgenfrei in die Zukunft blicken zu lassen. Zwar würde sich im Lauf der Zeit alles einspielen, alle würden sich irgendwann an den neuen Zahlungsverkehr gewöhnen. Kreditkarten nutzten ja heute schon viele, aber es gab Gruppen, die der Verzicht auf Münzen und Scheine im Portemonnaie schmerzen würde ..  .

Sie straffte die Schultern und widmete sich dem Vortrag, den Juan Manuel ausgearbeitet hatte.

»Chef, wenn es ab dem nächsten Jahr kein Bargeld gibt, brauche ich eine deftige Lohnerhöhung. Mit dem Stundenlohn, den du mir zahlst, kommt meine Familie nicht über die Runden. Du weißt selbst, wie sehr wir auf das Trinkgeld angewiesen sind. Schließlich hast du ja selbst gekellnert, bevor du dein Lokal aufgemacht hast. Und Galicien lebt zum großen Teil vom Tourismus.«

»Ramón, versteh doch!« Verlegen kratzte sich der Pächter des Straßenrestaurants hinter dem Ohr. Lange schon hatte er gewusst, dass dieses Gespräch unweigerlich auf ihn zukäme, und sich bis zuletzt davor gefürchtet. Die Entscheidung der EZB war seit Tagen Nummer eins in den Medien. Eine Lösung für das Problem all seiner Angestellten hatte er nicht parat. Damit ging es ihm wie vielen Arbeitgebern im Dienstleistungsgewerbe. Nicht nur in dem pittoresken Küstenort, sondern europaweit. Eine Erhöhung des Grundlohnes bei gleichem Einkommen gerade der Kleinbetriebe würde Arbeitsplätze kosten! Und warum sollte der Umsatz steigen? Daran hatten die Damen und Herren in Brüssel sicherlich nicht gedacht. Halblaut sprach er zu sich selbst, denn Ramón hatte sich beim Anblick seines ratlosen Chefs wortlos umgedreht und widmete sich mit hängenden Schultern wieder seinen Gästen. »Mal wieder nicht über den Tellerrand hinausgeschaut und sich nur auf die Lösung eines einzigen Problems konzentriert, ohne die Auswirkungen auf anderen Gebieten mit einzubeziehen!«

Man prostete sich nicht zu, aber mit einem Nicken und einem Anheben der henkellosen Porzellantassen begrüßten Gabriel und Javier den Neuankömmling in dem winzigen Furancho, der idyllischen Besenwirtschaft. Hier wurde der Wein aus eigenem Anbau ausgeschenkt und aus ebendiesen Porzellanschalen getrunken, dazu wurden Tapas gereicht, kleine Snacks, die mal aus in Häppchen geschnittener Tortilla bestanden, mal aus einem Schälchen Miesmuscheln oder aus einer Tonschale mit Kichererbsensuppe. Manolo zwängte sich auf die Bank und dirigierte mit einem kurzen Heben des Kinns Antonio, den Wirt, zu sich. »Bringst du mir ein Glas Albariño? Auf den derben Roten habe ich heute keinen Appetit.«

»Nun, Manolo, welche Laus …«

Bevor Gabriel seine Frage vollenden konnte, fiel ihm sein Freund schon ins Wort.

»Na, rate mal! Dich betrifft es doch genauso. Ja, es ist richtig, dass die Regierung mit dem elektronischen Zahlungsverkehr die Schwarzarbeit eindämmen will. Das gibt aber dann noch mehr Vernetzung und lückenlose Kontrolle aller Bürger. Mit Sicherheit nimmt das Finanzamt Zugriff auf die Kontobewegungen. Und auch wenn du ehrlich bist und alles richtig machst, siehst du dich einer Flut von Fragen seitens der Behörden konfrontiert. Alles Dinge, die dir bisher erspart geblieben sind, denn was der Fiskus nicht sieht, darüber wird er auch nicht neugierig.«

»Du hast ja recht.« Resigniert zuckte Javier die Schultern, bevor er weitersprach. »Jede Vorauszahlung muss in das eigene Geld und die Umsatzsteuer aufgespleißt werden, jeder Materialeinkauf wird hinterfragt, zu welchem Auftrag er gehört.«

»Und das ist nur unser Blickwinkel. Mehr Arbeit, mehr Erklärungen, mehr Rechtfertigung. Aber auch die Behörden kommen nicht ungeschoren davon. Die wollen die Informationsflut quasi in Echtzeit auskosten, was zu endlosen Nachfragen führt und die eigentliche Arbeit behindert. Unsere Steuererklärungen werden noch später bearbeitet, und wir müssen noch länger Rücklagen für mögliche Nachzahlungen vorhalten.« Mit einem Seufzer hob Gabriel seine Tasse an den Mund und gönnte sich einen Schluck des in der Umgebung angebauten Barrantes. Ob er das Gesicht wegen des säuerlichen Rotweins verzog oder in Gedanken an den erhöhten Verwaltungsaufwand, der zum Jahreswechsel auf seinen kleinen Handwerksbetrieb zukam, hätte er selbst nicht zu beurteilen gewusst. Und wie er sich darauf vorbereiten sollte, konnte ihm auch niemand sagen.

