WIR STELLEN UNS VOR

Endlich Ferien, keine Schulsorgen mehr

 

Anekdote

 

Eine Anekdote … über mich? Ich? Das Mädchen, das sich selbst überhaupt noch finden muss? Mal sehen. Schwierig zu sagen, ob mein vierzehnjähriges Leben bisher lang genug war, um eine passende, mich ein wenig beschreibende Geschichte zu finden, oder eher zu kurz. Vielleicht sollte ich einfach nur einmal meine Augen schließen und die vorbeifliegenden Erinnerungen mit beiden Händen schnell festhalten … Da!

 

Es ist der letzte Schultag! Die letzten Wochen, Monate waren echt stressig. Ich interessiere mich für so viel! Zu viel?

 

Ich spielte Tischtennis. Zweimal die Woche. Im Privatunterricht und im Verein mit Punktspiel. Der Verein war ziemlich weit weg, doch er bot sehr gutes Training an, mein Trainer sah in mir sogar eine zukünftig professionelle Spielerin. Doch dann sollte ich bitte noch mehr trainieren kommen, am besten zweimal in der Woche zum Verein. Ich wollte so gerne zusagen, diesen wunderbaren Sport mehr auszuführen, dieses rasante Spiel, das manchmal so richtige Adrenalinschübe verursacht und diesen klaren Kopf, der blitzschnell reagieren muss, noch mehr fühlen… Aber ich interessierte mich auch so sehr für Musik!

 

Ich spielte Geige, leidenschaftlich, bei einem sehr guten Lehrer in Kaltenkirchen, zwei Stunden entfernt von meiner Heimat Hamburg, jede Woche Unterricht, jeden Tag üben. Aufgrund des Zeitdrucks war ich gezwungen, Mittagessen und Hausaufgaben während der Bahnfahrt zu verrichten. Doch der Zauber der wunderbaren, manchmal so zarten und manchmal doch so stürmischen Klänge zogen mich dorthin. Der Lehrer war streng, doch es lohnte sich. Mit meinen blutigen Fingern konnte ich tageweise nicht mehr spielen, doch eine Woche danach wieder mit neu gestärkten schönere Musik erzaubern.

  „Lisa … Wenn du dich anstrengst, könntest du vielleicht mal darüber nachdenken, das alles hier zu studieren. Na, wie fändest du das?“

 

Aber … so ähnlich erging es mir doch auch mit Schauspielen, Programmierung, Sprachen, (damals 5), Kunst, dem Schreiben! In einem zarten Alter von elf Jahren. Nicht zu vergessen meine Freunde, die ich nicht vernachlässigen wollte, doch die sich sicher so fühlten. Trotzdem verstanden sie mich, oder sie versuchten es zumindest.

 

Doch an diesem Tag ist also erst einmal alles vorbei. Es ist sonnig, ich höre die Vögel zwitschern durch die geöffneten Fenster. Ein gekühlter Windhauch streicht um meine Schultern, warmer Blütenduft kitzelt meine Nase. Sommer. Sommerferien!

„Sooo!“, ruft die übermotivierte, wahrscheinlich genauso wie wir Siebtklässler, urlaubsreife Klassenlehrerin. „Ich wünsche euch wunderschöne Sommerferien, vergesst nicht, die Stühle hochzustellen!“

 

Sofort findet eine große Flucht ins Freie statt. Ein schnelles „Tschüss!“ an die besten Freunde, Umarmungen. Ich hetze mit einer Freundin die Treppen runter, wir rennen beinahe raus, an die frische Luft, auf die Straße und atmen keuchend und tief das Sommergefühl ein.

 

„Wie wohl die Lateinarbeit wird?“, jammere ich. Wir haben sie zuletzt geschrieben doch noch nicht wiederbekommen, was ich jedoch erhofft hatte. Ich hatte mir so viel Mühe gegeben. „Was wohl …“

   „Hey.“, ruft meine Freundin. Wir bleiben stehen.

