Unsere literarische Schatzkammer

Hier ruhen ironische, sarkastische, Scifi, bis hin zu makabren Geschichten. Auch Lyrik, geschrieben von früheren sowie neuzeitlichen, aber auch von noch unbekannten Neuautorinnen und Autoren. Wir machen alle Leserinnen und Leser dieser Werke darauf aufmerksam, dass sämtliche, hier geposteten Werke, urheberrechtlich geschützt sind. Wir wünschen gute Unterhaltung beim Lesen.

 

 

Zurzeit lesen Sie in dieser Rubrik:

 

Margarete Bertschik:                    "DAS PAKET"

 

Michael Voß:                                 "DAS WAHRE GESICHT"

 

Esther S. Schmidt:                         "DIE FREMDEN"

 

Achim Hildebrand:                         "SMERGS"

Achim Hildebrand:                         "BIEDENBACH"

 

Dirk Tilsner:                                    "AUS DEM TAGEBUCH EINES AUSSTEIGERS"

 

Margarete Bertschik:                       "DER BEOBACHTER"

 

 

Schauen Sie heute Abend einmal kurz unter Ihr Bett! Vielleicht liege ich darunter?

"Meine achtzehn Geschichten aus:

 

DER TOD IST NICHT FAIR –

DAS LEBEN AUCH NICHT

 

sind zwischen vier und neunund-zwanzig Seiten lang. Einige haben den Charakter eines kurzen Krimis, andere greifen Geschehnisse aus dem Alltag der Menschen auf. Oft gewähren sie einen tiefen Einblick in die menschliche Seele, egal ob sie dramatisch, schockierend oder belustigend sind."

Das Paket

(Urheberrechte & Copyright © by Margarete Bertschik)

 

„Hast du eigentlich eine Ahnung, wie sehr ich mich auf die Kreuzfahrt freue, Georg?“

 

Carla biss kräftig in ihr Brötchen und fuhr mit halbvollem Mund fort: „Ich bin jetzt schon fürchterlich aufgeregt, wenn ich nur daran denke.“

   „Hm, ja, natürlich.“ Georg wirkte abwesend. Er blätterte eine Seite seiner Zeitung um und vertiefte sich in einen Artikel.

  „Stell dir nur mal vor, was wir alles sehen werden! Neapel, Rom, Marseille, Barcelona! Und dann das Schiff! Ich kann es kaum noch erwarten!“

 

Georgs Stimme hinter der Zeitung klang wenig interessiert. „Ja, sicher, es wird bestimmt sehr schön. Ist noch etwas Kaffee da?“

Carla stand auf, nahm die Glaskanne von der Warmhalteplatte der Kaffeemaschine und füllte Georgs Tasse.

    „Ich habe mir gestern einen neuen Badeanzug gekauft. War gar nicht so teuer. Der alte hat mir nicht mehr gepasst.“

    „Ach so? Ja, gut.“

„Wenn ich mir vorstelle, wie es sein wird auf dem Schiff! Im Whirlpool oder auf dem Sonnendeck! Man blickt auf das weite blaue Meer, lässt sich einen Cocktail servieren und genießt die Sonne. Ach Georg, du weißt ja gar nicht, wie sehr ich mich freue!“

 

Georg faltete seine Zeitung zusammen, legte sie ordentlich neben seinen Teller und trank seinen Kaffee aus.

   „Ich gehe gleich rüber zu Hannes. Er will mir die neuen Teile zeigen, die er für seine Bahn gekauft hat.“ An der Tür drehte er sich noch mal um. „Wenn der Postbote ein Paket bringt, kannst du es ruhig annehmen. Es ist schon bezahlt.“

 

  „Ist gut.“

 

Carla fing an, das Frühstücksgeschirr abzuräumen. Sie summte vor sich hin. Die Vorfreude auf die Reise ließ sie wie auf Wolken schweben. Hin und wieder stieg ein Juchzen in ihrer Kehle auf, das sie kaum unterdrücken konnte. Sie legte das Wischtuch aus der Hand und griff zu dem Reisekatalog, der, schon etwas zerfleddert, aufgeschlagen auf dem Wohnzimmertisch lag. Dieses wunderschöne Schiff! Genauso schön wie das Traumschiff im Fernsehen, von dem sie noch keine Folge versäumt hatte. Doppelkabine auf Deck acht. Ganz in der Nähe des Theaters und der Restaurants. Sogar ein Casino gab es! Und einen Fitnessraum. Obwohl Carla nicht glaubte, dass Georg und sie sich oft dort aufhalten würden. Bei dem Gedanken daran musste sie schmunzeln.

 

„War die Post schon da?“ Georg wischte sich seine Schuhe auf dem Abtreter ab und kam in die Küche, wo Carla das Mittagessen vorbereitete. Gerade wälzte sie ein Schnitzel in Mehl, Ei und Panade, bevor sie es in das siedende Fett legte.

 

„Essen ist gleich fertig, Georg. Nur noch ein paar Minuten.“

   „Ist das Paket gekommen?“ Georgs Stimme klang ungeduldig.

 

„Ja, die Post war da, aber ein Paket war nicht dabei.“ Carla wendete die Schnitzel. „Erwartest du denn etwas Besonderes?“

 

   „Ich habe bei Ebay etwas für meine Eisenbahn ersteigert.“

 

Carla unterdrückte einen Seufzer. Die Modelleisenbahn! Sie war Georgs Ein und Alles. Seit er vorzeitig in Rente gegangen war, verbrachte er jede freie Minute im Keller bei seiner Eisenbahn. Und dauernd kam etwas Neues dazu. Mal ein paar Schienen, mal ein neues Häuschen für die Landschaft, mal ein paar Miniaturautos. Carla gönnte ihm ja sein Hobby, aber jetzt war erst einmal die Schiffsreise dran. Sie hatte ewig lange einen Euro nach dem anderen von ihrem Haushaltsgeld zurückgelegt, bis sie genug gespart hatte, damit sie sich diese Reise leisten konnten. Sechshundert Euro hatte sie schon bei der Buchung angezahlt, jetzt, fünf Wochen vor Reiseantritt, waren die restlichen eintausendneunhundert Euro fällig. Für die Landausflüge brauchten sie auch noch ein paar Hundert Euro. Sie hatte das Geld nach und nach auf ein Sparkonto eingezahlt, wo es jetzt nur noch darauf wartete, an die Reisegesellschaft überwiesen zu werden.

 

„Warst du schon auf der Bank wegen der Reise, Georg?“

    Georg schüttelte den Kopf. „Bin noch nicht dazu gekommen. Hat ja auch noch Zeit.“

  „Aber bald musst du das Geld überweisen. Damit sie uns die Reiseunterlagen schicken können.“

   „Ja, ja, schon gut!“ Georg war mit den Gedanken anscheinend woanders. „Ist das Essen noch nicht fertig?“

 

 

Georg steckte den Kopf zur Wohnzimmertür hinein. „Ich geh dann. Wenn das Paket noch kommt, nimm es bitte an. Vielleicht kommt es ja per Kurier.“

 

„Ja, mach ich. Viel Spaß beim Skat, Georg!“ Carla schaute kaum vom Fernseher auf, in dem gerade die Abendnachrichten liefen. Diese Skatabende jeden Donnerstag waren auch etwas, was Georg heilig war. Vor allem, weil sein Kumpel Hannes mit dabei war. Und Hannes stand Georg in seiner Leidenschaft für Modelleisenbahnen in nichts nach. Nun ja, sagte Carla sich, sie hatte ja schließlich auch ihren Handarbeitsclub.

 

Es war eine Woche später, als Carla, schlaflos im Bett liegend, hörte, wie Georg nach seinem Skatabend wieder nach Hause kam. Wie immer, führte ihn sein Weg als Erstes in den Hobbykeller zu seiner Eisenbahn.

   „Oh mein Gott“, hörte Carla ihn schreien,  und noch einmal „oh mein Gott!“ Und dann, ziemlich schrill, ihren Namen. Sie sprang aus dem Bett und eilte die Treppe hinunter bis in den Keller, wo Georg fassungslos vor den Trümmern seiner Modellbahn stand. „Ruf die Polizei, Carla“, rief er,        „hier ist eingebrochen worden. „Sie soll sofort kommen! Wähle 110!“ Er rang die Hände und blickte sich verzweifelt in dem Chaos um. „Alles haben sie zerstört! Und alle meine Lokomotiven haben sie mitgenommen!“

 

„Nun beruhige dich erst einmal, Georg“, sagte Carla. Sie schaute sich in dem Hobbyraum um. Die große Spanplatte, auf der Georg seine Anlage montiert und aufgebaut hatte, war umgestürzt worden, die Pappmachéberge, die Brücken und Straßen, die Georg in tagelanger Arbeit gebastelt hatte, lagen zertreten und zerfetzt über den Boden verstreut. Die elektrischen Kabel für die Lokomotiven und die Schienen ragten wie Adern und Sehnen aus dem Haufen heraus. Eine einzelne Plastikkuh in Miniaturformat lag zusammen mit einem Gewirr von Bäumen, Büschen, Autos und Fachwerkhäuschen vor ihren Füßen. Sie ging zum Telefon.

 

 

„Die Polizei kommt gleich, Georg.“ Carla betrachtete ihren Mann, der sich ständig mit allen zehn Fingern durch sein schütteres graues Haar fuhr. Wie verzweifelt er aussah, so alt und jammervoll, in seiner grauen Strickjacke und der Cordhose, die am Gesäß schon ganz blank war.

 

Die beiden Polizisten in Uniform besahen sich kopfschüttelnd das Chaos.

   „Und sonst ist nichts gestohlen worden?“

 

„Nein, soviel ich sehe, ist im übrigen Haus alles in Ordnung“, antwortete Carla.

  „Offensichtlich sind die Täter durchs Kellerfenster eingestiegen. Die Scheibe ist eingedrückt worden. War ein Kinderspiel.“ Der junge Polizist, der sich das Fenster angesehen hatte, schüttelte missbilligend den Kopf über die offensichtlich unzureichenden Sicherheitsvorkehrungen.

 

   “War die Anlage wertvoll?“, fragte der Ältere. Georg schüttelte den Kopf. „Eigentlich nicht. Aber einige der Loks hatten einen großen Sammlerwert.“

   „Bitte, machen Sie uns eine Liste der gestohlenen Gegenstände. Und schätzen sie den ungefähren Gesamtschaden ein. Aber fassen Sie nichts an, bevor die Spurensicherung hier war, wegen der Fingerabdrücke und so.“ Er ließ seine fachkundigen Augen über die verwüstete Anlage gleiten. „Hier hat jemand ganze Arbeit geleistet. Können Sie sich vorstellen, wer das getan haben könnte, Herr Möller? Wer wusste denn von den wertvollen Loks?“

 

Georg kratzte sich am Kopf. „Eigentlich nur Hannes. Er hat auch eine Modellbahn. Und natürlich die Kumpels vom Club.“

   „Okay, machen Sie uns bitte eine Liste mit den Namen.“ Er wandte sich an Carla. „Und Sie, Frau Möller. Haben Sie nichts gehört?  Das hier muss doch ganz schön Krach gemacht haben.“

   „Ich war heute Abend bei meiner Freundin Anni. Sie ist Mitglied in meinem Handarbeitsclub. Sie hat heute ihren Geburtstag gefeiert. Den zweiundsechzigsten.“ Carla zog ihren Morgenmantel fester um ihren Oberkörper.

 

Als die Polizisten gegangen waren, nahm Carla Georg am Arm. „Komm, wir gehen jetzt am besten ins Bett. Hier können wir doch nichts mehr machen.“

   Während Carla darauf wartete, dass Georg endlich einschlief, dachte sie an den Donnerstag letzter Woche.

 

Es hatte tatsächlich ein Kurier von einem Paketdienst vor der Tür gestanden, als Carla nach dem Klingeln die Tür geöffnet hatte.

 „Ich habe hier ein Paket für Georg Möller. Können Sie es entgegennehmen?“

   „Selbstverständlich. Das ist für meinen Mann.“

„Bitte, unterschreiben Sie hier.“ Der eilige junge Mann hielt Carla eines dieser merkwürdigen Computergeräte hin und sie unterschrieb auf der grauen Displayfläche.

 

Sie wog das Paket in der Hand. Es war so groß wie ein Schuhkarton und ganz schön schwer. Wieder etwas für die Modelleisenbahn. Was es wohl diesmal war? Georg hatte bestimmt nichts dagegen, wenn sie mal hineinschaute. Sie entfernte das Packpapier und öffnete das Päckchen. Sorgfältig verpackt in Formkartons und geschützt durch eine Unmenge von Seidenpapier lagen drei Modelllokomotiven vor ihr. Vorsichtig nahm Carla eine nach der anderen in die Hand und betrachtete sie. Jede von ihnen hatte ein ausgefallenes Erscheinungsbild. Die eine sah altertümlich aus, schwarz lackiert mit goldenen Rändern, die zweite hatte eine moderne, schnittige Form und die dritte eine merkwürdige Bemalung. Carla nahm den beigefügten Rechnungsbeleg zur Hand. Betrag dankend erhalten, stand da. Plötzlich wurde ihr ganz kalt.

 

2.138,50 Euro! Wie eine Eislawine breitete sich die Kälte in ihrem Inneren aus. Ihr Geld! Das Geld für die Kreuzfahrt! Georg hatte es ausgegeben für dieses lächerliche Spielzeug! Ihr Herz fing an schmerzhaft gegen ihre Rippen zu schlagen. Die Eislawine in ihrem Inneren verwandelte sich in glühende Lava. Ihre Wangen brannten. Sie musste sich auf den nächstbesten Stuhl setzen, weil ihre Knie auf einmal wie aus Pudding waren. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie wieder normal atmen konnte. Mit zitternden Händen packte sie die Lokomotiven zurück in den Karton, wickelte das Packpapier sorgfältig darum herum und klebte die kleinen Risse mit Tesafilm zu. Georg würde nicht bemerken, dass das Paket geöffnet worden war. Dann hatte sie es gut sichtbar auf die Flurgarderobe gelegt, wo er es sofort finden würde, wenn er heimkam von seinem Skatabend. Sie konnte in dieser Nacht und auch in den folgenden kaum schlafen.

 

Es dauerte lange, bis Carla an dem ruhiger werdenden Atem Georgs merkte, dass er nach all der Aufregung endlich eingeschlafen war. Leise stand sie auf und schlich in das kleine Hauswirtschaftszimmer, in dem ihre Nähmaschine stand und die anderen Sachen, die sie für ihre Handarbeiten brauchte. Sie rückte das Bügelbrett beiseite und zog einen gefüllten Wäschekorb hervor. Da lagen sie, zwischen Stoffresten und ausrangierten Röcken und Hemden: Die Lokomotiven. Nicht nur die drei, die Georg für ihr Reisegeld ersteigert hatte, sondern auch alle anderen. Sie wusste noch nicht, was sie mit den Modellen anfangen wollte, vielleicht konnte sie sie ja verkaufen, aber auf jeden Fall würde Georg jetzt keine Freude mehr an ihnen haben. Auf ihrem Gesicht zeigte sich ein böses Lächeln.

 

 

 

ENDE 

 

 

 

 


Michael Voß, Jahrgang 1961, ist Maschinenbauingenieur. Als Ausgleich zu seinem von Technik geprägten Arbeits-alltag schreibt er Fantasy-Romane und Kurzgeschichten, tanzt Salsa und übt sich in koreanischer Kampfkunst. Der Patchwork-Familienvater von drei inzwischen erwachsenen Kindern lebt mit seiner Frau in Bielefeld. Hier ein veritabler Vor-geschmack seiner Talente. Gut Gänsehaut ...!

DAS WAHRE GESICHT

(Urheberrecht & Copyright by Michael Voß)

 

Die Sonne ging auf im Gesicht Boguls, König von Bormet:

   „Seid willkommen, Gero von Kaldenstein! Es ist mir eine Freude, dass Ihr meine Einladung angenommen habt!“

 

Der Druide im grüngrauen Umhang verzog keine Miene:

   „Bedauerlich ist hingegen, dass ich die Freude Eurer Majestät nicht teilen kann.“

 

Wut verzerrte das Gesicht des Tyrannen und auf einen Schlag war es still im Thronsaal.

 

Doch schon hatte Bogul wieder sein liebenswürdiges Lächeln aufgesetzt

  „Warum das, werter Gero? Hat es Euch auf der Reise an etwas gemangelt? War die Kutsche vielleicht nicht weich genug gefedert? Oder hat man Euch den caldanischen Wein nicht angeboten, den ich eigens für Euch beschaffen ließ?“

 

Die eisgrauen Augen des Angesprochenen blitzten auf, seine Stimme jedoch blieb kühl:

 

   „Ich bevorzuge es, bei der Sache zu bleiben und die Dinge beim Namen zu nennen, Majestät.“

 

Das Lächeln des Herrschers gefror zur Maske und wieder hielt der Saal den Atem an. Zu hören war nur das Kratzen der königlichen Fingernägel auf den Armlehnen des Thrones. Die Stimme des Tyrannen klang gepresst:

   „Nun, Gero, Ihr wart noch nicht hier zu Gast, daher sei Euch Euer ungebührliches Verhalten verziehen, bis meine Leute Euch die Regeln hierzulande erklärt haben. Seid versichert, dass sie recht geübt darin sind.“

 

Der Rabe auf der Schulter des hochgewachsenen Druiden gab einen kehligen Laut von sich. Beruhigend strich Gero dem schwarzen Vogel über das Gefieder:

   „Wohl wahr. Die erste Lehrstunde haben sie mir bereits gegeben!“

Schuldbewusst senkte der Leibwächter zur Linken des Königs den Blick.

„Lehrstunde? Was meint Ihr damit?“, fragte der Tyrann verständnislos.

