NEUERSCHEINUNGEN 2021/22

In dieser Rubrik stellen Hobby- und halbprofessionelle AutorInnen ihre eben veröffentlichten oder demnächst zu veröffentlichen Werke vor.

 

Dabei dürfen sämtliche wichtigen Daten der Werke angegeben werden und ebenso eine Verlinkung zu ihren Internetseiten, sofern sich diese ausschließlich mit ihren persönlichen, literarischen Werken befassen.

 

 

Isabell Hemmrich wurde 1985 in Würzburg geboren und wohnt heute in einem kleinen Dorf in der Nähe von Straubing in Nieder-bayern.

Sie gesteht uns; „geschrieben habe ich schon immer gern, hatte allerdings lange Zeit nicht den Mut, mit meinen Werken an die Öffentlichkeit zu treten. Im Jahre 2019 schließlich, raffte ich mich dazu auf, meinen inneren Schweinehund zu überwinden und war ob der positiven Resonanz überwältigt.

So kann ich mittlerweile mit großer Freude auf rund zwei Dutzend Veröffentlichungen in Anthologien zurückblicken. Ganz besonders glücklich bin ich darüber, dass ich inzwischen sogar meinen Traum vom eigenen Buch verwirklichen konnte: Im Mai 2021 ist mein Band der Kurzgeschichten Wenn des Nachts der Tag erstirbt bei Grey Gull Publications erschienen, den ich auch selbst illustrieren durfte. Doch darüber mehr hier in dieser Rubrik.

 

Die Großstadtlegende THE BLACK EYED CHILDREN inspirierte mich für den Wettbewerbsbeitrag AUGEN AUF DEM HÜGEL, den ich gerne in der Rubrik SCHATZKAMMER den Leserinnen und Lesern vorstelle."

 Isabell Hemmrich

 

Wenn des Nachts der Tag erstirbt

16 unheilvolle Geschichten

Grey Gull Publications 2021

 

ISBN 978-3-75411-537-4 (Taschenbuch)

ISBN 978-3-75411-535-0 (Hardcover)

 

Auch als E-Book erhältlich

 

Besuchen Sie Isabell Hemmrich auf

 

 

 https://www.greygullpublications.de/isabell-hemmrich 

Als Leseprobe steht den Leserinnen und Lesern eine komplette Kurzgeschichte aus obigem Buch zur Verfügung. Wir wünschen Ihnen gute Unterhaltung, Gänsehaut und Schrecken!

 

 

 

In einem Bächlein helle …

 

(Urheberrechte & Copyright © by Isabell Hemmrich)

 

 

„Schau mal, Papa, eine Meerjungfrau!“

Missbilligend runzle ich die Stirn. Meerjungfrau! Also wirklich. Nicht gerade schmeichelhaft, mit einem Weibsbild verwechselt zu werden, muss ich schon sagen. Aber die Kinder heutzutage haben eben keine Ahnung mehr von den Sagen und der Folklore ihrer Heimat. Starren den lieben langen Tag nur auf diese kleinen flimmernden Geräte, die von Zeit zu Zeit so unangenehme Töne von sich geben, dass alle Fische im Umkreis die Flucht ergreifen.

 

Vor ein paar Generationen war das noch anders. Da kannte mich jedermann. Ehrfürchtig wurde mein Name geflüstert, wenn die Frauen ihre schmutzige Wäsche in die Fluten tauchten. Auch nicht gerade schön, mein Gewässer von menschlichem Schweiß, Staub und wer weiß was sonst noch allem verunreinigt zu sehen; besonders schlimm waren diese viereckigen Mulltücher, die sie Windeln nannten. Gottogott! Grauslich war das. Das hat sich zum Glück gegeben. Ich weiß nicht, was die Menschen jetzt mit ihrer Dreckwäsche machen, aber es ist schon etliche Jahrzehnte her, dass das Weibervolk mit Waschbrettern und diesen schrecklich stinkenden Seifenstücken zu mir ans Ufer gepilgert ist.

