Gedanken-Akrobatik 

 

 

Meditationen und Reflexionen über Zeitliches und Zeitloses,

oder schwere Kost für kluge Köpfe

Kurzvita

Bernhard Horwatitsch

 

Der Münchner Autor arbeitet als Ausbildungsdozent in den Fächern: Kommunikation, Recht und Ethik, und gibt regelmäßig Kurse in „kreativem Schreiben“ und „Lite-raturgeschichte“ an der Münchner Volkshochschule.

 

Er moderiert mehrere Literaturkreise (Garching, Unterschleißheim, Sendling). Zudem schreibt er regelmäßig für das Grazer Feuilleton-Magazin „Edition Schreibkraft“.  Ebenso veröffentlicht Horwatitsch regelmäßig Kurzgeschichten im Smartstory-Verlag.

 

Bernhard Horwatitsch schreibt schon sehr lange. Warum er das tut, hat er inzwischen vergessen. Am liebsten liest er Jorge Luis Borges, Philipp K. Dick, Franz Kafka und Raymond Carver. Denn die regen ihn zum Schreiben an.

 

 

Buchveröffentlichungen:


„Anleitung zum Scheitern“ (Erzählungen, Witta-Verlag, München) "Das Herz der Dings" (Geschichten über das Leben mit Demenz, Mabuse-Verlag,)

   
"Das Brandlochprojekt" (Essays über Autoren deren Bücher 1933 verbrannt wurden, Andreas Mascha Verlag)

 

Zahlreiche Einzel-Veröffentlichungen von Kurzgeschichten und Essays in verschiedenen Anthologien und Literaturzeitschriften (Lichtwolf, Edition Schreibkraft, Sterz, BISS, Federwelt,  c’t , Noel-Verlag, und viele andere).

Internetseite:

 

www.literaturprojekt.com

 

 

Literaturpreise:


3. Platz U-Books Literaturwettbewerb für erotische Literatur 2005
2. Platz, Kurzgeschichten Wettbewerb der Zeitschrift Kontro-vers 2008

Bündeln Sie alle Ihre geistigen Ressourcen, denn jetzt geht es los mit ....,

 

 

dem ersten Beitrag:

  

 

Die Welt wurde vom nicht nachweisbaren

fliegenden Spaghetti-Monster erschaffen!

(Urheberrechte & Copyrights aller Beiträge © by Bernhard Horwatitsch)

 

Wenn ich in einem Gedankenexperiment mein Leben von Geburt bis zum Tod als etwas Absolutes setzen würde, also, als das einzige, was es gibt, muss ich dieses Sein widerspruchsfrei denken – denn ich kann ja nicht zugleich sein und nicht sein. Doch wie sollte ich es nennen? Man findet keinen univoken, also eindeutigen Begriff dafür. Das heißt, dass ich über mein absolutes und widerspruchsfreies Dasein keine widerspruchsfreie Aussage machen kann. Daraus leitet Thomas von Aquin, der gute alte Doktor Angelicus, seine fünf Gottesbeweise ab, die bis heute zum katholischen Katechismus gehören. Zunächst muss alles einen Urgrund haben mit dem allerersten Anfang. Heute würde man das den Big Bang nennen. Das wäre damit die erste Ursache, die zu einer ersten Wirkung führte. Dazwischen oder davor gab es weder andere Ursachen noch andere Wirkungen. Ich wurde also an einem Freitag vor 57 Jahren geboren. Davor gab es mich nicht. Und damit ich überhaupt irgendetwas tun konnte, das zu einer Wirkung führt, musste ich geboren werden. Nun: wenn man akzeptiert, dass ich geboren wurde, dann muss man auch akzeptieren, dass es eine Zeit gab, in der ich noch nicht geboren war. Aber da wir in unserem Gedankenexperiment mein Leben als absolut gesetzt haben, war dann gar nichts vor meiner Geburt. Wie kam ich dann zur Welt? Das war eben Gott und ist bei Thomas von Aquin das kosmologische Argument.


