Unsere literarische Schatzkammer

Hier ruhen ironische, sarkastische, Scifi, bis hin zu makabren Geschichten. Auch Lyrik, geschrieben von früheren sowie neuzeitlichen, aber auch von noch unbekannten Neuautorinnen und Autoren. Wir machen alle Leserinnen und Leser dieser Werke darauf aufmerksam, dass sämtliche, hier geposteten Werke, urheberrechtlich geschützt sind. Wir wünschen gute Unterhaltung beim Lesen.

 

 

Zurzeit lesen Sie in dieser Rubrik:

 

 

 

Nicole Kojek:                       "MONSTERJAGD"

 

Isabell Hemmrich:               "AUGEN AUF DEM HÜGEL"

 

Melanie Kleinschmidt:            "HARRISON UND JULIA"

 

Bernhard Horwatitsch:         "GESCHÄFTSSINN"

 

Jana von Fellenberg:                "ABGELEBT"

 

Michael Kothe:                         "KOSTÜME"

 

Bernhard Horwatitsch:            "DER FÜRST"

 

Dirk Tilsner:                             "DIE UMGEHUNG DES KERNS"

 

Michael Voß:                            "DAS WAHRE GESICHT"

 

Esther S. Schmidt:                    "DIE FREMDEN"

 

Achim Hildebrand:                    "SMERGS"

 

Achim Hildebrand:                    "BIEDENBACH"

 

 

 

 

 

 

Schmuckstücke aus allen Bereichen

Nicole Kojek resümiert: 

 

„Wie kommt man nur auf so eine Geschichte?

 

Ich habe häufig Träume, die viele vermutlich als „Albträume“ bezeich-nen würden. Und immer mal wirft mich einer dieser Träume in einem Maße aus der Bahn, dass ich mir denke: „der ist gruselig/absurd genug, um niedergeschrieben zu werden.

 

 

Mein Kopf hat dann schon die ganze Denkarbeit geleistet und ich muss es nur noch schreiben. In der Regel sind das die Kurzgeschichten, mit denen ich am zufriedensten bin. Das Bild (siehe Geschichte), stammt von meinem Eheschatz. Ich beschreibe die Monster in meinem Kopf genau genug und gebe erst Ruhe, wenn das Bild dazu passt. Meiner Meinung nach ist dieses hier sehr gut gelungen, urteilen Sie selbst!“

„MONSTERJAGD“

 

(Urheberrechte und Copyrights © by Nicole Kojek)

 

 

„Wie lange noch?“

Andrea legte das Fernglas beiseite und schaute zu Chris.

   „Die Schicht hat gerade erst angefangen“, versuchte sie, ihrem Kollegen zu erklären.

Es war verschwendete Mühe. Chris hatte bereits nach zehn Minuten angefangen, nervös auf dem Armaturenbrett zu trommeln, seit einer halben Stunde stellte er alle fünf Minuten dieselbe Frage, als sei er ein kleines Kind auf der Fahrt in den Urlaub.

   „Sicher? Ist die Uhr vielleicht einfach stehen geblieben, oder …“

„Wir sitzen hier gerade einmal zwei Stunden.“

Chris murrte.

   „Warum hat der Chef uns überhaupt hergeschickt? Er kann nicht ernsthaft glauben, dass da etwas dran ist …“

   „Weniger beschweren, mehr beobachten“, ermahnte Andrea.

Sie hob gerade wieder das Fernglas an, da hörte sie Chris erneut trommeln.

   „Still sitzen ist nicht so deine Stärke, oder?“, hakte sie nach.

„Nicht, wenn ich den Grund dafür nicht verstehe. Ein paar Leute meinen, sie haben hier nachts einen seltsamen Schatten gesehen. Und deshalb müssen wir uns hier den Allerwertesten abfrieren? Es hat fast null Grad draußen!“

   „Jedes Mal, wenn ein Anruf wegen des Schattens bei uns einging, wurden im Umkreis tote Tiere gefunden.“

   „Vögel, Eichhörnchen, Ratten …, na und?“

Andrea schmunzelte.

   „Wie lange lebst du schon in Elizabethtown?“

„Du weißt, dass ich erst vor drei Monaten in dieses Kaff versetzt wurde. Warum?“

   „Hast du vorher schon einmal in der Gegend gearbeitet?“

„Was soll diese Fragerei?“

Andrea schaute aus dem Seitenfenster des Autos.

   „Die Menschen hier sind abergläubisch, sie erzählen sich viele alte Geschichten.“

   „Ammenmärchen“, schnaubte Chris.

„Mag sein, aber die Leute hier glauben daran. Und wenn plötzlich vermehrt Tiere sterben, dann erfinden sie die interessantesten Theorien. Der Chef versucht, solche Gerüchte im Keim zu ersticken. Deshalb sind wir hier.“

   „Ich wusste nicht, dass die hiesige Polizei sich an Monsterjagden beteiligt.“

   „Ich nehme an, dass wir eine Wildkatze erwischen werden.“

„Na super“, brummte Chris und lehnte sich zurück.

 

Es war stockdüster. Es war Andrea ein Rätsel, wie jemand hier einen Schatten gesehen haben wollte. Sie selbst konnte die Gebüsche kaum von dem Rest des kargen Feldes unterscheiden. Wer lief um diese Uhrzeit überhaupt so nahe an einem Feld vorbei? Sie hatte nicht gewusst, dass hier so viele Jogger lebten, die nach zweiundzwanzig Uhr noch eine Runde im Feld drehten.

   „Weck mich einfach, wenn etwas Spannendes passiert, ja?“

„Im Dienst wird nicht geschlafen, Chris.“

   „Warum nicht? Du weckst mich in zwei Stunden und dann passe ich auf und du schläfst.“

   „Nein.“

„Andrea, komm schon …“

   „Ich sagte ‚nein‘.“

Chris stöhnte entnervt.

„Du bist schlimmer als der Chef.“

 

Wenn Chris so weitermachte, dann würde keiner von beiden diese Nacht seine Arbeit machen können. 

Andrea ließ ihren Blick durch das düstere Feld schweifen.

 

Das Auto war kein optimales Versteck, nicht so weit außerhalb, nicht in einem Feld. Eine Wildkatze würde sich mit Glück nicht daran stören, wenn es sich aber um einen Tierquäler handeln sollte, würden sie ihm sofort auffallen.

 

„Seit wann bist du hier? Also auf dem Revier?“, unterbrach Chris die Stille erneut.

   „Fünf Jahre.“

 

„Wie oft warst du schon auf Monsterjagd? Wie viele Monster hast du erlegt?“

Andrea drehte sich zu Chris. Er grinste.

   „Spielt das eine Rolle? Solange die Einwohner sicher sind, machen wir eine gute Arbeit. Egal ob wir Mörder, Katzen oder Monster jagen. Du solltest dir das abgewöhnen.“

   „Ich mach doch nur Spaß.“

„Lass das.“

 

Chris antwortete nicht, sondern drehte sich weg und schaute aus dem Beifahrerfenster. Das Gespräch war damit wohl beendet und Andrea konnte endlich ihrer Arbeit nachgehen. Sie nahm wieder das Fernglas in die Hand und schaute ins Feld.

 

Es war schon spät, schon seit sicher einer Stunde war kein Jogger mehr im Feld gewesen. Vermutlich hatte ihr Auto doch verschreckt was auch immer sie suchten. Vielleicht sollten sie eine Wildkamera aufstellen. Damit würden sie mehr erreichen. Das wäre bei den Temperaturen zumindest besser, als ein Team die Nacht draußen ausharren zu lassen. Das Tierheim würde ihnen sicherlich eine ausleihen. Wenn man darauf nichts sehen würde, könnte man immer noch ein Team schicken, sollte sich die Lage nicht ändern.

„Andrea! Siehst du das?“

Chris deutete aus dem Beifahrerfenster in die Finsternis.

   „Schau dort! Das ist doch keine Katze.“

Andrea lehnte sich über ihn und schaute ebenfalls aus dem Fenster. Sie sah ihn, den Schatten. Sicherlich hüfthoch, auf allen Vieren.

   „Ein Luchs vielleicht?“, vermutete sie.

„Was machen wir jetzt? Wenn wir aussteigen, verscheuchen wir ihn nur.“

   „Schauen wir erst einmal, wo er hingeht.“

Der Schatten machte einen Satz nach vorne. Dann beugte er den Oberkörper hinunter.

„Er hat etwas erlegt“, flüsterte Chris.

   „Was macht er da?“

 

Andrea runzelte die Stirn. Das konnte keine Katze sein, auch kein Luchs. Der Schatten hielt etwas, vermutlich die Beute, in den Vorderpfoten fest und fraß auf den Hinterbeinen stehend.

„Ich habe ja noch nie einen Luchs fressen sehen, aber ich glaube nicht, dass sie das so machen“, kommentierte Chris.

Andrea nahm das Fernglas erneut an sich und schaute damit zu dem Schatten.

Er stand, oder saß, definitiv auf den Hinterbeinen und hielt etwas in den Pfoten. Sie konnte bei der dunklen Silhouette keine Ohren erkennen.

   „Das sieht von hier eher aus wie ein Affe. Vielleicht illegal von einer Privatperson beschafft und entlaufen …, oder ausgesetzt“, mutmaßte sie.

„Gib mal her.“

Chris nahm sich das Fernglas und schaute durch.

   „Das ist doch niemals ein Affe. Sieh mal die Schnauze an. Ich schau mir das mal aus der Nähe an.“

Chris griff ins Handschuhfach und nahm sich eine Taschenlampe und eine Kamera raus.

   „Du wirst es verscheuchen“, ermahnte Andrea.

„Wenn wir hier nur rumsitzen, bringen wir damit auch niemanden weiter.“

 

Noch ehe Andrea hätte widersprechen können, öffnete Chris das Auto und stieg aus. Damit hatte er natürlich die Aufmerksamkeit des Schattens erhascht. Er huschte davon in die Gebüsche und Chris setzte ihm nach.

   „Sei doch etwas vorsichtiger“, murmelte Andrea.

So, wie Chris hinter dem Schatten her stampfte, stand es außer Zweifel, dass er noch nie ein Tier gesichert hatte. In den großen Städten hatte die Polizei vermutlich Wichtigeres zu tun.

Andrea beobachtete, wie er im Gebüsch verschwand. Vielleicht irrte sie sich und er kam überraschend mit dem Tier zurück.

Immerhin konnten sie nun bestätigen, dass sich tatsächlich ein sehr auffälliges Tier im Feld aufhielt, das nachts kleinere Tiere erlegte. Bei der Größe des Schattens würde es Andrea nicht wundern, wenn die zwei Katzenleichen ebenfalls sein Werk waren.

 

Ob es Ratten gab, die solch gewaltige Ausmaße annehmen konnten? Ratten konnten groß werden und sie konnten ausgewachsene Katzen erlegen. Die Haltung, in der der Schatten gefressen hatte, würde dazu passen und …

 

im Gebüsch blitzte es…

 

„Idiot“, murrte Andrea.

Jetzt hatte er den Schatten vermutlich endgültig verscheucht. Mit etwas Glück würden sie durch die Dummheit immerhin wissen, womit sie es zu tun hatten, wenn das Bild nicht völlig verwackelt und verschwommen war.

Ein greller Schrei ertönte aus Richtung des Gebüsches und hallte über das verlassene Feld.

Chris!

Andrea griff nach ihrer Waffe und stieg aus dem Auto aus.

   „Lass mich los! Lass mich los!!! Hilfe!!!“

Seine Schreie wurden immer lauter, immer verzerrter.

   „Chris?!“

Sie folgte den Schreien, rannte ins Gebüsch. Äste verhakten sich in ihrer Kleidung, sie stolperte beinahe über eine Wurzel auf dem Boden.

   „Runter von mir!“

Seine Stimme wurde greller, höher, seine Worte unverständlich.

Was war passiert? War er gestürzt?

Andrea kämpfte sich durch das Unterholz, bis sie Silhouetten auf einer kleinen Lichtung sah. Etwas Großes lag auf dem Boden, Chris. Und um ihn herum ein, nein zwei weitere Schatten, die nicht zu ihm gehörten. Andrea hatte keine gute Sicht auf die Geschehnisse, sie konnte nicht einfach schießen!

    „Hey!“, schrie sie.

Die Viecher ließen sich nicht von ihm abbringen.

Sie schoss also über sich in die Luft, um ihre Aufmerksamkeit zu erhaschen.

Es gelang ihr.

Die Schatten hielten inne.

Sie schoss erneut und endlich ließen sie von ihm ab und verschwanden in die Finsternis. Waren es wirklich zwei gewesen?

Chris wimmerte.

   „Was ist passiert? Geht es dir gut?“

„Meine Augen …, meine Augen …“, stammelte er.

Andrea überbrückte die letzten Meter und kniete sich zu Chris. Sein Gesicht war nass. War das Blut?

   „Kannst du aufstehen? Ich bringe dich in ein Krankenhaus.“

Er ächzte, als sie ihm auf die Beine half. Sie musste ihn stützen.

   „Ich kann nichts sehen … meine Augen …“

„Es wird alles wieder gut. Was ist passiert?“

   „Es sind Monster … es sind Monster … meine Augen …“

Der Weg zum Auto war glücklicherweise nicht weit. Chris musste sich mit immer mehr Gewicht an sie lehnen. Viel länger hätte sie ihn nicht mehr stützen können.

 

Sie setzte ihn auf dem Beifahrersitz ab und machte das Licht an.

    „Oh scheiße“, entwich es ihren Lippen.

Was hatten diese Dinger mit ihm gemacht?

Sein Gesicht war voller Blut, seine Augen zerkratzt. Er musste auch an anderen Stellen verletzt sein, sein dicker Wintermantel war zerrissen und blutgetränkt.

    „Meine Augen …“

„Halte noch etwas durch. Ich fahr dich zum Krankenhaus. Alles wird gut“, redete sie auf ihn ein, während sie den Motor startete.

Das waren keine Ratten. Sicher nicht. Vielleicht doch Affen. Sie hatte schon davon gehört, dass Affen Menschen schlimm zurichten und sogar töten konnten.

Sie machte Blaulicht und Sirene an, obwohl es mitten in der Nacht war. Sie wollte keine Sekunde später ankommen als nötig, nur weil der Verkehr sie aufhielt.

   „Es dauert nicht lange. Gut, dass du jetzt in einem Kaff lebst“, sprach sie weiter.

    „Meine…“

„Bleib wach, hörst du? Was ist passiert?“

Chris antwortete nicht.

    „Chris! Wach bleiben! Wir sind gleich da. Dir wird geholfen.“

Er wimmerte nur.

 

Die nächste große Klinik befand sich etwas außerhalb von Elizabethown. Sie waren binnen weniger Minuten da. Andrea konnte es nicht schnell genug gehen.

   „Wir sind da. Das schaffst du noch. Noch einmal alle Kraft zusammennehmen.“

Andrea hievte ihn aus dem Auto und schleifte ihn in die Notaufnahme.

   „Ich habe einen schwer verletzten Polizisten!“, rief sie, sobald sie die Tür hineinkam.

Sofort lief ihr eine Schwester entgegen, eine andere holte bereits eine Notfall-Liege.

 

   „Name?“

„Chris Balus, dreißig Jahre alt“, antwortete Andrea an seiner Stelle.

   „Herr Balus, wir kümmern uns um Sie, haben Sie verstanden? Sie sind in Sicherheit.“

Er antwortete nicht.

Andrea half ihnen, Chris auf die Liege zu verfrachten. Dann wurde er auch schon durch die Gänge aus ihrem Blickfeld geschoben.

   „Können Sie mir erzählen, wie es zu den Verletzungen kam?“, hakte die Schwester nach.

   „Ich war nicht direkt dabei. Er wurde von irgendeinem großen Tier angegriffen.“

Die Schwester nickte und schrieb etwas auf ihr Klemmbrett.

   „Würden Sie noch kurz warten und das hier ausfüllen?“

Sie reichte Andrea das Klemmbrett.

   „Größe, Gewicht… Blutgruppe …, das kann ich Ihnen gar nicht alles sagen…“

   „Schreiben Sie auf, was Sie wissen. Hat er Familie?“

„Eine Schwester, aber die wohnt in einer anderen Stadt.“

   „Haben Sie die Telefonnummer?“

„Ich nicht, aber der Chef. Ich kontaktiere ihn.“

 

Es war eine lange Nacht im Krankenhaus. Niemand sprach mit ihr, niemand sagte ihr, wie es um Chris stand.

Sie war froh, als ihr Chef endlich kam und die Daten von Chris an die Krankenschwestern gab.

   „Andrea, was ist passiert? Ihr solltet doch nur nachsehen, welches Tier im Feld Unfug treibt.“

   „Ich weiß es nicht. Das Ding… ich weiß nicht, was es war. Chris hat ein Foto gemacht, glaube ich. Es muss irgendein Raubtier sein, das entlaufen ist.“

Ihr Chef schnaubte.

   „Die Leute holen sich heutzutage allerlei Tiere, die man nicht im Haus halten sollte. Wie geht es Chris?“

Andrea zuckte mit den Schultern.

   „Frau Seibert? Hätten Sie einen Moment?“

Andrea schaute zum Chef, er nickte.

   „Ich schau mal nach der Kamera. Auto ist noch offen?“

„Ja.“

Er stand auf und ließ sie mit der Krankenschwester alleine.

   „Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Sie sagten, er sei von einem Tier angegriffen worden.“

   „Das ist korrekt.“

Die Krankenschwester wendete den Blick ab.

   „Stimmt etwas nicht? Wie geht es ihm?“

„Wir konnten ihn stabilisieren. Haben Sie das Tier gesehen?“

   „Nein. Es war zu dunkel. Warum diese Fragen?“, hakte Andrea nach.

   „Diese Verletzungen. Ich habe das noch nie gesehen. Wir hatten gehofft, ihn besser versorgen zu können, wenn wir wissen, was für ein Tier das angerichtet hat.“

 

Angerichtet …

 

Das klang nicht gut.

Die Schwester notierte etwas und lief hinter den Tresen.

Für einen Moment war Andrea alleine mit ihren Gedanken. Sie seufzte. ‚Monsterjagd‘ hatte Chris es genannt. Vielleicht lag er da gar nicht so falsch. Was konnte einen Menschen derart zurichten?

   „Andrea, hörst du mich?“, riss die Stimme des Chefs sie aus den Gedanken.

Sie schaute zu ihm.

   „Bitte?“

„Die Kamera ist noch intakt. Ich lasse die Bilder entwickeln. Geh nach Hause, ruh‘ dich aus“, wies der Chef sie an.

   „Aber Chris…“

„Du hilfst ihm nicht, indem du hier rumsitzt und dich zu Tode sorgst. Geh Heim, ich bleibe hier. Und morgen sehen wir weiter. Hast du verstanden?“

 

Er hatte recht, das wusste sie. Aber es gefiel ihr nicht. Sie wollte Chris nicht einfach alleine lassen.

   „Hast du verstanden?“, wiederholte er noch einmal mit Nachdruck.

Was sollte sie schon antworten? Dass sie lieber in einem Krankenhausgang einschlafen würde, als in ihre einsame Wohnung 

zurückzukehren? Dass sie die Erste sein wollte, die erfuhr, wie es Chris ging?

   „Ich habe verstanden“, murmelte sie und stand geknickt auf.

„Bis später“, sagte sie noch, ehe sie das Krankenhaus verließ.

Sie fand in der Nacht keinen Schlaf. Wie hätte sie auch?

 

Sie sorgte sich um Chris, verstand nicht, was geschehen war, was ihn angegriffen hatte. Und sie machte sich Vorwürfe. Sie hätte es verhindern müssen, hätte die Lage besser einschätzen müssen. Sie war so genervt von Chris gewesen, dass sie nicht genug nachgedacht hatte. Wie hatte sie einfach zulassen können, dass er alleine einem unbekannten Schatten folgt? Warum hatte sie ihn nicht aufgehalten oder zumindest gedeckt?

Warum hatte sie nicht nachgedacht?

Wegen ihrer Unbedachtheit lag Chris nun im Krankenhaus. Sie war die Dienstältere, sie hätte besser reagieren müssen.

Es war ihre Schuld.

 

Am Morgen rief sie zuerst das Krankenhaus an, in der Hoffnung, Informationen aus dem Personal zu holen. Aber sie stieß mit ihren Fragen auf Granit. Man sagte ihr nicht einmal, ob Chris überlebt hatte oder nicht. Vielleicht wusste der Chef mehr und würde sie einweihen. Immerhin war er die Nacht dort geblieben. Es war ein kleiner Trost, aber es half ihr, die Kraft zu finden, die sie brauchte, um ihre Wohnung zu verlassen.

 

Ihr Weg aufs Revier war nicht weit, an diesem Morgen streckte er sich allerdings unerträglich. Immer wieder schaute sie hinter sich. Ihr Nacken juckte, als würde etwas sie beobachten. Bei jedem Geräusch zuckte sie zusammen und drehte sich um. Paranoia durch die Geschehnisse und die Erschöpfung.

   „Morgen, Andrea. Der Chef will unter vier Augen mit dir sprechen. In seinem Büro“, wurde sie noch vor dem Eingang von einer Kollegin angesprochen.

   „Danke.“

Ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen

 

   „Was ist denn gestern passiert? Ich habe gehört, Chris ist im Krankenhaus?“

„Jetzt nicht, Daniela. Bitte.“

Sie schob sich an Daniela vorbei und eilte auf direktem Weg zum Büro des Chefs. Sie legte nicht einmal ihre Tasche ab oder zog sich die schwere Winterjacke aus.

   „Du wolltest mit mir sprechen?“

„Er hat überlebt“, grüßte der Chef sie, als sie das Büro betrat.

Seine Stimme war nicht heiter, auch nicht tadelnd, sondern …, besorgt?

 

Irgendetwas daran schluckte sämtliche Freude an der Nachricht selbst.

   „Er hat überlebt, aber?“, hakte sie nach.

„Abschließen.“

Andrea tat wie befohlen. Sie schloss die Tür ab und setzte sich ihrem Chef gegenüber.

 

Er stützte sein Kinn auf seine Hände und atmete tief durch.

 „Er wird nie wieder sehen können. Das linke Auge wurde ausgerissen, das andere zerstört.“

   „Zerstört?“

„Anders kann ich es nicht beschreiben. Es ist nicht viel davon übrig geblieben. Er hat diverse Schnitt- und Bisswunden. Aber die Augen … das ist das Schlimmste …“

 

Andrea lehnte sich an den Stuhl. Die Nachricht kam leider nicht überraschend. Sie erinnerte sich noch zu gut an das Blut in seinem Gesicht, die tiefen Schnitte an den Augen.

    „Konntest du mit ihm sprechen?“

„Ich habe es versucht, aber …, er ist traumatisiert, stammelt immer dieselben Worte. Es wird Zeit brauchen, bis er sich davon erholt.“

   „Ich verstehe.“

„Das ist nicht der Grund, warum ich mit dir sprechen wollte. Es geht um deinen Bericht.“

 

Andrea runzelte die Stirn. War das sein Ernst? Er wollte JETZT über den Bericht sprechen? Das konnte nicht warten?

  „Du wirst mit keinem Wort diesen Schatten erwähnen, hast du verstanden?“

   „Was? Warum nicht? Das … Ding hat ihm das angetan!“

„Schreib, dass du nicht weißt, was ihn angegriffen hat. Es war zu dunkel.“

 

   „Warum sollte ich das tun?“

 

Andrea krallte sich an ihre Hose. Ihr Herz schlug schnell. Wie sollte so ein Bericht den Geschehnissen gerecht werden?

   „Weil nicht jeder wissen soll, was geschehen ist. Vor allem nicht, solange das Vieh noch frei herumläuft. Wenn die Presse davon Wind bekommt, stürzen sie sich darauf wie die Geier. Wir geben eine Warnung raus, dass die Leute nachts in ihren Häusern bleiben sollen, bis wir das Vieh unschädlich gemacht haben.“

   „Aber …“

„Hier. Vielleicht überzeugt dich das.“

Er schob etwas über den Schreibtisch. Ein Foto?

   „Ist das von Chris?“

„Nur zu, schau es dir an.“

 

Andrea nahm es an sich.

Ihr Magen drehte sich um.

DAS hatte ihn angegriffen?

Es starrte direkt in die Kamera, die Augen kugelrund, rot durch den Blitz. Es hatte kein Fell …, eher schuppige Haut, wie ein Reptil. Und das Maul… Lang und mit Raubtierzähnen bestückt. Es stand auf den Hinterbeinen, hatte eine tote Ratte in den Klauen. Diese Klauen … Andrea konnte den Blick davon nicht abwenden. Sie waren messerscharf. Damit hatte es Chris …,

Sie schluckte.

   „Was ist das?“

„Ich weiß es nicht. Aber ich will nicht, dass die Bevölkerung davon weiß, bevor wir es getötet haben. Am besten auch danach nicht.“

„Sie“, korrigierte Andrea.

   „Was?“

   „Bevor wir sie unschädlich gemacht haben. Ich habe zwei Schatten gesehen“, antwortete sie.

   „Oh scheiße…“

Noch immer starrte sie auf das Foto.

 

Monsterjagd‘ hatte Chris es genannt …!

 

(Bild von Lee Finnegan Kojek, 2021)


Liebe Leserinnen und Leser, 

ich heiße Isabell Hemmrich, wurde 1985 in Würzburg geboren und wohne heute in einem kleinen Dorf in der Nähe von Straubing in Niederbayern.

2015 wurde bei mir das Asperger-Syndrom diagnosti-ziert, wodurch ich endlich eine Erklärung für meine lebenslan-gen Schwierigkeiten im sozialen Miteinander und all meine kleinen und größeren Eigen-heiten und ›Macken‹ gefunden habe. Seit ich weiß, woran es liegt, dass ich so ›anders‹ bin, fällt es mir viel leichter, gezielt an meinen zwischenmensch-lichen Defiziten zu arbeiten, und ich habe auch ein ganz anderes Verständnis dafür gewonnen, wie ›Neurotypische‹ so ›ticken‹. Allerdings ziehe ich vierbeinige Gesellschaft noch immer der zweibeinigen vor.