 

Ich vermisse sie nicht. Die Jungen und Mädchen, die sich in den heißen Sommern fast täglich in den kühlen Wogen meines Baches erfrischt haben, dagegen schon. Was war das für ein Juchzen und Toben, wenn sich die Kinder wieder und wieder vom Rand ins Wasser plumpsen ließen. Manch einer vollführte gar einen kühnen Kopfsprung, was bei der relativ geringen Wassertiefe und den gewaltigen Steinen am Grund nicht ganz ungefährlich war. Doch nie ist etwas passiert. Die Menschen sagen wohl nicht zu Unrecht, dass der allmächtige Schöpfer ein besonderes Augenmerk auf das Wohlergehen der Allerkleinsten habe.

 

So konnten sich die Rangen völlig unbesorgt und losgelöst ihren Spielen widmen, sich gegenseitig nass spritzen und Wettkämpfe veranstalten: Wer konnte am schnellsten schwimmen, wer am längsten unter Wasser bleiben, ohne Luft zu holen? Was für mich dank meiner Kiemen das Natürlichste der Welt ist, gestaltete sich für die kleinen Menschlein zu einer echten Herausforderung. Kaum einer schaffte es, länger als zwei Minuten in meinem Reich zu verweilen. Dann durchbrachen sie prustend und zitternd die Oberfläche und saugten mit geröteten Gesichtern gierig das mir so fremde Element in ihre Lungen.

 

Ja, ich vermisse die munteren Racker. Es hat mir solche Freude bereitet, sie beim Herumalbern zu beobachten. Nur noch selten verirrt sich heutzutage ein mutiges Mädchen oder ein waghalsiger Knabe zu mir ins kühle Nass. Manchmal höre ich, wie die Eltern ihre Kinder warnen. Es sei zu gefährlich, im Bach zu schwimmen, die Strömung zu stark. Stattdessen verweisen sie auf etwas, das sich Freibad nennt. Ich kann mir darunter nicht viel vorstellen. Wo könnte man sich freier fühlen, als beim Baden inmitten der glasklaren Wellen meines heimatlichen Gewässers?

 

 

    „Papa, Papa! Jetzt guck doch mal!“

Die helle Stimme reißt mich aus meinen Reminiszenzen. Aufgeregt zerrt der kleine Junge am Ärmel seines Vaters. Der aber hält sich eines dieser rechteckigen Flimmerdinger ans Ohr und spricht mit jemandem, den offenbar nur er sehen kann. Sogar aus der Entfernung kann ich erkennen, wie sehr er in seinem Nadelstreifenanzug schwitzt. Dabei hat die milde Abendbrise, die in den Binsen am Ufer flüstert, die Hitze des Tages längst mit sich genommen. Jaja, die Menschen und ihre Kleidung! Da hat es unsereins doch erheblich leichter.

 

Ich tauche ein Stück ab, sodass meine Augen geradeso über dem Wasserspiegel herausschauen. Meinen kahlen grauen Schädel könnte man jetzt auch für einen runden Felsblock im Bachbett halten, wenn man nicht ganz genau hinsieht.

    „Jetzt taucht sie unter! Gleich ist sie weg!“

Genervt verdreht der Mann die Augen und wendet sich der Stelle zu, auf die der ausgestreckte Zeigefinger seines Sprösslings weist. „Das ist nur ein Stein. Jetzt lass den Papa in Ruhe telefonieren.“ Damit dreht er sich wieder weg und redet weiter auf seinen unsichtbaren Gesprächspartner ein.

 

Haha, sag ich’s doch.

 

Dem Kind ist die Enttäuschung über die Reaktion seines Vaters deutlich anzusehen. Vorsichtig geht der Kleine ein paar Schritte näher ans Ufer heran. Um ihn aufzuheitern, tauche ich wieder ein Stück auf und puste eine Wasserfontäne aus meinen schlitzförmigen Nasenlöchern. Neugierig kniet der Junge sich hin und beugt sich zu mir herab.

 

„Bist du eine echte Meerjungfrau?“

Was die Menschen nur immer mit ihren Meerjungfrauen haben? Seit Neuestem verwechseln mich die Kinder auch immer öfter mit einem gewissen Aquaman, wer auch immer das sein soll. Das mit den Meerjungfrauen darf ich mir hingegen schon jahrzehntelang anhören.

