Unsere literarische Schatzkammer

Hier ruhen ironische, sarkastische, Scifi, bis hin zu makabren Geschichten. Auch Lyrik, geschrieben von früheren sowie neuzeitlichen, aber auch von noch unbekannten Neuautorinnen und Autoren. Wir machen alle Leserinnen und Leser dieser Werke darauf aufmerksam, dass sämtliche, hier geposteten Werke, urheberrechtlich geschützt sind. Wir wünschen gute Unterhaltung beim Lesen.

 

 

Zurzeit lesen Sie in dieser Rubrik:

 

 

Michael Kothe:                        "KOSTÜME"

 

Bernhard Horwatitsch:            "DER FÜRST"

 

Dirk Tilsner:                                  "DIE UMGEHUNG DES KERNS"

 

Michael Voß:                                 "DAS WAHRE GESICHT"

 

Esther S. Schmidt:                         "DIE FREMDEN"

 

Achim Hildebrand:                         "SMERGS"

 

Achim Hildebrand:                         "BIEDENBACH"

 

Dirk Tilsner:                                    "AUS DEM TAGEBUCH EINES AUSSTEIGERS"

 

 

 

 

Schauen Sie heute Abend einmal kurz unter Ihr Bett! Vielleicht sehen wir uns?

Kostüme

(Urheberrechte & Copyrights by Michael Kothe)

 

Die Zugänge sind geschlossen, die Tiefgarage kann durchs Treppenhaus noch betreten werden, umgekehrt ist es nicht mehr möglich. Die Lichter sind herab gedimmt oder teilweise gelöscht: Feierabend im Einkaufszentrum. Langsam schiebe ich meinen Putzwagen durch die Gänge. Ich liebe diese Ruhe, diese Stille. Nun kann ich meinen Gedanken nachhängen. Trotz meiner Pflichten, denen ich artig nachkomme. Tagsüber stören mich die vielen Passanten, die sich hier durchdrängen. Einem Gehaste und Geschiebe, da komme ich oft mit meinem Wagen kaum durch.

 

Einzelne Ladenlokale sind noch nicht abgeschlossen, die Betreiber machen Kassensturz, räumen neue Ware ein für den nächsten Tag oder entspannen sich bei einer Tasse Tee, die sie in ihrer winzigen Pantry gebrüht haben. Den einen oder anderen sehe ich, wie er das Gitter herabzieht oder einfach die Glastür absperrt. Wir kennen uns. Nur vom Sehen, weshalb der gegenseitige Gruß unverbindlich bleibt.

 

Still grinse ich in mich hinein. Wie oft habe ich mir vorgestellt, wie es wäre, wenn man mich hier vergäße oder ich mich mit Absicht in einem der Geschäfte einschließen ließe. Was könnte ich alles anstellen! Mich im Uhrengeschäft bedienen und danach nie wieder arbeiten müssen – ich weiß, wie ich ans Steuergerät gelangte, ohne Alarm auszulösen –, Kassen der kleineren Läden um das Wechselgeld erleichtern  –  schließlich lassen viele Ladenbesitzer das Hartgeld in der Lade. Mein wirklicher Traum aber ist es, nur für mich selbst in einem Bekleidungsgeschäft eine Modenschau zu veranstalten. Ohne Zuschauer, ohne Zeitdruck, ohne den gestelzten Schritt und ohne das nicht nur gelangweilte, sondern auch langweilige Model Gesicht aufsetzen zu müssen. Amüsiert schüttle ich den Kopf, ich muss weiter.

Meinen Putzwagen lasse ich stehen, auch dieser Papierkorb hier am Kreuzungspunkt zweier Gänge will geleert werden. Ich klappe den Deckel auf, hieve den vollen Plastiksack hoch und drücke den neuen, leeren so weit hinein, bis er den Boden der Tonne ganz bedeckt. So schmiegt er sich auch an die Innenwand und bietet das meiste Volumen. Nicht nur meine Gewissenhaftigkeit treibt mich dazu, den Kunden und Passanten möglichst viel Raum für ihren Abfall zu bieten. Ganz uneigennützig komme ich dieser Sorgfalt auch nicht nach. So habe ich weniger vom Boden aufzuheben, was sonst daneben fiele, und an den weniger belebten Tagen kann ich den ein oder anderen Papierkorb nach einem schnellen Kontrollblick auch mal unversorgt lassen. Nun verschwindet der volle Sack in der Tonne auf meinem Karren, ich drücke meinen Rücken durch, damit das Ziehen im Kreuz nachlässt. Dabei fällt mein Blick auf das Schaufenster des Spielzeugladens gegenüber.

 

Nach allen Seiten spähe ich ins Halbdunkel der Flure hinein, entdecke niemanden. Meinen Wagen schiebe ich vor den Laden. Falls man mich sieht, wird jeder denken, ich arbeite vor diesem Fenster. Es ist Karnevalszeit. Die Dekoration ist angepasst. Eisenbahnmodelle, Puzzlespiele und Barbiepuppen haben die Bühne verlassen und Harlekins, Clowns und Cowboys ihren Auftritt ermöglicht. Wie jedes Jahr in der fünften Jahreszeit. Mein Grinsen ist nicht nur amüsiert, sondern überheblich: Dem Inhaber fällt auch nichts Neues ein. Wieder ist die Szene farbenfroh dekoriert. Konfetti, eine Tröte und einige Sheriff Sterne aus Plastik bedecken den Boden, Luftschlangen verhüllen die nüchternen Wände. So wirkt die Auslage nicht ganz so begrenzt. Die Kostüme sind in mittleren Konfektionsgrößen erhältlich, also sind ihre Träger lebensgroße Schaufensterpuppen. Bei deren Anblick seufze ich. Mein Mann und ich genießen den Karneval, gehen gemeinsam zu mancher Narrensitzung und stehen bei mindestens zwei Umzügen in der Region am Straßenrand und recken uns zum Vergnügen ab und zu, um „Kamelle“ aufzufangen. Dieses Jahr aber hat mein Mann keine Idee, als was er „gehen“ möchte. Bei dem Gedanken an die Dringlichkeit eines guten Einfalls seufze ich. Vielleicht bringt mir der Anblick der Kostüme ja eine Erleuchtung. Intensiv betrachte ich alle Schaufensterpuppen, stelle mir meinen Mann in jedem dieser Gewänder vor und gerate ins Träumen. Ein schneller Blick sagt mir, dass der Dekorateur diesmal ein Farbschema aufgebaut hat: von Schwarz links über Bunt bis zum Weiß auf der rechten Seite.

 

Ein Vampir lehnt an der linken Wand, neben ihm hebt Zorro abwehrend die Hände, Superman im hautengen blauen Outfit eilt ihm zu Hilfe und wird dabei beobachtet von einem grünen Aquaman. Doch nicht nur Männern ist diese Ausstellung vorbehalten. Rotkäppchen, in sehr wenig Stoff gehüllt, drängt sich an einen Clown im karierten Anzug, der wohl mit dem Pierrot ins Gespräch über ihr weißes Make-up vertieft ist. Nur die Jackenknöpfe und der Kegelhut des Pantomimen zeigen noch etwas Farbe, die dem Koch am Ende der Reihe gänzlich fehlt. Überrascht blinzle ich. Fast hätt ich ihn übersehen, schließlich hat er nur die halbe Höhe: Ein Nackter sitzt auf einem Dekowürfel zu Füßen des Rotkäppchens und des Clowns! Mit gekrümmtem Rücken, den linken Unterarm auf dem Oberschenkel abgelegt, den rechten auf dem anderen Bein senkrecht aufgestellt und das Kinn auf die Finger der rechten Hand gestützt. Dass dies eine ernstgemeinte Kostümierung sein soll, will mir nicht so recht in den Sinn. Wohl vielmehr als Karnevalsgag hat der Ladeninhaber diese Figur ausgestellt, als Kontrast zu seinen Kostümen.

 

Mich fasziniert die plötzliche Assoziation mit der Skulptur von Auguste Rodin. Von der fein ziselierten Textur des perfekt nachgebildeten Denkers lasse ich mich in ihren Bann ziehen. Ich gehe in die Hocke, mein Kopf lehnt beinahe an der Scheibe. Mit einer Hand schirme ich die Augen gegen die Lichtreflexe ab, während ich neugierig versuche, pikante anatomische Details zu entdecken. Unwillkürlich zucke ich zusammen. Hat sich die Schaufensterpuppe etwa bewegt, der Zorro? Erschrocken fahre ich auf. Noch immer wehrt er diesen bleichen Dracula ab, aber deutlich sehe ich noch Bewegung in seinem Umhang. Richtig geflattert hat das Cape nicht, Zorro hatte sich in der Gewalt. So wie diese Straßenkünstler, die vornehmlich in Fußgängerzonen gold- oder silberfarben unbeweglich verharren und nur ab und an ruckartig ihre Haltungswechsel vornehmen. Besonders, wenn junge Frauen zu nah an ihnen vorübergehen. Mein Blick konzentriert sich auf diesen Romanhelden, den Beschützer der Schwachen. Sämtliche Klischees der Filme spulen vor meinem geistigen Auge ab.

 

Und nun hat er sogar gezwinkert! Ein kurzes Zucken nur im linken Schlitz seiner Maske. Es kann nicht sein, und dennoch bin ich mir ganz sicher. Ein leichter Schauer fährt über meinen Rücken, im selben Moment durchfährt Zorro ein leichtes Zittern. Blödsinn, schießt es mir durch den Kopf, sein Zittern war deine Wahrnehmung, als du dich geschüttelt hast! Hörbar atme ich aus, mein verhaltendes Lachen ist befreiend. Sicherlich hatte diese Schaufensterpuppe den gleichen Gedanken wie ich auf meinen ungezählten Runden durch dieses Einkaufsparadies: Sich einfach mal einschließen lassen und die Nacht über Schabernack treiben.

 

Aufmunternd zwinkere ich der Puppe zu und fasse die Schubstange meines Wagens. Schon habe ich mehrere Geschäfte hinter mir gelassen, als meine Fantasie mich glauben macht, schnelle Schritte zu hören. Drei, vier Männer denke ich an ihren Stimmen unterscheiden zu können, bin mir aber nicht sicher, schließlich klingt alles gedämpft. So, als käme es aus dem Geschäft, vor dem ich eben noch stand. Ich bilde mir ein, Gesprächsfetzen über Anzeige und Ärgernis zu hören. Auch ein dumpfes Rumpeln.

 

Während ich den letzten Abfallkörben zustrebe, spinne ich meinen Gedanken weiter. Zorro hat sich einsperren lassen und will dem gierigen Ladenbesitzer den mit überhöhten Preisen erzielten Kasseninhalt rauben, um ihn den sicherlich bedürftigeren Kunden zurückzugeben. Nun wurde er ertappt und zeichnet dem Wucherer mit der Degenspitze das berühmte Z auf die Brust, bevor er sich aus der Szene absetzt. Keinesfalls, ohne die Wachleute durch das Umwerfen eines Regals an der Verfolgung zu hindern. Ich kichere, während ich den letzten vollen Müllsack in meiner Tonne versenke.

 

Auf dem Weg zurück fällt mein Blick wieder auf das Schaufenster mit den Karnevalskostümen. Zorro hat wieder seinen Platz eingenommen und hält den Vampir Fürsten auf Abstand. Aber der Würfel ist leer, Rodins Denker ist verschwunden. 

 

 

ENDE


Bernhard Horwatitsch

Hintergründig und skurril sind seine Geschichten, seine Essays wenden sich kritisch und ironisch gegen allzu große Bescheid-wisserei. Der Münchner Autor schreibt seit vielen Jahren für deutsche und österreichische Literaturzeitschriften. Seit 2004 gibt er Kurse in „kreativem Schreiben“ und „Literaturgeschichte“ an der mvhs und anderen Institutionen. Besuchen Sie ihn auf:          www.literaturprojekt.com

 

Geniessen Sie eines seiner unverkennbaren Essays:

 

 

I. DER FÜRST  (Vorgeschichte)

(Urheberrechte und Copyrights by Bernhard Horwatitsch)

 

 

Inzwischen grüßen ihn die Leute, wenn er in den Park kommt. Manche schüchtern, indem sie kurz nicken, andere nüchtern und souverän, indem sie ihm „Habe die Ehre“ oder „Grüß Gott“ sagen, und wenige sind so selbstbewusst, dass sie ihn in ein kurzes Gespräch verwickeln. Der Fürst ist ja von auffälligem Äußeren. Groß, über 1,90 Meter, kräftig gebaut und mit einem langen dichten Bart. Diesen dreifarbigen Bart pflegt er seit sechs Jahren, stutzt ihn regelmäßig nur leicht an den Spitzen. In den Park geht der Fürst seit längerem. An sich ist dieser Park reizlos, aber genau das mag er. Kein Meister, der sich darin selbst verwirklichen wollte, hat ihn angelegt. Es ist solides Handwerk, ausgeführt mit dem bescheidenen Budget der Kommune. Es gibt keine aufwendigen Rosenbeete, keine künstlichen Weiher oder Schatten werfende Alleen. Keine Hügel, Irrgärten, künstliche Ruinen oder Tempel. Nichts dergleichen. Einfach eine durch „Betreten verboten“ geschützte Wiese, ein paar Holzbänke und einen Rundweg. Wenige Bäume. Wenn sich der Fürst in die Wiese legt, wird das meist geduldet. Was wohl nicht zuletzt an seinem einschüchternden Äußeren liegt.

 

Heute war das Wetter trüb und daher wenige Menschen unterwegs. Nur die, die ihr eigentliches Ziel durch den Park und aus dem Park wieder hinausführte. Aber diese Passanten grüßten den Fürsten nicht. So lag er unbehelligt unter einem Baum und dachte nach. Das konnte er stundenlang machen. Er brauchte dazu nichts, keine Beschäftigung. Er war nicht immer so genügsam – oder faul (wie es der Skeptiker sehen würde). Vor sechs Jahren noch war sein Gesicht glatt rasiert, er war schlank und trug immer seinen dreiteiligen dunklen Anzug, knitterfrei, hochwertige Halbschuhe aus Leder, Manschettenknöpfe, dezente (aber teure) Armbanduhr, seine Taschen waren nie ausgebeult, das Jackett trug er auch bei großer Hitze zugeknöpft. Der Fürst schwitzte nicht zu dieser Zeit. Er verdiente ein Vermögen an der New Yorker Börse. Handstreich-artig sackte er Millionen ein mit Spekulationsgeschäften. Er würde das wohl heute noch so machen, wäre ihm nicht letztlich sein Verstand zu Hilfe gekommen. Denn während er immer reicher wurde, und ein paar seiner damaligen Freunde auch, konnte er beobachten, wie ganze Länder in der gleichen Zeit verarmten. Und im Gegensatz zu seinen damaligen Freunden stellte der Fürst einen Zusammenhang her zwischen seinem Reichtum und der Armut der anderen. Es konnte ja nicht in seinem Interesse sein, dass die Menschen verarmten und verhungerten. Was sollte er mit seinem Reichtum anfangen in einer Welt der Skelette? Was nutzte ihm das viele Geld, wenn niemand mehr Arbeit fand, weil die Aktionäre die Unternehmer ausraubten? Daher suchte er eine Weltformel. Mit dem nicht geringen Ziel, der Errettung der Menschen und der Errettung der Welt. Er fand seine Weltformel. Und zwar genau an dem Ort, wo er sich meist aufhielt, bei einem Verdauungsspaziergang am Paternoster Square. Er war gerade aus dem Corney & Barrow getreten, als ihn ein Mann anrempelte. Für solche Zwischenfälle hatte der Fürst nie ein besonderes Augenmerk, strich also nur desinteressiert seinen Anzug wieder glatt und ruckte etwas an der Krawatte. „Arschloch“, sagte der Mann und baute sich vor dem Fürsten auf – besser gesagt: versuchte es, was jedoch aufgrund der natürlichen Größe des Fürsten misslang.

 

Der Fürst blickte nach unten und sah auf völlig zerzaustes, fettiges Haarwerk, welches das Sonnenlicht beinahe strahlenförmig reflektierte. Da war dem Fürsten plötzlich alles klar! Er klopfte dem wütenden Mann dankbar auf die Schulter, ging dann etwas in die Knie, um Augenhöhe herzustellen. „Geld ist Licht!“, flüsterte der Fürst. Das musste dem wütenden Mann Angst eingejagt haben. Denn der schien seine Wut ganz vergessen zu haben und machte sich schleunigst aus dem Staub. Aber für den Fürsten war jetzt eine Wende eingetreten. Es war wie im Buddhismus. Ein Schlag zum richtigen Zeitpunkt konnte die Erleuchtung bringen. Daher ging der Meister mit einem Birkenstock durch die Gruppe meditierender Schüler und schlug ihnen von Zeit zu Zeit kräftig mit dem Stock auf den Rücken. Und manchmal gingen dann dem einen oder anderen der Schüler regelrecht die Augen auf oder gar über. Die Weltformel war ganz einfach. Sie war längst gefunden und tagtäglich hantierten die Börsianer mit ihr herum. Mehr pfuschend und aus purem Eigennutz. Aber man musste die Weltformel nur für das Gemeinwohl anwenden. Einen exakt berechneten Anteil der Gewinne der Börse einfach direkt mit allen Konten der Menschen koordinieren. Dann hätte jeder sein bedingungsloses Grundeinkommen. Als der Fürst mit seiner Entdeckung die Öffentlichkeit suchte, wurde er ignoriert. Nicht einmal Spott gönnte man ihm. Es nahm niemand Notiz von seiner Weltformel, obwohl er sie inzwischen exakt berechnet hatte und die Zahlen unumstößlich stimmten. Es wäre für niemanden ein spürbarer Schaden entstanden, im Gegenteil, seine Weltformel war so konstruiert, dass die Geschäfte sogar besser liefen, wenn die Börsianer sie anwenden würden. Aber niemand nahm Notiz von ihr.