Geschrieben habe ich schon immer gern, hatte allerdings lange Zeit nicht den Mut, mit meinen Werken an die Öffentlichkeit zu treten. Nachdem ich mich Ende 2019 schließlich doch dazu aufgerafft hatte, meinen inneren Schweinehund zu überwinden, war ich von der positiven Resonanz überwältigt. So kann ich mittlerweile mit großer Freude auf rund zwei Dutzend Veröffentlichungen in Anthologien zurückblicken. Ganz besonders glücklich bin ich darüber, dass ich inzwischen sogar meinen Traum vom eigenen Buch verwirklichen konnte: Im Mai 2021 ist mein Band der Kurzgeschichten „Wenn des Nachts der Tag erstirbt“ bei Grey Gull Publications erschienen, den ich auch selbst illustrieren durfte. 

Meine literarische Leidenschaft – ob als Leserin oder Autorin – gilt v. a. Krimis und unheimlichen Geschichten jedweder Couleur, von Edgar Allan Poes unsterblichen Meisterwerken bis hin zu modernen Großstadtlegenden wie die von den Black Eyed Children, welche mich zu meinem Wettbewerbsbeitrag „Augen auf dem Hügel“ inspiriert hat. In meiner Eigenschaft als Lektorin für meine Freundin Sibylle Baillon tauche ich aber auch immer wieder gern in die Genres Romantik und historischer Roman ein.

 

Mehr über mich finden Sie auch unter:

 

https://www.greygullpublications.de/isabell-hemmrich

 

Nun wünsche ich Ihnen ganz viel Freude beim Lesen!

Augen auf dem Hügel

(Urheberrechte & Copyright © by Isabell Hemmrich)

 

Wie zwei Totenlichter bewegen sich die gelben Zwillingskegel durch die dunkle Masse des Waldes, tauchen kurz zwischen den Bäumen auf, um im nächsten Augenblick wieder vom schwarzen Schlund des Gehölzes verschluckt zu werden, zwei irrlichternde Seelen, die durch die Finsternis geistern.

 

Ich stehe am Fenster. Mein Atem beschlägt an der Scheibe, während ich beobachte, wie sich die beiden Lichtkegel aus dem Gewirr der Stämme lösen und das Asphaltband der Landstraße aus der Dunkelheit reißen. Der silbergraue Wagen wirkt aus der Entfernung so winzig wie ein Spielzeugauto, das ein unsichtbares Kind durch eine Modelllandschaft lenkt. Wer mag dort unten am Steuer sitzen? Wohin ist er unterwegs?

 

Einsamkeit kriecht in mir empor, während ich mir sinnlose Fragen über einen Fremden stelle, dem ich nie begegnen werde. Hier oben, in meinem kleinen Haus auf dem Hügel, hocke ich wie in einem Adlerhorst hoch über der Welt und ihren Bewohnern. Meistens genieße ich dieses Gefühl der Abgeschiedenheit, doch mitunter überkommt mich eine seltsame Wehmut, wenn ich daran denke, dass der König der Lüfte im Grunde doch bloß ein Einsiedler ist, mittelloser Herrscher über ein ödes Land.

 

Es sind Momente wie dieser, wenn der Abend beginnt, sich ins anthrazitfarbene Gewand der anbrechenden Nacht zu hüllen und das Ticken der alten Wanduhr die Stille zerschneidet wie ein Metronom, das meine verrinnende Lebenszeit in kleine Fetzen hackt:

 

Tick, stehst am Fenster ganz allein …

 

Tack, bald wirst du vergangen sein …

 

Und dann ist da noch diese vage Furcht, die sich in solchen Momenten um mein Herz legt wie eine Schicht aus Eisblumen. Eine lange, lange Zeit würde vergehen, bis man mich fände, wenn …, etwas Unvorhergesehenes geschähe; etwas, das den ruhigen Strom meines Daseins aufwühlen würde wie peitschender Sturmwind.

 

Adler sterben, geht mir eine Zeile aus diesem alten Lied von Udo Jürgens durch den Sinn, und die Ratten gedeih’n …

 

Ein Seufzer entschlüpft meinen Lippen, und wieder bewölkt eine trübe Schicht das Fensterglas, verwelkt an den Rändern und verzehrt sich selbst, um mit meinem nächsten Atemzug wieder aufzublühen. Was sind das nur für Gedanken, die sich da klammheimlich aus den dunklen Winkeln meines Bewusstseins ins Zentrum meines Gehirns geschlichen haben?

 

Noch während ich besorgt darüber sinniere, ob ich dabei bin, in eine Altersdepression abzugleiten, springt mich jenes Unvorhergesehene, das sich eben so diffus-dräuend in mein Denken gepirscht hatte, an wie eine wütende Raubkatze, wird von einer verschwommenen Möglichkeit zu konkreter Realität.

 

Alles geht rasend schnell, ein Stroboskopblitz im Dämmerdunkel des Raum-Zeit-Kontinuums, gleißendes Licht taucht das Auto in blendende Helligkeit wie ein Bühnenscheinwerfer den Haupt-darsteller eines Theaterstücks. Der graue Lack scheint sich unter dem grellen Strahl in eine Schicht aus tanzendem Quecksilber zu verwandeln. Im nächsten Augenblick bricht ein riesiges Objekt durch die tief hängenden Wolken. Mit ungeheurer Geschwindigkeit saust es zu Boden, schlägt auf dem Acker auf, der sich neben der Straße erstreckt wie ein See aus dunkler Erde. Staubwolken stieben auf, verhüllen den verstörenden Anblick hinter Partikelexplosionen.

 

Ein Flugzeugabsturz, kreischt mein Verstand, während mein Körper wie gelähmt ist vor Entsetzen. Sekundenlang setzt mein Herzschlag aus, um gleich darauf wie ein Dampfhammer gegen meine Rippen zu donnern. Denn etwas tief in mir ist gegen jede Vernunft felsenfest davon überzeugt, dass ich da gerade keineswegs den Absturz einer Passagiermaschine beobachtet habe, sondern …,

 

langsam senken sich die Schleier aus aufgewirbelter Erde wieder, enthüllen ein Tableau des Wahnsinns vor meinen schreckgeweiteten Augen, ein seltsames rundes Ding aus dunklem Metall – kein Flugzeug! – ruht inmitten der brachliegenden Ackerfläche. Seine konvexe Oberfläche reflektiert das milchige Licht des Vollmondes, der als blasse Scheibe am östlichen Himmel hängt. Deutlich heller sind die punktförmigen Strahler am äußeren Rand des kuppelförmig abgeflachten Gebildes, deren rhythmisches Blinken Assoziationen mit dem kalten, sterilen Schein von OP-Lampen in mir aufflackern lässt.

 

Der PKW hat mitten auf der Straße gehalten, die Fahrertür schwingt auf. Ein Mensch, aus der Entfernung so winzig wie ein Zinnsoldat, steigt aus und macht ein paar zögerliche Schritte auf das Objekt zu.

Gleichzeitig öffnet sich eine Art Klappe an der, der Straße zugewandten Seite des metallenen Monstrums, klafft auf wie ein gähnendes Maul, aus dem sich – einer Zunge gleich – eine stählerne Rampe schiebt. Gestalten erscheinen in der Öffnung, ihre Körper seltsam dysmorph wie verzerrte Schatten. Im blendenden Licht der Punktstrahler ist es mir unmöglich, Einzelheiten zu erkennen. Sie steigen die Rampe hinab, bewegen sich auf den Autofahrer zu, umringen ihn. Es muss mindestens ein halbes Dutzend sein. Der Zinnsoldat rührt sich nicht, scheint starr vor Grauen. Oder sorgen sie dafür, dass er sich nicht bewegen kann?

 

Ruckartig hebt eines der Wesen den missgestalteten Kopf. Ich bilde mir ein, große schwarze Augen zu sehen, die in meine Richtung blicken – aber das kann natürlich nicht sein. Seine Sehorgane müssten riesig sein, um sie von hier aus erkennen zu können …

 

Wie eine Lohe fährt mir plötzlich ein sengend scharfer Schmerz ins Gehirn, so übergangslos wie ein heimtückischer Stoß in den Rücken, so brutal wie eine Messerattacke. Ich sinke ächzend auf die Knie, presse meine Schläfen mit beiden Händen zusammen, aus Angst, mir könne jeden Moment der Schädel bersten. Ein Feuerwerk aus weißen Sternen explodiert hinter meinen Lidern, grelle Funken zerstieben zu einem gleißenden Schauer aus tanzenden Partikel Fetzen … aufgewirbelte Staubwolken … Myriaden von Irrlichtern im nächtlichen Wald …!

 

Dumpfe Schwärze legt sich auf mein Bewusstsein wie eine erstickende Wolldecke, löscht die Flammen weiß glühender Qual und mit ihnen … alles … andere … auch …

  

Ein Hämmern. Laut. Fordernd. Der Schmerz, der abermals Einlass in mein Bewusstsein begehrt? Wie ein Nebelfetzen geistert der wirre Gedanke über das ölige, schwarze Meer, in dessen Tiefen mein Geist ruht wie der aufgedunsene Leichnam eines Ertrunkenen, hin und her wogend im Klammergriff bleicher Algen … Ich will nicht mehr zur Oberfläche … Es ist so friedlich hier unten … Wenn da nur nicht dieses lästige Geräusch wäre …

 

Wieder und wieder dröhnen die Schläge; Erschütterungen, durch die sich die glitschigen Tangfinger von meinem Bewusstsein lösen, es nach oben treiben lassen, in Richtung des Lärms...

 

Blinzelnd öffne ich die Augen. Die Deckenleuchte schwebt über mir wie ein Mond, dessen helles Rund sich in kreiselnde Spiralen auflöst, als ich den Kopf hebe. Mir schwindelt. Stöhnend lasse ich mich wieder zurücksinken, konzentriere mich auf meine Sinneseindrücke, um wieder in der Wirklichkeit Fuß zu fassen, der Anblick meines Wohnzimmers aus dieser ungewohnten Perspektive. Der raue Teppichflor unter meinen Händen. Der schwache Geruch nach staubiger Wolle, der aus den abgewetzten Fasern zu mir aufsteigt. Und dieses entnervende Hämmern, als … Ja, als klopfe jemand immer wieder an die Tür!

 

Etwas ist passiert, bevor ich ohnmächtig wurde. Etwas …, beunruhigendes … Aber was?! Ein schwarzes Loch klafft in meinem Gedächtnis. Wenn ich versuche, meine Gedanken darauf zu fokussieren, saugt es sie an wie ein Mahlstrom. Dazu dieses entsetzliche Klopfen … Wer ist da draußen? Was will er von mir, dass er so beharrlich gegen meine Tür schlägt? Warum gibt er nicht einfach auf und zieht seines Weges? Geh weg, fleht etwas in mir. Lass mich in Ruhe …

 

Mühsam richte ich mich auf. Meine alten Knochen protestieren, als ich mich ächzend am Fensterbrett hochziehe und nach draußen spähe. Wie schwarzes Samt liegt die Dunkelheit über den Hügeln. Wolken verdecken das narbige Gesicht des Mondes. War da nicht etwas … neben der Straße …

 

Der rote Faden meines Gedankengangs verschwindet in jenem schwarzen Loch, wird in die Tiefe gesogen, und ich schüttle verwirrt den Kopf. Wieder ein dröhnender Schlag gegen die Eingangstür. Wer auch immer dort draußen steht, er wird nicht verschwinden, bis … bis was? Ich muss nachsehen.

 

Schlurfend setze ich mich in Bewegung. Nur widerwillig scheinen mir meine Füße zu gehorchen, heben sich kaum vom Boden, als wüsste mein Körper mehr als mein Verstand, wehre sich instinktiv dagegen, der Quelle des Lärms näherzukommen. Immer heftiger hämmert der Unbekannte gegen das Holz.

 

Wumm … Wumm! … WUMM!

 

„Ja, ja, ich komme ja schon“, will ich rufen, doch nur ein krächzendes Flüstern dringt aus meiner trockenen Kehle. Mein Herz pocht so stark in meiner Brust, dass sein Pulsieren wie das Echo jener donnernden Schläge anmutet.

 

Da war etwas … ein Licht … Einen kurzen Moment zuckt etwas in meiner Erinnerung auf, doch das nächste Wummern vertreibt den Gedankenblitz wie ein Gewehrschuss scheues Wild. Jetzt bin ich direkt vor der Haustür. Wer immer dort in der Finsternis steht, nun trennt uns nur noch eine wenige Zentimeter dicke Schicht aus Eichenholz.

 

Ich fahre zusammen wie unter einem Stromstoß, als der nächste Schlag gegen das Türblatt kracht. Herr im Himmel steh mir bei! Zitternd drücke ich mein Auge an den Spion. In diesem Moment lässt der Mond seine Wolkenlarve sinken und taucht die Welt in silbriges Licht. Ich blicke auf dunkles Haar, dessen schnurgerader Mittelscheitel ein gutes Stück unterhalb des Gucklochs verläuft. Die Erkenntnis trifft mich wie ein Fausthieb: Ein Kind steht da draußen!

 

Reflexartig wandern meine Finger zur Türkette. Ein Kind allein in der Nacht … Der Mutterinstinkt ist ein mächtiger Trieb, selbst in einer alten Jungfer wie mir. Doch dann halte ich inne. Diese rohe Gewalt der hämmernden Schläge, als wolle der Anklopfende die Tür aus den Angeln brechen … Wie könnte ein Kind diese Kraft aufbringen? Nun ist das Geräusch verstummt. Vielleicht hat das Kind meine Schritte gehört. Oder es spürt meine Nähe …

 

 

Ich lasse meine Hand wieder sinken, spähe abermals nach draußen. Die Kleine – sie trägt ein helles Kleid, mit dessen Saum der Wind spielt – hält den Kopf gesenkt. Stocksteif steht sie auf der Schwelle und wartet – lauert? –, dass ich ihr öffne. Ein harter, eisiger Klumpen hat sich in meinem Magen gebildet. Was soll ich tun? Irgendein dumpfer archaischer Urinstinkt in meinem Inneren ist aus seinem Dornröschenschlaf er-wacht und warnt mich ein-dringlich davor, das Mädchen hereinzulassen. Aber …., ich kann doch ein Kind nicht einfach in der Finsternis stehen lassen! Was, wenn die Kleine Hilfe braucht?!

 

Und natürlich braucht sie die. Weshalb sonst sollte ein kleines Mädchen nachts bei einer Fremden an die Tür hämmern, als seien alle Schrecken der Hölle hinter ihr her? Hier, an diesem gottverlassenen Flecken im Nirgendwo.

 

Vage erinnere ich mich an ein silbergraues Auto auf der einsamen Landstraße im Tal. Ein Unfall? Hat sich die Kleine den ganzen Weg den Hügel herauf geschleppt, um Hilfe zu holen, und ich stehe hier – bebend in kindischer Furcht – und weigere mich, ihr die Tür aufzumachen?! Vielleicht ist sie verletzt …

 

Die Logik meiner Schlussfolgerungen verlangt nach sofortigem Handeln, doch noch immer verharre ich regungslos, das Auge gegen die Linse gepresst. Wie eine gottverdammte Salzsäule steht sie da. Wenn sie sich doch nur bewegen würde, nur ein einziges Mal … Es ist doch nicht normal, dass ein Mensch so still dasteht. Unnatürlich, wabert es durch mein Hirn, unmenschlich …

 

Ich muss schlucken. Panik wallt in meiner Brust empor, legt sich um mein Herz wie eine kalte Eisenfaust. Gleichzeitig lodert heiße Scham in mir. Jetzt benimm dich doch nicht wie eine senile Alte, die vor ihrem eigenen Schatten erschrickt!

 

Abermals kommt ein Windhauch auf, stärker diesmal, und lässt den Saum ihres Kleides flattern. Das gibt den Ausschlag – wie der sprichwörtliche Schmetterlingseffekt setzt dieses marginale Ereignis alles Folgende in Gang, ist der Auslöser einer Kette von Begebenheiten, deren Dynamik ich nicht überblicken kann, die aber nicht mehr aufzuhalten sind.

 

Ich werde dieses Kind nicht eine Sekunde länger in Wind und Kälte ausharren lassen, denke ich entschlossen, während ich die Kette löse und den Schlüssel im Schloss drehe. Zum Teufel mit meiner törichten Furcht! Meine Finger sind feucht, rutschen von der Klinke ab, doch dann umklammere ich sie mit aller Kraft und reiße die Tür auf.

 

Das dunkle Haar hängt ihr strähnig ins Gesicht und verdeckt ihre Züge. Sie ist vielleicht acht oder neun Jahre alt, womöglich auch jünger; es ist schwer, das Alter eines Kindes zu schätzen, wenn man selbst nie welche hatte. Schmächtig sieht sie aus und blass. Ihr schlichtes Kleid wirkt viel zu dünn, um ohne Jacke draußen unterwegs zu sein. Wenn die Sonne im Westen verblutet ist, wird es abends schon empfindlich kühl. Tragen kleine Mädchen heutzutage überhaupt noch solche knöchellangen Kleider?

 

„Darf ich reinkommen?“ Ihre Stimme ist so hohl wie ein Brunnenschacht. Ein Schauder kriecht mir das Rückgrat entlang.

     „Meine Eltern kommen bald und holen mich ab.“

„Ist alles in Ordnung mit dir?“, stoße ich hervor, abgehackte Silben, heiser und fremd.

 

Sie blickt auf. Allmächtiger! Ihre Augen sind so schwarz wie Teer. Weder Pupille noch Iris, nur eine einzige dunkel schimmernde Fläche ohne Weiß an den Rändern, wie Murmeln aus Obsidian.

  „Darf ich reinkommen?“, wiederholt sie mit dieser merkwürdig tonlosen Stimme, die mir durch Mark und Bein geht.

    „Bitte“, setzt sie hinzu und senkt wieder den Kopf.

 

Es muss eine optische Täuschung gewesen sein, ein Trugbild, geboren aus Mondlicht und Schatten. Oder vielleicht sind meine Augen doch nicht mehr so gut, wie ich mir immer einrede. Irgendwann werde ich hier oben sitzen, ein blinder Adler in seinem Nest.

 

Während draußen die Ratten gedeih’n …

 

Wo kam dieser Gedanke gerade her? Habe wirklich ich das gedacht? Ja, natürlich. Dieses alberne Lied spukt mir wieder durch den Sinn, das ist alles.

    „Es ist kalt hier draußen“, tönt es aus dem Mund des Mädchens wie aus dem Inneren einer Kathedrale.

     „Darf ich reinkommen?“

Tausend Fragen wirbeln durch meinen Verstand, doch kein Laut dringt mir über die Lippen. Meine Zunge klebt mir am Gaumen wie eine tote Schnecke. Reiß dich zusammen, ermahne ich mich. Es ist doch nur ein kleines Mädchen. Ich atme hörbar aus. Dann trete ich einen Schritt zurück und gebe den Eingang frei. Doch die Kleine rührt sich noch immer nicht.

Das Böse braucht stets eine Einladung …

Schluss!

 

    „Komm rein“, presse ich hervor, fast gegen meinen Willen. Meine Nackenhaare stellen sich auf, während das Mädchen an mir vorbei in den Flur tritt. Zielstrebig bewegt es sich aufs Wohnzimmer zu.

 

„Wie heißt du denn?“, löst sich endlich eine Frage aus dem wirren Knäuel, zu dem sich meine Synapsen verknotet zu haben scheinen.

Doch sie antwortet nicht, läuft einfach weiter. Im Wohnzimmer geht sie ans Fenster und blickt in die Dunkelheit hinaus. Ich verharre an der Zimmerschwelle. Unbehagen füllt mich aus wie brackiges Wasser eine Vase aus dünnem Porzellan. Jeden Moment, so fürchte ich, könnte die brüchige Hülle meiner Selbstbeherrschung in Scherben gehen und meine innere Spannung in Form eines gellenden Schreis aus mir heraus schwappen. Doch ich bleibe stumm. Es ist nur ein Kind, Himmelherrgott! Bloß ein kleines Mädchen in einem alten Kleid. Mit den Augen des Teufels …

 

Ich räuspere mich.

   „Wo kommst du denn eigentlich her? Wart ihr mit dem Auto unterwegs? Hattet ihr einen Unfall?“

     „Meine Eltern kommen bald und holen mich ab“, sagt sie wieder, als würde dieser Satz alles erklären, und starrt weiter durch die Scheibe nach draußen. Der Mond hat sein Antlitz erneut mit Wolken bedeckt. Sie wird kaum etwas erkennen können in der schwammigen Finsternis.

 

Womöglich ist die Kleine geistig zurückgeblieben, blitzt ein seltsam tröstlicher Gedanke in meiner wachsenden Beklemmung auf, Verzweiflung in Hoffnung gehüllt. Am besten wäre es, die Polizei zu informieren. Vielleicht hat es tatsächlich einen Unfall gegeben. Möglicherweise braucht jemand Hilfe. Oder das Mädchen ist einem Entführer entkommen und schwer traumatisiert. Das würde ihr eigenartiges Verhalten erklären. Unverantwortlich, in so einer Situation nicht die zuständigen Behörden zu informieren.

 

Als wüsste ich nicht, dass sich hinter diesen altruistischen Motiven bloß der dringende Wunsch verbirgt, mich von der Gegenwart dieses sonderbaren Kindes zu befreien, eile ich in die Küche zum Telefon. Während ich den Hörer ans Ohr hebe, weht abermals ein Erinnerungsfetzen durch mein Hirn wie trockenes Laub, das der Wind herumwirbelt. Ein Ding … und Wesen …, eines hat den Kopf gehoben und mich angesehen …

 

Aber im nächsten Moment ist das Bild wieder fort, von einer Bö gepackt und in den Rinnstein des Vergessens gefegt. Die Leitung ist tot. Ich bin allein mit dem Kind und keine Rettung in Sicht …

 

„Kann ich die Toilette benutzen?“

Ich fahre herum. Sie steht im Türrahmen, die Haare im Gesicht. Hat sich herangeschlichen wie eine Dschungelkatze …

 

Das Herz klopft mir bis zum Hals. Mechanisch nickend zeige ich den Flur hinunter. Sie dreht sich um, und während sie in Richtung Badezimmer davongeht – ihre Schritte verursachen kein Geräusch auf dem Läufer … –, lasse ich mich schwer auf einen Küchenstuhl sinken. Was ist nur los mit der Kleinen? Und was ist los mit mir? Etwas ist passiert, bevor ich ohnmächtig wurde, etwas Außergewöhnliches, das man nicht einfach so vergisst. Dieses Gefühl ist so stark in mir, dass es wie eine Flutwelle gegen den Deich meines Unterbewusstseins drückt. Doch die Barrikade hält stand, lässt keinen Tropfen Erkenntnis in mein Hirn sickern.

 

Wieder sehe ich das Mädchen vor mir, wie es zu mir aufgeschaut hat, mit Augen schwarz wie Pech. Wie zwei Fenster, durch die man ins kalte Herz der Finsternis blickt. Aber es war doch nur ein Schatten, der meine alten Augen getäuscht hat … oder nicht? Hysterie brandet in mir auf. Ich will dieses Kind aus dem Haus haben. Jetzt sofort!

 

Warum habe ich sie überhaupt hereingelassen? War das eine bewusste Entscheidung oder doch eher eine Art innerer Zwang? Ein perverser Trieb, der einen immer näher an den Abgrund treibt, uns drängt, den Blick in die Tiefe zu richten, obwohl uns schwindelt und wir wissen, dass uns der nächste Schritt in ein felsiges Grab stürzen lassen wird. Adler sterben, und die Ratten gedeih’n …

 

Immer wieder dieses Lied! Ein nervtötender Ohrwurm, der sich in die Hirnwindungen schraubt und das Denken zernagt. Aber ist sie nicht wirklich wie eine Ratte hier eingedrungen? Hat sich arglistig Einlass erschlichen, mit ihrer vergeblichen Hilflosigkeit, ihrem ständig wiederholten „Darf ich reinkommen?“ – und jetzt habe ich sie im Haus, werde sie nicht mehr los. Wahrscheinlich ist das alles ein Trick, eine ausgeklügelte Masche, um leichtgläubige alte Damen auszunehmen. Bestimmt hat sie dafür gesorgt, dass das Telefon nicht mehr funktioniert! Oder ihre Komplizen …

 

    „Meine Eltern sind da.“

Schon wieder hat sie sich lautlos angepirscht wie ein Raubtier auf der Jagd. Ich spüre, wie sich winzige Schweißperlen über meiner Oberlippe bilden.

 

Wortlos tritt sie an mir vorbei ans Fenster. Ebenso wie das Wohnzimmer geht auch die Küche auf die Landstraße hinaus. Ich stehe auf, sehe hinter dem Mädchen durch die nachtblinde Scheibe. Und da springt es mich an wie eine tollwütige Bestie. Obwohl sie dem Fenster so nah ist, dass ihre Nasenspitze fast dagegen stößt, malt ihr Atem keine Wolken auf das Glas …, weil da kein Atem ist.

 

Im nächsten Moment überlagert ein größeres Grauen das Entsetzen, das bei dieser Erkenntnis mit kalten Klauen nach meinem Herzen greift, breitet sich in meiner Seele aus wie ein Flächenbrand. Unten auf dem Acker thront ein riesiges Gebilde aus Metall. Punktförmige Strahler verwandeln die Finsternis mit ihrem bleichen Pulsen in Standbildaufnahmen aus einem Science-Fiction-Film. Inmitten des Dings klafft ein schwarzes Loch wie ein hungriges Maul, und ein halbes Dutzend deformierter Gestalten strömt daraus hervor …

    „Meine Eltern“, sagt das Mädchen und wendet sich langsam zu mir um.

 

Seine Lippen verziehen sich zu einem hässlichen Grinsen, während sich mein Gesicht in seelenlosen schwarzen Augen spiegelt …

 

 

 

 

 

ENDE

 


Melanie Kleinschmidt

 

Als noch Schülerin habe ich mich – was meine berufliche Ausrichtung anbelangt, noch nicht festgelegt, doch im weitesten Sinne möchte ich mich dafür einsetzen, hilfebedürftige Menschen zu unter-stützen. Möglichkeiten dafür sehe ich im politischen als auch im psychologischen Bereich. Meine christliche Weltanschau-ung begreift als oberstes Ziel, ein geordnetes, erfülltes Leben und dabei andern Menschen Hilfe anzubieten. Nach der Schulzeit werde ich sehen, inwieweit sich meine Pläne in die Praxis umsetzen lassen. Zurzeit sind meine Schwerpunkte lesen und schreiben. Ebenso treffe ich mich gerne mit Freunden zum Diskutieren und arbeite sehr gerne im Garten. In der Schule sind Englisch und Religion meine favorisierten Fächer.