Wenn ich nun lebe, kann ich entweder groß oder klein sein, dick oder dünn. Ich kann im Laufe meines Lebens mal kluge Dinge tun oder dumme Dinge und so weiter. Das hat Thomas von Aquin schon in seiner Begriffslogik klargemacht, dass es von meinem Leben keine widerspruchsfreie Aussage geben kann. Ich kann von mir nur in Analogien sprechen, in Relationen. Wie komme ich darauf, mich größer oder kleiner, dicker oder dünner, klüger oder dümmer zu sehen? Hierzu ist ein Maßstab nötig. Eine gewisse Ordnung, die ich in meinem Leben ohnehin vorfinde in der Natur, in der ich eben lebe. Diese Grundordnung des Lebens, die für mein Leben eine Grundbedingung ist, existiert wieder unabhängig von mir. Selbst wenn es nur mich gibt von Geburt bis zum Tode und alles, also absolut alles ich bin, dann bin ich dennoch. Und dieses Sein braucht eine Ordnung und Bedingungen die unabhängig von mir sind. Sonst wäre ich nicht und das wäre ein nicht möglicher Widerspruch. Denn ich kann nicht zugleich sein und nicht sein. Das ist bei Thomas von Aquin ein streng materialistisches Argument. Richard Dawkins und andere Pseudodenker seiner Kategorie erkennen zwar das Problem und sie können daher Gott nicht zu 100 Prozent ausschließen. Aber darum geht es gar nicht. Denn in dem Gottesbeweis von Thomas von Aquin wird lediglich fixiert, dass es zwangsläufig etwas geben muss, das über das Seiende hinausgeht, weil das Seiende sonst gar nicht möglich wäre. Und dieses Sein kann nicht zugleich sein und nicht sein, es braucht zugleich irgendeine Ordnung und Bedingung um zu sein. Wir können dieses Sein nicht widerspruchsfrei ausdrücken und das ist das, was wir nicht erklären können und wohl nie erklären werden können und mit Gott etikettieren.

 

Woran ich jetzt glaube (wissen kann man es ja nicht, ich muss es also glauben) ist das andere. Und hier kann man sich sehr wohl streiten. Aber dieser Streit ist unsinnig, da ja niemals jemand Recht bekommen könnte. Es ist in gewisser Art ein Fußballspiel, das ewig dauert und nie einen Sieger ermitteln wird. Ob Moslem oder Christ, ob Hindu oder Buddhist. Darüber wissen wir nichts. Daher ist die Freiheit des Glaubens ein so hohes Gut und die größte Errungenschaft der Aufklärung. Es geht nicht darum Gott abzuschaffen (denn das geht nicht). Es geht auch nicht darum, ihn zu leugnen (auch das geht nicht, denn man kann nur etwas abstreiten, was in irgendeiner Form mit Fakten untermauert oder widerlegt werden kann – von Gott gibt es eo ipso keine Fakten). Nun könnten wir natürlich den allseits beliebten Schwebezustand des Agnostikers einnehmen. Der Skeptiker hat jedoch einen großen Nachteil und das führt ihn erheblich in die Enge. Denn unbestritten ist, dass wir in der Natur, in der wir leben, eine Ordnung vorfinden. Nun können wir durchaus daran zweifeln, dass unsere Theorien über diese Ordnung, der epistemische Status der Physik die Natur nicht vollständig beschreibt. Das wird sie auch nie können. Aber sollten wir deshalb aufhören, sie zu beschreiben? Hier landet der Skeptiker im absurden Abseits. Selbstverständlich verfügen wir über Erkenntnisse und können diese auch anwenden. Sogar falsche Theorien können funktionieren. Mit Hilfe des Atommodells von Niels Bohr (wird gerne als Tröpfchentheorie bezeichnet) baute man die Atomwaffe. Die Theorie war grundfalsch und gilt heute als weitestgehend widerlegt. Der Zweifel an Gott ist dem Abstreiten von Gott sehr ähnlich. Ich kann nichts bezweifeln, was keine Fakten liefert. Wer also nicht glaubt, der scheint zu wissen. Aber bisher wurde noch jede Vorstellung, jede Theorie die absolut gilt, widerlegt. Widerlegt: weil unser Leben nie ganz widerspruchsfrei und damit absolut ist.