„Wir haben Ferien!, Auszeit, Pause! Tu comprends?“

 

Plötzlich müssen wir über meine unnötig gemachten Sorgen lachen. Sie hat recht! Sie hat sowas von recht! Manchmal braucht man eine Pause. Und dann sollte man diese Pause auch als solche anerkennen und genießen.

 

Soll doch unsere Lateinarbeit mal kurz den Mars besuchen ….., und vielleicht …., gleich dableiben?!

 

Herzliche Grüße take a break!

 

 

Lisa Zhang


Finn Lorenzen erinnert sich an den Tag, als alles anders wurde

 

 

Es ist  Dienstag, den 17. März 2020

 

Der Morgen ist schön. Die kühle Luft streichelt mein Gesicht. Ich höre den Singvögeln und Krähen zu und habe Zeit. Alle Passanten schweigen finster. Nur eine Joggerin nicht. Sie kommt mir entgegen, ihr graues Haar wippt im Takt ihrer Schritte. Als sich unsere Blicke treffen, lächelt sie. Ich hätte weinen mögen.

 

Die Stadt pulsiert unter vorgehaltener Hand. In der Morgensonne liegt die Ruhe und doch suchen die Autos hektisch nach ihrem Ziel. Ich gehe die Straße hinunter und summe ein Lied vor mich hin. Es geht mir gut.

 

Hinter den Schaufensterscheiben sitzen kleine Gruppen und beraten sich. Ihre Gesichter sind ernst, sie müssen eine Entscheidung treffen, auch im Bettenfachgeschäft, wo sie auf Matratzen platz genommen haben. An der Ecke treffe ich einen Radfahrer. Er hat diverse Pakete Toilettenpapier geladen und bejubelt verhalten seinen Triumph. Ich gehe weiter.

 

Bei Aldi herrscht Chaos. Sechs Kassen sind geöffnet, der Laden ist voll. Die Leute kaufen reichlich, aber nicht viel. Pasta, Reis und Mehl sind trotzdem vergriffen. Ich hätte welches gebraucht. Verloren, wie weißes Gold. Viele Kinder sind dort. Sie lernen heute vom richtigen Leben anstatt aus Büchern. Neben mir erbeutet ein Vater einen riesigen Kohlrabi. Sein Sohn staunt und beide lachen. Ich freue mich für die beiden.

 

Das Lied, das ich summe, ist the Sound of Silence von Simon und Garfunkel. Hello Darkness my old friend. Der Laden füllt sich immer weiter. Dadurch, dass die Leute nicht mehr zur Arbeit können, werden sie hauptberufliche Einkäufer. Die Kassierer haben viel zu tun. Nicht mit mir. Ein Sack Möhren, zwei Gläser Brühe, ein Liter Milch. Es dauert nicht lange und ich bin wieder draußen. Es ist nicht dunkel, Herr Garfunkel, sondern morgenfrisch und frühlingshell. Ich gehe nach Hause. Die Welt ist schön.

 

Sie soll es bleiben!

 

Herzlichst Finn Lorenzen

 

 


Pepe G. studiert Tourismus mit Fokus Reisebegleiter in Barcelona.

Sein Austauschjahr in Japan hatte es in sich, doch lesen Sie selbst.

 

 

Auf einem andern Planeten

 

 

“No se me ocurre ningún título para esto jajaja!”