 

Dabei ist an mir ganz und gar nichts Frauliches zu finden. Zumindest schmeichle ich mir selbst damit, das zu sein, was die Menschen ein gestandenes Mannsbild nennen würden. Wobei es natürlich auch Weibchen meiner Art gibt, meine Mutter zum Beispiel. Nicht, dass ich sie je kennengelernt hätte. Als ich und meine Brüder aus unseren durchsichtigen Eihüllen geschlüpft sind, war die schon längst über alle Berge beziehungsweise Ozeane. Aber sie war bestimmt nicht das, was sich die Menschen gemeinhin unter einer Jungfrau vorstellen. Wie wäre ich sonst entstanden?

 

Jungfräuliche Schwestern habe ich auch keine. Bei uns entwickeln sich die Gelege nämlich temperaturabhängig. Warme Meeres-strömungen führen zu Weibchen, kalte zu Männchen. Aber das kann ich dem Kleinen natürlich nicht erklären. Obwohl ich die menschliche Sprache problemlos verstehe, sind meine Stimmorgane nicht dazu in der Lage, sie nachzuahmen. Also lasse ich stattdessen ein paar dicke Blasen aus meinem Maul aufsteigen, was ihm zu gefallen scheint. Kichernd beugt er sich weiter vor.

    „Du bist lustig!“, giggelt er.

 

Wie ich mir das niedliche Kerlchen so betrachte, steigt die Frage in mir auf, ob es nicht auch für mich langsam an der Zeit wäre, an Nachwuchs zu denken. Bisher war ich ja der Meinung, mit meinen vierhundertdreizehn Jahren noch zu jung zu sein, um auf Freiers Füßen – respektive Flossen – zu wandeln. Auch behagt mir der Gedanke nicht, mein angestammtes Revier, einen kleinen Seitenarm der Leine, zu verlassen. Und das wäre unumgänglich, um ein paarungswilliges weibliches Wesen zu finden. Bislang hat nämlich noch keine dieser sogenannten Meerjungfrauen den Weg in mein Gewässer gefunden, obwohl sie hierzulande ja in aller Munde zu sein scheinen.

 

Ist wahrscheinlich auch besser so, unsere Art ist nämlich ungeheuer territorial. Ich habe es noch relativ gut getroffen. Mein Bach ist nur einige Schwimmstunden von der Nordsee entfernt, wo ich das Licht der Welt erblickt habe. Gerüchteweise ist mir zu Ohren gekommen, dass es einen meiner Brüder bis ins ferne Franken verschlagen haben soll.

 

Trotzdem: Der Gedanke, dass sich in naher Zukunft ein paar Miniaturausgaben meiner selbst in den Meeren und Flüssen der Welt tummeln könnten, stimmt mein kaltes Herz seltsam wehmütig. Vielleicht ist es doch an der Zeit, mein Junggesellendasein an den Nagel zu hängen und mir eine Partnerin zu suchen – egal, ob Jungfrau oder nicht.

     „Wie heißt du denn?“, will der Kleine wissen.

Statt einer Antwort – zu der ich ja, wie gesagt, nicht imstande bin – vollführe ich ein paar Schläge mit meiner kräftigen Schwanzflosse, wodurch ich vom Ufer abrücke. Dabei wedle ich ihm mit der Linken einen Abschiedsgruß zu. Die Schwimmhäute zwischen meinen Fingern schimmern in der untergehenden Sonne.

 

    „Nein, bleib da!“ Er beugt sich noch weiter vor und streckt seine kleinen Händchen nach mir aus.

 

Das ist der Moment, auf den ich gewartet habe. Blitzschnell schießt der lange Haken, den ich immer bei mir trage, aus dem Wasser und legt sich um den Nacken des Kindes. Ein kurzer Ruck und – schwupp! – landet es mit einem lauten Platschen im Bach, wo ich es ergreife und mit meiner Beute davonschwimme. Wie ein Pfeil gleite ich durch die Fluten, den zappelnden kleinen Körper fest an meine glitschige Brust gepresst. Von ferne dringen die Rufe des Vaters an meine knorpellosen Gehöröffnungen, doch außer einem leichten Kräuseln ist auf der Wasseroberfläche nichts von mir zu entdecken.