 

 

HARRISON UND JULIA

(Urheberrechte & Copyrights © by Melanie Kleinschmidt)

 

Julia Smith war auf dem Weg in den St. James Park am Buckingham Palace. In ihrer Hand trug sie ihr Notizbuch. Ihr abgewetztes rotes Notizbuch mit dem verschlissenen roten Ledereinband, welches sie überall mithin nahm, falls etwas passieren würde, was sie in ihren Roman, der nie fertig werden würde, aufnehmen könnte. Sie setzte sich auf eine Bank unter einem Apfelbaum, schlug die Beine übereinander und beobachtete die Eichhörnchen. Es war neblig, eigentlich kein Wetter um sich in den Park zu setzten, doch das war Julia egal. An solchen nasskalten Regentagen, wie es sie hier in London viele gab, kamen ihr immer die besten Ideen zum Schreiben. Also kaute sie an ihrem ausgeblichenen Werbekugelschreiber und blieb geduldig sitzen. Irgendetwas würde heute schon noch passieren. Sie hob den Kopf, als sie die Anwesenheit einer Person neben sich spürte. Sie wandte ihre smaragdgrünen Augen von den miteinander spielen-den Eichhörnchen ab und blickte nach oben, um zu sehen, wer da neben ihr stand.

 

„Hallo?", sagte sie. Es klang nicht unfreundlich, doch mehr wie eine Frage als eine Begrüßung. Sie musterte den mageren Mann mit dem Schütteren Haar, der teuren Business-Kleidung und dem durchgeweichten, dunkelblauen Trenchcoat.

    „Hallo", die Stimme, die aus seinem Mund, mit den schmalen, rissigen Lippen kam, klang ruhig, so als würde sie das erste Mal seit langem wieder mit jemandem sprechen und müsste erst einmal wieder in Fahrt kommen. Wie, wenn man nach einer langen Pause das erste Mal wieder Fahrrad fährt. 

    „Kann ich Ihnen helfen?” Julia neigte den Kopf leicht zur Seite, eine Angewohnheit, die immer dann auftrat, wenn sie nervös oder überrascht war. Es war ihr nicht unangenehm, im Gegenteil, doch sie wunderte sich. Sonst stellten sich nicht einfach irgendwelche fremden Leute zu ihr. Schon gar nicht bei so einem Wetter.

    „Ich brauchte Gesellschaft und Sie sehen auch aus, als wür-de Ihnen dies guttun". Einfach so, sagte er das, ohne Umschweife. Sie war sehr überrascht, doch nickte sie. In der Tat, Gesellschaft wäre schon ganz schön. Jemand der zuhört. 

    „Sind Sie zum ersten Mal hier, Sie klingen nicht, als würden Sie hier aus London kommen?”, fragte er und setzte sich neben sie auf die feuchte Bank, der Regen hatte inzwischen aufgehört. Julia war sich ihres schottischen Akzentes nicht allzu sehr bewusst. 

    „Ich bin vor Kurzem umgezogen, von Glasgow. Ich brauchte wieder Luft zum Atmen. Seitdem versuche ich ein Buch zu schreiben." 

 

Sie schluckte. Warum hatte sie das nun wieder gesagt? Ich brauche wieder Luft zum Atmen, wie peinlich. Bestimmt dachte er, der erfolgreiche Geschäftsmann mit dem teuren Parfüm, dass sie eine dieser durchgeknallten Altjungfern war, die nichts Besseres zu tun hatte, als irgendwie vor sich hin zu leben, und das Geld ihrer Eltern auszugeben. Zugegeben stimmte der Teil mit der Altjungfer, aber das musste dieser wildfremde Kerl ja nicht wissen. „Mit Erfolg?" Falls er sich über sie lustig machte oder erhaben war, konnte man das am Tonfall seiner Stimme oder dem Gesichtsausdruck nicht erkennen. Er wirkte eher interessiert. 

  „Nun ja, das nicht gerade, aber ich möchte einfach etwas schreiben, was die Menschen im tiefsten Inneren berührt. Verstehen Sie?" Warum erzählte sie ihm das eigentlich wieder? Vielleicht, weil ihr sonst niemand zuhörte. Also wenn er jetzt nicht weggeht hat er entweder selbst einen an der Klatsche oder ist genauso einsam wie ich. Weit gefehlt. 

   „Ja, ich verstehe. Sie wollen etwas kreieren, was bisher noch niemandem gelungen ist und das ist gut so. Man sollte etwas schreiben, worin man sich wiedererkennt und nicht etwas, was allen Leuten gefällt. Wenn es polarisiert, dann ist es gut". 

 

Seine grauen Augen musterten ihre grünen intensiv, er sah sie ernst an. Sie sah ihn überrascht an. Ihr fiel vor lauter Staunen erstmal nur ein zu fragen,

   „wie heißen sie eigentlich?" Seltsamerweise fiel ihr erst auf, dass sie die ganze Zeit geredet hatten, ohne sich ihre Namen zu nennen, als sie diese Frage stellte. Wahrscheinlich war sie zu fasziniert von seinen Worten gewesen, zu beschäftigt, über das Gesprochene nachzudenken, um sich um solche Kleinigkeiten, wie seinen Namen Gedanken zu machen. 

   „Harrison Baker". Seine Augen ließen ihre nicht los. 

„Oh, ein schöner Name". Was sollte sie auch sonst dazu sagen? 

   „Das nun nicht gerade, aber er ist nicht besser oder schlechter als jeder andere Name auch". Schon wieder war sie sprachlos. Er hatte sich weder bedankt, noch nach ihrem Namen gefragt. Nicht, dass sie das sonderlich gestört hätte, sie selbst hielt wenig von aufgesetzter Höflichkeit, doch etwas irritiert war sie schon. 

   „Ich bin Julia Smith", erwiderte sie und zupfte an ihrem schäbigen, roten Mantel herum.

   „Ein interessanter Name für die vergessene Sehnsucht". 

 

Sie sah ihn erst verstört an und lachte laut auf. Es hätte wahrscheinlich albern geklungen, aus dem Mund eines anderen, wie ein Satz, den jemand sagt, der besonders schlau oder romantisch wirken möchte, doch wie er das sagte, er, Harrison Baker, so ernst und beinahe feierlich, hatte es irgendwie Charme.

   "Harrison Baker ist ein interessanter Name für den versteckten Zynismus", gab sie zurück. Er lachte. Es klang kurz und angenehm in ihren Ohren. Ganz anders als ihr ungehaltenes Kichern eben. Überhaupt schienen diese beiden Menschen,  Harrison und Julia, gegenteiliger nicht sein zu können.

 

Ja, sie beide waren ganz verschieden: Julia im schäbigen roten Mantel, wirren Haaren, auffälligem Schmuck, eine Seele der  vergessenen Sehnsucht, einem Hauch heruntergekommenen Charme und Harrison im schlichten, aber dennoch ordentlichen Anzug, mit Krawatte und frisch rasiert. 

 

Während sie wie eine Elfe oder Fee aus einem weit entfernten Fantasie-Land oder eine wilde Künstlerin wirkte, hätte man Harrison auch gut auf irgendeiner Titelseite eines Business Magazins sehen können. Sie plauderten noch eine Weile, über das Leben, für Julia die Inspiration für alles, für Harrison der tägliche Wahnsinn. Über die Gesellschaft, Julia meinte, man müsse etwas ändern, Harrison hatte sich damit abgefunden und die Liebe, die für beide so unerreichbar fern und jetzt, nebeneinandersitzend, ein Stück nähergekommen war. Nicht nur in ihrem Aussehen, auch in den Aussagen und Ansichten hätten sie unterschiedlicher nicht sein können. Trotzdem hielt sie das nicht davon ab, sich zu amüsieren und einander zuzuhören. Ihre Konversation war weder langweilig noch einseitig und sie saßen eine ganze Weile so, Harrison mit übereinander geschlagenen Beinen, den linken Arm auf der Banklehne ruhend, Julia im Schneidersitz, ihr Notizbuch auf den Knien. Sie notierte einige Dinge, die Harrison sagte und machte sich Notizen. Vielleicht könnte der heutige Tag in ihr Buch einfließen. Plötzlich fing es an zu regnen, erst leicht, dann immer stärker. Julia spürte, dass ihr Haar nass wurde und überlegte, ob es unhöflich war, einfach aufzustehen und zu gehen. Harrison, ebenfalls etwas durchnässt, nahm ihr die Entscheidung ab. Er erhob sich, streckte einen Arm nach ihr aus und wie ganz selbstverständlich gingen sie Arm in Arm durch den strömenden Regen in das nächstgelegene Café.

 

*** 

 

"Er erhob sich, streckte einen Arm nach ihr aus und wie ganz selbstverständlich gingen sie Arm in Arm durch den strömenden Regen in das nächstgelegene Café, wie klingt das?", fragte Julia, als sie, einige Wochen später, Arm in Arm durch die schwach beleuchtete Hendon Street schlenderten. Es war schon spät, Julia hatte Harrison vor einigen Minuten aus dem Büro abgeholt und sie wollten nun noch zum Abendessen gehen. Seit dem Kennenlernen vor einigen Wochen war alles ganz schnell gegangen.

 

Weitere Treffen, das Zusammenkommen, Julias Einzug bei Harrison. Die beiden waren frisch verliebt, auf Wolke 7. Keiner der beiden hätte wohl gedacht, dass so etwas noch einmal möglich sein würde. Harrison nickte lächelnd, „es klingt gut". Er hatte sich verändert, seitdem er Julia kennengelernt hatte. Er war offener geworden, freundlicher. Seitdem Julia da war, war das Leben bunter und abenteuerlicher, es gab seitdem nicht immer nur die Arbeit.

   „Das klingt nicht sehr überzeugend", lachte Julia und machte sich Notizen in ihrem Notizbuch. Auch sie war anders geworden. Sie glaubte wieder an sich und an ihr Buch, die Sehnsucht schien noch nicht ganz verloren. Seit dem Vorfall mit Harrison schrieb sie beinahe ununterbrochen und wollte ihr Werk, wenn es fertig war (wann auch immer das sein würde) bei einem Verlag einreichen. Anderen Menschen, die wie sie, fast die Hoffnung aufgegeben hatten, Mut machen, das war ihr Ziel mit diesem Buch. „Es klingt gut, Julia, aber dein Roman sollte doch irgendwann auch mal fertig werden, oder?", antwortete Harrison pragmatisch. Ganz verändert hatte er sich dann doch nicht.

   „Er hat doch gerade erst angefangen. Die beiden sollen noch so viel erleben!" Sie breitete die Arme aus und drehte sich auf der menschenleeren Straße um sich selbst, wie um ihren Worten mehr Ausdruck zu verleihen.

   „Was denn zum Beispiel?" Harrison sah sie lächelnd an. „Das!" Julia ging langsam auf ihn zu, zog ihn bei den Schultern zu sich hinunter und küsste ihn. Es hatte für beide etwas Befreiendes, endlich waren sie angekommen, es war für Harrison und Julia ein Neuanfang, der Versuch noch einmal neu zu leben. 

 

Wenn Harrison heute an diesen Tag dachte, er schien so weit weg und doch fühlte es sich wie gestern an. Sie, Julia und er waren die glücklichsten Menschen auf der ganzen Welt gewesen, nichts konnte sie aufhalten, außer dieser eine Abend. Er konnte sich noch genau an diesen Tag erinnern. Es war ein Freitag gewesen. Heute hatte er lange arbeiten müssen, und Julia hatte ihre Vorladung bei einem Verlag, der tatsächlich Interesse an ihrem, endlich fertig gewordenen Werk bekundet hatte.

 

Wenn er daran zurückdachte, hörte er noch ihre ent- husiastische Stimme in seinen Ohren.

   „Harrison, es klappt, es klappt! Endlich! Ich komme jetzt nach Hause und dann feiern wir! Endlich interessiert sich jemand für unsere Geschichte!” Unsere Geschichte.

 

Julias Mini hatte es gerade noch wenige Kilometer auf die Landstraße geschafft, als ein anderes Auto, ein schwarzer Ford mit einem betrunkenen Fahrer, sie mit über 120 Meilen pro Stunde Fahrgeschwindigkeit von der Landstraße hinab und gegen eine Brücke geschleudert hatte. Sie war beinahe direkt nach dem Unfall tot gewesen und hatte es nicht einmal lebend ins Krankenhaus geschafft. Er hatte es nicht glauben können. Zum ersten Mal hatte er Vertrauen in die Liebe und das Leben gefasst und dann schaffte es ein Unfall, der nur wenige Sekunden dauerte, ihre Liebe, ja LIEBE zu zerstören. Noch nie war Harrison so wütend, enttäuscht und verletzt gewesen. Seit diesem Tag war er nicht mehr der Alte. Er kündigte seinen Job und zog an das andere Ende von England. Hier in London hielten ihn keine zehn Pferde mehr. Der Anblick der Straßen, in denen er mit Julia entlang spaziert war.

 

Die Cafés, in denen sie Stunden hitzig diskutierend und debattierend verbracht hatten, vergrößerten nur noch mehr das schwarze, riesige Loch, in das er, nach dem Tod seiner geliebten Julia gefallen war. 

 

Nach diesem grausamen Ereignis war das Leben für ihn nicht mehr lebenswert. Er hörte auf sich zu waschen und zu rasieren, er ging nicht mehr raus, er aß nicht mehr richtig. Es gab keinen Tag, an dem er sich nicht wünschte, endlich weg von dieser grausamen, ungerechten Welt und wieder bei Julia zu sein. Alles war ihm egal geworden. Oft wünschte er sich, der Ford hätte ihn überfahren und Julia verschont. Dann wachte er mitten in der Nacht, schweiß-gebadet und von Schuldgefühlen geplagt auf und konnte nicht mehr einschlafen. Er fing mit dem Trinken an, um sich aus der grauen Realität zu flüchten. Mit seiner Gesundheit ging es von da an endgültig bergab. Zuerst waren es nur kleinere Beschwerden, doch irgendwann spürte er, dass seine Leber dem hemmungslosen Trinken nicht mehr gewachsen war. Er spürte das Ende immer deutlicher kommen. Als man seine verbleibenden Tage beinahe nur noch an einer Hand abzählen konnte, und selbst der Doktor keine Hoffnung mehr sah, machte er sich auf die erste und letzte richtige Reise in seinem Leben. Nach London. Für Julia. Er wollte die Erinnerung an sie und ihren Geist noch ein letztes Mal aufleben lassen. 

 

Auf dem Friedhof in Soho war es ruhig und friedlich. Zur Feier des Tages hatte Harrison den alten Anzug, den er bei ihrer ersten Begegnung getragen hatte, heraus gekramt, sich rasiert und gewaschen. Zwar war es ihm nicht gerade leichtgefallen, doch der Gedanke, seiner ersten und letzten großen Liebe noch einmal Lebewohl zu sagen, hatte ihn aus dem Bett steigen und den Zug nach London nehmen lassen. Mit einem Auto, besonders mit Fords, wollte er nie wieder im Leben fahren oder gefahren werden. Zu allem Überfluss schien heute auch noch die Sonne. Welch eine Ironie, dachte Harrison verbittert, als er sich auf den Weg durch die Reihen der Grabsteine machte. Da, ganz hinten, neben einer Bank unter einem Apfelbaum lag sie begraben. Es war ein kleiner Stein, schmucklos, lediglich ihr Name, Geburts- und Sterbedatum standen darauf. Keine Blumen oder Kerzen, nur Unkraut und Moos. Sie hatte keine Verwandten, die sich um ihr Grab gekümmert hätten und so war es in den Monaten und Jahren mehr und mehr der Zeit zum Opfer gefallen. Harrison legte den Strauß roter Rosen, den er bei der Blumenhandlung um die Ecke gekauft hatte, auf den Grabstein. Rosen waren ihre Lieblingsblumen gewesen. Hatte ihr Parfüm nicht auch immer so süß nach Rosen gerochen? Plötzlich wollte er nur noch weg. Die Sonne brannte viel zu heiß, die Vögel zwitscherten zu laut, es fühlte sich einfach alles falsch an. Zu fröhlich. Zu friedlich. Die Welt lachte, doch er konnte nicht mit ihr lachen. Er richtete sich wieder auf und blickte geradeaus in Richtung der Kapelle, in der die Trauerfeiern abgehalten wurden.

 

Das goldene Kreuz auf dem Dach schien die Sonne zu reflektieren, das Licht bündelte sich an einem bestimmten Punkt und strahlte grell goldgelb. Er drehte sich auf dem Absatz um. Vielleicht war es von Anfang an seine Bestimmung gewesen, nicht glücklich zu sein. Vielleicht war das Leben langfristig nicht auf Glückseligkeit und die wahre Liebe ausgerichtet, wie ein Fisch, den man mit den Händen fangen möchte. Vielleicht spürt man seine schuppige Haut für den Bruchteil einer Sekunde zwischen den Fingern, doch immer dann, wenn man denkt, man hat ihn gefangen, ist er doch zu schnell. Er würde es wohl nie erfahren. Harrison lief auf das schmiedeeiserne Eingangstor zu.

 

Die Vögel zwitscherten und die Bäume raschelten, dieser Tag war wunderschön und brannte doch auf der Haut.  Die Bäume spendeten Schatten, es war angenehm zu laufen, eigentlich. Harrison griff sich in die Jackentasche, holte ein Päckchen Zigaretten heraus und zündete sich eine an. Während er den Rauch in die Atmosphäre blies, überlegte er, ob er das alles vielleicht nur geträumt hatte.  

 

 

ENDE

 

 

 


Das Säugetier Mensch, das sich selbst als unersetzlich glaubt, mitunter sich sogar selbst so darstellt, besitzt Eigenschaften, die sind sogar für abgebrühte dieser speziellen Spezies suspekt. Zum Glück gibt es gute Beobachter, die diese Krankheits-bilder des Homo sapiens mitunter schonungslos aufzeigen, benennen und ans Licht zerren. Lesen Sie hier vom Experten, womit zum Beispiel die Krankheit der Gaffer, noch echt übertroffen wird und daraus sogar noch ein Geschäft entsteht! (Kommentar von Pauli Esposito, der hier einen satirischen Gruß an Bernhard Horwatitsch übermittelt!)

Geschäftssinn

(Urheberrechte und Copyrights © by Bernhard Horwatisch)

 

 

„Verstehns”, sagte Humpinger energisch zu dem Journalisten. „Da hab’ ich doch eine Infrastruktur. Die Leut’ die bei mir buchen, die spenden auch gleichzeitig und ich finanzier’ mit meinem Geschäft die Aufräumarbeiten.” Humpinger rieb sich die Hände. „Organisierte Gaffer, verstehns, davon hab’n die Leut’ was.”

 

„Aber”, wollte der Journalist widersprechen.

    „Nix aber”, sagte Humpinger, griff nach dem klingelnden Telefon.

„Katastrophen Humpinger und Co, Grüß Gott”, sagte Humpinger, lächelte und nickte dem Journalisten zu. „Für Prag?”, sagte Humpinger, klickte die Maus mehrere Male. „Ja, aber pauschal geht da nichts mehr, nur noch im Spezialhubschrauber, Übernachtung etwas außerhalb, verstehns, die Turnhallen sind total überfüllt.” Humpinger schüttelte den Kopf. „Nein, leider, die tschechischen Behörden, verstehns. Aber ja. Katastrophenraving. Wir haben noch Schlauchboote – Vier Mann Besatzung pro Boot – ohne Führer.” Humpinger legte auf. „Sakrisch”, sagte er. „Die Moldau - hätt’ nie gedacht, dass des Bacherl so anschwellen könnte.”

 

Der Journalist wollte wissen, was so etwas koste, das sei doch sehr teuer, so etwas finanziere sich doch nicht so einfach.

   „Die Anschaffungen, verstehns”, sagte Humpinger, wischte sich mit einem Tuch den Schweiß von der Stirn. „Natürlich, die Anschaffungen, aber wenn Sie erst einmal alles haben und genügend passiert, dann sind Sie auch amortisiert. Ganz klar.”

 

Humpinger schenkte Kaffee ein, bot dem Journalisten auch einen an.

   „Aber das ist das Risiko, dass was passiern muss. Jetzt, und man muss schnell sein, so schnell wie Sie. Verstehns. Vor Ort quasi. Zack, kaum is’ was passiert, schon könnens buchen beim Humpinger. Zweitausend eins: Ground Zero. War super. Verstehns. Weil ja die Touristen auf nix verzichten mussten, und des ging zwei Monate locker auf Hochtouren.”

 

   Wieder klingelte das Telefon. „Well, we have a good price for you, Passau, well, in the City, yes, big risk, high and deep water in the city - yes, look at our journal”, sagte Humpinger, wendete sich wieder seinem PC zu.

   „Organisation ist alles, verstehns”, sagte Humpinger zum Journalisten. „Und Beziehungen. Ich kenn viele Piloten, die schlecken sich die Finger ab, wenns einmal über einen kalifornischen Waldbrand fliegen dürfen.”

 

Er kenne beinahe in jedem Land der Erde irgendwelche Verwal-tungsbeamte, beantwortete Humpinger eine Frage des Journalisten, ob es nicht Probleme mit der Verwaltung oder der Polizei gäbe. „A bisserl schmiern müssens schon. Verstehns.” Humpinger grinste wissend. Wieder klingelte ein Telefon, diesmal hatte es einen anderen Ton, einen schärferen. Humpinger hob einen roten Hörer ab. „Ja sicher”, sagte er,

    „selbstverständlich, keine Frage, das geht in Ordnung.” Dabei nickte Humpinger immerzu, blickte sehr ernst. Humpinger verdeckte mit einer Hand den unteren Teil des Hörers. „Der Ministerpräsident”, flüsterte er zu dem Journalisten. „Das sind die besonderen Geschäfte”, sagte Humpinger, als er aufgelegt hatte. Er, Humpinger, habe extra einen Sicherheitsdienst in Lohn für solche Fälle. „Begleitschutz, verstehns”, sagte er, blickte gleichzeitig auf die Uhr, wischte sich mit seinem grünen Taschentuch erneut den Schweiß von der Stirn.

 

„Kriegsgebiete?” Humpinger sah den Journalisten durchdringend an.

    „Aber keine Pauschale, verstehns. Des kann man nicht versichern. Neulich sind mir in Afghanistan zwei meiner besten Kunden...verstehns.” Humpinger fuhr sich mit der Handkante über den Hals, rollte die Augäpfel. Dann lächelte er. „Ich biete Risikourlaub”, sagte er. „Und im Grunde.” Humpinger machte eine lange Sprechpause. „Im Grunde verstehns, des mag brutal klingen. Aber, wenn’s nicht zu Viele sind. Ein paar tote Touristen, das ist schon wieder Werbung. Verstehns.”

 

Aus dem Faxgerät kam pfeifend ein Papierstreifen. Humpinger drehte sich, sah auf das Papier. „Dresden”, sagte er vor sich hin, schüttelte den Kopf. „Ausgebucht.” Humpinger sah zum Journalisten, hielt das Blatt hoch. „Schon ausgebucht, verstehns.” In Dresden, meinte er, säßen schon fast tausend Katastrophentouristen, die mit Katastrophen Humpinger und Co unterwegs seien. Tausend, nur in Dresden. In ganz Sachsen sei es schon die vierfache Menge. „Verstehns. In Bitterfeld, in Meissen, überall wo’s Wasser gibt.” Humpinger lachte. „Stellens sich vor, in Bitterfeld, der Damm hält nicht, das Chemiewerk, es macht wumm, die Katastrophe: mein Geschäft.”

 

Das Telefon klingelte wieder. „Regensburg, für die Familie. Ist auch spannend. Steigt der Pegel, hält der Damm vor der Altstadt, oder hält er nicht? Würde ich Ihnen sehr empfehlen. Gibt auch noch Unterkünfte in der Stadt. Wenn es Katastrophenalarm gibt in Regensburg, sind Sie mit Ihrer Familie live dabei, wenn das kein Urlaubserlebnis ist. Eine Woche? Gerne. Für vier Personen.”

 

Humpinger sah den Journalisten wieder durchdringend an, beugte sich zu ihm vor. „Wenn er bricht, der Damm”, sagte er mit leiser Stimme, „wenn er bricht, dann läuft mein Telefon heiß, dann wollens alle nach Regensburg. Glaubens mir, so eine nasse Stadt, Land unter, in Bayern, in Sachsen, in Böhmen, in Österreich. Wenns so weitergeht kann ich dieses Jahr noch an die Börse.” Humpinger blickte zur Decke, als sei dort ein Himmel. „Leider hält das Wetter nicht, verstehns. Hört auf zu regnen. Die Regenwolken ziehen in den Kaukasus. Aber wer will schon zum Kaukasus? Der ganze Osten ist doch eine Dauerkatastrophe. Außerdem hab ich da kaum Infrastruktur. Dieses Kauderwelsch, das die da sprechen. Verstehns.”

 

Die Tür ging auf, eine Frau kam hereingestürmt. „Ah, Susi, endlich”, sagte Humpinger. „Hams noch Fragen, fragens ruhig, aber jetzt muss ich. Frl. Susi wird Ihnen gerne weiter helfen.”

 

„Hast die aktuellen Pegelstände?”, fragte Humpinger Susi. Die nickte, drückte ihm einen Zettel in die Hand. „Die Moldau steigt weiter”, rief Humpinger, war schon zur Hälfte aus dem Büro, drehte sich noch mal um. „Da ersaufens in ihren eigenen Häusern, da kann man vom Hubschrauber aus zuschaun.” Dann ging er raus, kehrte aber noch einmal zurück. „Ihr Journalisten”, rief er zur Tür herein. „Der Humpinger hat schon eine Sightseeingtour zusammengestellt, da habt’s ihr von der Presse noch nicht einmal einen Kameramann aufgetrieben. So schnell ist Katastrophen Humpinger und Co, schreibens des in ihrem Blattl”, drehte sich wieder um, kam aber nochmals zurück: „Ich”, sagte er, zeigte mit dem Finger auf den Journalisten, „ich tu’ wenigstens was für die Leut’”, machte kehrt und knallte die Tür ins Schloss, dass der Journalist zusammenzuckte.

 

 

 

 

ENDE

 

 


Jana von Fellenberg

 

lässt uns Interessanterweise wissen, dass sie zu Beginn ihre „Gedankenspinnerei“ in kitschig-verzierte Notizbüchlein hinein kritzelte und sogar jedem einzelnen einen Namen gab. Menschennamen, als wären es ihre Freunde, denen sie ihre Gedanken anvertraute.