 

Der Mittvierziger mit den seltsamen Tätowierungen blieb gelassen:

 

   „Eure Leibgarde lehrte mich die hierzulande übliche Bedeutung des Wortes. Was in Bormet Einladung heißt, nennt man anderswo Nötigung, Euer Wort Reise bezeichnet das, was bei uns ein Gefangenentransport ist.“

 

„Bedeutung des Wortes - ach was, halten wir uns nicht länger damit auf!“, rief Bogul jovial und winkte den Bewaffneten an Geros Seite:

    „Geleitet unseren Gast an seinen Platz! Mundschenk! reiche er Herrn von Kaldenstein einen Willkommenstrunk!“

 

Mit zwei auf seinen Nacken gerichteten Hellebardenspitzen nahm Gero gegenüber dem Tyrannen Platz und sagte halblaut:

    „Ein Vorschlag zur Güte, Majestät: Schickt Euren Hofstaat hinaus, dann können wir uns die Förmlichkeiten sparen!“

 

Mit kalten Augen starrte der König den wettergegerbten Druiden an, der sich nach wie vor unbeeindruckt zeigte.

 

Bogul klatschte in die Hände: „Unser Gast ist müde von der Reise! Der Empfang ist beendet!“

 

Kurz darauf hatten die Höflinge, Diener, Musikanten und Gaukler den Saal verlassen, einzig der Leibwächter und die Gardisten waren geblieben. Zum ersten Mal lächelte der Druide:

 

    „Also, Euer Majestät, was wollt Ihr von mir?“

 

„Macht mich gesund, Gero!“

 

„Ah. Nun denn, was plagt Euch?“

 

Der Tyrann beugte sich vor und flüsterte:  „Der Verlust  meiner Manneskraft.“

    „Hm. Dafür lasst Ihr mich eigens herbringen? Warum das?“

 

Bogul raunzte: „Ich folge dem Rat des königlichen Hofmedicus. Nachdem er alles Mögliche vergeblich versucht hatte, sagte er, jetzt bliebe nur noch Elfenmagie oder der Spiegel von Meister Gero, um mich zu heilen.“

 

Gero zuckte mit den Schultern: „Der Spiegel ist nicht mehr in meinem Besitz. Er wurde mir im letzten Frühjahr geraubt. Aber warum konsultiert Ihr nicht einfach eine ordentliche Hexe? Erkrankungen wie die Eure sind ein Spezialgebiet meiner naturverbundenen Standesgenossinnen.“

 

Der Tyrann knirschte mit den Zähnen, sein Gesicht verfärbte sich Zorn rot.

  „Ich verstehe“, meinte der Druide beiläufig. „Nachdem Ihr sämtliche Hexen Bormets vertrieben oder auf dem Scheiterhaufen verbrannt habt, würde ein solches Tun Euren, hm, Überzeugungen zuwiderlaufen.“

 

Ein Schatten flog über das Gesicht des Leibwächters. Bogul jedoch schnaubte verächtlich und winkte. Kurz darauf brachte ein Diener ein Kästchen aus Mahagoniholz. Der König öffnete es und entnahm ihm einen fein gearbeiteten Handspiegel, dessen Glas tiefschwarz glänzte: „Nun, ist das hier Euer Spiegel?“

 

Der Druide nickte.

 

„Ich habe hineingeschaut, bin aber nicht genesen. Warum?“, verlangte Bogul zu wissen.

    „Nun, der Spiegel schläft sozusagen. Es bedarf der Magie, um ihn aufzuwecken.“

    „Dann weckt ihn gefälligst auf!“

 

Gero schüttelte den Kopf: „Ich rate dringend davon ab, Euer Majestät. Schon deshalb, weil der Spiegel Euch nicht helfen kann.“

    „Warum nicht, zum Henker? Eure Spiegel-Heilungen sind geradezu legendär! Ihr habt den Kaiser damit vom Stottern befreit, eine caldanische Prinzessin aus dem Irrsinn geholt und dergleichen mehr! Ich bin ebenfalls adelig, also wird der Spiegel auch mich gesund machen!“

 

„Der Stand ist nicht entscheidend für den Erfolg. Zudem heilt der Spiegel nicht, vielmehr hilft er dem Leidenden, von selbst zu gesunden“, antwortete der Druide.

 

Unwirsch fragte der König: „Wie soll das gehen?“

    „Indem er dem Schauenden zeigt, wer er wirklich ist. Die Prinzessin mit der Hasenscharte, der man von Kindesbeinen an eingeredet hat, sie sei hässlich, dumm und zu nichts nutze, erblickte im Spiegelbild ihr wahres Gesicht. Nämlich das, was ihrem warmherzigen und klugen Wesen entsprach: makellos und voller Liebreiz. Der Anblick der Wahrheit hat sie nicht nur vom Irrsinn genesen lassen, auch ihre Hasenscharte hat sich mit der Zeit ausgewachsen.“

 

Verständnislos starrte der Tyrann den Druiden an, dann schnauzte er: „Weckt den Spiegel auf! Sofort!“

 

Keiner bemerkte das feine Lächeln Geros, als er den magischen Gegenstand aus der Hand des Königs entgegennahm und Worte in einer fremden Sprache murmelte. Als hätte jemand Sternenstaub darauf gestreut, glitzerte das schwarze Glas einen Moment lang auf. Dann war es silbern geworden.

 

Gierig griff der Tyrann nach dem Spiegel und sah hinein.

 

Eine Weile lang starrte er verwundert. Schließlich drehte er sich ein wenig hin und her, um sich auch von den Seiten zu betrachten.

Kopfschüttelnd und ohne den Blick zu wenden, befahl er seinem Leibwächter:

    „Robak!!! Sag´ mir, was du hier siehst!“

Über die Schulter seines Herrn hinweg schaute der junge Gardist in den Spiegel und erbleichte entsetzt.

 

Ungeduldig fragte der König: „Sag´ schon, Robak, wo zum Teufel bin ich denn in diesem Spiegel hier? Ich sehe nur ein gehörntes Ungeheuer, in dessen Augen der Irrsinn flackert.“

 

Der Wächter schluckte und stotterte: „Nun, Herr, ich, ähm...“

 

Bogul winkte ab: „Lass es gut sein! Ich sehe schon: Dieser Hundsfott von einem Druiden will mir die Heilung verweigern! Werft den Drecksack in den Kerker - ich lasse ihn gleich morgen vierteilen und den Hunden zum Fraß vorwerfen.“

 

Verzweifelt suchte Robak den Blick Geros, der ihm freundlich zulächelte und unauffällig nickte. Der Rabe machte einen weiten Flügelschlag.

 

Ein unmerklicher Ruck ging durch den Wächter, dann zog er das Schwert, holte aus und schlug seinem Herrscher den Kopf ab.

 

 

ENDE

 

 

 


Esther S. Schmidt lebt in Frankfurt am Main. Seit 2005 ist sie in Zeitschriften und Anthologien vertreten und hat mit ihren Kurzgeschichten bereits mehrere Preise gewonnen. Mit ihren Romanen bewegt sie sich im Bereich der Phantastik. 2016 erschien ihr dystopischer Roman "DIE ZWEITE FINSTERNIS" bei Papierverzierer. 2020 folgte die Fantasy-Trilogie "DIE CHRONIKEN DER WÄLDER" bei dotbooks. Unter Pseudonym hat sie einen Steam-Punk-Roman veröffentlicht.

 

Wir freuen uns, unseren Leserinnen und Lesern eine Kurzgeschichten-Rosine von ihr vorstellen zu dürfen. Gute Unterhaltung.

 

DIE FREMDEN

(Urheberrechte und Copyright © by Esther Schmidt)

 

   "Sie kamen in Schiffen, in riesigen Raumschiffen, die Schatten über unsere Städte warfen und die Welt in Dunkelheit tauchten. Sie kamen mit überlegenen Waffen und einer Technik, der wir nichts entgegenzusetzen hatten. Wir versuchten es dennoch. Wir kämpften – und wir starben. Sie warfen uns um Jahrhunderte zurück, zerstörten unsere Häuser, unsere Gesellschaft, unser Leben. Mit ganzen Kontinenten auf der Flucht blieb niemand mehr, der die Toten hätte begraben können. Massengräber klafften wie offene Wunden in verwilderten Äckern. Aasfresser vermehrten sich, strichen in Rudeln durch das Land.

 

Die Überlebenden versklavten sie, zwangen sie, den Mördern zu dienen. Wer sich widersetzte, verschuldete nicht den eigenen Tod. Er musste zusehen, wie andere getötet wurden. Sie kannten alle Facetten der Grausamkeit, wussten zu quälen über das natürliche Maß hinaus. Sie folterten bis zum Tode und dann riefen sie ihr Opfer ins Leben zurück, um es weiter missbrauchen zu können.

So beugten wir unsere Nacken und unsere Knie – doch niemals unsere Seelen. Wir verschlossen unseren Mund, unser Herz – doch niemals unsere Augen. Wir dienten – und wir lernten. Wir lernten die Grausamkeit, die kalte Berechnung, wir lernten die Wissenschaft und die Technik, die der unseren so überlegen war. Wir lernten zu warten.

Jetzt ist unsere Zeit gekommen. Der Widerstand erstarkt, der Geist der zersplitterten Nationen vereinigt sich. Wir erheben uns und wir werden kämpfen...“

"Sehr pathetisch!"

Simon zuckte zusammen und die Tinte hinterließ einen unschönen Klecks auf dem Papier. Unwillig drehte er sich zu dem Mann um, dessen spöttisches Gesicht über seiner Schulter schwebte.

"Tebrim! Musst du dich immer so anschleichen?"

Tebrim grinste. "Es bleibt mir ein Rätsel, wie ein schreckhafter Bücherwurm wie du in den Widerstand gehen konnte."

"Es werden eben nicht nur dumpfe Schläger gebraucht", entgegnete Simon säuerlich. "Und was treibt dich in die gefürchtete Nähe von Büchern?"

„Inara ist da – und sie hat einen der Fremden dabei!“

„Was?!“ Simon sprang auf und ballte die Fäuste. „Wie viele sind es?“

Tebrim lachte. „Nur einer, Simon, nur einer, mach dir nicht in die Hosen! Wir brauchen dich als Übersetzer!“

Die Sprache der Fremden war nicht geeignet für die Zungen der Opfer. Die Diener hatten gelernt zu verstehen, um gehorchen zu können, aber kaum einer konnte die Sprache der Eroberer auch sprechen. Simon gehörte zu den wenigen, denen es gelungen war, die merkwürdigen Laute, die sie produzierten, verständlich genug nachzubilden.

Mit klopfendem Herzen folgte Simon dem bulligen Soldaten durch die Gänge ihrer unterirdischen Festung, und als er den Versammlungsraum betrat, sträubten sich ihm die Nackenhaare. In der Mitte des Raumes, gefesselt auf einem Stuhl, saß einer von DENEN, ein fremdartiges, erschreckendes Wesen, ein verhasster Feind.

Die Fremden waren riesig. Selbst ihre Frauen überragten Simon um mindestens eine Kopfes Länge. Ihre gelblich-weiße Haut war schwammig und unbehaart bis auf die langen Strähnen, die aus ihren Köpfen wuchsen. Sie waren hässlich, und dieses Individuum umso mehr, als es sich um einen alten, männlichen Vertreter seiner Gattung handelte.

Simon ballte die Fäuste, um sich selbst Mut zu machen. Dann atmete er tief ein und trat auf den Alten zu. "Ich spreche deine Sprache, Herr."

Er biss sich auf die Lippen, aber das Wort war nicht zurück zu nehmen. Sie hatten ihm diese Anrede eingeprügelt, hatten jede mangelnde Ehrerbietung mit Stromstößen durch seinen Halsring geahndet. Es saß zu tief.

Er nahm sich vor weniger unterwürfig zu sein – immerhin war dies ein Verhör. Dieser Fremde war ein Gefangener, waffenlos und allein. Sie mussten ihn nicht mehr behandeln wie einen Herrn.

Langsam hob der Fremde den Kopf und sah Simon an, offensichtlich überrascht von dessen Sprachfähigkeit. Er öffnete den Mund und sagte langsam und mit bemühter Deutlichkeit: „Ich bin alt. Ich habe ein schwaches Herz. Ihr könnt mich foltern, aber ihr riskiert dabei, mich zu töten. Stattdessen biete ich euch meine Hilfe an.“

Simon war so perplex, dass er den Alten nur stumm anstarrte. Er brauchte einen Moment, um sich klar zu werden, was die Worte bedeuteten. Schließlich fragte er: „Du bist bereit, deine eigene Art zu verraten? Weshalb?“

Der Alte zögerte mit der Antwort. „Weil es nicht richtig ist. Wir dürften nicht hier sein.“ Er schwieg, aber Simon wusste, er würde noch etwas sagen, also ließ er ihm Zeit. Schließlich blickte der Fremde hoch. „Wir haben unsere eigene Welt zerstört, darum mussten wir sie verlassen. Wir flogen durch das All in einer Starre, die dem Tod sehr ähnlich war, bis die Systeme eure Welt fanden. Sie schien uns jung und unverbraucht, und sie war unsere einzige Hoffnung.“

In Simons Kopf schwirrte es. Diese wenigen Sätze enthielten so viele Antworten, nach denen sie immer wieder gesucht hatten. Wo kamen die Fremden her? Weshalb waren sie hier? Würden noch mehr von ihnen kommen?

„Ihr habt also eure eigene Welt zerstört“, wiederholte er bedächtig. „Und nun wollt ihr die unsere. Aber sie gehört euch nicht. Wir werden verhindern, dass ihr auch sie zerstört.“

Der Alte nickte. „Die Schiffe wurden mit den Besten von uns bestückt – den Klugen, den Reichen, den Mächtigen. Wir sind die letzten unserer Welt.“ Er zögerte und eine unbestimmte Trauer trat in seinen Blick. Mehr wie zu sich selbst murmelte er: „Wenn wir nicht mehr sind, ist unsere Kultur vergangen, unsere Geschichte, unsere Literatur, unsere Musik. All das Schöne, das war, das Erhabene und Großartige, wird verschwunden sein.“

Simon sah den Schmerz im Gesicht des Gefangenen und für einen Moment regte sich Mitleid in ihm. Der Fremde hatte recht. Verschüttete Erkenntnisse der Wissenschaft konnten wiederentdeckt werden, aber ein vergessenes Lied war für immer verloren. Er wusste das, denn er selbst hatte Museen brennen sehen, hatte Gedichten in seinem Gehirn Zuflucht gewährt, bevor er die Bücher zurückließ. Mit der Erinnerung daran kam die Wut zurück.

„Ebenso verschwinden werden der Schmerz und das Leid, die ihr gebracht habt!“

 

Der Fremde schien getroffen. „Vielleicht hat uns das künstliche Koma verändert“, sagte er. „Vielleicht aber sind wir tatsächlich so, wie ihr uns sehen müsst: böse, grausam, herrschsüchtig. Macht ist verführerisch – sehr verführerisch. Und hier hatten wir Macht. Jeder von uns konnte ein kleiner König werden.“ Er atmete tief ein und schüttelte den Kopf.

 

„Und nun willst du das ändern?“ Der Spott in Simons Stimme war nicht zu überhören. Konnte es wirklich sein, dass dieser Fremde anders war als der Rest seiner Art? Durften sie das glauben?

"Ich habe schon lange mit dem Gedanken gespielt, euch zu unterstützen.“

„Du bist ein Spion“, widersprach Simon. „Du willst verhindern, dass wir stark werden, denn du weißt, was dann geschähe.“

Der Fremde senkte den Kopf und nickte. „Ihr werdet keinen von uns am Leben lassen. Zu viel haben wir euch angetan, zu tief sitzt der Hass.“

„Das ist richtig“, pflichtete Simon ihm bei und versuchte, sich das Mitleid zu verbieten.

„Es tut mir leid, dass ihr nur die dunklen Seiten unseres Wesens gesehen habt. Aber es gibt andere. Inara dient seit drei Jahren in meinem Haus, sie kann dir davon erzählen.“

"Das kann sie sicher", gab Simon kalt zurück, "und sie wird sich hüten, etwas anderes zu tun, denn sie trägt noch immer den Sklavenring um den Hals."

Der Alte schüttelte traurig den Kopf. "Ich weiß, es ist schwer. Ich bitte euch, mir zu vertrauen, aber nach allem, was wir euch angetan haben, ist das nahezu unmöglich." 

„Ein Instrument?“, Simon sah den Alten verständnislos an.

„Ein Zupfinstrument. Inara spielt es wunderbar. Sie ist eine Künstlerin.“ Der Fremde nickte wie um seine eigene Aussage zu bekräftigen. „Als ich sie hörte, wurde mir klar: wir dürfen nicht eure Kultur zerstören, um unsere zu erhalten. Wir hatten unsere Chance, unsere Welt. Dieses hier ist die eure, und ihr werdet eure eigene Kunst haben, eure Schönheit, eure Erhabenheit. Ihr steht noch am Anfang, darum schauen viele von uns auf euch herab, aber ihr werdet wachsen und blühen. Ihr habt das Recht darauf, ebenso, wie wir es hatten.“ Er atmete tief ein, und der Ausdruck von Trauer auf seinem Gesicht verwandelte sich in Zuversicht. „Ihr werdet euren eignen Homer haben, euren Leonardo da Vinci, euren Mozart. Und vielleicht gelingt es eurem Volk, die Fehler zu vermeiden, die wir Menschen begangen haben.“

 

ENDE

 

 


Achim Hildebrand schreibt seit seinen Teenagerjahren über Themen, die er auch gerne liest: Science Fiction, Fantasy, Horror und alles was mit abenteuerlicher Phantastik zu tun hat.