Raquel hob die Brauen. Wieder einmal hatte sie einen Zehn-Euro-Schein entgegengenommen und eine Münze als Wechselgeld über den Verkaufstisch zurückgereicht. Es war Freitag, und als ambulante Schuhverkäuferin hatte sie ihren Marktstand in ihrem Heimatstädtchen aufgebaut. Seit Kurzem prangte an einer der Stangen, die das Sonnensegel hielten, ein Schild, das Kunden auf die Möglichkeit der Zahlung mit Kreditkarten hinwies.

»Noch funktioniert das ja.« Sie sah zu ihrem Standnachbarn hinüber, der zwischen dem Geldschein in ihrer Hand und dem Plastikschild hin- und her blickte. »Aber ich habe auf manchen Wochenmärkten schon erlebt, dass die Lesegeräte ausfallen. Ob das an technischen Defekten liegt oder an einem Funkloch, kann ich dir nicht sagen, José.«

Der zuckte die Schultern.

»Das ist doch wieder etwas, an dem die Großen verdienen. Wenn künftig alles nur mit Karte bezahlt wird, ziehen uns die Banken wirklich von jedem Verkauf ihren Prozentsatz ab. Die Politiker denken auch nur daran, den Lobbyisten gefällig zu sein. Klar, so sichern sie sich ihre Pöstchen nach ihrer Karriere in der Regierung.«

Die Abschaffung des Bargeldes würde als weiterer Grund für die Politikverdrossenheit und das Gefühl des Ausgeliefertseins herhalten müssen. Die erwarteten erhöhten Lebenshaltungskosten einmal ganz außer Acht gelassen.

Pünktlich um zehn Uhr hatte das Stühlerücken im Sitzungssaal des alten Rathauses ein Ende. Als Letzte hatte Angélica den Raum betreten, nachdem sie sich der Vollzähligkeit der Besprechungsteilnehmer vergewissert hatte. Als Hausherrin beugte sie so der Peinlichkeit vor, die eine Verspätung eines ihrer Gäste mit sich gebracht hätte. Entsprechend der spanischen Gepflogenheit fiel die Begrüßung herzlich aus, wurde jedoch nicht über Gebühr in die Länge gezogen.

»Da jeder weiß, was uns bevorsteht, wollen wir uns direkt ins Thema begeben. Mein Referent hat interessante Aspekte zusammen-getragen.«

Sie wandte kurz den Kopf. »Juan Manuel, würden Sie bitte die Jalousie herunterlassen.«

Sofort widmete sie sich wieder ihren Gästen.

»Obwohl alles bekannt ist, werde ich kurz zusammenfassen, damit unsere Absichten leichter zu verstehen sind und wir uns genauer auf Art und Menge unserer Maßnahmen festlegen können und auf einen Zeitplan für deren Umsetzung.

Die EZB schafft in einem Vierteljahr zum ersten Januar 2022 das Bargeld ab. Die politische Begründung ist die Eindämmung von Betrug, Diebstahl und …«, Angélica blickte in die Runde, »die Eindämmung von Schwarzarbeit.«

Warum die Vertreter der Gastronomie und des Einzelhandels sich gegenseitig mit einem Gefühl des Ertappt seins anblickten, sollte ihr Geheimnis bleiben.

»Aber«, setzte die Bürgermeisterin wieder an, »wir dürfen bei all der vorgetragenen Euphorie nicht vergessen, dass es auch bei einer rein digitalen Währung die andere Seite der sprichwörtlichen Medaille gibt.« Die ersten Bilder von Juan Manuels Präsentation erschienen auf der Projektionswand: eine Liste digitaler Währungen, die zum Teil schon länger im Umlauf waren. Bitcoin, Ethereum, Lightcoin, Dash, Monero und andere waren gelistet. Hinter dem letzten Namen einer Kryptowährung standen die bekannten drei Punkte und der Zusatz »und über 1.000 weitere.«