 

Obschon heutzutage der Laptop das Papier abgelöst hat, schwelgt sie noch immer gerne in Erinnerungen an ihre ersten Wagnisse des Schreibens. Nach ihrem Berufswunsch gefragt, scheint sie ganz klare Vorstellungen zu haben und erprobt in einem „Vortrag ähnlichen Anfall“, unsere sozialwissenschaftlichen Kenntnisse! Abschließend meint sie betont ….., „egal, jedenfalls irgendetwas mit Menschen.“ Sie ist auf der Zielgeraden der Schule, lebt in Basel, wo ihr, was die Bildung anbelangt, alle Türen offenstehen. Wir freuen uns besonders, unseren Leserinnen und Lesern Janas Aufsatz ABGELEBT vorstellen zu dürfen. Sie beweist damit nicht nur ihr literarisches Talent, sondern einen bereits bewundernswerten, persönlichen Reifegrad. Gute Unterhaltung.

 

 

ABGELEBT (Aufsatz)

(Urheberrechte & Copyrights © by Jana von Fellenberg)

 

Ich bereue gar nichts. Nicht, als ich Asher eine reingehauen habe und ich diesen ekelhaften Knacks gehört habe, der seit zwei Tagen repetitiv in meinem Kopf spielt. Ich sehe das fast purpurfarbene Blut auf meiner ansonsten so blassen Hand. War es seins oder meins? Ich weiß es nicht mehr. Er hätte auf keinen Fall meinen Bruder erwähnen dürfen. Es war, als hätte ich einen unsichtbaren, dicken Vorhang um mich gehabt, bei dem ich weder etwas sehen, hören, noch fühlen konnte außer heißer und rasender Wut. Ich habe ihm die Nase gebrochen, haben sie gesagt. Die anderen. Meine Mitschüler, die Lehrer, die sich jetzt zum Ziel genommen haben, mein Leben durch gespickte Bemerkungen zur Hölle zu machen. Ich sehe alles und höre alles, dumm bin ich nicht. Die abschätzigen Blicke, der spöttische Tonfall. Teilweise höre ich auch ungewollt Besorgnis und ein Hauch von Unglauben schwingt immer mit.

 

Die Einzelgängerin, Ava, hat ihm eine reingehauen. Wer weiß, was als Nächstes kommt….. Quiet Kid-Syndrom. Sehr witzig. In diesen Momenten, in denen die Leute mit vorgehaltener Hand reden, zähle ich die Spinde im Gang. Blaue, beklebte, und solche, die so aussehen, als würden sie immer zu gekickt, ihnen wird keine besondere Beachtung geschenkt. Weiter zähle ich, zwanzig, dreißig, hundertvierzig… Das sind die guten Momente. In den schlechten Momenten bin ich destruktiv, wie sie es nennen. Das habe ich einmal im Internet nachgeschaut, meine Informationsquelle für alle möglichen und unmöglichen Dinge. Was wissen die anderen schon über mich?

 

Die meisten kennen nicht einmal meinen Namen, aber den meines Bruders, Adam, den kennen sie. Überall prangt sein Gesicht, mit diesem schwarzen Balken, und sein Name. A.L. nennen sie ihn. Der jüngste Selbstmordtote unserer Stadt. Wenn ich das höre, wehrt sich alles in mir dagegen. Woher wollen alle so sicher wissen, dass es Selbstmord war? Man sagt, seine Fingerabdrücke wurden auf der Schusswaffe inspiziert. Glauben tue ich niemandem. Er hat nicht einmal einen Abschiedsbrief hinterlassen. Seltsam war alles, nicht mal eine Träne habe ich an seiner Beerdigung rausgedrückt. Ich weine nicht. Starke Mädchen weinen nicht, hieß es doch immer. Alle haben etwas erwartet. Dass ich in Tränen ausbrach und mich auf die Knie schmeiße, dass ich in Depressionen untergehe und es meinem Bruder gleichtue.

 

Wir waren unzertrennlich. Er war mein bester Freund. Wir waren Zwillinge. Er ist ohne Warnzeichen gestorben. Man hat ihn gefunden, tot. Die Waffe neben sich. Das sollte doch irgendwas in dir auslösen, höre ich die empörten Stimmen. Aber das ist nicht die Wahrheit. Die Wahrheit ist, dass ich den Schmerz weggeschoben habe, bevor er mich erreichen konnte. Wisch. Wie ein toter Vogel vor dem Fenster. Und auch wenn er mich erreicht hätte, in dem Moment, als ich die Nachricht bekam, in diesem Augenblick ist ein Teil von mir weggestorben. Vielleicht ein unwichtiger Teil, wie etwas, was schon lange hätte entsorgt werden sollen. Es wäre, als wäre Adam ein Körperteil von mir gewesen, der amputiert wurde. Phantomschmerzen, aber ohne die Schmerzen. Aber mit Geist. Ich habe sie nämlich mittlerweile erstickt, oder so rede ich es mir ein.

Zu einem Therapeuten haben sie mich geschickt. Um deine aufgestauten Gefühle zu verarbeiten, haben sie gesagt. Lächerlich. Ich weiß, dass sie es tun, weil sie mich für eine Gefahr für die gesamte Schule halten. Als würde ich jeden Moment in meinen Rucksack langen und seelenruhig ein Maschinengewehr herauskramen. Man könnte meinen, sie würden mich für eine Psychopathin halten. Das finde ich besser, als wenn sie Mitleid heucheln würden. Zuckersüß und klebrig ist die Schleimspur, die sie hinterlassen. Danach gehen sie Nachhause vor die Glotze und verschwenden keinen Gedanken mehr an das Leid der Welt. Alles heil, solange es ihnen gut geht und sie ihr eisgekühltes Feierabendbier genießen können. Aber für mich funktioniert das Spielchen nicht. Für mich wird nichts mehr so wie vorher. 

 

In seiner seelenlosen, weißen Praxis starre ich auf die gegenüber-liegende Wand hinter ihm, ohne auf seine bohrenden Fragen einzugehen. Eine Kinderzeichnung. Ein kleines Mädchen mit einem schneeweißen Hund und seiner Familie, sie lächeln und sind glücklich, soweit man dies auf den unbeholfen gemalten Gesichtern erkennen kann. Schöne heile Welt. Dazu das Geklopfe mit den Fingern des Psychologen. Tapp. Tapp. Tapp. Es tut weh in meinen Ohren, weh in meinem Kopf. Es schmerzt fast seelisch. Stattdessen zähle ich nun die Blumen auf der Heile-Welt-Zeichnung. Eins, zwei, drei kleine Kreise mit krakeligen, orangen Blütenblättern. Das tut gut. Alles ausblenden und mich auf die Welten anderer zu fokussieren. Von wem dieses Bild wohl ist? Seiner Tochter? Oder einer seiner Kinderklienten? Arme kleine Kinder. Werden hierher mitgezogen, wie dysfunktionale Gegenstände. Von überforderten Eltern.

 

Das Räuspern des Psychologen holt mich mit seiner unangenehm penetranten Stimme wieder ins hier und jetzt zurück. Wie es mir gehe, fragt er mich. Ich komme mir im falschen Film vor. Wenn ich Smalltalk führen möchte, den ich bis aufs Blut nicht ausstehen kann, würde ich zu meiner netten Friseurin gehen. Dafür bin ich nicht da. Ich bin da für andere, die glaubten, dass sie wüssten, was das Beste für mich ist. Als zählten meine Gefühle und Gedanken nichts. Sie machen ihre Pflicht, es ist nicht so, als würden sie sich wirklich um mein Wohlbefinden scheren. Niemand. Familie soll immer da sein für einen, so heißt es doch. Wie ironisch, wenn man bedenkt, dass meine Eltern nach dem mysteriösen Tod meines Bruders sich in ihre eigene Welt verkriechen. Mein Vater geht meiner Mutter mit jeder Kollegin fremd. In der Hoffnung, wieder das Leben zu fühlen. Statt zu trinken, ist ja besser so, meint er, als wieder komplett der Alkoholsucht sich zu ergeben. Ach ja, auch ein Nebeneffekt eines Todes. Alkoholismus. Aber meine Mutter macht Überstunde für Überstunde, um ja nicht mit ihren Familienmitgliedern konfrontiert zu werden. Die Wunde ist frisch. Man muss sie beide verstehen. Dass ich ihnen aber komplett am Arsch vorbeigehe, das interessiert niemanden.

 

Ich verschweige ihm, dass ich Tag für Tag heimlich die Tabletten meiner Mutter schlucke, um den Schmerz zu unterdrücken, den ich seit zwei Monaten in mir herumtrage oder eher mitschleppe, wie ein lästiger Abszess. Jeden Tag wird die Dosis erhöht. Irgendwann ziehen zwei oder drei von diesen weißen runden Dingern nicht mehr. Mehr und mehr. Vier, fünf, sechs. Anfangs war es der Effekt. Irgendwann machst du es nur noch, um das Vorher aufrechtzuerhalten. Es macht dich krank und stumpf. Aber ich schäme mich zu sehr dafür, um mich zu öffnen. ES ist ein stummer Hilferuf. Wenn es so weitergeht, werde ich vor den Augen der Welt verrecken. Aber heute noch nicht. Perfekt antrainierte Maske aufsetzen. Eine, genau für solche Momente, wo ich mich meiner Gedankenwelt ausgeliefert fühle. Viel zu nah. Gut gehe es mir. Nur genug die Mundwinkel hochziehen und die Augen, meine leblosen Augen, zum Strahlen bringen. Alles gelogen, natürlich. Zwei Jahre tun sich unzählige Therapeuten das an. Alle drei Monate wechsle ich, hoffnungsloser Fall lautet mein Deckname. Abweisen können sie mich auch nicht. Nicht, nach dem Tod meines Bruders. Zu groß ist die Gefahr, dass ich mir auch etwas antun würde. Sehr intelligent, diese Seelenklempner. Stolz sehen sie nicht aus, wenn sie in ihren Sesseln sitzen, die meisten kleiner als ich. Sie sehen so aus, als hätten die Probleme der Klienten in ihren Gesichtern tiefe Furchen gezogen. Darum habe ich mir geschworen, mich nie als Mülleimer für seelischen Abfall bereitzustellen. Vor allem für so Menschen wie ich, die wie gedruckt Lügen, man aber ihre Maschen glasklar durchschauen kann.

 

Als Kind wird einem eingeschärft, bloß nicht zu lügen. Wenn du lügst, wächst dir eine lange Nase, sagten sie. Fast lustig, wenn man darüber nachdenkt, dass die Welt heutzutage ausnahmslos aus Lügen besteht. Die ach-so-vorbildlichen Erwachsenen legen keinen Wert auf die Wahrheit, sie malen sich die Welt, so wie sie es wollen und hoffen, dass sie damit bis ans Lebensende durchkommen. Die heutige Strategie zum Überleben. Lüge, und die Menschen wollen dir glauben. Warum ihnen geglaubt wird? Weil sie es hören wollen. Sie wollen beruhigt weiterleben können. Sie manipulieren sich selbst, in dem sie sich selbst das Recht geben, Probleme von sich selbst, anderen und der Welt einstufen zu können. Als wäre das eine schlimmer als das andere. Bullshit, das wissen sie. Wollen es bloss nicht wissen. Die Wahrheit tut weh. Aber bei mir zieht diese Masche nicht mehr. Die perfekt antrainierten Sätze und Reden habe ich schon lange durchschaut. Wenn man selbst eine Fassade aufgebaut hat, undurchlässig wie eine Panzerglasscheibe, errät man ziemlich schnell, was hinter den Erfolgreichen, den armen, ausgebrannten Menschen steckt. Leere vielleicht. Schwarze Watte. Das Gefühl, nichts mehr zu spüren. Kein Schimmer von Affirmation. Am Ende hat man ein Fünkchen Emotion erhalten. Danach trinkt man über den Schmerz hinweg, Tag für Tag. Es wird immer mehr. Wenn die Wirkung nachlässt, wird die nächste Flasche klebriges Martini gekauft, oder Beruhigungstabletten, je nachdem. Klingt nach einer sehr verheißungsvollen Zukunft für mich, für uns nächste Generationen.

 

Großartig, dass ich immerhin im Bereich dumpfe Watte schon Lebenserfahrung habe.

 

Ich habe jegliche Hoffnung in mich und die Menschheit verloren. Es gibt Leute, die sagen, dass trotz allem ein kleines Licht in jedem Menschen steckt. Schwätzer.

 

Von außen werde ich immer die Eigenbrötlerin mit dem schwarzen Strickpullover sein. Groß ist er, als würde ich darin versinken. Der Gegensatz bilden die abgeschnittenen Kinderhosen. Mein Bruder sagte immer, dass sie eine Un-Länge haben. Sie enden eine Handbreite über dem Knie, weder lang noch kurz. Zwischen zwei Dingen aber trotzdem nichts. Ich glaube, mein Äusseres macht mehr einen verlorenen Eindruck. Meine schwarzen Haare lasse ich immer als Vorhang vor meinem Gesicht, gefärbt natürlich. Damit niemand meine Augen sieht, die braun und kalt vor sich hinstarren. Voller Wärme sind sie einmal gewesen. Meine Augen leuchteten fast golden, mit diesem dunklen Ring um die Regenbogenhaut. Man sagt, die Augen sind das Tor zur Seele. Unsinnig. Es sind zwei starre Punkte, bei mir hat niemand mehr Zugriff auf meine Seele, nicht einmal ich selbst. Freunde habe ich keine. Das will ich auch nicht haben. Freunde bedeuten Verpflichtungen und Vertrauen. Das kann ich kaum mehr aufbringen. Ob das normal ist? Das weiß ich. Ist es nicht, würde mir jeder Therapeut mit diesem vorwurfsvollen Ton sagen. Bloß nicht auf die leichte Schulter nehmen.

 

Sie würden jetzt seufzen und alles aus meiner Kindheit aufarbeiten. Aber das ist nicht der Fall. Vielleicht brauche ich, sollte ich, die Therapie einigermaßen ernst nehmen. Aber ich werde nicht alles auskotzen, was ich jahrelang in mir zu halten versuche. Aber die Zeit fühlt sich gleichzeitig unendlich an und auch nur ein Luftzug. Vielleicht ist mir einfach schon lange die Luft ausgegangen.

 

Gleich wie bei meiner Kindheit. Weg. Als wäre sie nie da gewesen. Mein bisheriges Leben hat sich angefühlt wie der Hauch eines Augenblicks. Wie war sie, würde man mich fragen. Ich würde in mich gehen und nach Antworten lauschen. Emotionsreich würde eine dünne Stimme sagen. Erlebnisreich, schön und vor allem: vollkommen. Jetzt fühlt sich alles unpassend an. Dass die Sonne scheint, es kommt mir falsch vor, dass Menschen in der Schule lachen. Dass Menschen reden, Dinge erleben, bei denen ich nicht dabei bin. Dass ich jeden Morgen aufstehe und jeden Tag so tue, als wäre nichts passiert.

 

Aber allem voran mein Zuhause, welches ich mittlerweile ungern als mein Zuhause bezeichne. Ohne meinen Bruder ist es Leerraum mit zusammengewürfelten Holzklötzen, die Möbel genannt werden. Es ist ein großes Haus, so wie man es aus Werbungen für Grillgut kennt. Aber der Schein trügt. Die Wände sind so dünn wie Papier und auch so ist das Haus ein lebloses Beige. Hier wohne ich, ganz oben, damit ich möglichst weit weg bin vom Keller, da gehe ich unter keinen Umständen runter.

 

Meine Eltern haben nach Adams Tod alle Erinnerungen in den Keller verschifft oder in unserem Kamin verbrannt. Verstehen konnte ich das nie, vielleicht war es ihr Weg, damit umzugehen. Zwar hätte ich diese Dinge gerne behalten, aber wir alle wussten, auch meine Eltern, dass ich diese Dinge in den nächsten zwanzig Jahren nicht anschauen werde. Weil ich nicht damit umgehen kann. Aber heute hat sich es so angefühlt, als drehe ich mich im Hamsterrad. Das erste Mal in Jahren habe ich dies bemerkt und es hat mich wie ein Schlag getroffen. Als ich in dieser Praxis gesessen bin, das Bild angeschaut habe. Es kommt mir vor wie ein Fiebertraum, alles verzerrt. Wie damals, als wir Kinder mit vierzig Grad im Bett lagen, immer mit der Annahme, dass wir vor unserem sechsten Geburtstag eingehen werden. Dass ich mich daran noch erinnern kann. Scheiß-Schuhe, ich kann nicht länger in den Tretern stehen. Ärgerlich kicke ich sie mir von den Füssen, unbeachtet, in welche Richtung. Etwas klirrte und krachte und ich wünschte mir, dass ich nie auf die Schnaps-Idee gekommen wäre, mich wieder in erloschenen Erinnerungen zu suhlen. Dann aber erhasche ich einen Blick auf Pisse gelbe Farbe. Moment. Die kenne ich. Und wer hätte es gedacht, es war unsere Zeitreisebox. Das klingt wie in einem kitschigen Film, in dem die Protagonistin und ich jetzt als Anti-Heldin in Tränen ausbricht. Das hier ist aber kein billiger Coming-of-Age- Streifen. So weit kommt es noch. Trotzdem hat das meinen Zorn etwas gelindert.

 

Mit zitternden Händen versuche ich, den Deckel zu öffnen. Warum zur Hölle zittere ich? Das kommt von der Kälte. Etwas anderes rede ich mir nicht ein. Ein Stück Papier halte ich in der Hand. Zwar sieht es aus, als hätte es schon einige Jahre auf dem Buckel, aber der Text oder mehr die Notiz ist handgeschrieben. Das sieht nach meiner Handschrift aus. Verglichen haben wir die, Jahre für Jahre und ich war eine Niete im Schönschreiben. Bereitwillig mache ich mich an die Arbeit, die Sauklaue zu entziffern. Mühsam ist das, wenn in großen Lettern geschrieben wird, das haben wir als Kinder immer gemacht, um uns gegen die  Erwachsenen aufzulehnen oder so. Aber dann fühle ich mich von der Zeit versetzt. Es ist ein Traum. Unser Traum. In dieser Zeitkapsel verewigt, sodass es wahr werden wird. Fast süß.

 

Als mein Bruder und ich jünger waren, träumten wir davon, Astronauten zu werden. Wir haben damals die Menschheit gehasst und unsere Kuscheltiere über alles geliebt. Danach haben wir uns entschlossen, uns in das All schicken zu lassen. Irgendwo zusammen auf einem sandigen Planeten. Nur wir zwei, und unser Zoo aus Plüschtieren. Wir haben uns vorgestellt, wie wir da allein lebten. Dass das nicht möglich war, schien uns fast egal zu sein. Es war eine Sekunde Lichtblick in dem endlosen langen Kreis von Realität und Leid. Später haben wir nicht mehr darüber geredet. Astronaut hätte er sehr wohl werden können. Er war der Jahrgangsbeste in Naturwissenschaften. Danach studieren, zack zack, das Studium durch das Studium geprescht. Er hätte es erreichen können, wenn er es gewollt hätte. Diese Erkenntnis verletzt mich auf eine Art, bei der ich nicht dachte, dass es möglich wäre. Sein Traum wäre möglich gewesen. Irgendwas in meinen Kopf begann sich in Bewegung zu setzen, es war so fremd. Es schien, als hätte sich ein Gefühl in mir eingenistet. Klein ist es und frisch, aber es ist ein Funken. So schnell wie es da war, so schnell war es auch wieder weg. Vielleicht habe ich es mir für eine Sekunde eingebildet. Hoffnung.

 

 

 

ENDE

 

 


Kostüme

(Urheberrechte & Copyrights © by Michael Kothe)

 

Die Zugänge sind geschlossen, die Tiefgarage kann durchs Treppenhaus noch betreten werden, umgekehrt ist es nicht mehr möglich. Die Lichter sind herab gedimmt oder teilweise gelöscht: Feierabend im Einkaufszentrum. Langsam schiebe ich meinen Putzwagen durch die Gänge. Ich liebe diese Ruhe, diese Stille. Nun kann ich meinen Gedanken nachhängen. Trotz meiner Pflichten, denen ich artig nachkomme. Tagsüber stören mich die vielen Passanten, die sich hier durchdrängen. Einem Gehaste und Geschiebe, da komme ich oft mit meinem Wagen kaum durch.

 

Einzelne Ladenlokale sind noch nicht abgeschlossen, die Betreiber machen Kassensturz, räumen neue Ware ein für den nächsten Tag oder entspannen sich bei einer Tasse Tee, die sie in ihrer winzigen Pantry gebrüht haben. Den einen oder anderen sehe ich, wie er das Gitter herabzieht oder einfach die Glastür absperrt. Wir kennen uns. Nur vom Sehen, weshalb der gegenseitige Gruß unverbindlich bleibt.

 

Still grinse ich in mich hinein. Wie oft habe ich mir vorgestellt, wie es wäre, wenn man mich hier vergäße oder ich mich mit Absicht in einem der Geschäfte einschließen ließe. Was könnte ich alles anstellen! Mich im Uhrengeschäft bedienen und danach nie wieder arbeiten müssen – ich weiß, wie ich ans Steuergerät gelangte, ohne Alarm auszulösen –, Kassen der kleineren Läden um das Wechselgeld erleichtern  –  schließlich lassen viele Ladenbesitzer das Hartgeld in der Lade. Mein wirklicher Traum aber ist es, nur für mich selbst in einem Bekleidungsgeschäft eine Modenschau zu veranstalten. Ohne Zuschauer, ohne Zeitdruck, ohne den gestelzten Schritt und ohne das nicht nur gelangweilte, sondern auch langweilige Model Gesicht aufsetzen zu müssen. Amüsiert schüttle ich den Kopf, ich muss weiter.

Meinen Putzwagen lasse ich stehen, auch dieser Papierkorb hier am Kreuzungspunkt zweier Gänge will geleert werden. Ich klappe den Deckel auf, hieve den vollen Plastiksack hoch und drücke den neuen, leeren so weit hinein, bis er den Boden der Tonne ganz bedeckt. So schmiegt er sich auch an die Innenwand und bietet das meiste Volumen. Nicht nur meine Gewissenhaftigkeit treibt mich dazu, den Kunden und Passanten möglichst viel Raum für ihren Abfall zu bieten. Ganz uneigennützig komme ich dieser Sorgfalt auch nicht nach. So habe ich weniger vom Boden aufzuheben, was sonst daneben fiele, und an den weniger belebten Tagen kann ich den ein oder anderen Papierkorb nach einem schnellen Kontrollblick auch mal unversorgt lassen. Nun verschwindet der volle Sack in der Tonne auf meinem Karren, ich drücke meinen Rücken durch, damit das Ziehen im Kreuz nachlässt. Dabei fällt mein Blick auf das Schaufenster des Spielzeugladens gegenüber.

 

Nach allen Seiten spähe ich ins Halbdunkel der Flure hinein, entdecke niemanden. Meinen Wagen schiebe ich vor den Laden. Falls man mich sieht, wird jeder denken, ich arbeite vor diesem Fenster. Es ist Karnevalszeit. Die Dekoration ist angepasst. Eisenbahnmodelle, Puzzlespiele und Barbiepuppen haben die Bühne verlassen und Harlekins, Clowns und Cowboys ihren Auftritt ermöglicht. Wie jedes Jahr in der fünften Jahreszeit. Mein Grinsen ist nicht nur amüsiert, sondern überheblich: Dem Inhaber fällt auch nichts Neues ein. Wieder ist die Szene farbenfroh dekoriert. Konfetti, eine Tröte und einige Sheriff Sterne aus Plastik bedecken den Boden, Luftschlangen verhüllen die nüchternen Wände. So wirkt die Auslage nicht ganz so begrenzt. Die Kostüme sind in mittleren Konfektionsgrößen erhältlich, also sind ihre Träger lebensgroße Schaufensterpuppen. Bei deren Anblick seufze ich. Mein Mann und ich genießen den Karneval, gehen gemeinsam zu mancher Narrensitzung und stehen bei mindestens zwei Umzügen in der Region am Straßenrand und recken uns zum Vergnügen ab und zu, um „Kamelle“ aufzufangen. Dieses Jahr aber hat mein Mann keine Idee, als was er „gehen“ möchte. Bei dem Gedanken an die Dringlichkeit eines guten Einfalls seufze ich. Vielleicht bringt mir der Anblick der Kostüme ja eine Erleuchtung. Intensiv betrachte ich alle Schaufensterpuppen, stelle mir meinen Mann in jedem dieser Gewänder vor und gerate ins Träumen. Ein schneller Blick sagt mir, dass der Dekorateur diesmal ein Farbschema aufgebaut hat: von Schwarz links über Bunt bis zum Weiß auf der rechten Seite.

 

Ein Vampir lehnt an der linken Wand, neben ihm hebt Zorro abwehrend die Hände, Superman im hautengen blauen Outfit eilt ihm zu Hilfe und wird dabei beobachtet von einem grünen Aquaman. Doch nicht nur Männern ist diese Ausstellung vorbehalten. Rotkäppchen, in sehr wenig Stoff gehüllt, drängt sich an einen Clown im karierten Anzug, der wohl mit dem Pierrot ins Gespräch über ihr weißes Make-up vertieft ist. Nur die Jackenknöpfe und der Kegelhut des Pantomimen zeigen noch etwas Farbe, die dem Koch am Ende der Reihe gänzlich fehlt. Überrascht blinzle ich. Fast hätt ich ihn übersehen, schließlich hat er nur die halbe Höhe: Ein Nackter sitzt auf einem Dekowürfel zu Füßen des Rotkäppchens und des Clowns! Mit gekrümmtem Rücken, den linken Unterarm auf dem Oberschenkel abgelegt, den rechten auf dem anderen Bein senkrecht aufgestellt und das Kinn auf die Finger der rechten Hand gestützt. Dass dies eine ernstgemeinte Kostümierung sein soll, will mir nicht so recht in den Sinn. Wohl vielmehr als Karnevalsgag hat der Ladeninhaber diese Figur ausgestellt, als Kontrast zu seinen Kostümen.

 

Mich fasziniert die plötzliche Assoziation mit der Skulptur von Auguste Rodin. Von der fein ziselierten Textur des perfekt nachgebildeten Denkers lasse ich mich in ihren Bann ziehen. Ich gehe in die Hocke, mein Kopf lehnt beinahe an der Scheibe. Mit einer Hand schirme ich die Augen gegen die Lichtreflexe ab, während ich neugierig versuche, pikante anatomische Details zu entdecken. Unwillkürlich zucke ich zusammen. Hat sich die Schaufensterpuppe etwa bewegt, der Zorro? Erschrocken fahre ich auf. Noch immer wehrt er diesen bleichen Dracula ab, aber deutlich sehe ich noch Bewegung in seinem Umhang. Richtig geflattert hat das Cape nicht, Zorro hatte sich in der Gewalt. So wie diese Straßenkünstler, die vornehmlich in Fußgängerzonen gold- oder silberfarben unbeweglich verharren und nur ab und an ruckartig ihre Haltungswechsel vornehmen. Besonders, wenn junge Frauen zu nah an ihnen vorübergehen. Mein Blick konzentriert sich auf diesen Romanhelden, den Beschützer der Schwachen. Sämtliche Klischees der Filme spulen vor meinem geistigen Auge ab.

