Die allgemeine Ankündigung zur Abschaffung des Geldes bewirkte nicht nur bei Banken und Unternehmen großes Kopfzerbrechen, sondern auch bei kleineren Kommunen wie Gemeinden bis hin zum Zimmermädchen und anderem Service-Personal, welches seine künftigen Trinkgelder davonschwimmen sah.

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Michael Kothes Satire zur

Abschaffung des Geldes

 

 

Der »Grove«

(Urheberrechte und Copyright © by Michael Kothe)

 

Ganz Europa bereitete sich auf die Einführung des digitalen Euro vor. Ganz Europa? Nein, ein kleines galicisches Dorf leistete Widerstand.

»Juan Manuel!«

Befehlsgewohnt hallte die Stimme der Bürgermeisterin durch das Obergeschoss, als sie ihren persönlichen Referenten rief. Nach ihrer Wahl hatte sie es sich nicht nehmen lassen, das neue Bürgermeisterbüro in dem schmucklosen Gebäude gegenüber dem Supermarkt zu verlassen und ihren Arbeitsplatz im romantischen, antiken Rathaus einzurichten.

»Juan Manuel!«

»Señora?«

»Bitte überarbeiten Sie den Textentwurf für die Einladung an die Direktoren und die Druckereibesitzer. Es ist so weit. Der Termin ist entschieden, die Europäische Zentralbank hat sich im Zuge der weltweiten Bargeldabschaffung auf den ersten Januar festgelegt. Viel Zeit bleibt uns nicht mehr.«

»Señora, hier ist der Text mit der Anlage. Ich hatte ein paar Daten nachzutragen, deswegen mussten Sie mich zweimal rufen. Den Vorsitzenden des Verbandes der Einzelhändler habe ich mit auf den Verteiler gesetzt.«

Angélica García Fernandez hob die Brauen. Sie kannte den vorauseilenden Gehorsam und die Sorgfalt ihres Referenten, aber dass er diese Anlage selbständig zusammenstellte, rang ihr großen Respekt ab. Mit einem Lob nahm sie ihm die Ausdrucke aus der Hand und nickte ihm zu. Bevor sie sich in den Text und die Tabellen vertiefte, lehnte sie sich in ihrem Ledersessel zurück und blickte aus dem Bürofenster auf den Marktplatz der zehntausend Seelen-Gemeinde O Grove, der außer freitags als Parkplatz diente. Am linken Rand ihres Blickfeldes nach draußen nahm sie ein Stück vom Hafen wahr, in dem sich bunte Fischerboote auf den flachen Wellen wiegten. Der Atlantik wagte sich mit seinem heftigeren Seegang nur selten durch die Ría de Arosa hierher ans südliche Ende der Bucht.

Angélica seufzte. Zu oft hatte sie sich in der letzten Zeit mit den Zweigstellendirektoren der im Ort vertretenen Banken über die Einführung des digitalen Euro und die Abschaffung des Bargelds ausgetauscht. Mit Vertretern aus Handel und Gastronomie hatte sie gesprochen und sich auch deren Befürchtungen angenommen. Bürgerinnen und Bürger waren von sich aus auf sie zugekommen, auch Vivencio, der Präsident der lokalen Rentner- und Pensionärs-Vereinigung, hatte seine Aufwartung gemacht und das Unbehagen seiner Senioren vorgetragen. Auch ihre eigenen Gedanken zu dem Thema waren nicht angetan, sie sorgenfrei in die Zukunft blicken zu lassen. Zwar würde sich im Lauf der Zeit alles einspielen, alle würden sich irgendwann an den neuen Zahlungsverkehr gewöhnen. Kreditkarten nutzten ja heute schon viele, aber es gab Gruppen, die der Verzicht auf Münzen und Scheine im Portemonnaie schmerzen würde ..  .

Sie straffte die Schultern und widmete sich dem Vortrag, den Juan Manuel ausgearbeitet hatte.