 

Am   12.   Dezember   2020   kam   ich   von   meinem   Austausch-jahr in   Japan   zurück   nach Barcelona. Da erhielt ich auf Insta-gram eine unerwartete Nachricht von einer verlorenen Freundin und es fühlte sich an, als hätten wir uns nie aus den Augen verloren. Sofort erzählte ich ihr von meinen täglichen Abenteuern in Japan und ein Ereignis war für sie ein Highlight. Sie sagte mir wie aus dem Nichts geschossen:

   »Diese Geschichte ist sowas von reif für Pierre Montagnard.« Was sie damit meinte, wusste ich zuerst nicht, bis sie mir die Seite gezeigt hat und ich mehr als motiviert war, dieses Erlebnis mit euch allen zu teilen. In Japan waren gerade die Frühlingsferien und einige Freunde und ich wollten einen Ausflug machen, also entschieden wir, von Okayama nach Fukuoka zu gehen. Wir gingen in ein Tourismus Büro und buchten einen Trip nach Fukuoka und zwei weitere Orte.

 

In Fukuoka angekommen, machten wir uns auf den Weg zum Hotel. Dort sahen wir auf einer Karte, dass die Fahrt mit der Fähre nach Genkai Island nur etwa eineinhalb Stunden dauern wird. Einmal angekommen, wurde uns erst bewusst, wie groß diese Insel eigentlich ist und unsere Unterkunft war auf der anderen Seite derselbigen. 

 

Wir beide hatten keinen gültigen Führerschein für Asien und da es keine touristische Insel war, gab es nicht viele Mitfahrgelegenheiten, also haben wir Fahrräder gemietet und sind mit denen zur Unterkunft gefahren. Da wir nicht auf der Straße fahren durften,  mussten wir  einen Weg durch den Wald nehmen und somit haben wir uns mindestens viermal verfahren. Erst nach 5 Stunden kamen wir endlich an unserem Ziel an. Wenigstens hatten wir echt schöne Aussicht auf das Meer, zumindest solange, wie noch Tageslicht vorherrschte.

 

Irgendwann wurde es dann aber dunkler und die Lichter unserer Fahrräder haben den   Geist   aufgegeben,   also   mussten   wir   die   Taschenlampen   von   unseren   Handys benutzen, um den Weg zu sehen und niemanden zu überfahren. Am späten Abend haben wir es dann auch endlich geschafft, das Gästehaus zu erreichen. Und da beginnt eigentlich auch schon die ganze Geschichte. An diesem Abend war da noch eine etwas ältere Dame so um die 70 oder 80, die bereits etwas zu viel getrunken hatte. Sie kam mir von Anfang an etwas komisch vor, aber ich dachte mir nichts dabei, da ich das Ganze auf den Alkohol geschoben hatte.

 

Plötzlich aus  dem Nichts fragte sie mich, ob ich schwul wäre, da ich meinem Kumpel so herzliche Blicke zuwerfe, darauf antwortete ich mit Nein. Irgendwas schien sie zu stören und dann meinte sie, ich solle ihn küssen. Wir weigerten uns und sie wurde wie von einem Dämon besessen und fing an sich selbst zu schlagen. Uns wurde es zu viel und wir machten einen Rückzieher ins Zimmer.

 

Als wir nichts mehr hörten, machte sich mein Kumpel auf den Weg ins Badezimmer, um sich die Zähne zu putzen, auf einmal höre ich ein Geräusch, das vom Fenster her kommt, ich drehe mich also  um,   und sehe die Dame, die mich diabolisch anlacht.  

 

Ich wollte die Türe abschließen aber ich wollte meinen Freund nicht verkaufen. Also lief ich zu ihm ins Bad und erklärte ihm das Geschehene. Als wir auf dem Weg ins Zimmer waren, stand sie da und wartete auf uns. Also liefen wir los, so schnell wir konnten und sie lief uns hinterher quer durchs ganze Haus. Nebst dem Herzrasen, da es etwas gruselig war, konnten wir uns fast nicht mehr vom Lachen erholen. 

 

Zum Glück war sie nur halb so schnell wie wir und wir konnten ab und zu Verschnaufpausen einlegen, um uns wieder vom Lachen erholen zu können. Schließlich gelangten wir wieder ins Zimmer und schlossen mit dem Schlüssel ab. Wir hörten das klopfen und ihr verstörtes Lachen, aber wir hatten mehr Spaß als Angst, wir wussten, dass sie uns nichts antun würde, vielleicht steht ja die einsame,   alte,   alkoholisierte   Dame   einfach   auf   Gaylove!  