 

Wenige Minuten später hat sich das Zappeln gelegt. Ich sagte es ja: Die kleinen Menschlein halten es nie lange unter Wasser aus. So schlage ich meine spitzen Zähne in die weiche Haut meines Opfers und labe mich an dem zarten Kinderfleisch. Ein Hochgenuss!

 

Ach ja, da war ja noch was. Wie ich heiße, wollte der Kleine wissen. Nun, da meine Mutter mich nie zu Gesicht bekommen hat, konnte sie mich selbstverständlich auch nicht taufen. So heißt das bei den Menschen, glaube ich, wenn man seine Kinder benennt. Aber dafür haben mir die Bewohner des nahen Städtchens schon vor Jahrhunderten einen Namen gegeben: Hakemann, nach meiner bevorzugten Fangmethode.

 

Ein Rülpser entweicht meinem lippenlosen Fischmaul und steigt als runde Gasblase nach oben. Meine Mahlzeit habe ich bis auf die Knochen abgenagt. Fast ist es schade, dass der drollige Knirps nicht erwachsen werden wird, um nachfolgenden Generationen von seinem Abenteuer mit der Meerjungfrau zu berichten.

 

Aber das ist eben der Kreislauf der Natur. Derselbe Gott, der das Wohl der Kinder im Auge behält, sorgt auch dafür, dass alle seine Geschöpfe satt werden. Und so vergönnt er mir von Zeit zu Zeit einen besonders saftigen Leckerbissen. Natürlich nicht zu oft. Ich muss ja auf meine Linie achten, wenn ich demnächst auf Brautschau gehen will....

 

 

ENDE der Geschichte

 


Die Buchdaten:

 

 

eBook

 

Sprache:        Deutsch

 

Seiten:           52

 

Erschienen:   19 - 08 - 2021

 

Datengröße:  2222 KB

 

Preis:              99 Eurocents

 

Bezug:            Amazon

 

 

 

Das Verschwinden des sympathischen Timothy McPhallon führt die Suchtrupps ins schottische Hochmoor. Doch nicht nur Nebel und der alles verschluckende Regen lasten auf Aberdeenshire. So düster, wie wir uns das Bild von Nessies und Bravehearts Heimat machen, sind die Absichten einiger aus dem Clan der McPhallons. Sie stehen miteinander in Konkurrenz, doch wissen sie nichts von dem Wettstreit und davon, dass er tödlich enden mag ...

 

 

Familienbande  –  Ein Schottlandkrimi

        (Leseprobe)

 

 

Kapitel 3.

 

… Es nieselte, als Susan die wenigen Trauergäste am Eingang der Dorfkirche begrüßte und sich für die Beileidsbekundungen mit einem kurzen Händedruck und ein paar gehauchten Worten bedankte. Als Angeheirateter hielt sich Alan hinter seiner Frau und begnügte sich mit einem stummen Kopfnicken. Den Beliebtheitsgrad Mortimers glaubte er an der geringen Zahl der Besucher wie auch an deren Förmlichkeit ablesen zu können. Den meisten unterstellte er, dass sie die Teilnahme am Trauergottesdienst ohnehin als Pflichtübung aus Respekt vor dem alten Aladair absolvierten. Lebendiger gestaltete sich die Begrüßung erst, als etwas verspätet Susans Vetter Arthur aus Aberdeen und ihre Cousine Gwyneth aus einem der Nachbarorte eintrafen.