»Chef, wenn es ab dem nächsten Jahr kein Bargeld gibt, brauche ich eine deftige Lohnerhöhung. Mit dem Stundenlohn, den du mir zahlst, kommt meine Familie nicht über die Runden. Du weißt selbst, wie sehr wir auf das Trinkgeld angewiesen sind. Schließlich hast du ja selbst gekellnert, bevor du dein Lokal aufgemacht hast. Und Galicien lebt zum großen Teil vom Tourismus.«

»Ramón, versteh doch!« Verlegen kratzte sich der Pächter des Straßenrestaurants hinter dem Ohr. Lange schon hatte er gewusst, dass dieses Gespräch unweigerlich auf ihn zukäme, und sich bis zuletzt davor gefürchtet. Die Entscheidung der EZB war seit Tagen Nummer eins in den Medien. Eine Lösung für das Problem all seiner Angestellten hatte er nicht parat. Damit ging es ihm wie vielen Arbeitgebern im Dienstleistungsgewerbe. Nicht nur in dem pittoresken Küstenort, sondern europaweit. Eine Erhöhung des Grundlohnes bei gleichem Einkommen gerade der Kleinbetriebe würde Arbeitsplätze kosten! Und warum sollte der Umsatz steigen? Daran hatten die Damen und Herren in Brüssel sicherlich nicht gedacht. Halblaut sprach er zu sich selbst, denn Ramón hatte sich beim Anblick seines ratlosen Chefs wortlos umgedreht und widmete sich mit hängenden Schultern wieder seinen Gästen. »Mal wieder nicht über den Tellerrand hinausgeschaut und sich nur auf die Lösung eines einzigen Problems konzentriert, ohne die Auswirkungen auf anderen Gebieten mit einzubeziehen!«

Man prostete sich nicht zu, aber mit einem Nicken und einem Anheben der henkellosen Porzellantassen begrüßten Gabriel und Javier den Neuankömmling in dem winzigen Furancho, der idyllischen Besenwirtschaft. Hier wurde der Wein aus eigenem Anbau ausgeschenkt und aus ebendiesen Porzellanschalen getrunken, dazu wurden Tapas gereicht, kleine Snacks, die mal aus in Häppchen geschnittener Tortilla bestanden, mal aus einem Schälchen Miesmuscheln oder aus einer Tonschale mit Kichererbsensuppe. Manolo zwängte sich auf die Bank und dirigierte mit einem kurzen Heben des Kinns Antonio, den Wirt, zu sich. »Bringst du mir ein Glas Albariño? Auf den derben Roten habe ich heute keinen Appetit.«

»Nun, Manolo, welche Laus …«

Bevor Gabriel seine Frage vollenden konnte, fiel ihm sein Freund schon ins Wort.

»Na, rate mal! Dich betrifft es doch genauso. Ja, es ist richtig, dass die Regierung mit dem elektronischen Zahlungsverkehr die Schwarzarbeit eindämmen will. Das gibt aber dann noch mehr Vernetzung und lückenlose Kontrolle aller Bürger. Mit Sicherheit nimmt das Finanzamt Zugriff auf die Kontobewegungen. Und auch wenn du ehrlich bist und alles richtig machst, siehst du dich einer Flut von Fragen seitens der Behörden konfrontiert. Alles Dinge, die dir bisher erspart geblieben sind, denn was der Fiskus nicht sieht, darüber wird er auch nicht neugierig.«

»Du hast ja recht.« Resigniert zuckte Javier die Schultern, bevor er weitersprach. »Jede Vorauszahlung muss in das eigene Geld und die Umsatzsteuer aufgespleißt werden, jeder Materialeinkauf wird hinterfragt, zu welchem Auftrag er gehört.«

»Und das ist nur unser Blickwinkel. Mehr Arbeit, mehr Erklärungen, mehr Rechtfertigung. Aber auch die Behörden kommen nicht ungeschoren davon. Die wollen die Informationsflut quasi in Echtzeit auskosten, was zu endlosen Nachfragen führt und die eigentliche Arbeit behindert. Unsere Steuererklärungen werden noch später bearbeitet, und wir müssen noch länger Rücklagen für mögliche Nachzahlungen vorhalten.« Mit einem Seufzer hob Gabriel seine Tasse an den Mund und gönnte sich einen Schluck des in der Umgebung angebauten Barrantes. Ob er das Gesicht wegen des säuerlichen Rotweins verzog oder in Gedanken an den erhöhten Verwaltungsaufwand, der zum Jahreswechsel auf seinen kleinen Handwerksbetrieb zukam, hätte er selbst nicht zu beurteilen gewusst. Und wie er sich darauf vorbereiten sollte, konnte ihm auch niemand sagen.