 

Und nun hat er sogar gezwinkert! Ein kurzes Zucken nur im linken Schlitz seiner Maske. Es kann nicht sein, und dennoch bin ich mir ganz sicher. Ein leichter Schauer fährt über meinen Rücken, im selben Moment durchfährt Zorro ein leichtes Zittern. Blödsinn, schießt es mir durch den Kopf, sein Zittern war deine Wahrnehmung, als du dich geschüttelt hast! Hörbar atme ich aus, mein verhaltendes Lachen ist befreiend. Sicherlich hatte diese Schaufensterpuppe den gleichen Gedanken wie ich auf meinen ungezählten Runden durch dieses Einkaufsparadies: Sich einfach mal einschließen lassen und die Nacht über Schabernack treiben.

 

Aufmunternd zwinkere ich der Puppe zu und fasse die Schubstange meines Wagens. Schon habe ich mehrere Geschäfte hinter mir gelassen, als meine Fantasie mich glauben macht, schnelle Schritte zu hören. Drei, vier Männer denke ich an ihren Stimmen unterscheiden zu können, bin mir aber nicht sicher, schließlich klingt alles gedämpft. So, als käme es aus dem Geschäft, vor dem ich eben noch stand. Ich bilde mir ein, Gesprächsfetzen über Anzeige und Ärgernis zu hören. Auch ein dumpfes Rumpeln.

 

Während ich den letzten Abfallkörben zustrebe, spinne ich meinen Gedanken weiter. Zorro hat sich einsperren lassen und will dem gierigen Ladenbesitzer den mit überhöhten Preisen erzielten Kasseninhalt rauben, um ihn den sicherlich bedürftigeren Kunden zurückzugeben. Nun wurde er ertappt und zeichnet dem Wucherer mit der Degenspitze das berühmte Z auf die Brust, bevor er sich aus der Szene absetzt. Keinesfalls, ohne die Wachleute durch das Umwerfen eines Regals an der Verfolgung zu hindern. Ich kichere, während ich den letzten vollen Müllsack in meiner Tonne versenke.

 

Auf dem Weg zurück fällt mein Blick wieder auf das Schaufenster mit den Karnevalskostümen. Zorro hat wieder seinen Platz eingenommen und hält den Vampir Fürsten auf Abstand. Aber der Würfel ist leer, Rodins Denker ist verschwunden. 

 

 

ENDE


Bernhard Horwatitsch

Hintergründig und skurril sind seine Geschichten, seine Essays wenden sich kritisch und ironisch gegen allzu große Bescheid-wisserei. Der Münchner Autor schreibt seit vielen Jahren für deutsche und österreichische Literaturzeitschriften. Seit 2004 gibt er Kurse in „kreativem Schreiben“ und „Literaturgeschichte“ an der mvhs und anderen Institutionen. Besuchen Sie ihn auf:          www.literaturprojekt.com

 

Geniessen Sie eines seiner unverkennbaren Essays:

 

 

I. DER FÜRST  (Vorgeschichte)

(Urheberrechte und Copyrights © by Bernhard Horwatitsch)

 

 

Inzwischen grüßen ihn die Leute, wenn er in den Park kommt. Manche schüchtern, indem sie kurz nicken, andere nüchtern und souverän, indem sie ihm „Habe die Ehre“ oder „Grüß Gott“ sagen, und wenige sind so selbstbewusst, dass sie ihn in ein kurzes Gespräch verwickeln. Der Fürst ist ja von auffälligem Äußeren. Groß, über 1,90 Meter, kräftig gebaut und mit einem langen dichten Bart. Diesen dreifarbigen Bart pflegt er seit sechs Jahren, stutzt ihn regelmäßig nur leicht an den Spitzen. In den Park geht der Fürst seit längerem. An sich ist dieser Park reizlos, aber genau das mag er. Kein Meister, der sich darin selbst verwirklichen wollte, hat ihn angelegt. Es ist solides Handwerk, ausgeführt mit dem bescheidenen Budget der Kommune. Es gibt keine aufwendigen Rosenbeete, keine künstlichen Weiher oder Schatten werfende Alleen. Keine Hügel, Irrgärten, künstliche Ruinen oder Tempel. Nichts dergleichen. Einfach eine durch „Betreten verboten“ geschützte Wiese, ein paar Holzbänke und einen Rundweg. Wenige Bäume. Wenn sich der Fürst in die Wiese legt, wird das meist geduldet. Was wohl nicht zuletzt an seinem einschüchternden Äußeren liegt.

 

Heute war das Wetter trüb und daher wenige Menschen unterwegs. Nur die, die ihr eigentliches Ziel durch den Park und aus dem Park wieder hinausführte. Aber diese Passanten grüßten den Fürsten nicht. So lag er unbehelligt unter einem Baum und dachte nach. Das konnte er stundenlang machen. Er brauchte dazu nichts, keine Beschäftigung. Er war nicht immer so genügsam – oder faul (wie es der Skeptiker sehen würde). Vor sechs Jahren noch war sein Gesicht glatt rasiert, er war schlank und trug immer seinen dreiteiligen dunklen Anzug, knitterfrei, hochwertige Halbschuhe aus Leder, Manschettenknöpfe, dezente (aber teure) Armbanduhr, seine Taschen waren nie ausgebeult, das Jackett trug er auch bei großer Hitze zugeknöpft. Der Fürst schwitzte nicht zu dieser Zeit. Er verdiente ein Vermögen an der New Yorker Börse. Handstreich-artig sackte er Millionen ein mit Spekulationsgeschäften. Er würde das wohl heute noch so machen, wäre ihm nicht letztlich sein Verstand zu Hilfe gekommen. Denn während er immer reicher wurde, und ein paar seiner damaligen Freunde auch, konnte er beobachten, wie ganze Länder in der gleichen Zeit verarmten. Und im Gegensatz zu seinen damaligen Freunden stellte der Fürst einen Zusammenhang her zwischen seinem Reichtum und der Armut der anderen. Es konnte ja nicht in seinem Interesse sein, dass die Menschen verarmten und verhungerten. Was sollte er mit seinem Reichtum anfangen in einer Welt der Skelette? Was nutzte ihm das viele Geld, wenn niemand mehr Arbeit fand, weil die Aktionäre die Unternehmer ausraubten? Daher suchte er eine Weltformel. Mit dem nicht geringen Ziel, der Errettung der Menschen und der Errettung der Welt. Er fand seine Weltformel. Und zwar genau an dem Ort, wo er sich meist aufhielt, bei einem Verdauungsspaziergang am Paternoster Square. Er war gerade aus dem Corney & Barrow getreten, als ihn ein Mann anrempelte. Für solche Zwischenfälle hatte der Fürst nie ein besonderes Augenmerk, strich also nur desinteressiert seinen Anzug wieder glatt und ruckte etwas an der Krawatte. „Arschloch“, sagte der Mann und baute sich vor dem Fürsten auf – besser gesagt: versuchte es, was jedoch aufgrund der natürlichen Größe des Fürsten misslang.

 

Der Fürst blickte nach unten und sah auf völlig zerzaustes, fettiges Haarwerk, welches das Sonnenlicht beinahe strahlenförmig reflektierte. Da war dem Fürsten plötzlich alles klar! Er klopfte dem wütenden Mann dankbar auf die Schulter, ging dann etwas in die Knie, um Augenhöhe herzustellen. „Geld ist Licht!“, flüsterte der Fürst. Das musste dem wütenden Mann Angst eingejagt haben. Denn der schien seine Wut ganz vergessen zu haben und machte sich schleunigst aus dem Staub. Aber für den Fürsten war jetzt eine Wende eingetreten. Es war wie im Buddhismus. Ein Schlag zum richtigen Zeitpunkt konnte die Erleuchtung bringen. Daher ging der Meister mit einem Birkenstock durch die Gruppe meditierender Schüler und schlug ihnen von Zeit zu Zeit kräftig mit dem Stock auf den Rücken.

 

Und manchmal gingen dann dem einen oder anderen der Schüler regelrecht die Augen auf oder gar über. Die Weltformel war ganz einfach. Sie war längst gefunden und tagtäglich hantierten die Börsianer mit ihr herum. Mehr pfuschend und aus purem Eigennutz. Aber man musste die Weltformel nur für das Gemeinwohl anwenden. Einen exakt berechneten Anteil der Gewinne der Börse einfach direkt mit allen Konten der Menschen koordinieren. Dann hätte jeder sein bedingungsloses Grundeinkommen. Als der Fürst mit seiner Entdeckung die Öffentlichkeit suchte, wurde er ignoriert. Nicht einmal Spott gönnte man ihm. Es nahm niemand Notiz von seiner Weltformel, obwohl er sie inzwischen exakt berechnet hatte und die Zahlen unumstößlich stimmten. Es wäre für niemanden ein spürbarer Schaden entstanden, im Gegenteil, seine Weltformel war so konstruiert, dass die Geschäfte sogar besser liefen, wenn die Börsianer sie anwenden würden. Aber niemand nahm Notiz von ihr.

 

Eines Tages stand der Fürst am Times Square im Stau, als ihm klar wurde, dass niemals jemand die Weltformel anwenden würde. Es gab sogar mehrere Weltformeln, die alle auf die gleiche großartige Weise funktionieren würden. Das Los der Menschen war nicht, dass sie es nicht wussten. Das Los der Menschen war, dass sie es nicht wollten. Als dem Fürsten in seinem Taxi sitzend klar wurde, dass das so war und so bleiben wird, war es, als würde er noch einmal von dem kleinen Mann gestoßen werden, und diesmal würde sich sein Blick in die andere Richtung wenden. Der Fürst tippte dem pakistanischen Taxifahrer auf die Schulter.

 

 „Wot a du“, salbaderte der Taxifahrer.


„Wont too pay, now“, sagte der Fürst und hielt dem Taxifahrer einen Zwanzigdollarschein unter die Nase.


„Bara“, sagte der Taxifahrer und kramte nach Wechselgeld.


„No Problem, it’s yours.“


„Shukrya, Shukrya.“

 

Der Fürst öffnete mitten auf der Straße unter Hupen die Tür und stieg aus dem Taxi. Dann nahm er seinen Aktenkoffer vor die Brust, öffnete ihn und schüttete den ganzen Inhalt mit Papieren über die hupenden Autos, während er über die Straße lief. „It’s yours, it’s yours“, schrie er dabei, und als der Aktenkoffer leer war, warf er ihn auf den Gehsteig, wo er inzwischen angekommen war. Das erregte natürlich Aufsehen und kurze Zeit später wurde er auch schon von zwei Streifenpolizisten verhaftet. Er war nur wenige Stunden auf dem Revier. Als die nämlich dort feststellten, wen sie da festgenommen hatten, hagelte es Entschuldigungen. Der Fürst war ja immerhin der Fürst. Noch. Denn zu jener Zeit zog er sich zurück. Weltformel hin oder her.

 

Einen Großteil seines Vermögens hatte er inzwischen verschenkt und nur so viel für sich zurückbehalten, dass er nicht in Verlegenheit käme, noch einmal zu arbeiten. Er hatte sich eine kleine Wohnung gekauft und ein Häuschen in Italien (falls er mal raus müsste). Ansonsten lebte er von den Zinsen seines kleinen Vermögens, zahlte brav seine lächerlich geringe Vermögenssteuer an den Staat und lebte abseits der Öffentlichkeit.

 

Der Fürst hatte nun einige Stunden unter seinem Baum gelegen und nachgedacht. Er hatte in diesen wenigen Stunden drei weitere Weltformeln in seinem Kopf erdacht. Aber er würde sie weder aufschreiben, noch irgendjemandem je sagen. Er würde alle seine Weltformeln mit in sein Grab nehmen. Nun bekam er allmählich Appetit. Also machte er sich auf, ging zu einem Biergarten in der Nähe des Parks und verköstigte sich.

 
Das war alles. Täglich kann man den Mann sehen – wenn man will –, der im Besitz vieler Weltformeln ist, Formeln, die sowohl die Menschen als auch die Welt erretten würden, wenn man wenigstens eine davon tatsächlich anwendete. Na gut. Sie glauben mir nicht. Wollen mir gar nicht glauben. Der Fürst kennt das ja und er schweigt daher dezent. Aber welchen Grund – mal ehrlich – hätte der Fürst, in diesem Punkt zu lügen? Geltungssucht kann man ihm nun wirklich nicht vorhalten. Er sagt die Wahrheit, das können Sie ruhig glauben. Aber es spielt keine Rolle.

 

 Gloria in excelsis Deo et in terra pax hominibus bonae voluntatis. Laudamus te. (Ehre sei Gott im höchsten und auf Erden Frieden, Wohlwollen gegenüber den Menschen. Wir preisen dich).

 

 

II. DER FÜRST

 

Es war einer der ersten schöneren Frühlingstage. Die Sonne schien und die Luft war milder als an den Tagen zuvor. Der Fürst war daher guter Laune und spazierte pfeifend in den Park. Dort legte er sich auf eine grüne Wiese, winkelte die Beine an und verschränkte die Arme hinter seinem Kopf. Hätte er noch einen Grashalm in seinem Mundwinkel gehabt, wäre das Bild eines Taugenichts perfekt gewesen.

 

Der Fürst entspannte sich also unter der milden Frühlingssonne, ohne darüber nachzudenken, dass es viele Menschen gab, die so ein entspannter Anblick neidisch machte. So kam es auch. Ein sehr geschäftiger Geschäftsmann eilte – beinahe panisch dax-artig – durch den Park, in dem der Fürst mit angewinkelten Beinen herumlag. Der geschäftige Geschäftsmann blieb stehen und betrachtete kurz den herumliegenden Fürsten. Dann klopfte er kurz mit seinen Geschäftsfüßen an die Oberschenkel des Fürsten. Der Fürst öffnete schläfrig seine Augen. Ob er nichts zu tun hätte, wollte der Geschäftsmann nun wissen und warf seinen Schatten über den Fürsten. Er selbst hätte zu tun, viel sogar, deklamierte der Geschäftsmann weiter, er hätte eine Firma, die wüchse und wüchse, er brauche immer mehr Arbeiter, als er bekommen könne. Und der Anblick eines faul im Gras liegenden Taugenichts mache ihn traurig.

„Also“, sagte der Geschäftsmann, änderte den deklamierenden Tonfall in einen befehlenden,

„du kommst mit“, machte unruhige Flatterbewegungen mit seiner rechten Befehlshand. Der Fürst sprang behände und leichtfüßig auf und hämmerte noch im Aufspringen mit großer Wucht seine Stirn auf die Nase des Geschäftsmannes.

 

Dann legte sich der Fürst ebenso leichtfüßig wieder hin und murmelte Richtung Sonne: „Genug gearbeitet für heute.“ Der Geschäftsmann klappte nach vorne zusammen und hielt sich jammernd und fluchend zugleich die Hand vor die Nase. Blut quoll zwischen den Fingern hindurch. Sofort strömte eine Menge Leute herbei, wurde nach einem Arzt gerufen, nach der Polizei, ein Auflauf von Menschen entstand, eine rege Diskussion und Geschäftigkeit umgab nun den aus der Nase blutenden geschäftigen Geschäftsmann.

 

Viel Betrieb also.

 
Sozial ist, was Arbeit schafft, dachte derweil der Fürst unter seinem Sonnendach. Denn ihn hatte man bei der ganzen Aufregung um den geschäftigen Geschäftsmann und seine blutende Nase völlig vergessen. Der Fürst lag gemütlich im Gras, hatte sich nur kurz seine Stirn gerieben und genoss jetzt einfach die milde Frühlingssonne, so, wie er es beim Aufwachen beschlossen hatte.

 

 

ENDE

 


 

Dirk Tilsner ist als Pionier-Autor bei pierremontagnard.com seit Anbeginn dabei und imponiert mit seiner Vielseitigkeit unsere Leserschaft. Mit seinem gelungenen Essay aus der Welt der Lokalpolitik beweist er einmal mehr sein Gespür für die unter-schiedlichsten Belange.

Die Umgehung des Kerns

(Urheberrechte & Copyrights © by Dirk Tilsner)  

 

                       „… müssen  nach  der  vorliegenden  Verordnung  alle  vom

Rat getroffenen                                                     Entscheidungen, die eine 

öffentliche Investition                                                über                        den

im                                                     Gemeindegesetz               festgelegten

Mindestaufwand                               erfordern,                                     durch

einen                                                kommunalen Volksentscheid bekräftigt

werden ...

 

aus:                                   Grundlacher Verordnung zur Demokratisierung kommunaler                       Entscheidungsprozesse.                    22.07.2026

 

Hartmut Neumann stand am Fenster seines Büros und beobachtete die Straße. Viel zu sehen gab es um diese Uhrzeit nicht: erst allmählich erwachte ein Haus nach dem anderen. Hier und dort schob sich eine Jalousie wie ein schweres Augenlid nach oben; einige waren bei diesem Versuch offenbar auf halber Strecke wieder eingeschlafen. Schräg gegenüber saß eine Katze unschlüssig auf einer Abfalltonne und blinzelte in die aufgehende Sonne.

 

Es war Neumanns zweiter Tag als frisch gebackener Bürgermeister. Mit Sicherheit einer der wichtigsten seiner Amtszeit, dachte er bei sich, denn ab heute würde er die Gemeinde Grundlach in eine neue Epoche führen! Bereits seine Wahl versprach einen Wendepunkt: Keinem Unabhängigen vor ihm war diese würdevolle Aufgabe jemals beschieden worden. Er war der Mann des Konsensus, den die im Rat im Patt stehenden Parteien nach monatelangen Debatten der Bevölkerung zur Abstimmung vorgeschlagen hatten. Als jahrelanger Sekretär einer der Bürgerinitiativen war sich Neumann zunächst unschlüssig gewesen, beinhaltete das Amt doch so etwas wie einen Verrat an seinem Ideal, der Politik den Willen des Volkes gegen private Interessen gewissermaßen aufzuzwingen. Sein alter Schulfreund Jochen Voigt überzeugte ihn schließlich, sich zur Wahl zu stellen: „Als Chef deiner Gruppe kannst du zwar tolle Ideen haben, die ausschlaggebenden Vorbereitungen der Bürger-entscheide aber werden noch immer im Rat getroffen. Die wirst du direkt leiten können!“

 

Recht hatte er, der alte Jochen. Er kannte die Politik seit dreißig Jahren und hatte wohl über zweihundert Entscheide selbst vorbereitet, einschließlich jenen für seine  Wahl. Der Stimmzettel war außergewöhnlich schlicht ausgefallen:

 

Wollen Sie Dr. Hartmut Neumann als neuen Bürgermeister?

(3 Punkte)

                        JA:      Dr. Neumann ist der Beste.

 

                        NEIN: Es gibt in Grundlach ohnehin nichts mehr zu entscheiden.

 

Selbstverständlich war die NEIN-Frage als Wink mit dem Zaunpfahl zu verstehen gewesen. Unter Neumanns Führung sollte Bewegung in das örtliche Leben kommen; zu entscheiden gab es mehr als genug. Die 3 Punkte waren bei wichtigen Volksbegehren üblich. Wer wählte, bekam für jeden von ihnen ein Jahr lang 1 % Abschlag in der monatlichen Gebühr für einen der Dienste der örtlichen Verwaltung, zum Beispiel der Müllabfuhr. Auch ein demokratischer Akt bedarf gewisser Anreize.

 

Heute also würde er in der allerersten Sitzung die ersten, bedeutenden Beschlüsse fassen bzw. in die Wege leiten. Die ‚richtigen‘ natürlich: jene, die im Wohl und Interesse der Einwohner stünden und legitim von diesen für einen der monatlich geplanten Volksentscheide eingefordert werden könnten. Das schloss SEINE Initiative mit ein: die Umgehungsstraße um den historischen Kern herum, und darinnen eine Auto-freie Passage.  Das eigentliche Problem war jahrelang die übergroße Anzahl der Vorschläge gewesen. Seit der Einführung der neuen Verordnung waren die Bürgerinitiativen wie Pilze aus dem Boden geschossen und überhäuften die örtliche Verwaltung mit Anträgen. Pro Monat durfte es maximal drei Plebiszite geben, etwa 20 Anträge wurden im Durchschnitt eingereicht, die meisten immer und immer wieder mit neuem Titel und geringfügigen Abänderungen. Das begründete sich unter anderem mit der erbitterten Konkurrenz zwischen den größeren Aktionsgruppen, welche die Debatten im Rat und in der Öffentlichkeit mit ihren kaum zu unterscheidenden Vorschlägen monatelang dominierten. So ist es nicht verwunderlich, dass sich Neumanns Initiative seit mehr als einem Jahrzehnt vergeblich um Aufmerksamkeit bemüht hatte. Das würde sich mit dem heutigen Tage ändern.

~

 

Zwei Stunden lang hatte sich Neumann, am Fenster stehend, seelisch auf die große Herausforderung vorbereitet. Endlich war es so weit: pünktlich um neun Uhr begann die Sitzung. Zunächst mit den Förmlichkeiten: die Liste der Anwesenden und die Tagesordnung, die nach zwanzigminütiger Debatte sogar angenommen wurde. Hartmut war sich bewusst, dass die meisten Anwesenden darum kämpften, die vom politischen Gegner unterstützten Vorschläge NICHT in die Vorbereitungsphase zu bringen, es sei denn, mit den üblichen Kompromissen wie zum Beispiel ein Runder-Tisch-Abend im örtlichen Kegelklub, eine Studienfahrt auf dem Rhein unter dem Motto „Heine lebt in uns“ oder gar ein Besuch der Partner-Gemeinde auf Gran Canaria. Schließlich einigte man sich auf die folgenden Anträge:

 

1.   Subventionen für die lokale Pflaumenmus-Produktion

2.   Kostenlose Clown-Aufführung beim Kinderfest der Kleingartenanlage „Es grünt so grün“

 

3.   Bau einer Umgehungsstraße zur Entlastung des historischen Kerns

 

Das erste Thema war schnell abgehandelt. Genau genommen war es kein neues, denn  Schnorrenbauers hatten ihre gesamte Verwandtschaft schon vor Jahren für eine eigene Aktionsgruppe zusammengetrommelt und stellten jeden Monat neue Anträge, um den Umsatz aus der Ernte ihrer Gärten zu steigern. Da Schnorrenbauers allerdings in politischer Hinsicht nicht unter einen Hut zu bekommen waren, zeigte keine der Parteien bzw. Ratsmitglieder Interesse am Thema, mit Ausnahme von Herrn Klein, welcher Pflaumenmus über alles in der Welt liebte und sogar auf seine Käsebrötchen strich. Der Abstimmzettel war schnell entworfen:

 

Möchten Sie steuerlich belastet werden, damit die regionale Pflaumenmus-            Produktion massiv subventioniert werden kann? (0 Punkte)

     JA : Unter der Bedingung, dass eine extra-Behörde für diesen Zweck

     geschaffen wird.

 

     NEIN:  Mus ist im Discounter billig genug.

 

Flüsternd bekundete Neumann seinem Freund Voigt ein paar Bedenken: „Der Vorschlag verlangt doch eigentlich keine Behörde, und so viele Pflaumenmus-Produzenten hat die Kommune nun auch wieder nicht, oder?“ Voigt schüttelte lächelnd den Kopf: „Sicher. Das Dutzend Anbauer heute wird sich mit einer Subventionsverordnung pro Jahr mindestens verdoppeln. Bald wird man für Kirschen, Birnen und Rhabarber ‚gleiche Subvention für gleiche Arbeit‘ einfordern! Sag mal mein Lieber, willst  du deine Gemeinde schon mit den ersten Beschlüssen in den sicheren Ruin treiben?“

Neumann schluckte; sein Freund hatte recht. Es war ihm plötzlich peinlich, eine derart dumme Frage gestellt zu haben. Aber gut, dass er sich auf Voigt und seine Umsicht verlassen konnte. Mit einem leichten, verständnisvollen Schulterklopfen seinerseits wurde der Zweifel ad acta gelegt.

 

~

 

Das zweite Thema war etwas heikler. Die meisten der Anwesenden hatten Kinder oder Enkel, die am Kinderfest teilnehmen würden, wobei der eingeladene Clown stets in Begleitung seiner neunköpfigen Jazz-Band „die schrägen Besen“ anreiste. Da war unter 3.000 Euro nichts zu machen, von den üblichen Folgeschäden des jährlichen Ereignisses mal abgesehen: etwa zwei Dutzend Klagen wegen Lärmbelästigung nach 23 Uhr, zerbrochene Bänke in der Zufahrtsstraße und im letzten Jahr sogar ein noch junger, herausgerissener Baum, der als Material für ein Lagerfeuer diente. Nach zweistündiger Debatte wurde auch diese Hürde genommen:

 

Möchten Sie ein hoch-edukatives Programm für die Kleinsten beim jährlichen     Kinderfest, mit Freibier für die begleitenden Erwachsenen? (5 Punkte)

            JA:      Unter der Berücksichtigung, dass die Kinder nach der Aufführung

                       von freien Helfern gebührenfrei beaufsichtigt werden.

            NEIN: Aber sollte JA gewinnen, wäre ich gern freier Helfer beim Fest.

 

Dieses Mal kam Voigt seinem Freund Schultern-klopfend zuvor: „Keine Sorge, das Bier wird wie immer gesponsert.“

 

Nach der verdienten Mittagspause im Ratskeller ging es um 15 Uhr in die entscheidende Runde. Als Voigt zum Auftakt den von ihm vorbereiteten Bauvorschlag präsentierte, stockte nicht nur Neumann der Atem: Die neue Umgehungsstraße führte westlich des Zentrums quer durch den Park!

 

Schlammberger wetterte als erster los: „Dabei ginge wenigstens die Hälfte der Bäume im Park drauf! So ein bekloppter Vorschlag kommt nicht mal in der Klapsmühle durch!“ Steinschweiger schnappte verlegen nach Luft, während Frau Seiler zu bedenken gab: „Immerhin würde die neue Straße die Anfahrt zur psychiatrischen Klinik erleichtern.“ Sie warf Schlammberger einen wütenden Blick zu; den Begriff ‚Klapsmühle‘ würde jener noch bereuen; schließlich hatte sie dort ihre wöchentliche Selbstfindungs-Therapie.