Das führt aber nicht in den Zweifel, sondern ganz im Gegenteil zum Glauben. Nicht mit dem Herzen, nicht dass man jetzt wie ein Adventist in Zungen zu reden beginnt und wie ein Irrer die Arme hoch und niederschwingt vor seliger Inbrunst. Nein. Nur rein logisch. Kalt und rational betrachtet können wir vom Absoluten nichts wissen und werden das nie. Das mag man bedauern, aber so ist das nun mal. Was wir nicht wissen, könnten wir natürlich ignorieren. Aber das ist  - wie jede Form der Ignoranz – nur Dummheit. Denn dann geben wir überhaupt auf, uns über die Ordnung und Bedingung unseres Seins Gedanken zu machen. Geben wir dem, was wir nicht wissen einen Raum, dann muss dieser aber frei sein. Freier als alles sonst. Und das ist doch super!! Wir dürfen glauben, was wir wollen und worauf wir so kommen. Und wenn jemand ein fliegendes Spaghetti-Monster verehrt, ist das erlaubt. Dass alles was wir zu wissen glauben, ganz anders sein kann, das hat die Geschichte der Wissenschaft schon mehrmals gezeigt. Aber damit wird nicht alles Unsinn. Es gibt einen Fortschritt in der Erkenntnis der Ordnung und Bedingung des Seins. Unsere Erkenntnis wird nur nie widerspruchsfrei sein, immer nur äquivok vorliegen. Aber ich finde, das können wir aushalten, ja es ist geradezu der Spaß am Leben.

 

 

ENDE

 

 

Der zweite Beitrag:

 

 

 

Hey Bruder, willst du was?

 

 

 

Der eine glaubt, dass das Gehirn die Seele macht (zum Beispiel der Hirnforscher Gerhard Roth) und spricht uns unsere Willensfreiheit grundsätzlich ab. Der andere glaubt wir könnten unser Verhalten selbst konditionieren (zum Beispiel der Motivationscoach Dr. Jens Uwe Martens in einem SZ-Interview) und gibt uns damit wieder die volle Kontrolle zurück. Was stimmt nun? Haben wir einen freien Willen oder nicht? Als guter Philosoph betrachtet man die Begriffe. Der Wille wird meist als Willensakt beschrieben. Das ist eine Handlung mit der ich meine Vorstellung in die Realität umsetze. Für diese Handlung benötigt man eine Form der Energie die dann als Willenskraft bezeichnet wird. Laut dem Motivationstrainer kann man diese Kraft genauso trainieren wie einen Muskel, denn diese Kraft ist das Ergebnis vieler synaptischer Nervenverbindungen in dem Bereich des Gehirns wo dieser Wille angeblich sitzt.

 

Es ist natürlich komplizierter. Damit ich eine Handlung so umsetze, wie ich sie mir zuvor überlegt habe benötige ich alle anderen kognitiven Fähigkeiten. Zunächst brauche ich eine funktionierende Wahrnehmung. Will ich mir einen Kaffee kochen, dann tut sich ein Blinder deutlich schwerer. Oder wenn man eine schwere Ataxie (Störung der Muskelkoordination) hat verschüttet man immerzu das Kaffeepulver. Oder die Sensibilität der Haut ist gestört, dann kann ich mir durch heißes Wasser schwere Verbrennungen zuziehen. Dann muss ich wach sein, mich konzentrieren können, sonst bin ich ständig abgelenkt und komme nie zum Kaffee kochen. Wenn ich schlafe kann ich keinen Kaffee trinken und wenn ich Kaffee trinke kann ich nicht schlafen. Im Gehirn haben wir ein Netzwerk aus Nervenzellen das vom verlängerten Rückenmark bis zum Thalamus reicht. Vom Thalamus aus gehen dann Verbindungen in alle Bereiche des Großhirns. Das ergibt zusammen eine Art Schaltplan. Eine rhythmische Erregung unserer Pyramidenzellen erzeugt Aufmerksamkeit, Wachheit. Von 6 Hz bis 40 Hz sind wir wach, darunter schlafen wir. Bei 0 Hz sind wir wohl tot. Das kann man mit einem EEG gut messen. Dann hat der Thalamus eine Filterfunktion. Thalamus kommt aus dem altgriechischen thalamos, das heißt Schlafgemach. Er filtert und verteilt unsere Wahrnehmung. Einzig der Riechnerv ist nicht über den Thalamus verschaltet und geht unmittelbar in das Großhirn (Neocortex). Daher ist die Anosmie (schwere Riechstörung) ein erhebliches medizinisches Problem.