Raquel hob die Brauen. Wieder einmal hatte sie einen Zehn-Euro-Schein entgegengenommen und eine Münze als Wechselgeld über den Verkaufstisch zurückgereicht. Es war Freitag, und als ambulante Schuhverkäuferin hatte sie ihren Marktstand in ihrem Heimatstädtchen aufgebaut. Seit Kurzem prangte an einer der Stangen, die das Sonnensegel hielten, ein Schild, das Kunden auf die Möglichkeit der Zahlung mit Kreditkarten hinwies.

»Noch funktioniert das ja.« Sie sah zu ihrem Standnachbarn hinüber, der zwischen dem Geldschein in ihrer Hand und dem Plastikschild hin- und her blickte. »Aber ich habe auf manchen Wochenmärkten schon erlebt, dass die Lesegeräte ausfallen. Ob das an technischen Defekten liegt oder an einem Funkloch, kann ich dir nicht sagen, José.«

Der zuckte die Schultern.

»Das ist doch wieder etwas, an dem die Großen verdienen. Wenn künftig alles nur mit Karte bezahlt wird, ziehen uns die Banken wirklich von jedem Verkauf ihren Prozentsatz ab. Die Politiker denken auch nur daran, den Lobbyisten gefällig zu sein. Klar, so sichern sie sich ihre Pöstchen nach ihrer Karriere in der Regierung.«

Die Abschaffung des Bargeldes würde als weiterer Grund für die Politikverdrossenheit und das Gefühl des Ausgeliefertseins herhalten müssen. Die erwarteten erhöhten Lebenshaltungskosten einmal ganz außer Acht gelassen.

Pünktlich um zehn Uhr hatte das Stühlerücken im Sitzungssaal des alten Rathauses ein Ende. Als Letzte hatte Angélica den Raum betreten, nachdem sie sich der Vollzähligkeit der Besprechungsteilnehmer vergewissert hatte. Als Hausherrin beugte sie so der Peinlichkeit vor, die eine Verspätung eines ihrer Gäste mit sich gebracht hätte. Entsprechend der spanischen Gepflogenheit fiel die Begrüßung herzlich aus, wurde jedoch nicht über Gebühr in die Länge gezogen.

»Da jeder weiß, was uns bevorsteht, wollen wir uns direkt ins Thema begeben. Mein Referent hat interessante Aspekte zusammen-getragen.«

Sie wandte kurz den Kopf. »Juan Manuel, würden Sie bitte die Jalousie herunterlassen.«

Sofort widmete sie sich wieder ihren Gästen.

»Obwohl alles bekannt ist, werde ich kurz zusammenfassen, damit unsere Absichten leichter zu verstehen sind und wir uns genauer auf Art und Menge unserer Maßnahmen festlegen können und auf einen Zeitplan für deren Umsetzung.

Die EZB schafft in einem Vierteljahr zum ersten Januar 2022 das Bargeld ab. Die politische Begründung ist die Eindämmung von Betrug, Diebstahl und …«, Angélica blickte in die Runde, »die Eindämmung von Schwarzarbeit.«

Warum die Vertreter der Gastronomie und des Einzelhandels sich gegenseitig mit einem Gefühl des Ertappt seins anblickten, sollte ihr Geheimnis bleiben.

