Dorothe Schauber, geboren 1939 in Brig (Wallis, CH) als elftes, von zwölf Kindern. Mein Wunschberuf,  Schauspielerin, war aus der Optik meiner Eltern, jenseits von Gut und Böse und wurde strikte abgelehnt! So besuchte ich das Lehrerinnenseminar. Nach einem kurzen Intermezzo als Primarlehrerin heiratete ich 1961. Die Kinder folgten 1963, 66, 69. Sie bescherten uns im Lauf der Jahre sieben Enkelkinder. Nebenbei machte ich diverse Weiterbildungen und entsprechende Tätigkeiten, schrieb Kurzgeschichten und Glossen für diverse Zeitungen und Zeitschriften. Meine Berufskarriere beendete ich als Korrektorin bei einer Tageszeitung. Und immer wieder spielte ich in Laiengruppen Theater!

 

Mit meinem Beitrag "Tschutten", konnte ich im Jahre 2017, anlässlich eines Schreibwettbewerbes für über 70-jährige, viele Leserinnen und Leser zum Schmunzeln bringen, was mir sogar den Siegespreis bescherte und mich natürlich sehr freute. Es gibt viele ältere Menschen, die noch gerne lesen und schreiben, doch sind bei so Ausschreibungen meistens junge Autor/innen gefragt. Bei www.ue70.ch sind Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz erfragt, schauen Sie da ruhig einmal rein. Wenn es Sie interessiert und Sie bereits siebzig Jahre auf dem Buckel haben, können Sie sogar beim diesjährigen Wettbewerb noch mitmachen, denn der Abgabetermin ist erst Ende 2020. Viel Freude und viel Glück!

Tschutten 

(Urheberrechte und Copyright © by Dorothe Schauber)

 

Als ich ein Kind war, wäre ich lieber ein Bub gewesen. Ich hätte keine Röcke und Schürzen tragen müssen, niemand hätte mir unter Rupfen und Zupfen die Zöpfe geflochten, ich hätte nicht stricken und sticken und nähen müssen, dafür hätte ich den Kopfstand machen, Rad schlagen, Raufen, Rangeln und Fußball spielen dürfen. Letzteres vor allem. Wobei das bei uns nicht Fußball spielen, sondern Tschutten hieß. Doch genau das Tschutten wurde mir zum Verhängnis.

 

Aber der Reihe nach.

 

Jeden Frühling, genauer vor Fronleichnam, mussten wir jüngeren Mädchen von Haus zu Haus oder besser gesagt von Garten zu Garten ziehen und um Blumen und Äste bitten, damit die großen Mädchen zusammen mit den Nonnen daraus schöne Sträuße binden und Girlanden flechten konnten. An Fronleichnam wurden mit unsern Blumen und Ästen Altäre geschmückt und hässliche Nischen und Hauseingänge kaschiert, damit die betende und singende Prozession dann durch festliche Straßen schreiten konnte.

 

 

Ich genierte mich für diese Blumenbettelei. Die einen – meine Tante zum Beispiel – gaben uns nur 5-vor-12-Blumen, das heißt solche, die kurz vor dem endgültigen Absterben waren und noch vor der Klosterwaschküche, wo die Herrlichkeiten gesammelt wurden, über einem Gartenhag (Zaun) landeten. Die andern seufzten und konnten sich nur schwer von ein paar mickrigen Blumen trennen und verlangten von uns eine Dankbarkeit, die wir mitnichten empfanden. Unterdessen fuhren die Buben mit Handwägelchen hinter uns her, damit wir die Blumen hineinlegen konnten. Aber sie fuhren nicht nur hinter uns her, sondern blödelten herum, schubsten uns und zogen uns an den Zöpfen, wenn niemand Erwachsener hinsah, und tschutteten mit allem, was ihnen vor die Füße kam.

