Gedanken-Akrobatik 

 

Meditationen und Reflexionen über Zeitliches und Zeitloses,

oder schwere Kost für kluge Köpfe

Von Bernhard Horwatitsch

 

Die Beiträge erscheinen jeweils per 15. und 30. des Monats

Der dritte Beitrag 2024

 

vom 15. Februar 2024

 

 

Die Lehrer von Thomas Mann

 

Der berühmte deutsche Schriftsteller Thomas Mann kam 1875 in Lübeck zur Welt. Wir feiern ihn im nächsten Jahr 2025 ganz sicher, denn da würde er 150 Jahre alt werden. Durchaus ein Grund, schon einmal vorauszublicken, bzw. zurück. Welche Haltung vertrat der Autor der Buddenbrooks, des Zauberbergs, des Doktor Faustus? Wie lässt er sich intellektuell, geistig einordnen?
Um Thomas Mann besser zu verstehen, ist es unerlässlich sich mit drei großen Männer zu beschäftigen: Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche und Richard Wagner. Sie dienen als Grundlage für das Verständnis des Werkes von Thomas Mann.

 

Schopenhauer

 

Der 1788 in Danzig geborene und 1860 in Frankfurt am Main verstorbene Philosoph Arthur Schopenhauer ist gewiss eine Ausnahme unter den Philosophen, da sein Einfluss auf die Kunst so enorm war: Von Richard Wagner bis Thomas Mann, aber auch Sigmund Freud, C.G. Jung, Samuel Beckett, Tolstoi, Thomas Bernhard, Arno Schmidt, Jorge Luis Borges, Stanislaw Lem, August Macke, Kurt Tucholsky, und zuletzt Michel Houellebecq.

 

Was machte seine Philosophie so attraktiv für die Kunst?

 

Zunächst ganz knapp und unterkomplex Schopenhauers Grundlage: Die Welt wird von ihm in Wille und Vorstellung unterteilt. Wobei wir den Willen selbst nicht mehr wollen können. Sigmund Freud würde diesen Willen als Trieb bezeichnen. Etwas, das uns von unten heraus antreibt. Die Vorstellung ist wörtlich gemeint als das vor uns Gestellte, der Gegenstand. Dazu zählt auch unser Körper, unsere Sinne etc., die Schopenhauer in der vierfachen Wurzel des zureichenden Grundes genauer darstellt. Das sind einmal Raum und Zeit, dann unsere Sinne die all das wahrnehmen, und unsere Vernunft, die das dann interpretiert. Zuletzt wissen wir davon durch unser Selbstbewusstsein. So wird alle Erkenntnis immer nur mittelbar stattfinden können. Um mit Goethes Schlusssatz seines Faust zu schreiben: „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis“. Wir sind vergänglich und doch entstehen wir immer wieder neu. Das ist Schopenhauers Wille zum Leben. Dieser Wille liefert uns mehr oder weniger aus. Während wir sind in, unserer Vergänglichkeit, verrichten wir lediglich eine Übersetzungsleistung. Und das ist natürlich eine Steilvorlage für die Kunst, aber auch für die Psychologie. Schopenhauers grundlegend pessimistische Sicht der Welt, die er aus seinen vielen Reisen mitbrachte, übersetzte er als eine Forderung von der Abkehr von der Welt. Nicht zuletzt seine orientalistische Sicht fördert diese Abkehr von der Welt. Schopenhauer übersetzte als erster die indische Nationalschrift der Baghavad-Gita ins Deutsche. Alles Leben wird von Trieb und vom Egoismus bestimmt und dieser bedingungslose Wille lässt eine von der Vernunft gesteuerte Welt am Ende nicht zu. So bekennt er sich zu den vier Grundwahrheiten des Buddhismus:

 

1.dukkha (Das Leben im Daseinskreislauf ist leidvoll),

2. samudaya (Verlangen nach Leiden ist der Ursprung des Leidens),

3. nirodha (durch das Erlöschen des Verlangens erlischt der Ursprung des Leidens)

4. magga (der Pfad der Ausübung von Konzentration und Meditation).

 

Die Vita contemplativa Schopenhauers resultiert aus diesem Pessimismus, nichts ändern zu können. Wir können es unterschiedlich übersetzen, ja. Aber das ist nur ein Kleid, eine Verkleidung des Seins. Im Grunde bleibt die Welt sich immer gleich in einem ewigen Werden und Vergehen. Und das Beste, was man hier tun kann, ist es, sich von diesem Werden und Vergehen abzuwenden und aus diesem dauernden Rad des Schicksals auszusteigen.