 

Alan schluckte. Susan und Gwyneth hatten sich als Geste der gegenseitigen Betroffenheit eng umarmt, das war üblich, aber die Umarmung seiner Frau und Arthurs schien ihm zu eng, zu wenig verwandtschaftlich, und sie dauerte ihm entschieden zu lang. Nach seinem Dafürhalten lag etwas Freundschaftliches, ja Intimes darin. Das helle Rufen der kleinen Kirchenglocken unterbrach seine Gedanken. Das Kirchenschiff war winzig genug, um trotz der wenigen, die zu Mortimers Gedenken gekommen waren, eine rege Anteilnahme der Dorfge-meinschaft an seinem Hinscheiden vorzugaukeln.

 

Zumindest sahen sich die Trauernden eng zusammengeschweißt und zum Ausharren verdammt. Draußen entlud sich ein Gewitter, dessen Donnerhall Teile der Predigt ungehört machte, und das Prasseln des Regens auf die schiefernen Schindeln vermied, dass mehr als die in der ersten Reihe Sitzenden die Worte des Pfarrers vernahmen, mit denen er doch noch etwas Gutes über Mortimer zu berichten suchte.

 

Als der Zug dem schlichten Sarg folgte, hatten eine fahle Sonne und bleiches Blau den Himmel zurückerobert. Es roch nach nasser Erde, nach Regen und nach frisch gemähtem Gras. Die Schritte der Trauergäste ließen den Kies knirschen, und einige versuchten, durch das Auftreten mit der Sohlenkante das Geräusch zu vermeiden, weil ihnen die Unterbrechung der Stille pietätlos oder peinlich vorkam. Die Erde um das Grab herum war aufgeweicht, und spätestens dann zog die Nässe in das Schuhwerk oder die Hosensäume, wenn der oder die Betreffende aus nächster Nähe eine Schaufel Erde auf den Sarg warf …

 

 

Kapitel 4.

 

Gerade hatten sie ihre Haustür hinter sich geschlossen, als Alan es nicht mehr aushielt. Den Rückweg von Pub hatte er mit den Fäusten in den Taschen zurückgelegt. Gwyneth hatte in ihr Taschentuch geheult und den Abschied kurz gehalten. Sie hatte sich an Arthurs Wagen gelehnt, als sie auf ihn wartete. Er hatte versprochen, sie auf seinem Heimweg nach Hause zu bringen, es sei nur ein kurzer Umweg. Susans Abschied von ihrem Cousin wiederum hatte Alan als zu lang und zu innig angesehen.

  »Das hat mir heute gar nicht gefallen, wie du dich an Arthur herangemacht hast.«

Susan war pikiert, und das machte sie ihrem Mann auch sofort klar. »Was heißt hier herangemacht? Er ist mein Vetter, wir haben uns lange nicht gesehen, seit er nach Aberdeen gezogen ist.«

    »Wohin du in den letzten vier Monaten achtmal gefahren bist!«

»Was willst du damit sagen?« Ihre Stimme bebte. »Ich war bei meiner Frauenärztin. Und anschließend bummeln, wenn ich schon mal dort war ...«

 

Was sie danach sagte, nahm er gar nicht mehr auf. Ihre Aufgewühltheit interpretierte er als Ausdruck ihres schlechten Gewissens.

    »Ja, bei deiner Frauenärztin, ganz gewiss! Hast du noch andere Ausreden? Und wo hast du dich sonst noch mit ihm getroffen? Mit unserer Ehe klappt es ja schon lange nicht mehr. Aber dass du mich ausgerechnet mit deinem Cousin betrügst, ist ein starkes Stück. Wenn es wenigstens ein kräftiger, gutaussehender Kerl aus der Nachbarschaft wäre! Aber dass ich dich an diesen Niemand, an diesen Verlierer abtreten soll, der das Dorf seiner Schulden wegen verlassen hat, werde ich nicht hinnehmen.« Alan war aufgesprungen, breitbeinig baute er sich vor seiner Frau auf, die Hände auf die Hüften gestützt. Sein Gesicht hatte eine Farbe angenommen, die man gewöhnlich bei einem Herzkranken beobachtet, der sich über Gebühr angestrengt hat. Seine Stimme hatte er erhoben, um dann doch nach der unspezifischen Drohung seinen Redefluss abrupt abzubrechen.