 

Eines Tages stand der Fürst am Times Square im Stau, als ihm klar wurde, dass niemals jemand die Weltformel anwenden würde. Es gab sogar mehrere Weltformeln, die alle auf die gleiche großartige Weise funktionieren würden. Das Los der Menschen war nicht, dass sie es nicht wussten. Das Los der Menschen war, dass sie es nicht wollten. Als dem Fürsten in seinem Taxi sitzend klar wurde, dass das so war und so bleiben wird, war es, als würde er noch einmal von dem kleinen Mann gestoßen werden, und diesmal würde sich sein Blick in die andere Richtung wenden. Der Fürst tippte dem pakistanischen Taxifahrer auf die Schulter.

 

 „Wot a du“, salbaderte der Taxifahrer.


„Wont too pay, now“, sagte der Fürst und hielt dem Taxifahrer einen Zwanzigdollarschein unter die Nase.


„Bara“, sagte der Taxifahrer und kramte nach Wechselgeld.


„No Problem, it’s yours.“


„Shukrya, Shukrya.“

 

Der Fürst öffnete mitten auf der Straße unter Hupen die Tür und stieg aus dem Taxi. Dann nahm er seinen Aktenkoffer vor die Brust, öffnete ihn und schüttete den ganzen Inhalt mit Papieren über die hupenden Autos, während er über die Straße lief. „It’s yours, it’s yours“, schrie er dabei, und als der Aktenkoffer leer war, warf er ihn auf den Gehsteig, wo er inzwischen angekommen war. Das erregte natürlich Aufsehen und kurze Zeit später wurde er auch schon von zwei Streifenpolizisten verhaftet. Er war nur wenige Stunden auf dem Revier. Als die nämlich dort feststellten, wen sie da festgenommen hatten, hagelte es Entschuldigungen. Der Fürst war ja immerhin der Fürst. Noch. Denn zu jener Zeit zog er sich zurück. Weltformel hin oder her.

 

Einen Großteil seines Vermögens hatte er inzwischen verschenkt und nur so viel für sich zurückbehalten, dass er nicht in Verlegenheit käme, noch einmal zu arbeiten. Er hatte sich eine kleine Wohnung gekauft und ein Häuschen in Italien (falls er mal raus müsste). Ansonsten lebte er von den Zinsen seines kleinen Vermögens, zahlte brav seine lächerlich geringe Vermögenssteuer an den Staat und lebte abseits der Öffentlichkeit.

 

Der Fürst hatte nun einige Stunden unter seinem Baum gelegen und nachgedacht. Er hatte in diesen wenigen Stunden drei weitere Weltformeln in seinem Kopf erdacht. Aber er würde sie weder aufschreiben, noch irgendjemandem je sagen. Er würde alle seine Weltformeln mit in sein Grab nehmen. Nun bekam er allmählich Appetit. Also machte er sich auf, ging zu einem Biergarten in der Nähe des Parks und verköstigte sich.

 
Das war alles. Täglich kann man den Mann sehen – wenn man will –, der im Besitz vieler Weltformeln ist, Formeln, die sowohl die Menschen als auch die Welt erretten würden, wenn man wenigstens eine davon tatsächlich anwendete. Na gut. Sie glauben mir nicht. Wollen mir gar nicht glauben. Der Fürst kennt das ja und er schweigt daher dezent. Aber welchen Grund – mal ehrlich – hätte der Fürst, in diesem Punkt zu lügen? Geltungssucht kann man ihm nun wirklich nicht vorhalten. Er sagt die Wahrheit, das können Sie ruhig glauben. Aber es spielt keine Rolle.

 

 Gloria in excelsis Deo et in terra pax hominibus bonae voluntatis. Laudamus te. (Ehre sei Gott im höchsten und auf Erden Frieden, Wohlwollen gegenüber den Menschen. Wir preisen dich).

 

 

II. DER FÜRST

 

Es war einer der ersten schöneren Frühlingstage. Die Sonne schien und die Luft war milder als an den Tagen zuvor. Der Fürst war daher guter Laune und spazierte pfeifend in den Park. Dort legte er sich auf eine grüne Wiese, winkelte die Beine an und verschränkte die Arme hinter seinem Kopf. Hätte er noch einen Grashalm in seinem Mundwinkel gehabt, wäre das Bild eines Taugenichts perfekt gewesen. Der Fürst entspannte sich also unter der milden Frühlingssonne, ohne darüber nachzudenken, dass es viele Menschen gab, die so ein entspannter Anblick neidisch machte. So kam es auch. Ein sehr geschäftiger Geschäftsmann eilte – beinahe panisch dax-artig – durch den Park, in dem der Fürst mit angewinkelten Beinen herumlag. Der geschäftige Geschäftsmann blieb stehen und betrachtete kurz den herumliegenden Fürsten. Dann klopfte er kurz mit seinen Geschäftsfüßen an die Oberschenkel des Fürsten. Der Fürst öffnete schläfrig seine Augen. Ob er nichts zu tun hätte, wollte der Geschäftsmann nun wissen und warf seinen Schatten über den Fürsten. Er selbst hätte zu tun, viel sogar, deklamierte der Geschäftsmann weiter, er hätte eine Firma, die wüchse und wüchse, er brauche immer mehr Arbeiter, als er bekommen könne. Und der Anblick eines faul im Gras liegenden Taugenichts mache ihn traurig. „Also“, sagte der Geschäftsmann, änderte den deklamierenden Tonfall in einen befehlenden, „du kommst mit“, machte unruhige Flatterbewegungen mit seiner rechten Befehlshand. Der Fürst sprang behände und leichtfüßig auf und hämmerte noch im Aufspringen mit großer Wucht seine Stirn auf die Nase des Geschäftsmannes. Dann legte sich der Fürst ebenso leichtfüßig wieder hin und murmelte Richtung Sonne: „Genug gearbeitet für heute.“ Der Geschäftsmann klappte nach vorne zusammen und hielt sich jammernd und fluchend zugleich die Hand vor die Nase. Blut quoll zwischen den Fingern hindurch. Sofort strömte eine Menge Leute herbei, wurde nach einem Arzt gerufen, nach der Polizei, ein Auflauf von Menschen entstand, eine rege Diskussion und Geschäftigkeit umgab nun den aus der Nase blutenden geschäftigen Geschäftsmann.

 

Viel Betrieb also.

 
Sozial ist, was Arbeit schafft, dachte derweil der Fürst unter seinem Sonnendach. Denn ihn hatte man bei der ganzen Aufregung um den geschäftigen Geschäftsmann und seine blutende Nase völlig vergessen. Der Fürst lag gemütlich im Gras, hatte sich nur kurz seine Stirn gerieben und genoss jetzt einfach die milde Frühlingssonne, so, wie er es beim Aufwachen beschlossen hatte.

 

 

ENDE

 


 

Dirk Tilsner ist als Pionier-Autor bei pierremontagnard.com seit Anbeginn dabei und imponiert mit seiner Vielseitigkeit unsere Leserschaft. Mit seinem gelungenen Essay aus der Welt der Lokalpolitik beweist er einmal mehr sein Gespür für die unter-schiedlichsten Belange.

Die Umgehung des Kerns

(Urheberrechte & Copyrights © by Dirk Tilsner)  

 

                       „… müssen  nach  der  vorliegenden  Verordnung  alle  vom

Rat getroffenen                                                     Entscheidungen, die eine 

öffentliche Investition                                                über                        den

im                                                     Gemeindegesetz               festgelegten

Mindestaufwand                               erfordern,                                     durch

einen                                                kommunalen Volksentscheid bekräftigt

werden ...

 

                 aus: Grundlacher Verordnung zur Demokratisierung kommunaler                                            Entscheidungsprozesse. 22.07.2026

 

Hartmut Neumann stand am Fenster seines Büros und beobachtete die Straße. Viel zu sehen gab es um diese Uhrzeit nicht: erst allmählich erwachte ein Haus nach dem anderen. Hier und dort schob sich eine Jalousie wie ein schweres Augenlid nach oben; einige waren bei diesem Versuch offenbar auf halber Strecke wieder eingeschlafen. Schräg gegenüber saß eine Katze unschlüssig auf einer Abfalltonne und blinzelte in die aufgehende Sonne.

 

Es war Neumanns zweiter Tag als frisch gebackener Bürgermeister. Mit Sicherheit einer der wichtigsten seiner Amtszeit, dachte er bei sich, denn ab heute würde er die Gemeinde Grundlach in eine neue Epoche führen! Bereits seine Wahl versprach einen Wendepunkt: Keinem Unabhängigen vor ihm war diese würdevolle Aufgabe jemals beschieden worden. Er war der Mann des Konsensus, den die im Rat im Patt stehenden Parteien nach monatelangen Debatten der Bevölkerung zur Abstimmung vorgeschlagen hatten. Als jahrelanger Sekretär einer der Bürgerinitiativen war sich Neumann zunächst unschlüssig gewesen, beinhaltete das Amt doch so etwas wie einen Verrat an seinem Ideal, der Politik den Willen des Volkes gegen private Interessen gewissermaßen aufzuzwingen. Sein alter Schulfreund Jochen Voigt überzeugte ihn schließlich, sich zur Wahl zu stellen: „Als Chef deiner Gruppe kannst du zwar tolle Ideen haben, die ausschlaggebenden Vorbereitungen der Bürger-entscheide aber werden noch immer im Rat getroffen. Die wirst du direkt leiten können!“

 

Recht hatte er, der alte Jochen. Er kannte die Politik seit dreißig Jahren und hatte wohl über zweihundert Entscheide selbst vorbereitet, einschließlich jenen für seine  Wahl. Der Stimmzettel war außergewöhnlich schlicht ausgefallen:

 

Wollen Sie Dr. Hartmut Neumann als neuen Bürgermeister?

(3 Punkte)

                        JA:      Dr. Neumann ist der Beste.

 

                        NEIN: Es gibt in Grundlach ohnehin nichts mehr zu entscheiden.

 

Selbstverständlich war die NEIN-Frage als Wink mit dem Zaunpfahl zu verstehen gewesen. Unter Neumanns Führung sollte Bewegung in das örtliche Leben kommen; zu entscheiden gab es mehr als genug. Die 3 Punkte waren bei wichtigen Volksbegehren üblich. Wer wählte, bekam für jeden von ihnen ein Jahr lang 1 % Abschlag in der monatlichen Gebühr für einen der Dienste der örtlichen Verwaltung, zum Beispiel der Müllabfuhr. Auch ein demokratischer Akt bedarf gewisser Anreize.

 

Heute also würde er in der allerersten Sitzung die ersten, bedeutenden Beschlüsse fassen bzw. in die Wege leiten. Die ‚richtigen‘ natürlich: jene, die im Wohl und Interesse der Einwohner stünden und legitim von diesen für einen der monatlich geplanten Volksentscheide eingefordert werden könnten. Das schloss SEINE Initiative mit ein: die Umgehungsstraße um den historischen Kern herum, und darinnen eine Auto-freie Passage.  Das eigentliche Problem war jahrelang die übergroße Anzahl der Vorschläge gewesen. Seit der Einführung der neuen Verordnung waren die Bürgerinitiativen wie Pilze aus dem Boden geschossen und überhäuften die örtliche Verwaltung mit Anträgen. Pro Monat durfte es maximal drei Plebiszite geben, etwa 20 Anträge wurden im Durchschnitt eingereicht, die meisten immer und immer wieder mit neuem Titel und geringfügigen Abänderungen. Das begründete sich unter anderem mit der erbitterten Konkurrenz zwischen den größeren Aktionsgruppen, welche die Debatten im Rat und in der Öffentlichkeit mit ihren kaum zu unterscheidenden Vorschlägen monatelang dominierten. So ist es nicht verwunderlich, dass sich Neumanns Initiative seit mehr als einem Jahrzehnt vergeblich um Aufmerksamkeit bemüht hatte. Das würde sich mit dem heutigen Tage ändern.

~

 

Zwei Stunden lang hatte sich Neumann, am Fenster stehend, seelisch auf die große Herausforderung vorbereitet. Endlich war es so weit: pünktlich um neun Uhr begann die Sitzung. Zunächst mit den Förmlichkeiten: die Liste der Anwesenden und die Tagesordnung, die nach zwanzigminütiger Debatte sogar angenommen wurde. Hartmut war sich bewusst, dass die meisten Anwesenden darum kämpften, die vom politischen Gegner unterstützten Vorschläge NICHT in die Vorbereitungsphase zu bringen, es sei denn, mit den üblichen Kompromissen wie zum Beispiel ein Runder-Tisch-Abend im örtlichen Kegelklub, eine Studienfahrt auf dem Rhein unter dem Motto „Heine lebt in uns“ oder gar ein Besuch der Partner-Gemeinde auf Gran Canaria. Schließlich einigte man sich auf die folgenden Anträge:

 

1.   Subventionen für die lokale Pflaumenmus-Produktion

2.   Kostenlose Clown-Aufführung beim Kinderfest der Kleingartenanlage „Es grünt so grün“

 

3.   Bau einer Umgehungsstraße zur Entlastung des historischen Kerns

 

Das erste Thema war schnell abgehandelt. Genau genommen war es kein neues, denn  Schnorrenbauers hatten ihre gesamte Verwandtschaft schon vor Jahren für eine eigene Aktionsgruppe zusammengetrommelt und stellten jeden Monat neue Anträge, um den Umsatz aus der Ernte ihrer Gärten zu steigern. Da Schnorrenbauers allerdings in politischer Hinsicht nicht unter einen Hut zu bekommen waren, zeigte keine der Parteien bzw. Ratsmitglieder Interesse am Thema, mit Ausnahme von Herrn Klein, welcher Pflaumenmus über alles in der Welt liebte und sogar auf seine Käsebrötchen strich. Der Abstimmzettel war schnell entworfen:

 

Möchten Sie steuerlich belastet werden, damit die regionale Pflaumenmus-            Produktion massiv subventioniert werden kann? (0 Punkte)

     JA : Unter der Bedingung, dass eine extra-Behörde für diesen Zweck

     geschaffen wird.

 

     NEIN:  Mus ist im Discounter billig genug.

 

Flüsternd bekundete Neumann seinem Freund Voigt ein paar Bedenken: „Der Vorschlag verlangt doch eigentlich keine Behörde, und so viele Pflaumenmus-Produzenten hat die Kommune nun auch wieder nicht, oder?“ Voigt schüttelte lächelnd den Kopf: „Sicher. Das Dutzend Anbauer heute wird sich mit einer Subventionsverordnung pro Jahr mindestens verdoppeln. Bald wird man für Kirschen, Birnen und Rhabarber ‚gleiche Subvention für gleiche Arbeit‘ einfordern! Sag mal mein Lieber, willst  du deine Gemeinde schon mit den ersten Beschlüssen in den sicheren Ruin treiben?“

Neumann schluckte; sein Freund hatte recht. Es war ihm plötzlich peinlich, eine derart dumme Frage gestellt zu haben. Aber gut, dass er sich auf Voigt und seine Umsicht verlassen konnte. Mit einem leichten, verständnisvollen Schulterklopfen seinerseits wurde der Zweifel ad acta gelegt.

 

~

 

Das zweite Thema war etwas heikler. Die meisten der Anwesenden hatten Kinder oder Enkel, die am Kinderfest teilnehmen würden, wobei der eingeladene Clown stets in Begleitung seiner neunköpfigen Jazz-Band „die schrägen Besen“ anreiste. Da war unter 3.000 Euro nichts zu machen, von den üblichen Folgeschäden des jährlichen Ereignisses mal abgesehen: etwa zwei Dutzend Klagen wegen Lärmbelästigung nach 23 Uhr, zerbrochene Bänke in der Zufahrtsstraße und im letzten Jahr sogar ein noch junger, herausgerissener Baum, der als Material für ein Lagerfeuer diente. Nach zweistündiger Debatte wurde auch diese Hürde genommen:

 

Möchten Sie ein hoch-edukatives Programm für die Kleinsten beim jährlichen     Kinderfest, mit Freibier für die begleitenden Erwachsenen? (5 Punkte)

            JA:      Unter der Berücksichtigung, dass die Kinder nach der Aufführung

                       von freien Helfern gebührenfrei beaufsichtigt werden.

            NEIN: Aber sollte JA gewinnen, wäre ich gern freier Helfer beim Fest.

 

Dieses Mal kam Voigt seinem Freund Schultern-klopfend zuvor: „Keine Sorge, das Bier wird wie immer gesponsert.“

 

Nach der verdienten Mittagspause im Ratskeller ging es um 15 Uhr in die entscheidende Runde. Als Voigt zum Auftakt den von ihm vorbereiteten Bauvorschlag präsentierte, stockte nicht nur Neumann der Atem: Die neue Umgehungsstraße führte westlich des Zentrums quer durch den Park!

 

Schlammberger wetterte als erster los: „Dabei ginge wenigstens die Hälfte der Bäume im Park drauf! So ein bekloppter Vorschlag kommt nicht mal in der Klapsmühle durch!“ Steinschweiger schnappte verlegen nach Luft, während Frau Seiler zu bedenken gab: „Immerhin würde die neue Straße die Anfahrt zur psychiatrischen Klinik erleichtern.“ Sie warf Schlammberger einen wütenden Blick zu; den Begriff ‚Klapsmühle‘ würde jener noch bereuen; schließlich hatte sie dort ihre wöchentliche Selbstfindungs-Therapie.