 

Richard Wagner

 

Der 1813 in Leipzig geborene und 1883 in Venedig gestorbene Komponist und Schriftsteller Wilhelm Richard Wagner lernte im Herbst 1854 “wie ein Himmelsgeschenk” Schopenhauers Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung kennen. So kam es dann, wie bei vielen anderen vor und nach ihm, zum großen Schopenhauer-Erlebnis. Am 16. September 1854 schrieb Wagner an Liszt: “Sein (Schopenhauers) Hauptgedanke, die endliche Verneinung des Willens zum Leben, ist von furchtbarem Ernste, aber einzig erlösend. Mir kam er natürlich nicht neu, und niemand kann ihn überhaupt denken, in dem er nicht bereits lebte. Aber zu dieser Klarheit erweckt hat mir ihn erst dieser Philosoph.”

 

In seinem Essay Leiden und Größe Richard Wagners aus dem Jahr 1933 – diesem für Thomas Mann so bedeutenden Essay, weil es einen Schicksalsschlag begründete – schreibt er über Wagners Verhältnis zu Schopenhauer:

   „Die Bekanntschaft mit der Philosophie Arthur Schopenhauers ist das große Ereignis im Leben Wagners; keine frühere intellektuelle Begegnung, etwa die mit Feuerbach, kommt dieser an persönlicher und historischer Bedeutung gleich: denn sie bedeutete höchsten Trost. tiefste Selbstbetätigung, geistige Erlösung für den, dem sie in so vollkommenem Sinne ´zukam`. und sie hat ohne Zweifel erst seiner Musik den entfesselnden Mut zu sich selbst gegeben. Wagner glaubte wenig an die Wirklichkeit der Freundschaft; die Schranken der Individuation, die die Seelen trennen, machten in seinen Augen, nach seiner Erfahrung, die Einsamkeit unüberwindbar, volles Verstehen unmöglich. Hier (in Schopenhauers Philosophie) fühlte er (Richard Wagner) sich verstanden und verstand vollkommen: `Mein Freund Schopenhauer` - ´Ein Himmelsgeschenk in meine Einsamkeit` - ´Aber einen Freund habe ich`, schreibt er, ´den ich immer von neuem lieber gewinne. Das ist mein alter, so mürrisch aussehender und doch so tief liebevoller Schopenhauer!“

 

Nun: Richard Wagner und der 25 Jahre ältere Arthur Schopenhauer waren Zeitgenossen. Beide wussten voneinander, doch kam es zu keiner persönlichen Begegnung. In seiner Autobiografie Mein Leben berichtete Richard Wagner, dass Arthur Schopenhauer sich “bedeutend und günstig über meine Dichtung” ausgesprochen habe. Das mag für Wagners “Dichtung” gelten, aber nicht für seine Musik, denn hierzu äußerte sich Schopenhauer gegenüber einem gemeinsamen Bekannten: „Sagen Sie ihrem Freunde Wagner in meinem Namen Dank für die Zusendung seiner Nibelungen, allein er solle die Musik an den Nagel hängen, er hat mehr Genie zum Dichter! Ich, Schopenhauer, bleibe Rossini und Mozart treu!“

 

Friedrich Nietzsche

Der 1844 in Röcken (Sachsen-Anhalt) und 1900 in Weimar verstorbene Philologie und Philosoph Nietzsche machte Schopenhauer zu seinem Lebensprojekt, seinem Erzieher. Doch im Gegensatz zu Schopenhauers Pessimismus setzte Nietzsche auf den Willen zur Macht und auf einen radikal-optimistischen Vitalismus. Statt das Leben zu verneinen – wie der Nihilist Schopenhauer – bejahte Nietzsche diesen Willen zum Leben. So wie das Nietzsche in seinem neunten Hauptstück von Jenseits von Gut und Böse ausdrückte:

   „Menschen mit einer noch natürlichen Natur, Barbaren in jedem furchtbaren Verstande des Wortes, Raubmenschen, noch im Besitz ungebrochner Willenskräfte und Macht-Begierden, warfen sich auf schwächere, gesittetere, friedlichere, vielleicht handeltreibende oder viehzüchtende Rassen, oder auf alte mürbe Kulturen, in denen eben die letzte Lebenskraft in glänzenden Feuerwerken von Geist und Verderbnis verflackerte.“