 

Susan wiederum hatte einigermaßen gefasst zugehört. Ein Beobachter hätte aus ihrer Ruhe, wenn die vielleicht auch nur vorgetäuscht war, den Eindruck gewinnen können, dass dies nicht das erste Gespräch zwischen den Eheleuten war, das sie über Untreue und Eifersucht geführt hatten. Ihr nächster Satz schien diese Vermutung zu bestätigen, denn er schloss sich inhaltlich nicht direkt an Alans Worte an. Irgendwie fehlte der Übergang.

 

»Wenn ich dich verlasse, dann, weil ich es mit dir nicht mehr aushalte, nicht wegen Arthur! Außerdem hast du keine Beweise.«

    Sein Auflachen klang zynisch. Seine Lippen bebten. »Keine Sorge, die finde ich!« In den paar Worten fasste er seine all Enttäuschung, seine Verbitterung und seinen Zorn zusammen.

 

Besser hätte Susan ihre Handtasche mitgenommen, als sie tags darauf ihre Freundin zum Nachmittagstee besuchte. Sie hatte versprochen, Gebäck mitzubringen, und so hatte sie ihre große Tasche gegriffen, des Fassungsvermögens wegen. Die neue Handtasche, die sie bislang nur bei Mortimers Beerdigung getragen hatte, stand neben der Kommode im Hausflur.

 

Alan war überrascht, er wusste nichts von Susans Absicht, auf dem Weg zu ihrer Freundin einen Schwenk in die Konditorei zu machen. So grinste er in sich hinein, zynisch und gleichzeitig verlegen, als er sich bückte und noch im Sichaufrichten die Tasche öffnete. Er trat ans Fenster, wo es heller war. Ausleeren wollte er die Handtasche nicht. Was wusste er denn, nach welchem System Susan ihre Utensilien darin verstaut hatte! Die Genugtuung zu bemerken, dass er ihre Tasche durchwühlt hatte, wollte er ihr nicht verschaffen. Und so setzte er sie auf der Fensterbank ab, beugte sich darüber und ließ Blick und Finger ins Innere gleiten. Mehrere Minuten lang drückte er Kamm, Bürste, Lippenstift, einen winzigen Flacon mit dem Parfum, das er ihr zum vorletzten Geburtstag geschenkt hatte, und andere Dinge zur Seite. Immer in der Hoffnung, Verräterisches zu finden, wobei er selbst nicht wusste, was das sein könnte. Nichts! Schon wollte er aufgeben, als er etwas Hartes an der Innenwand fühlte. Seine Finger tasteten den runden Gegenstand ab, und tatsächlich wurde er in dem kleinen Innenfach mit dem Schminkspiegel fündig. Triumphierend zog er den Zettel heraus, dessen eine Ecke geknickt war, nach Alans Ansicht ein untrügliches Zeichen, dass er hastig hineingestopft worden war. Ihn sorgfältig flach oder gefaltet hineinzustecken, hatte Susan wohl keine Zeit gehabt!

 

Geliebte Susan,

wenn Du das nächste Mal nach Aberdeen kommst, ruf bitte ein paar Tage vorher an, damit ich die vor mir liegenden Termine rechtzeitig verschieben und für Dich da sein kann. Die Zeit ohne Dich kann ich kaum noch ertragen.

In heimlicher Liebe

Dein Arthur

 

Alans Knie knickten ein, ihm wurde schwindlig. Also doch! Ohne sich umzudrehen, zog er einen Küchenstuhl zu sich heran und ließ sich darauf plumpsen. Den Zettel las er ein zweites und ein drittes Mal. Wie sollte er sich verhalten? Was wären die Konsequenzen, wenn er Susan zur Rede stellte? Leugnen ihrerseits, ihr Vorwurf des Vertrauensbruchs, weil er ihr nachspionierte und in ihrer Tasche gekramt hatte, Trennung? Er liebte sie – auf seine Weise! Schließlich war er finanziell von ihr abhängig, auch wenn er sich das nicht eingestehen wollte. Doch könnte er ihr verzeihen? In der Ehe weiterleben mit Zweifeln oder gar Gewissheit ihrer Untreue? Er musste sich beruhigen. Sachte steckte er den Zettel genau so hinter den Schminkspiegel, wie er ihn vorgefunden hatte. Dann stellte er die Handtasche wieder neben die Flurkommode. War der Reißverschluss offen oder geschlossen gewesen? Alan zog ihn zur Hälfte zu, dies schien ihm ein unverdächtiger Kompromiss. Mit einem Seufzer innerer Ungewissheit drehte er sich um und schlurfte ins Wohnzimmer.