 

Heute   höre   ich  Ihr   klopfen immer noch und kann über dieses Ereignis nur Lachen. Eine Pointe zu dieser Geschichte fällt mir nicht ein, da wir nicht wirklich eine Lektion gelernt haben, aber ich kann mit Sicherheit behaupten, dass ich in meinen 21 Jahren keine solchen Erlebnisse mehr hatte wie auf Genkai Island in Japan! 

 

Saludos cordiales   Pepe

 

 


Anekdoten und ich sind keine Freunde. Bei jedem treffenden Satz formt sich ein abweichender Gedanke, eine andere Erinnerung, eine neue Geschichte. Eine witzige Geschichte kurz und knapp zu erzählen, wie es eine Anekdote eben fordert, fällt mir daher nicht leicht. Wenn es aber eine gibt, bei der ich es versuchen möchte, dann ist es diese:

 

Als ich fünf Jahre alt war, lebte ich für ein halbes Jahr bei meiner Oma in Russland. Im Kindergarten hatte ich zuvor nur Deutsch gesprochen, sodass ich, trotz russischer Eltern, als Deutsche ankam und auch so wahrgenommen wurde. Die sprachliche Barriere löste sich jedoch nach wenigen Wochen in Luft auf und ich begann, nur noch Russisch zu sprechen.


Schnell sprach ich in meinen Träumen Russisch und formte sogar meine Gedanken im Kopf nicht mehr auf Deutsch. Ich klaute mir erwachsene und schlagfertige Formulierungen aus Talkshows, Komödien und Werbungen, damit ich die Freunde meiner Oma beeindrucken konnte. An einem Grillabend im Wald mussten sich alle Anwesenden hinsetzen und mir bei meiner exklusiven Comedy-Show zuschauen. Bis heute habe ich das strahlende Publikum bildlich vor mir, lachend und sichtlich verwirrt darüber, dass diese „Nemetskaya“ (=Deutsche) die Gags russischer Comedians draufhat.


Und obwohl mir der Sprachwechsel gefiel, fühlte ich mich verloren, als ich am Strand von Sotschi einen deutschen Jungen kennenlernte, dessen Sprache mir fremd klang. Er fragte mich, wie die russische Übersetzung von der Märchenfigur „Hexe“ lautete und ich schaute ihn mit großen Augen an. Hexe? Was war das für ein komisches Wort? Es kam mir bekannt vor, aber ich wusste nicht, was es bedeutete. Als meine Oma mir erklärte, dass „Hexe“ das deutsche Wort für „Vedma“ sei, erlosch mein Fragezeichen. Ich erinnerte mich. Natürlich; HEXE! Wie konnte ich das vergessen?

Auch meine Mama staunte nicht schlecht, als ich, nun sechs Jahre alt, zurück nach Deutschland kam und keine richtigen Sätze mehr auf Deutsch bilden konnte. Und das drei Monate vor der Einschulung. Ich vermisste die Menschen, das Umfeld, meine Oma, meinen strengen Opa, die schäbigen Spielplätze, das leckere Essen, die Grillabende, die lauten, schrillen Stimmen russischer Menschen und ihre grobe, direkte Art.

 

Ich war ein sechsjähriges Mädchen, aber ich verstand bereits das Gefühl; das Gefühl von Fern- oder eben Heimweh.


Wenn ich heute fremden Menschen zuhöre, die Russisch sprechen, in der Bahn oder im Supermarkt, spüre ich immer noch dieses Gefühl. Obwohl mein Wortschatz kleiner wird und ich längst nicht mehr Russisch spreche in meinen Träumen, ist es da. Ich kenne keine Zeit, die ich intensiver und schöner in Erinnerung habe als die sechs Monate im Heimatland meiner Eltern. Und das habe ich vor allem meiner Oma zu verdanken, die ihren Freunden in schriller und ernster Stimme zurief: „Hey, alle hinsetzen! Jenny macht eine Comedy-Show!“

 

Bleibt gesund und erinnert euch!