 

Die Debatte stand somit 1 : 1. Demzufolge war eigentlich alles geregelt bzw. festgefahren, denn Schlammberger und Seiler vertraten die beiden großen Parteien im Rat: Purpur gegen Lila, die zentrale gegen die mittlere Mitte, zwei unversöhnliche ‚Gemeinde-Anschauungen‘ wie man zu sagen pflegt. Jede Seite rollte nun ihre schwersten Geschütze in Form unausweichlicher Fragen heran:

 

- Krummbach: „Warum nicht hinter dem Park?“

- Voigt: „Zu weit. Damit wird das Projekt für die Subvention aus der Landeskasse   zu teuer.“

- Kreuzer: „Warum den Kern nicht im Osten umgehen?“

 

- Voigt: „Weil wir dann das dort geplante Villen-Viertel weiter hinaus verlagern müssten; dorthin wo Schnorrenbauers ihre Kartoffel-Äcker haben.“ 

 

Ein Stöhnen ging durch den Saal. Neumann begriff überhaupt nichts und schaute hilflos auf Voigt. Sein Freund klärte ihn flüsternd auf: „Eine alte Geschichte. Vor ein paar Jahren wollte eine Initiative einen Kulturpark. Für das Gelände haben wir damals eine Reihe Kleingärtner mit der neuen Anlage ›Es grünt so grün‹ entschädigt, für einen symbolischen Aufpreis. Der Volksentscheid kam jedoch nicht durch; das im Abstimmungstext erwähnte wöchentliche Rockkonzert wollte niemand. Um den Fehler wieder gutzumachen, haben die Ratsmitglieder das gesamte Grundstück unter sich aufteilend für denselben symbolischen Preis zurückgekauft. Zufällig meldete sich Monate später die Baufirma Schmier & Schlier, zwecks Bauvorhaben für ein neues Villen-Viertel. Das für den Kulturpark vorgesehene Gelände war für dieses Projekt nahezu ideal.“

 

Mit gehobener Stimme setzte er fort: „In diesem Falle werden Schnorrenbauers ihr Land an die Baufirma verkaufen, während die Parzellen für den ehemaligen Kulturpark zwecks Straßenbaus von der Gemeinde zwangsenteignet werden müssen. Dafür muss der gesetzlich festgelegte Höchstpreis von 12,50 EUR pro ha eingehalten werden.“

 

Mehrere Minuten lang herrschte betretene Stille im Saal; nur Steinschweigers auf und ab schmirgelnder Adamsapfel war zu hören. Neumann blickte verzweifelt in die nicht weniger verzweifelten Gesichter der Ratsmitglieder. Sein Projekt schien zum Scheitern verurteilt.  Schließlich murmelte Voigt abwesend vor sich hin: „Kurios; Grundlach würde in Zukunft ZWEI Parks haben, jeweils einen zu beiden Seiten der Straße!“ Darauf rief er: „Ich hab‘s! Mit der JA-Stimme wandeln wir den alten Park in ein Naherholungsgebiet um: mit einem Kinderspielplatz im vorderen und einem Biergarten im hinteren Bereich. Dort kann man später sogar neue Bäume pflanzen.“

 

Die Welle der Erleichterung glich einem Jubel; sogar Steinschweiger ließ ein ‚Ja!‘ vernehmen. Voigt hatte einen Ausweg gefunden. Neumann würde seine Umgehungsstraße bekommen (Schmier & Schlier waren selbst für solche Projekte in der Region eine Referenz), kleine Kinder könnten nach Belieben spielen und größere ihre Eltern vom Biergarten abholen.

 

 ~

 

Zwei Stunden später saßen die beiden wie in alten Zeiten in der Kneipe an der Bushaltestelle. Am schwierigsten sei es stets, meinte Jochen, einen Konsens für eine Mehrheit im Rat zu finden. „Das Volk schlägt vor. Das Volk entscheidet. Aber die Fragen müssen immer noch wir bestimmen!“

 

Neumann nickte bedächtig und schlürfte am Bier. Eine neue Marke, die ihm sein Freund zur Probe bestellt hatte. Schlecht schmeckte es nicht, wobei …, er ahnte nicht, dass er dieses Bier noch sehr oft trinken würde. Zum Beispiel beim jährlichen Kinderfest und irgendwann bei der Einweihung der Umgehungsstraße, im Biergarten im neuen Park …

 

ENDE


Michael Voß, Jahrgang 1961, ist Maschinenbauingenieur. Als Ausgleich zu seinem von Technik geprägten Arbeits-alltag schreibt er Fantasy-Romane und Kurzgeschichten, tanzt Salsa und übt sich in koreanischer Kampfkunst. Der Patchwork-Familienvater von drei inzwischen erwachsenen Kindern lebt mit seiner Frau in Bielefeld. Hier ein veritabler Vor-geschmack seiner Talente. Gut Gänsehaut ...!

DAS WAHRE GESICHT

(Urheberrecht & Copyright by Michael Voß)

 

Die Sonne ging auf im Gesicht Boguls, König von Bormet:

   „Seid willkommen, Gero von Kaldenstein! Es ist mir eine Freude, dass Ihr meine Einladung angenommen habt!“

 

Der Druide im grüngrauen Umhang verzog keine Miene:

   „Bedauerlich ist hingegen, dass ich die Freude Eurer Majestät nicht teilen kann.“

 

Wut verzerrte das Gesicht des Tyrannen und auf einen Schlag war es still im Thronsaal.

 

Doch schon hatte Bogul wieder sein liebenswürdiges Lächeln aufgesetzt

  „Warum das, werter Gero? Hat es Euch auf der Reise an etwas gemangelt? War die Kutsche vielleicht nicht weich genug gefedert? Oder hat man Euch den caldanischen Wein nicht angeboten, den ich eigens für Euch beschaffen ließ?“

 

Die eisgrauen Augen des Angesprochenen blitzten auf, seine Stimme jedoch blieb kühl:

 

   „Ich bevorzuge es, bei der Sache zu bleiben und die Dinge beim Namen zu nennen, Majestät.“

 

Das Lächeln des Herrschers gefror zur Maske und wieder hielt der Saal den Atem an. Zu hören war nur das Kratzen der königlichen Fingernägel auf den Armlehnen des Thrones. Die Stimme des Tyrannen klang gepresst:

   „Nun, Gero, Ihr wart noch nicht hier zu Gast, daher sei Euch Euer ungebührliches Verhalten verziehen, bis meine Leute Euch die Regeln hierzulande erklärt haben. Seid versichert, dass sie recht geübt darin sind.“

 

Der Rabe auf der Schulter des hochgewachsenen Druiden gab einen kehligen Laut von sich. Beruhigend strich Gero dem schwarzen Vogel über das Gefieder:

   „Wohl wahr. Die erste Lehrstunde haben sie mir bereits gegeben!“

Schuldbewusst senkte der Leibwächter zur Linken des Königs den Blick.

„Lehrstunde? Was meint Ihr damit?“, fragte der Tyrann verständnislos.

 

Der Mittvierziger mit den seltsamen Tätowierungen blieb gelassen:

 

   „Eure Leibgarde lehrte mich die hierzulande übliche Bedeutung des Wortes. Was in Bormet Einladung heißt, nennt man anderswo Nötigung, Euer Wort Reise bezeichnet das, was bei uns ein Gefangenentransport ist.“

 

„Bedeutung des Wortes - ach was, halten wir uns nicht länger damit auf!“, rief Bogul jovial und winkte den Bewaffneten an Geros Seite:

    „Geleitet unseren Gast an seinen Platz! Mundschenk! reiche er Herrn von Kaldenstein einen Willkommenstrunk!“

 

Mit zwei auf seinen Nacken gerichteten Hellebardenspitzen nahm Gero gegenüber dem Tyrannen Platz und sagte halblaut:

    „Ein Vorschlag zur Güte, Majestät: Schickt Euren Hofstaat hinaus, dann können wir uns die Förmlichkeiten sparen!“

 

Mit kalten Augen starrte der König den wettergegerbten Druiden an, der sich nach wie vor unbeeindruckt zeigte.

 

Bogul klatschte in die Hände: „Unser Gast ist müde von der Reise! Der Empfang ist beendet!“

 

Kurz darauf hatten die Höflinge, Diener, Musikanten und Gaukler den Saal verlassen, einzig der Leibwächter und die Gardisten waren geblieben. Zum ersten Mal lächelte der Druide:

 

„Also, Euer Majestät, was wollt Ihr von mir?“

 

„Macht mich gesund, Gero!“

 

„Ah. Nun denn, was plagt Euch?“

 

Der Tyrann beugte sich vor und flüsterte:  „Der Verlust  meiner Manneskraft.“

    „Hm. Dafür lasst Ihr mich eigens herbringen? Warum das?“

 

Bogul raunzte: „Ich folge dem Rat des königlichen Hofmedicus. Nachdem er alles Mögliche vergeblich versucht hatte, sagte er, jetzt bliebe nur noch Elfenmagie oder der Spiegel von Meister Gero, um mich zu heilen.“

 

Gero zuckte mit den Schultern: „Der Spiegel ist nicht mehr in meinem Besitz. Er wurde mir im letzten Frühjahr geraubt. Aber warum konsultiert Ihr nicht einfach eine ordentliche Hexe? Erkrankungen wie die Eure sind ein Spezialgebiet meiner naturverbundenen Standesgenossinnen.“

 

Der Tyrann knirschte mit den Zähnen, sein Gesicht verfärbte sich Zorn rot.

  „Ich verstehe“, meinte der Druide beiläufig. „Nachdem Ihr sämtliche Hexen Bormets vertrieben oder auf dem Scheiterhaufen verbrannt habt, würde ein solches Tun Euren, hm, Überzeugungen zuwiderlaufen.“

 

Ein Schatten flog über das Gesicht des Leibwächters. Bogul jedoch schnaubte verächtlich und winkte. Kurz darauf brachte ein Diener ein Kästchen aus Mahagoniholz. Der König öffnete es und entnahm ihm einen fein gearbeiteten Handspiegel, dessen Glas tiefschwarz glänzte: „Nun, ist das hier Euer Spiegel?“

 

Der Druide nickte.

 

„Ich habe hineingeschaut, bin aber nicht genesen. Warum?“, verlangte Bogul zu wissen.

    „Nun, der Spiegel schläft sozusagen. Es bedarf der Magie, um ihn aufzuwecken.“

    „Dann weckt ihn gefälligst auf!“

 

Gero schüttelte den Kopf: „Ich rate dringend davon ab, Euer Majestät. Schon deshalb, weil der Spiegel Euch nicht helfen kann.“

    „Warum nicht, zum Henker? Eure Spiegel-Heilungen sind geradezu legendär! Ihr habt den Kaiser damit vom Stottern befreit, eine caldanische Prinzessin aus dem Irrsinn geholt und dergleichen mehr! Ich bin ebenfalls adelig, also wird der Spiegel auch mich gesund machen!“

 

„Der Stand ist nicht entscheidend für den Erfolg. Zudem heilt der Spiegel nicht, vielmehr hilft er dem Leidenden, von selbst zu gesunden“, antwortete der Druide.

 

Unwirsch fragte der König: „Wie soll das gehen?“

    „Indem er dem Schauenden zeigt, wer er wirklich ist. Die Prinzessin mit der Hasenscharte, der man von Kindesbeinen an eingeredet hat, sie sei hässlich, dumm und zu nichts nutze, erblickte im Spiegelbild ihr wahres Gesicht. Nämlich das, was ihrem warmherzigen und klugen Wesen entsprach: makellos und voller Liebreiz. Der Anblick der Wahrheit hat sie nicht nur vom Irrsinn genesen lassen, auch ihre Hasenscharte hat sich mit der Zeit ausgewachsen.“

 

Verständnislos starrte der Tyrann den Druiden an, dann schnauzte er: „Weckt den Spiegel auf! Sofort!“

 

Keiner bemerkte das feine Lächeln Geros, als er den magischen Gegenstand aus der Hand des Königs entgegennahm und Worte in einer fremden Sprache murmelte. Als hätte jemand Sternenstaub darauf gestreut, glitzerte das schwarze Glas einen Moment lang auf. Dann war es silbern geworden.

 

Gierig griff der Tyrann nach dem Spiegel und sah hinein.

 

Eine Weile lang starrte er verwundert. Schließlich drehte er sich ein wenig hin und her, um sich auch von den Seiten zu betrachten.

Kopfschüttelnd und ohne den Blick zu wenden, befahl er seinem Leibwächter:

    „Robak!!! Sag´ mir, was du hier siehst!“

Über die Schulter seines Herrn hinweg schaute der junge Gardist in den Spiegel und erbleichte entsetzt.

 

Ungeduldig fragte der König: „Sag´ schon, Robak, wo zum Teufel bin ich denn in diesem Spiegel hier? Ich sehe nur ein gehörntes Ungeheuer, in dessen Augen der Irrsinn flackert.“

 

Der Wächter schluckte und stotterte: „Nun, Herr, ich, ähm...“

 

Bogul winkte ab: „Lass es gut sein! Ich sehe schon: Dieser Hundsfott von einem Druiden will mir die Heilung verweigern! Werft den Drecksack in den Kerker - ich lasse ihn gleich morgen vierteilen und den Hunden zum Fraß vorwerfen.“

 

Verzweifelt suchte Robak den Blick Geros, der ihm freundlich zulächelte und unauffällig nickte. Der Rabe machte einen weiten Flügelschlag.

 

Ein unmerklicher Ruck ging durch den Wächter, dann zog er das Schwert, holte aus und schlug seinem Herrscher den Kopf ab.

 

 

ENDE

 

 

 


Esther S. Schmidt lebt in Frankfurt am Main. Seit 2005 ist sie in Zeitschriften und Anthologien vertreten und hat mit ihren Kurzgeschichten bereits mehrere Preise gewonnen. Mit ihren Romanen bewegt sie sich im Bereich der Phantastik. 2016 erschien ihr dystopischer Roman "DIE ZWEITE FINSTERNIS" bei Papierverzierer. 2020 folgte die Fantasy-Trilogie "DIE CHRONIKEN DER WÄLDER" bei dotbooks. Unter Pseudonym hat sie einen Steam-Punk-Roman veröffentlicht.

 

Wir freuen uns, unseren Leserinnen und Lesern eine Kurzgeschichten-Rosine von ihr vorstellen zu dürfen. Gute Unterhaltung.

 

DIE FREMDEN

(Urheberrechte und Copyright © by Esther Schmidt)

 

   "Sie kamen in Schiffen, in riesigen Raumschiffen, die Schatten über unsere Städte warfen und die Welt in Dunkelheit tauchten. Sie kamen mit überlegenen Waffen und einer Technik, der wir nichts entgegenzusetzen hatten. Wir versuchten es dennoch. Wir kämpften – und wir starben. Sie warfen uns um Jahrhunderte zurück, zerstörten unsere Häuser, unsere Gesellschaft, unser Leben. Mit ganzen Kontinenten auf der Flucht blieb niemand mehr, der die Toten hätte begraben können. Massengräber klafften wie offene Wunden in verwilderten Äckern. Aasfresser vermehrten sich, strichen in Rudeln durch das Land.

 

Die Überlebenden versklavten sie, zwangen sie, den Mördern zu dienen. Wer sich widersetzte, verschuldete nicht den eigenen Tod. Er musste zusehen, wie andere getötet wurden. Sie kannten alle Facetten der Grausamkeit, wussten zu quälen über das natürliche Maß hinaus. Sie folterten bis zum Tode und dann riefen sie ihr Opfer ins Leben zurück, um es weiter missbrauchen zu können.

So beugten wir unsere Nacken und unsere Knie – doch niemals unsere Seelen. Wir verschlossen unseren Mund, unser Herz – doch niemals unsere Augen. Wir dienten – und wir lernten. Wir lernten die Grausamkeit, die kalte Berechnung, wir lernten die Wissenschaft und die Technik, die der unseren so überlegen war. Wir lernten zu warten.

Jetzt ist unsere Zeit gekommen. Der Widerstand erstarkt, der Geist der zersplitterten Nationen vereinigt sich. Wir erheben uns und wir werden kämpfen...“

"Sehr pathetisch!"

Simon zuckte zusammen und die Tinte hinterließ einen unschönen Klecks auf dem Papier. Unwillig drehte er sich zu dem Mann um, dessen spöttisches Gesicht über seiner Schulter schwebte.

"Tebrim! Musst du dich immer so anschleichen?"

Tebrim grinste. "Es bleibt mir ein Rätsel, wie ein schreckhafter Bücherwurm wie du in den Widerstand gehen konnte."

"Es werden eben nicht nur dumpfe Schläger gebraucht", entgegnete Simon säuerlich. "Und was treibt dich in die gefürchtete Nähe von Büchern?"

„Inara ist da – und sie hat einen der Fremden dabei!“

„Was?!“ Simon sprang auf und ballte die Fäuste. „Wie viele sind es?“

Tebrim lachte. „Nur einer, Simon, nur einer, mach dir nicht in die Hosen! Wir brauchen dich als Übersetzer!“

Die Sprache der Fremden war nicht geeignet für die Zungen der Opfer. Die Diener hatten gelernt zu verstehen, um gehorchen zu können, aber kaum einer konnte die Sprache der Eroberer auch sprechen. Simon gehörte zu den wenigen, denen es gelungen war, die merkwürdigen Laute, die sie produzierten, verständlich genug nachzubilden.