 

Seine Texte sind in zahlreichen Anthologien erschienen, darunter Kurzgeschichten, Artikel und Übersetzungen. Ferner erschien 2008 sein Fantasy-Roman Meuchelsänger – Das Auge des Chaos – und 2018 Aileen, eine Sammlung von Horror-Kurzgeschichten des klassischen englischen Autors Algernon Blackwood, wofür er die deutschen Erstübersetzungen anfertigte.

 

Er ist außerdem Mitherausgeber des Horror-Magazins Zwielicht, das mittlerweile in 13 Ausgaben erschienen ist.

 

Beruflich schreibt er als technischer Redakteur Handbücher für industrielle Software.

Nein, dachte Nidel, du bist ein noch zu kleines Mädchen, für das man Nekronten schlachten muss.

Eigentlich wollte Nidel, der Meuchel-Sänger, nur seiner Liebsten einen Gefallen tun. Doch kaum ist das Schiff, das ihn dem Ziel seiner Träume näher bringen sollte, havariert, folgen ihm schon Chaosbestien, liebestolle Söldner und seltsam tanzende Religionisten.

Nidel muss sich seinem Schicksal stellen, wenn die Welt nicht im totalen Chaos versinken soll. Kann man einem Eiszwerg trauen? Einem Causalomanten? Oder gar einem geschäftstüchtigen Nekronten?

 

Bezugsquelle: Direkt beim Autor,

Preis: Euro 10.- zzgl. Versandkosten

info@achim-hildebrand.de

Aileen: und weitere unheimliche Geschichten (Deutsch) 

Taschenbuch  14. Mai 2018

von

 

Algernon Blackwood (Autor) 

Achim Hildebrand     (Autor)

Michael Schmidt         (Autor) 

Björn Ian Craig    (Illustrator)

 

Bezugsquelle: Amazon.de

 

Zwielicht Sonderband des englischen Autors Algernon Blackwood (1869 bis 1951). Er war insbesondere bekannt für seine, von unterschwelligem Schrecken geprägten Gruselgeschichten. Er gab auch an, selbst Geistererscheinungen gesehen zu haben, die er in seinen Geschichten verarbeitete.

 

Dem Publikum wurde Blackwood später auch als Radiomoderator bekannt.


Für unsere Leser ausgesucht, die fantastische  Horror-Geschichte der SMERGS.

(Urheberrechte und Copyrights © by Achim Hildebrand)

 

 

Smergs

 

“Nnnnnhhhh”, die Anspannung und Frustration eines ganzen missratenen Tages verließen Claudia in einem einzigen wohligen Seufzer, als sie sich bis zum Kinn ins angenehm heiße Wasser gleiten ließ. Der duftige Schaum kitzelte und knisterte in ihren Ohren. Sie ließ es mit einem wohligen Nasenkräuseln geschehen und lehnte sich entspannt zurück.

 

So bleib ich jetzt liegen, dachte sie, einfach liegen, bis das Wasser kalt ist …
Ihr Blick wanderte träge über das rötelfarbene Wolkenmuster der Kacheln, ein unaufgeregtes, beruhigendes Muster, ohne aufdringliche Kontraste oder kitschige Dekorbilder. Nur unterbrochen durch die hellen Pfade der Fugen.
Sie stutzte. Da war etwas, das die weiße Harmonie der Linien unterbrach, direkt über ihrem Unterarm, der auf dem Rand der Wanne ruhte. Neugierig beugte sie sich vor. Es war ein bräunlich-grauer Fleck, der sich in die Fuge schmiegte, kaum länger als ein Streichholz. Nicht nur eine Verfärbung, sondern unverkennbar ein Belag, der auf dem unschuldigen Weiß haftete. Sollte das etwa Dreck sein?
Verdrossen runzelte sie die Brauen. Sie konnte sich nicht vorstellen, eine solche Schmutzkruste übersehen zu haben. Sie putzte ihr Bad dreimal die Woche gründlich und bis in die letzte Ecke, aber das hier sah aus, als habe es sich über Wochen - wenn nicht Monate - angesammelt … festgesetzt … eingefressen …


Claudia war kurzsichtig. So kurzsichtig, dass sie nie sicher war, welche Schuhe sie gerade trug. Darum konnte sie mit den Augen ganz nahe herangehen und mit fast mikroskopischer Schärfe auch die kleinsten Einzelheiten erkennen. Es sah aus wie eingetrockneter, vergrauter Seifenschaumschorf, durchsetzt mit abgebrochenen Haarspitzen, zusammengebackenen Hautschuppen und seltsam schmierigen Filamenten, deren Natur sie nicht näher bestimmen konnte. Möglicherweise waren es alte, verklebte Spinnweben.
   Seltsam, dachte sie, es sieht aus wie eine winzige Landschaft. Mit Bergen, Höhlen und Tälern. Sie schauderte bei der Vorstellung, diese kleine Welt sei bewohnt von kleinen, ekligen Mikroben. Mikroben, die an den filigranen Spinnwebsäulen hinauf zu ihren Höhlen krabbelten, darin verschwanden und dort ihren sinistren Bazillengeschäften nachgingen.


Claudia schnaubte unwillig. Das konnte sie nicht so bleiben lassen. Mit einem solchen Dreckflecken neben sich konnte sie ihr Bad nicht genießen. Auf keinen Fall. 
Hektisch kletterte sie aus der Wanne, trocknete sich flüchtig ab, kramte ein neues Scheuerschwämmchen aus dem Unterschrank und tränkte es mit Fugenreiniger.


Der durchdringende Geruch allein und die cremige Konsistenz beruhigten sie schon ein wenig. Sie versprachen Reinheit und Makellosigkeit. Claudia presste den Schwamm auf die Fuge und rieb ihn kräftig hin und her. Puh, der Flecken war widerspenstig – so, als habe er Wurzeln in der Fugenmasse. Nur ganz allmählich wurde er blasser, und sie musste mehrere Male die Hand wechseln, bis er so weit verschwunden war, dass sie auch bei schärfstem Hinsehen keine Verfärbung mehr wahrnehmen konnte.


Zufrieden stieg sie wieder in die Wanne und spürte, wie die Entspannung zurück kehrte. Jetzt war alles richtig. Das war ihr Bad, wie es sein sollte, und nun konnte sie sich auch fühlen, wie sie sich fühlen wollte.


Als sie eine Stunde später zu Bett ging, hatte sie die Sache schon fast wieder vergessen und schlief auf der Stelle ein. 

 

“Claudia!”


Die Stimme war leise, sonor und angenehm, doch so einsam und erratisch in der Stille ihres Schlafs, dass sie erschrocken die Augen aufriss.


“Ja?", wollte sie sagen, aber ihre Stimme gehorchte ihr nicht. Ihr ganzer Körper war wie gelähmt. Es war die klassische Alptraumsituation: Man träumt, dass man wach ist und sich nicht rühren kann – und obwohl man weiß, dass man träumt, kann man nicht wirklich erwachen.
Claudia kannte das. Sie hatte es schon zwei, drei Male erlebt. Aber noch nie hatte sie Stimmen dabei gehört.


“Claudia!”


“Ja?”, dachte sie.


“Du musst nicht erschrecken. Es tut mir leid, wenn ich dich beunruhige, aber es bleibt mir keine andere Wahl. Ich muss unbedingt mit dir sprechen.”
Sie dachte ein zögerndes Nicken.


“Gut. Mein Volk ist nämlich in einer schlimmen Situation – und das hat leider mit dir zu tun.”


“Mit mir?”


“Du weißt nichts von uns, deshalb machen wir dir auch keine Vorwürfe. Aber du machst es uns sehr schwer, bei dir zu überleben. Gestern Abend hast du Conajoharodonawaga, eine unserer größten und prächtigsten Städte vernichtet. Nicht ein Einziger hat überlebt. Es ist eigentlich nicht üblich, dass der Mensch, mit dem wir zusammen leben, von uns weiß. Aber wenn wir nicht untergehen wollen, müssen wir uns mit dir beraten. Ich bin tief in deinen Kopf vorgedrungen – was uns normalerweise verboten ist – so dass ich mit dir sprechen kann.”


“Ich habe keine Stadt zerstört. Das ist ein ziemlich blöder Traum.”


“Erinnerst du dich an den Fleck in deinem Badezimmer? An die Fünfzigtausend meiner Artgenossen lebten in den Höhlenfestungen dort. Frauen und Kinder und erfahrene Jäger. Sie werden uns sehr fehlen.”


“Wer seid ihr?”

“Ich bin Shlorm, vom Volk der Smergs. Genauer gesagt: vom Volk der Claudia-Smergs. Jede Menschenwohnung ist auch die Heimat eines Smerg-Volkes. Und der Mensch, der in der Wohnung lebt, ist der Gott dieses Volkes. Deshalb kommen wir in aller Demut zu dir. Nicht als Rebellen und nicht, um dir Vorhaltungen zu machen – so schwer unsere Verluste auch sind. Aber du wusstest bisher nichts von uns, sonst wärst du sicher vorsichtiger gewesen. Wir wollen dich nur bitten, uns unser Dasein nicht unmöglich zu machen. Lass uns ein paar kleine Winkel in deiner Wohnung, in denen wir unbehelligt leben und dir dienen können.”


“Mir dienen? Seid ihr intelligente Staubmilben oder so etwas … Parasiten?”
“Staubmilben? Hah! Wir jagen sie! Mein Bruder hat einen Umhang, der ganz aus den Fühlerhaaren von Staubmilben gewebt ist.”


“Dann seid ihr am Ende sogar nützlich?”


“Hm, hm, wie man’s nimmt. Die Staubmilben jagen wir für uns, weil wir von ihnen leben. Für dich … tun wir etwas anderes.”


“Etwas anderes? Es hört sich seltsam an, wie du das sagst. Was ist es?”
Die Stimme zögerte wieder mit der Antwort.


“Nun, wir sorgen dafür, dass du dich in deinem Leben und in deiner eigenen kleinen Welt ein bisschen wohler fühlst – vielleicht sogar glücklicher – , ohne dass du so recht weißt warum.”


“Aaahaaa”, dachte Claudia gedehnt. “Und wie genau macht ihr das?”
Erneut machte Shlorm eine lange Pause.

“Hast du dich schon einmal gefragt, wie es kommt, dass beim Fensterputzen die Scheiben nie ganz blank werden, oder dass es in deinem Schlafzimmer immer ein ganz kleines bisschen muffig riecht, egal wie lange du lüftest?
Oder weißt du, warum die Gläser im Schrank blind werden, auch wenn du sie nicht benutzt? Das ist unser Dienst den wir für dich leisten.
Wir sorgen auch dafür, dass der Stoff um die Knöpfe herum nie ganz glatt wird, wenn du Hemden bügelst, und dass du, auch wenn du gerade erst geduscht hast, schon nach einer halben Stunde unter den Achseln wieder leicht nach Schweiß riechst. All das tun wir für dich, weil du unsere Göttin bist.”


“Seid ihr verrückt? Warum macht ihr so etwas?”


“Wir tun es, damit deine Freunde dich gerne besuchen - und dich auch einladen, weil sie kein schlechtes Gewissen haben müssen, wenn ihre eigenen Wohnungen nicht so sauber sind wie deine und weil … "


“Und das alles soll ich hier in meiner Wohnung dulden?”
Shlorm fuhr unbeirrt in seinen Ausführungen fort:


“Und wir tun es auch, damit es für dich nach, 'zu Hause’ riecht, wenn du abends von der Arbeit zurückkommst. Damit deine Katze dich wieder erkennt, wenn du sie nach dem Urlaub aus der Tierpension abholst …"

 

“Ihr seid verrückt, ihr macht aus meiner Wohnung einen Schweinestall, einen … Seuchenherd!”


Trotz ihres Ausbruchs behielt Shlorms Stimme ihren fast hypnotisch sanften Klang:
“Ich weiß, dass diese Enthüllungen dich verwirren und überraschen. Du musst natürlich erst darüber nachdenken und ihre tiefere Bedeutung verstehen. Damit dir dies leichter fällt und du erkennst, wie sehr wir dich lieben und verehren, vertraue ich dir eine wundervolle Neuigkeit an:

Wenn du dafür sorgst, dass wir nicht ständig um unser Leben fürchten müssen, werden wir dir einen prächtigen Tempel errichten.”


“Einen Tempel? Wo?”


“In deiner Küche. Unter dem Rand des Mülleimerdeckels klebt eine prachtvolle, uralte Dreckkruste. Wie geschaffen für ein Heiligtum. Unsere Arbeiter haben bereits mit den Fundamenten begonnen.”


“Im Mülleimer?”


“Ein Mülleimer ist es für dich. Für uns ist es ein Kontinent. Ein Kontinent, den wir in deinem Namen erobern und dessen Schätze wir ausschließlich zu deiner Verherrlichung verwenden. Wir sind ein sehr empfindsames und kunstbeflissenes Volk und unsere Künstler …"


“Quatsch, ihr seid hundsgewöhnliche, widerliche Bazillen.”


“Das siehst du falsch, wir …”


“Ich werd’ euch ausrotten, mit Stumpf und Stiel! Keine Sekunde länger dulde ich ein solches … Ungeziefer in meiner Wohnung.”


Fast übergangslos, nur mit einem leichten Zucken und Schaudern, fühlte Claudia, dass sie wach war und sich wieder bewegen konnte. Seltsam – für gewöhnlich verblassten ihre Träume, sobald sie die Augen öffnete. Spätestens beim Frühstück konnte sie sich an nichts mehr erinnern. Nur die geträumten Gefühle schwangen noch eine kurze Weile nach. Aber dieses Mal konnte sie sich an jedes Wort erinnern – und an die Zimmerdecke, an die sie die ganze Zeit über gestarrt hatte.


Sie krabbelte aus dem Bett und ging in Richtung Badezimmer, um Morgentoilette zu machen. Aber auf halbem Weg hielt sie inne, grübelte einen Moment, runzelte die Stirn und lief dann rasch die Treppe hinunter und in die Küche. In der Nische zwischen Wand und Spüle stand der Mülleimer, unschuldig und bedrohlich zugleich. 

 

Von außen wirkte er blitzsauber: poliertes Chrom und der samtschwarze Gummi der Dekorprofile. Ihr Spiegelbild auf der sanft gewölbten Oberfläche schenkte ihr ein spöttisch verzerrtes Lächeln.
   Du hast sie nicht alle, sagte sie zu sich selbst. Aber noch während sie es dachte, hatte sie sich bereits vorgebeugt und den Deckel zurückgeklappt.
 Sie zuckte zusammen. Da war ein Fleck. Ein kleiner Streifen rotbraune Schmiere, die den Ritz zwischen Gummiprofil und Metall füllte. Wahrscheinlich war es ein Rest eingetrockneter Ketchup.


Claudia schluckte schwer. Der Traum …? Nein nein, das war Unsinn. Sicher hatte sie den Fleck irgendwann gesehen, aber nicht bewusst wahr genommen. Und ihr Unterbewusstsein hatte den Traum darum herum gewebt. Mit einer alten Zahnbürste und etwas Stahlreiniger schrubbte sie den Fleck aus ihrer Welt.
Aber sie nahm den Vorfall zum Anlass, ihre gesamte Wohnung nach verdächtigen Ecken und Nischen abzusuchen. Alles, was nach Schmutz, Staub, Schmiere oder Fleck aussah, wurde weggewienert, ausgewischt und zerbürstet.
Müde und zerschlagen, mit schmerzenden Knien, aber auch mit dem befriedigenden Gefühl, diesmal nichts übersehen zu haben, sank sie am Abend ins Bett und schlief augenblicklich ein.

“Claudia?”


“Ja?”

“Das war ein schlimmer Tag für unser Volk. Hunderttausende sind durch den Zorn ihrer Göttin gestorben. Dein Tempel und dein Standbild sind zerschmettert durch deine eigene Hand. Wir, dein Volk, wissen nicht, wodurch wir uns diesen Zorn zugezogen haben, aber wir haben verstanden. Du willst nicht mehr länger unsere Gottheit sein, und da keiner unserer Priester mehr am Leben ist, gibt es auch in meinem Volk niemanden mehr, der dich verehren will. Für uns geht es jetzt ums nackte Überleben. Deshalb haben wir beschlossen, die uns verbliebenen Städte in deiner Wohnung aufzugeben und in einer sichereren Gegend zu siedeln.”


“Wo?”


“Auf deinem Körper. Das ist unsere einzige Chance. Du kannst ihn nicht behandeln wie deinen Fußboden oder die Polstermöbel. Deshalb sind wir nur hier sicher. Ich weiß, es ist ein einmaliges Sakril …”


“Ich erwisch euch überall!!!”


Claudia erkannte verstört, dass sie aufrecht im Bett saß und die Wand angeschrien hatte. Mit einem hervorgewürgten Ächzen sprang sie auf und hastete ins Bad. Unter der heißen Dusche schrubbte sie sich ab, bis ihr ganzer Körper krebsrot war und die Haut glühte wie die einer Fieberkranken.
Anschließend cremte sie sich mit einer desinfizierenden Salbe ein, die eigentlich gegen Pilzinfektionen gedacht war und hoffte, den kleinen Biestern damit den Rest zu geben. Aber sicher war sie sich nicht, und darum wiederholte sie diese Prozedur von nun an jeden Tag.


Das beständige Waschen und die Desinfektionsmittel bekamen ihrer Haut nicht gut. Zuerst wurde sie rissig und begann in kleinen blassen Schuppen abzuschilfern. Dann verbreiterten sich die Risse, die Ränder entzündeten sich, Pusteln blühten auf und feuchter Schorf breitete sich aus.