 

Die Debatte stand somit 1 : 1. Demzufolge war eigentlich alles geregelt bzw. festgefahren, denn Schlammberger und Seiler vertraten die beiden großen Parteien im Rat: Purpur gegen Lila, die zentrale gegen die mittlere Mitte, zwei unversöhnliche ‚Gemeinde-Anschauungen‘ wie man zu sagen pflegt. Jede Seite rollte nun ihre schwersten Geschütze in Form unausweichlicher Fragen heran:

 

- Krummbach: „Warum nicht hinter dem Park?“

- Voigt: „Zu weit. Damit wird das Projekt für die Subvention aus der Landeskasse   zu teuer.“

- Kreuzer: „Warum den Kern nicht im Osten umgehen?“

 

- Voigt: „Weil wir dann das dort geplante Villen-Viertel weiter hinaus verlagern müssten; dorthin wo Schnorrenbauers ihre Kartoffel-Äcker haben.“ 

 

Ein Stöhnen ging durch den Saal. Neumann begriff überhaupt nichts und schaute hilflos auf Voigt. Sein Freund klärte ihn flüsternd auf: „Eine alte Geschichte. Vor ein paar Jahren wollte eine Initiative einen Kulturpark. Für das Gelände haben wir damals eine Reihe Kleingärtner mit der neuen Anlage ›Es grünt so grün‹ entschädigt, für einen symbolischen Aufpreis. Der Volksentscheid kam jedoch nicht durch; das im Abstimmungstext erwähnte wöchentliche Rockkonzert wollte niemand. Um den Fehler wieder gutzumachen, haben die Ratsmitglieder das gesamte Grundstück unter sich aufteilend für denselben symbolischen Preis zurückgekauft. Zufällig meldete sich Monate später die Baufirma Schmier & Schlier, zwecks Bauvorhaben für ein neues Villen-Viertel. Das für den Kulturpark vorgesehene Gelände war für dieses Projekt nahezu ideal.“

 

Mit gehobener Stimme setzte er fort: „In diesem Falle werden Schnorrenbauers ihr Land an die Baufirma verkaufen, während die Parzellen für den ehemaligen Kulturpark zwecks Straßenbaus von der Gemeinde zwangsenteignet werden müssen. Dafür muss der gesetzlich festgelegte Höchstpreis von 12,50 EUR pro ha eingehalten werden.“

 

Mehrere Minuten lang herrschte betretene Stille im Saal; nur Steinschweigers auf und ab schmirgelnder Adamsapfel war zu hören. Neumann blickte verzweifelt in die nicht weniger verzweifelten Gesichter der Ratsmitglieder. Sein Projekt schien zum Scheitern verurteilt.  Schließlich murmelte Voigt abwesend vor sich hin: „Kurios; Grundlach würde in Zukunft ZWEI Parks haben, jeweils einen zu beiden Seiten der Straße!“ Darauf rief er: „Ich hab‘s! Mit der JA-Stimme wandeln wir den alten Park in ein Naherholungsgebiet um: mit einem Kinderspielplatz im vorderen und einem Biergarten im hinteren Bereich. Dort kann man später sogar neue Bäume pflanzen.“

 

Die Welle der Erleichterung glich einem Jubel; sogar Steinschweiger ließ ein ‚Ja!‘ vernehmen. Voigt hatte einen Ausweg gefunden. Neumann würde seine Umgehungsstraße bekommen (Schmier & Schlier waren selbst für solche Projekte in der Region eine Referenz), kleine Kinder könnten nach Belieben spielen und größere ihre Eltern vom Biergarten abholen.

 

 ~

 

Zwei Stunden später saßen die beiden wie in alten Zeiten in der Kneipe an der Bushaltestelle. Am schwierigsten sei es stets, meinte Jochen, einen Konsens für eine Mehrheit im Rat zu finden. „Das Volk schlägt vor. Das Volk entscheidet. Aber die Fragen müssen immer noch wir bestimmen!“

 

Neumann nickte bedächtig und schlürfte am Bier. Eine neue Marke, die ihm sein Freund zur Probe bestellt hatte. Schlecht schmeckte es nicht, wobei …, er ahnte nicht, dass er dieses Bier noch sehr oft trinken würde. Zum Beispiel beim jährlichen Kinderfest und irgendwann bei der Einweihung der Umgehungsstraße, im Biergarten im neuen Park …

 

ENDE


Michael Voß, Jahrgang 1961, ist Maschinenbauingenieur. Als Ausgleich zu seinem von Technik geprägten Arbeits-alltag schreibt er Fantasy-Romane und Kurzgeschichten, tanzt Salsa und übt sich in koreanischer Kampfkunst. Der Patchwork-Familienvater von drei inzwischen erwachsenen Kindern lebt mit seiner Frau in Bielefeld. Hier ein veritabler Vor-geschmack seiner Talente. Gut Gänsehaut ...!

DAS WAHRE GESICHT

(Urheberrecht & Copyright by Michael Voß)

 

Die Sonne ging auf im Gesicht Boguls, König von Bormet:

   „Seid willkommen, Gero von Kaldenstein! Es ist mir eine Freude, dass Ihr meine Einladung angenommen habt!“

 

Der Druide im grüngrauen Umhang verzog keine Miene:

   „Bedauerlich ist hingegen, dass ich die Freude Eurer Majestät nicht teilen kann.“

 

Wut verzerrte das Gesicht des Tyrannen und auf einen Schlag war es still im Thronsaal.

 

Doch schon hatte Bogul wieder sein liebenswürdiges Lächeln aufgesetzt

  „Warum das, werter Gero? Hat es Euch auf der Reise an etwas gemangelt? War die Kutsche vielleicht nicht weich genug gefedert? Oder hat man Euch den caldanischen Wein nicht angeboten, den ich eigens für Euch beschaffen ließ?“

 

Die eisgrauen Augen des Angesprochenen blitzten auf, seine Stimme jedoch blieb kühl:

 

   „Ich bevorzuge es, bei der Sache zu bleiben und die Dinge beim Namen zu nennen, Majestät.“

 

Das Lächeln des Herrschers gefror zur Maske und wieder hielt der Saal den Atem an. Zu hören war nur das Kratzen der königlichen Fingernägel auf den Armlehnen des Thrones. Die Stimme des Tyrannen klang gepresst:

   „Nun, Gero, Ihr wart noch nicht hier zu Gast, daher sei Euch Euer ungebührliches Verhalten verziehen, bis meine Leute Euch die Regeln hierzulande erklärt haben. Seid versichert, dass sie recht geübt darin sind.“

 

Der Rabe auf der Schulter des hochgewachsenen Druiden gab einen kehligen Laut von sich. Beruhigend strich Gero dem schwarzen Vogel über das Gefieder:

   „Wohl wahr. Die erste Lehrstunde haben sie mir bereits gegeben!“

Schuldbewusst senkte der Leibwächter zur Linken des Königs den Blick.

„Lehrstunde? Was meint Ihr damit?“, fragte der Tyrann verständnislos.

 

Der Mittvierziger mit den seltsamen Tätowierungen blieb gelassen:

 

   „Eure Leibgarde lehrte mich die hierzulande übliche Bedeutung des Wortes. Was in Bormet Einladung heißt, nennt man anderswo Nötigung, Euer Wort Reise bezeichnet das, was bei uns ein Gefangenentransport ist.“

 

„Bedeutung des Wortes - ach was, halten wir uns nicht länger damit auf!“, rief Bogul jovial und winkte den Bewaffneten an Geros Seite:

    „Geleitet unseren Gast an seinen Platz! Mundschenk! reiche er Herrn von Kaldenstein einen Willkommenstrunk!“

 

Mit zwei auf seinen Nacken gerichteten Hellebardenspitzen nahm Gero gegenüber dem Tyrannen Platz und sagte halblaut:

    „Ein Vorschlag zur Güte, Majestät: Schickt Euren Hofstaat hinaus, dann können wir uns die Förmlichkeiten sparen!“

 

Mit kalten Augen starrte der König den wettergegerbten Druiden an, der sich nach wie vor unbeeindruckt zeigte.

 

Bogul klatschte in die Hände: „Unser Gast ist müde von der Reise! Der Empfang ist beendet!“

 

Kurz darauf hatten die Höflinge, Diener, Musikanten und Gaukler den Saal verlassen, einzig der Leibwächter und die Gardisten waren geblieben. Zum ersten Mal lächelte der Druide:

 

„Also, Euer Majestät, was wollt Ihr von mir?“

 

„Macht mich gesund, Gero!“

 

„Ah. Nun denn, was plagt Euch?“

 

Der Tyrann beugte sich vor und flüsterte:  „Der Verlust  meiner Manneskraft.“

    „Hm. Dafür lasst Ihr mich eigens herbringen? Warum das?“

 

Bogul raunzte: „Ich folge dem Rat des königlichen Hofmedicus. Nachdem er alles Mögliche vergeblich versucht hatte, sagte er, jetzt bliebe nur noch Elfenmagie oder der Spiegel von Meister Gero, um mich zu heilen.“

 

Gero zuckte mit den Schultern: „Der Spiegel ist nicht mehr in meinem Besitz. Er wurde mir im letzten Frühjahr geraubt. Aber warum konsultiert Ihr nicht einfach eine ordentliche Hexe? Erkrankungen wie die Eure sind ein Spezialgebiet meiner naturverbundenen Standesgenossinnen.“

 

Der Tyrann knirschte mit den Zähnen, sein Gesicht verfärbte sich Zorn rot.

  „Ich verstehe“, meinte der Druide beiläufig. „Nachdem Ihr sämtliche Hexen Bormets vertrieben oder auf dem Scheiterhaufen verbrannt habt, würde ein solches Tun Euren, hm, Überzeugungen zuwiderlaufen.“

 

Ein Schatten flog über das Gesicht des Leibwächters. Bogul jedoch schnaubte verächtlich und winkte. Kurz darauf brachte ein Diener ein Kästchen aus Mahagoniholz. Der König öffnete es und entnahm ihm einen fein gearbeiteten Handspiegel, dessen Glas tiefschwarz glänzte: „Nun, ist das hier Euer Spiegel?“

 

Der Druide nickte.

 

„Ich habe hineingeschaut, bin aber nicht genesen. Warum?“, verlangte Bogul zu wissen.

    „Nun, der Spiegel schläft sozusagen. Es bedarf der Magie, um ihn aufzuwecken.“

    „Dann weckt ihn gefälligst auf!“

 

Gero schüttelte den Kopf: „Ich rate dringend davon ab, Euer Majestät. Schon deshalb, weil der Spiegel Euch nicht helfen kann.“

    „Warum nicht, zum Henker? Eure Spiegel-Heilungen sind geradezu legendär! Ihr habt den Kaiser damit vom Stottern befreit, eine caldanische Prinzessin aus dem Irrsinn geholt und dergleichen mehr! Ich bin ebenfalls adelig, also wird der Spiegel auch mich gesund machen!“

 

„Der Stand ist nicht entscheidend für den Erfolg. Zudem heilt der Spiegel nicht, vielmehr hilft er dem Leidenden, von selbst zu gesunden“, antwortete der Druide.

 

Unwirsch fragte der König: „Wie soll das gehen?“

    „Indem er dem Schauenden zeigt, wer er wirklich ist. Die Prinzessin mit der Hasenscharte, der man von Kindesbeinen an eingeredet hat, sie sei hässlich, dumm und zu nichts nutze, erblickte im Spiegelbild ihr wahres Gesicht. Nämlich das, was ihrem warmherzigen und klugen Wesen entsprach: makellos und voller Liebreiz. Der Anblick der Wahrheit hat sie nicht nur vom Irrsinn genesen lassen, auch ihre Hasenscharte hat sich mit der Zeit ausgewachsen.“

 

Verständnislos starrte der Tyrann den Druiden an, dann schnauzte er: „Weckt den Spiegel auf! Sofort!“

 

Keiner bemerkte das feine Lächeln Geros, als er den magischen Gegenstand aus der Hand des Königs entgegennahm und Worte in einer fremden Sprache murmelte. Als hätte jemand Sternenstaub darauf gestreut, glitzerte das schwarze Glas einen Moment lang auf. Dann war es silbern geworden.

 

Gierig griff der Tyrann nach dem Spiegel und sah hinein.

 

Eine Weile lang starrte er verwundert. Schließlich drehte er sich ein wenig hin und her, um sich auch von den Seiten zu betrachten.

Kopfschüttelnd und ohne den Blick zu wenden, befahl er seinem Leibwächter:

    „Robak!!! Sag´ mir, was du hier siehst!“

Über die Schulter seines Herrn hinweg schaute der junge Gardist in den Spiegel und erbleichte entsetzt.

 

Ungeduldig fragte der König: „Sag´ schon, Robak, wo zum Teufel bin ich denn in diesem Spiegel hier? Ich sehe nur ein gehörntes Ungeheuer, in dessen Augen der Irrsinn flackert.“

 

Der Wächter schluckte und stotterte: „Nun, Herr, ich, ähm...“

 

Bogul winkte ab: „Lass es gut sein! Ich sehe schon: Dieser Hundsfott von einem Druiden will mir die Heilung verweigern! Werft den Drecksack in den Kerker - ich lasse ihn gleich morgen vierteilen und den Hunden zum Fraß vorwerfen.“

 

Verzweifelt suchte Robak den Blick Geros, der ihm freundlich zulächelte und unauffällig nickte. Der Rabe machte einen weiten Flügelschlag.

 

Ein unmerklicher Ruck ging durch den Wächter, dann zog er das Schwert, holte aus und schlug seinem Herrscher den Kopf ab.

 

 

ENDE

 

 

 


Esther S. Schmidt lebt in Frankfurt am Main. Seit 2005 ist sie in Zeitschriften und Anthologien vertreten und hat mit ihren Kurzgeschichten bereits mehrere Preise gewonnen. Mit ihren Romanen bewegt sie sich im Bereich der Phantastik. 2016 erschien ihr dystopischer Roman "DIE ZWEITE FINSTERNIS" bei Papierverzierer. 2020 folgte die Fantasy-Trilogie "DIE CHRONIKEN DER WÄLDER" bei dotbooks. Unter Pseudonym hat sie einen Steam-Punk-Roman veröffentlicht.

 

Wir freuen uns, unseren Leserinnen und Lesern eine Kurzgeschichten-Rosine von ihr vorstellen zu dürfen. Gute Unterhaltung.

 

DIE FREMDEN

(Urheberrechte und Copyright © by Esther Schmidt)

 

   "Sie kamen in Schiffen, in riesigen Raumschiffen, die Schatten über unsere Städte warfen und die Welt in Dunkelheit tauchten. Sie kamen mit überlegenen Waffen und einer Technik, der wir nichts entgegenzusetzen hatten. Wir versuchten es dennoch. Wir kämpften – und wir starben. Sie warfen uns um Jahrhunderte zurück, zerstörten unsere Häuser, unsere Gesellschaft, unser Leben. Mit ganzen Kontinenten auf der Flucht blieb niemand mehr, der die Toten hätte begraben können. Massengräber klafften wie offene Wunden in verwilderten Äckern. Aasfresser vermehrten sich, strichen in Rudeln durch das Land.

 

Die Überlebenden versklavten sie, zwangen sie, den Mördern zu dienen. Wer sich widersetzte, verschuldete nicht den eigenen Tod. Er musste zusehen, wie andere getötet wurden. Sie kannten alle Facetten der Grausamkeit, wussten zu quälen über das natürliche Maß hinaus. Sie folterten bis zum Tode und dann riefen sie ihr Opfer ins Leben zurück, um es weiter missbrauchen zu können.

So beugten wir unsere Nacken und unsere Knie – doch niemals unsere Seelen. Wir verschlossen unseren Mund, unser Herz – doch niemals unsere Augen. Wir dienten – und wir lernten. Wir lernten die Grausamkeit, die kalte Berechnung, wir lernten die Wissenschaft und die Technik, die der unseren so überlegen war. Wir lernten zu warten.

Jetzt ist unsere Zeit gekommen. Der Widerstand erstarkt, der Geist der zersplitterten Nationen vereinigt sich. Wir erheben uns und wir werden kämpfen...“

"Sehr pathetisch!"

Simon zuckte zusammen und die Tinte hinterließ einen unschönen Klecks auf dem Papier. Unwillig drehte er sich zu dem Mann um, dessen spöttisches Gesicht über seiner Schulter schwebte.

"Tebrim! Musst du dich immer so anschleichen?"

Tebrim grinste. "Es bleibt mir ein Rätsel, wie ein schreckhafter Bücherwurm wie du in den Widerstand gehen konnte."

"Es werden eben nicht nur dumpfe Schläger gebraucht", entgegnete Simon säuerlich. "Und was treibt dich in die gefürchtete Nähe von Büchern?"

„Inara ist da – und sie hat einen der Fremden dabei!“

„Was?!“ Simon sprang auf und ballte die Fäuste. „Wie viele sind es?“

Tebrim lachte. „Nur einer, Simon, nur einer, mach dir nicht in die Hosen! Wir brauchen dich als Übersetzer!“

Die Sprache der Fremden war nicht geeignet für die Zungen der Opfer. Die Diener hatten gelernt zu verstehen, um gehorchen zu können, aber kaum einer konnte die Sprache der Eroberer auch sprechen. Simon gehörte zu den wenigen, denen es gelungen war, die merkwürdigen Laute, die sie produzierten, verständlich genug nachzubilden.

Mit klopfendem Herzen folgte Simon dem bulligen Soldaten durch die Gänge ihrer unterirdischen Festung, und als er den Versammlungsraum betrat, sträubten sich ihm die Nackenhaare. In der Mitte des Raumes, gefesselt auf einem Stuhl, saß einer von DENEN, ein fremdartiges, erschreckendes Wesen, ein verhasster Feind.

Die Fremden waren riesig. Selbst ihre Frauen überragten Simon um mindestens eine Kopfes Länge. Ihre gelblich-weiße Haut war schwammig und unbehaart bis auf die langen Strähnen, die aus ihren Köpfen wuchsen. Sie waren hässlich, und dieses Individuum umso mehr, als es sich um einen alten, männlichen Vertreter seiner Gattung handelte.

Simon ballte die Fäuste, um sich selbst Mut zu machen. Dann atmete er tief ein und trat auf den Alten zu. "Ich spreche deine Sprache, Herr."

Er biss sich auf die Lippen, aber das Wort war nicht zurück zu nehmen. Sie hatten ihm diese Anrede eingeprügelt, hatten jede mangelnde Ehrerbietung mit Stromstößen durch seinen Halsring geahndet. Es saß zu tief.

Er nahm sich vor weniger unterwürfig zu sein – immerhin war dies ein Verhör. Dieser Fremde war ein Gefangener, waffenlos und allein. Sie mussten ihn nicht mehr behandeln wie einen Herrn.

Langsam hob der Fremde den Kopf und sah Simon an, offensichtlich überrascht von dessen Sprachfähigkeit. Er öffnete den Mund und sagte langsam und mit bemühter Deutlichkeit: „Ich bin alt. Ich habe ein schwaches Herz. Ihr könnt mich foltern, aber ihr riskiert dabei, mich zu töten. Stattdessen biete ich euch meine Hilfe an.“

Simon war so perplex, dass er den Alten nur stumm anstarrte. Er brauchte einen Moment, um sich klar zu werden, was die Worte bedeuteten. Schließlich fragte er: „Du bist bereit, deine eigene Art zu verraten? Weshalb?“

Der Alte zögerte mit der Antwort. „Weil es nicht richtig ist. Wir dürften nicht hier sein.“ Er schwieg, aber Simon wusste, er würde noch etwas sagen, also ließ er ihm Zeit. Schließlich blickte der Fremde hoch. „Wir haben unsere eigene Welt zerstört, darum mussten wir sie verlassen. Wir flogen durch das All in einer Starre, die dem Tod sehr ähnlich war, bis die Systeme eure Welt fanden. Sie schien uns jung und unverbraucht, und sie war unsere einzige Hoffnung.“

In Simons Kopf schwirrte es. Diese wenigen Sätze enthielten so viele Antworten, nach denen sie immer wieder gesucht hatten. Wo kamen die Fremden her? Weshalb waren sie hier? Würden noch mehr von ihnen kommen?

„Ihr habt also eure eigene Welt zerstört“, wiederholte er bedächtig. „Und nun wollt ihr die unsere. Aber sie gehört euch nicht. Wir werden verhindern, dass ihr auch sie zerstört.“

Der Alte nickte. „Die Schiffe wurden mit den Besten von uns bestückt – den Klugen, den Reichen, den Mächtigen. Wir sind die letzten unserer Welt.“ Er zögerte und eine unbestimmte Trauer trat in seinen Blick. Mehr wie zu sich selbst murmelte er: „Wenn wir nicht mehr sind, ist unsere Kultur vergangen, unsere Geschichte, unsere Literatur, unsere Musik. All das Schöne, das war, das Erhabene und Großartige, wird verschwunden sein.“

Simon sah den Schmerz im Gesicht des Gefangenen und für einen Moment regte sich Mitleid in ihm. Der Fremde hatte recht. Verschüttete Erkenntnisse der Wissenschaft konnten wiederentdeckt werden, aber ein vergessenes Lied war für immer verloren. Er wusste das, denn er selbst hatte Museen brennen sehen, hatte Gedichten in seinem Gehirn Zuflucht gewährt, bevor er die Bücher zurückließ. Mit der Erinnerung daran kam die Wut zurück.

„Ebenso verschwinden werden der Schmerz und das Leid, die ihr gebracht habt!“

 

Der Fremde schien getroffen. „Vielleicht hat uns das künstliche Koma verändert“, sagte er. „Vielleicht aber sind wir tatsächlich so, wie ihr uns sehen müsst: böse, grausam, herrschsüchtig. Macht ist verführerisch – sehr verführerisch. Und hier hatten wir Macht. Jeder von uns konnte ein kleiner König werden.“ Er atmete tief ein und schüttelte den Kopf.

 

„Und nun willst du das ändern?“ Der Spott in Simons Stimme war nicht zu überhören. Konnte es wirklich sein, dass dieser Fremde anders war als der Rest seiner Art? Durften sie das glauben?

"Ich habe schon lange mit dem Gedanken gespielt, euch zu unterstützen.“

„Du bist ein Spion“, widersprach Simon. „Du willst verhindern, dass wir stark werden, denn du weißt, was dann geschähe.“

Der Fremde senkte den Kopf und nickte. „Ihr werdet keinen von uns am Leben lassen. Zu viel haben wir euch angetan, zu tief sitzt der Hass.“

„Das ist richtig“, pflichtete Simon ihm bei und versuchte, sich das Mitleid zu verbieten.

„Es tut mir leid, dass ihr nur die dunklen Seiten unseres Wesens gesehen habt. Aber es gibt andere. Inara dient seit drei Jahren in meinem Haus, sie kann dir davon erzählen.“

"Das kann sie sicher", gab Simon kalt zurück, "und sie wird sich hüten, etwas anderes zu tun, denn sie trägt noch immer den Sklavenring um den Hals."

Der Alte schüttelte traurig den Kopf. "Ich weiß, es ist schwer. Ich bitte euch, mir zu vertrauen, aber nach allem, was wir euch angetan haben, ist das nahezu unmöglich." 

„Ein Instrument?“, Simon sah den Alten verständnislos an.

„Ein Zupfinstrument. Inara spielt es wunderbar. Sie ist eine Künstlerin.“ Der Fremde nickte wie um seine eigene Aussage zu bekräftigen. „Als ich sie hörte, wurde mir klar: wir dürfen nicht eure Kultur zerstören, um unsere zu erhalten. Wir hatten unsere Chance, unsere Welt. Dieses hier ist die eure, und ihr werdet eure eigene Kunst haben, eure Schönheit, eure Erhabenheit. Ihr steht noch am Anfang, darum schauen viele von uns auf euch herab, aber ihr werdet wachsen und blühen. Ihr habt das Recht darauf, ebenso, wie wir es hatten.“ Er atmete tief ein, und der Ausdruck von Trauer auf seinem Gesicht verwandelte sich in Zuversicht. „Ihr werdet euren eignen Homer haben, euren Leonardo da Vinci, euren Mozart. Und vielleicht gelingt es eurem Volk, die Fehler zu vermeiden, die wir Menschen begangen haben.“

 

ENDE

 

 


Achim Hildebrand schreibt seit seinen Teenagerjahren über Themen, die er auch gerne liest: Science Fiction, Fantasy, Horror und alles was mit abenteuerlicher Phantastik zu tun hat.

 

Seine Texte sind in zahlreichen Anthologien erschienen, darunter Kurzgeschichten, Artikel und Übersetzungen. Ferner erschien 2008 sein Fantasy-Roman Meuchelsänger – Das Auge des Chaos – und 2018 Aileen, eine Sammlung von Horror-Kurzgeschichten des klassischen englischen Autors Algernon Blackwood, wofür er die deutschen Erstübersetzungen anfertigte.

 

Er ist außerdem Mitherausgeber des Horror-Magazins Zwielicht, das mittlerweile in 15 Ausgaben erschienen ist.

 

Beruflich schreibt er als technischer Redakteur Handbücher für industrielle Software.

Nein, dachte Nidel, du bist ein noch zu kleines Mädchen, für das man Nekronten schlachten muss.

Eigentlich wollte Nidel, der Meuchel-Sänger, nur seiner Liebsten einen Gefallen tun. Doch kaum ist das Schiff, das ihn dem Ziel seiner Träume näher bringen sollte, havariert, folgen ihm schon Chaosbestien, liebestolle Söldner und seltsam tanzende Religionisten.

Nidel muss sich seinem Schicksal stellen, wenn die Welt nicht im totalen Chaos versinken soll. Kann man einem Eiszwerg trauen? Einem Causalomanten? Oder gar einem geschäftstüchtigen Nekronten?

 

Bezugsquelle: Direkt beim Autor,

Preis: Euro 10.- zzgl. Versandkosten

 

                 info@achim-hildebrand.de

Aileen: und weitere unheimliche Geschichten (Deutsch) 

Taschenbuch  14. Mai 2018

von

 

Algernon Blackwood (Autor) 

Achim Hildebrand     (Autor)

Michael Schmidt         (Autor) 

Björn Ian Craig    (Illustrator)

 

Bezugsquelle: Amazon.de

 

Zwielicht Sonderband des englischen Autors Algernon Blackwood (1869 bis 1951). Er war insbesondere bekannt für seine, von unterschwelligem Schrecken geprägten Gruselgeschichten. Er gab auch an, selbst Geistererscheinungen gesehen zu haben, die er in seinen Geschichten verarbeitete.