Mit klopfendem Herzen folgte Simon dem bulligen Soldaten durch die Gänge ihrer unterirdischen Festung, und als er den Versammlungsraum betrat, sträubten sich ihm die Nackenhaare. In der Mitte des Raumes, gefesselt auf einem Stuhl, saß einer von DENEN, ein fremdartiges, erschreckendes Wesen, ein verhasster Feind.

Die Fremden waren riesig. Selbst ihre Frauen überragten Simon um mindestens eine Kopfes Länge. Ihre gelblich-weiße Haut war schwammig und unbehaart bis auf die langen Strähnen, die aus ihren Köpfen wuchsen. Sie waren hässlich, und dieses Individuum umso mehr, als es sich um einen alten, männlichen Vertreter seiner Gattung handelte.

Simon ballte die Fäuste, um sich selbst Mut zu machen. Dann atmete er tief ein und trat auf den Alten zu. "Ich spreche deine Sprache, Herr."

Er biss sich auf die Lippen, aber das Wort war nicht zurück zu nehmen. Sie hatten ihm diese Anrede eingeprügelt, hatten jede mangelnde Ehrerbietung mit Stromstößen durch seinen Halsring geahndet. Es saß zu tief.

Er nahm sich vor weniger unterwürfig zu sein – immerhin war dies ein Verhör. Dieser Fremde war ein Gefangener, waffenlos und allein. Sie mussten ihn nicht mehr behandeln wie einen Herrn.

Langsam hob der Fremde den Kopf und sah Simon an, offensichtlich überrascht von dessen Sprachfähigkeit. Er öffnete den Mund und sagte langsam und mit bemühter Deutlichkeit: „Ich bin alt. Ich habe ein schwaches Herz. Ihr könnt mich foltern, aber ihr riskiert dabei, mich zu töten. Stattdessen biete ich euch meine Hilfe an.“

Simon war so perplex, dass er den Alten nur stumm anstarrte. Er brauchte einen Moment, um sich klar zu werden, was die Worte bedeuteten. Schließlich fragte er: „Du bist bereit, deine eigene Art zu verraten? Weshalb?“

Der Alte zögerte mit der Antwort. „Weil es nicht richtig ist. Wir dürften nicht hier sein.“ Er schwieg, aber Simon wusste, er würde noch etwas sagen, also ließ er ihm Zeit. Schließlich blickte der Fremde hoch. „Wir haben unsere eigene Welt zerstört, darum mussten wir sie verlassen. Wir flogen durch das All in einer Starre, die dem Tod sehr ähnlich war, bis die Systeme eure Welt fanden. Sie schien uns jung und unverbraucht, und sie war unsere einzige Hoffnung.“

In Simons Kopf schwirrte es. Diese wenigen Sätze enthielten so viele Antworten, nach denen sie immer wieder gesucht hatten. Wo kamen die Fremden her? Weshalb waren sie hier? Würden noch mehr von ihnen kommen?

„Ihr habt also eure eigene Welt zerstört“, wiederholte er bedächtig. „Und nun wollt ihr die unsere. Aber sie gehört euch nicht. Wir werden verhindern, dass ihr auch sie zerstört.“

Der Alte nickte. „Die Schiffe wurden mit den Besten von uns bestückt – den Klugen, den Reichen, den Mächtigen. Wir sind die letzten unserer Welt.“ Er zögerte und eine unbestimmte Trauer trat in seinen Blick. Mehr wie zu sich selbst murmelte er: „Wenn wir nicht mehr sind, ist unsere Kultur vergangen, unsere Geschichte, unsere Literatur, unsere Musik. All das Schöne, das war, das Erhabene und Großartige, wird verschwunden sein.“

Simon sah den Schmerz im Gesicht des Gefangenen und für einen Moment regte sich Mitleid in ihm. Der Fremde hatte recht. Verschüttete Erkenntnisse der Wissenschaft konnten wiederentdeckt werden, aber ein vergessenes Lied war für immer verloren. Er wusste das, denn er selbst hatte Museen brennen sehen, hatte Gedichten in seinem Gehirn Zuflucht gewährt, bevor er die Bücher zurückließ. Mit der Erinnerung daran kam die Wut zurück.

„Ebenso verschwinden werden der Schmerz und das Leid, die ihr gebracht habt!“

 

Der Fremde schien getroffen. „Vielleicht hat uns das künstliche Koma verändert“, sagte er. „Vielleicht aber sind wir tatsächlich so, wie ihr uns sehen müsst: böse, grausam, herrschsüchtig. Macht ist verführerisch – sehr verführerisch. Und hier hatten wir Macht. Jeder von uns konnte ein kleiner König werden.“ Er atmete tief ein und schüttelte den Kopf.

 

„Und nun willst du das ändern?“ Der Spott in Simons Stimme war nicht zu überhören. Konnte es wirklich sein, dass dieser Fremde anders war als der Rest seiner Art? Durften sie das glauben?

"Ich habe schon lange mit dem Gedanken gespielt, euch zu unterstützen.“

„Du bist ein Spion“, widersprach Simon. „Du willst verhindern, dass wir stark werden, denn du weißt, was dann geschähe.“

Der Fremde senkte den Kopf und nickte. „Ihr werdet keinen von uns am Leben lassen. Zu viel haben wir euch angetan, zu tief sitzt der Hass.“

„Das ist richtig“, pflichtete Simon ihm bei und versuchte, sich das Mitleid zu verbieten.

„Es tut mir leid, dass ihr nur die dunklen Seiten unseres Wesens gesehen habt. Aber es gibt andere. Inara dient seit drei Jahren in meinem Haus, sie kann dir davon erzählen.“

"Das kann sie sicher", gab Simon kalt zurück, "und sie wird sich hüten, etwas anderes zu tun, denn sie trägt noch immer den Sklavenring um den Hals."

Der Alte schüttelte traurig den Kopf. "Ich weiß, es ist schwer. Ich bitte euch, mir zu vertrauen, aber nach allem, was wir euch angetan haben, ist das nahezu unmöglich." 

„Ein Instrument?“, Simon sah den Alten verständnislos an.

„Ein Zupfinstrument. Inara spielt es wunderbar. Sie ist eine Künstlerin.“ Der Fremde nickte wie um seine eigene Aussage zu bekräftigen. „Als ich sie hörte, wurde mir klar: wir dürfen nicht eure Kultur zerstören, um unsere zu erhalten. Wir hatten unsere Chance, unsere Welt. Dieses hier ist die eure, und ihr werdet eure eigene Kunst haben, eure Schönheit, eure Erhabenheit. Ihr steht noch am Anfang, darum schauen viele von uns auf euch herab, aber ihr werdet wachsen und blühen. Ihr habt das Recht darauf, ebenso, wie wir es hatten.“ Er atmete tief ein, und der Ausdruck von Trauer auf seinem Gesicht verwandelte sich in Zuversicht. „Ihr werdet euren eignen Homer haben, euren Leonardo da Vinci, euren Mozart. Und vielleicht gelingt es eurem Volk, die Fehler zu vermeiden, die wir Menschen begangen haben.“

 

ENDE

 

 


Achim Hildebrand schreibt seit seinen Teenagerjahren über Themen, die er auch gerne liest: Science Fiction, Fantasy, Horror und alles was mit abenteuerlicher Phantastik zu tun hat.

 

Seine Texte sind in zahlreichen Anthologien erschienen, darunter Kurzgeschichten, Artikel und Übersetzungen. Ferner erschien 2008 sein Fantasy-Roman Meuchelsänger – Das Auge des Chaos – und 2018 Aileen, eine Sammlung von Horror-Kurzgeschichten des klassischen englischen Autors Algernon Blackwood, wofür er die deutschen Erstübersetzungen anfertigte.

 

Er ist außerdem Mitherausgeber des Horror-Magazins Zwielicht, das mittlerweile in 13 Ausgaben erschienen ist.

 

Beruflich schreibt er als technischer Redakteur Handbücher für industrielle Software.

Nein, dachte Nidel, du bist ein noch zu kleines Mädchen, für das man Nekronten schlachten muss.

Eigentlich wollte Nidel, der Meuchel-Sänger, nur seiner Liebsten einen Gefallen tun. Doch kaum ist das Schiff, das ihn dem Ziel seiner Träume näher bringen sollte, havariert, folgen ihm schon Chaosbestien, liebestolle Söldner und seltsam tanzende Religionisten.

Nidel muss sich seinem Schicksal stellen, wenn die Welt nicht im totalen Chaos versinken soll. Kann man einem Eiszwerg trauen? Einem Causalomanten? Oder gar einem geschäftstüchtigen Nekronten?

 

Bezugsquelle: Direkt beim Autor,

Preis: Euro 10.- zzgl. Versandkosten

info@achim-hildebrand.de

Aileen: und weitere unheimliche Geschichten (Deutsch) 

Taschenbuch  14. Mai 2018

von

 

Algernon Blackwood (Autor) 

Achim Hildebrand     (Autor)

Michael Schmidt         (Autor) 

Björn Ian Craig    (Illustrator)

 

Bezugsquelle: Amazon.de

 

Zwielicht Sonderband des englischen Autors Algernon Blackwood (1869 bis 1951). Er war insbesondere bekannt für seine, von unterschwelligem Schrecken geprägten Gruselgeschichten. Er gab auch an, selbst Geistererscheinungen gesehen zu haben, die er in seinen Geschichten verarbeitete.

 

Dem Publikum wurde Blackwood später auch als Radiomoderator bekannt.


Für unsere Leser ausgesucht, die fantastische  Horror-Geschichte der SMERGS.

(Urheberrechte und Copyrights © by Achim Hildebrand)

 

 

Smergs

 

“Nnnnnhhhh”, die Anspannung und Frustration eines ganzen missratenen Tages verließen Claudia in einem einzigen wohligen Seufzer, als sie sich bis zum Kinn ins angenehm heiße Wasser gleiten ließ. Der duftige Schaum kitzelte und knisterte in ihren Ohren. Sie ließ es mit einem wohligen Nasenkräuseln geschehen und lehnte sich entspannt zurück.

 

So bleib ich jetzt liegen, dachte sie, einfach liegen, bis das Wasser kalt ist …
Ihr Blick wanderte träge über das rötelfarbene Wolkenmuster der Kacheln, ein unaufgeregtes, beruhigendes Muster, ohne aufdringliche Kontraste oder kitschige Dekorbilder. Nur unterbrochen durch die hellen Pfade der Fugen.


Sie stutzte. Da war etwas, das die weiße Harmonie der Linien unterbrach, direkt über ihrem Unterarm, der auf dem Rand der Wanne ruhte. Neugierig beugte sie sich vor. Es war ein bräunlich-grauer Fleck, der sich in die Fuge schmiegte, kaum länger als ein Streichholz. Nicht nur eine Verfärbung, sondern unverkennbar ein Belag, der auf dem unschuldigen Weiß haftete. Sollte das etwa Dreck sein?


Verdrossen runzelte sie die Brauen. Sie konnte sich nicht vorstellen, eine solche Schmutzkruste übersehen zu haben. Sie putzte ihr Bad dreimal die Woche gründlich und bis in die letzte Ecke, aber das hier sah aus, als habe es sich über Wochen - wenn nicht Monate - angesammelt … festgesetzt … eingefressen …


Claudia war kurzsichtig. So kurzsichtig, dass sie nie sicher war, welche Schuhe sie gerade trug. Darum konnte sie mit den Augen ganz nahe herangehen und mit fast mikroskopischer Schärfe auch die kleinsten Einzelheiten erkennen. Es sah aus wie eingetrockneter, vergrauter Seifenschaumschorf, durchsetzt mit abgebrochenen Haarspitzen, zusammengebackenen Hautschuppen und seltsam schmierigen Filamenten, deren Natur sie nicht näher bestimmen konnte. Möglicherweise waren es alte, verklebte Spinnweben.


Seltsam, dachte sie, es sieht aus wie eine winzige Landschaft. Mit Bergen, Höhlen und Tälern. Sie schauderte bei der Vorstellung, diese kleine Welt sei bewohnt von kleinen, ekligen Mikroben. Mikroben, die an den filigranen Spinnwebsäulen hinauf zu ihren Höhlen krabbelten, darin verschwanden und dort ihren sinistren Bazillengeschäften nachgingen.


Claudia schnaubte unwillig. Das konnte sie nicht so bleiben lassen. Mit einem solchen Dreckflecken neben sich konnte sie ihr Bad nicht genießen. Auf keinen Fall. 
Hektisch kletterte sie aus der Wanne, trocknete sich flüchtig ab, kramte ein neues Scheuerschwämmchen aus dem Unterschrank und tränkte es mit Fugenreiniger.


Der durchdringende Geruch allein und die cremige Konsistenz beruhigten sie schon ein wenig. Sie versprachen Reinheit und Makellosigkeit. Claudia presste den Schwamm auf die Fuge und rieb ihn kräftig hin und her. Puh, der Flecken war widerspenstig – so, als habe er Wurzeln in der Fugenmasse. Nur ganz allmählich wurde er blasser, und sie musste mehrere Male die Hand wechseln, bis er so weit verschwunden war, dass sie auch bei schärfstem Hinsehen keine Verfärbung mehr wahrnehmen konnte.


Zufrieden stieg sie wieder in die Wanne und spürte, wie die Entspannung zurück kehrte. Jetzt war alles richtig. Das war ihr Bad, wie es sein sollte, und nun konnte sie sich auch fühlen, wie sie sich fühlen wollte.


Als sie eine Stunde später zu Bett ging, hatte sie die Sache schon fast wieder vergessen und schlief auf der Stelle ein. 

 

“Claudia!”


Die Stimme war leise, sonor und angenehm, doch so einsam und erratisch in der Stille ihres Schlafs, dass sie erschrocken die Augen aufriss.


“Ja?", wollte sie sagen, aber ihre Stimme gehorchte ihr nicht. Ihr ganzer Körper war wie gelähmt. Es war die klassische Alptraumsituation: Man träumt, dass man wach ist und sich nicht rühren kann – und obwohl man weiß, dass man träumt, kann man nicht wirklich erwachen.
Claudia kannte das. Sie hatte es schon zwei, drei Male erlebt. Aber noch nie hatte sie Stimmen dabei gehört.


“Claudia!”


“Ja?”, dachte sie.


“Du musst nicht erschrecken. Es tut mir leid, wenn ich dich beunruhige, aber es bleibt mir keine andere Wahl. Ich muss unbedingt mit dir sprechen.”
Sie dachte ein zögerndes Nicken.


“Gut. Mein Volk ist nämlich in einer schlimmen Situation – und das hat leider mit dir zu tun.”


“Mit mir?”


“Du weißt nichts von uns, deshalb machen wir dir auch keine Vorwürfe. Aber du machst es uns sehr schwer, bei dir zu überleben. Gestern Abend hast du Conajoharodonawaga, eine unserer größten und prächtigsten Städte vernichtet. Nicht ein Einziger hat überlebt. Es ist eigentlich nicht üblich, dass der Mensch, mit dem wir zusammen leben, von uns weiß. Aber wenn wir nicht untergehen wollen, müssen wir uns mit dir beraten. Ich bin tief in deinen Kopf vorgedrungen – was uns normalerweise verboten ist – so dass ich mit dir sprechen kann.”


“Ich habe keine Stadt zerstört. Das ist ein ziemlich blöder Traum.”


“Erinnerst du dich an den Fleck in deinem Badezimmer? An die Fünfzigtausend meiner Artgenossen lebten in den Höhlenfestungen dort. Frauen und Kinder und erfahrene Jäger. Sie werden uns sehr fehlen.”


“Wer seid ihr?”

“Ich bin Shlorm, vom Volk der Smergs. Genauer gesagt: vom Volk der Claudia-Smergs. Jede Menschenwohnung ist auch die Heimat eines Smerg-Volkes. Und der Mensch, der in der Wohnung lebt, ist der Gott dieses Volkes. Deshalb kommen wir in aller Demut zu dir. Nicht als Rebellen und nicht, um dir Vorhaltungen zu machen – so schwer unsere Verluste auch sind. Aber du wusstest bisher nichts von uns, sonst wärst du sicher vorsichtiger gewesen. Wir wollen dich nur bitten, uns unser Dasein nicht unmöglich zu machen. Lass uns ein paar kleine Winkel in deiner Wohnung, in denen wir unbehelligt leben und dir dienen können.”


“Mir dienen? Seid ihr intelligente Staubmilben oder so etwas … Parasiten?”
“Staubmilben? Hah! Wir jagen sie! Mein Bruder hat einen Umhang, der ganz aus den Fühlerhaaren von Staubmilben gewebt ist.”


“Dann seid ihr am Ende sogar nützlich?”


“Hm, hm, wie man’s nimmt. Die Staubmilben jagen wir für uns, weil wir von ihnen leben. Für dich … tun wir etwas anderes.”


“Etwas anderes? Es hört sich seltsam an, wie du das sagst. Was ist es?”
Die Stimme zögerte wieder mit der Antwort.


“Nun, wir sorgen dafür, dass du dich in deinem Leben und in deiner eigenen kleinen Welt ein bisschen wohler fühlst – vielleicht sogar glücklicher – , ohne dass du so recht weißt warum.”


“Aaahaaa”, dachte Claudia gedehnt. “Und wie genau macht ihr das?”
Erneut machte Shlorm eine lange Pause.