 

 

Herzlich Jennifer

 


Maria Alejandra erinnert sich

Wir haben in unserer Kindheit und Jugend gezeichnet, gemalt, gebastelt, musiziert, getanzt, kleine Theaterstücke aufgeführt, Kurzgeschichten geschrieben und Sprachen gelernt. Wir sind teilweise in verschiedenen Kontinenten geboren. Dadurch haben wir viele Bekanntschaften, ja sogar schöne Freundschaften geschlossen. Das kreative Schaffen hat mitgeholfen, Selbständigkeit zu erlangen. Auch heute noch, im erwachsenen Alter, wo wir verschiedene Berufe ausüben, investieren wir weiterhin viel Zeit für kreatives Denken und Arbeiten. Wir haben die Idee, junge Menschen aus der ganzen Welt zu ermuntern, es uns gleichzutun. Viele Schüler haben verborgene Talente, welche oft von niemandem erkannt, oder entdeckt werden. In vielen Fällen werden sie sogar verkannt oder einfach ignoriert.

 

Ich bin in Bolivien aufgewachsen, meine Muttersprache ist Spanisch. Mit sieben Jahre zog ich mit meiner Familie in die Schweiz, wo ich dann Schweizerdeutsch und Schriftdeutsch lernte. Nebenher noch Englisch. Ich studierte zunächst zwei Jahre Hotellerie mit Schwergewicht Tourismus in Barcelona. Jetzt stecke ich im dritten Jahr für Wirtschaft mit Schwergewicht digitales Marketing. Da kam noch Katalanisch hinzu. Mein Vater sagte mir, als ich noch in Bolivien im ersten Schuljahr steckte; ›vergiss altertümliche Fächer wie Geschichte und Religion, lerne Sprachen, das bringt dich weiter.‹

 

Heute, mit über 20 Jahren, denke ich oft daran zurück. Er hatte mehr als recht damit. Das lustigste und unvergesslichste Erlebnis für mich war, (wir lachen noch heute darüber), als ich gerade mal zwei Monate in der Schweiz zur Schule ging, lud ich meinen Vater ein, zum Maisingen in die Schule zu kommen. Er kam und die Klasse sang Deutsch, Schweizerdeutsch, Rätoromanisch, Italienisch, Französisch, Englisch und Latein. Ich sang fröhlich mit. Mein Vater weinte fast vor lauter Freude. Auf dem Nachhauseweg fragte ich ihn dann; ›hat es dir gefallen?‹ und er meinte voller Bewunderung; ›das ist ja völlig irre, wie hast du bloß so schnell und so viel gelernt?‹, und ich fragte; ›kannst du mir noch sagen, was das alles bedeutet, was wir da gesungen haben?‹

 

Es ist herrlich, an einem Tisch zu sitzen, wo Freunde aus aller Welt beisammen sind und ich mich in verschiedenen Sprachen unterhalten kann. Und es gibt auch immer viel zu lachen, wenn jemand eine Sprache lernt und ihm die üblichen Fehler des Anfängers unterlaufen. So fragte beispielsweise eine Freundin die andere; ›ya tienes la reserva del vuelo?‹ (hast du die Reservation des Fluges schon?) und die Freundin; ›no, estoy en la lista de esperanza.‹ (nein, ich bin auf der Hoffnungsliste!) richtig wäre, la lista de espera. (die Warteliste) und  so weiter, bis sich Bauchschmerz anmeldet.