 

Dem Publikum wurde Blackwood später auch als Radiomoderator bekannt.


Für unsere Leser ausgesucht, die fantastische  Horror-Geschichte der SMERGS.

(Urheberrechte und Copyrights © by Achim Hildebrand)

 

 

Smergs

 

“Nnnnnhhhh”, die Anspannung und Frustration eines ganzen missratenen Tages verließen Claudia in einem einzigen wohligen Seufzer, als sie sich bis zum Kinn ins angenehm heiße Wasser gleiten ließ. Der duftige Schaum kitzelte und knisterte in ihren Ohren. Sie ließ es mit einem wohligen Nasenkräuseln geschehen und lehnte sich entspannt zurück.

 

So bleib ich jetzt liegen, dachte sie, einfach liegen, bis das Wasser kalt ist …
Ihr Blick wanderte träge über das rötelfarbene Wolkenmuster der Kacheln, ein unaufgeregtes, beruhigendes Muster, ohne aufdringliche Kontraste oder kitschige Dekorbilder. Nur unterbrochen durch die hellen Pfade der Fugen.


Sie stutzte. Da war etwas, das die weiße Harmonie der Linien unterbrach, direkt über ihrem Unterarm, der auf dem Rand der Wanne ruhte. Neugierig beugte sie sich vor. Es war ein bräunlich-grauer Fleck, der sich in die Fuge schmiegte, kaum länger als ein Streichholz. Nicht nur eine Verfärbung, sondern unverkennbar ein Belag, der auf dem unschuldigen Weiß haftete. Sollte das etwa Dreck sein?


Verdrossen runzelte sie die Brauen. Sie konnte sich nicht vorstellen, eine solche Schmutzkruste übersehen zu haben. Sie putzte ihr Bad dreimal die Woche gründlich und bis in die letzte Ecke, aber das hier sah aus, als habe es sich über Wochen - wenn nicht Monate - angesammelt … festgesetzt … eingefressen …


Claudia war kurzsichtig. So kurzsichtig, dass sie nie sicher war, welche Schuhe sie gerade trug. Darum konnte sie mit den Augen ganz nahe herangehen und mit fast mikroskopischer Schärfe auch die kleinsten Einzelheiten erkennen. Es sah aus wie eingetrockneter, vergrauter Seifenschaumschorf, durchsetzt mit abgebrochenen Haarspitzen, zusammengebackenen Hautschuppen und seltsam schmierigen Filamenten, deren Natur sie nicht näher bestimmen konnte. Möglicherweise waren es alte, verklebte Spinnweben.


Seltsam, dachte sie, es sieht aus wie eine winzige Landschaft. Mit Bergen, Höhlen und Tälern. Sie schauderte bei der Vorstellung, diese kleine Welt sei bewohnt von kleinen, ekligen Mikroben. Mikroben, die an den filigranen Spinnwebsäulen hinauf zu ihren Höhlen krabbelten, darin verschwanden und dort ihren sinistren Bazillengeschäften nachgingen.


Claudia schnaubte unwillig. Das konnte sie nicht so bleiben lassen. Mit einem solchen Dreckflecken neben sich konnte sie ihr Bad nicht genießen. Auf keinen Fall. 
Hektisch kletterte sie aus der Wanne, trocknete sich flüchtig ab, kramte ein neues Scheuerschwämmchen aus dem Unterschrank und tränkte es mit Fugenreiniger.


Der durchdringende Geruch allein und die cremige Konsistenz beruhigten sie schon ein wenig. Sie versprachen Reinheit und Makellosigkeit. Claudia presste den Schwamm auf die Fuge und rieb ihn kräftig hin und her. Puh, der Flecken war widerspenstig – so, als habe er Wurzeln in der Fugenmasse. Nur ganz allmählich wurde er blasser, und sie musste mehrere Male die Hand wechseln, bis er so weit verschwunden war, dass sie auch bei schärfstem Hinsehen keine Verfärbung mehr wahrnehmen konnte.


Zufrieden stieg sie wieder in die Wanne und spürte, wie die Entspannung zurück kehrte. Jetzt war alles richtig. Das war ihr Bad, wie es sein sollte, und nun konnte sie sich auch fühlen, wie sie sich fühlen wollte.


Als sie eine Stunde später zu Bett ging, hatte sie die Sache schon fast wieder vergessen und schlief auf der Stelle ein. 

 

“Claudia!”


Die Stimme war leise, sonor und angenehm, doch so einsam und erratisch in der Stille ihres Schlafs, dass sie erschrocken die Augen aufriss.


“Ja?", wollte sie sagen, aber ihre Stimme gehorchte ihr nicht. Ihr ganzer Körper war wie gelähmt. Es war die klassische Alptraumsituation: Man träumt, dass man wach ist und sich nicht rühren kann – und obwohl man weiß, dass man träumt, kann man nicht wirklich erwachen.
Claudia kannte das. Sie hatte es schon zwei, drei Male erlebt. Aber noch nie hatte sie Stimmen dabei gehört.


“Claudia!”


“Ja?”, dachte sie.


“Du musst nicht erschrecken. Es tut mir leid, wenn ich dich beunruhige, aber es bleibt mir keine andere Wahl. Ich muss unbedingt mit dir sprechen.”
Sie dachte ein zögerndes Nicken.


“Gut. Mein Volk ist nämlich in einer schlimmen Situation – und das hat leider mit dir zu tun.”


“Mit mir?”


“Du weißt nichts von uns, deshalb machen wir dir auch keine Vorwürfe. Aber du machst es uns sehr schwer, bei dir zu überleben. Gestern Abend hast du Conajoharodonawaga, eine unserer größten und prächtigsten Städte vernichtet. Nicht ein Einziger hat überlebt. Es ist eigentlich nicht üblich, dass der Mensch, mit dem wir zusammen leben, von uns weiß. Aber wenn wir nicht untergehen wollen, müssen wir uns mit dir beraten. Ich bin tief in deinen Kopf vorgedrungen – was uns normalerweise verboten ist – so dass ich mit dir sprechen kann.”


“Ich habe keine Stadt zerstört. Das ist ein ziemlich blöder Traum.”


“Erinnerst du dich an den Fleck in deinem Badezimmer? An die Fünfzigtausend meiner Artgenossen lebten in den Höhlenfestungen dort. Frauen und Kinder und erfahrene Jäger. Sie werden uns sehr fehlen.”


“Wer seid ihr?”

“Ich bin Shlorm, vom Volk der Smergs. Genauer gesagt: vom Volk der Claudia-Smergs. Jede Menschenwohnung ist auch die Heimat eines Smerg-Volkes. Und der Mensch, der in der Wohnung lebt, ist der Gott dieses Volkes. Deshalb kommen wir in aller Demut zu dir. Nicht als Rebellen und nicht, um dir Vorhaltungen zu machen – so schwer unsere Verluste auch sind. Aber du wusstest bisher nichts von uns, sonst wärst du sicher vorsichtiger gewesen. Wir wollen dich nur bitten, uns unser Dasein nicht unmöglich zu machen. Lass uns ein paar kleine Winkel in deiner Wohnung, in denen wir unbehelligt leben und dir dienen können.”


“Mir dienen? Seid ihr intelligente Staubmilben oder so etwas … Parasiten?”
“Staubmilben? Hah! Wir jagen sie! Mein Bruder hat einen Umhang, der ganz aus den Fühlerhaaren von Staubmilben gewebt ist.”


“Dann seid ihr am Ende sogar nützlich?”


“Hm, hm, wie man’s nimmt. Die Staubmilben jagen wir für uns, weil wir von ihnen leben. Für dich … tun wir etwas anderes.”


“Etwas anderes? Es hört sich seltsam an, wie du das sagst. Was ist es?”
Die Stimme zögerte wieder mit der Antwort.


“Nun, wir sorgen dafür, dass du dich in deinem Leben und in deiner eigenen kleinen Welt ein bisschen wohler fühlst – vielleicht sogar glücklicher – , ohne dass du so recht weißt warum.”


“Aaahaaa”, dachte Claudia gedehnt. “Und wie genau macht ihr das?”
Erneut machte Shlorm eine lange Pause.

“Hast du dich schon einmal gefragt, wie es kommt, dass beim Fensterputzen die Scheiben nie ganz blank werden, oder dass es in deinem Schlafzimmer immer ein ganz kleines bisschen muffig riecht, egal wie lange du lüftest?
Oder weißt du, warum die Gläser im Schrank blind werden, auch wenn du sie nicht benutzt? Das ist unser Dienst den wir für dich leisten.
Wir sorgen auch dafür, dass der Stoff um die Knöpfe herum nie ganz glatt wird, wenn du Hemden bügelst, und dass du, auch wenn du gerade erst geduscht hast, schon nach einer halben Stunde unter den Achseln wieder leicht nach Schweiß riechst. All das tun wir für dich, weil du unsere Göttin bist.”


“Seid ihr verrückt? Warum macht ihr so etwas?”


“Wir tun es, damit deine Freunde dich gerne besuchen - und dich auch einladen, weil sie kein schlechtes Gewissen haben müssen, wenn ihre eigenen Wohnungen nicht so sauber sind wie deine und weil … "


“Und das alles soll ich hier in meiner Wohnung dulden?”
Shlorm fuhr unbeirrt in seinen Ausführungen fort:


“Und wir tun es auch, damit es für dich nach, 'zu Hause’ riecht, wenn du abends von der Arbeit zurückkommst. Damit deine Katze dich wieder erkennt, wenn du sie nach dem Urlaub aus der Tierpension abholst …"

 

“Ihr seid verrückt, ihr macht aus meiner Wohnung einen Schweinestall, einen … Seuchenherd!”


Trotz ihres Ausbruchs behielt Shlorms Stimme ihren fast hypnotisch sanften Klang:
“Ich weiß, dass diese Enthüllungen dich verwirren und überraschen. Du musst natürlich erst darüber nachdenken und ihre tiefere Bedeutung verstehen. Damit dir dies leichter fällt und du erkennst, wie sehr wir dich lieben und verehren, vertraue ich dir eine wundervolle Neuigkeit an:

Wenn du dafür sorgst, dass wir nicht ständig um unser Leben fürchten müssen, werden wir dir einen prächtigen Tempel errichten.”


“Einen Tempel? Wo?”


“In deiner Küche. Unter dem Rand des Mülleimerdeckels klebt eine prachtvolle, uralte Dreckkruste. Wie geschaffen für ein Heiligtum. Unsere Arbeiter haben bereits mit den Fundamenten begonnen.”


“Im Mülleimer?”


“Ein Mülleimer ist es für dich. Für uns ist es ein Kontinent. Ein Kontinent, den wir in deinem Namen erobern und dessen Schätze wir ausschließlich zu deiner Verherrlichung verwenden. Wir sind ein sehr empfindsames und kunstbeflissenes Volk und unsere Künstler …"


“Quatsch, ihr seid hundsgewöhnliche, widerliche Bazillen.”


“Das siehst du falsch, wir …”


“Ich werd’ euch ausrotten, mit Stumpf und Stiel! Keine Sekunde länger dulde ich ein solches … Ungeziefer in meiner Wohnung.”


Fast übergangslos, nur mit einem leichten Zucken und Schaudern, fühlte Claudia, dass sie wach war und sich wieder bewegen konnte. Seltsam – für gewöhnlich verblassten ihre Träume, sobald sie die Augen öffnete. Spätestens beim Frühstück konnte sie sich an nichts mehr erinnern. Nur die geträumten Gefühle schwangen noch eine kurze Weile nach. Aber dieses Mal konnte sie sich an jedes Wort erinnern – und an die Zimmerdecke, an die sie die ganze Zeit über gestarrt hatte.


Sie krabbelte aus dem Bett und ging in Richtung Badezimmer, um Morgentoilette zu machen. Aber auf halbem Weg hielt sie inne, grübelte einen Moment, runzelte die Stirn und lief dann rasch die Treppe hinunter und in die Küche. In der Nische zwischen Wand und Spüle stand der Mülleimer, unschuldig und bedrohlich zugleich. 

 

Von außen wirkte er blitzsauber: poliertes Chrom und der samtschwarze Gummi der Dekorprofile. Ihr Spiegelbild auf der sanft gewölbten Oberfläche schenkte ihr ein spöttisch verzerrtes Lächeln.
   Du hast sie nicht alle, sagte sie zu sich selbst. Aber noch während sie es dachte, hatte sie sich bereits vorgebeugt und den Deckel zurückgeklappt.
 Sie zuckte zusammen. Da war ein Fleck. Ein kleiner Streifen rotbraune Schmiere, die den Ritz zwischen Gummiprofil und Metall füllte. Wahrscheinlich war es ein Rest eingetrockneter Ketchup.


Claudia schluckte schwer. Der Traum …? Nein nein, das war Unsinn. Sicher hatte sie den Fleck irgendwann gesehen, aber nicht bewusst wahr genommen. Und ihr Unterbewusstsein hatte den Traum darum herum gewebt. Mit einer alten Zahnbürste und etwas Stahlreiniger schrubbte sie den Fleck aus ihrer Welt.
Aber sie nahm den Vorfall zum Anlass, ihre gesamte Wohnung nach verdächtigen Ecken und Nischen abzusuchen. Alles, was nach Schmutz, Staub, Schmiere oder Fleck aussah, wurde weggewienert, ausgewischt und zerbürstet.
Müde und zerschlagen, mit schmerzenden Knien, aber auch mit dem befriedigenden Gefühl, diesmal nichts übersehen zu haben, sank sie am Abend ins Bett und schlief augenblicklich ein.

“Claudia?”


“Ja?”

“Das war ein schlimmer Tag für unser Volk. Hunderttausende sind durch den Zorn ihrer Göttin gestorben. Dein Tempel und dein Standbild sind zerschmettert durch deine eigene Hand. Wir, dein Volk, wissen nicht, wodurch wir uns diesen Zorn zugezogen haben, aber wir haben verstanden. Du willst nicht mehr länger unsere Gottheit sein, und da keiner unserer Priester mehr am Leben ist, gibt es auch in meinem Volk niemanden mehr, der dich verehren will. Für uns geht es jetzt ums nackte Überleben. Deshalb haben wir beschlossen, die uns verbliebenen Städte in deiner Wohnung aufzugeben und in einer sichereren Gegend zu siedeln.”


“Wo?”


“Auf deinem Körper. Das ist unsere einzige Chance. Du kannst ihn nicht behandeln wie deinen Fußboden oder die Polstermöbel. Deshalb sind wir nur hier sicher. Ich weiß, es ist ein einmaliges Sakril …”


“Ich erwisch euch überall!!!”


Claudia erkannte verstört, dass sie aufrecht im Bett saß und die Wand angeschrien hatte. Mit einem hervorgewürgten Ächzen sprang sie auf und hastete ins Bad. Unter der heißen Dusche schrubbte sie sich ab, bis ihr ganzer Körper krebsrot war und die Haut glühte wie die einer Fieberkranken.


Anschließend cremte sie sich mit einer desinfizierenden Salbe ein, die eigentlich gegen Pilzinfektionen gedacht war und hoffte, den kleinen Biestern damit den Rest zu geben. Aber sicher war sie sich nicht, und darum wiederholte sie diese Prozedur von nun an jeden Tag.


Das beständige Waschen und die Desinfektionsmittel bekamen ihrer Haut nicht gut. Zuerst wurde sie rissig und begann in kleinen blassen Schuppen abzuschilfern. Dann verbreiterten sich die Risse, die Ränder entzündeten sich, Pusteln blühten auf und feuchter Schorf breitete sich aus.


Claudia hatte immer Probleme mit ihrer empfindlichen Haut gehabt, sie aber mit hochwertigen Lotionen und Pudern recht gut im Griff gehabt. Jetzt halfen die Lotionen nicht mehr. Sie verbanden sich mit dem Schorf zu unansehnlichen gelbbraunen Krusten, die hässliche Flecke in der Wäsche hinterließen. Nur im Gesicht gelang es ihr, mit Hilfe teurer medizinischer Cremes und viel Schminke, die Haut weiterhin makellos und glatt zu erhalten. Für sie war dies kein Grund, in ihren Bemühungen nachzulassen. Im Gegenteil, mit den tiefen, unzugänglichen Hautrissen gab sie sich besondere Mühe. Sie waren wahrscheinlich ideale Verstecke
 für die Smergs.

 

Claudia blieben die schädlichen Nebenwirkungen ihres Tuns nicht verborgen und sie wusste, dass sie nicht ewig so weitermachen konnte. Auch Ihre Bekannten und Arbeitskollegen sprachen sie schließlich auf den besorgniserregenden Zustand ihrer Hände an. Zwar stets mit der gebotenen Zurückhaltung und Feinfühligkeit, aber immer öfter und eindringlicher. Deshalb setzte sie sich eine Frist. Wenn die Träume bis dahin nicht wiederkehrten, wollte sie die Sache als erledigt betrachten und ihre normalen Gewohnheiten wieder aufnehmen.


Aber Träume kehren immer wieder!


“Claudia?”


“Seid ihr es wieder? Ich dachte …"


“Nur ich, Shlorm. Aber ich spreche für alle meines Volkes – für die wenigen jedenfalls, die noch am Leben sind.”


“Ich hatte gehofft, euch alle erwischt zu haben. Wo steckt der Rest von euch?”


“Du hast selbst deinen eigenen Körper nicht geschont, um uns zu vernichten. Damit haben wir freilich nicht gerechnet. Deshalb mussten wir noch einen Schritt weitergehen. Jetzt werden wir kämpfen und Rache nehmen!”


“Was könntet ihr mir wohl sonst noch antun?”


“Der Rest unseres Volkes hat in den Falten und Poren deines Gesichts Zuflucht gefunden. Jetzt werden wir dir zeigen, was Grabenkrieg bedeutet!”


“Falten? Grabenkrieg? Was habt ihr vor?”


“Wundere dich nicht, wenn du in nächster Zeit unreine Haut und Pickel im Gesicht bekommst …”


“Ihr erbärmlichen Drecksbiester!!!”


“Jahaaa, wir wissen wo’s wehtut!”


“Ich auch – darauf könnt ihr wetten!”


Diesmal erwachte sie weinend. Nun auch die Makellosigkeit ihres Gesichts aufgeben zu müssen, raubte ihr fast den Verstand und zerbrach für den Augenblick jeglichen Willen. Aber sie wusste, dass sie keine Wahl hatte, wenn sie je wieder ihre innere Ruhe finden wollte.


Und – so tröstete sie sich – es war der letzte Preis, den sie zahlen musste, um wieder Herrin über sich selbst zu werden. Danach würde alles gut werden – schön, rein und … und … wie es früher war.


Sie ließ sich wegen einer vorgetäuschten Nervenschwäche krankschreiben und besorgte sich starke Desinfektionsmittel in der Apotheke. Den Telefonstecker zog sie aus der Wand und die Wohnungstür schloss sie von innen ab. Wenigstens sollte niemand, auch nicht durch Zufall, mitbekommen, was jetzt mit ihr geschah.


Dann machte sie sich daran, die Smergs in ihrer letzten Zuflucht zu vernichten. Was schadete es, dass ihre Augen zu schmalen Schlitzen verquollen und ihr Haar strähnenweise ausfiel? Dass sich ihre Mundwinkel entzündeten und die Haut sich in rotes Pergament verwandelte? Wichtig war der Zweck und die Gewissheit, sich ein für alle Mal von diesem Fluch zu befreien. Auch auf den Trümmern einer Ruine konnte man etwas neues, schönes aufbauen.


Aber sie fühlte sich sterbenselend. Die geschundene, entzündete Haut und die Desinfektionsmittel vergifteten ihren Körper. Ihr Kreislauf machte immer öfter schlapp, und sie musste sich zwingen, regelmäßig zu essen. Allein der Geruch der Lebensmittel ließ ihr schlecht werden.


“Claudia!”


Ihre Antwort war ein leises, kraftloses Schluchzen. In Shlorms Stimme schwang diesmal eine unerbittliche Härte, die ihr Angst machte.


“Du hast es fast geschafft. Doch nicht ganz. Ich bin der Letzte meines Volkes. Aber ich werde überleben. Ich werde von nun an in deinem Kopf bleiben. Unangreifbar für dich. Ich werde dir erzählen, von meinem Hass und meiner Verzweiflung … und von meiner Trauer. Du wirst meine Gefühle teilen und sie fühlen, wie ich sie fühle. Und ich werde bei dir sein – jede Nacht!”


Strobach, der untersuchende Kommissar wandte sich kopfschüttelnd an Inspektor Battenfeld, seinen Assistenten.


“Hab ich das richtig verstanden? Sie hat sich einen Stielkamm durchs Ohr bis ins Hirn gebohrt?”


Battenfeld nickte und zuckte mit den Achseln, als müsse er sich für irgend etwas entschuldigen.


“So ist es, Chef. So was ist mir noch nicht untergekommen.”


“Und die ganzen verschütteten Desinfektionsmittel?”


“Wissen wir noch nicht. Unser Psychologe hält es nicht für unmöglich, dass irgendein seltsames Ritual im Spiel war.”


“Und was denken Sie persönlich?”


“Selbstmord vielleicht. Für eine junge Frau muss es sicher eine ungeheure Belastung sein, so …”, er zögerte kurz, “ … so auszusehen.”


Strobach stemmte die Hände in die Hüften und schüttelte wieder den Kopf.
“Junge, Junge”, sagte er. Und noch einmal: “Junge, Junge!”

 

ENDE

 

 

 


Mit „BIEDENBACH“ gelingt Achim Hildebrand eine weitere Geschichte, die kribbelnde Spannung erzeugt. Erleben Sie als Leserin und Leser, was sich Biedenbachs Büro Mitarbeiter, Brosig, einfallen lässt, um mit scheinbar harmlosen Mitteln die extrovertierte und störende Art Biedenbachs etwas zu korrigieren, um das Ambiente im Büro wieder erträglich werden zu lassen.

BIEDENBACH

(Urheberrechte und Copyrights © by Achim Hildebrand)

 

Schritte dröhnten die Treppe hinauf, dazu ein hallendes Räuspern und ein rhythmisch geschüttelter Schlüsselbund. Biedenbach war im Anmarsch.

 

Brosig seufzte leise und versuchte, die Nase hochzuziehen. Es ging nicht. Beide Nasenlöcher waren verstopft und mehr als ein gequältes Fiepen in den Nebenhöhlen kam nicht dabei heraus. Er verstand nicht, wieso eine derart verstopfte Nase trotzdem ständig laufen konnte und langte nach den Papiertaschentüchern.

 

Die Bürotür schwang auf und eine wuchtige Gestalt schob sich herein. Bedächtig aber unaufhaltsam wie ein Erdrutsch.

 

"Moin, Moin!"

   "Moin", prustete Brosig in sein Taschentuch. Biedenbach war da.

 

Er stampfte zu seinem Schreibtisch, rückte den Sessel zurecht und ließ sich mit einem wohligen "Aaaach" hinein sinken. So blieb er einen Moment sitzen, schaute prüfend aus dem Fenster und beugte sich dann mit einem "Uiuiui" hinunter, um seinen PC einzuschalten. Während der Computer hochfuhr, schaute Biedenbach ihm dabei zu, wobei er leise aber resonant       "Dubdidudidu" vor sich hin blubberte.

 

Brosig tupfte sich die letzten Reste Feuchtigkeit von der Nase. Sie war wund und er scheute davor zurück, sie zu berühren. Von dem Frösteln, den Gelenkschmerzen und den entzündeten Mandeln ganz abgesehen. Eine Erkältung hatte viel gemeinsam mit Biedenbach. Beides musste man erleiden. Der Unterschied war nur: Die Erkältung ging irgendwann wieder vorbei - Biedenbach blieb.

 

Dabei war er gar nicht so verkehrt, ein guter Kumpel, hilfsbereit und teamfähig und gute Arbeit leistete er überdies.  Und ruhig, in dem Sinn, dass er nicht zu viel redete, war er auch. Eigentlich der ideale Bürogefährte, wäre da nicht sein Drang gewesen,  fast jede seiner Tätigkeiten mit einem Geräusch oder einem kurzen Kommentar zu begleiten oder sie besonders laut auszuführen. Demonstratives Räuspern, unartikulierte Lautketten, Klatschen auf die Oberschenkel, immer wiederkehrende Melodiefetzen, auch Rülpser in allen Variationen - Biedenbachs Repertoire war unerschöpflich.

 

"Oaaaa." Er stemmte sich wieder aus dem Sessel hoch und stampfte hinüber zur Kaffeemaschine.

   Brosig hatte sich selbst immer wieder damit zu besänftigen versucht, dass er eben überempfindlich sei, dünnhäutig, wegen der vielen Sorgen, die ihn drückten. Und, dass Biedenbachs Geräuschkulisse nichts anderes war als Ausdruck von Lebensfreude und Wohlbefinden. 

 

Es half alles nichts – Biedenbach ging ihm auf die Nerven. Und in letzter Zeit ertappte er sich immer häufiger beim Grübeln darüber, was er vielleicht tun konnte, um dessen Äußerungstrieb einzudämmen. Ihn deswegen anzusprechen schien so sinnvoll, wie einen Motor zu bitten, etwas leiser zu dröhnen. Forderungen oder gar Befehle von einem Typ wie Kurt Brosig an einen Reiner Biedenbach waren auch kein gangbarer Weg ...

 

"Schlrlrchfssst." Biedenbach hatte an seinem Kaffee genippt.

 

... eine Intrige spinnen, die dafür sorgte, dass Biedenbach gekündigt oder wenigstens in ein anderes Büro versetzt wurde – Brosig machte sich nichts vor, für so etwas war er zu schlicht gestrickt. Das würde in die Hose gehen. Oder zum Betriebsarzt gehen und ..., bloß nicht, er war eh schon so oft krank und wenn er sich nun auch noch als nicht belastbar erwies – als schlechter Kollege ... Kriminelle Dinge, wie etwa, Biedenbach etwas in den Kaffee zu tun, kamen erst Recht nicht in Frage.

 

Es schien keinen Ausweg zu geben. Wenn er Pech hatte, würde er die nächsten zwanzig Jahre mit Biedenbach in diesem Büro verbringen. Aber das hieß auch, dass er früher oder später durchdrehen würde ...

 

"Aaaaaargh." Biedenbach stand vor dem Fenster und strecke sich genüsslich. Verdammt, wie machte der Kerl das bloß, sich so wohl zu fühlen?