»Viele dieser Cyberwährungen entziehen sich der staatlichen Kontrolle, weil sie von privaten Unternehmen als Parallelwährung herausgegeben werden. Sie sind an keine Sicherheiten oder offiziellen Vorgaben gebunden und können mit Computern generiert werden. Betrug und Diebstahl sind auch dabei gang und gäbe. Bitcoins werden nicht ausgezahlt, Herausgeber der Währungen begeben sich in den betrügerischen Bankrott. Der einzige Vorteil ist, dass dem Taschendieb auf dem Wochenmarkt das Handwerk gelegt wird. Cyberkriminalität hat hingegen Hochkonjunktur. Und wie will sich der digitale Euro dem entziehen?« Ihr Blick in die Versammlung aus Zweigstellendirektoren und den Vertretern anderer lokaler Institutionen offenbarte ihr, dass auch von ihnen keiner so recht an die Solidität und die Unantastbarkeit der künftigen offiziellen Kryptowährung glaubte. Ein zweites Bild der Präsentation listete eine Reihe aktueller Betrugsfälle.

Weitere Bilder, Vortragsteile und eine angeregte Diskussion folgten.

Hörbar atmete Angélica aus. Zufrieden sah sie in die frohen Gesichter ihrer Besprechungsgäste. Ihnen war anzusehen, dass die ausgearbeiteten Lösungen ihr Wohlgefallen fanden.

»Für das Protokoll fasse ich zusammen. Einvernehmlich haben die Anwesenden die Einführung und die Ausgabe des Grove beschlossen, einer Parallelwährung für Einwohner, Besucher und Kunden unserer Gemeinde. Die Banken geben ihren Kunden den Grove gegen eine Lastschrift von ihrem Guthaben aus, Fremde kaufen ihn mittels ihrer Kredit- oder Bankkarten. Zurückgegeben wird er bei den hiesigen Banken und dem jeweiligen Kontoinhaber gutgeschrieben. So sind wir unabhängig von Systemausfällen, geringwertige Zahlungen belasten nicht den elektronischen Verkehr, der ja nicht immer über eine Ausfallüberbrückung verfügt, und …« Ein verschmitzter Seitenblick trifft den Vertreter der Restaurant- und Hotelbetreiber. »… Trinkgeld landet wieder direkt beim Kellner und beim Zimmermädchen.«

Als die offizielle Besprechung ihr Ende gefunden hatte, lehnte sich die Bürgermeisterin noch einmal zurück. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. »Wenigstens müssen wir nicht zum Muschelgeld zurückkehren!«

 

* * * * *

 

Michael KotheJahrgang 1953, Diplom-kaufmann und Wirtschafts-jurist, jonglierte über 30 Jahre lang von Berufs wegen mit Worten auf Deutsch und Englisch. Davon leben heute seine Geschichten und Romane. Verantwortungsbewusstsein Partnern und Kunden gegenüber nimmt er ernst. Früher waren das in nationalen und internationalen Rüstungsprogrammen Industrie, Ämter und Ministerien, heute sind es seine Leserinnen und Leser

 

Seinen Ruhestand verbringt er teils bei München – mit den Tatorten seiner Krimis vor der Haustür – und, teils in Galizien, dem grünen Norden Spaniens, wo er sich vorwiegend seinen Fantasyromanen widmet. Regelmäßig nimmt er mit Kurzgeschichten aus allerlei Genres an Wettbewerben teil. Auf diese Weise sind zahlreiche bestplatzierte Beiträge nach ihrer Veröffentlichung dort in seine eigenen Anthologien eingeflossen. 

Szenen einer Ehe – eher eine Szene!

(Urheberrechte und Copyrights by Michael Kothe)

 

»Ich liebe dich nicht mehr.«  

»Warum sollte es dir besser gehen als mir?« Entgegnete ich. Eine Menge Emotion legte ich in meine Stimme. Auf dieses Gespräch mit ihr hatte ich mich vorbereitet, ich wusste, dass es kommen würde. Kommen musste.

»Du hast mich nie ernst genommen, hast meine Bedürfnisse ignoriert! Für dich war ich nur gut genug zum Putzen und Waschen.«

»Na ja, da war noch ´was anderes«, warf ich ein. Kaum war die Entgegnung über meine Lippen geflossen, bereute ich sie. Ich hatte sie anders gemeint! Innerlich zuckte ich zusammen, sah die moralische Gewitterwolke meinen ganzen Horizont ausfüllen. Prompt erntete ich den Kommentar, den – so schien es mir – jede sexuell frustrierte Ehefrau loswerden musste.