Claudia hatte immer Probleme mit ihrer empfindlichen Haut gehabt, sie aber mit hochwertigen Lotionen und Pudern recht gut im Griff gehabt. Jetzt halfen die Lotionen nicht mehr. Sie verbanden sich mit dem Schorf zu unansehnlichen gelbbraunen Krusten, die hässliche Flecke in der Wäsche hinterließen. Nur im Gesicht gelang es ihr, mit Hilfe teurer medizinischer Cremes und viel Schminke, die Haut weiterhin makellos und glatt zu erhalten. Für sie war dies kein Grund, in ihren Bemühungen nachzulassen. Im Gegenteil, mit den tiefen, unzugänglichen Hautrissen gab sie sich besondere Mühe. Sie waren wahrscheinlich ideale Verstecke
 für die Smergs.

 

Claudia blieben die schädlichen Nebenwirkungen ihres Tuns nicht verborgen und sie wusste, dass sie nicht ewig so weitermachen konnte. Auch Ihre Bekannten und Arbeitskollegen sprachen sie schließlich auf den besorgniserregenden Zustand ihrer Hände an. Zwar stets mit der gebotenen Zurückhaltung und Feinfühligkeit, aber immer öfter und eindringlicher. Deshalb setzte sie sich eine Frist. Wenn die Träume bis dahin nicht wiederkehrten, wollte sie die Sache als erledigt betrachten und ihre normalen Gewohnheiten wieder aufnehmen.


Aber Träume kehren immer wieder!


“Claudia?”


“Seid ihr es wieder? Ich dachte …"


“Nur ich, Shlorm. Aber ich spreche für alle meines Volkes – für die wenigen jedenfalls, die noch am Leben sind.”


“Ich hatte gehofft, euch alle erwischt zu haben. Wo steckt der Rest von euch?”


“Du hast selbst deinen eigenen Körper nicht geschont, um uns zu vernichten. Damit haben wir freilich nicht gerechnet. Deshalb mussten wir noch einen Schritt weitergehen. Jetzt werden wir kämpfen und Rache nehmen!”


“Was könntet ihr mir wohl sonst noch antun?”


“Der Rest unseres Volkes hat in den Falten und Poren deines Gesichts Zuflucht gefunden. Jetzt werden wir dir zeigen, was Grabenkrieg bedeutet!”


“Falten? Grabenkrieg? Was habt ihr vor?”


“Wundere dich nicht, wenn du in nächster Zeit unreine Haut und Pickel im Gesicht bekommst …”


“Ihr erbärmlichen Drecksbiester!!!”


“Jahaaa, wir wissen wo’s wehtut!”


“Ich auch – darauf könnt ihr wetten!”


Diesmal erwachte sie weinend. Nun auch die Makellosigkeit ihres Gesichts aufgeben zu müssen, raubte ihr fast den Verstand und zerbrach für den Augenblick jeglichen Willen. Aber sie wusste, dass sie keine Wahl hatte, wenn sie je wieder ihre innere Ruhe finden wollte.


Und – so tröstete sie sich – es war der letzte Preis, den sie zahlen musste, um wieder Herrin über sich selbst zu werden. Danach würde alles gut werden – schön, rein und … und … wie es früher war.


Sie ließ sich wegen einer vorgetäuschten Nervenschwäche krankschreiben und besorgte sich starke Desinfektionsmittel in der Apotheke. Den Telefonstecker zog sie aus der Wand und die Wohnungstür schloss sie von innen ab. Wenigstens sollte niemand, auch nicht durch Zufall, mitbekommen, was jetzt mit ihr geschah.


Dann machte sie sich daran, die Smergs in ihrer letzten Zuflucht zu vernichten. Was schadete es, dass ihre Augen zu schmalen Schlitzen verquollen und ihr Haar strähnenweise ausfiel? Dass sich ihre Mundwinkel entzündeten und die Haut sich in rotes Pergament verwandelte? Wichtig war der Zweck und die Gewissheit, sich ein für alle Mal von diesem Fluch zu befreien. Auch auf den Trümmern einer Ruine konnte man etwas neues, schönes aufbauen.


Aber sie fühlte sich sterbenselend. Die geschundene, entzündete Haut und die Desinfektionsmittel vergifteten ihren Körper. Ihr Kreislauf machte immer öfter schlapp, und sie musste sich zwingen, regelmäßig zu essen. Allein der Geruch der Lebensmittel ließ ihr schlecht werden.


“Claudia!”


Ihre Antwort war ein leises, kraftloses Schluchzen. In Shlorms Stimme schwang diesmal eine unerbittliche Härte, die ihr Angst machte.


“Du hast es fast geschafft. Doch nicht ganz. Ich bin der Letzte meines Volkes. Aber ich werde überleben. Ich werde von nun an in deinem Kopf bleiben. Unangreifbar für dich. Ich werde dir 
erzählen, von meinem Hass und meiner Verzweiflung … und von meiner Trauer. Du wirst meine Gefühle teilen und sie fühlen, wie ich sie fühle. Und ich werde bei dir sein – jede Nacht!”


Strobach, der untersuchende Kommissar wandte sich kopfschüttelnd an Inspektor Battenfeld, seinen Assistenten.


“Hab ich das richtig verstanden? Sie hat sich einen Stielkamm durchs Ohr bis ins Hirn gebohrt?”


Battenfeld nickte und zuckte mit den Achseln, als müsse er sich für irgend etwas entschuldigen.


“So ist es, Chef. So was ist mir noch nicht untergekommen.”


“Und die ganzen verschütteten Desinfektionsmittel?”


“Wissen wir noch nicht. Unser Psychologe hält es nicht für unmöglich, dass irgendein seltsames Ritual im Spiel war.”


“Und was denken Sie persönlich?”


“Selbstmord vielleicht. Für eine junge Frau muss es sicher eine ungeheure Belastung sein, so …”, er zögerte kurz, “ … so auszusehen.”


Strobach stemmte die Hände in die Hüften und schüttelte wieder den Kopf.
“Junge, Junge”, sagte er. Und noch einmal: “Junge, Junge!”

 

ENDE

 

 

 


Mit „BIEDENBACH“ gelingt Achim Hildebrand eine weitere Geschichte, die kribbelnde Spannung erzeugt. Erleben Sie als Leserin und Leser, was sich Biedenbachs Büro Mitarbeiter, Brosig, einfallen lässt, um mit scheinbar harmlosen Mitteln, die extrovertierte und störende Art Biedenbachs etwas zu korrigieren, um das Ambiente im Büro wieder erträglich werden zu lassen.

BIEDENBACH

(Urheberrechte und Copyrights © by Achim Hildebrand)

 

Schritte dröhnten die Treppe hinauf, dazu ein hallendes Räuspern und ein rhythmisch geschüttelter Schlüsselbund. Biedenbach war im Anmarsch.

 

Brosig seufzte leise und versuchte, die Nase hochzuziehen. Es ging nicht. Beide Nasenlöcher waren verstopft und mehr als ein gequältes Fiepen in den Nebenhöhlen kam nicht dabei heraus. Er verstand nicht, wieso eine derart verstopfte Nase trotzdem ständig laufen konnte und langte nach den Papiertaschentüchern.

 

Die Bürotür schwang auf und eine wuchtige Gestalt schob sich herein. Bedächtig aber unaufhaltsam wie ein Erdrutsch.

 

"Moin, Moin!"

   "Moin", prustete Brosig in sein Taschentuch. Biedenbach war da.

 

Er stampfte zu seinem Schreibtisch, rückte den Sessel zurecht und ließ sich mit einem wohligen "Aaaach" hinein sinken. So blieb er einen Moment sitzen, schaute prüfend aus dem Fenster und beugte sich dann mit einem "Uiuiui" hinunter, um seinen PC einzuschalten. Während der Computer hochfuhr, schaute Biedenbach ihm dabei zu, wobei er leise aber resonant       "Dubdidudidu" vor sich hin blubberte.

 

Brosig tupfte sich die letzten Reste Feuchtigkeit von der Nase. Sie war wund und er scheute davor zurück, sie zu berühren. Von dem Frösteln, den Gelenkschmerzen und den entzündeten Mandeln ganz abgesehen. Eine Erkältung hatte viel gemeinsam mit Biedenbach. Beides musste man erleiden. Der Unterschied war nur: Die Erkältung ging irgendwann wieder vorbei - Biedenbach blieb.

 

Dabei war er gar nicht so verkehrt, ein guter Kumpel, hilfsbereit und teamfähig und gute Arbeit leistete er überdies.  Und ruhig, in dem Sinn, dass er nicht zu viel redete, war er auch. Eigentlich der ideale Bürogefährte, wäre da nicht sein Drang gewesen,  fast jede seiner Tätigkeiten mit einem Geräusch oder einem kurzen Kommentar zu begleiten oder sie besonders laut auszuführen. Demonstratives Räuspern, unartikulierte Lautketten, Klatschen auf die Oberschenkel, immer wiederkehrende Melodiefetzen, auch Rülpser in allen Variationen - Biedenbachs Repertoire war unerschöpflich.

 

"Oaaaa." Er stemmte sich wieder aus dem Sessel hoch und stampfte hinüber zur Kaffeemaschine.

   Brosig hatte sich selbst immer wieder damit zu besänftigen versucht, dass er eben überempfindlich sei, dünnhäutig, wegen der vielen Sorgen, die ihn drückten. Und, dass Biedenbachs Geräuschkulisse nichts anderes war als Ausdruck von Lebensfreude und Wohlbefinden. 

 

Es half alles nichts – Biedenbach ging ihm auf die Nerven. Und in letzter Zeit ertappte er sich immer häufiger beim Grübeln darüber, was er vielleicht tun konnte, um dessen Äußerungstrieb einzudämmen. Ihn deswegen anzusprechen schien so sinnvoll, wie einen Motor zu bitten, etwas leiser zu dröhnen. Forderungen oder gar Befehle von einem Typ wie Kurt Brosig an einen Reiner Biedenbach waren auch kein gangbarer Weg ...

 

"Schlrlrchfssst." Biedenbach hatte an seinem Kaffee genippt.

 

... eine Intrige spinnen, die dafür sorgte, dass Biedenbach gekündigt oder wenigstens in ein anderes Büro versetzt wurde – Brosig machte sich nichts vor, für so etwas war er zu schlicht gestrickt. Das würde in die Hose gehen. Oder zum Betriebsarzt gehen und ..., bloß nicht, er war eh schon so oft krank und wenn er sich nun auch noch als nicht belastbar erwies – als schlechter Kollege ... Kriminelle Dinge, wie etwa, Biedenbach etwas in den Kaffee zu tun, kamen erst Recht nicht in Frage.

 

Es schien keinen Ausweg zu geben. Wenn er Pech hatte, würde er die nächsten zwanzig Jahre mit Biedenbach in diesem Büro verbringen. Aber das hieß auch, dass er früher oder später durchdrehen würde ...

 

"Aaaaaargh." Biedenbach stand vor dem Fenster und strecke sich genüsslich. Verdammt, wie machte der Kerl das bloß, sich so wohl zu fühlen?

 

In der Mittagspause ging Brosig grundsätzlich in die Kantine, da Biedenbach in dieser Zeit meist im Büro sitzen blieb, um im Internet zu surfen, oder durch den nahe gelegenen Baumarkt bummelte. Brosig hatte sich heute für eine Kohlroulade entschieden und sich an den Tisch hinter der großen Dieffenbachie gesetzt.

 

Er war etwas spät dran. Die Kantine leerte sich bereits wieder. Deshalb war er ein wenig überrascht, als er jemand fragen hörte:

   "Darf ich mich zu Ihnen setzen?"

 

Er schaute von seinem Teller auf. Es war Frau Gerlach aus der Controlling-Abteilung. Eine der wenigen Kolleginnen, die er näher kannte, weil er bei ihr seine Zeitaufschreibungen abgeben musste.

  "Klar", er nickte. Etwas zu spät, denn sie hatte schon ihre Handtasche über die Stuhllehne gehängt und sich gesetzt. Wie meistens hatte sie sich nur einen Kaffee geholt. 

 "Eigentlich hätte ich ja auch Roulade genommen", begann sie übergangslos.

   "Aber bei Rindfleisch bin ich immer ein bisschen skeptisch. Wenn man das nicht richtig behandelt, wird es leicht trocken und zäh."

    "Die hier geht eigentlich", sagte Brosig.

"Übermorgen wollen sie im Nelkenweg eine Baustelle aufmachen", wechselte sie das Thema.

   "Dann kommt man nur noch über die alte Bergwerksstraße zur Autobahn. Für mindestens drei Monate. Da muss man morgens vorneweg eine Viertelstunde früher aufstehen ... "

 

Während er schweigend weiter aß, hüpfte sie von einem Thema zum anderen. Sie kannte ihn als ruhigen Vertreter und störte sich nicht daran, dass er nicht viel redete. Dass er heute aber überhaupt nichts sagte, fiel ihr schließlich doch auf.

 

"Sie sind aber still heute", sprach sie ihn direkt an. "Und so richtig gut aussehen tun Sie auch nicht. Fühlen Sie sich nicht wohl?"

   "Bisschen erkältet", brummte er kauend.

"Erkältet? Ach Sie Armer. Warten Sie mal, da hab ich was für Sie."

Sie drehte sich nach ihrer Handtasche und holte ein braunes Glasfläschchen hervor. Brosig beäugte misstrauisch das handgemacht wirkende Etikett.

   "Was ist das?"

"Steinrosentinktur. Zwölfte Potenz. Das hilft mir immer sehr gut, wenn ich spüre, dass eine Erkältung im Anzug ist."

   "Was Homöopathisches?"

"Stimmt", sagte sie. Und als sie die leichte Abneigung in seinem Blick bemerkte, fügte sie hinzu.

   "Wieso?"

"Das hilft doch nur, wenn man fest dran glaubt."

 

Sie hob leicht die rechte Braue.

 

"Also Frau Zörb nimmt es, Herr Weigand und Frau Büchner auch. Und alle sind sehr damit zufrieden." Sie schraubte das Fläschchen auf und nahm ihren Teelöffel in die Hand. "Hab ich noch nicht benutzt", versicherte sie.

   "Ich mein ja nur, ich hab mal gelesen, die Sachen sind so verdünnt, dass da gar nichts mehr drin ist, was wirken könnte."

Sie seufzte etwas ungehalten.

   "Ach ja. Das wird von den etablierten Ärzten immer wieder aufgewärmt. Aber die haben das Prinzip überhaupt nicht verstanden."

   "Welches Prinzip?"

"Na, wie diese Medikamente wirken. Es kommt nämlich gar nicht darauf an, dass da ein Wirkstoff drin ist. Wichtig ist, dass er einmal drin war."

Brosig schaute sie zweifelnd an und sie fuhr fort: 

 

"Das Wasser kann nämlich wegen seiner Struktur sämtliche Informationen über einen Wirkstoff und seine Eigenschaften speichern und sie weitergeben. Das heißt, wenn man den Wirkstoff wieder rausnimmt, bleibt die Wirkung trotzdem erhalten. Und es hat keine Nebenwirkungen mehr. Wasser ist übrigens für sich schon ein faszinierender Stoff. In Japan hat man da in den letzten Jahren ganz erstaunliche Entdeckungen gemacht."         Sie hatte einen Zuckerwürfel auf den Löffel gelegt und begann Tropfen zu zählen.

 

"Hört sich ziemlich eigenartig an", sagte Brosig. "Also alles, was ich stark verdünne, wird dadurch zum Medikament? Das müsste einem doch auffallen, ich meine, wenn man aus einem Glas Alka Seltzer trinkt, es nicht richtig ausspült und nachher wieder draus trinkt..."

   "So simpel ist es wieder nicht. Die Wirkung muss noch aktiviert und verstärkt werden, indem man es genau nach Vorschrift schüttelt. Aber das ist sehr kompliziert. Da weiß ich auch nicht so genau Bescheid drüber. Jetzt nehmen Sie schon." Sie hielt ihm den Löffel hin, auf dem der feuchte Zuckerwürfel langsam in sich zusammenfiel.

 

"Steinrose hab ich noch nie gehört."

 

"Das ist ein Kraut, das dieselben Erscheinungen hervorruft wie eine Erkältung. Das ist auch so ein Prinzip in der Homöopathie, dass man Gleiches mit Gleichem behandelt. Es ist gewissermaßen so, dass das Abwehrsystem denkt, man sei erkältet und entsprechend Abwehrkräfte bereitstellt. Der Körper heilt sich praktisch selbst."

   "Aber..."

"Sogar die Krankenkasse bezahlt manche homöopathischen Sachen. Die sind heute absolut anerkannt."

   Brosig griff nach dem Löffel. Wenn ohnehin nichts drin war und er Frau Gerlach einen Gefallen damit tat ...

Es schmeckte nur süß, wegen des Zuckerwürfels, und ein klein wenig nach Alkohol.

 

"Wie lange braucht das denn, um zu wirken?"

   Frau Gerlach zuckte mit den Achseln.

"Ist vielleicht unterschiedlich. Aber bei mir und bei allen die ich kenne, wirkt es spätestens nach einer Stunde."

   "Bin mal gespannt." Brosig schob dem süßen Geschmack den letzten Bissen Roulade hinterher.

   "Es ist übrigens bald vorbei mit den Zeitaufschreibungen", sagte Frau Gerlach, während sie das Fläschchen wieder verstaute. "Die Administration hat jetzt eine Software besorgt, mit der man die Zeiten übers Netzwerk festhalten kann."

   "Oh ...", 'dann sehn wir uns ja gar nicht mehr' hätte er fast hinzugefügt. Aber er ließ es bleiben. Frau Gerlach war wie er, alleinstehend und Mitte vierzig. Recht attraktiv noch dazu. Im Hinterkopf hatte er immer die Absicht gehabt, sie eines Tages anzusprechen und vielleicht zum Essen einzuladen, oder ins Kino ... Doch er hatte es immer vor sich hergeschoben. Er sah sie ja jeden Freitag und konnte warten, bis sich die passende Gelegenheit ergab. Jetzt war es wahrscheinlich zu spät, denn bis Juni würde er sich kaum dazu entschließen können, sie doch noch anzusprechen. Die Begegnungen in der Kantine ergaben sich eher zufällig und selten.