 

Und echter Bauchschmerz stellte sich vor zwei Jahren ein, als wir an der Küste Kataloniens in einem typischen Strandrestaurant dinierten. Bei blauem Himmel, Sonnenschein, leicht welligem Meer, saßen wir bei Paella und Sangría, als plötzlich ein rustikaler Fischer mit einem Eimer durch das offene Restaurant pilgerte. Er bot Fisch an. Da er wusste, dass in diesem Restaurant nicht nur Einheimische dinieren, sondern auch Auswärtige und Touristen, sprach er Katalanisch, Spanisch und Englisch. Er ging von Tisch zu Tisch und da und dort wurden ihm einige Fische abgekauft. Ines, meine beste Freundin, die etwas Englisch, auch etwas Spanisch spricht, war neugierig und wollte einen Blick in den Eimer werfen. Mit einer Geste winkte sie den Fischer heran. Er kam und Ines guckte in den Eimer. Sie erwartete darin einen oder mehrere größere Fische, doch es waren nur klitzekleine darin, Sie schaute den Fischer überrascht an und sagte mit vehementer Stimme; ›hey man, a little pequeño su fish!‹ Selbst der Fischer setzte sich einen Moment hin und lachte.

 

Stell Dich hier vor, mit einem kleinen Erlebnisbericht oder einer Kurzreportage über Dein Land, Deine Stadt oder Deine Schule und mach mit bei pierremontagnard.com

 

Mit lieben Grüßen                              Alejandra 


 

 

 

 

Valerie Kyburz

 

 

(ihr Pseudonym), hat uns freund-licherweise einige ihrer  besten Aufsätze aus ihrer Schulzeit zur Veröffentlichung zugestellt. Sie ist heute 28 Jahre jung, war das enfant terrible ihrer Schulzeit, setzte  entgegen ihrer Eltern ihren Willen durch und besuchte das Kindertheater von Basel. Heute ist sie ausgebildete Theater- und Filmschauspielerin, inszeniert eigene Theater-Stücke und produziert eigene Video-Kurz-Krimis. Ihre sehr originel-len Aufsätze haben uns in den letzten Monaten im Newsletter unterhalten. Sie finden diese auch in der Rubrik der Fortset-zungsromane.

 

 

 

 

 

 Aufbruchsstimmung: Zum Theater! Zum Film! 

 

 

Schon oftmals habe ich mich versucht zu erinnern, welches nun wirklich der entscheidende Funke war, der mich zum Theater brachte. Der Schritt zum Film ist dann wohl eher eine Folge davon.

 

Vielleicht waren es auch mehrere Funken. Was mich ganz bestimmt in Bann zog, waren die Gerüche. Das Theater verbreitet Gerüche. Polster, Kleider, Perücken, Kulissen, der große Vorhang mit seinen noch größeren Geheimnissen. Zumindest so lange, bis er aufgeht. Und wenn er aufgegangen ist, sind es die Kulissen, die sehr unterschiedliche Gefühle in mir weckten. Bäume und Wald vermittelten in mir Spannung, auch ein bisschen Angst, Ungewissheit, vor allem dann, wenn noch keine Schauspieler da waren und nur die Kulissen auf mich einwirkten. Manchmal war ich auch enttäuscht, wenn nur eine spärliche Hausfassade da war, eine Türe die ins Haus führte, daneben ein kleiner runder Tisch mit zwei Stühlen so klein, als würden gleich Zwerge auftreten. Die Szene hell belichtet, die keine Hoffnung auf etwas Mysteriöses entfachen konnte. Doch dann faszinierte mich ein Troubadour, der plötzlich da war und mit lauter, deutlicher und sicherer Stimme sprach, die ganze Szene dominierte und die ärmliche Kulisse vergessen ließ.

 

In den ersten Schuljahren hatte ich nur drei Freundinnen, für die Theater auch ein Thema war, doch das Gros der Klasse sah sich allenfalls als möglicher Theaterbesucher, jedoch niemals als Darsteller.