 

In der Mittagspause ging Brosig grundsätzlich in die Kantine, da Biedenbach in dieser Zeit meist im Büro sitzen blieb, um im Internet zu surfen, oder durch den nahe gelegenen Baumarkt bummelte. Brosig hatte sich heute für eine Kohlroulade entschieden und sich an den Tisch hinter der großen Dieffenbachie gesetzt.

 

Er war etwas spät dran. Die Kantine leerte sich bereits wieder. Deshalb war er ein wenig überrascht, als er jemand fragen hörte:

   "Darf ich mich zu Ihnen setzen?"

 

Er schaute von seinem Teller auf. Es war Frau Gerlach aus der Controlling-Abteilung. Eine der wenigen Kolleginnen, die er näher kannte, weil er bei ihr seine Zeitaufschreibungen abgeben musste.

  "Klar", er nickte. Etwas zu spät, denn sie hatte schon ihre Handtasche über die Stuhllehne gehängt und sich gesetzt. Wie meistens hatte sie sich nur einen Kaffee geholt. 

 "Eigentlich hätte ich ja auch Roulade genommen", begann sie übergangslos.

   "Aber bei Rindfleisch bin ich immer ein bisschen skeptisch. Wenn man das nicht richtig behandelt, wird es leicht trocken und zäh."

    "Die hier geht eigentlich", sagte Brosig.

"Übermorgen wollen sie im Nelkenweg eine Baustelle aufmachen", wechselte sie das Thema.

   "Dann kommt man nur noch über die alte Bergwerksstraße zur Autobahn. Für mindestens drei Monate. Da muss man morgens vorneweg eine Viertelstunde früher aufstehen ... "

 

Während er schweigend weiter aß, hüpfte sie von einem Thema zum anderen. Sie kannte ihn als ruhigen Vertreter und störte sich nicht daran, dass er nicht viel redete. Dass er heute aber überhaupt nichts sagte, fiel ihr schließlich doch auf.

 

"Sie sind aber still heute", sprach sie ihn direkt an. "Und so richtig gut aussehen tun Sie auch nicht. Fühlen Sie sich nicht wohl?"

   "Bisschen erkältet", brummte er kauend.

"Erkältet? Ach Sie Armer. Warten Sie mal, da hab ich was für Sie."

Sie drehte sich nach ihrer Handtasche und holte ein braunes Glasfläschchen hervor. Brosig beäugte misstrauisch das handgemacht wirkende Etikett.

   "Was ist das?"

"Steinrosentinktur. Zwölfte Potenz. Das hilft mir immer sehr gut, wenn ich spüre, dass eine Erkältung im Anzug ist."

   "Was Homöopathisches?"

"Stimmt", sagte sie. Und als sie die leichte Abneigung in seinem Blick bemerkte, fügte sie hinzu.

   "Wieso?"

"Das hilft doch nur, wenn man fest dran glaubt."

 

Sie hob leicht die rechte Braue.

 

"Also Frau Zörb nimmt es, Herr Weigand und Frau Büchner auch. Und alle sind sehr damit zufrieden." Sie schraubte das Fläschchen auf und nahm ihren Teelöffel in die Hand. "Hab ich noch nicht benutzt", versicherte sie.

   "Ich mein ja nur, ich hab mal gelesen, die Sachen sind so verdünnt, dass da gar nichts mehr drin ist, was wirken könnte."

Sie seufzte etwas ungehalten.

   "Ach ja. Das wird von den etablierten Ärzten immer wieder aufgewärmt. Aber die haben das Prinzip überhaupt nicht verstanden."

   "Welches Prinzip?"

"Na, wie diese Medikamente wirken. Es kommt nämlich gar nicht darauf an, dass da ein Wirkstoff drin ist. Wichtig ist, dass er einmal drin war."

Brosig schaute sie zweifelnd an und sie fuhr fort: 

 

"Das Wasser kann nämlich wegen seiner Struktur sämtliche Informationen über einen Wirkstoff und seine Eigenschaften speichern und sie weitergeben. Das heißt, wenn man den Wirkstoff wieder rausnimmt, bleibt die Wirkung trotzdem erhalten. Und es hat keine Nebenwirkungen mehr. Wasser ist übrigens für sich schon ein faszinierender Stoff. In Japan hat man da in den letzten Jahren ganz erstaunliche Entdeckungen gemacht."         Sie hatte einen Zuckerwürfel auf den Löffel gelegt und begann Tropfen zu zählen.

 

"Hört sich ziemlich eigenartig an", sagte Brosig. "Also alles, was ich stark verdünne, wird dadurch zum Medikament? Das müsste einem doch auffallen, ich meine, wenn man aus einem Glas Alka Seltzer trinkt, es nicht richtig ausspült und nachher wieder draus trinkt..."

   "So simpel ist es wieder nicht. Die Wirkung muss noch aktiviert und verstärkt werden, indem man es genau nach Vorschrift schüttelt. Aber das ist sehr kompliziert. Da weiß ich auch nicht so genau Bescheid drüber. Jetzt nehmen Sie schon." Sie hielt ihm den Löffel hin, auf dem der feuchte Zuckerwürfel langsam in sich zusammenfiel.

 

"Steinrose hab ich noch nie gehört."

 

"Das ist ein Kraut, das dieselben Erscheinungen hervorruft wie eine Erkältung. Das ist auch so ein Prinzip in der Homöopathie, dass man Gleiches mit Gleichem behandelt. Es ist gewissermaßen so, dass das Abwehrsystem denkt, man sei erkältet und entsprechend Abwehrkräfte bereitstellt. Der Körper heilt sich praktisch selbst."

   "Aber..."

"Sogar die Krankenkasse bezahlt manche homöopathischen Sachen. Die sind heute absolut anerkannt."

   Brosig griff nach dem Löffel. Wenn ohnehin nichts drin war und er Frau Gerlach einen Gefallen damit tat ...

Es schmeckte nur süß, wegen des Zuckerwürfels, und ein klein wenig nach Alkohol.

 

"Wie lange braucht das denn, um zu wirken?"

   Frau Gerlach zuckte mit den Achseln.

"Ist vielleicht unterschiedlich. Aber bei mir und bei allen die ich kenne, wirkt es spätestens nach einer Stunde."

   "Bin mal gespannt." Brosig schob dem süßen Geschmack den letzten Bissen Roulade hinterher.

   "Es ist übrigens bald vorbei mit den Zeitaufschreibungen", sagte Frau Gerlach, während sie das Fläschchen wieder verstaute. "Die Administration hat jetzt eine Software besorgt, mit der man die Zeiten übers Netzwerk festhalten kann."

   "Oh ...", 'dann sehn wir uns ja gar nicht mehr' hätte er fast hinzugefügt. Aber er ließ es bleiben. Frau Gerlach war wie er, alleinstehend und Mitte vierzig. Recht attraktiv noch dazu. Im Hinterkopf hatte er immer die Absicht gehabt, sie eines Tages anzusprechen und vielleicht zum Essen einzuladen, oder ins Kino ... Doch er hatte es immer vor sich hergeschoben. Er sah sie ja jeden Freitag und konnte warten, bis sich die passende Gelegenheit ergab. Jetzt war es wahrscheinlich zu spät, denn bis Juni würde er sich kaum dazu entschließen können, sie doch noch anzusprechen. Die Begegnungen in der Kantine ergaben sich eher zufällig und selten.

 

Er fühlte ein tiefes Bedauern.

 

Der Rest des Tages verlief wie gewöhnlich, außer, dass Brosig nun auch noch die Niedergeschlagenheit darüber quälte, den regelmäßigen Kontakt zu Frau Gerlach zu verlieren.

 

Erst auf der Heimfahrt wurde es besser, als er fühlte, dass seine Erkältung abzuklingen begann. Anscheinend wirkten diese Tropfen doch  – auch wenn ihm das Prinzip, dass das Wasser sich irgendetwas merken sollte, und dass man das durch Schütteln verstärken konnte, weiterhin absurd erschien. Gleiches mit Gleichem, das war doch reiner Schamanis ..., er wäre fast auf die Bremse getreten, als ihm ein Gedanke kam.

 

Schamanismus hin oder her – wenn das mit der Homöopathie tatsächlich so funktionierte und man Schlechtes mit Schlechtem behandelte, musste das dann nicht genauso gut umgekehrt gehen? Gutes mit Gutem?

 

Angenommen, jemand platzte vor Wohlbehagen, so etwa wie Biedenbach zum Beispiel, und man gab ihm etwas, das Wohlbehagen erzeugte in homöopathischer Aufbereitung ..., dann musste dies doch dem Wohlbehagen entgegenwirken. Unwohlsein statt Wohlgefühl, Niedergeschlagenheit statt guter Laune. Und jemand, der so empfand, war nicht lebensfroh und nach außen gekehrt, sondern zog sich eher still in sich zurück. Brosig kannte das von sich selbst.

 

Und wenn es funktionierte, nur mal angenommen, dann würde es sich nicht mal nachweisen lassen. Es war ja nichts drin als irgendwelche Informationen innerhalb des Wassers. So weit war die Kripo noch nicht, dass sie die auslesen konnte. Viel würde es der behandelten Person auch nicht schaden. Es war ja nur ein erzeugtes Gefühl, keine direkte Wirkung auf den Organismus.

 

Aber was sollte man nehmen? Als Erstes fiel ihm Alkohol ein, aber er verwarf den Gedanken wieder. Alkohol war ja ohnehin in den Tropfen, wahrscheinlich um sie haltbarer zu machen.  Er brauchte sowieso noch mehr Informationen, bevor er etwas herstellen konnte. Von Homöopathie hatte er nie etwas gehalten und sich daher auch nicht weiter damit beschäftigt.

 

Brosig versenkte sich so in die Idee, dass er Mühe hatte, auf den Straßenverkehr zu achten und froh war, als er seinen Wagen vor dem Mietshaus parken konnte, in dem er eine Zweizimmer-Wohnung bewohnte.

 

Normalerweise hatte er seinen festen Ablauf, wenn er Feierabends nach Hause kam: Essen auf den Herd stellen, eine Stunde Haushaltsarbeit und Abendessen und dann Fernsehen oder Internet. Viele Abweichungen gab es davon normalerweise nicht. Aber heute setzte er sich gleich an den Computer und suchte im Internet nach Informationen darüber, wie man homöopathische Mittel herstellte. Es gab jede Menge davon und bald fühlte er sich in der Lage, sein eigenes Präparat anzufertigen.

 

Was er als Wirkstoff nehmen würde wusste er jetzt auch: Vor fünf Jahren hatte er depressive Phasen gehabt und vom Arzt einen Tranquilizer bekommen. Davon besaß er noch eine halbe Packung. Das war genau das richtige für seinen Plan. Tranquilizer munterten auf, hoben die Stimmung und sorgten dafür, dass man sich wohl genug fühlte, um seine Depressionen zu vergessen. Als homöopathische Aufbereitung würde das Zeug der Logik nach Niedergeschlagenheit, Trübsinn und Antriebslosigkeit erzeugen.

 

Nach einer Standardrezeptur pulverte er eine Tablette und setzte sie mit der entsprechenden Menge Wasser an. Noch einen Schuss Alkohol dazu und fertig.  Er ließ die Lösung zwei Stunden stehen, filterte sie dann ab, verdünnte sie bis zur zwölften Potenz und schüttelte sie entsprechend der Vorschrift. Dann füllte er sie in ein leeres Hustensaftfläschchen und legte dieses in seinen Aktenkoffer.

 

Es kamen ihm natürlich leise Zweifel, ob es in Ordnung sei, mit einem anderen Menschen derartige Experimente zu machen. Aber war es ein Experiment, jemandem einige Tropfen einer Flüssigkeit zu verabreichen, die chemisch gesehen nichts als Leitungswasser war?

 

Es war eine Maßnahme, die auf wackligen theoretischen Beinen stand. Vielleicht wäre die Erkältung auch ohne Frau Gerlachs Tropfen abgeklungen. Aber Brosig ließ sich darauf ein, weil sie seinem Charakter entsprach, unaufdringlich, unmerklich, ohne Aggressivität und Konfliktpotential. Und wenn es Probleme gab, hatte sie sozusagen nicht einmal stattgefunden. Das mochte er.

 

Biedenbach hatte die Gewohnheit, zur Toilette zu gehen, sobald er den Kaffee aufgesetzt hatte, wo er sich etwa zehn Minuten lang aufhielt. Als er das Büro verlassen hatte, stand Brosig auf und ging zum Kühlschrank, auf dem die Kaffeemaschine zischte und gluckerte. Er holte das Fläschchen aus der Tasche und schraubte es auf. Seine Hände zitterten dabei. Immer mit der Ruhe, er hatte jede Menge Zeit. Und so früh am Morgen kam noch niemand unerwartet zur Tür herein ... Brosig ließ das Fläschchen wieder sinken. Und wenn doch? Es gab immer ein erstes Mal. Außerdem, wenn die Wirkung von Dauer sein sollte, musste er Biedenbach die Tropfen jeden Tag verabreichen. Aber wenn der nun einmal unvermutet zurückkam, weil er irgendetwas vergessen hatte. Das war schon vorgekommen, und irgendwann würde er Brosig dabei erwischen, wie er sich am Kaffee zu schaffen machte. Brosig, der gar keinen Kaffee trank. Da würde er sofort Verdacht schöpfen.

 

Sein Blick fiel auf das Kännchen mit Kondensmilch. Das war die Lösung. Biedenbach nahm seinen Kaffee grundsätzlich mit Milch. Er würde selber dafür sorgen, täglich seine Tropfen zu bekommen. Rasch schüttete er etwa ein Viertel des Fläschchens in das Milchkännchen.  Besser etwas mehr. Er hatte nie darauf geachtet, wie viel Milch Biedenbach in seinen Kaffee gab.

Als dieser zurückkehrte, saß Brosig wieder an seinem Schreibtisch und blickte wie immer auf die Datenbankseiten auf seinem Bildschirm. Aber diesmal verfolgte er unter halb gesenkten Lidern genau, was Biedenbach tat.  Doch was sollte er schon Ungewöhnliches tun, wo er doch keine Ahnung hatte, was vorging? Er holte sich einen Kaffee, vergaß auch die Milch nicht und machte "Aaaargh", als er sich setzte, so, als habe er eine Zwanzig-Kilometer-Wanderung hinter sich.

 

Sein Verhalten änderte sich zunächst nicht. Er sorgte auch weiterhin für den gewohnten Geräuschteppich. Rief ein oder zweimal "Ou Baby", machte des Öfteren "Uh, uh, uh", rülpste und tappte rhythmisch mit den Füßen.

 

Einen Nebeneffekt hatte die Sache aber schon: Diesmal störte es Brosig nicht so sehr, denn die Geräusche gehörten jetzt sozusagen zum Befund.

Als Biedenbach nach Mittag aus dem Baumarkt zurückkam, hatte Brosig zum ersten Mal den Eindruck, dass er sich etwas ruhiger verhielt. Die Pausen zwischen seinen Lauten schienen eine Idee länger zu sein als sonst. Und bis zum späten Nachmittag verstärkte sich dieser Eindruck noch etwas. Aber Biedenbach war immer noch aktiv genug, um ihm auf die Nerven zu gehen. Gut, er war auf dem richtigen Weg, dachte Brosig. Morgen würde er seinem Kollegen die doppelte Dosis geben und schauen, was passierte.

 

 

* * *

 

Am folgenden Morgen schien sein Kollege wieder ganz der Alte. Er ächzte, blubberte und tappte wie in seinen besten Zeiten. Die Dosis war also nicht nur zu niedrig gewesen, sie hatte auch nicht lange vorgehalten.

 

Brosig wartete wieder Biedenbachs Toilettenpause ab und ging zum Kühlschrank. Diesmal gab er die doppelte Dosis in die Milch. Das musste jetzt reichen, denn sie begann schon ziemlich dünn zu wirken. Wenn er noch mehr hineinschüttete, würde Biedenbach es sicher bemerken. Abgesehen davon, dass er plötzlich ein Milchkännchen besaß, das nie leer zu werden schien. Aber Brosig war zuversichtlich, denn sicherheitshalber hatte er das Fläschchen am Abend zuvor noch ein bisschen geschüttelt, um die Wirkung zu verstärken.

 

Es klappte tatsächlich. Zwei Stunden, nachdem Biedenbach seinen ersten Kaffee getrunken hatte, war er nicht mehr wiederzuerkennen. Er saß mit hängenden Schultern vor seinem Monitor, seufzte hin und wieder leise oder schüttelte sacht den Kopf. Aber seine "Uh, uh, uh"'s und die anderen Lautäußerungen waren wie abgeschnitten. Im Büro herrschte eine fast surreale Stille, nur durchdrungen vom leisen Summen der PC-Lüfter.

 

Brosig atmete innerlich auf. Es hatte funktioniert und er hatte auf den Punkt die richtige Dosis erwischt. So musste er es beibehalten. Immer wenn ein neues Milchkännchen besorgt wurde, würde er es entsprechend präparieren und Biedenbach wäre der angenehmste Bürokollege, den man sich denken konnte. Natürlich gab es noch hier und da ein paar kleine Schwächen in diesem Plan. Was zum Beispiel, wenn Biedenbach die Freude am Kaffeetrinken verlor? Egal, dann verflog die Wirkung des Mittels, er würde sich besser fühlen und wieder anfangen Kaffee zu trinken. Ein paar Stunden lang dann und wann ließ sich der "alte" Biedenbach sicher ertragen. Aber seiner Frau musste es natürlich auffallen, wie ihr Mann sich verändert hatte. Und? Was sollte sie tun? Sie würde ihn vielleicht zum Arzt schicken. Der würde nichts Organisches finden, irgendetwas wie Burn-Out diagnostizieren und ihn vielleicht für eine Zeit lang in Kur schicken. Umso besser, dann war er sogar ganz weg. Vielleicht vernachlässigte er auch seine Arbeit und wurde zwangsversetzt oder gar gekündigt. Welche Perspektive Brosig auch wählte, jede war günstig.

 

Er ertappte sich dabei, wie er leise und gutgelaunt vor sich hin pfiff. Ab heute würde alles anders werden. Er würde wieder gerne ins Büro gehen, einen entspannten Tag dort haben und abends ebenso entspannt nach Hause kommen. Vielleicht ging sogar sein ständiges Sodbrennen weg. Er hatte immer den Verdacht gehabt, dass es mit dem Stress durch Biedenbach zusammenhing.

Auf dem Weg zur Kantine kam ihm Frau Gerlach entgegen.

   "Na", rief sie. "Sie seh'n ja wieder richtig gut aus. Also haben die Tropfen doch geholfen."

   "Und wie!", rief er lachend zurück. "In jeder Beziehung."

 

Wow, dachte er, sie hat gesagt ich sehe gut aus. Und in einem Anfall von neu erwachter Unternehmungslust beschloss er, sie am kommenden Freitag zum Essen einzuladen. Seine Hochstimmung hielt bis zum Feierabend an. Jedenfalls so lange, bis er vom Firmenparkplatz fuhr und auf das Umleitungsschild stieß. Richtig, Frau Gerlach hatte die Baustelle erwähnt, die hier heute aufgemacht werden sollte. Naja, man konnte nicht alles haben. Er folgte den weiteren Schildern, die ihn auf die alte Grubenstraße führten. Früher hatte sie als Zubringer zur  alten Kupfergrube geführt. Früher, das hieß, bis vor 60 Jahren, als die Grube dichtgemacht wurde. Seitdem hatte sich niemand um die Straße gekümmert und sie sah dementsprechend aus. Fünf Kilometer schmale Holperstrecke mit Schlaglöchern und Erdbrocken, die die Traktoren verloren hatten. Mehr als Schritttempo konnte man kaum fahren, wenn man nicht einen Satz neuer Stoßdämpfer riskieren wollte.

 

Brosig schaute auf die Uhr, um festzustellen, wie viel länger er für den Weg nach Hause brauchte, denn dementsprechend früher musste er am nächsten Tag auch aufstehen. Er kam auf zwanzig Minuten.

 

Natürlich war er doch etwas später dran, als er am folgenden Morgen ins Auto stieg. Mist. Seine Pünktlichkeit war, wie er wusste, eine der wenigen Eigenschaften, die seine Vorgesetzten besonders an ihm schätzten. Aber im Berufsverkehr hatte man natürlich kaum Chancen, Zeit gutzumachen. Nur auf der Grubenstraße hatte er ein wenig Luft, denn außer den Mitarbeitern seiner Firma benutzte sie kaum jemand. Er fuhr so schnell wie er glaubte, es dem Auto zumuten zu können.  Das Fahrzeug holperte und ruckelte, dass einem Angst werden konnte. Wenn er jetzt in ein tieferes Schlagloch fuhr, war mindestens eine Felge fällig, wenn nicht sogar ein Radlager. Aber er schaffte es immerhin, gerade noch pünktlich ins Büro zu kommen.

Dafür kam Biedenbach zu spät. Er hatte eine Einkaufstüte dabei, aus der er zwei Päckchen Kaffee und ein neues Milchkännchen holte. Das alte hatte er offenbar am Vortag geleert.

 

Brosig runzelte die Stirn. Jetzt konnte er natürlich nicht die Toilettenpause nutzen, um die Milch mit dem Mittel zu versetzen. Es war ja noch versiegelt und wenn Biedenbach es zum ersten Mal benutzte, er es auch versiegelt vorfinden musste. Vor der Mittagspause hatte Brosig also keine Chance, an das Milchkännchen heranzukommen, denn außer für den Gang zur Toilette verließ Biedenbach das Büro fast nie.

 

Wie sich herausstellte, gewann er wertvolle Erkenntnisse durch die Verzögerung, denn er bemerkte, wie die Wirkung des Mittels nachließ. Biedenbach wurde zunehmend lockerer und besser gelaunt und gegen Mittag hatte er sogar wieder ein "Ou Baby" und ein paar wollüstige Stöhner zuwege gebracht. Schon ein bisschen zu viel für Brosigs Geschmack.

   "Na, geht's heute wieder in den Baumarkt?", fragte er, als sich sein Kollege die Jacke überzog und der Tür zustrebte.

  "Yep!", sagte Biedenbach entschlossen.

"Brauch ein paar neue Fußabtreter für die Haustreppe."

   "Na dann viel Erfolg", rief ihm Brosig nach. Er ging zum Fenster um zu beobachten, wie Biedenbach das Firmengelände verließ. Dann holte er das Fläschchen aus dem Aktenkoffer und wandte sich dem Milchkännchen zu.

 

Als er aus dem Baumarkt zurückkehrte, setzte Biedenbach als erstes frischen Kaffee auf und setzte sich mit einem gutgelaunten "Yeah!" an seinen Schreibtisch. Eine Viertelstunde später trank er mit provozierendem Schlürfen die erste Tasse und aß ein paar Donuts dazu.

 

Gegen halb drei Uhr wurde Brosig von einem geschluchzten "O mein Gott!" aufgeschreckt. Er schaute am Bildschirm vorbei zu Biedenbach. Der saß zurückgesunken in seinem Sessel. Er wiegte wie in höchster Verzweiflung den Kopf hin und her, das Gesicht von Tränen überströmt und den Brustkorb von Schluchzern geschüttelt.

 

Brosig schluckte. Irgendwas war fürchterlich schiefgegangen. Er konnte sich nur nicht erklären was. Verstohlen öffnete er seinen Aktenkoffer und spähte nach dem Fläschchen. Es war noch halb voll, so wie es sein sollte. Er hatte sich also nicht mit der Dosis vertan und es war noch immer von der Mischung, die er zu Anfang benutzt hatte.

   "Geht's dir nicht gut, Reiner?", fragte er zaghaft.

"Ach, das hat doch alles keinen Wert - alles für die Katz", sprudelte es aus ihm heraus.

   "Alles sinnlos und hoffnungslos...,"

seine Stimme brach und er vergrub das Gesicht in den Armen. Brosig stand langsam auf und ging zu Biedenbachs Schreibtisch. Vorsichtig legte er ihm die Hand auf die Schulter.

   "Kann ich dir irgendwie helfen?"

Biedenbach schreckte hoch und blickte ihn aus verquollenen Augen an.

   "Helfen? Mir? Wer soll mir noch helfen? Du etwa? Sonst jemand? Es ist alles zu spät, alles ohne Sinn. Ich kann nicht mehr, ich kann echt nicht mehr."

 

Brosig merkte, wie er nervös wurde. Was sollte er jetzt machen? Biedenbachs Zustand war katastrophal. Ein schwerer depressiver Anfall. Das vernünftigste wäre, den Werksarzt zu holen und ihm eine Spritze verpassen zu lassen. 

 

"Nur ruhig Reiner. Gleich wird's dir besser gehen", sagte er sanft und beugte sich über den Schreibtisch, um zum Telefon zu greifen. Herrgott, welche Nummer hatte der verdammte Werksarzt? Seine Hand mit dem Hörer zitterte. Neben ihm stemmte sich Biedenbach aus seinem Sessel.

"Ich kann nicht mehr!", schluchzte er wieder. "Zwecklos... alles zwecklos. Mir geht's erst besser, wenn ich das alles... "

 

Noch bevor Brosig erkannte was vor sich ging, stürzte Biedenbach zum Fenster und riss es auf. Für einen Moment zeichnete sich seine Silhouette schwarz gegen den Nachmittagshimmel ab. Dann schien sie kleiner zu werden und war plötzlich verschwunden.

   "Reiner!" mit einem Schrei eilte Brosig zum Fenster und blickte hinunter. Biedenbach lag unten auf dem Hof, den Kopf und den rechten Arm unnatürlich abgeknickt. Unter seinem Gesicht quoll es dunkelrot hervor und rann die Pflasterfugen entlang. Von der Laderampe her kamen zwei Männer gelaufen.

 

Brosig merkte, wie ihm schwindlig wurde. Großer Gott, was hatte er da angerichtet. Nur wegen..., wegen ein paar absoluten Nichtigkeiten. Aber wie hatte es passieren können? Trug er überhaupt Schuld an Biedenbachs Zustand? Vielleicht gab es ja ganz andere Gründe, die dazu geführt hatten...

Sein Blick klärte sich wieder und er blickte über das Werksgelände hinaus, hinüber, wo die alte Grubenstraße sich am Wald entlang wand. Er fühlte das Holpern und Rumpeln seines Autos, sah den Aktenkoffer neben sich auf dem Beifahrersitz hopsen ...

 

Mit jäher Deutlichkeit begriff er, was geschehen war, und die Erkenntnis schüttelte ihn.

 

 

ENDE