 

Damit ich mich auf eine Sache konzentrieren kann, muss der Thalamus funktionieren als Schaltstelle meiner Wahrnehmungen. Ein winziges Blutgerinnsel kann hier schon für erhebliche Unruhe sorgen. Gefühlsstörungen und heftige zentrale Schmerzen, motorische Störungen mit einer starren Gesichtsmuskulatur, Zwangsbewegungen der Hände und der Finger und psychische Störungen mit Minderung der Aufmerksamkeit, Reizbarkeit, Ungeduld und Schreckhaftigkeit können darauf hinweisen. Bei fortschreitender Demenz sinken Wachheit und Aufmerksamkeit. Die Wahrnehmungssignale werden einfach nicht mehr weiter geleitet. Das bedeutet zum Beispiel, dass ein derart geschädigtes Gehirn die 40 Hz nicht mehr erreichen kann und der Hirnträger zunehmend schläfrig wird. Veränderungen des Stoffwechsels im Gehirn sorgen für Ungemach. So kann es zu einer verstärkten Produktion von Dopamin kommen durch psychische Traumatisierung. Dann ist man reizbarer und die Wachheit steigt. Man ist überwach (hypervigilant) wie beim PTBS, reizbarer und ängstlicher. Man kann seine Emotionen nicht mehr gut kontrollieren. 

 

Zurück zum Willensakt des Kaffeekochens: Das ist ein Problem (etwas vorgelegtes) das man lösen muss mithilfe koordinierter Handlungs-abläufe, die höhere kognitive Funktionen benötigen. So muss ich schlicht wissen, wo der Kaffee steht. Ich muss wissen wie man den Wasserkocher anschaltet. Ich muss wissen, dass man das Kaffeepulver in den Filter gibt. Kaffee kochen ist daher nicht selten ein wichtiges Einstellungskriterium. Man muss also fähig sein Probleme zu lösen. Das ist eine Aufgabe für die graue Substanz, den Neocortex. Schließlich muss ich über sprachliches Wissen verfügen. Ich muss überhaupt verstehen, was Kaffee bedeutet. Das ist nun schon eine hoch kulturelle Sache. Vor der Entdeckung Amerikas war Kaffee kochen schlicht unmöglich, das Problem existierte nicht mal.  Zuletzt muss man sich noch erinnern können. Sonst müsste man das Kaffee kochen tagtäglich neu lernen. Bei einer anterograden Amnesie (Schädigung des Hippocampus) kann man sich nichts Neues mehr merken. Hier grüßt wirklich täglich das Murmeltier. Der Hippocampus ist unser Arbeitsspeicher für das Gedächtnis. Das sind zwei je zehn Zentimeter große Seepferdchen am Rand des Schläfenlappens. Der wird nachts im Schlaf geleert und die Informationen werden langfristig im Großhirn gespeichert. Das heißt, dass man im Schlaf lernt. Denn erst wenn das retikuläre Aktivierungssystem unter 3 Hz fällt, entsteht Tiefschlaf, die Gehirntemperatur ändert sich und die Filterung wird erhöht. Das Gehirn hat etwas mehr Ruhe von äußeren Einflüssen und konzentriert sich jetzt auf sich selbst. 

 

Im Gehirn geschehen viele wundersame Dinge. Und es ist verständlich, dass Menschen wie Gerhard Roth jetzt glauben, dass wir von diesen Wunderdingen im Gehirn gesteuert werden, quasi selbst nur das Ergebnis dieses Wunders sind. Und je mehr man sich mit dem Gehirn beschäftigt, desto wundersamer wird es.