 

Da ich bereits im Kindergarten Alter Ballettunterricht genoss, hatte ich einen Vorgeschmack darauf, dass bei einer entsprechenden Ausbildung auf der Bühne eine gewisse Härte an Disziplin verlangt würde. Davor hatte ich keinen Bammel, auch wusste ich ziemlich genau was ich nicht wollte. Keine Oper oder Operette, kein Musical und auch keine Auftritte in einem Kolosseum oder Amphibientheater. Ich wollte das, was mich auch als Zuschauerin faszinierte. Das hautnahe Bühnentheater, wo der Besucher jeden Fehltritt (Körper) oder Versprecher (Text), mitkriegt. Eine riesige Herausforderung. Nicht wie beim Film, wo bei jedem Fauxpas ein Cut erfolgt und die Szene so lange wiederholt wird, bis der Regisseur zufrieden ist. Aber an dem Tag, als ich es wusste, dass Theater meine Welt sein sollte, stand der höchste zu bezwingende Berg, meine Eltern, noch vor mir.

 

Dieser „Lokalkrieg“ dauerte fast ein Jahr und ich schien ihn zu verlieren, doch dann hatte ich die Eingebung. Meine Eltern argumentierten cool nicht etwa aggressiv, aber fast endgültig. Ich wiederum wollte nicht so kindisch reagieren wie einige aus meiner Klasse, wenn ich bei ihnen zu Hause ähnliche „wir erlauben dir das nicht“ Situationen erlebte und die Reaktionen der Kinder dann sehr schmollend und eben auch hoffnungslos endeten.

 

André Gut ist vier Jahre älter als ich, spielte bereits Theater. Ich lernte ihn auf einer Geburtstags-Party von Evelyn Hauser kennen. Er gefiel mir auf Anhieb, ich ihm vielleicht auch, jedenfalls war das gerade mitten im „Krieg“ mit meinen Eltern. In einem günstigen Moment machte ich mich an ihn ran und konnte ihn für ein Gespräch gewinnen. Ich schilderte ihm ohne Zuckerguss mein Problem, er hörte mir aufmerksam zu, dann fragte er mich, wann mein nächster Geburtstag wäre. Ich sagte ihm das lachend und fragte, was das mit meinem Problem zu tun hat und er sagte; „lade mich zu deinem Geburtstag ein, stelle mich deinen Eltern als deinen besten Freund vor und den Rest mache dann ich. Da dein 12. Geburtstag auf einen Samstag fällt, können wir dich am Montag darauf beim Basler Kindertheater einschreiben. Ein Familienmitglied muss dabei sein zum Unterschreiben.“

 

Einen Moment lang brachte ich meinen Mund nicht zu und er küsste mich ganz schnell, sagte noch; „ich dachte zuerst, du hättest ein ernst zu nehmendes Problem, aber du hast keines, deine Eltern haben eines! Ich werde es ihnen nehmen!“

 

Es braucht einiges, mich sprachlos zu machen, aber er schaffte es und er hatte sogar die Unverfrorenheit, mich bis zu meinem Geburtstag im Dunkeln tappen zu lassen, wie er meine Eltern „umdrehen“ würde.

 

Er tat es dann mit einer Leichtigkeit, wie ein Clown ein kleines Kind zum Lachen bringt. Zunächst hatte er dafür Sorge getragen, dass er ein positives Punkte-Kontingent auf seinem Konto, meine Eltern betreffend, eingeheimst hatte, dann stieß er gnadenlos zu. Die Torte war fast vertilgt, hebt er sein Kinder-Champagner Glas, prostet meinen Eltern höflich zu, bedankt sich für die herzliche Gastfreundschaft, dann zu mir mit den Worten; „liebe Valerie, nochmals herzlichen Glückwunsch zu deinem Geburtstag und besonders zu deinem schönen Geschenk von deinen Super Eltern, die dich Theater spielen lassen, mit eurem aller Einverständnis begleite ich euch am Montag zum Direktor für deine Registrierung und weißt du was Valerie, der neue Direktor hat mir die Hauptrolle im Stück ›Die Hexe aus dem Weltall‹ gegeben, er möchte, dass die Rosmarie Scholl meine Tochter spielt, aber ich möchte lieber dich, weil, weißt du was? Der Direktor sagte mir, wenn das Stück Erfolg hat, wird es verfilmt fürs Fernsehen, yupppiiieee, prost!“