“Hast du dich schon einmal gefragt, wie es kommt, dass beim Fensterputzen die Scheiben nie ganz blank werden, oder dass es in deinem Schlafzimmer immer ein ganz kleines bisschen muffig riecht, egal wie lange du lüftest?
Oder weißt du, warum die Gläser im Schrank blind werden, auch wenn du sie nicht benutzt? Das ist unser Dienst den wir für dich leisten.
Wir sorgen auch dafür, dass der Stoff um die Knöpfe herum nie ganz glatt wird, wenn du Hemden bügelst, und dass du, auch wenn du gerade erst geduscht hast, schon nach einer halben Stunde unter den Achseln wieder leicht nach Schweiß riechst. All das tun wir für dich, weil du unsere Göttin bist.”


“Seid ihr verrückt? Warum macht ihr so etwas?”


“Wir tun es, damit deine Freunde dich gerne besuchen - und dich auch einladen, weil sie kein schlechtes Gewissen haben müssen, wenn ihre eigenen Wohnungen nicht so sauber sind wie deine und weil … "


“Und das alles soll ich hier in meiner Wohnung dulden?”
Shlorm fuhr unbeirrt in seinen Ausführungen fort:


“Und wir tun es auch, damit es für dich nach, 'zu Hause’ riecht, wenn du abends von der Arbeit zurückkommst. Damit deine Katze dich wieder erkennt, wenn du sie nach dem Urlaub aus der Tierpension abholst …"

 

“Ihr seid verrückt, ihr macht aus meiner Wohnung einen Schweinestall, einen … Seuchenherd!”


Trotz ihres Ausbruchs behielt Shlorms Stimme ihren fast hypnotisch sanften Klang:
“Ich weiß, dass diese Enthüllungen dich verwirren und überraschen. Du musst natürlich erst darüber nachdenken und ihre tiefere Bedeutung verstehen. Damit dir dies leichter fällt und du erkennst, wie sehr wir dich lieben und verehren, vertraue ich dir eine wundervolle Neuigkeit an:

Wenn du dafür sorgst, dass wir nicht ständig um unser Leben fürchten müssen, werden wir dir einen prächtigen Tempel errichten.”


“Einen Tempel? Wo?”


“In deiner Küche. Unter dem Rand des Mülleimerdeckels klebt eine prachtvolle, uralte Dreckkruste. Wie geschaffen für ein Heiligtum. Unsere Arbeiter haben bereits mit den Fundamenten begonnen.”


“Im Mülleimer?”


“Ein Mülleimer ist es für dich. Für uns ist es ein Kontinent. Ein Kontinent, den wir in deinem Namen erobern und dessen Schätze wir ausschließlich zu deiner Verherrlichung verwenden. Wir sind ein sehr empfindsames und kunstbeflissenes Volk und unsere Künstler …"


“Quatsch, ihr seid hundsgewöhnliche, widerliche Bazillen.”


“Das siehst du falsch, wir …”


“Ich werd’ euch ausrotten, mit Stumpf und Stiel! Keine Sekunde länger dulde ich ein solches … Ungeziefer in meiner Wohnung.”


Fast übergangslos, nur mit einem leichten Zucken und Schaudern, fühlte Claudia, dass sie wach war und sich wieder bewegen konnte. Seltsam – für gewöhnlich verblassten ihre Träume, sobald sie die Augen öffnete. Spätestens beim Frühstück konnte sie sich an nichts mehr erinnern. Nur die geträumten Gefühle schwangen noch eine kurze Weile nach. Aber dieses Mal konnte sie sich an jedes Wort erinnern – und an die Zimmerdecke, an die sie die ganze Zeit über gestarrt hatte.


Sie krabbelte aus dem Bett und ging in Richtung Badezimmer, um Morgentoilette zu machen. Aber auf halbem Weg hielt sie inne, grübelte einen Moment, runzelte die Stirn und lief dann rasch die Treppe hinunter und in die Küche. In der Nische zwischen Wand und Spüle stand der Mülleimer, unschuldig und bedrohlich zugleich. 

 

Von außen wirkte er blitzsauber: poliertes Chrom und der samtschwarze Gummi der Dekorprofile. Ihr Spiegelbild auf der sanft gewölbten Oberfläche schenkte ihr ein spöttisch verzerrtes Lächeln.
   Du hast sie nicht alle, sagte sie zu sich selbst. Aber noch während sie es dachte, hatte sie sich bereits vorgebeugt und den Deckel zurückgeklappt.
 Sie zuckte zusammen. Da war ein Fleck. Ein kleiner Streifen rotbraune Schmiere, die den Ritz zwischen Gummiprofil und Metall füllte. Wahrscheinlich war es ein Rest eingetrockneter Ketchup.


Claudia schluckte schwer. Der Traum …? Nein nein, das war Unsinn. Sicher hatte sie den Fleck irgendwann gesehen, aber nicht bewusst wahr genommen. Und ihr Unterbewusstsein hatte den Traum darum herum gewebt. Mit einer alten Zahnbürste und etwas Stahlreiniger schrubbte sie den Fleck aus ihrer Welt.
Aber sie nahm den Vorfall zum Anlass, ihre gesamte Wohnung nach verdächtigen Ecken und Nischen abzusuchen. Alles, was nach Schmutz, Staub, Schmiere oder Fleck aussah, wurde weggewienert, ausgewischt und zerbürstet.
Müde und zerschlagen, mit schmerzenden Knien, aber auch mit dem befriedigenden Gefühl, diesmal nichts übersehen zu haben, sank sie am Abend ins Bett und schlief augenblicklich ein.

“Claudia?”


“Ja?”

“Das war ein schlimmer Tag für unser Volk. Hunderttausende sind durch den Zorn ihrer Göttin gestorben. Dein Tempel und dein Standbild sind zerschmettert durch deine eigene Hand. Wir, dein Volk, wissen nicht, wodurch wir uns diesen Zorn zugezogen haben, aber wir haben verstanden. Du willst nicht mehr länger unsere Gottheit sein, und da keiner unserer Priester mehr am Leben ist, gibt es auch in meinem Volk niemanden mehr, der dich verehren will. Für uns geht es jetzt ums nackte Überleben. Deshalb haben wir beschlossen, die uns verbliebenen Städte in deiner Wohnung aufzugeben und in einer sichereren Gegend zu siedeln.”


“Wo?”


“Auf deinem Körper. Das ist unsere einzige Chance. Du kannst ihn nicht behandeln wie deinen Fußboden oder die Polstermöbel. Deshalb sind wir nur hier sicher. Ich weiß, es ist ein einmaliges Sakril …”


“Ich erwisch euch überall!!!”


Claudia erkannte verstört, dass sie aufrecht im Bett saß und die Wand angeschrien hatte. Mit einem hervorgewürgten Ächzen sprang sie auf und hastete ins Bad. Unter der heißen Dusche schrubbte sie sich ab, bis ihr ganzer Körper krebsrot war und die Haut glühte wie die einer Fieberkranken.


Anschließend cremte sie sich mit einer desinfizierenden Salbe ein, die eigentlich gegen Pilzinfektionen gedacht war und hoffte, den kleinen Biestern damit den Rest zu geben. Aber sicher war sie sich nicht, und darum wiederholte sie diese Prozedur von nun an jeden Tag.


Das beständige Waschen und die Desinfektionsmittel bekamen ihrer Haut nicht gut. Zuerst wurde sie rissig und begann in kleinen blassen Schuppen abzuschilfern. Dann verbreiterten sich die Risse, die Ränder entzündeten sich, Pusteln blühten auf und feuchter Schorf breitete sich aus.


Claudia hatte immer Probleme mit ihrer empfindlichen Haut gehabt, sie aber mit hochwertigen Lotionen und Pudern recht gut im Griff gehabt. Jetzt halfen die Lotionen nicht mehr. Sie verbanden sich mit dem Schorf zu unansehnlichen gelbbraunen Krusten, die hässliche Flecke in der Wäsche hinterließen. Nur im Gesicht gelang es ihr, mit Hilfe teurer medizinischer Cremes und viel Schminke, die Haut weiterhin makellos und glatt zu erhalten. Für sie war dies kein Grund, in ihren Bemühungen nachzulassen. Im Gegenteil, mit den tiefen, unzugänglichen Hautrissen gab sie sich besondere Mühe. Sie waren wahrscheinlich ideale Verstecke
 für die Smergs.

 

Claudia blieben die schädlichen Nebenwirkungen ihres Tuns nicht verborgen und sie wusste, dass sie nicht ewig so weitermachen konnte. Auch Ihre Bekannten und Arbeitskollegen sprachen sie schließlich auf den besorgniserregenden Zustand ihrer Hände an. Zwar stets mit der gebotenen Zurückhaltung und Feinfühligkeit, aber immer öfter und eindringlicher. Deshalb setzte sie sich eine Frist. Wenn die Träume bis dahin nicht wiederkehrten, wollte sie die Sache als erledigt betrachten und ihre normalen Gewohnheiten wieder aufnehmen.


Aber Träume kehren immer wieder!


“Claudia?”


“Seid ihr es wieder? Ich dachte …"


“Nur ich, Shlorm. Aber ich spreche für alle meines Volkes – für die wenigen jedenfalls, die noch am Leben sind.”


“Ich hatte gehofft, euch alle erwischt zu haben. Wo steckt der Rest von euch?”


“Du hast selbst deinen eigenen Körper nicht geschont, um uns zu vernichten. Damit haben wir freilich nicht gerechnet. Deshalb mussten wir noch einen Schritt weitergehen. Jetzt werden wir kämpfen und Rache nehmen!”


“Was könntet ihr mir wohl sonst noch antun?”


“Der Rest unseres Volkes hat in den Falten und Poren deines Gesichts Zuflucht gefunden. Jetzt werden wir dir zeigen, was Grabenkrieg bedeutet!”


“Falten? Grabenkrieg? Was habt ihr vor?”


“Wundere dich nicht, wenn du in nächster Zeit unreine Haut und Pickel im Gesicht bekommst …”


“Ihr erbärmlichen Drecksbiester!!!”


“Jahaaa, wir wissen wo’s wehtut!”


“Ich auch – darauf könnt ihr wetten!”


Diesmal erwachte sie weinend. Nun auch die Makellosigkeit ihres Gesichts aufgeben zu müssen, raubte ihr fast den Verstand und zerbrach für den Augenblick jeglichen Willen. Aber sie wusste, dass sie keine Wahl hatte, wenn sie je wieder ihre innere Ruhe finden wollte.


Und – so tröstete sie sich – es war der letzte Preis, den sie zahlen musste, um wieder Herrin über sich selbst zu werden. Danach würde alles gut werden – schön, rein und … und … wie es früher war.


Sie ließ sich wegen einer vorgetäuschten Nervenschwäche krankschreiben und besorgte sich starke Desinfektionsmittel in der Apotheke. Den Telefonstecker zog sie aus der Wand und die Wohnungstür schloss sie von innen ab. Wenigstens sollte niemand, auch nicht durch Zufall, mitbekommen, was jetzt mit ihr geschah.


Dann machte sie sich daran, die Smergs in ihrer letzten Zuflucht zu vernichten. Was schadete es, dass ihre Augen zu schmalen Schlitzen verquollen und ihr Haar strähnenweise ausfiel? Dass sich ihre Mundwinkel entzündeten und die Haut sich in rotes Pergament verwandelte? Wichtig war der Zweck und die Gewissheit, sich ein für alle Mal von diesem Fluch zu befreien. Auch auf den Trümmern einer Ruine konnte man etwas neues, schönes aufbauen.


Aber sie fühlte sich sterbenselend. Die geschundene, entzündete Haut und die Desinfektionsmittel vergifteten ihren Körper. Ihr Kreislauf machte immer öfter schlapp, und sie musste sich zwingen, regelmäßig zu essen. Allein der Geruch der Lebensmittel ließ ihr schlecht werden.


“Claudia!”


Ihre Antwort war ein leises, kraftloses Schluchzen. In Shlorms Stimme schwang diesmal eine unerbittliche Härte, die ihr Angst machte.


“Du hast es fast geschafft. Doch nicht ganz. Ich bin der Letzte meines Volkes. Aber ich werde überleben. Ich werde von nun an in deinem Kopf bleiben. Unangreifbar für dich. Ich werde dir erzählen, von meinem Hass und meiner Verzweiflung … und von meiner Trauer. Du wirst meine Gefühle teilen und sie fühlen, wie ich sie fühle. Und ich werde bei dir sein – jede Nacht!”


Strobach, der untersuchende Kommissar wandte sich kopfschüttelnd an Inspektor Battenfeld, seinen Assistenten.


“Hab ich das richtig verstanden? Sie hat sich einen Stielkamm durchs Ohr bis ins Hirn gebohrt?”


Battenfeld nickte und zuckte mit den Achseln, als müsse er sich für irgend etwas entschuldigen.


“So ist es, Chef. So was ist mir noch nicht untergekommen.”


“Und die ganzen verschütteten Desinfektionsmittel?”


“Wissen wir noch nicht. Unser Psychologe hält es nicht für unmöglich, dass irgendein seltsames Ritual im Spiel war.”


“Und was denken Sie persönlich?”


“Selbstmord vielleicht. Für eine junge Frau muss es sicher eine ungeheure Belastung sein, so …”, er zögerte kurz, “ … so auszusehen.”


Strobach stemmte die Hände in die Hüften und schüttelte wieder den Kopf.
“Junge, Junge”, sagte er. Und noch einmal: “Junge, Junge!”

 

ENDE

 

 

 


Mit „BIEDENBACH“ gelingt Achim Hildebrand eine weitere Geschichte, die kribbelnde Spannung erzeugt. Erleben Sie als Leserin und Leser, was sich Biedenbachs Büro Mitarbeiter, Brosig, einfallen lässt, um mit scheinbar harmlosen Mitteln, die extrovertierte und störende Art Biedenbachs etwas zu korrigieren, um das Ambiente im Büro wieder erträglich werden zu lassen.

BIEDENBACH

(Urheberrechte und Copyrights © by Achim Hildebrand)

 

Schritte dröhnten die Treppe hinauf, dazu ein hallendes Räuspern und ein rhythmisch geschüttelter Schlüsselbund. Biedenbach war im Anmarsch.

 

Brosig seufzte leise und versuchte, die Nase hochzuziehen. Es ging nicht. Beide Nasenlöcher waren verstopft und mehr als ein gequältes Fiepen in den Nebenhöhlen kam nicht dabei heraus. Er verstand nicht, wieso eine derart verstopfte Nase trotzdem ständig laufen konnte und langte nach den Papiertaschentüchern.

 

Die Bürotür schwang auf und eine wuchtige Gestalt schob sich herein. Bedächtig aber unaufhaltsam wie ein Erdrutsch.

 

"Moin, Moin!"

   "Moin", prustete Brosig in sein Taschentuch. Biedenbach war da.

 

Er stampfte zu seinem Schreibtisch, rückte den Sessel zurecht und ließ sich mit einem wohligen "Aaaach" hinein sinken. So blieb er einen Moment sitzen, schaute prüfend aus dem Fenster und beugte sich dann mit einem "Uiuiui" hinunter, um seinen PC einzuschalten. Während der Computer hochfuhr, schaute Biedenbach ihm dabei zu, wobei er leise aber resonant       "Dubdidudidu" vor sich hin blubberte.

 

Brosig tupfte sich die letzten Reste Feuchtigkeit von der Nase. Sie war wund und er scheute davor zurück, sie zu berühren. Von dem Frösteln, den Gelenkschmerzen und den entzündeten Mandeln ganz abgesehen. Eine Erkältung hatte viel gemeinsam mit Biedenbach. Beides musste man erleiden. Der Unterschied war nur: Die Erkältung ging irgendwann wieder vorbei - Biedenbach blieb.

 

Dabei war er gar nicht so verkehrt, ein guter Kumpel, hilfsbereit und teamfähig und gute Arbeit leistete er überdies.  Und ruhig, in dem Sinn, dass er nicht zu viel redete, war er auch. Eigentlich der ideale Bürogefährte, wäre da nicht sein Drang gewesen,  fast jede seiner Tätigkeiten mit einem Geräusch oder einem kurzen Kommentar zu begleiten oder sie besonders laut auszuführen. Demonstratives Räuspern, unartikulierte Lautketten, Klatschen auf die Oberschenkel, immer wiederkehrende Melodiefetzen, auch Rülpser in allen Variationen - Biedenbachs Repertoire war unerschöpflich.

 

"Oaaaa." Er stemmte sich wieder aus dem Sessel hoch und stampfte hinüber zur Kaffeemaschine.

   Brosig hatte sich selbst immer wieder damit zu besänftigen versucht, dass er eben überempfindlich sei, dünnhäutig, wegen der vielen Sorgen, die ihn drückten. Und, dass Biedenbachs Geräuschkulisse nichts anderes war als Ausdruck von Lebensfreude und Wohlbefinden. 

 

Es half alles nichts – Biedenbach ging ihm auf die Nerven. Und in letzter Zeit ertappte er sich immer häufiger beim Grübeln darüber, was er vielleicht tun konnte, um dessen Äußerungstrieb einzudämmen. Ihn deswegen anzusprechen schien so sinnvoll, wie einen Motor zu bitten, etwas leiser zu dröhnen. Forderungen oder gar Befehle von einem Typ wie Kurt Brosig an einen Reiner Biedenbach waren auch kein gangbarer Weg ...

 

"Schlrlrchfssst." Biedenbach hatte an seinem Kaffee genippt.

 

... eine Intrige spinnen, die dafür sorgte, dass Biedenbach gekündigt oder wenigstens in ein anderes Büro versetzt wurde – Brosig machte sich nichts vor, für so etwas war er zu schlicht gestrickt. Das würde in die Hose gehen. Oder zum Betriebsarzt gehen und ..., bloß nicht, er war eh schon so oft krank und wenn er sich nun auch noch als nicht belastbar erwies – als schlechter Kollege ... Kriminelle Dinge, wie etwa, Biedenbach etwas in den Kaffee zu tun, kamen erst Recht nicht in Frage.