 

Er fühlte ein tiefes Bedauern.

 

Der Rest des Tages verlief wie gewöhnlich, außer, dass Brosig nun auch noch die Niedergeschlagenheit darüber quälte, den regelmäßigen Kontakt zu Frau Gerlach zu verlieren.

 

Erst auf der Heimfahrt wurde es besser, als er fühlte, dass seine Erkältung abzuklingen begann. Anscheinend wirkten diese Tropfen doch  – auch wenn ihm das Prinzip, dass das Wasser sich irgendetwas merken sollte, und dass man das durch Schütteln verstärken konnte, weiterhin absurd erschien. Gleiches mit Gleichem, das war doch reiner Schamanis ..., er wäre fast auf die Bremse getreten, als ihm ein Gedanke kam.

 

Schamanismus hin oder her – wenn das mit der Homöopathie tatsächlich so funktionierte und man Schlechtes mit Schlechtem behandelte, musste das dann nicht genauso gut umgekehrt gehen? Gutes mit Gutem?

 

Angenommen, jemand platzte vor Wohlbehagen, so etwa wie Biedenbach zum Beispiel, und man gab ihm etwas, das Wohlbehagen erzeugte in homöopathischer Aufbereitung ..., dann musste dies doch dem Wohlbehagen entgegenwirken. Unwohlsein statt Wohlgefühl, Niedergeschlagenheit statt guter Laune. Und jemand, der so empfand, war nicht lebensfroh und nach außen gekehrt, sondern zog sich eher still in sich zurück. Brosig kannte das von sich selbst.

 

Und wenn es funktionierte, nur mal angenommen, dann würde es sich nicht mal nachweisen lassen. Es war ja nichts drin als irgendwelche Informationen innerhalb des Wassers. So weit war die Kripo noch nicht, dass sie die auslesen konnte. Viel würde es der behandelten Person auch nicht schaden. Es war ja nur ein erzeugtes Gefühl, keine direkte Wirkung auf den Organismus.

 

Aber was sollte man nehmen? Als Erstes fiel ihm Alkohol ein, aber er verwarf den Gedanken wieder. Alkohol war ja ohnehin in den Tropfen, wahrscheinlich um sie haltbarer zu machen.  Er brauchte sowieso noch mehr Informationen, bevor er etwas herstellen konnte. Von Homöopathie hatte er nie etwas gehalten und sich daher auch nicht weiter damit beschäftigt.

 

Brosig versenkte sich so in die Idee, dass er Mühe hatte, auf den Straßenverkehr zu achten und froh war, als er seinen Wagen vor dem Mietshaus parken konnte, in dem er eine Zweizimmer-Wohnung bewohnte.

 

Normalerweise hatte er seinen festen Ablauf, wenn er Feierabends nach Hause kam: Essen auf den Herd stellen, eine Stunde Haushaltsarbeit und Abendessen und dann Fernsehen oder Internet. Viele Abweichungen gab es davon normalerweise nicht. Aber heute setzte er sich gleich an den Computer und suchte im Internet nach Informationen darüber, wie man homöopathische Mittel herstellte. Es gab jede Menge davon und bald fühlte er sich in der Lage, sein eigenes Präparat anzufertigen.

 

Was er als Wirkstoff nehmen würde wusste er jetzt auch: Vor fünf Jahren hatte er depressive Phasen gehabt und vom Arzt einen Tranquilizer bekommen. Davon besaß er noch eine halbe Packung. Das war genau das richtige für seinen Plan. Tranquilizer munterten auf, hoben die Stimmung und sorgten dafür, dass man sich wohl genug fühlte, um seine Depressionen zu vergessen. Als homöopathische Aufbereitung würde das Zeug der Logik nach Niedergeschlagenheit, Trübsinn und Antriebslosigkeit erzeugen.

 

Nach einer Standardrezeptur pulverte er eine Tablette und setzte sie mit der entsprechenden Menge Wasser an. Noch einen Schuss Alkohol dazu und fertig.  Er ließ die Lösung zwei Stunden stehen, filterte sie dann ab, verdünnte sie bis zur zwölften Potenz und schüttelte sie entsprechend der Vorschrift. Dann füllte er sie in ein leeres Hustensaftfläschchen und legte dieses in seinen Aktenkoffer.

 

Es kamen ihm natürlich leise Zweifel, ob es in Ordnung sei, mit einem anderen Menschen derartige Experimente zu machen. Aber war es ein Experiment, jemandem einige Tropfen einer Flüssigkeit zu verabreichen, die chemisch gesehen nichts als Leitungswasser war?

 

Es war eine Maßnahme, die auf wackligen theoretischen Beinen stand. Vielleicht wäre die Erkältung auch ohne Frau Gerlachs Tropfen abgeklungen. Aber Brosig ließ sich darauf ein, weil sie seinem Charakter entsprach, unaufdringlich, unmerklich, ohne Aggressivität und Konfliktpotential. Und wenn es Probleme gab, hatte sie sozusagen nicht einmal stattgefunden. Das mochte er.

 

Biedenbach hatte die Gewohnheit, zur Toilette zu gehen, sobald er den Kaffee aufgesetzt hatte, wo er sich etwa zehn Minuten lang aufhielt. Als er das Büro verlassen hatte, stand Brosig auf und ging zum Kühlschrank, auf dem die Kaffeemaschine zischte und gluckerte. Er holte das Fläschchen aus der Tasche und schraubte es auf. Seine Hände zitterten dabei. Immer mit der Ruhe, er hatte jede Menge Zeit. Und so früh am Morgen kam noch niemand unerwartet zur Tür herein ... Brosig ließ das Fläschchen wieder sinken. Und wenn doch? Es gab immer ein erstes Mal. Außerdem, wenn die Wirkung von Dauer sein sollte, musste er Biedenbach die Tropfen jeden Tag verabreichen. Aber wenn der nun einmal unvermutet zurückkam, weil er irgendetwas vergessen hatte. Das war schon vorgekommen, und irgendwann würde er Brosig dabei erwischen, wie er sich am Kaffee zu schaffen machte. Brosig, der gar keinen Kaffee trank. Da würde er sofort Verdacht schöpfen.

 

Sein Blick fiel auf das Kännchen mit Kondensmilch. Das war die Lösung. Biedenbach nahm seinen Kaffee grundsätzlich mit Milch. Er würde selber dafür sorgen, täglich seine Tropfen zu bekommen. Rasch schüttete er etwa ein Viertel des Fläschchens in das Milchkännchen.  Besser etwas mehr. Er hatte nie darauf geachtet, wie viel Milch Biedenbach in seinen Kaffee gab.

Als dieser zurückkehrte, saß Brosig wieder an seinem Schreibtisch und blickte wie immer auf die Datenbankseiten auf seinem Bildschirm. Aber diesmal verfolgte er unter halb gesenkten Lidern genau, was Biedenbach tat.  Doch was sollte er schon Ungewöhnliches tun, wo er doch keine Ahnung hatte, was vorging? Er holte sich einen Kaffee, vergaß auch die Milch nicht und machte "Aaaargh", als er sich setzte, so, als habe er eine Zwanzig-Kilometer-Wanderung hinter sich.

 

Sein Verhalten änderte sich zunächst nicht. Er sorgte auch weiterhin für den gewohnten Geräuschteppich. Rief ein oder zweimal "Ou Baby", machte des Öfteren "Uh, uh, uh", rülpste und tappte rhythmisch mit den Füßen.

 

Einen Nebeneffekt hatte die Sache aber schon: Diesmal störte es Brosig nicht so sehr, denn die Geräusche gehörten jetzt sozusagen zum Befund.

Als Biedenbach nach Mittag aus dem Baumarkt zurückkam, hatte Brosig zum ersten Mal den Eindruck, dass er sich etwas ruhiger verhielt. Die Pausen zwischen seinen Lauten schienen eine Idee länger zu sein als sonst. Und bis zum späten Nachmittag verstärkte sich dieser Eindruck noch etwas. Aber Biedenbach war immer noch aktiv genug, um ihm auf die Nerven zu gehen. Gut, er war auf dem richtigen Weg, dachte Brosig. Morgen würde er seinem Kollegen die doppelte Dosis geben und schauen, was passierte.

 

 

* * *

 

Am folgenden Morgen schien sein Kollege wieder ganz der Alte. Er ächzte, blubberte und tappte wie in seinen besten Zeiten. Die Dosis war also nicht nur zu niedrig gewesen, sie hatte auch nicht lange vorgehalten.

 

Brosig wartete wieder Biedenbachs Toilettenpause ab und ging zum Kühlschrank. Diesmal gab er die doppelte Dosis in die Milch. Das musste jetzt reichen, denn sie begann schon ziemlich dünn zu wirken. Wenn er noch mehr hineinschüttete, würde Biedenbach es sicher bemerken. Abgesehen davon, dass er plötzlich ein Milchkännchen besaß, das nie leer zu werden schien. Aber Brosig war zuversichtlich, denn sicherheitshalber hatte er das Fläschchen am Abend zuvor noch ein bisschen geschüttelt, um die Wirkung zu verstärken.

 

Es klappte tatsächlich. Zwei Stunden, nachdem Biedenbach seinen ersten Kaffee getrunken hatte, war er nicht mehr wiederzuerkennen. Er saß mit hängenden Schultern vor seinem Monitor, seufzte hin und wieder leise oder schüttelte sacht den Kopf. Aber seine "Uh, uh, uh"'s und die anderen Lautäußerungen waren wie abgeschnitten. Im Büro herrschte eine fast surreale Stille, nur durchdrungen vom leisen Summen der PC-Lüfter.

 

Brosig atmete innerlich auf. Es hatte funktioniert und er hatte auf den Punkt die richtige Dosis erwischt. So musste er es beibehalten. Immer wenn ein neues Milchkännchen besorgt wurde, würde er es entsprechend präparieren und Biedenbach wäre der angenehmste Bürokollege, den man sich denken konnte. Natürlich gab es noch hier und da ein paar kleine Schwächen in diesem Plan. Was zum Beispiel, wenn Biedenbach die Freude am Kaffeetrinken verlor? Egal, dann verflog die Wirkung des Mittels, er würde sich besser fühlen und wieder anfangen Kaffee zu trinken. Ein paar Stunden lang dann und wann ließ sich der "alte" Biedenbach sicher ertragen. Aber seiner Frau musste es natürlich auffallen, wie ihr Mann sich verändert hatte. Und? Was sollte sie tun? Sie würde ihn vielleicht zum Arzt schicken. Der würde nichts Organisches finden, irgendetwas wie Burn-Out diagnostizieren und ihn vielleicht für eine Zeit lang in Kur schicken. Umso besser, dann war er sogar ganz weg. Vielleicht vernachlässigte er auch seine Arbeit und wurde zwangsversetzt oder gar gekündigt. Welche Perspektive Brosig auch wählte, jede war günstig.

 

Er ertappte sich dabei, wie er leise und gutgelaunt vor sich hin pfiff. Ab heute würde alles anders werden. Er würde wieder gerne ins Büro gehen, einen entspannten Tag dort haben und abends ebenso entspannt nach Hause kommen. Vielleicht ging sogar sein ständiges Sodbrennen weg. Er hatte immer den Verdacht gehabt, dass es mit dem Stress durch Biedenbach zusammenhing.

Auf dem Weg zur Kantine kam ihm Frau Gerlach entgegen.

   "Na", rief sie. "Sie seh'n ja wieder richtig gut aus. Also haben die Tropfen doch geholfen."

   "Und wie!", rief er lachend zurück. "In jeder Beziehung."

 

Wow, dachte er, sie hat gesagt ich sehe gut aus. Und in einem Anfall von neu erwachter Unternehmungslust beschloss er, sie am kommenden Freitag zum Essen einzuladen. Seine Hochstimmung hielt bis zum Feierabend an. Jedenfalls so lange, bis er vom Firmenparkplatz fuhr und auf das Umleitungsschild stieß. Richtig, Frau Gerlach hatte die Baustelle erwähnt, die hier heute aufgemacht werden sollte. Naja, man konnte nicht alles haben. Er folgte den weiteren Schildern, die ihn auf die alte Grubenstraße führten. Früher hatte sie als Zubringer zur  alten Kupfergrube geführt. Früher, das hieß, bis vor 60 Jahren, als die Grube dichtgemacht wurde. Seitdem hatte sich niemand um die Straße gekümmert und sie sah dementsprechend aus. Fünf Kilometer schmale Holperstrecke mit Schlaglöchern und Erdbrocken, die die Traktoren verloren hatten. Mehr als Schritttempo konnte man kaum fahren, wenn man nicht einen Satz neuer Stoßdämpfer riskieren wollte.

 

Brosig schaute auf die Uhr, um festzustellen, wie viel länger er für den Weg nach Hause brauchte, denn dementsprechend früher musste er am nächsten Tag auch aufstehen. Er kam auf zwanzig Minuten.

 

Natürlich war er doch etwas später dran, als er am folgenden Morgen ins Auto stieg. Mist. Seine Pünktlichkeit war, wie er wusste, eine der wenigen Eigenschaften, die seine Vorgesetzten besonders an ihm schätzten. Aber im Berufsverkehr hatte man natürlich kaum Chancen, Zeit gutzumachen. Nur auf der Grubenstraße hatte er ein wenig Luft, denn außer den Mitarbeitern seiner Firma benutzte sie kaum jemand. Er fuhr so schnell wie er glaubte, es dem Auto zumuten zu können.  Das Fahrzeug holperte und ruckelte, dass einem Angst werden konnte. Wenn er jetzt in ein tieferes Schlagloch fuhr, war mindestens eine Felge fällig, wenn nicht sogar ein Radlager. Aber er schaffte es immerhin, gerade noch pünktlich ins Büro zu kommen.

Dafür kam Biedenbach zu spät. Er hatte eine Einkaufstüte dabei, aus der er zwei Päckchen Kaffee und ein neues Milchkännchen holte. Das alte hatte er offenbar am Vortag geleert.

 

Brosig runzelte die Stirn. Jetzt konnte er natürlich nicht die Toilettenpause nutzen, um die Milch mit dem Mittel zu versetzen. Es war ja noch versiegelt und wenn Biedenbach es zum ersten Mal benutzte, er es auch versiegelt vorfinden musste. Vor der Mittagspause hatte Brosig also keine Chance, an das Milchkännchen heranzukommen, denn außer für den Gang zur Toilette verließ Biedenbach das Büro fast nie.

 

Wie sich herausstellte, gewann er wertvolle Erkenntnisse durch die Verzögerung, denn er bemerkte, wie die Wirkung des Mittels nachließ. Biedenbach wurde zunehmend lockerer und besser gelaunt und gegen Mittag hatte er sogar wieder ein "Ou Baby" und ein paar wollüstige Stöhner zuwege gebracht. Schon ein bisschen zu viel für Brosigs Geschmack.

   "Na, geht's heute wieder in den Baumarkt?", fragte er, als sich sein Kollege die Jacke überzog und der Tür zustrebte.

  "Yep!", sagte Biedenbach entschlossen.

"Brauch ein paar neue Fußabtreter für die Haustreppe."

   "Na dann viel Erfolg", rief ihm Brosig nach. Er ging zum Fenster um zu beobachten, wie Biedenbach das Firmengelände verließ. Dann holte er das Fläschchen aus dem Aktenkoffer und wandte sich dem Milchkännchen zu.

 

Als er aus dem Baumarkt zurückkehrte, setzte Biedenbach als erstes frischen Kaffee auf und setzte sich mit einem gutgelaunten "Yeah!" an seinen Schreibtisch. Eine Viertelstunde später trank er mit provozierendem Schlürfen die erste Tasse und aß ein paar Donuts dazu.

 

Gegen halb drei Uhr wurde Brosig von einem geschluchzten "O mein Gott!" aufgeschreckt. Er schaute am Bildschirm vorbei zu Biedenbach. Der saß zurückgesunken in seinem Sessel. Er wiegte wie in höchster Verzweiflung den Kopf hin und her, das Gesicht von Tränen überströmt und den Brustkorb von Schluchzern geschüttelt.

 

Brosig schluckte. Irgendwas war fürchterlich schiefgegangen. Er konnte sich nur nicht erklären was. Verstohlen öffnete er seinen Aktenkoffer und spähte nach dem Fläschchen. Es war noch halb voll, so wie es sein sollte. Er hatte sich also nicht mit der Dosis vertan und es war noch immer von der Mischung, die er zu Anfang benutzt hatte.

   "Geht's dir nicht gut, Reiner?", fragte er zaghaft.

"Ach, das hat doch alles keinen Wert - alles für die Katz", sprudelte es aus ihm heraus.

   "Alles sinnlos und hoffnungslos...,"

seine Stimme brach und er vergrub das Gesicht in den Armen. Brosig stand langsam auf und ging zu Biedenbachs Schreibtisch. Vorsichtig legte er ihm die Hand auf die Schulter.

   "Kann ich dir irgendwie helfen?"

Biedenbach schreckte hoch und blickte ihn aus verquollenen Augen an.

   "Helfen? Mir? Wer soll mir noch helfen? Du etwa? Sonst jemand? Es ist alles zu spät, alles ohne Sinn. Ich kann nicht mehr, ich kann echt nicht mehr."

 

Brosig merkte, wie er nervös wurde. Was sollte er jetzt machen? Biedenbachs Zustand war katastrophal. Ein schwerer depressiver Anfall. Das vernünftigste wäre, den Werksarzt zu holen und ihm eine Spritze verpassen zu lassen. 