Diesen Gegensatz brachte Nietzsche in seiner Schrift Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik zum Klingen. In dem Gegensatzpaar Apollo und Dionysos, dem Gott der Erkenntnis, der Klarheit und des Maßes (Apollo war ein Hirtengott in Arkadien im goldenen Zeitalter) und dem Gott des Rausches, der Verzückung und eben des Unmaßes und auch der Wiedergeburt. Dionysos wurde von den Titanen getötet und Zeus brachte die Asche zu Apollo, wo er in einem rauschhaften Fest immer wieder auferstand. Aus der Asche des Dionysos und der Titanen soll das Menschengeschlecht geschaffen worden sein. Dieser Gegensatz von Maß und Unmaß, Erkenntnis und Rausch (Vergessen, auch Lethe wird als Mutter des Dionysos genannt) sieht Nietzsche in Wagners Musik als Wiedergeburt der griechischen Tragödie erneut vereint, feiert Wagners Musik als Geburtshelfer einer neuen Urwillenskraft der Kunst. Nachdem Sokrates und Euripides die griechische Tragödie intellektualisiert hatten (nach Nietzsche), war die alte Dissonanz zwischen dem rauschhaft und naturhaft Entgrenzenden des Dionysos und dem in Form pressenden und damit alles ursprüngliche Leben herauspressendem apollinischem Ordnungs- und Harmoniedrang, wieder da. Der Künstler der Dekadenz (des Niedergangs, des Verfalls) kennt kein ursprüngliches Gefühl mehr, nur noch ein alles umfassendes, gelangweiltes, Déjà-vu. Alle Gefühle sind bereits Literatur. Es gibt kein unverfälschtes Erlebnis mehr. Doch Wagner, so der 27 Jahre junge Philologe Nietzsche, sei mit seiner Oper der Erneuerer der griechischen Tragödie, in der sich die Einheit dieser Zweiheit synthetisch kundtut. Es ist diese Erneuerung als Wiedergeburt des Ursprünglichen, die Nietzsche feiert und als radikalen Vitalismus dem Pessimismus Schopenhauers entgegensetzt.


1888 erscheint in „Der Fall Wagner“ Nietzsches letztes selbst veröffentlichtes Buch. In diesem Text bezeichnet Nietzsche Wagner nur noch als seine Krankheit, von der er geheilt wurde. Da sich Wagner nur noch in der Götterdämmerung, dem Untergang als Erlösung ausdrückt, sieht Nietzsche den Künstler Wagner als Künstler der Dekadenz. Der Niedergang, der Verfall war Nietzsches Sache nicht. Er hatte sich ja vom Pessimismus Schopenhauers gelöst und sah sehr wohl eine Ursprünglichkeit und Lebensbejahung als möglich an. Das heißt eine Konklusion von Wille und Vorstellung, als ein ursprüngliches Erlebnis des Daseins.

 

Anstößig könnte man den Abstand zwischen erstem und zweitem Proszenium nennen, den Wagner als mystischen Abgrund bezeichnete. Das verdeckte Orchester sollte die Bühnenillusion verstärken, indem jede Ablenkung von der Bühne und die „widerwärtige Störung durch die stets sich aufdrängende Sichtbarkeit des technischen Apparates“ verhindert wurde. Die „Idealität“ der Szene sollte von der „Realität“ des Publikums geschieden sein, um die Zuschauer „in den begeisterten Zustand des Hellsehens“ zu versetzen. Damit wird das ganze zum Schauspiel, unehrlich, verlogen, raffiniert, kurz dekadent.

 

Thomas Mann im Spiegel seiner Lehrer

 

   „Das Ganze lebt überhaupt nicht mehr: es ist zusammengesetzt, gerechnet, künstlich, ein Artefakt.“ So beschreibt Nietzsche in Der Fall Wagner dessen Musik und Theatralik. Als

   „Ausgepichte Teufelsartistik“ beschreibt Thomas Mann Wagners Musiktheater in seinem Essay Ibsen und Wagner und meint damit die Detailversessenheit Wagners. Thomas Mann nimmt also Nietzsches Kritik an Wagner auf und formt daraus eine Schreibanleitung für sich. Gerade aus der Kritik Nietzsches an Wagner lernt Thomas Mann, seine eigene Technik zu perfektionieren. Er wendet die Methode des Leitmotivs an, die Wagner auszeichnete, er wendet eine besondere Form der Illusion an, indem er die Montage-Technik auf die Spitze treibt. Thomas Mann ging so weit, den Abschiedsbrief seiner Schwester Carla in seinem Roman Dr. Faustus nahezu unverändert einzumontieren.

 

Gleichzeitig gibt er sich selbst keinerlei Illusion hin; und das markiert die besondere Ironie der Mann’schen Erzählhaltung. Immer wieder entlarvt der Erzähler all das, bricht der Intellekt, der Geist den Lebenswillen durch übermäßiges Kommentieren der Figuren. Heute wirken die Figuren gelegentlich wie hingestellt. Schon Bruder Heinrich hat dies kritisiert und schrieb über die Figuren seines jüngeren Bruders „alles nur Statisten“. Worum es Thomas Mann aber eigentlich ging, war die Erkenntnis, dass dieser Widerspruch von Geist und Leben nicht mehr zusammen geht. Lediglich über die Geisteshaltung der Ironie wird das möglich. Literaturhistorisch hat diese Ironie weitergelebt in der Literatur der Postmodernen einerseits (da aber konstruktivistisch gebrochen und nur noch intellektualisiert) und andererseits mehr das Sinnliche betonend im magischen Realismus der südamerikanischen Literatur. In einem Kommentar zu seinem einzigen Theaterstück (Fiorenza, Askese von Savonarola gegen den weltlichen und kunstsinnigen Lorenzo d‘ Medici) schreibt Thomas Mann:

   „Es hat niemals einen durchaus naiven, niemals einen durchaus sentimentalischen Dichter gegeben (Einteilung von Friedrich Schiller, https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cber_naive_und_sentimentalische_Dichtung) – die Worte in ihrer reichsten und tiefsten Bedeutung genommen. Denn der Dichter ist die Synthese selbst. Er stellt sie dar, immer und überall, die Versöhnung von Geist und Kunst, von Erkenntnis und Schöpfertum, Intellektualismus und Einfalt, Vernunft und Dämonie, Askese und Schönheit (1912).“

 

Der Dichter liefert also eine Synthese von reinem Gefühl und der Darstellung von Gefühlen. Es gibt nicht nur die Darstellung, sondern in jeder Darstellung ist immer auch Gefühl mit vorhanden.

In seinem Vortrag / Essay über Richard Wagner, der Thomas Mann seine deutschen Bürgerrechte kostete, schreibt Thomas Mann:

   „Jede Kritik, auch die Nietzsche`s, neigt dazu, die Wirkungen einer Kunst als bewußte und berechnende Absicht in den Künstler zurückzuverlegen und die Idee des Spekulativen zu suggerieren – sehr fälschlich, ganz irrtümlich und gerade, als ob nicht jeder Künstler genau das machte, was er ist, was ihn selber gut und schön dünkt -, als ob es ein Künstlertum gäbe, dessen Wirkungen ihm selber ein Gespött und nicht zuerst auch Wirkungen auf ihn, den Künstler, gewesen wären! Möge Unschuld das letzte Wort sein, das auf eine Kunst anwendbar sei, – der Künstler ist unschuldig. (Leiden und Größe Richard Wagners)“

 

Der unschuldige Künstler!

 

Weiter schreibt er in diesem berühmten Essay über den Begriff der Bürgerlichkeit:

„Ein unehrliches Künstlertum, welches Wirkungen berechnete und erzielte, die ihm selber ein Spott, denen es selbst überlegen wäre und die nicht zuerst auch Wirkungen auf ihren Urheber wären, ein solches Künstlertum gibt es nicht. Und daraus folgt, daß die objektiven Wirkungen eines Künstlers, auch die breite bürgerliche Wirkung Wagners, immer für sein eigenes Sein und Wesen beweisend sind.“

 

Diese Verteidigung der versteckten Quellen und die Verheimlichung des Gemachten in der Kunst lassen sich als romantische Ironie der Göttlichkeit des Künstlers als Schöpfer deuten. Letztlich wird ihn das Thema nie ganz verlassen und der Vorwurf seines Bruders Heinrich, dass seine Figuren nur „Schatten, nur Statisten“ seien, saß immer tief. Und das Problem ist ja bis heute erhalten geblieben. Es ist mehr in den Bereich der Psychologie abgerutscht. Heute sprechen wir von einem authentischen Verhalten, von Kongruenz. Und wenn man nun bewusst authentisch ist, wie authentisch ist man denn da noch? Wie gut spielen wir unsere Rollen in der Gesellschaft? Und wie erst konstruieren wir diese Rollen in der Kunst? Es geht in diesem Diskurs um Inhalt und Form des Kunstwerks.

 

Wenn man einen Château Margaux 1787 aus einem Plastikbecher trinkt, dann liegt die dekadente Würze dieses Tuns sicher nicht am Wein. Inhalt und Form mengen sich zu einer hochprovokanten Aussage. Und Goethes berühmter Spruch

   „Das eigentliche Kunstgeheimnis des Meisters besteht darin, dass er den Stoff durch die Form vertilgt“, bekommt eine hinterhältige Bedeutung. Wenn man dagegen einen Domkellerstolz von seiner Plastikflasche in ein edles Zwiesel-Glas schüttet, ist dann die Dekadenz dieser Handlung nicht vom Wein abhängig? Noch verwerflicher, wenn man den Domkellerstolz auch noch degustiert? Als notorischer Biertrinker hätte ich nicht die geringste Chance, diesen Betrügereien auf die Schliche zu kommen. In der Form liegt die Täuschung. Damit ist der Meister im Sinne Goethes ein Betrüger. Wertfrei gesehen, kann man auch zum Wohle anderer betrügen, ohne Egoismus schöne Werke (Form) schaffen, die dennoch Betrug sind. Die große Gefahr besteht darin, dass der Betrug auffliegt. Und dazu sagte Thomas Pynchon trefflich:

   „In der Arglosigkeit der Kreatur liegt die Amoral des Meisters.“  

Die Amoral des Meisters? Wenn man den Inhalt nicht mehr aus der Form lösen kann, wie kann man ihn dann noch erkennen? Thomas Mann würde darauf antworten: Sollte man schlechte Bücher schreiben? Nur um den Inhalt besser sehen zu können? Den Arglosen zur Hilfe?