 

Neben meiner Tante wohnte Leonie, eine kleine unscheinbare, verhutzelte Frau, die immer freundlich lächelte und nur ganz leise redete. Sie war sofort bereit, sich von ihren Pfingstrosen zu trennen und trippelte hierhin und dorthin, schnipste hier noch einen Grünzweig ab und dort ein Schleierkraut. Sie drehte und bückte sich und murmelte vor sich hin. In ihrem Eifer merkte sie nicht, wie ihre Perücke immer schiefer rutschte. Die Buben aber merkten es sofort und prusteten los und auch wir Mädchen kicherten verstohlen. Als Leonie am Zaun entlang nach weiteren Blumen Ausschau hielt und sich wieder mal bückte, fiel die bescheidene Haarpracht über den Zaun zu Boden, und zwar genau vor die Füße der vermaledeiten Buben. Johlend kickten sie sich die Perücke zu und merkten nicht, wie sich Leonie die Schürze über ihren nackten Kopf warf und schluchzend ins Haus rannte. Ich stand immer noch im Garten und war hin- und hergerissen zwischen Bedauern mit der schluchzenden Leonie und Bewunderung für die Perücken kickenden Buben. Und dann… dann landete die Perücke plötzlich vor meinen Füßen. Und ich konnte einfach nicht anders. Da ging ein Ruck durch meinen Körper, vor allem durch meine Beine, ich holte mit meinem rechten Bein weit nach hinten aus und schoss dieses Haarbündel in hohem Bogen weg. Das war ein Bombenschuss, ein Mordstreffer, etwas nie gesehenes, und ich war unendlich stolz. Nach meinem Empfinden musste die Perücke ganz weit geflogen sein, mindestens bis zum Kirchturm. Ich schaute verwirrt umher, und dann sah ich sie. Sie lag im Blumenkistchen vor Leonies Fenster, nur etwa mickrige zwei Meter weit hatte ich geschossen. Die Buben buhten mich aus, die Mädchen schrien entsetzt, und plötzlich stoben alle davon, weil sich die Nachbarn bedrohlich näherten, und ich rannte hinterher.

 

 

Die Mädchen sagten vorwurfsvoll: «Du hast getschuttet! Das musst du beichten!» Die Buben hänselten: «Was für eine Flasche!»

Den ganzen Tag war ich hin- und hergerissen zwischen Schuld- und Hochgefühlen. Ich wusste, dass mich meine beiden Brüder, die dabei gewesen waren, daheim nicht verpetzen würden. Aber sie ließen mich meine Untat auf andere Weise büßen: «Heute trocknest du für mich das Geschirr ab», sagte Hans und sah mich schadenfroh an. Und ich tat es widerspruchslos.

 

Aber Leonies Kahlkopf und ihre Tränen lasteten zentnerschwer auf mir. Und der Ruf der Mädchen: «das musst du beichten» war noch schlimmer.

 

Ein paar Wochen zuvor war ich zum ersten Mal zur Beichte gegangen und tags darauf zur ersten Kommunion. Anschließend war meine Seele weiß wie Schnee gewesen, wenn auch nur für kurze Zeit, eigentlich nur für ein paar Minuten, dann kamen all die kleinen Sünden, die sich wie Staubkörner und kleine Schlieren darauf legten. Aber jetzt war ein riesengroßer Klecks darauf, ein richtiger rabenschwarzer Fleck. Ich musste unbedingt meine Sünde beichten, aber wie? Im Beichtspiegel, der Anleitung für richtiges Beichten, stand nichts von Tschutten und nichts von Perücken. Ich zermarterte mein achtjähriges Hirn und las die Anweisungen immer und immer wieder durch. Hatte ich eine lässliche Sünde begangen oder eine schwere? Tschutten war vielleicht nur lässlich, aber die Perücke herumzukicken und Leonie damit zum Weinen zu bringen, wog bestimmt sehr schwer. Wie sollte ich das formulieren? Ich konnte doch nicht sagen: Ich habe Leonies Perücke getschuttet!

 

Ich zermarterte mein Gehirn und las immer wieder den Beichtspiegel. Und dann fand ich eine Formulierung, die mir zu passen schien. Da stand: Habe ich fremdes Eigentum veruntreut? Die Perücke war doch fremdes Eigentum! Sie gehörte nicht mir, sie gehörte Leonie. Was veruntreut hieß, wusste ich nicht. Aber wenn ich im Beichtstuhl schnell und ein bisschen undeutlich flüsterte, würde der Pfarrer nicht so genau hinhören. Am folgenden Samstag schlich ich in die Kirche. Mein Herz surrte wie unsere Pfaff-Nähmaschine.