 

Es schien keinen Ausweg zu geben. Wenn er Pech hatte, würde er die nächsten zwanzig Jahre mit Biedenbach in diesem Büro verbringen. Aber das hieß auch, dass er früher oder später durchdrehen würde ...

 

"Aaaaaargh." Biedenbach stand vor dem Fenster und strecke sich genüsslich. Verdammt, wie machte der Kerl das bloß, sich so wohl zu fühlen?

 

In der Mittagspause ging Brosig grundsätzlich in die Kantine, da Biedenbach in dieser Zeit meist im Büro sitzen blieb, um im Internet zu surfen, oder durch den nahe gelegenen Baumarkt bummelte. Brosig hatte sich heute für eine Kohlroulade entschieden und sich an den Tisch hinter der großen Dieffenbachie gesetzt.

 

Er war etwas spät dran. Die Kantine leerte sich bereits wieder. Deshalb war er ein wenig überrascht, als er jemand fragen hörte:

   "Darf ich mich zu Ihnen setzen?"

 

Er schaute von seinem Teller auf. Es war Frau Gerlach aus der Controlling-Abteilung. Eine der wenigen Kolleginnen, die er näher kannte, weil er bei ihr seine Zeitaufschreibungen abgeben musste.

  "Klar", er nickte. Etwas zu spät, denn sie hatte schon ihre Handtasche über die Stuhllehne gehängt und sich gesetzt. Wie meistens hatte sie sich nur einen Kaffee geholt. 

 "Eigentlich hätte ich ja auch Roulade genommen", begann sie übergangslos.

   "Aber bei Rindfleisch bin ich immer ein bisschen skeptisch. Wenn man das nicht richtig behandelt, wird es leicht trocken und zäh."

    "Die hier geht eigentlich", sagte Brosig.

"Übermorgen wollen sie im Nelkenweg eine Baustelle aufmachen", wechselte sie das Thema.

   "Dann kommt man nur noch über die alte Bergwerksstraße zur Autobahn. Für mindestens drei Monate. Da muss man morgens vorneweg eine Viertelstunde früher aufstehen ... "

 

Während er schweigend weiter aß, hüpfte sie von einem Thema zum anderen. Sie kannte ihn als ruhigen Vertreter und störte sich nicht daran, dass er nicht viel redete. Dass er heute aber überhaupt nichts sagte, fiel ihr schließlich doch auf.

 

"Sie sind aber still heute", sprach sie ihn direkt an. "Und so richtig gut aussehen tun Sie auch nicht. Fühlen Sie sich nicht wohl?"

   "Bisschen erkältet", brummte er kauend.

"Erkältet? Ach Sie Armer. Warten Sie mal, da hab ich was für Sie."

Sie drehte sich nach ihrer Handtasche und holte ein braunes Glasfläschchen hervor. Brosig beäugte misstrauisch das handgemacht wirkende Etikett.

   "Was ist das?"

"Steinrosentinktur. Zwölfte Potenz. Das hilft mir immer sehr gut, wenn ich spüre, dass eine Erkältung im Anzug ist."

   "Was Homöopathisches?"

"Stimmt", sagte sie. Und als sie die leichte Abneigung in seinem Blick bemerkte, fügte sie hinzu.

   "Wieso?"

"Das hilft doch nur, wenn man fest dran glaubt."

 

Sie hob leicht die rechte Braue.

 

"Also Frau Zörb nimmt es, Herr Weigand und Frau Büchner auch. Und alle sind sehr damit zufrieden." Sie schraubte das Fläschchen auf und nahm ihren Teelöffel in die Hand. "Hab ich noch nicht benutzt", versicherte sie.

   "Ich mein ja nur, ich hab mal gelesen, die Sachen sind so verdünnt, dass da gar nichts mehr drin ist, was wirken könnte."

Sie seufzte etwas ungehalten.

   "Ach ja. Das wird von den etablierten Ärzten immer wieder aufgewärmt. Aber die haben das Prinzip überhaupt nicht verstanden."

   "Welches Prinzip?"

"Na, wie diese Medikamente wirken. Es kommt nämlich gar nicht darauf an, dass da ein Wirkstoff drin ist. Wichtig ist, dass er einmal drin war."

Brosig schaute sie zweifelnd an und sie fuhr fort: 

 

"Das Wasser kann nämlich wegen seiner Struktur sämtliche Informationen über einen Wirkstoff und seine Eigenschaften speichern und sie weitergeben. Das heißt, wenn man den Wirkstoff wieder rausnimmt, bleibt die Wirkung trotzdem erhalten. Und es hat keine Nebenwirkungen mehr. Wasser ist übrigens für sich schon ein faszinierender Stoff. In Japan hat man da in den letzten Jahren ganz erstaunliche Entdeckungen gemacht."         Sie hatte einen Zuckerwürfel auf den Löffel gelegt und begann Tropfen zu zählen.

 

"Hört sich ziemlich eigenartig an", sagte Brosig. "Also alles, was ich stark verdünne, wird dadurch zum Medikament? Das müsste einem doch auffallen, ich meine, wenn man aus einem Glas Alka Seltzer trinkt, es nicht richtig ausspült und nachher wieder draus trinkt..."

   "So simpel ist es wieder nicht. Die Wirkung muss noch aktiviert und verstärkt werden, indem man es genau nach Vorschrift schüttelt. Aber das ist sehr kompliziert. Da weiß ich auch nicht so genau Bescheid drüber. Jetzt nehmen Sie schon." Sie hielt ihm den Löffel hin, auf dem der feuchte Zuckerwürfel langsam in sich zusammenfiel.

 

"Steinrose hab ich noch nie gehört."

 

"Das ist ein Kraut, das dieselben Erscheinungen hervorruft wie eine Erkältung. Das ist auch so ein Prinzip in der Homöopathie, dass man Gleiches mit Gleichem behandelt. Es ist gewissermaßen so, dass das Abwehrsystem denkt, man sei erkältet und entsprechend Abwehrkräfte bereitstellt. Der Körper heilt sich praktisch selbst."

   "Aber..."

"Sogar die Krankenkasse bezahlt manche homöopathischen Sachen. Die sind heute absolut anerkannt."

   Brosig griff nach dem Löffel. Wenn ohnehin nichts drin war und er Frau Gerlach einen Gefallen damit tat ...

Es schmeckte nur süß, wegen des Zuckerwürfels, und ein klein wenig nach Alkohol.

 

"Wie lange braucht das denn, um zu wirken?"

   Frau Gerlach zuckte mit den Achseln.

"Ist vielleicht unterschiedlich. Aber bei mir und bei allen die ich kenne, wirkt es spätestens nach einer Stunde."

   "Bin mal gespannt." Brosig schob dem süßen Geschmack den letzten Bissen Roulade hinterher.

   "Es ist übrigens bald vorbei mit den Zeitaufschreibungen", sagte Frau Gerlach, während sie das Fläschchen wieder verstaute. "Die Administration hat jetzt eine Software besorgt, mit der man die Zeiten übers Netzwerk festhalten kann."

   "Oh ...", 'dann sehn wir uns ja gar nicht mehr' hätte er fast hinzugefügt. Aber er ließ es bleiben. Frau Gerlach war wie er, alleinstehend und Mitte vierzig. Recht attraktiv noch dazu. Im Hinterkopf hatte er immer die Absicht gehabt, sie eines Tages anzusprechen und vielleicht zum Essen einzuladen, oder ins Kino ... Doch er hatte es immer vor sich hergeschoben. Er sah sie ja jeden Freitag und konnte warten, bis sich die passende Gelegenheit ergab. Jetzt war es wahrscheinlich zu spät, denn bis Juni würde er sich kaum dazu entschließen können, sie doch noch anzusprechen. Die Begegnungen in der Kantine ergaben sich eher zufällig und selten.

 

Er fühlte ein tiefes Bedauern.

 

Der Rest des Tages verlief wie gewöhnlich, außer, dass Brosig nun auch noch die Niedergeschlagenheit darüber quälte, den regelmäßigen Kontakt zu Frau Gerlach zu verlieren.

 

Erst auf der Heimfahrt wurde es besser, als er fühlte, dass seine Erkältung abzuklingen begann. Anscheinend wirkten diese Tropfen doch  – auch wenn ihm das Prinzip, dass das Wasser sich irgendetwas merken sollte, und dass man das durch Schütteln verstärken konnte, weiterhin absurd erschien. Gleiches mit Gleichem, das war doch reiner Schamanis ..., er wäre fast auf die Bremse getreten, als ihm ein Gedanke kam.

 

Schamanismus hin oder her – wenn das mit der Homöopathie tatsächlich so funktionierte und man Schlechtes mit Schlechtem behandelte, musste das dann nicht genauso gut umgekehrt gehen? Gutes mit Gutem?

 

Angenommen, jemand platzte vor Wohlbehagen, so etwa wie Biedenbach zum Beispiel, und man gab ihm etwas, das Wohlbehagen erzeugte in homöopathischer Aufbereitung ..., dann musste dies doch dem Wohlbehagen entgegenwirken. Unwohlsein statt Wohlgefühl, Niedergeschlagenheit statt guter Laune. Und jemand, der so empfand, war nicht lebensfroh und nach außen gekehrt, sondern zog sich eher still in sich zurück. Brosig kannte das von sich selbst.

 

Und wenn es funktionierte, nur mal angenommen, dann würde es sich nicht mal nachweisen lassen. Es war ja nichts drin als irgendwelche Informationen innerhalb des Wassers. So weit war die Kripo noch nicht, dass sie die auslesen konnte. Viel würde es der behandelten Person auch nicht schaden. Es war ja nur ein erzeugtes Gefühl, keine direkte Wirkung auf den Organismus.

 

Aber was sollte man nehmen? Als Erstes fiel ihm Alkohol ein, aber er verwarf den Gedanken wieder. Alkohol war ja ohnehin in den Tropfen, wahrscheinlich um sie haltbarer zu machen.  Er brauchte sowieso noch mehr Informationen, bevor er etwas herstellen konnte. Von Homöopathie hatte er nie etwas gehalten und sich daher auch nicht weiter damit beschäftigt.

 

Brosig versenkte sich so in die Idee, dass er Mühe hatte, auf den Straßenverkehr zu achten und froh war, als er seinen Wagen vor dem Mietshaus parken konnte, in dem er eine Zweizimmer-Wohnung bewohnte.

 

Normalerweise hatte er seinen festen Ablauf, wenn er Feierabends nach Hause kam: Essen auf den Herd stellen, eine Stunde Haushaltsarbeit und Abendessen und dann Fernsehen oder Internet. Viele Abweichungen gab es davon normalerweise nicht. Aber heute setzte er sich gleich an den Computer und suchte im Internet nach Informationen darüber, wie man homöopathische Mittel herstellte. Es gab jede Menge davon und bald fühlte er sich in der Lage, sein eigenes Präparat anzufertigen.

 

Was er als Wirkstoff nehmen würde wusste er jetzt auch: Vor fünf Jahren hatte er depressive Phasen gehabt und vom Arzt einen Tranquilizer bekommen. Davon besaß er noch eine halbe Packung. Das war genau das richtige für seinen Plan. Tranquilizer munterten auf, hoben die Stimmung und sorgten dafür, dass man sich wohl genug fühlte, um seine Depressionen zu vergessen. Als homöopathische Aufbereitung würde das Zeug der Logik nach Niedergeschlagenheit, Trübsinn und Antriebslosigkeit erzeugen.

 

Nach einer Standardrezeptur pulverte er eine Tablette und setzte sie mit der entsprechenden Menge Wasser an. Noch einen Schuss Alkohol dazu und fertig.  Er ließ die Lösung zwei Stunden stehen, filterte sie dann ab, verdünnte sie bis zur zwölften Potenz und schüttelte sie entsprechend der Vorschrift. Dann füllte er sie in ein leeres Hustensaftfläschchen und legte dieses in seinen Aktenkoffer.

 

Es kamen ihm natürlich leise Zweifel, ob es in Ordnung sei, mit einem anderen Menschen derartige Experimente zu machen. Aber war es ein Experiment, jemandem einige Tropfen einer Flüssigkeit zu verabreichen, die chemisch gesehen nichts als Leitungswasser war?

 

Es war eine Maßnahme, die auf wackligen theoretischen Beinen stand. Vielleicht wäre die Erkältung auch ohne Frau Gerlachs Tropfen abgeklungen. Aber Brosig ließ sich darauf ein, weil sie seinem Charakter entsprach, unaufdringlich, unmerklich, ohne Aggressivität und Konfliktpotential. Und wenn es Probleme gab, hatte sie sozusagen nicht einmal stattgefunden. Das mochte er.

 

Biedenbach hatte die Gewohnheit, zur Toilette zu gehen, sobald er den Kaffee aufgesetzt hatte, wo er sich etwa zehn Minuten lang aufhielt. Als er das Büro verlassen hatte, stand Brosig auf und ging zum Kühlschrank, auf dem die Kaffeemaschine zischte und gluckerte. Er holte das Fläschchen aus der Tasche und schraubte es auf. Seine Hände zitterten dabei. Immer mit der Ruhe, er hatte jede Menge Zeit. Und so früh am Morgen kam noch niemand unerwartet zur Tür herein ... Brosig ließ das Fläschchen wieder sinken. Und wenn doch? Es gab immer ein erstes Mal. Außerdem, wenn die Wirkung von Dauer sein sollte, musste er Biedenbach die Tropfen jeden Tag verabreichen. Aber wenn der nun einmal unvermutet zurückkam, weil er irgendetwas vergessen hatte. Das war schon vorgekommen, und irgendwann würde er Brosig dabei erwischen, wie er sich am Kaffee zu schaffen machte. Brosig, der gar keinen Kaffee trank. Da würde er sofort Verdacht schöpfen.

 

Sein Blick fiel auf das Kännchen mit Kondensmilch. Das war die Lösung. Biedenbach nahm seinen Kaffee grundsätzlich mit Milch. Er würde selber dafür sorgen, täglich seine Tropfen zu bekommen. Rasch schüttete er etwa ein Viertel des Fläschchens in das Milchkännchen.  Besser etwas mehr. Er hatte nie darauf geachtet, wie viel Milch Biedenbach in seinen Kaffee gab.

Als dieser zurückkehrte, saß Brosig wieder an seinem Schreibtisch und blickte wie immer auf die Datenbankseiten auf seinem Bildschirm. Aber diesmal verfolgte er unter halb gesenkten Lidern genau, was Biedenbach tat.  Doch was sollte er schon Ungewöhnliches tun, wo er doch keine Ahnung hatte, was vorging? Er holte sich einen Kaffee, vergaß auch die Milch nicht und machte "Aaaargh", als er sich setzte, so, als habe er eine Zwanzig-Kilometer-Wanderung hinter sich.

 

Sein Verhalten änderte sich zunächst nicht. Er sorgte auch weiterhin für den gewohnten Geräuschteppich. Rief ein oder zweimal "Ou Baby", machte des Öfteren "Uh, uh, uh", rülpste und tappte rhythmisch mit den Füßen.

 

Einen Nebeneffekt hatte die Sache aber schon: Diesmal störte es Brosig nicht so sehr, denn die Geräusche gehörten jetzt sozusagen zum Befund.

Als Biedenbach nach Mittag aus dem Baumarkt zurückkam, hatte Brosig zum ersten Mal den Eindruck, dass er sich etwas ruhiger verhielt. Die Pausen zwischen seinen Lauten schienen eine Idee länger zu sein als sonst. Und bis zum späten Nachmittag verstärkte sich dieser Eindruck noch etwas. Aber Biedenbach war immer noch aktiv genug, um ihm auf die Nerven zu gehen. Gut, er war auf dem richtigen Weg, dachte Brosig. Morgen würde er seinem Kollegen die doppelte Dosis geben und schauen, was passierte.

 

 

* * *

 

Am folgenden Morgen schien sein Kollege wieder ganz der Alte. Er ächzte, blubberte und tappte wie in seinen besten Zeiten. Die Dosis war also nicht nur zu niedrig gewesen, sie hatte auch nicht lange vorgehalten.

 

Brosig wartete wieder Biedenbachs Toilettenpause ab und ging zum Kühlschrank. Diesmal gab er die doppelte Dosis in die Milch. Das musste jetzt reichen, denn sie begann schon ziemlich dünn zu wirken. Wenn er noch mehr hineinschüttete, würde Biedenbach es sicher bemerken. Abgesehen davon, dass er plötzlich ein Milchkännchen besaß, das nie leer zu werden schien. Aber Brosig war zuversichtlich, denn sicherheitshalber hatte er das Fläschchen am Abend zuvor noch ein bisschen geschüttelt, um die Wirkung zu verstärken.

 

Es klappte tatsächlich. Zwei Stunden, nachdem Biedenbach seinen ersten Kaffee getrunken hatte, war er nicht mehr wiederzuerkennen. Er saß mit hängenden Schultern vor seinem Monitor, seufzte hin und wieder leise oder schüttelte sacht den Kopf. Aber seine "Uh, uh, uh"'s und die anderen Lautäußerungen waren wie abgeschnitten. Im Büro herrschte eine fast surreale Stille, nur durchdrungen vom leisen Summen der PC-Lüfter.