 

Jetzt aber das Rätsel: Wenn ich über das Gehirn spreche, spricht das Gehirn gerade über sich selbst? Der größte und auch empfindlichste Teil der oben beschriebenen Netzstruktur ist der Locus coeruleus, der himmelblaue Ort. Er ist schwarz pigmentiert und schimmert an der Hirnoberfläche bläulich durch. Eine Zeitlang galt er als Sitz unseres Ichs. Er ist deutlich der größte Knotenpunkt dieses Netzwerkes und wird über Noradrenalin moduliert. Noradrenalin sorgt für eine Modulation der Nervenzellen sobald etwas Neues auf das Gehirn zukommt. Es ist wirklich der Ort des Lernens. Das funktioniert natürlich nur wenn kein Stress da ist und ausreichend (aber nicht zu viel) Aufmerksamkeit. Ansonsten sind diese Zellen weniger aktiv. Wenn ich über das Gehirn spreche, spreche ich nicht über Beethoven. Habe ich eine Vigilanzstörung, kann das durcheinander geraten. Also wenn mir der Staat eine Sozialversicherungsnummer gibt, ich mich durch einen Fingerabdruck im PA zu erkennen geben muss, dann lernt mein Gehirn, dass Sozialversicherungsnummer und Fingerabdruck Teil der komplizierten Einheit Horwatitsch ist. Mein Gehirn hat gelernt, dass mein Vorname Bernhard ist. Und so weiter. Warum fällt das nicht auseinander? Warum finden Sie in ihrem Computer Dateien, wenn Sie danach suchen? Wenn ich über das Gehirn spreche, will ich das. 

 

So ist der Bogen zum Willensakt gespannt. Die Fähigkeit des Gehirn, sich auf etwas zu beziehen (Intentionalität genannt) findet in der oben beschriebenen Netzstruktur statt. Das Gehirn wiederum unterliegt einer natürlichen Ordnung. Wir nennen das eben Evolution. Ob nun unser epistemischer Status der Neuro-wissenschaft vollständig das Gehirn beschreibt, kann man bezwei-feln. Schon sind wir im philosophischen Tiefenraum angelangt.

 

In der Rechtswissenschaft ist der Wille vor allem als freier Wille wichtig. Dazu braucht es Bedingungen. Zwang von außen schränkt die Willensfreiheit ein. Krankheiten schränken die Willensfreiheit ein. Daher überprüft der Richter auch die Willensfähigkeit des Delinquenten, denn ein schwer psychisch gestörter Mensch hat nicht genügend Selbst-kontrolle um für seine Tat verantwortlich zu sein.  Wenn ich Kaffee kochen will, ist das meine Entscheidung. Wenn der Chef will, dass ich Kaffee koche ist es meine Entscheidung dem Willen des Chefs zu entsprechen. Das nennt man dann die Urheberschaftsbedingung. Ich habe Absichten, Gründe, Wünsche und Überzeugungen. Das ist alles angelernter Scheiß (um es postmodern auszudrücken) in meinem Gehirn. Schließlich gibt es Menschen die wollen keinen Kaffee, die trinken lieber Tee (um Tee zu trinken, müsste ich jedoch krank sein). 

 

Jeder hat da dann seine Gründe dafür. Die schönste Zeit zuhause war eben die Kaffeezeit. Nichts geht über eine Tasse Kaffee und eine Zigarette.  Als Baby habe ich weder Kaffee getrunken, noch Zigaretten geraucht. Ich wusste nicht, dass es so schöne Dinge gibt. Dann habe ich gesehen, jeden Tag wie mein Vater trinkt und raucht. Das hat mein Babygehirn moduliert. Dann musste ich lange warten, bis ich alt genug bin um das auch tun zu dürfen. Das war aber nicht freiwillig, sondern gesetzlicher Zwang. Wenn Sie ihr Kind im Vorschulalter eine Zigarette rauchen lassen, machen Sie sich strafbar. Aber rein handlungsanalytisch ist ein Kind im Vorschulalter in der Lage zu rauchen und Schnaps zu trinken.


Der Streit über die Willensfreiheit ist – wieder postmodern gesprochen, eine Art Schwanzvergleich. Denn man muss schon klären, wie es zu einem solchen Streit kommen kann, wenn wir keinen freien Willen haben. Ist das Gottes Plan? Und rums, sind wir mitten in der Metaphysik. Die Neurowissenschaftler wie Gerhard Roth haben sich in scholastisches Fahrwasser begeben. Haben wir jetzt einen freien Willen oder nicht? Entscheiden Sie selbst.