»Der Spruch musste ja kommen, du Pascha. Ihr denkt auch immer nur an das Eine! Und? Was kommt dann? Nur heiße Luft!«

»Stimmt doch gar nicht! Es war echte Liebe, aber im Lauf der Zeit …«

»Etwas Besseres fällt dir auch nicht ein, wenn du mir wenigstens nur ab und zu geholfen hättest. Aber nein, du hattest nur deine Arbeit im Sinn, deine Geschäftsreisen, hast mich und die Kinder vernachlässigt …«

 

Die Pause war nur kurz, dann wusste ich, was ich zu antworten hatte. 

 

»Ich hab‘s für uns getan. Von nichts kommt nichts.«

»Ach, und meine Arbeit zählt wieder nicht! Ich rackere mich im Haushalt ab von früh bis spät, habe kein Wochenende, keinen Feiertag, keinen Urlaub. Wenn du heimkommst, legst du nur die Füße hoch, erwartest, dass ich dich frage, wie dein Tag war. Wer zum Teufel fragt mich, wie mein Tag war?« Ihre Stimme schwoll ein paar Dezibel an. »Du meinst auch, bloß weil du das Geld heimbringst, …«

 

»So ist das nicht«, fiel ich ihr ins Wort, »auch wenn ich meine Arbeit nicht gegen deine tauschen möchte, so erkenne ich deine doch an.«

»Und was habe ich davon, tagein, tagaus? Höre ich von dir nur ein einziges Wort der Anerkennung?«

Die Fäuste hatte sie geballt, sie zitterte, ihre Stimme vibrierte. Es war nicht das angenehme Timbre, das ich so lieben gelernt hatte vom ersten Tag an, als wir uns trafen. Aber darauf reagierte ich nicht, es war einfach ihre Stimme, die mich noch immer erregte. Mein Fehler! Als ich meine Gedanken und Sehnsüchte wieder von ihrem Tonfall löste, wusste ich nicht mehr, wie das Gespräch begonnen hatte, das schlechte Gewissen aber blieb. Wie schon so oft. Ich musste mich mehr zusammenreißen! Diesmal ging der Punkt an sie.

 

Das nächste Streitgespräch ließ nicht lange auf sich warten. Gerade hatten wir noch nebeneinander Hand in Hand auf der Couch gesessen. Nun standen wir uns gegenüber, nach vorn gebeugt, nur der Couchtisch zwischen uns bemühte sich als stummer Schiedsrichter darum, dass der Disput wenigstens einigen Regeln der Vernunft und des Anstands zu gehorchen hatte. Das leidige Thema war der Urlaub im Tessin, im Ferienhäuschen mit dem kleinen Garten, einem Handtuch von Grundstück.

»Nicht einen Finger hast du gerührt! Wenn wir ankommen, räumst du gerade noch das Auto aus. Ist klar, wenn der Wagen erst mal in der Garage steht, kommst du nicht mehr an den Kofferraum. Aber danach …? Ich darf zuerst eine Grundreinigung durchführen, weil das Haus ein halbes Jahr leer stand, während du auf der Terrasse beim Bier eine rauchst und dann im Bett verschwindest. Ja, du hattest ja auch fahren müssen. Aber am nächsten Morgen verlangst du frische Brötchen vom Bäcker, ein geputztes Bad und sämtliche Gartenmöbel auf der Terrasse.«

»Ich habe nie gefordert, dass du das alles in der ersten Nacht herrichtest. Schließlich haben wir fast vier Wochen Urlaub da verbracht.«

»Du hättest ja auch mal zugreifen können! Du weißt auch, wie schwer es mir fällt mit dem alten Rasenmäher.«

»Ja, und am zweiten Tag sollte ich die Hecke schneiden. Das hätte auch Zeit gehabt in den vier Wochen.«

»Wenn es zu Beginn gemacht würde, hätten wir es halt die ganze Zeit schön.«

»Du weißt, wie dringend ich Entspannung gebraucht habe! Immerhin bin ich zehn Monate im Jahr fünf Tage die Woche zwischen zehn und zwölf Stunden von zu Hause fort, während du dir deinen Tag einteilen kannst und deinen Arbeitsplatz gestaltest, wie du ihn möchtest. Während ich fremdgesteuert bin!«

»…?«

 

Dieser Punkt ging eindeutig an mich.

 

Das nächste Mal hatte sie mich mundtot gemacht nach nur zwölf Sekunden: »Du hast keine Argumente, du hast nur Ausreden!«

K.O. in der ersten Runde.