 

Brosig atmete innerlich auf. Es hatte funktioniert und er hatte auf den Punkt die richtige Dosis erwischt. So musste er es beibehalten. Immer wenn ein neues Milchkännchen besorgt wurde, würde er es entsprechend präparieren und Biedenbach wäre der angenehmste Bürokollege, den man sich denken konnte. Natürlich gab es noch hier und da ein paar kleine Schwächen in diesem Plan. Was zum Beispiel, wenn Biedenbach die Freude am Kaffeetrinken verlor? Egal, dann verflog die Wirkung des Mittels, er würde sich besser fühlen und wieder anfangen Kaffee zu trinken. Ein paar Stunden lang dann und wann ließ sich der "alte" Biedenbach sicher ertragen. Aber seiner Frau musste es natürlich auffallen, wie ihr Mann sich verändert hatte. Und? Was sollte sie tun? Sie würde ihn vielleicht zum Arzt schicken. Der würde nichts Organisches finden, irgendetwas wie Burn-Out diagnostizieren und ihn vielleicht für eine Zeit lang in Kur schicken. Umso besser, dann war er sogar ganz weg. Vielleicht vernachlässigte er auch seine Arbeit und wurde zwangsversetzt oder gar gekündigt. Welche Perspektive Brosig auch wählte, jede war günstig.

 

Er ertappte sich dabei, wie er leise und gutgelaunt vor sich hin pfiff. Ab heute würde alles anders werden. Er würde wieder gerne ins Büro gehen, einen entspannten Tag dort haben und abends ebenso entspannt nach Hause kommen. Vielleicht ging sogar sein ständiges Sodbrennen weg. Er hatte immer den Verdacht gehabt, dass es mit dem Stress durch Biedenbach zusammenhing.

Auf dem Weg zur Kantine kam ihm Frau Gerlach entgegen.

   "Na", rief sie. "Sie seh'n ja wieder richtig gut aus. Also haben die Tropfen doch geholfen."

   "Und wie!", rief er lachend zurück. "In jeder Beziehung."

 

Wow, dachte er, sie hat gesagt ich sehe gut aus. Und in einem Anfall von neu erwachter Unternehmungslust beschloss er, sie am kommenden Freitag zum Essen einzuladen. Seine Hochstimmung hielt bis zum Feierabend an. Jedenfalls so lange, bis er vom Firmenparkplatz fuhr und auf das Umleitungsschild stieß. Richtig, Frau Gerlach hatte die Baustelle erwähnt, die hier heute aufgemacht werden sollte. Naja, man konnte nicht alles haben. Er folgte den weiteren Schildern, die ihn auf die alte Grubenstraße führten. Früher hatte sie als Zubringer zur  alten Kupfergrube geführt. Früher, das hieß, bis vor 60 Jahren, als die Grube dichtgemacht wurde. Seitdem hatte sich niemand um die Straße gekümmert und sie sah dementsprechend aus. Fünf Kilometer schmale Holperstrecke mit Schlaglöchern und Erdbrocken, die die Traktoren verloren hatten. Mehr als Schritttempo konnte man kaum fahren, wenn man nicht einen Satz neuer Stoßdämpfer riskieren wollte.

 

Brosig schaute auf die Uhr, um festzustellen, wie viel länger er für den Weg nach Hause brauchte, denn dementsprechend früher musste er am nächsten Tag auch aufstehen. Er kam auf zwanzig Minuten.

 

Natürlich war er doch etwas später dran, als er am folgenden Morgen ins Auto stieg. Mist. Seine Pünktlichkeit war, wie er wusste, eine der wenigen Eigenschaften, die seine Vorgesetzten besonders an ihm schätzten. Aber im Berufsverkehr hatte man natürlich kaum Chancen, Zeit gutzumachen. Nur auf der Grubenstraße hatte er ein wenig Luft, denn außer den Mitarbeitern seiner Firma benutzte sie kaum jemand. Er fuhr so schnell wie er glaubte, es dem Auto zumuten zu können.  Das Fahrzeug holperte und ruckelte, dass einem Angst werden konnte. Wenn er jetzt in ein tieferes Schlagloch fuhr, war mindestens eine Felge fällig, wenn nicht sogar ein Radlager. Aber er schaffte es immerhin, gerade noch pünktlich ins Büro zu kommen.

Dafür kam Biedenbach zu spät. Er hatte eine Einkaufstüte dabei, aus der er zwei Päckchen Kaffee und ein neues Milchkännchen holte. Das alte hatte er offenbar am Vortag geleert.

 

Brosig runzelte die Stirn. Jetzt konnte er natürlich nicht die Toilettenpause nutzen, um die Milch mit dem Mittel zu versetzen. Es war ja noch versiegelt und wenn Biedenbach es zum ersten Mal benutzte, er es auch versiegelt vorfinden musste. Vor der Mittagspause hatte Brosig also keine Chance, an das Milchkännchen heranzukommen, denn außer für den Gang zur Toilette verließ Biedenbach das Büro fast nie.

 

Wie sich herausstellte, gewann er wertvolle Erkenntnisse durch die Verzögerung, denn er bemerkte, wie die Wirkung des Mittels nachließ. Biedenbach wurde zunehmend lockerer und besser gelaunt und gegen Mittag hatte er sogar wieder ein "Ou Baby" und ein paar wollüstige Stöhner zuwege gebracht. Schon ein bisschen zu viel für Brosigs Geschmack.

   "Na, geht's heute wieder in den Baumarkt?", fragte er, als sich sein Kollege die Jacke überzog und der Tür zustrebte.

  "Yep!", sagte Biedenbach entschlossen.

"Brauch ein paar neue Fußabtreter für die Haustreppe."

   "Na dann viel Erfolg", rief ihm Brosig nach. Er ging zum Fenster um zu beobachten, wie Biedenbach das Firmengelände verließ. Dann holte er das Fläschchen aus dem Aktenkoffer und wandte sich dem Milchkännchen zu.

 

Als er aus dem Baumarkt zurückkehrte, setzte Biedenbach als erstes frischen Kaffee auf und setzte sich mit einem gutgelaunten "Yeah!" an seinen Schreibtisch. Eine Viertelstunde später trank er mit provozierendem Schlürfen die erste Tasse und aß ein paar Donuts dazu.

 

Gegen halb drei Uhr wurde Brosig von einem geschluchzten "O mein Gott!" aufgeschreckt. Er schaute am Bildschirm vorbei zu Biedenbach. Der saß zurückgesunken in seinem Sessel. Er wiegte wie in höchster Verzweiflung den Kopf hin und her, das Gesicht von Tränen überströmt und den Brustkorb von Schluchzern geschüttelt.

 

Brosig schluckte. Irgendwas war fürchterlich schiefgegangen. Er konnte sich nur nicht erklären was. Verstohlen öffnete er seinen Aktenkoffer und spähte nach dem Fläschchen. Es war noch halb voll, so wie es sein sollte. Er hatte sich also nicht mit der Dosis vertan und es war noch immer von der Mischung, die er zu Anfang benutzt hatte.

   "Geht's dir nicht gut, Reiner?", fragte er zaghaft.

"Ach, das hat doch alles keinen Wert - alles für die Katz", sprudelte es aus ihm heraus.

   "Alles sinnlos und hoffnungslos...,"

seine Stimme brach und er vergrub das Gesicht in den Armen. Brosig stand langsam auf und ging zu Biedenbachs Schreibtisch. Vorsichtig legte er ihm die Hand auf die Schulter.

   "Kann ich dir irgendwie helfen?"

Biedenbach schreckte hoch und blickte ihn aus verquollenen Augen an.

   "Helfen? Mir? Wer soll mir noch helfen? Du etwa? Sonst jemand? Es ist alles zu spät, alles ohne Sinn. Ich kann nicht mehr, ich kann echt nicht mehr."

 

Brosig merkte, wie er nervös wurde. Was sollte er jetzt machen? Biedenbachs Zustand war katastrophal. Ein schwerer depressiver Anfall. Das vernünftigste wäre, den Werksarzt zu holen und ihm eine Spritze verpassen zu lassen. 

 

"Nur ruhig Reiner. Gleich wird's dir besser gehen", sagte er sanft und beugte sich über den Schreibtisch, um zum Telefon zu greifen. Herrgott, welche Nummer hatte der verdammte Werksarzt? Seine Hand mit dem Hörer zitterte. Neben ihm stemmte sich Biedenbach aus seinem Sessel.

"Ich kann nicht mehr!", schluchzte er wieder. "Zwecklos... alles zwecklos. Mir geht's erst besser, wenn ich das alles... "

 

Noch bevor Brosig erkannte was vor sich ging, stürzte Biedenbach zum Fenster und riss es auf. Für einen Moment zeichnete sich seine Silhouette schwarz gegen den Nachmittagshimmel ab. Dann schien sie kleiner zu werden und war plötzlich verschwunden.

   "Reiner!" mit einem Schrei eilte Brosig zum Fenster und blickte hinunter. Biedenbach lag unten auf dem Hof, den Kopf und den rechten Arm unnatürlich abgeknickt. Unter seinem Gesicht quoll es dunkelrot hervor und rann die Pflasterfugen entlang. Von der Laderampe her kamen zwei Männer gelaufen.

 

Brosig merkte, wie ihm schwindlig wurde. Großer Gott, was hatte er da angerichtet. Nur wegen..., wegen ein paar absoluten Nichtigkeiten. Aber wie hatte es passieren können? Trug er überhaupt Schuld an Biedenbachs Zustand? Vielleicht gab es ja ganz andere Gründe, die dazu geführt hatten...

Sein Blick klärte sich wieder und er blickte über das Werksgelände hinaus, hinüber, wo die alte Grubenstraße sich am Wald entlang wand. Er fühlte das Holpern und Rumpeln seines Autos, sah den Aktenkoffer neben sich auf dem Beifahrersitz hopsen ...

 

Mit jäher Deutlichkeit begriff er, was geschehen war, und die Erkenntnis schüttelte ihn.

 

 

ENDE



Dirk Tilsner, Jahrgang 66, geb. in Luckenwalde. Autor. Nach dem Ab-schluss seines Nachrichtentechnik-Studiums zog es ihn 1994 nach Portugal, wo er bis heute mit seiner Familie lebt. Er veröffentlichte in mehreren Anthologien und eroberte

im April 2018 im Berliner Lyrik-Wett-bewerb des Literaturpodiums den

ersten Preis. In seinen Erzählungen widmet er sich gern dem Thema Zukunft, auch im Sinne einer satirischen Auseinandersetzung mit der Gegenwart.


Ungewöhnliche Lichtwesen treten auf den Plan. Kommen Sie den stöhnenden Geräuschen in einem Raumschiff auf die Spur. Hat eine Mannschaft womöglich das falsche Raumschiff in Trümmer gelegt? Mysteriöse Vorgänge auf der Suche nach einem Schwesterschiff begegnen uns. Welche Gefahren hält eine Wüstenpyramide für den Pilger bereit? Die totalitären Systeme der Zukunft gelangen in den Blick. Gelingt es einigen Außenseitern, etwas zu ändern? Doch jede übertretene Regel wird streng geahndet. Können hochintelligente Maschinen Kriege gewinnen? Diese Frage stellt sich existentiell. Schauen Sie sich die Werbung der Zukunft an. Unglaubliche, aber auch unheimliche Fähigkeiten werden dort offeriert. Ein expansives Wesen nimmt immer weitere Sonnensysteme in Beschlag. So gibt es in diesem Science-Fiction-Band zahlreiche Abenteuer zu bestehen. Vielfältige Ausblicke in ferne und nahe Zukünfte offenbaren sich.

 

Aus seinem Scifi-Repertoir stellt uns Dirk Tilsner einen auserwählten Knüller zur Verfügung, stammend aus obiger Anthologie: »Der Ursprungsplanet« Science-Fiction-Erzählungen. Dystopien und Visionen. Taschenbuch – 26. Februar 2018. Erhältlich bei amazon.de unter ISBN: 9783746056050

 

 

»Aus dem Tagebuch eines Aussteigers – erster Eintrag –«

(Urheberrechte & Copyrights © by Dirk Tilsner)

Die ersten Zweifel kamen mir am Donnerstag vor zwei Wochen. Es war zunächst ein ganz normaler Abend: Judith war seit Stunden damit beschäftigt, unsere Wohnung keim- und staubfrei zu halten. Im Wohnzimmer war sie mit ihren dürren Armen bis in die letzten Winkel  unserer Schrankwand gedrungen und hatte weder die filigranen Buntglasgebläse noch unseren koprophagenischen Kunststoff-Bonsai ausgelassen. Je nach Form und Material des zu reinigenden Objektes benutzte sie  einen besonderen Staubwedel und strich flink und behutsam über jede Kante oder Blättchen. Danach war der Teppich an der Reihe. Sorgfältig besprühte Judith jeden Quadratdezimeter mit blau schäumendem Milbrotektor, um die so vorbereitete Fläche exakt sechs Sekunden später abzusaugen.  Nun stieß sie mir ab und zu sanft fordernd an meine Pantoffeln, nicht ohne diese ebenso mit einer speziellen Bürste zu bearbeiten.

“Können wir das Ding nicht mal eine Minute abstellen?” wollte ich von Moni wissen.

Meine Frau hörte mich nicht. Sie saß mit geschlossenen Augen und zufrieden lächelnd auf der Couch. Unter ihren langen Haaren war der Mikro-Lektor im rechten Ohr zwar nicht wahrzunehmen; der Deckel der kleinen Kassette vor ihr ließ aber wenig Zweifel. Moni war bei ihrer 'Weiterformungsmaßnahme', wie sie es selbst scherzhaft nannte: Mysterium der Zufriedenheit – auf der Suche nach sich selbst, Kurseinheit 935.

Ich gab auf und widmete mich wie jeden Abend dem holografischen Stellenanzeiger unserer Region.  Nicht, dass ich wirklich eine berufliche Wende herbeisehnte. Dies wäre sowieso zwecklos: ich gehörte zur Gruppe 'Entsorgung', womit mir der Traum meiner Kindheit (oder richtiger: der meiner Eltern) für immer verbaut war. Denn um in die Gruppe der 'Entwicklung' zu gelangen, bedurfte es eines IQs von mindestens 140. Mit einem schlappen Ergebnis von 125 damals im Alter von 15 Jahren war mir nur die Wahl zwischen 'Entsorgung' und 'Wartung' geblieben. Nichtsdestotrotz war mir diese leicht gefallen. Im Gegensatz zur 'Wartung', wo man stets nur nach Handbuch Strom- und Spannungswerte prüfen und defekte Teilsysteme austauschen durfte, konnte man  in der 'Entsorgung' die Roboter trotz einiger Einschränkungen noch mit einer Spur freier Entscheidung auseinandernehmen, sich ihrer bio-mechanischen Struktur widmen, hin und wieder einen Schaltkreis in der Tasche verschwinden lassen und nach Hause nehmen. So brachte ich beim Experimentieren irgendwann einmal meinen Goldfisch (kein echter natürlich) dazu, in wunderschönen, akrobatischen Pirouetten zu schwimmen. Mir wurde bloß nie klar warum, denn der Chip stammte aus der bionischen Zentraleinheit eines Robo-Freundes der lokalen Stadtverwaltung.

Die Stellenanzeigen waren in die fünf allgemein bekannten Hauptgruppen geordnet. Es gab neben 'Entwicklung', 'Wartung' und 'Entsorgung' noch zwei weitere Gruppen, die mich allerdings persönlich nicht sonderlich interessierten, von meiner fehlenden Qualifikation mal abgesehen. Das waren 'Information' und 'Überwachung'. Letztere entsprach ohnehin einem mehr oder weniger absterbenden Zweig, denn zur  Überwachung vor allem kritischer, vernetzter Systeme wurde verstärkt an einer neuen Generation  von Robotern gearbeitet, die auch diese Tätigkeit dem Menschen für immer ersparen würde. Schließlich waren letztere verlässlicher als Menschen, wenn es um die Diagnose und Auswertung technischer Betriebsdaten ging, wobei inoffizielle Quellen manchmal eher nebensächliche Faktoren wie Kostensenkung  erwähnten. Wie dem auch sei, die Sicherheit der Bevölkerung stand stets an erster Stelle: wenn es überhaupt einmal zu einer schwerwiegenden Systemstörung kam, war die ermittelte Ursache letzten Endes immer wieder menschliches Versagen, und sei es der Sekundenschlaf eines Mitarbeiters des Überwachungspersonals.

 

Was 'Information' anging, waren die Mitarbeiter dieser Kategorie besonderen Auswahlkriterien unterworfen, die man hingegen aus fachlich-technischen Gründen nicht publizierte.  Klar war nur, dass es in diesem Beruf schwere Entscheidungen zu treffen galt. Wenn nämlich verschiedene  Nachrichten-Erfassungs-Zentren Information erstellten, die sich in irgendwelchen Details nicht vollständig deckten, dann musste der Mensch sein Urteil fällen, welche davon für die staatliche Berichterstattung als zuverlässig anerkannt und somit veröffentlicht werden durften. Eine hohe Verantwortung wenn man berücksichtigt, dass eine Unmenge von Entscheidungssystemen  täglich mit Daten gespeist wurde, die aus öffentlichen Ämtern der 'Information' stammten.  Man denke nur an die Kvanefjelder Börse und die Preisschwankungen von Lanthan, Praesodymium und anderen wichtigen Rohstoffen, welche, wenn auch indirekt und je nach Golfstromtemperatur, einen bedeutenden Einfluss auf den morgendlichen Berufsverkehr hatten. Kein städtisches Verkehrsregelungsystem  wäre heutzutage in der Lage, ohne aktuelle Kurswerte die Ampelführung zu optimieren. Jedenfalls stand es so in irgendeinem Paragraphen der Brüsseler Verordnung von 2067 über die Harmonisierung  der Wartezeiten an europäischen Lichtsignalanlagen.