»Aber«, setzte die Bürgermeisterin wieder an, »wir dürfen bei all der vorgetragenen Euphorie nicht vergessen, dass es auch bei einer rein digitalen Währung die andere Seite der sprichwörtlichen Medaille gibt.« Die ersten Bilder von Juan Manuels Präsentation erschienen auf der Projektionswand: eine Liste digitaler Währungen, die zum Teil schon länger im Umlauf waren. Bitcoin, Ethereum, Lightcoin, Dash, Monero und andere waren gelistet. Hinter dem letzten Namen einer Kryptowährung standen die bekannten drei Punkte und der Zusatz »und über 1.000 weitere.«

»Viele dieser Cyberwährungen entziehen sich der staatlichen Kontrolle, weil sie von privaten Unternehmen als Parallelwährung herausgegeben werden. Sie sind an keine Sicherheiten oder offiziellen Vorgaben gebunden und können mit Computern generiert werden. Betrug und Diebstahl sind auch dabei gang und gäbe. Bitcoins werden nicht ausgezahlt, Herausgeber der Währungen begeben sich in den betrügerischen Bankrott. Der einzige Vorteil ist, dass dem Taschendieb auf dem Wochenmarkt das Handwerk gelegt wird. Cyberkriminalität hat hingegen Hochkonjunktur. Und wie will sich der digitale Euro dem entziehen?« Ihr Blick in die Versammlung aus Zweigstellendirektoren und den Vertretern anderer lokaler Institutionen offenbarte ihr, dass auch von ihnen keiner so recht an die Solidität und die Unantastbarkeit der künftigen offiziellen Kryptowährung glaubte. Ein zweites Bild der Präsentation listete eine Reihe aktueller Betrugsfälle.

Weitere Bilder, Vortragsteile und eine angeregte Diskussion folgten.

Hörbar atmete Angélica aus. Zufrieden sah sie in die frohen Gesichter ihrer Besprechungsgäste. Ihnen war anzusehen, dass die ausgearbeiteten Lösungen ihr Wohlgefallen fanden.

»Für das Protokoll fasse ich zusammen. Einvernehmlich haben die Anwesenden die Einführung und die Ausgabe des Grove beschlossen, einer Parallelwährung für Einwohner, Besucher und Kunden unserer Gemeinde. Die Banken geben ihren Kunden den Grove gegen eine Lastschrift von ihrem Guthaben aus, Fremde kaufen ihn mittels ihrer Kredit- oder Bankkarten. Zurückgegeben wird er bei den hiesigen Banken und dem jeweiligen Kontoinhaber gutgeschrieben. So sind wir unabhängig von Systemausfällen, geringwertige Zahlungen belasten nicht den elektronischen Verkehr, der ja nicht immer über eine Ausfallüberbrückung verfügt, und …« Ein verschmitzter Seitenblick trifft den Vertreter der Restaurant- und Hotelbetreiber. »… Trinkgeld landet wieder direkt beim Kellner und beim Zimmermädchen.«

Als die offizielle Besprechung ihr Ende gefunden hatte, lehnte sich die Bürgermeisterin noch einmal zurück. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. »Wenigstens müssen wir nicht zum Muschelgeld zurückkehren!«

 

* * * * *

 

Michael KotheJahrgang 1953, Diplom-kaufmann und Wirtschafts-jurist, jonglierte über 30 Jahre lang von Berufs wegen mit Worten auf Deutsch und Englisch. Davon leben heute seine Geschichten und Romane. Verantwortungsbewusstsein Partnern und Kunden gegenüber nimmt er ernst. Früher waren das in nationalen und internationalen Rüstungsprogrammen Industrie, Ämter und Ministerien, heute sind es seine Leserinnen und Leser

 

Seinen Ruhestand verbringt er teils bei München – mit den Tatorten seiner Krimis vor der Haustür – und, teils in Galizien, dem grünen Norden Spaniens, wo er sich vorwiegend seinen Fantasyromanen widmet. Regelmäßig nimmt er mit Kurzgeschichten aus allerlei Genres an Wettbewerben teil. Auf diese Weise sind zahlreiche bestplatzierte Beiträge nach ihrer Veröffentlichung dort in seine eigenen Anthologien eingeflossen. 