 

Noch einige solche Dispute folgten in der nächsten Zeit. Anfangs mit wechselndem Ergebnis. Dann wurde sie immer stärker, fuhr Themen und Argumente auf, denen ich immer weniger entgegenzusetzen hatte. Sie wurde ruhiger, rationaler, während mich ihre zunehmende Sachlichkeit jedes Mal mehr zur Weißglut brachte. Manchmal wiederholten wir uns. Szenen einer Ehe eben. Dort wird auch nicht alles nur ein einziges Mal aufgetischt, dieselbe schmutzige Wäsche wird mehrmals gewaschen. Sie wurde immer sicherer. Bald hatte sie mich eingeholt. Überflügelt will ich nicht sagen. Oder nicht zugeben.

Und dann:

»Du, danke für deinen Rhetorikunterricht! Du bist ein wirklicher Freund.«

 

Hannelores Kuss war mehr als gehaucht, er war leidenschaftlich. Genauso leidenschaftlich gab ich ihn zurück. Ich hatte mich lange danach gesehnt.

 

Mit Hilfe unserer Rollenspiele und ihrem daran gewachsenen Selbstbewusstsein hat sie es geschafft, nicht nur die Scheidung einzureichen und, dem Zerrüttungsprinzip folgend, durchzustehen, sondern sich auch ein übergroßes Stück vom Kuchen der Zugewinngemeinschaft abzuschneiden.

Hannelore und Herbert kannte ich schon lange. Obwohl ich mitgeholfen hatte, ihn zu übervorteilen, tat Herbert mir aus tiefster Seele Leid.

Nach ihrer Scheidung sahen Hannelore und ich uns regelmäßig. Nach einem Vierteljahr verkaufte sie die Wohnung, die ihr zugesprochen worden war, und zog zu mir. Wir heirateten. Nun habe ich sie am Hals und weiß nicht, wie ich sie wieder losbekomme. Im Tessin habe ich die Hecke geschnitten und den Rasen gemäht. Gleich, nachdem ich den Kofferraum ausgeräumt hatte. Sie lag auf der Terrasse im Liegestuhl in der Sonne. Sie wollte für mich hübsch braun werden. Die Brötchen mag sie übrigens warm und mit Kruste, und die Gartenabfälle lasse ich höchstens eine halbe Stunde liegen.

Mit Herbert verstehe ich mich übrigens wieder prima. Im Grunde meines Herzens beneide ich ihn.

 

 

 

ENDE

 

 


Invasion der Ladendiebe

(Urheberrechte & Copyrights by Michael Kothe)

 

 

»Gennse v´leicht ma mitgomm´n?«

»Woas is´? Moana´S mi?«

Markanter hätte einem Außenstehenden der sprachliche Unterschied zwischen den in Deutschland gesprochenen Dialekten kaum präsentiert werden können.

 

 

Die junge Frau mit dem Kinderwagen war aber keine Außen-stehende, sie war betroffen und fühlte es auch. Die Frage war an sie gerichtet und brachte sie vollends aus dem Konzept. Das durchdringende Piepen aus einem der Paneele, die zu beiden Seiten den Ein- und Ausgang des Bekleidungsgeschäfts säumten, hatte für ihren ersten Schrecken gesorgt, kaum, dass sie den Buggy zwischen ihnen hindurch in den langen Gang des Einkaufszentrums im Norden Münchens hatte schieben wollen. Als die Rundumleuchte auf dem einen Paneel den Geschäftseingang in rotes, stroboskopartig aufblitzendes Licht tauchte, war sie überzeugt, die Blicke aller Kunden und Passanten auf sich gezogen zu haben. Der Gedanke war ihr so peinlich, dass sie unwillkürlich eine gebeugte Haltung annahm und sich nervös umschaute.

 

Die Ansprache des Mannes in Alltagskleidung gab ihr den Rest. Trotz ihrer instinktiv vorgebrachten Gegenfrage – sie wusste ja, dass er sie meinte, niemand anders wollte zu diesem Zeitpunkt das Geschäft verlassen – folgte sie ihm widerspruchslos mit gesenktem Blick in die Tiefe des Ladens zurück. Sie wollte niemandem in die Augen schauen.

 

Ein siegessicheres Lächeln umspielte Werner Mähders Lippen. Zwar hatte er es lieber, wenn die Kunden ehrlich waren, aber ab und zu musste er der Filialleitung doch einen Erfolg vorweisen. Schließlich wurde er dafür bezahlt, die Augen offenzuhalten und die Kunden zu überprüfen, die sich auffällig oder gar verdächtig verhielten. Nun hatte ihm die Überwachungsanlage eine Ladendiebin auf dem Silbertablett präsentiert. Auf dem Weg zu seinem Büro, das durch das Treppenhaus hinter dem Not- und Personalausgang zu erreichen war, hatte er mit der Frau an der Kasse gehalten. Die Kassiererin hatte nach nochmaliger Überprüfung bestätigt, dass die elektronischen Sicherungen aller hier gekauften Kleidungsstücke entweder entfernt oder deaktiviert waren. Also waren die gestohlenen Gegenstände irgendwo in den Taschen oder im Kinderwagen versteckt. Oder die Kundin trug sie am Körper, eine gar nicht so unbeliebte Masche, beim Verlassen der Anprobe nicht alle Kleidungsstücke wieder auf den Ständer zurückzuhängen, sondern sie unter der eigenen Kleidung aus dem Geschäft zu schmuggeln.