 

Dann kniete ich auf dem Bänklein und beichtete zuerst meine lässlichen Sünden: «Ich habe genascht, gelogen, unandächtig gebetet, mit meinen Brüdern gestritten» und noch ein paar solcher Kleinigkeiten. Das ging mir viel leichter von den Lippen als bei meiner ersten Beichte. Und dann sagte ich den schwierigen Satz, den ich mit Mühe auswendig gelernt hatte: «Ich habe fremdes Eigentum veruntreut.» Im Eifer hatte ich vergessen, undeutlich und besonders leise zu flüstern. Da sagte der Pfarrer: «Wo hast du den Chabis her? Du musst nicht Sachen beichten, die du nicht verstehst! Hast du sonst noch etwas, sonst sag deinen Spruch!» Ich flüsterte erschrocken: «Mein Jesus Barmherzigkeit!» und stolperte aus dem Beichtstuhl. Ich war zutiefst empört. Ich hatte keinen Chabis erzählt! Dann merkte ich erschrocken, dass ich geflohen war, bevor mir der Pfarrer die Absolution erteilt hatte. Nun war der große schwarze Fleck immer noch auf meiner Seele.

 

 

 

Am andern Tag, einem Sonntag, ging ich mit der ganzen Familie, meinem Vater, meiner Mutter, meinen fünf Schwestern und meinen sechs Brüdern, in die Kirche. Und alle bis auf meinen kleinen Bruder gingen zur Kommunion. Ich wollte nicht, mit meinem großen, schwarzen Fleck auf der Seele. Aber meine älteste Schwester schubste mich und sagte: «Du musst jetzt auch gehen!», und sie schob mich zur Kommunionbank. Der Pfarrer legte die Hostie auf meine Zunge. Ich musste sie schlucken.

Ich war todtraurig. Jetzt hatte meine Seele nicht nur einen schwarzen Fleck, jetzt war sie total rabenschwarz. Wenn man mit einer schweren Sünde zur Kommunion ging, war das nochmals eine schwere Sünde. Wenn ich jetzt sterben würde, käme ich geradewegs in die Hölle. Niemand kann sich vorstellen, in welcher Not ich war. Ich weinte und mochte nicht essen, und wenn mich meine Mutter fragte, was los war, klagte ich, ich hätte Bauchschmerz. Wieder eine Lüge. Aber schwärzer als rabenschwarz konnte meine Seele ja nicht sein.

 

Ich litt mich durch die Tage und sah keinen Ausweg. Manchmal war ich kurz davor, alles meiner Mutter zu beichten. Aber mit fünf Vaterunser und drei Gegrüßt seist du Maria wäre ich bei ihr nicht davongekommen.

 

Schließlich gewöhnte ich mich an meine finstere Seele. Jede Beichte ohne meine Perücken-Geschichte war ungültig, jede Kommunion häufte weitere Schuld auf mich.

 

Eines Tages kam ein Kapuziner zur Aushilfe. Er war schon alt, in meinen Augen uralt. Aber er hatte ein so liebes Gesicht und lächelte so freundlich mit seinen schiefen Zähnen. Er würde nicht sagen, ich solle keinen Unsinn, (keinen Chabis) erzählen. Überhaupt; Ihm konnte ich alles ohne Umschreibung beichten.

 

Tatsächlich brachte ich es fertig, zwar nicht ohne Schniefen, ihm die ganze Geschichte zu erzählen und all die schweren Sünden, die ich aufgehäuft hatte, noch dazu. Und als er sein «Ego te absolvo» flüsterte und das Kreuzzeichen machte, ging ich hüpfend aus dem Beichtstuhl. Jetzt hatte ich wieder eine schneeweiße Seele!

 

Ich würde nur noch bei diesem Kapuziner beichten, auch die kleinen Sünden. Vor seinem Beichtstuhl standen die Leute Schlange. Alle mochten ihn. Einmal hörte ich einen Mann zu einem andern sagen: »Bei dem geh ich am liebsten beichten.«

 

   »Ich auch«, sagte der andere, »ich bin halt froh, dass er sozusagen auf beiden Ohren taub ist! «

 

ENDE