 

"Nur ruhig Reiner. Gleich wird's dir besser gehen", sagte er sanft und beugte sich über den Schreibtisch, um zum Telefon zu greifen. Herrgott, welche Nummer hatte der verdammte Werksarzt? Seine Hand mit dem Hörer zitterte. Neben ihm stemmte sich Biedenbach aus seinem Sessel.

"Ich kann nicht mehr!", schluchzte er wieder. "Zwecklos... alles zwecklos. Mir geht's erst besser, wenn ich das alles... "

 

Noch bevor Brosig erkannte was vor sich ging, stürzte Biedenbach zum Fenster und riss es auf. Für einen Moment zeichnete sich seine Silhouette schwarz gegen den Nachmittagshimmel ab. Dann schien sie kleiner zu werden und war plötzlich verschwunden.

   "Reiner!" mit einem Schrei eilte Brosig zum Fenster und blickte hinunter. Biedenbach lag unten auf dem Hof, den Kopf und den rechten Arm unnatürlich abgeknickt. Unter seinem Gesicht quoll es dunkelrot hervor und rann die Pflasterfugen entlang. Von der Laderampe her kamen zwei Männer gelaufen.

 

Brosig merkte, wie ihm schwindlig wurde. Großer Gott, was hatte er da angerichtet. Nur wegen..., wegen ein paar absoluten Nichtigkeiten. Aber wie hatte es passieren können? Trug er überhaupt Schuld an Biedenbachs Zustand? Vielleicht gab es ja ganz andere Gründe, die dazu geführt hatten...

Sein Blick klärte sich wieder und er blickte über das Werksgelände hinaus, hinüber, wo die alte Grubenstraße sich am Wald entlang wand. Er fühlte das Holpern und Rumpeln seines Autos, sah den Aktenkoffer neben sich auf dem Beifahrersitz hopsen ...

 

Mit jäher Deutlichkeit begriff er, was geschehen war, und die Erkenntnis schüttelte ihn.

 

 

ENDE



Dirk Tilsner, Jahrgang 66, geb. in Luckenwalde. Autor. Nach dem Ab-schluss seines Nachrichtentechnik-Studiums zog es ihn 1994 nach Portugal, wo er bis heute mit seiner Familie lebt. Er veröffentlichte in mehreren Anthologien und eroberte

im April 2018 im Berliner Lyrik-Wett-bewerb des Literaturpodiums den

ersten Preis. In seinen Erzählungen widmet er sich gern dem Thema Zukunft, auch im Sinne einer satirischen Auseinandersetzung mit der Gegenwart.


Ungewöhnliche Lichtwesen treten auf den Plan. Kommen Sie den stöhnenden Geräuschen in einem Raumschiff auf die Spur. Hat eine Mannschaft womöglich das falsche Raumschiff in Trümmer gelegt? Mysteriöse Vorgänge auf der Suche nach einem Schwesterschiff begegnen uns. Welche Gefahren hält eine Wüstenpyramide für den Pilger bereit? Die totalitären Systeme der Zukunft gelangen in den Blick. Gelingt es einigen Außenseitern, etwas zu ändern? Doch jede übertretene Regel wird streng geahndet. Können hochintelligente Maschinen Kriege gewinnen? Diese Frage stellt sich existentiell. Schauen Sie sich die Werbung der Zukunft an. Unglaubliche, aber auch unheimliche Fähigkeiten werden dort offeriert. Ein expansives Wesen nimmt immer weitere Sonnensysteme in Beschlag. So gibt es in diesem Science-Fiction-Band zahlreiche Abenteuer zu bestehen. Vielfältige Ausblicke in ferne und nahe Zukünfte offenbaren sich.

 

Aus seinem Scifi-Repertoir stellt uns Dirk Tilsner einen auserwählten Knüller zur Verfügung, stammend aus obiger Anthologie: »Der Ursprungsplanet« Science-Fiction-Erzählungen. Dystopien und Visionen. Taschenbuch – 26. Februar 2018. Erhältlich bei amazon.de unter ISBN: 9783746056050

 

 

»Aus dem Tagebuch eines Aussteigers – erster Eintrag –«

(Urheberrechte & Copyrights © by Dirk Tilsner)

Die ersten Zweifel kamen mir am Donnerstag vor zwei Wochen. Es war zunächst ein ganz normaler Abend: Judith war seit Stunden damit beschäftigt, unsere Wohnung keim- und staubfrei zu halten. Im Wohnzimmer war sie mit ihren dürren Armen bis in die letzten Winkel  unserer Schrankwand gedrungen und hatte weder die filigranen Buntglasgebläse noch unseren koprophagenischen Kunststoff-Bonsai ausgelassen. Je nach Form und Material des zu reinigenden Objektes benutzte sie  einen besonderen Staubwedel und strich flink und behutsam über jede Kante oder Blättchen. Danach war der Teppich an der Reihe. Sorgfältig besprühte Judith jeden Quadratdezimeter mit blau schäumendem Milbrotektor, um die so vorbereitete Fläche exakt sechs Sekunden später abzusaugen.  Nun stieß sie mir ab und zu sanft fordernd an meine Pantoffeln, nicht ohne diese ebenso mit einer speziellen Bürste zu bearbeiten.

“Können wir das Ding nicht mal eine Minute abstellen?” wollte ich von Moni wissen.

Meine Frau hörte mich nicht. Sie saß mit geschlossenen Augen und zufrieden lächelnd auf der Couch. Unter ihren langen Haaren war der Mikro-Lektor im rechten Ohr zwar nicht wahrzunehmen; der Deckel der kleinen Kassette vor ihr ließ aber wenig Zweifel. Moni war bei ihrer 'Weiterformungsmaßnahme', wie sie es selbst scherzhaft nannte: Mysterium der Zufriedenheit – auf der Suche nach sich selbst, Kurseinheit 935.

Ich gab auf und widmete mich wie jeden Abend dem holografischen Stellenanzeiger unserer Region.  Nicht, dass ich wirklich eine berufliche Wende herbeisehnte. Dies wäre sowieso zwecklos: ich gehörte zur Gruppe 'Entsorgung', womit mir der Traum meiner Kindheit (oder richtiger: der meiner Eltern) für immer verbaut war. Denn um in die Gruppe der 'Entwicklung' zu gelangen, bedurfte es eines IQs von mindestens 140. Mit einem schlappen Ergebnis von 125 damals im Alter von 15 Jahren war mir nur die Wahl zwischen 'Entsorgung' und 'Wartung' geblieben. Nichtsdestotrotz war mir diese leicht gefallen. Im Gegensatz zur 'Wartung', wo man stets nur nach Handbuch Strom- und Spannungswerte prüfen und defekte Teilsysteme austauschen durfte, konnte man  in der 'Entsorgung' die Roboter trotz einiger Einschränkungen noch mit einer Spur freier Entscheidung auseinandernehmen, sich ihrer bio-mechanischen Struktur widmen, hin und wieder einen Schaltkreis in der Tasche verschwinden lassen und nach Hause nehmen. So brachte ich beim Experimentieren irgendwann einmal meinen Goldfisch (kein echter natürlich) dazu, in wunderschönen, akrobatischen Pirouetten zu schwimmen. Mir wurde bloß nie klar warum, denn der Chip stammte aus der bionischen Zentraleinheit eines Robo-Freundes der lokalen Stadtverwaltung.

Die Stellenanzeigen waren in die fünf allgemein bekannten Hauptgruppen geordnet. Es gab neben 'Entwicklung', 'Wartung' und 'Entsorgung' noch zwei weitere Gruppen, die mich allerdings persönlich nicht sonderlich interessierten, von meiner fehlenden Qualifikation mal abgesehen. Das waren 'Information' und 'Überwachung'. Letztere entsprach ohnehin einem mehr oder weniger absterbenden Zweig, denn zur  Überwachung vor allem kritischer, vernetzter Systeme wurde verstärkt an einer neuen Generation  von Robotern gearbeitet, die auch diese Tätigkeit dem Menschen für immer ersparen würde. Schließlich waren letztere verlässlicher als Menschen, wenn es um die Diagnose und Auswertung technischer Betriebsdaten ging, wobei inoffizielle Quellen manchmal eher nebensächliche Faktoren wie Kostensenkung  erwähnten. Wie dem auch sei, die Sicherheit der Bevölkerung stand stets an erster Stelle: wenn es überhaupt einmal zu einer schwerwiegenden Systemstörung kam, war die ermittelte Ursache letzten Endes immer wieder menschliches Versagen, und sei es der Sekundenschlaf eines Mitarbeiters des Überwachungspersonals.

 

Was 'Information' anging, waren die Mitarbeiter dieser Kategorie besonderen Auswahlkriterien unterworfen, die man hingegen aus fachlich-technischen Gründen nicht publizierte.  Klar war nur, dass es in diesem Beruf schwere Entscheidungen zu treffen galt. Wenn nämlich verschiedene  Nachrichten-Erfassungs-Zentren Information erstellten, die sich in irgendwelchen Details nicht vollständig deckten, dann musste der Mensch sein Urteil fällen, welche davon für die staatliche Berichterstattung als zuverlässig anerkannt und somit veröffentlicht werden durften. Eine hohe Verantwortung wenn man berücksichtigt, dass eine Unmenge von Entscheidungssystemen  täglich mit Daten gespeist wurde, die aus öffentlichen Ämtern der 'Information' stammten.  Man denke nur an die Kvanefjelder Börse und die Preisschwankungen von Lanthan, Praesodymium und anderen wichtigen Rohstoffen, welche, wenn auch indirekt und je nach Golfstromtemperatur, einen bedeutenden Einfluss auf den morgendlichen Berufsverkehr hatten. Kein städtisches Verkehrsregelungsystem  wäre heutzutage in der Lage, ohne aktuelle Kurswerte die Ampelführung zu optimieren. Jedenfalls stand es so in irgendeinem Paragraphen der Brüsseler Verordnung von 2067 über die Harmonisierung  der Wartezeiten an europäischen Lichtsignalanlagen.

 

Die Stellen in meiner Kategorie glichen sich wie üblich wie ein Ei dem anderen: Name der Firma, Kategorie Entsorgung, Lizenz L786-Db7r als Voraussetzung (entsprach meiner gesetzlich anerkannten Ausbildung als Roboter-Demontage-und-Entsorgungs-Spezialist), Kontaktdaten und der Vermerk 'staatlich geregelter Vergütungssatz'. Ich forschte  vor allem nach internationalen Unternehmen, bei denen es noch eine geringe Chance auf jährliche Prämien gab. Leider blieb die Suche ein weiteres Mal ohne Erfolg.  Gerade als ich mich dem Feuilleton zuwenden wollte, blinkte vor mir eine Annonce auf, die augenscheinlich erst wenige Sekunden alt war:

 

Suche Spezialisten der Kategorie Entsorgung für experimentellen Warentest. GV AFFE – Gemeinnütziger Verein für Andromonische Fehl-Funktion-Ermittlung. Hyper-Kontakt affe{unpub:fork}trond.eu. Entgelt vertraulich ausgehandelt.

 

Ich stutzte. Zum einen konnte ich mit 'gemeinnützig' nicht viel anfangen. Vereine kannte ich wohl einige. Zum Beispiel besuchten ich und Moni einmal im Jahr den  Kunststoff-Bonsai-Wettbewerb unseres Stadtviertels. Der Batterieverbrauch der Organisatoren musste natürlich irgendwie bezahlt werden, wozu letztere einen Verein gegründet hatten, welcher im Einvernehmen mit der städtischen Energieversorgung das notwendige Geld über die Stromrechnung der Anwohner einsammelte, also automatisch abkassierte. Mein Nachbar, der selbst keinen Bonsai hatte, erklärte mir vor ein paar Monaten, dass das 'gemein' sei, worauf ich ihn wiederum auf die 'Nützlichkeit' des Wettbewerbs aufmerksam machte. Immerhin konnte man sich beim Treffen mit anderen Bonsai-Liebhabern über die Spitzfindigkeiten der koprophagenischen Nährstoffzufuhr austauschen.

Was mich aber wirklich verwunderte war die 'Fehl-Funktion-Ermittlung'. Andromonen, also der städtische Robo-Freund, Robo-Polizist, Robo-Arzt usw., funktionierten oder eben nicht, typischerweise im abgestellten Zustand. Oder es ging um die Kapazität dieser technischen Spezi, weitere menschliche Schwächen aufzudecken, um diese ebenfalls durch die Anwendung  künstlicher Intelligenz zu umgehen?

“Moni, schau dir das mal an!” rief ich meiner Frau zu. Zufälligerweise war sie gerade dabei, sich und ihren Mikro-Lektor auf die nächste Kurseinheit vorzubereiten. Da sie das holografische Bild der Anzeige aus ihrer Perspektive nicht wahrnehmen konnte, erhob sie sich mit einem Seufzer der Ungeduld und setzte sich an meine Seite.

“Ha ha, das kann nur ein Mensch geschrieben haben! Der sollte sich mal selbst testen lassen.”  Schon sprang sie auf und begab sich erneut auf ihre Couch. “Und jetzt störe mich bitte nicht weiter mit irgendwelchen Nebensachen.”

Ich begriff, dass es zwecklos war, sie weiter in ein Gespräch verwickeln zu wollen und sparte mir  dieses Mal die lakonische Bemerkung, dass das gesamte Lehrmaterial von einem Computersystem erstellt worden dar. “Na und?” würde sie erwidern. “Kennst du einen Menschen, der in der Lage wäre, aus mehr als 1.500 Büchern der letzten 5.000 Jahre alle Weisheiten der Menschheit zu synthetisieren?” - Das bezweifelte ich zwar genauso, doch sah ich nicht ein, wieso aus den 1.500 Quellen fast 6.000 Lektionen entstehen mussten. Moni würde mindestens vier Jahre brauchen und sich am Ende in ihrer menschlichen Schusseligkeit höchstens an die letzten fünf Folgen erinnern können.

Nach einiger Überlegung entschied ich mich, auf die Anzeige zu antworten und klickte auf die Hyper-Adresse. Zu meiner Verwunderung erhielt ich als Antwort eine Fehlermeldung:

Ungültiger Eintrag. Bitte versuchen Sie es kein weiteres Mal. Ihr Hypernetzsicherheitsverifikationsagent.

Spontan leuchtete mir ein, dass das Inserat in der Tat von einem Menschen stammte. Zumindest war es unwahrscheinlich, dass sich eine geprüfte Software bei der Auswahl und Eingabe des Hyperkontaktes irren könnte. Richtig merkwürdig wurde es allerdings, als ich zurück zur Liste der Ergebnisse  ging. Die Annonce war plötzlich verschwunden! Ich suchte erneut mit allen möglichen Stichwörtern, einschließlich 'gemeinnützig'  (wie ich herausfand war die Bedeutung 'veraltet für die Fähigkeit eines technischen Systems, alle Benutzer gleichermaßen zufrieden zu stellen'), jedoch umsonst: in der Hyperinformationswolke gab es keine Spur der Anzeige, die ich erst vor Momenten gelesen hatte.

Frustriert gab ich nach einer halben Stunde auf. Das  Vorkommnis machte keinen wirklichen Sinn oder die ganze Sache war nur ein alberner Spaß irgendeines Hyper-Clowns. Missmutig zog ich mich zurück und schlurfte ins Ruhezimmer. Noch mit der Klinke in der Hand, begrüßte mich dort Peter: “Hallo Papa! Ich habe wieder ein neues Stück für dich gelernt.” Mit strahlenden Augen legte er los, um mir Paganini vorzugeigen.

Peter kam etwa bis zum dritten Takt, dann war er abgestellt. Ich wollte meine Ruhe und keine Musik. Schweigend saßen wir uns eine Weile gegenüber: mein andromonisches Musterkind und ich, sein Käufer. Mit einem Schlag wurde ich mir der Trostlosigkeit unseres Familienlebens bewusst. Peter war nicht mehr als ein zeitweiliger, auf jeden Fall brillanter, aber dennoch kläglicher Ersatz für ein richtiges Kind. Für ein solches sparten wir jeden Monat etwa ein Viertel unseres Gehalts, denn ohne ausreichend Vermögen könnten wir unser Kind niemals in die Schule jener der 'Entwickler' bringen, dort wo die Lehrer noch richtige Menschen aus dem Bereich der 'Information' waren. “Bis zum 60. können wir durchaus warten” zerredete Moni jeden Ansatz eines Gesprächs über dieses Thema, räumte indessen ein “wenn das Geld bis dahin immer noch nicht ausreicht, kommt immer noch ein Kredit zur Teilfinanzierung in Frage”.

 

Herausfordernd starrte ich in Peters auf einmal teilnahmslos wirkende Augen und sann über unser Leben nach. Gäbe es weder ihn noch seine erfinderischen Schöpfer, hätten wir einen richtigen Bonsai, den ich nicht mit dem grässlich stinkenden Pulver aus unserer Chemietoilette bestäuben müsste. Moni würde eines der 1.500 Bücher der Weltreligionen lesen oder gar einen Ratgeber für die werdende Mutter. Ich würde Paganini anderweitig genießen können; und hätte ich bereits ein größeres Kind, könnte ich ihm jeden Tag irgendetwas Belangloses erklären, ohne selbst nach jedem halben Satz von ihm berichtigt zu werden.

 

In diesem Augenblick regte sich tief in meinem Innern zum ersten Mal dieses dumpf brennende, anfänglich unverständliche Gefühl, anzestraler Rausch, Erinnerungen an einen in einer fernen Vergangenheit verloren gegangenen Instinkt. Wut! - Ich spürte Wut in mir aufsteigen, eine noch halb-schlummernde Bestie, die langsam aus ihrer Betäubung erwachte und schon bald ihr erstes Opfer suchen würde. Dieses war Peter! Plötzlich überkam mich das Verlangen ihm zu zeigen, wie unvollkommen und unfähig er eigentlich war; er und seine ganze Rasse biotronischer Schaltnetze und zusammengedampfter Thyristoren.