 

Eine Verkäuferin begleitete den Kaufhausdetektiv und die Verdächtige in sein Büro, eine Maßnahme, auf die sich Mähder und die Geschäftsleitung geeinigt hatten. Immer sollte bei seiner Befragung ein Zeuge zugegen sein. Zu leicht wäre er in der heutigen Zeit ansonsten der möglichen Anschuldigung einer Beleidigung, einer Tätlichkeit oder eines sexuellen Übergriffs ausgesetzt gewesen. Ein solcher Vorwurf hätte auch dem Renommee des Geschäfts geschadet.

 

Keine zehn Minuten später strebte die Kundin mit ihrem Kinderwagen – das Kleinkind hatte sich erstaunlich ruhig verhalten – wieder dem Ausgang zu. Die Verkäuferin ließ sie auf dem Weg dorthin an der Kasse halten und drückte ihr einen nicht an Personen gebundenen 10-Euro-Gutschein aus einer Schublade des Kassentischs in die Hand.

  »Als kleines Trostpflaster. Ich hoffe, Sie nehmen uns den Zwischenfall nicht übel, aber die Anlage … Bitte, beehren Sie uns bald wieder.«

 

Als sie das Geschäft verließ, piepte der Sicherungsautomat nicht mehr. Sie nahm die jungen Leute, die sich auf Campingstühlen ein, zwei Schritte neben dem Eingang niedergelassen hatten und auf ihren Klemmbrettern eifrig Notizen machten nicht wahr. Ihren Blick hielt sie auf das nicht aufdringliche, aber dennoch auffällige Schild mit der Aufschrift ‚Ladendiebstahl lohnt sich nicht‘ über dem Ausgang geheftet. Sie zuckte zusammen. Trotz des Einkaufsgutscheines würde sie dieses Geschäft so bald nicht wieder betreten.

 

 

Als sich in der Frühe die Türen des Einkaufszentrums geöffnet hatten, waren die jungen Leute zusammen mit dem Servicepersonal ins Gebäude geeilt und hatten ihre Klappstühle aufgestellt. Ihre Entscheidung war auf einen bestimmten Fachmarkt gefallen, weil frühere Beobachtungen hier einen regen Kundenbesuch ver-sprachen. Eine junge Frau und ein junger Mann saßen neben dem Bekleidungsgeschäft, ihnen gegenüber hatten sich die beiden anderen unter den Reklametafeln eingerichtet.

 

»Stören wir Sie? Wir brauchen einen Platz für eine empirische Untersuchung zwischenmenschlichen Verhaltens.«

 

Die junge Frau hielt der Filialleiterin ein Klemmbrett vor die Nase und erklärte noch, dass sie als Studenten der Münchner Ludwig-Maximilian-Universität eine Seminararbeit in Form eines psycho-logischen Feldversuchs durchführen mussten.

»Nein, nein, ist schon gut.«

 

Die Studentin schenkte der Leiterin, die nun die letzten Schlösser der gläsernen Eingangstür entriegelte und die Scheiben in ihren Rillen zur Seite wuchtete, zum Dank für die Erlaubnis ihr schönstes Lächeln und setzte sich wieder. Ihr Kommilitone hatte sich halb erhoben, gleich aber wieder in seinen Klappsessel fallen lassen, als die Frau ihre Tätigkeit an der Türe offensichtlich auch ohne Hilfe zu bewerkstelligen wusste.

 

 

Kurz vor Verkaufsbeginn hatten sich die beiden von gegenüber vor ihre Kommilitonen gehockt. Sie sprachen noch ein letztes Mal das Vorgehen bei ihren Beobachtungen ab. Kurz darauf saß jeder auf seinem Stuhl, beobachtete den Strom der Kunden und Schaufensterbummler, die den hell gefliesten Gang zwischen den Geschäften hindurch schlenderten oder auch eilten.