Szenen einer Ehe – eher eine Szene!

(Urheberrechte und Copyrights by Michael Kothe)

 

»Ich liebe dich nicht mehr.«  

»Warum sollte es dir besser gehen als mir?« Entgegnete ich. Eine Menge Emotion legte ich in meine Stimme. Auf dieses Gespräch mit ihr hatte ich mich vorbereitet, ich wusste, dass es kommen würde. Kommen musste.

»Du hast mich nie ernst genommen, hast meine Bedürfnisse ignoriert! Für dich war ich nur gut genug zum Putzen und Waschen.«

»Na ja, da war noch ´was anderes«, warf ich ein. Kaum war die Entgegnung über meine Lippen geflossen, bereute ich sie. Ich hatte sie anders gemeint! Innerlich zuckte ich zusammen, sah die moralische Gewitterwolke meinen ganzen Horizont ausfüllen. Prompt erntete ich den Kommentar, den – so schien es mir – jede sexuell frustrierte Ehefrau loswerden musste.

»Der Spruch musste ja kommen, du Pascha. Ihr denkt auch immer nur an das Eine! Und? Was kommt dann? Nur heiße Luft!«

»Stimmt doch gar nicht! Es war echte Liebe, aber im Lauf der Zeit …«

»Etwas Besseres fällt dir auch nicht ein, wenn du mir wenigstens nur ab und zu geholfen hättest. Aber nein, du hattest nur deine Arbeit im Sinn, deine Geschäftsreisen, hast mich und die Kinder vernachlässigt …«

 

Die Pause war nur kurz, dann wusste ich, was ich zu antworten hatte. 

 

»Ich hab‘s für uns getan. Von nichts kommt nichts.«

»Ach, und meine Arbeit zählt wieder nicht! Ich rackere mich im Haushalt ab von früh bis spät, habe kein Wochenende, keinen Feiertag, keinen Urlaub. Wenn du heimkommst, legst du nur die Füße hoch, erwartest, dass ich dich frage, wie dein Tag war. Wer zum Teufel fragt mich, wie mein Tag war?« Ihre Stimme schwoll ein paar Dezibel an. »Du meinst auch, bloß weil du das Geld heimbringst, …«

 

»So ist das nicht«, fiel ich ihr ins Wort, »auch wenn ich meine Arbeit nicht gegen deine tauschen möchte, so erkenne ich deine doch an.«

»Und was habe ich davon, tagein, tagaus? Höre ich von dir nur ein einziges Wort der Anerkennung?«

Die Fäuste hatte sie geballt, sie zitterte, ihre Stimme vibrierte. Es war nicht das angenehme Timbre, das ich so lieben gelernt hatte vom ersten Tag an, als wir uns trafen. Aber darauf reagierte ich nicht, es war einfach ihre Stimme, die mich noch immer erregte. Mein Fehler! Als ich meine Gedanken und Sehnsüchte wieder von ihrem Tonfall löste, wusste ich nicht mehr, wie das Gespräch begonnen hatte, das schlechte Gewissen aber blieb. Wie schon so oft. Ich musste mich mehr zusammenreißen! Diesmal ging der Punkt an sie.

 

Das nächste Streitgespräch ließ nicht lange auf sich warten. Gerade hatten wir noch nebeneinander Hand in Hand auf der Couch gesessen. Nun standen wir uns gegenüber, nach vorn gebeugt, nur der Couchtisch zwischen uns bemühte sich als stummer Schiedsrichter darum, dass der Disput wenigstens einigen Regeln der Vernunft und des Anstands zu gehorchen hatte. Das leidige Thema war der Urlaub im Tessin, im Ferienhäuschen mit dem kleinen Garten, einem Handtuch von Grundstück.