 

Einen kurzen Moment blieb mir das Herz stehen, doch nur kurz, ich erkannte Andrés Schauspiel, sein gewaltiges Talent, Menschen zu fesseln, an der Nase herumzuführen oder falls nötig, sie für kurze Zeit als Tanzbären vorzuführen. Ich schlüpfte in seine Rolle, ließ, wie hergezaubert, ein paar Freudentränen über meine Wangen kullern, setzte das glücklichste Gesicht meines Lebens auf, hielt das Glas immer noch wie eine hypnotisierte mit angewinkeltem Arm, zum Anstoßen bereit in der rechten Hand und wandte dieses „Werbebild“ meinen Eltern zu. 

 

Der Mund meiner Mutter war noch weiter offen als meiner zu Beginn dieser bühnenreifen Szene doch in ihren Augen las ich, dass gleich eine gehörige Opposition einfahren würde. Aber Vater verhinderte es. Er war in diesem Stück der Tanzbär, stieß zunächst mit mir, dann mit André an und sagte feierlich; „so viel Freude muss einfach gefeiert werden, ich wünsche euch viel Glück“, und zu Mutter gewandt; „ist noch eine Flasche da? Kinder Champagner hat mir noch nie so gut geschmeckt wie heute, du wirst die beiden am Montag begleiten und Valerie einschreiben!“ (nächste Szene; der Mund meiner Mutter bleibt weiter offen, doch die Augen verlieren den Oppositionsglanz).

  

 

* * * * *

 

Nachdem ich eingeschrieben war an besagtem Montag, lud uns Mutter noch zum Nachtessen ein, André und mich. Später gesellte sich sogar Vater noch dazu, der sich danach von mir und Mutter verabschiedete, weil er mit André noch etwas zu besprechen hätte.

 

Natürlich hatte ich etwas den Bammel, weil ich meinen Vater kannte und wusste, dass man ihn nicht so leicht aufs Glatteis führen konnte und ich glaubte zu diesem Zeitpunkt auch noch, dass André die Hexe aus dem Weltall, die Rosmarie Scholl, seine Hauptrolle, die Verfilmung, den neuen Direktor und mich als seine Tochter einfach so auf die Schnelle erfunden hatte, um eben glaubhaft zu wirken.

 

Keinen Bammel hatte ich jedoch vom Zugeständnis meiner Eltern, dass sie nun ihr „Geschenk“ an mich rückgängig machen würden. Vater würde sowas niemals tun. Erst am Mittwoch, als ich André wieder alleine treffen konnte, lüfteten sich noch ein paar Dinge, die mich sehr froh und glücklich stimmten und schließlich noch zu ein paar Lachsalven führten.

André schwindelte gar nichts. Es stimmte alles, was er an meinem Geburtstag erzählte. Alles.

 

Mein Vater nahm ihn ins Gebet und war, nachdem er gewusst hatte, dass nichts gelogen war, noch mehr von ihm angetan. Sein Schluss-Plädoyer ihm persönlich gegenüber lautete; „ich bin in meinem Geschäftsleben einigen Lausebengels begegnet, doch du bist der jüngste Satansbraten von allen. Viel Glück und Erfolg! Pass etwas auf mein Kind auf, solange es in deinem Blickfeld weilt.“

 

Auch dies tat André souverän. Er lehrte mich noch ein paar andere nützliche Dinge, zum Beispiel wie man mit Erwachsenen umgeht, denn darin ist er ein unbestrittenes Genie!