Das könnte man weiter diskutieren. In der Kunst ist das Thema nicht mehr so aktuell. Dennoch: Vor Jahrzehnten begannen postmoderne Kunsttheorien zu lehren, dass Authentizität und die davon abgeleiteten Kategorien wie Originalität, Echtheit, Ursprünglichkeit oder Unverfälschtheit bloßes Konstrukt seien. Aneignung, Kopie, Reenactment (bloß nachgestellt), Simulacrum und das Spiel mit der Fälschung sollten den Begriff der Authentizität überwinden. Bis heute hat dies auf die akademische Ausbildung und die Imagepflege der Kunstschaffenden oder die Entstehung ökonomischer Werte von Kunst allerdings kaum Auswirkungen gehabt. In der bildenden Kunst macht gerade die Zunahme der Anrufung von Authentizität die Krise des Realitätsbegriffs wahrnehmbar. Dadurch hat der Authentizitätsbegriff eine definitorische Unschärfe erhalten.

 

In seiner Rede 1933 setzt hier auch Thomas Manns Kritik an Wagner und dem Selbstverständnis der Nationalsozialisten an. Thomas Mann bekämpfte die Nazis in der Weimarer Republik nicht als Linker, sondern als Nationalkonservativer, der die Einheit von Griechenland und Moskau von Marx und Hölderlin wollte. Deutschland war für Thomas Mann die Mitte, die unpolitische Ästhetik. Thomas Manns Hauptkritik an Wagner geht denn auch in diese Richtung. Der nationalsozialistische Wagnerismus strebte die „totale sinnliche Illusion“ an, die Aufhebung der Wirklichkeit im Theater. Und das ist es, was auch den Nationalsozialismus als quasiromantische aus der Spätromantik pervertierte Bewegung ausmacht. Notfalls muss man die Wirklichkeit abtöten. So wurde der Zweite Weltkrieg zu einer Art Bühne, zum Theater, zum Höllentheater. Thomas Mann kritisierte an diesem Kunstverständnis vor allem, dass es nicht möglich ist. Man kann die Wirklichkeit nicht ausblenden. Das rauschhafte Erleben ist eine Illusion. Thomas Mann kritisierte dieses Rauschhafte (Dionysische) an der Kunst, die Aufhebung von Geist und Reflexion. Das nur Sinnliche führt letztlich in die Barbarei! Deutlich ausgeführt wird dies im späten Roman des Doktor Faustus. Die ambivalente Haltung Thomas Manns zu Wagner, der ihn quasi herunterstuft zum bloßen creative director, zum Lehrmeister der Methoden, wie man Illusionen schaffen kann, der aber den gewaltigen Anspruch Wagners, die Hierarchisierung der Kunst, ablehnte und ironisch reflektierte, das waren Ungeheuerlichkeiten.

 

Hans Knappertsbusch (Dirigent, geboren 1888 in Wuppertal, gestorben 1965 in München) initiierte nach diesem Wagner-Vortrag von Thomas Mann einen öffentlichen Protest, den neben 40 anderen namhaften Künstlern unter anderem Hans Pfitzner (deutscher Dirigent und wichtiger Kulturpolitiker der Nazis) und Richard Strauss unterschrieben und der im Münchner Merkur veröffentlicht wurde. Knappertsbusch war kein Mitglied der NSDAP, er wurde sogar als „politisch unzuverlässig“ eingestuft und 1935 als Direktor der Münchner Oper abgesetzt, Knappertsbusch stieß den Führer selbst des Öfteren vor den Kopf. Aber als ehemaliger Assistent von Siegfried Wagner (Festspielleiter Beyreuth) war er ein glühender Wagnerianer. Und was Thomas Mann da gesagt hatte, das ging gar nicht. Man muss sagen, das war ein willkommener Anlass für die Nazis. Ein Dossier über Thomas Mann gab es schon länger. Insofern ist die Kritik von Thomas Mann noch 19. Jahrhundert, noch durch und durch romantisch. Die Nazis waren aber Realisten. Sie haben die Leute besoffen gemacht, um ihnen die Seele zu stehlen. Und es ist Ironie des Schicksals, dass gerade Wagner und Thomas Manns Verhältnis zu Wagner dazu führte, dass Thomas Mann ins Exil musste. Gerade sein Wagner, sein tiefes Verhältnis zu Wagner lässt ihn an Deutschland scheitern.