»Nicht einen Finger hast du gerührt! Wenn wir ankommen, räumst du gerade noch das Auto aus. Ist klar, wenn der Wagen erst mal in der Garage steht, kommst du nicht mehr an den Kofferraum. Aber danach …? Ich darf zuerst eine Grundreinigung durchführen, weil das Haus ein halbes Jahr leer stand, während du auf der Terrasse beim Bier eine rauchst und dann im Bett verschwindest. Ja, du hattest ja auch fahren müssen. Aber am nächsten Morgen verlangst du frische Brötchen vom Bäcker, ein geputztes Bad und sämtliche Gartenmöbel auf der Terrasse.«

»Ich habe nie gefordert, dass du das alles in der ersten Nacht herrichtest. Schließlich haben wir fast vier Wochen Urlaub da verbracht.«

»Du hättest ja auch mal zugreifen können! Du weißt auch, wie schwer es mir fällt mit dem alten Rasenmäher.«

»Ja, und am zweiten Tag sollte ich die Hecke schneiden. Das hätte auch Zeit gehabt in den vier Wochen.«

»Wenn es zu Beginn gemacht würde, hätten wir es halt die ganze Zeit schön.«

»Du weißt, wie dringend ich Entspannung gebraucht habe! Immerhin bin ich zehn Monate im Jahr fünf Tage die Woche zwischen zehn und zwölf Stunden von zu Hause fort, während du dir deinen Tag einteilen kannst und deinen Arbeitsplatz gestaltest, wie du ihn möchtest. Während ich fremdgesteuert bin!«

»…?«

 

Dieser Punkt ging eindeutig an mich.

 

Das nächste Mal hatte sie mich mundtot gemacht nach nur zwölf Sekunden: »Du hast keine Argumente, du hast nur Ausreden!«

K.O. in der ersten Runde.

 

Noch einige solche Dispute folgten in der nächsten Zeit. Anfangs mit wechselndem Ergebnis. Dann wurde sie immer stärker, fuhr Themen und Argumente auf, denen ich immer weniger entgegenzusetzen hatte. Sie wurde ruhiger, rationaler, während mich ihre zunehmende Sachlichkeit jedes Mal mehr zur Weißglut brachte. Manchmal wiederholten wir uns. Szenen einer Ehe eben. Dort wird auch nicht alles nur ein einziges Mal aufgetischt, dieselbe schmutzige Wäsche wird mehrmals gewaschen. Sie wurde immer sicherer. Bald hatte sie mich eingeholt. Überflügelt will ich nicht sagen. Oder nicht zugeben.

Und dann:

»Du, danke für deinen Rhetorikunterricht! Du bist ein wirklicher Freund.«

 

Hannelores Kuss war mehr als gehaucht, er war leidenschaftlich. Genauso leidenschaftlich gab ich ihn zurück. Ich hatte mich lange danach gesehnt.

 

Mit Hilfe unserer Rollenspiele und ihrem daran gewachsenen Selbstbewusstsein hat sie es geschafft, nicht nur die Scheidung einzureichen und, dem Zerrüttungsprinzip folgend, durchzustehen, sondern sich auch ein übergroßes Stück vom Kuchen der Zugewinngemeinschaft abzuschneiden.

Hannelore und Herbert kannte ich schon lange. Obwohl ich mitgeholfen hatte, ihn zu übervorteilen, tat Herbert mir aus tiefster Seele Leid.

Nach ihrer Scheidung sahen Hannelore und ich uns regelmäßig. Nach einem Vierteljahr verkaufte sie die Wohnung, die ihr zugesprochen worden war, und zog zu mir. Wir heirateten. Nun habe ich sie am Hals und weiß nicht, wie ich sie wieder losbekomme. Im Tessin habe ich die Hecke geschnitten und den Rasen gemäht. Gleich, nachdem ich den Kofferraum ausgeräumt hatte. Sie lag auf der Terrasse im Liegestuhl in der Sonne. Sie wollte für mich hübsch braun werden. Die Brötchen mag sie übrigens warm und mit Kruste, und die Gartenabfälle lasse ich höchstens eine halbe Stunde liegen.

Mit Herbert verstehe ich mich übrigens wieder prima. Im Grunde meines Herzens beneide ich ihn.

 

 

 

ENDE