 

Die Klemmbretter auf ihren Knien waren mit identischen Fragebögen bestückt. Die Kopfzeilen waren bedruckt mit dem Titel ‚Menschen unter Stress, Seminararbeit von Melanie Stümper, Karin Hops, Heiko Spärlich und Karl-Dieter Warne‘. Seminar und Semester waren direkt darunter zu lesen. Dem Eintragungsfeld für die Uhrzeit folgte eine Tabelle, die die zu beobachtenden Menschen nach Geschlecht, Altersgruppen und vermuteten Einkommensschichten sortierte. Die Matrix aus leeren Kästchen mit einem waagerechten Zeitstrahl darüber war an den Zeilenrändern in der folgenden Reihenfolge beschriftet mit ‚unverändert, freundlich, gezwungen höflich, unruhig, ungeduldig, ungehalten, aggressiv‘. Die untersten Felder trugen die Titel ‚beleidigend‘ und ‚handgreiflich‘. Das Ende der Formulare bildeten Linien für einen Freitext und eine für den Namenseintrag.

 

 

Die vier Studenten hatten verabredet, dass ein jeder seine Beobachtungen unabhängig von den anderen dokumentieren sollte. Später würden sie sie miteinander vergleichen und gemeinsam auswerten. Nun warteten sie auf ihr erstes ‚Beobachtungsobjekt‘. Es wurde die junge Frau mit dem Kinderwagen.

 

Werner Mähder saß an seinem kleinen weißen Press- Spantisch in dem Raum, den er seit Jahren als sein Büro betitelte. Ein Schlauch, geschätzte zwei mal fünf Meter mit weiß getünchtem Mauerwerk zwischen Außenwand und Kundentoiletten. Wenigstens gab es Oberlichter, die er öffnen konnte, und durch die seit Beginn seiner heutigen Arbeitszeit die frische Frühlingsbrise die über Nacht abgestandene Luft ersetzte. Irgendwoher schien die Klimaanlage ihre Abluft genau zu Mähder hereinzublasen.

 

Die Ellbogen auf die Tischplatte gestützt und das Kinn auf die gefalteten Hände gelegt, überdachte er das eben Geschehene. Den letzten Fehlalarm hatte es vor vier oder fünf Monaten gegeben, danach war die Anlage vom routinierten Technikteam des Einkaufszentrums in Ordnung gebracht worden. Er hatte sich nichts vorzuwerfen.

 

Er schob seinen Stuhl zurück, warf einen letzten Blick auf die Kontrollmonitore der Überwachungskameras und verließ sein Büro zu einem weiteren Kontrollgang.  Er brachte es bis zur Mitte des Ladens. Hastig hängte er die Herrenhose wieder an ihren Drehständer, er hatte sie betrachtet, um sich wie ein normaler Kunde zu benehmen.

 

Schon wieder piepte die Überwachungsanlage! Er schüttelte den Kopf, sprintete zum Ausgang und sprach die beiden Frauen mit den prallen Kunststofftüten an. Offenbar hatten sie die reichlichen Sonderangebote ‚seines‘ Geschäfts ausgenutzt. Der Alarm schien sie nicht zu interessieren, ungerührt setzten sie ihr Gespräch fort.

»Gennse v´leicht …?«

 

Er hatte die beiden noch innerhalb des Eingangsbereichs erwischt. Der mit roten Pfeilen beklebte Boden sollte die Kunden zum Eintreten animieren. Irritiert folgten ihm die Frauen zurück ins Innere, wo er wieder eine der Verkäuferinnen mit einem kurzen Nicken bat, die Gruppe zu begleiten.

 

 

Mähder seufzte. Was war nur heute früh los?

 

Melanie winkte ihre Kommilitonen zu sich herüber.

   »Ach weeßte, Karle«, äffte sie mit gedämpfter Stimme den Tonfall des Hausdetektivs nach, als der sich gerade außer Hörweite begeben hatte, »es is´ doch schad´, dass mir in Dräsd´n so gar keen´ Dialekt ham.«

Verhalten lachten die vier, dann kehrten Karin und Heiko zu ihren Stühlen zurück.

 

Nach dem vierten Fehlalarm in der ersten Hälfte des Vormittags hatte Mähder über die Filialleitung die Haustechniker rufen lassen.

»Hat das was zu bedeuten? Als ich in die Nähe der Sensoren kam, hab´ ich jedes Mal ein seltsames Geräusch gehört. So ein Schnarren.«

   »Nee, das hier ist Elektronik. Die verrichtet ihre Arbeit still und leise. Bis ihr Einsatz kommt. Der Trafo könnte gebrummt haben, aber ich habe nichts gehört.«

    Die beiden Männer lachten ihn an. Ein technischer Laie! Als sie mit ihren Kunststoffkoffern ihren Arbeitsplatz einrichteten, lehnte er sich daneben an den Rahmen des Schaufensters. Die Studenten machten unaufgefordert Platz.