 

 

ENDE 

 

 

 

Der dritte Beitrag:

 

 

 

URTEILE NICHT

Was man so alles bedenken sollte, wenn man denkt, damit man sich nicht alles nur aus-gedacht hat was man dachte.

 

Bei Kant – der Ursache vieler Kopfgeschwüre – ist ein analytisches Urteil a priori zum Beispiel der Satz: Der Schimmel ist weiß. Da die Qualität „weiß“ eben schon im Wort „Schimmel“ enthalten ist. Dem Schimmel wird so nichts hinzugefügt und es ist pure Anschauung – also a priori – da ich – so meine Augen funktionieren – dieses weiß unmittelbar sehe.

 

 

Ein synthetisches Urteil ist dagegen was anderes. Der Schimmel ist drei Jahre alt. Dies setzt eine Bekanntschaft mit einem bestimmten Schimmel voraus und damit ist es nicht mehr a priori, sondern a posteriori, also im Nachhinein (nach der besonderen Bekanntschaft mit dem Schimmel) als zusätzliches Prädikat erkannt worden. Kant ist der Meinung, dass nur solche Urteile den Namen Wissenschaft verdienen. Was ist nun ein synthetisches Urteil a priori?

 

Also eine unmittelbare Erkenntnis von einem zusätzlichen Prädikat? Die Rechenoperation 5+7= 12. Sowohl die 5, als auch die 7 sind analytisch in der Anschauung der Zeit. Also ich sehe unmittelbar 5 Äpfel in der Schale liegen. Das ist bei klarem Verstand nicht zu bezweifeln und aus der unmittelbaren Anschauung gewonnen. Ebenso bei 7 Äpfeln. Aber wenn ich nun 5 Äpfel aus der Schale nehme und sie in die Schale mit den 7 Äpfeln lege, werden daraus 12 Äpfel. Diese 12 Äpfel sehe ich nun und damit ist das ein analytisches Urteil. Aber da ich zuvor eine Operation durchführte und die 5 zur 7 hinzuaddierte, wird die 12 eben synthetisch und das aufgrund meiner Anschauung. Damit habe ich Wissen geschafft. Das ist das Experiment mit dessen Hilfe ich reine Anschauung hervorgerufen habe, durch Synthese. Zucker ist süß. Kaffee ist bitter. Das sind analytische Erkenntnisse a priori. Wenn ich nun den Zucker mit dem Kaffee verrühre, wird der Kaffee süß und das ist eine analytische Erkenntnis a priori. Aber da ich Zucker und Kaffee durch eine Operation zusammenfügte, ist es ein synthetisches Urteil a priori. Die gewonnene Erkenntnis ist nun qua Vernunft die, dass der Zucker den Kaffee süß macht. Kant stellt die Bedingung auf, dass die Metaphysik (Wissen über die letzten Gründe des Seins) nur dann zu sicheren neuen Erkenntnissen gelangen könne, wenn sich auch hier synthetische Urteile a priori fänden. Erst dann haben sie den Status einer Wissenschaft.

 

Wenn ich eine Gotteserscheinung habe, dann liegt entweder ein analytisches Urteil a priori vor oder ich habe eine Augenkrankheit. Mit welchem Experiment könnte man eine Gotteserscheinung hervorrufen? Ganz einfach. LSD verändert die Sinneswahrnehmung. Gott kann man nur mit veränderten (verbesserten?) Sinnen sehen. Nimmt man LSD sieht man Gott. Das Problem ist nicht die Synthese. Das Problem ist die Analyse. Kants transzendentale Dialektik zeigt auf, dass die Gottes-erscheinung selbst nur Schein ist und kein Sein. Und zwar aus der Logik heraus. Jemand mag eine Erscheinung haben und spricht dieser dann den Begriff Gott zu. Kant beweist, dass hier bereits die Existenz Gottes vorausgesetzt wird. Schließlich könnte diese Erscheinung unter Einfluss von LSD alles Mögliche sein. Wer sagt denn, dass es Gott ist. Es könnte auch der Teufel sein, oder ein Außerirdischer, oder eine Luftzirkulation? Kaffee existiert physikalisch und Zucker auch. Die neue Qualität des Kaffees durch Hinzufügen von Zucker ist a priori physikalisch. Die neue Qualität meiner Sinneswahrnehmung durch LSD ist ebenfalls physikalisch. Aber nicht die Interpretation der Qualität. 