 

 

 

ENDE

 

 

Der zweite Beitrag 2024

vom 30. Januar 

 

Streifschuss:

vom 09. Dezember 23

 

Anlass: 

eins und eins ist Merzahl

 

 

 

Der Dung in der Bildung

 

Deutschland ist pleite und was man nun gar nicht gebrauchen kann, sind auch noch dumme Kinder. Vor allem – oh Wunder – können unsere Kinder nicht rechnen. Jetzt sind die Politiker etwas ratlos. Denn sie erkennen selbst: Woher sollen die Kinder das lernen? 100 + 100 ist eine Million Sondervermögen. Das lernen die Kinder von TikTok. Und wie man sich korrekt schminkt. Die wenigen Mathe-Lehrer zerbeißen sich an der Trigonometrie aus dem 17. Jahrhundert die Lippen beim Versuch, sie den Pubertierenden beizubringen. Es gibt auch intelligente Kinder. Sie haben reiche Eltern, die rechnen können. Die Rechnung der reichen Eltern geht so. Wenn ich clever bin, kann ich die armen Leute ausnehmen und am besten kürzen wir noch deren Sozialbezüge und verwandeln diese in Firmenzuschüsse, damit die Wirtschaft wächst, und ansonsten scheißen wir auf den Planeten und den Rest der Welt. Und so wird die Armut ausge-Merzt. Wegschauen. Eine Merziade. Und das einzige, was den Verantwortlichen dazu einfällt, ist der Spruch „wir können uns die Bildungskrise nicht mehr leisten“. Die Bildungskrise wird nur noch als ökonomisches Desaster betrachtet. Der Mangel an Bereitschaft, sich anzustrengen, um Wissen zu erwerben wird analog verglichen mit dem Kontostand der Eltern. Das ist die eigentliche Bildungsmisere in diesem Land. Wissen wird nur noch als Wissen verkauft. Hat man genug Geld, kann man sich ja das Wissen kaufen. Es ist logisch und eine kluge Entscheidung von Kindern, dass sie sich sagen, dass Schule nicht lohnt, wenn man an einem guten Tag mit einem clever eingefädelten Drogendeal locker ein Jahresgehalt erwerben kann. Scheiß auf die Bildung, wenn sie dich nicht reich macht. Fachkräftemangel? Wozu malochen? Abziehen ist die Devise. Den ganzen Tag auf der Straße rumlungern und hin und wieder ein Sondervermögen abziehen von einem dieser Looser, diesen Nerds. So machen es die Lindners und Co ja auch. Scheiß auf die Armen, kürzen wir die Sozialbeiträge, ficken wir die armen Rentner, diese Versager, die ihr ganzes Leben gearbeitet haben. Was für Idioten. Hätten sie mal nachgedacht und eine Bank ausgeraubt, dann bräuchten sie keine Sozialhilfe. Siehe Merz. Siehe Scholz. Deutsche Bildung? Goethe? Schiller? Die Faust im Gesicht und die Glocke am Arsch. Die Illusion eines Landes. Die aktuelle Hitlerjugend kann nicht richtig lesen, nicht richtig rechnen. Wozu auch? Man muss nur auf die richtigen Knöpfe drücken können und dann fließen die Dollars von alleine. Bildung ist Luxus. Und den können wir uns nicht mehr leisten. Also: diese Bildungsmisere ist ein logisches Ergebnis unseres ökonomischen Lifestyles. Geile Klamotten, das neuestes Handy, alles kann man abziehen. Das ist kein Diebstahl, das ist ökonomischer Sachverstand. Jeder Drogendealer auf der Straße kann rechnen. Wozu sollte er in die Schule gehen. Und die weltfremden Intellektuellen mit ihrer idiotischen Pisastudie haben ihre Statistik von den „Losern“ und den Nerds erstellt. Geht mal auf die Straße! Nicht in die Schule. Dann seht ihr: Deutschland holt auf, wird zunehmend zum Marktführer in Sachen Kriminalität und Sondervermögen. Der Frühling! Der Merz kommt.