 

Von seinem Platz aus konnte er einen Blick auf die Fragebögen erhaschen, bevor sich die junge Frau das Klemmbrett mit dem Ellbogen vor die Brust drückte, um die Hände freizuhaben für ihren Klappstuhl und den Rucksack. ‚LMU, Sozialwissenschaften, Bachelorarbeit‘. Den Rest des Formulars verdeckte ihr Unterarm, er hatte nur noch erkennen können, dass es dort eine Tabelle gab. Er zuckte die Schultern. Volkszählungen, Verkehrszählungen und Ähnliches hatten ihn noch nie interessiert.

 

Eine Viertelstunde dauerte die Bemühung der Techniker. Dann packten sie ihre Siebensachen zusammen und erhoben sich.

   »Tut uns leid, Herr Mähder, wir konnten keinen Fehler feststellen. Die Anlage scheint in Ordnung zu sein. Wir haben trotzdem einen Sensor getauscht, bei dem alten war ein Kontakt oxidiert. Ich hoffe, jetzt gibt sie Ruhe.«

 

Mit zwei Fingern tippte er zum Gruß an die Schläfe und hatte sich schon umgedreht. Die Studenten rückten ihre Stühle wieder neben den Eingang.

 

Nach 20 Minuten piepte der Apparat schon wieder. Mähder war mit dem letzten Verdächtigen noch nicht einmal auf der Höhe des Kassentisches, als er sich wegen eines neuerlichen Alarms umdrehte. Zwei junge Männer in Jeans und Kapuzenpullis gingen neben dem roten Blinklicht durch die Tür. Denen traute er einen Ladendiebstahl wirklich zu. Ein Vorurteil! Das wusste er, aber er war froh, die Verdächtigen diesmal einem brauchbaren Klischee zuordnen zu können.

   »Warten Sie hier! Ich bin gleich wieder bei Ihnen«, rief er dem Senior zu und spurtete unter den Blicken aller Angestellten und Kunden zum Ausgang.

 

Der Kaufhausdetektiv fand an diesem Vormittag keine Ruhe. Weitere fünf oder sechs Alarme hielten ihn auf Trab, seine Kaffeepause hatte er abbrechen müssen. Er griff zu seinem Handy, rief nach Unterstützung. Bernhard, sein Bekannter, war Kaufhausdetektiv in der nahen Shopping-Meile. Wenige Minuten nur brauchte er für die fünfhundert Meter zu seinem Kollegen. Er schlenderte über den Parkplatz und schlängelte sich im Laufschritt durch die Lücken im Verkehr über die Straße.

 

»Ich halt´s nicht mehr aus! Alarm, Ergreifen der Verdächtigen am Ausgang, Befragung, Durchsuchung ihrer Taschen und so. Und dann … nichts. Absolut nichts! Neunmal! Welche neue Masche haben die Ladendiebe? Und die Leute, ich kann sie keiner der üblichen Gruppen zuordnen.«

 

Mähder sah verzweifelt aus, fand Bernhard. Sein Kollege war sichtlich verstört, seine Kleidung war derangiert, das Hemd hing vom Rennen aus der Hose, sein Haar war zerzaust. Er musste ihm helfen. Die Invasion der mutmaßlichen Ladendiebe kam ihm unglaublich vor. Hatten die Frühlingsgefühle die Kunden nicht nur lebhafter, sondern auch kriminell gemacht?

 

Bis zur Mittagspause sprach der Sensor noch zweimal an. Die Untersuchungen förderten keine gestohlenen Waren zutage.

 

Die Studenten tauschten untereinander fragende Blicke aus, nickten sich dann gegenseitig zu. Zahlreiche Fragebögen hatten sie ausgefüllt. Ihre Feldstudie sahen sie für heute beendet. Das Einsammeln der Rucksäcke und Sporttaschen und das Zusammenklappen der Campingstühle dauerten keine fünf Minuten. Fröhlich plappernd machte sich Gruppe auf den Weg zur Rolltreppe.

»Die Studie war interessant. Die Beobachtung der angeschwärzten Kunden hat richtig Spaß gemacht. Ich freu´ mich schon auf morgen im Olympiaeinkaufszentrum. Die Idee mit dem Rollmaßband war grandios. Den dünnen Blechstreifen hat keine Überwachungskamera registriert. Sag´ mal, Heiko, wo hast du eigentlich den Transponder her, den wir ans Ende geklebt haben?«

   Ein Lachen war die erste Antwort.

 

»Den hab´ ich in der Tasche einer neu gekauften Jacke gefunden. Eine elektronische Warensicherung hatte das Bekleidungsgeschäft nicht.«

 

 

ENDE