 

In wenigen Minuten holte ich den Werkzeugkasten aus dem Keller und machte mich ans Werk. Als geübter Demontage-und-Entsorgungs-Spezialist bereiteten mir auch neuere Modelle wie Peter keine besonderen Schwierigkeiten. Man musste zunächst den ersten Öffnungspunkt finden, der  stets gut versteckt lag. Bei Peter fand ich ihn hinter dem linken Weisheitszahn; ein sanfter Druck mit der Bono-Kürette und der Zahn fiel heraus. Von der Höhlung aus gelangte ich an die Haltespange des davor liegenden Zahns, aus dessen Loch an die Spange des nächsten usw. In wenigen Minuten fand ich in einigen der angeblichen Wurzelhöhlen die Schräubchen, die den Gaumen befestigten, daraufhin die motorischen Elemente des Halses, die Abdeckung des Brustkastens und schließlich den Zugang zum bionischen Hauptstrang. Mein Ziel hatte ich vom ersten Moment an klar vor Augen: es wäre mir ein leichtes gewesen, einfach ein paar Konnektoren aus den größeren, sichtbaren Schaltkreisen zu ziehen, um zu beobachten, welche Funktionen dadurch in Mitleidenschaft gezogen werden. Aber ich wollte mehr: ich wollte Peter dort treffen, wo er mir und selbst gestandenen Meistern seines Fachs überlegen war, ihn in seiner grundsätzlichen Bestimmung als musikalischen Genius beeinträchtigen, um mich an seiner Hilflosigkeit zu ergötzen.

Die Idee war einfach: jeder Arm hatte an seinem inneren Gelenk seinen Hauptstecker. Für das menschliche Auge waren seine fast zwölftausend nanoskopischen Verbindungspunkte zwar unsichtbar, doch das spielte in diesem Fall keine wesentliche Rolle. Ich tauschte die Stecker des rechten und linken Arms einfach nur aus. Die Hand, deren Finger gewöhnlich auf dem Griffbrett die Noten bestimmten, würde nun den Bogen halten und umgekehrt. Das würde Peter ganz gewiss einige Probleme bereiten. Der Eingriff war in weniger als fünfzehn Minuten erledigt; nach insgesamt einer halben Stunde hatte ich meinen andromonischen Virtuosen in seinem scheinbar ursprünglichen Zustand wieder zusammen und schaltete ihn mit Neugier ein.

 

“Hallo Papa! Ich habe wieder ein neues Stück für dich gelernt.” Peter befummelte mit der rechten Hand unbeholfen den Bogen, während die linke mit der Violine herumfuchtelte. Ich triumphierte und grinste ihn höhnisch an. Peter beschaute sich nun ohne jede Emotion abwechselnd seine Hände, spreizte und  krümmte jeden Finger, im ersichtlichen Bemühen, deren Bewegungen neu zu kontrollieren. Nach zwei oder drei Minuten hatte er das Instrument in seiner üblichen Position und setzte den Bogen an. Peter spielte eine Tonleiter rauf und runter, nach vierzig Sekunden ein erstes, sehr einfaches Stück, ein zweites - schon anspruchsvoller, ein drittes – noch schwerer … Nach insgesamt sieben Minuten hatte er augenscheinlich seine  Fingerfertigkeit vollständig wiedererlangt: “Hallo Papa! Ich habe wieder ein neues Stück für dich gelernt.” Schon geigte er los, Paganini's Caprice no 24.

 

Dass sein biotronisches Hirn tatsächlich die Fähigkeit besaß, seine Motorik neu zu koordinieren, war an sich wenig überraschend. Doch die kurze Zeitspanne, die er dazu benötigte, war schlicht verblüffend. Ich ließ ihn ausspielen und schwankte einen Augenblick in meinem Entschluss, das Rache getränkte Experiment fortzuführen. Immerhin müsste ich unter Umständen für einige Zeit auf Paganini verzichten. Am Ende siegte mein Durst nach Vergeltung und der Wille, aus diesem Zweikampf als Sieger hervorzugehen.

 

Im nächsten Versuch klemmte ich den rechten Arm vollständig ab. Anatomisch gesehen war dies eine enorme Herausforderung; jedenfalls konnte ich mich nicht daran erinnern, je einen einhändigen Geiger zu Gesicht bekommen zu haben. Peters System initiierte dieselbe Sequenz der motorischen Umsteuerung. Während die Finger der linken Hand auf dem Griffbrett tanzten, hing der rechte Arm schlaff herunter. Das 'wusste' die Zentraleinheit natürlich bereits in der ersten Millisekunde nach dem Einschalten. Dennoch war meinem Wunderkind vorerst nichts anzumerken, kein Anzeichen irgendeiner Verwirrung, keine Klage oder irgendeine Form einer Fehlermeldung. Würde er wirklich versuchen, die Geige einhändig zu spielen?

 

Nach zwanzig Sekunden geschah das Unglaubliche: Peter legte beide Teile des Instruments auf den Teppich, streifte seinen rechten Schuh und Strumpf ab und 'ergriff' mit den Zehen den Bogen! Zunächst erkundeten diese gewissermaßen das unbekannte Objekt und sich selbst in der neuen Rolle als Ersatzfinger. Danach setzte sich Peter auf einen Stuhl, lehnte die Geige in der gewohnten Weise unter das Kinn, während er mit dem rechten Fuß den Bogen schwingen ließ. Es dauerte in dieser Stellung etwas länger, die gesamte Lernsequenz durchzulaufen. Das Ergebnis jedoch war dasselbe: “Hallo Papa! Ich habe wieder ein neues Stück für dich gelernt” rief er stolz nach einer Viertelstunde.

Ich war begeistert und niedergeschlagen zugleich. Zum einen war ich auf für mich unerwartete Weise Verlierer geblieben; zum anderen war der Anblick des Fuß-geigenden Andromonen atemberaubend, die dahinter liegende Genialität der Entwickler nicht weniger erstaunlich als die des Schöpfers dieses einzigartigen musikalischen Kunstwerkes. Nichtsdestotrotz triumphierten nach wenigen Augenblicken beinahe ohnmächtiger Bewunderung erneut die Wut und der Glaube, dass die vom Menschen erschaffene Technik vom letzteren auch bezwingbar sei. Da die Gelenkigkeit der Gliedmaßen Peters die eines Menschen anscheinend weit übertraf, erwägte ich, wäre es in sportlicher Hinsicht durchaus gerechtfertigt, ihm diese entweder vollends zu nehmen oder anderweitig weiter einzuschränken. Würde er zum Beispiel mit nur zwei Beinen spielen können?

 

Es ist möglich, dass der Kampf von Mensch gegen Maschine am Ende unentschieden ausgegangen wäre. Peter fiel nach kurzer Zeit barfüßig auf den Rücken und versuchte in der Tat, auf diese Weise das Instrument zu meistern. Er kam bis zu den ersten Tonleitern; der Lernprozess war entschieden langsamer als vorher. Dennoch machte Peter einige Fortschritte und tanzte, obgleich etwas ungeschickt, mit den Zehen des linken Fußes auf dem Griffbrett der Geige.

 

Plötzlich hielt er inne  und schaltete sich, in gekrümmter Stellung auf dem Boden liegend, einfach ab. Ich war verblüfft, versuchte ihn vergeblich wieder in Gang zu setzen und grübelte eine Weile bis ich mich entschloss, das Experiment zu beenden.  In diesem Moment flogen die Riegel des Fensters nach oben und durch jenes schwirrte eine vollautonome Repartureinheit in mein Zimmer. Ich begriff sofort, dass sich Peter nicht selbst deaktiviert hatte. Seine von mir hervorgerufene Störung war mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits beim ersten Eingriff, ohne mir dessen bewusst zu werden, ferngemeldet worden. Aus dem flugfähigen Werkzeugkasten, etwa von der Größe eines Stuhls, fuhren mehr als zwei Dutzend Arme. Ich musste unwillkürlich an eine von Moni's wunderlichen Gottheiten irgendeiner alten, fernen Kultur denken (ab und zu musste ich ihr zuliebe eine 'ganz besonders tolle Kurseinheit' über mich ergehen lassen). Mit ihren rasanten Bewegungen erinnerten mich die Arme andererseits an eine Wolke ausgehungerter Parkvögel, die um Peter herumschwirrten und über ihn herfielen, ihn bis auf seine  Kunstfaserknochen abnagten, bevor sie ihn mit Präzision in Minuten wieder zusammenzusetzen.

Es dauerte keine Viertelstunde, dann war das Schauspiel vorbei. Schrauben, Federn, eine Myriade von Utensilien und die geisterhaften Arme verschwanden in unzähligen Kästchen der fliegenden Werkstatt. Peter stand unversehrt vor mir und öffnete die Augen: “Hallo Papa! Ich habe wieder ein neues Stück für dich gelernt.” Als er den Bogen ansetzte, verharrte er kurz. Aus der Reparatureinheit surrte ein bedrucktes Blatt, ein Arm fuhr heraus und sauste mit einem Stempel auf das Papier.

Minuten später saß ich noch immer wie versteinert vor dem fröhlich geigenden Peter und starrte auf den Bescheid:

1.840,45 NEUR Bußgeld für unbefugten Eingriff in Modell V8K3-7411. Der automatische Abzug vom Gehalt ist laut Verordnung 2075-GDK-VO123.35.421 rechtskräftig und kann erst nach einer garantierten Ablauffrist von 24 Monaten durch einen zertifizierten Robo-Anwalt hinterfragt werden. Bei wiederholten Vergehen gleicher Art drohen weitere Rechtsstrafen. 

 

Und dann fand ich mich endlich selbst, zum ersten Mal seit 34 Jahren. Ich weinte. 

 

 

ENDE


 Margarete Bertschik

  Der Tod ist nicht fair - das Leben auch nicht

 

Aktuelle Ausgabe

ISBN:9783739204840

 

Sprache:           Deutsch

Ausgabe:          Flexibler Einband

Umfang:            228 Seiten

Verlag:               Books on                                         Demand

 

Erscheinungsdatum:  07.04.2016

www.autorin-margarete-bertschik.de

 


Inhaltsangabe zum Buch

 

In achtzehn spannenden, oft tragischen oder skurrilen Geschichten schildert die Autorin Ereignisse mitten aus dem Leben, und dies stets mit einem empathischen, ja liebevollen Blick auf ihre Figuren. Ihre originellen Erzählungen nehmen häufig den Charakter eines klassischen Krimis an, ohne dabei in das bekannte »Who has done it?« Schema abzugleiten.


In schicksalhaften Geschehnissen, die gelegentlich in extremen Handlungen wie Mord, Betrug oder anderen kriminellen Taten gipfeln, offenbaren sich Motive, die einen tiefen Einblick in die menschliche Seele gewähren.


Da ist zum Beispiel die Frau, die mit dem Tod ihrer ermordeten Tochter nicht fertig wird, der Heiratsschwindler, der sich vor Gericht verantworten muss, aber da ist auch der trauernde Mann, der unerwartet Trost durch ein fremdes Kind erfährt, oder das junge Mädchen, das durch die Geburt seines eigenen Kindes überrascht wird.


Margarete Bertschik versteht es, in immer neuen Variationen die Tragik, aber auch die unfreiwillige Komik des menschlichen Lebens vor den Augen des Lesers lebendig werden zu lassen.

 

 

Hier beglückt uns Margarete Bertschik mit einer ihrer Geschichten aus dem obigen Werk:

 

»Der Beobachter«

(Urheberrechte sowie Copyrights © by Margarete Bertschik)

 

Saskia Feldmann starrte auf die Fotos in ihrer Hand, während sie den Telefonhörer an ihr Ohr presste und nervös in ihrer Wohnung hin und her lief. "Hallo, Marcel! Saskia hier. Sag mal, warst du das?"

Kurzes Schweigen am andern Ende der Leitung.

„Saskia! Wie schön, mal wieder von dir zu hören! Wie geht's dir?“

„Hast du die Fotos geschickt? Das soll wohl ein blöder Scherz sein, was?“

„Moment mal! Ich weiß gar nicht, wovon du redest. Was ist denn los?“

„Du weißt also von nichts? Wirklich nicht?“

„Also, glaub mir, ich habe keine Ahnung! Willst du mir nicht endlich erklären, worum es geht?“

Saskia ließ sich auf ihr Sofa fallen und breitete die Fotos vor sich auf dem Couchtisch aus.

   „Also hör zu. Als ich heute Nachmittag den Briefkasten öffnete, fand ich einen Umschlag mit Fotos. Lauter Fotos mit mir darauf. Jemand hat mich tagelang verfolgt und fotografiert. Bei jeder Gelegenheit: im Auto, vor der Kanzlei, im Supermarkt, auf meiner Terrasse. Überall!“ Sie hörte, wie Marcel tief Luft holte.

     „Das ist ja ein Ding. War denn ein Brief dabei?“

 

„Nein, nichts. Kein Zettel, kein Brief. Nichts. Nur die Fotos.“

     „Ich war das jedenfalls nicht! Überhaupt: Ich bin hier in Hamburg und du dort in dem kleinen Kaff. Glaub mir, ich habe wirklich Besseres zu tun, als hinter dir herzulaufen und Fotos zu machen. Außerdem habe ich gewisse Fotos von dir, auf denen du wenig bis gar nichts anhast.“ Saskia konnte sein anzügliches Grinsen geradezu durchs Telefon sehen.        „Die möchte ich gerne behalten. Sozusagen als Erinnerung an schöne Zeiten.“

 

„Bitte, Marcel, sei doch mal ernst. Ich finde es wirklich komisch, dass jemand heimlich Fotos von mir macht und sie mir dann per Post zuschickt. Was kann das zu bedeuten haben? Ist das nicht Stalking?“

    „Ach was, so ernst würde ich das nicht nehmen. Vielleicht hast du einen heimlichen Verehrer, der sich nicht traut, dich anzusprechen.“

    „Habe ich auch schon gedacht. Also soll ich mir keine Sorgen machen?“

 

„Ich denke nicht. Wird schon nichts Schlimmes sein. Verrückte gibt es überall.“

    „Okay, Marcel. Mach's gut.“ Saskia legte auf. 'Typisch Marcel', dachte sie, 'immer alles auf die leichte Schulter nehmen.' Auch ein Grund warum sie sich von ihm getrennt hatte. Nun ja, vielleicht hatte er recht. Sie schob die Fotos zusammen und verstaute sie in einer Schublade des Wohnzimmerschrankes. Jetzt würde sie erst einmal eine Runde joggen, das beruhigte und lenkte ab, wie sie wusste. Während sie sich umzog, musste sie an Thorsten Küppers denken, den sie vor ein paar Wochen im Park beim Joggen getroffen hatte. Schade, dass er nicht mehr mit ihr zusammen lief. Sein durchtrainierter Körper war beim Laufen eine Augenweide gewesen, ganz zu schweigen von ihren gemeinsamen Aktivitäten nach dem Duschen. Leider hatte er diese braungebrannte Blondine kennengelernt und ihr, Saskia, kurzerhand den Laufpass gegeben. Nun gut, musste sie eben allein ihre Runden drehen. Vielleicht konnte sie dabei dieses mulmige Gefühl wegen der Fotos loswerden.

 

Zwei Wochen später. Saskia stellte ihren Mini auf dem Parkplatz vor dem Reihenhaus ab, nahm ihre Aktentasche und stieg aus. Prüfend warf sie einen Blick zum Himmel. Wenn das Wetter sich hielt, sollte sie wieder einmal eine Rund joggen gehen. Ein bisschen Bewegung würde ihr nach dem langen Tag in der Kanzlei guttun. Und ihrer Figur auch. Das Stück Himbeertorte, das Jan Berger ihr nach seinem Klientenbesuch heute Nachmittag vom Bäcker mitgebracht hatte, war zwar lieb gemeint gewesen, hatte aber mindestens dreihundert Kalorien gehabt.

   Außerdem stand ihr ein langer Abend mit Aktenarbeit bevor. Dr. Meyer, ihr Chef, hatte ihr einen langweiligen und zeitraubenden Fall von Betrugsrecherche aufgehalst, für den sie Präzedenzfälle eruieren und auswerten sollte. Als Neuling in der Kanzlei blieben solche Aufgaben natürlich immer an ihr hängen. Hinzpeter, der Juniorpartner, hatte sich gedrückt. Er habe mit seinem aktuellen Scheidungsfall genug zu tun, hatte er gesagt. Typisch.

    „Guten Abend, Frau Feldmann!“

Herr Sonntag, ihr Nachbar zur Linken, war gerade aus seiner Haustür getreten und hatte Mühe, seinen ungeduldig an der Leine zerrenden Dackel festzuhalten.

„Guten Abend, Herr Sonntag! Wie geht es Ihnen?“ Saskia mochte den alten Herrn. Er war immer gut gelaunt, obwohl er es nicht leicht hatte. Seine Frau hatte Krebs und er pflegte sie seit Jahren.

    „Gut, danke. Waldmann muss mal wieder raus. Er ist schon ganz zappelig, der kleine Schlingel.“ Er nahm den widerstrebenden Dackel auf den Arm und kam näher. Saskia lächelte ihn an.

    „Wie geht es Ihrer Frau, Herr Sonntag? Hat sie die letzte Chemotherapie einigermaßen gut überstanden?“

   „Ach, eigentlich nicht so gut. Sie wissen ja, wie das ist. Man hat sie noch im Krankenhaus behalten, wegen der Bestrahlung.“ Er zeigte ein resigniertes Lächeln. „In zwei Wochen kommt sie nach Hause. Ich wünschte, meine Tochter könnte mir bei der Pflege helfen, aber Julia wohnt zu weit weg.“ Er seufzte. “Es ist gar nicht so einfach, wissen Sie? Ich bin ja nun auch nicht mehr der Jüngste.“

    „Das tut mir leid mit Ihrer Frau, Herr Sonntag. Richten Sie ihr bitte meine Grüße aus und sagen Sie ihr, dass ich ihr gute Besserung wünsche.“

Saskia öffnete ihren Briefkasten. Sie wollte sich nicht auf eine längere Unterhaltung einlassen; aus Erfahrung wusste sie, dass Herr Sonntag ihr sonst alle Einzelheiten der Krankheit seiner Frau erzählen würde, und darauf hatte sie im Moment keine Lust.