 

Am Whiskey nippte er bloß. Er schmiegte sich in seinen Ohrensessel, in den er sich sonst nur zum Lesen setzte, und hatte das Gefühl, das sanfte Brennen in der Speiseröhre und im Magen beruhige ihn. Tatsächlich überlegte er entspannt, wie er das Dilemma um Susans vermeintliche Untreue lösen könne. Schließlich hatte sich nur der Schreiber des Zettels über seine Gefühle geäußert. Trotz der Formulierungen, die auf eine schon länger dauernde Romanze hindeuteten, zeigte der Text eine einseitige Sichtweise. Er war kein Beweis für Susans schmachtende Gegenliebe.

 

Bevor Susan von ihrer Freundin heimkehrte, hatte Alan seinen Entschluss gefasst: »Ich fahre ihr nach Aberdeen hinterher.« Den Rest Whiskey kippte er in einem Schluck hinunter.

 

 

Kapitel 5.

 

… Über Aberdeen lagen dunkle Wolken. Alan wunderte sich nicht darüber. So wie an der Küste jede Bucht ihr eigenes Mikroklima besaß, ändert sich oftmals auch das Wetter, sobald man von einem Hügel herab ins nächste Tal kam.

 

Er hatte Susan beobachtet, wie sie die Praxis ihrer Frauenärztin verlassen hatte, folgte ihr durch die Einkaufsstraße, und schmunzelte über das Bild, das sich ihm bot, als sie vor ihrem Spiegelbild in einem Schaufenster kokettierte. Als sie sich umdrehte und ein strahlendes Lächeln aufsetzte, geriet sein Herz aus dem Takt. Mit geballten Fäusten beobachtete er, wie seine Frau ein paar Schritte vom Fenster weg in die Fußgängerzone trat, um sich dort einem Mann in die Arme zu werfen. Zumindest betrachtete Alan ihre Begrüßung so. Susans neuen Begleiter erkannte er erst, als der sich umdrehte. Sie hakte sich bei Arthur unter, und gemeinsam spazierten sie die Fußgängerzone in Richtung Fluss.

 

Mit einigem Abstand folgte Alan, die geballten Fäuste bis zum Grund seiner Jackentaschen geschoben. Als sie das Café betraten, sah er nur die Möglichkeit, sich im Herrenbekleidungsgeschäft gegenüber beraten zu lassen, um die beiden durchs Fenster zu beobachten. Sobald Susan und ihr Cousin ins Freie traten, ließ Alan einen perplexen Verkäufer zurück, der vergeblich darüber nachdachte, was der Kunde eigentlich gewollt hatte und warum in Teufels Namen er vier weitere Hemden auseinandergefaltet und ihm vorm Spiegel vor die Brust gehalten hatte

 

 

Ende der Leseprobe

 

 

Ein kurzer Kommentar zum Buch:

 

 

Der einzelne Selfpublisher hat es bei der Menge jährlich neu erscheinender Buchtitel schwer, wahrgenommen zu werden. Die junge Aktion „Authors‘ Challenge“ möchte unter dem Hashtag #gemeinsamstattgegeneinander Leser auf talentierte unabhängige Autoren hinweisen. Dazu werden die kurzen Romane nach einer fünftägigen kostenlosen Einführung als eBook exklusiv bei Amazon für 99 Eurocent angeboten. Mehr Information über die „Familienbande“ und die “Authors‘ Challenge“ steht auf den Internetseiten des Autors Michael Kothe, der Authors‘ Challenge und bei Amazon. Jeder Autor freut sich über das Interesse des Lesers und über ein paar Amazon-Sterne.