 

ENDE

 

 

Der erste Beitrag 2024

vom 15. Januar 

 

 

Inani usu – vom unnützen Nutzen

 

Matthäus 25, 14–30 schildert uns das Gleichnis von den anvertrauten Talenten. Ein Unternehmer gibt seinen Angestellten Geld zur Verwaltung. Dem ersten 5 Talente (biblische Währung, Gewichtseinheit für Silber), dem zweiten 2 Talente und dem dritten 1 Talent. Am Ende kehrt der Unternehmer von einer längeren Reise zurück und möchte nun eine Abrechnung sehen. Was haben seine Angestellten mit dem Geld gemacht? Der erste Angestellte hat die fünf Talente zu zehn verdoppelt, ebenso der Zweite, der immerhin zwei Talente zu vieren verdoppelte. Nur der Angestellte mit nur einem Talent hat ihn aus Angst nur vergraben und nicht vermehrt. Auf diesen Nichtsnutz ist der Unternehmer stinksauer und entlässt ihn, schlimmer noch. Im Text heißt es wörtlich: Darum nehmt ihm das Talent weg und gebt es dem, der die zehn Talente hat! Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat. Werft den nichtsnutzigen Diener hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen.

Für einige Interpreten gilt diese Bibelstelle als Beleg für die Christlichkeit des Kapitalismus. Man soll seine Begabung, seine Fähigkeiten, sein Hab und Gut möglichst vermehren. Das Eigenschaftswort „talentiert“ hat sich tatsächlich im Mittelalter über dieses Bibelgleichnis in die deutsche Sprache eingeschlichen. Und das Wort „Begabung“ geht auf die indogermanische Wurzel „ghab“ zurück, was „ergreifen, fassen“ bedeutet. Wer seine Talente nicht nutzt, faul in der Sonne liegt und dabei das väterliche Erbe verprasst – man sieht sie vor sich, die rich kids mit Sonnenbrille im schicken Cabrio – nun, der kommt sicher nicht in den Genuss, einst an der Seite seiner Herrlichkeit zu sitzen und nach seinem Tode auf Wolke sieben zu schweben. Nein. Solche Faulpelze schweben schon jetzt auf Wolke sieben und benötigen keine Herrlichkeit. Sie verschwenden ihre Talente und beleidigen den Herrn. Solche Nichtsnutze werden vor allem vom deutschen Streber allzu gerne verurteilt, ja geradezu gehasst.

  Im Jahr 2015 hat man das eben von mir geschilderte Gleichnis von den anvertrauten Talenten auf wissenschaftliche Füße gestellt. In einem Experiment an der Universität Bonn (Wirtschafts-wissenschaftler Armin Falk führte das durch und es ist inzwischen berühmt) gab man Teilnehmern zehn Euro in die Hand. Sie hatten jetzt die Gelegenheit, mit diesem Geld einer ausrangierten Labormaus einen friedlichen Lebensabend zu ermöglichen. 40 Prozent entschieden sich gegen die Labormaus und behielten die zehn Euro. Immerhin, die Mehrheit hatte Mitleid mit der armen Maus. In einem weiteren Experiment gab man den Teilnehmern sogar 20 Euro. Ein Verkäufer trat nun mit ihnen in Verbindung, um den Preis für das Überleben der Maus zu verhandeln. In diesem Fall ließen über 70 Prozent der Teilnehmer die Maus für zehn oder sogar noch weniger Euro sterben. Das Mäuseleben war einer großen Mehrheit in einer marktähnlichen Situation sogar noch weniger wert. Die Wissenschaftler interpretierten dieses Experiment dahingehend, dass moralische Werte durch die Markt-Situation erodierten. Der beim Feilschen, also in einer Tauschsituation, entstehende Charakter des Wettbewerbs führt zum Homo oeconomicus, dem Menschen, der rational denkt und die Nutzenmaximierung über moralische Werte stellt. Nicht Mitleid mit der Maus, sondern ihr Preis wurde verhandelt.


Doch wer seine Fähigkeiten, seine Begabung nicht nutzt, handelt nicht marktkonform. Jeder Mensch hat seinen Preis, ist etwas wert. Würde hat jeder, doch nicht jeder ist das Gleiche wert. Wer seine Talente nicht nutzt, handelt unmoralisch, ist weniger wert. Die Moral ist in diesem Vergleich von Gleichnis und wissenschaftlichem Experiment nicht eindeutig.

 

Es erscheint wie ein Paradoxon, dem wir modernen, in kapitalistischen Wettbewerbsgesellschaften erzogenen Menschen tagtäglich ausgesetzt sind. Empathie und Nutzenmaximierung erscheinen uns als Widerspruch. Da ökonomische Werte inzwischen tief in unsere privaten Beziehungen eingedrungen sind (wir investieren in eine Beziehung), wirkt sich diese Paradoxie als kognitive Dissonanz auf unsere zwischenmenschlichen Kontakte aus. Geben – heißt es in der Bibel, in der Apostelgeschichte – ist seliger denn nehmen. Doch wer immer nur gibt, wird hierzulande nicht wirklich selig, sondern geht pleite. Ja, am Ende gilt es als Schande, da man dann selbst vom „Nehmen“ abhängig wird, zum Nichtsnutz verkommt. Der moderne Sozialstaat organisiert heute die Verteilung. Der Staat nimmt von den Talenten der Fleißigen und gibt sie den Bedürftigen. Regelmäßig wird dieses System nach ihrem Nutzen abgeklopft und regelmäßig empfinden die Fleißigen diese Verteilung als ungerecht. Den armen Tropf, der sein Talent aus Angst, es zu verlieren, vergräbt (wie im Bibelgleichnis) animiert der Sozialstaat nun, die Schaufel in die Hand zu nehmen, sein Talent auszugraben und – ja was? – die Maus zu töten.