     „Schönen Abend noch, Herr Sonntag“, sagte sie, nahm ihre Post und ging ins Haus.

 

Der dicke Umschlag ohne Absender fiel ihr sofort ins Auge. Ihr Mund wurde plötzlich trocken. Ihr Herz klopfte heftig. 'Ach was!', sprach sie sich selber Mut zu, 'was soll schon sein?' Sie gab sich einen Ruck und riss den Umschlag auf. Wieder Fotos! Eine ganze Menge. Sie ging zum Wohnzimmertisch und breitete die Bilder aus. Diesmal war nicht sie selbst das Motiv, sondern ihre Wohnung! Das Bücherregal im Wohnzimmer. Die Sofaecke mit dem Ikea-Kissen. Der gerahmte Druck mit dem Porträt von Picassos kleinem Sohn Paul, der Blumenständer mit der blühenden Clivia. Dann Fotos aus ihrem Bad. Das Innere des Schränkchens mit ihren Tampons und Binden. Das Handtuchregal. Ihre Schminkutensilien. Ihr Schlafzimmer. Das nachlässig gemachte Bett. Der Agatha Christie-Krimi, den sie gerade las. Die geöffnete Kommodenschublade mit ihren BHs und Höschen. Alles hatte der Perverse fotografiert! Mit weichen Knien ließ Saskia sich auf das Sofa fallen. Das hier war kein Scherz mehr! Ihre Privatsphäre war aufs Gemeinste verletzt worden. Sie fühlte sich geradezu körperlich angegriffen. Jemand war während ihrer Abwesenheit in ihre Wohnung eingedrungen, hatte überall herumgeschnüffelt und alles fotografiert. Hatte ihre persönlichen Dinge berührt! Was machte dieser Typ jetzt mit den Fotos? Zu welchem ekelhaften Zweck benutzte er sie? Und warum schickte er ihr die Abzüge? Mit zitternden Fingern wählte Saskia den Notruf der Polizei.

 

„Diese hier sind vor zwei Wochen gekommen.“ Saskia hielt dem Beamten die Fotos hin. „Ich habe mir nicht viel dabei gedacht. Sie sind ja auch ganz harmlos. Vielleicht ein schüchterner Verehrer habe ich vermutet.“

 

Polizeiobermeister Klaus Seidel schüttelte missbilligend den Kopf. „Sie hätten natürlich sofort die Polizei davon in Kenntnis setzen müssen. Immerhin wurden Sie verfolgt und beobachtet. Und irgendeinen Zweck verfolgt der Täter mit diesen Fotografien, das ist sicher.“ Seidel steckte die Fotos ein. Sie sollten näher untersucht werden.

   „Haben sie schon überprüft, ob in Ihrer Wohnung etwas fehlt? Oder beschädigt worden ist?“

    „Nein, das ist ja ebenfalls so merkwürdig. Es fehlt nichts, es ist auch nichts durchwühlt oder irgendwie verändert worden. Der Verrückte hat nur alles fotografiert.“

„Meine Leute haben keine Einbruchsspuren gefunden, weder an den Türen noch an den Fenstern, Frau Feldmann. Wer außer Ihnen hat einen Schlüssel zu dieser Wohnung?“

     „Niemand. Nur ich. Die Ersatzschlüssel liegen im Flur in der Schublade.“

„Könnten Sie sie bitte holen? Wir werden überprüfen, ob Nachschlüssel davon gemacht wurden.“ Eilig stand Saskia auf und kam wenige Augenblicke später mit den Schlüsseln zurück. „Was werden Sie denn jetzt unternehmen, Herr Polizeiobermeister?“

    „Nun, wir werden alle relevanten Personen aus Ihrem näheren Umfeld befragen und überprüfen. Dazu müssen Sie uns bitte eine entsprechende Liste anfertigen. Familie, Freunde, Kollegen, Bekannte, Nachbarn. Vor allem auch Ihre Ex-Freunde. Auch wenn Sie meinen, die würden so etwas niemals tun. Man erlebt häufig Überraschungen in solchen Fällen.“

    „Ja, okay. Ich schreibe Ihnen die Namen auf. Aber was ist, wenn es ein völlig Fremder ist? Den ich gar nicht kenne?“

     „Wir werden die einschlägig Vorbestraften natürlich überprüfen. Stalker, Spanner und so weiter.“ Er erhob sich.

   „Lassen Sie uns die Liste bitte möglichst schnell per E-Mail zukommen, Frau Feldmann. Und rufen Sie noch heute einen Schlosser, der die Schlösser austauscht. Damit Sie sich wieder sicher fühlen können.“

 

Saskia versuchte sich zu konzentrieren. Also: Die Liste. Ob Marcel doch dahintersteckte? Eigentlich unwahrscheinlich. Er hatte die Trennung von ihr ganz locker weggesteckt. Außerdem lag das Ganze schon mehr als ein halbes Jahr zurück. Sie hatten beide keine Zukunft mehr für ihre Beziehung gesehen, nachdem sie, Saskia, sich entschlossen hatte, die Stelle als Rechtsanwältin in der Kanzlei Meyer, Berger & Hinzpeter hier in der Kleinstadt anzunehmen. Marcel war nun mal ein Großstadtmensch. Als Jurist hatte er in Hamburg ungleich bessere Karrierechancen als hier in der Provinz. Und überhaupt: Ihre Beziehung war an einem toten Punkt angelangt, so dass eine Trennung am besten für beide gewesen war, oder?

 

Ihre Familie schied aus. Ihre Eltern lebten in Hamburg und genossen ihr Rentnerleben, ihre einzige Schwester war in München verheiratet und hatte mit ihren zwei kleinen Söhnen und ihrem Lehrerjob mehr als genug um die Ohren.

  Konnte es in ihrem Bekanntenkreis wirklich jemand geben, der sie auf diese abgefahrene Art beobachtete und belästigte? Am besten, sie ging sie alle systematisch durch. Da war als Erstes ihr Chef, Dr. Jürgen Meyer. Ende fünfzig, stets tadellos gekleidet, gute Manieren, Typ Gentleman. Er hatte vor Kurzem seinen dreißigsten Hochzeitstag gefeiert. Seine drei Kinder waren erwachsen und studierten oder arbeiteten auswärts. Unvorstellbar, dass Dr. Meyer in ihr Haus eindrang und ihre Wäsche fotografierte!

 

Von Oliver Hinzpeter, Juniorpartner und Single, mit seinem angeberischen Porsche und den dauernd wechselnden Freundinnen konnte sie sich ein merkwürdiges Verhalten schon eher vorstellen. Aber nein, Hinzpeter hatte so viel mit der Pflege seines Playboy-Images zu tun, dass er sicher keine Zeit hatte für solch aufwendige Stalking-Aktionen.

Und Jan? Jan Berger kam eventuell in Frage. Sie war einmal mit ihm ausgegangen, aber es hatte nicht gefunkt zwischen ihnen. Jedenfalls von ihrer Seite aus nicht. Sollte er sich etwa mehr Hoffnungen gemacht haben? Immerhin war er auffallend freundlich zu ihr, brachte ihr öfter mal eine Kleinigkeit mit ins Büro, ein Stück Kuchen oder etwas Süßes. Aber nein, er war einfach zu nett für solch abgefahrene Gemeinheiten.

 

Und sonst? Seit sie mit Marcel Schluss gemacht hatte, war sie nur mit zwei Männern zusammen gewesen. Da war zum einen der sportliche Thorsten Küppers, den sie beim Joggen kennengelernt hatte. Er war Sportlehrer und eigentlich sehr nett. Allerdings hatte er keinen Zweifel daran gelassen, dass sie nur eine unbedeutende Affäre für ihn gewesen war. Außerdem war er erst siebenundzwanzig, also viel zu jung für sie.

 

Und zum anderen war da Max. Maximilian Stärk, Informatiker. Saskia hatte ihn in der Disco kennengelernt, wo er auf nette, altmodische Art mit ihr geflirtet hatte. Zweimal war sie mit ihm ausgegangen, zum Essen und ins Kino, bevor sie mit ihm geschlafen hatte. Er war nett. Ein richtiger Nerd zwar, mit seiner Brille, dem Bart und den albernen Pullovern, aber wirklich nett. Und klug. Liebenswürdig. Und originell. Konnte Max der kranke Fotograf sein? Möglich wäre es schon. Sie kannte ihn ja erst seit ein paar Wochen. 'Bitte nicht', dachte sie, 'lass es bitte nicht Max sein! Jetzt, wo ich kurz davor bin, mich in ihn zu verlieben!'

 

Saskia wandte sich wieder ihrer Liste zu. Da gab es noch ihre Nachbarn. Links der nette Herr Sonntag, der mit der Pflege seiner kranken Frau alle Hände voll zu tun hatte, und rechts die junge Familie Brenner mit ihrem Baby. Den Mann hatte sie kaum ein- oder zweimal gesehen. Sie glaubte nicht, dass er jemals Notiz von ihr genommen hatte. Nur mit seiner Frau wechselte sie hin und wieder ein paar Worte.

 

Trotzdem setzte sie den Namen auf die Liste. Unwahrscheinlich, ja geradezu unmöglich, dass einer der Männer, die sie aufgeschrieben hatte, als Täter infrage kam. Könnte es vielleicht ein Klient sein? Kaum vorstellbar. Dazu war sie erst zu kurz in der Kanzlei tätig; richtige Feinde konnte sie sich noch gar nicht gemacht haben. Es musste wirklich jemand sein, den sie gar nicht kannte. Vielleicht würde die Polizei ja in ihrer Kartei fündig. Es blieb ihr wohl nichts anderes übrig, als abzuwarten.

Jedenfalls würde sie viel ruhiger schlafen, wenn der Schlosser wegen der neuen Schlösser dagewesen war. Zusätzlich würde sie die Türen durch massive Metallriegel sichern lassen. Für alle Fälle.

 

Der Inhalt des dritten Briefes war ein ausgewachsener Schock für Saskia. Die Fotos, offenbar mit einer Nachtsichtkamera mit Restlichtverstärker aufgenommen, zeigten in dem unheimlich wirkenden grünlichen Licht sie selbst, tief schlafend in ihrem Bett! Und wieder jedes Zimmer ihrer Wohnung. Das wenige Licht, das von der Straßenlaterne vor ihrem Haus durch die Vorhänge drang, die Digitalanzeigen der Elektrogeräte, eventuell das Licht einer winzigen Taschenlampe hatte anscheinend ausgereicht, um deutliche Bilder von ihrer Wohnung im Dunkeln zu machen. Der Stalker war offenbar mit seiner Kamera nachts durch alle Zimmer geschlichen und hatte in aller Ruhe gefilmt oder fotografiert. Sogar sie selbst, im Bett, ohne dass sie etwas gemerkt hatte. Es lief Saskia eiskalt den Rücken herunter. Es war geradezu gespenstisch! Und es machte ihr eine Heidenangst.

 

„Wie ist das nur möglich?“, fragte sie Polizeiobermeister Seidel, der ihre neuerliche Anzeige aufnahm. „Das kann doch gar nicht sein! Alle Schlösser sind vollkommen intakt. Wie ist der Täter nur hier hereingekommen?“ Verzweifelt fuhr Saskia sich durch ihre Haare. Der Beamte wiegte ratlos den Kopf. „Es sieht tatsächlich so aus, als käme der Fotograf Ihnen Schritt für Schritt näher. Und nicht nur das. Aus irgendeinem Grund will er, dass Sie das wissen. Er kündigt sich sozusagen an. Es nimmt wirklich bedrohliche Ausmaße an. Sie sollten Polizeischutz beantragen, Frau Feldmann. Wer weiß, was er als Nächstes vorhat.“

   Nervös hockte Saskia auf dem Rand des Sofas und rang die Hände. „Haben denn Ihre Nachforschungen nichts ergeben? Über die Männer in meinem Umfeld?“

   "Wir haben alle genauestens überprüft. Keiner von Ihnen bietet auch nur den kleinsten Verdachtsmoment. Wir haben nichts in der Hand. Die Fotos sind digital auf einem normalen Laserdrucker gedruckt worden. Unmöglich herauszufinden, von wem. Und die Fingerabdrücke, die wir in Ihrer Wohnung sichergestellt haben, sind eindeutig Ihnen oder einem der Besucher, die sie uns genannt haben, zuzuordnen. Der Stalker hat offensichtlich Handschuhe getragen.“

 

Saskia sprang auf. „Ich bleibe keine Minute länger in dieser Wohnung. Ich bin hier nicht sicher. Auch wenn Sie Tag und Nacht einen Polizeibeamten vor meine Tür stellen und noch mehr Schlösser anbringen: Ich bin hier nicht sicher.“

 

Der Beamte stand ebenfalls auf. „Vielleicht haben Sie recht, Frau Feldmann. Es ist jedenfalls ein wirkliches Rätsel, wie der Täter in das Haus hinein und wieder hinausgelangen konnte, ohne auch nur eine Tür oder ein Fenster zu beschädigen. Geradezu unglaublich! Als sei er durch die Wand gegangen.“

    „Ich werde jetzt sofort ein paar Sachen packen und ziehe vorerst in eine Pension. Und dann suche ich mir so schnell es geht eine neue Wohnung. Möglichst am anderen Ende der Stadt. Wo mich der Verrückte hoffentlich nicht findet.“ Seidel ging zur Tür. „Wir werden natürlich weiterhin alles tun, um den Mann zu finden. Die letzten Fotos müssen noch ausgewertet werden. Vielleicht finden unsere Experten ja einen Hinweis auf den Besitzer dieser Nachtsichtkamera.“

    „Ja, schon gut, Herr Seidel. Ich gebe Ihnen Bescheid, sobald ich eine Bleibe gefunden habe. Danke.“

„Auf Wiedersehen, Frau Feldmann. Und viel Glück.“

 

In Saskias Nachbarwohnung hatte Karl-Heinz Sonntag ein paar Tage nach Saskias Auszug gerade den Kaffeetisch fertig gedeckt, als es an der Wohnungstür klingelte und seine Tochter hereinkam. Er wies auf den Küchenstuhl. „Bitte nimm Platz, Julia“, sagte er, „ich habe gerade Kaffee aufgesetzt. Möchtest du eine Tasse mittrinken? Ein Rest von dem Streuselkuchen ist auch noch da. Du weißt ja, Mutter isst ihn so gerne.“

    „Danke, Papa. Ja, Kaffee und Kuchen kommen mir gerade recht.“ Julia Sonntag zog ihre Uniformjacke aus, während sie versuchte, nicht über den Dackel zu stolpern, der schwanzwedelnd um ihre Füße sprang. „Wie geht es Mutter heute?“

„Ganz gut. So langsam bekommt sie wieder Appetit. Vielleicht hat die Therapie diesmal etwas besser angeschlagen. Obwohl mir Dr. Wendland nicht viel Hoffnung gemacht hat.“ Er lächelte seine Tochter traurig an. „Jedenfalls wirst du ja bald in der Nähe sein, wenn es mit der Betreuung schwieriger wird.“

 

Eine kleine Pause entstand. Julia Sonntag trank einen Schluck Kaffee. “Ich komme gerade vom Makler. Es ist vertraglich alles in Ordnung. Die Wohnung wird zum nächsten Ersten frei. Dann kann ich einziehen.“

 

Ihr Vater seufzte. „Die arme Saskia Feldmann. Fast hätte sie mir leidgetan in ihrer Panik. Aber sie wird bestimmt schnell woanders etwas Ähnliches finden.“

    „Ja, sicher. Jedenfalls hat unser Plan perfekt funktioniert. Die Idee mit den aufeinander folgenden Fotos war einfach genial, Papa!“

  „Ja, aber auch ziemlich gemein. Aber wie sonst hätten wir sie dazu bringen können, auszuziehen? Wenn du erst nebenan wohnst, werde ich ruhiger schlafen können, mein Kind. Und Mutter auch. Wenn es schlimmer wird, kann ich sie nicht mehr alleine pflegen. Dann brauche ich deine Hilfe.“

    „Nur gut, dass ich mich hierher versetzen lassen konnte. Bei der Polizei sind die Planstellen dünn gesät.“ Ein Lächeln flog über das Gesicht der jungen Frau. „Und an eine so gute Nachtsichtkamera wäre ich ohne meinen Kollegen von der Kripo auch nicht herangekommen.“

 

Karl-Heinz Sonntag legte einen Schlüssel auf den Tisch. „Den brauche ich ja jetzt nicht mehr. Seit sie die neuen Schlösser hat einbauen lassen, ist er ohnehin, zu nichts mehr nütze. Aber gut, dass die alte Frau Sandmann ihn mir damals zum Blumengießen überlassen hat.“

 

Julia kaute nachdenklich an ihrem Streuselkuchen. „Interessant eigentlich, wie so etwas funktioniert. Nur weil wir ihr die Nachtaufnahmen geschickt haben, nachdem sie die Schlösser ausgewechselt hatte, hat sie angenommen, sie seien auch danach entstanden. Dabei habe ich sie fast zum gleichen Zeitpunkt wie die anderen Fotos gemacht. Und nicht erst, nachdem sie die Wohnung zu einer regelrechten Festung ausgebaut hatte.“ Julia schüttelte den Kopf. „Kein Wunder, dass sie zuletzt an Geister geglaubt hat, die Arme.“

 

 ENDE