 

Die Stellen in meiner Kategorie glichen sich wie üblich wie ein Ei dem anderen: Name der Firma, Kategorie Entsorgung, Lizenz L786-Db7r als Voraussetzung (entsprach meiner gesetzlich anerkannten Ausbildung als Roboter-Demontage-und-Entsorgungs-Spezialist), Kontaktdaten und der Vermerk 'staatlich geregelter Vergütungssatz'. Ich forschte  vor allem nach internationalen Unternehmen, bei denen es noch eine geringe Chance auf jährliche Prämien gab. Leider blieb die Suche ein weiteres Mal ohne Erfolg.  Gerade als ich mich dem Feuilleton zuwenden wollte, blinkte vor mir eine Annonce auf, die augenscheinlich erst wenige Sekunden alt war:

 

Suche Spezialisten der Kategorie Entsorgung für experimentellen Warentest. GV AFFE – Gemeinnütziger Verein für Andromonische Fehl-Funktion-Ermittlung. Hyper-Kontakt affe{unpub:fork}trond.eu. Entgelt vertraulich ausgehandelt.

 

Ich stutzte. Zum einen konnte ich mit 'gemeinnützig' nicht viel anfangen. Vereine kannte ich wohl einige. Zum Beispiel besuchten ich und Moni einmal im Jahr den  Kunststoff-Bonsai-Wettbewerb unseres Stadtviertels. Der Batterieverbrauch der Organisatoren musste natürlich irgendwie bezahlt werden, wozu letztere einen Verein gegründet hatten, welcher im Einvernehmen mit der städtischen Energieversorgung das notwendige Geld über die Stromrechnung der Anwohner einsammelte, also automatisch abkassierte. Mein Nachbar, der selbst keinen Bonsai hatte, erklärte mir vor ein paar Monaten, dass das 'gemein' sei, worauf ich ihn wiederum auf die 'Nützlichkeit' des Wettbewerbs aufmerksam machte. Immerhin konnte man sich beim Treffen mit anderen Bonsai-Liebhabern über die Spitzfindigkeiten der koprophagenischen Nährstoffzufuhr austauschen.

Was mich aber wirklich verwunderte war die 'Fehl-Funktion-Ermittlung'. Andromonen, also der städtische Robo-Freund, Robo-Polizist, Robo-Arzt usw., funktionierten oder eben nicht, typischerweise im abgestellten Zustand. Oder es ging um die Kapazität dieser technischen Spezi, weitere menschliche Schwächen aufzudecken, um diese ebenfalls durch die Anwendung  künstlicher Intelligenz zu umgehen?

“Moni, schau dir das mal an!” rief ich meiner Frau zu. Zufälligerweise war sie gerade dabei, sich und ihren Mikro-Lektor auf die nächste Kurseinheit vorzubereiten. Da sie das holografische Bild der Anzeige aus ihrer Perspektive nicht wahrnehmen konnte, erhob sie sich mit einem Seufzer der Ungeduld und setzte sich an meine Seite.

“Ha ha, das kann nur ein Mensch geschrieben haben! Der sollte sich mal selbst testen lassen.”  Schon sprang sie auf und begab sich erneut auf ihre Couch. “Und jetzt störe mich bitte nicht weiter mit irgendwelchen Nebensachen.”

Ich begriff, dass es zwecklos war, sie weiter in ein Gespräch verwickeln zu wollen und sparte mir  dieses Mal die lakonische Bemerkung, dass das gesamte Lehrmaterial von einem Computersystem erstellt worden dar. “Na und?” würde sie erwidern. “Kennst du einen Menschen, der in der Lage wäre, aus mehr als 1.500 Büchern der letzten 5.000 Jahre alle Weisheiten der Menschheit zu synthetisieren?” - Das bezweifelte ich zwar genauso, doch sah ich nicht ein, wieso aus den 1.500 Quellen fast 6.000 Lektionen entstehen mussten. Moni würde mindestens vier Jahre brauchen und sich am Ende in ihrer menschlichen Schusseligkeit höchstens an die letzten fünf Folgen erinnern können.

Nach einiger Überlegung entschied ich mich, auf die Anzeige zu antworten und klickte auf die Hyper-Adresse. Zu meiner Verwunderung erhielt ich als Antwort eine Fehlermeldung:

Ungültiger Eintrag. Bitte versuchen Sie es kein weiteres Mal. Ihr Hypernetzsicherheitsverifikationsagent.

Spontan leuchtete mir ein, dass das Inserat in der Tat von einem Menschen stammte. Zumindest war es unwahrscheinlich, dass sich eine geprüfte Software bei der Auswahl und Eingabe des Hyperkontaktes irren könnte. Richtig merkwürdig wurde es allerdings, als ich zurück zur Liste der Ergebnisse  ging. Die Annonce war plötzlich verschwunden! Ich suchte erneut mit allen möglichen Stichwörtern, einschließlich 'gemeinnützig'  (wie ich herausfand war die Bedeutung 'veraltet für die Fähigkeit eines technischen Systems, alle Benutzer gleichermaßen zufrieden zu stellen'), jedoch umsonst: in der Hyperinformationswolke gab es keine Spur der Anzeige, die ich erst vor Momenten gelesen hatte.

Frustriert gab ich nach einer halben Stunde auf. Das  Vorkommnis machte keinen wirklichen Sinn oder die ganze Sache war nur ein alberner Spaß irgendeines Hyper-Clowns. Missmutig zog ich mich zurück und schlurfte ins Ruhezimmer. Noch mit der Klinke in der Hand, begrüßte mich dort Peter: “Hallo Papa! Ich habe wieder ein neues Stück für dich gelernt.” Mit strahlenden Augen legte er los, um mir Paganini vorzugeigen.

Peter kam etwa bis zum dritten Takt, dann war er abgestellt. Ich wollte meine Ruhe und keine Musik. Schweigend saßen wir uns eine Weile gegenüber: mein andromonisches Musterkind und ich, sein Käufer. Mit einem Schlag wurde ich mir der Trostlosigkeit unseres Familienlebens bewusst. Peter war nicht mehr als ein zeitweiliger, auf jeden Fall brillanter, aber dennoch kläglicher Ersatz für ein richtiges Kind. Für ein solches sparten wir jeden Monat etwa ein Viertel unseres Gehalts, denn ohne ausreichend Vermögen könnten wir unser Kind niemals in die Schule jener der 'Entwickler' bringen, dort wo die Lehrer noch richtige Menschen aus dem Bereich der 'Information' waren. “Bis zum 60. können wir durchaus warten” zerredete Moni jeden Ansatz eines Gesprächs über dieses Thema, räumte indessen ein “wenn das Geld bis dahin immer noch nicht ausreicht, kommt immer noch ein Kredit zur Teilfinanzierung in Frage”.

Herausfordernd starrte ich in Peters auf einmal teilnahmslos wirkende Augen und sann über unser Leben nach. Gäbe es weder ihn noch seine erfinderischen Schöpfer, hätten wir einen richtigen Bonsai, den ich nicht mit dem grässlich stinkenden Pulver aus unserer Chemietoilette bestäuben müsste. Moni würde eines der 1.500 Bücher der Weltreligionen lesen oder gar einen Ratgeber für die werdende Mutter. Ich würde Paganini anderweitig genießen können; und hätte ich bereits ein größeres Kind, könnte ich ihm jeden Tag irgendetwas Belangloses erklären, ohne selbst nach jedem halben Satz von ihm berichtigt zu werden.

 

In diesem Augenblick regte sich tief in meinem Innern zum ersten Mal dieses dumpf brennende, anfänglich unverständliche Gefühl, anzestraler Rausch, Erinnerungen an einen in einer fernen Vergangenheit verloren gegangenen Instinkt. Wut! - Ich spürte Wut in mir aufsteigen, eine noch halb-schlummernde Bestie, die langsam aus ihrer Betäubung erwachte und schon bald ihr erstes Opfer suchen würde. Dieses war Peter! Plötzlich überkam mich das Verlangen ihm zu zeigen, wie unvollkommen und unfähig er eigentlich war; er und seine ganze Rasse biotronischer Schaltnetze und zusammengedampfter Thyristoren.

 

In wenigen Minuten holte ich den Werkzeugkasten aus dem Keller und machte mich ans Werk. Als geübter Demontage-und-Entsorgungs-Spezialist bereiteten mir auch neuere Modelle wie Peter keine besonderen Schwierigkeiten. Man musste zunächst den ersten Öffnungspunkt finden, der  stets gut versteckt lag. Bei Peter fand ich ihn hinter dem linken Weisheitszahn; ein sanfter Druck mit der Bono-Kürette und der Zahn fiel heraus. Von der Höhlung aus gelangte ich an die Haltespange des davor liegenden Zahns, aus dessen Loch an die Spange des nächsten usw. In wenigen Minuten fand ich in einigen der angeblichen Wurzelhöhlen die Schräubchen, die den Gaumen befestigten, daraufhin die motorischen Elemente des Halses, die Abdeckung des Brustkastens und schließlich den Zugang zum bionischen Hauptstrang. Mein Ziel hatte ich vom ersten Moment an klar vor Augen: es wäre mir ein leichtes gewesen, einfach ein paar Konnektoren aus den größeren, sichtbaren Schaltkreisen zu ziehen, um zu beobachten, welche Funktionen dadurch in Mitleidenschaft gezogen werden. Aber ich wollte mehr: ich wollte Peter dort treffen, wo er mir und selbst gestandenen Meistern seines Fachs überlegen war, ihn in seiner grundsätzlichen Bestimmung als musikalischen Genius beeinträchtigen, um mich an seiner Hilflosigkeit zu ergötzen.

Die Idee war einfach: jeder Arm hatte an seinem inneren Gelenk seinen Hauptstecker. Für das menschliche Auge waren seine fast zwölftausend nanoskopischen Verbindungspunkte zwar unsichtbar, doch das spielte in diesem Fall keine wesentliche Rolle. Ich tauschte die Stecker des rechten und linken Arms einfach nur aus. Die Hand, deren Finger gewöhnlich auf dem Griffbrett die Noten bestimmten, würde nun den Bogen halten und umgekehrt. Das würde Peter ganz gewiss einige Probleme bereiten. Der Eingriff war in weniger als fünfzehn Minuten erledigt; nach insgesamt einer halben Stunde hatte ich meinen andromonischen Virtuosen in seinem scheinbar ursprünglichen Zustand wieder zusammen und schaltete ihn mit Neugier ein.

 

“Hallo Papa! Ich habe wieder ein neues Stück für dich gelernt.” Peter befummelte mit der rechten Hand unbeholfen den Bogen, während die linke mit der Violine herumfuchtelte. Ich triumphierte und grinste ihn höhnisch an. Peter beschaute sich nun ohne jede Emotion abwechselnd seine Hände, spreizte und  krümmte jeden Finger, im ersichtlichen Bemühen, deren Bewegungen neu zu kontrollieren. Nach zwei oder drei Minuten hatte er das Instrument in seiner üblichen Position und setzte den Bogen an. Peter spielte eine Tonleiter rauf und runter, nach vierzig Sekunden ein erstes, sehr einfaches Stück, ein zweites - schon anspruchsvoller, ein drittes – noch schwerer … Nach insgesamt sieben Minuten hatte er augenscheinlich seine  Fingerfertigkeit vollständig wiedererlangt: “Hallo Papa! Ich habe wieder ein neues Stück für dich gelernt.” Schon geigte er los, Paganini's Caprice no 24.

 

Dass sein biotronisches Hirn tatsächlich die Fähigkeit besaß, seine Motorik neu zu koordinieren, war an sich wenig überraschend. Doch die kurze Zeitspanne, die er dazu benötigte, war schlicht verblüffend. Ich ließ ihn ausspielen und schwankte einen Augenblick in meinem Entschluss, das Rache getränkte Experiment fortzuführen. Immerhin müsste ich unter Umständen für einige Zeit auf Paganini verzichten. Am Ende siegte mein Durst nach Vergeltung und der Wille, aus diesem Zweikampf als Sieger hervorzugehen.

 

Im nächsten Versuch klemmte ich den rechten Arm vollständig ab. Anatomisch gesehen war dies eine enorme Herausforderung; jedenfalls konnte ich mich nicht daran erinnern, je einen einhändigen Geiger zu Gesicht bekommen zu haben. Peters System initiierte dieselbe Sequenz der motorischen Umsteuerung. Während die Finger der linken Hand auf dem Griffbrett tanzten, hing der rechte Arm schlaff herunter. Das 'wusste' die Zentraleinheit natürlich bereits in der ersten Millisekunde nach dem Einschalten. Dennoch war meinem Wunderkind vorerst nichts anzumerken, kein Anzeichen irgendeiner Verwirrung, keine Klage oder irgendeine Form einer Fehlermeldung. Würde er wirklich versuchen, die Geige einhändig zu spielen?

 

Nach zwanzig Sekunden geschah das Unglaubliche: Peter legte beide Teile des Instruments auf den Teppich, streifte seinen rechten Schuh und Strumpf ab und 'ergriff' mit den Zehen den Bogen! Zunächst erkundeten diese gewissermaßen das unbekannte Objekt und sich selbst in der neuen Rolle als Ersatzfinger. Danach setzte sich Peter auf einen Stuhl, lehnte die Geige in der gewohnten Weise unter das Kinn, während er mit dem rechten Fuß den Bogen schwingen ließ. Es dauerte in dieser Stellung etwas länger, die gesamte Lernsequenz durchzulaufen. Das Ergebnis jedoch war dasselbe: “Hallo Papa! Ich habe wieder ein neues Stück für dich gelernt” rief er stolz nach einer Viertelstunde.

Ich war begeistert und niedergeschlagen zugleich. Zum einen war ich auf für mich unerwartete Weise Verlierer geblieben; zum anderen war der Anblick des Fuß-geigenden Andromonen atemberaubend, die dahinter liegende Genialität der Entwickler nicht weniger erstaunlich als die des Schöpfers dieses einzigartigen musikalischen Kunstwerkes. Nichtsdestotrotz triumphierten nach wenigen Augenblicken beinahe ohnmächtiger Bewunderung erneut die Wut und der Glaube, dass die vom Menschen erschaffene Technik vom letzteren auch bezwingbar sei. Da die Gelenkigkeit der Gliedmaßen Peters die eines Menschen anscheinend weit übertraf, erwägte ich, wäre es in sportlicher Hinsicht durchaus gerechtfertigt, ihm diese entweder vollends zu nehmen oder anderweitig weiter einzuschränken. Würde er zum Beispiel mit nur zwei Beinen spielen können?

 

Es ist möglich, dass der Kampf von Mensch gegen Maschine am Ende unentschieden ausgegangen wäre. Peter fiel nach kurzer Zeit barfüßig auf den Rücken und versuchte in der Tat, auf diese Weise das Instrument zu meistern. Er kam bis zu den ersten Tonleitern; der Lernprozess war entschieden langsamer als vorher. Dennoch machte Peter einige Fortschritte und tanzte, obgleich etwas ungeschickt, mit den Zehen des linken Fußes auf dem Griffbrett der Geige.

 

Plötzlich hielt er inne  und schaltete sich, in gekrümmter Stellung auf dem Boden liegend, einfach ab. Ich war verblüfft, versuchte ihn vergeblich wieder in Gang zu setzen und grübelte eine Weile bis ich mich entschloss, das Experiment zu beenden.  In diesem Moment flogen die Riegel des Fensters nach oben und durch jenes schwirrte eine vollautonome Repartureinheit in mein Zimmer. Ich begriff sofort, dass sich Peter nicht selbst deaktiviert hatte. Seine von mir hervorgerufene Störung war mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits beim ersten Eingriff, ohne mir dessen bewusst zu werden, ferngemeldet worden. Aus dem flugfähigen Werkzeugkasten, etwa von der Größe eines Stuhls, fuhren mehr als zwei Dutzend Arme. Ich musste unwillkürlich an eine von Moni's wunderlichen Gottheiten irgendeiner alten, fernen Kultur denken (ab und zu musste ich ihr zuliebe eine 'ganz besonders tolle Kurseinheit' über mich ergehen lassen). Mit ihren rasanten Bewegungen erinnerten mich die Arme andererseits an eine Wolke ausgehungerter Parkvögel, die um Peter herumschwirrten und über ihn herfielen, ihn bis auf seine  Kunstfaserknochen abnagten, bevor sie ihn mit Präzision in Minuten wieder zusammenzusetzen.

Es dauerte keine Viertelstunde, dann war das Schauspiel vorbei. Schrauben, Federn, eine Myriade von Utensilien und die geisterhaften Arme verschwanden in unzähligen Kästchen der fliegenden Werkstatt. Peter stand unversehrt vor mir und öffnete die Augen: “Hallo Papa! Ich habe wieder ein neues Stück für dich gelernt.” Als er den Bogen ansetzte, verharrte er kurz. Aus der Reparatureinheit surrte ein bedrucktes Blatt, ein Arm fuhr heraus und sauste mit einem Stempel auf das Papier.

Minuten später saß ich noch immer wie versteinert vor dem fröhlich geigenden Peter und starrte auf den Bescheid:

1.840,45 NEUR Bußgeld für unbefugten Eingriff in Modell V8K3-7411. Der automatische Abzug vom Gehalt ist laut Verordnung 2075-GDK-VO123.35.421 rechtskräftig und kann erst nach einer garantierten Ablauffrist von 24 Monaten durch einen zertifizierten Robo-Anwalt hinterfragt werden. Bei wiederholten Vergehen gleicher Art drohen weitere Rechtsstrafen. 

Und dann fand ich mich endlich selbst, zum ersten Mal seit 34 Jahren. Ich weinte. 

 

 

ENDE