 

 Iwan Alexandrowitsch Gontscharow (1812–1891) war ein rich kid, Sohn eines sehr reichen Getreidehändlers. Aber er nutzte sein Talent und schrieb den inzwischen berühmten Roman Oblomow. Dieser handelt von einem begabten und gebildeten, aber ziemlich faulen russischen Adligen, Ilja Iljitsch Oblomow. Oblomow ist materiell weitestgehend abgesichert. Doch er bekommt gleich zu Beginn des Romans zwei Herausforderungen. Einmal droht ihm der Hausbesitzer zu kündigen, wegen Eigenbedarfs. Oblomow soll umziehen. Und sein Dorfschulze (Gemeindevorsteher, vom Grundherrn eingesetzt) schreibt ihm von Ernteausfällen und Verlusten. Zwar macht sich Oblomow Sorgen, bleibt aber dennoch untätig im Bett liegen, kann sich zu nichts durchringen. Er hat zarte, kleine weiße Hände, zieht sich weder an noch wäscht er sich. Sein Haus ist bereits unordentlich, voller Staub und sein Diener ist alt und mürrisch. Alle Versuche seiner Freunde, ihn aus dieser erstickenden Ruhe, Trägheit und Schläfrigkeit herauszuholen, scheitern. Oblomow bleibt ihnen gegenüber freundlich, aber reserviert und verliert sich in den Traum eines geborgenen, sicheren, von aller Verantwortung freien Lebens, in dem der Mittagsschlaf Zentrum und Schwerpunkt der täglichen Verrichtungen ist. Pläne, das väterliche Gut Oblomowka zu pflegen, werden von einem auf den nächsten Tag verschoben, weshalb es mehr und mehr in Verfall gerät. Schließlich wird Oblomow krank und stirbt an einem Schlaganfall, ohne noch einmal versucht zu haben, sein Leben zu gestalten. Das Paradebeispiel eines dekadenten Landadligen, der von der Leibeigenschaft lebt und keine weitere gesellschaftliche Funktion übernimmt, noch vorhat diese zu übernehmen, wurde weitestgehend als Kritik daran gelesen und als Oblomowtum bezeichnet. Ja, der Name Oblomow ging sogar in die Psychiatriegeschichte ein als Beleg für den Neurotiker, der apathisch, faul und parasitär lebt, obwohl er über andere Fähigkeiten verfügt, diese aber nicht einsetzt und in Muße lebt, ohne diese auch genießen zu können.

 

Mit diesem Oblomow hatte ich immer tiefstes Mitgefühl und hege bis heute eine Sympathie, die ich gar nicht erklären kann. Vielleicht ist es auch ein wenig Neid auf die, denen die Lebenswurstigkeit zur Realität wurde. Doch im Vordergrund steht mein freundschaftliches Mitgefühl mit allen Nichtsnutzen dieser Welt. Während mich die Nutzenmaximierer und die Fleißigen, die Streber unangenehm aufrütteln, mich gegen meinen Willen antreiben, indem sie mir ständig Gewissensbisse machen, Gewissensbisse, die ich schon derart internalisiert habe, dass ich sie kaum noch verdrängen kann. Es sind diese Fleißigen, diese Streber, die beständig die Welt umgraben und aufwühlen, für Unruhe sorgen und uns antreiben, mit dem Argument, Faulheit führe in den Niedergang.

 

Der Angestellte, der sein Talent vergräbt, der Teilnehmer am Experiment, der ein Mäuseleben rettet und Oblomow, sind sich sehr ähnlich, denn ich bin mir sicher, dass Oblomow die Maus gerettet hätte und der Mann aus der Bibel ebenfalls. Warum aber alle am Ende in die Hölle fahren, in die Finsternis? Das muss man mir tagtäglich neu erklären, damit ich so tue, als würde ich es begreifen. Ist es wirklich so schlimm, die arme Labormaus zu retten und ihr einen gemütlichen Oblomow-Lebensabend zu ermöglichen? Ich glaube nicht. So. Aber jetzt muss ich wirklich was arbeiten gehen. Nutzt ja nichts.

 

ENDE