 

Gesüßter Kaffee schmeckt mir nicht. Dies ist kein analytisches Urteil, sondern ein ästhetisches Urteil. Ästhetische Urteile beurteilen den Wert und nicht die Qualität und sind damit ein Vorurteil das ich im Bezug meines Selbst auf ein Ganzes stelle. Die Qualität wird durch den relationalen (eine Beziehung darstellenden) Bezug auf mich zu einem Wert. Denn anderen schmeckt gesüßter Kaffee. Wer also apodiktisch behaupten wolle gesüßter Kaffee schmeckt nicht, der verwechselt Anschauung mit Meinung. Im Falle eines Gottesurteils liegt noch nicht einmal ein ästhetisches Urteil geschweige denn ein analytisches Urteil vor. Gott kann man weder anschauen, noch eine Meinung davon haben. 

 

Denn reine Begriffe sind nicht empirisch. Gott ist ein reiner Verstandesbegriff, der nicht mehr abgeleitet werden kann von einem übergeordneten Begriff. Wenn Gott erscheint, kann es dafür keine physikalische Grundlage geben. Das gilt aber auch für den Begriff Natur. Denn auch dies ist ein reiner Begriff der nicht mehr aus einem übergeordneten Begriff abgeleitet werden kann.  Wenn ich also etwas als natürlich bezeichne, liegt keine Erkenntnis vor, denn Natur ist weder anschaulich noch analytisch. Wenn wir also die Natur retten wollen, dann wollen wir etwas retten von deren physikalischen Existenz keinerlei Erkenntnis vorliegt. Was wir retten wollen ist der Planet Erde, seine Wälder, Meere und Tiere Wir wollen die klimatischen Bedingungen der Erde erhalten. Klimaleugner negieren nicht die Existenz von Klima auf dem Planeten, sondern die Existenz von Natur und ziehen aus dieser eigentlich korrekten Annahme den logisch falschen Schluss, dass Kohlendioxid keinen Einfluss haben könne auf die Natur. Das Problem liegt im Mittelbegriff. Es ist der gleiche Fehlschluss wie bei einem Gottesbeweis.

 

Aus der korrekten Annahme, dass LSD die Sinneswahrnehmung verändert, wird der falsche Schluss gezogen, es handele sich bei der LSD-Erscheinung um Gott. Es sind ästhetische Urteile, die der Erscheinung einen Wert beimessen in Relation zu meinem Selbst als Ganzes. Für den einen handelt es sich bei der LSD-Erscheinung um Gott, bei dem anderen nicht. Was für den einen Natur ist, ist es für den anderen ganz und gar nicht. Denn Natur ist ein werthaltiger und damit ästhetischer und normativer Begriff. Es ist ein rein ästhetisches Werturteil und keine wissenschaftliche Erkenntnis. Dass viele Menschen Qualität und Wert verwechseln ist das eine, dass sie aber reinen Verstandesbegriffen sowohl Qualität als auch Wert zufügen, ist nichts weiter als Idiotie.


Womit bewiesen wäre, dass die meisten Politiker Idioten sind. Und jetzt beweisen Sie bitte, ob das ein analytisches oder ein ästhetisches Urteil ist. Vielen Dank für Ihre Mitarbeit.

 

 

 

ENDE

 

 

 

 

 

Der vierte Beitrag

 

 

"OH BRUDER, DA HINAUFZUGEHEN – WAS BRINGT ES?"

 

 

Samuel Becketts Text Le Depèupleur, von Elmar Tophoven kongenial mit „Der Verwaiser“ übersetzt, erschien vor einem guten halben Jahrhundert. So kann heute niemand mehr behaupten, er hätte von der Apokalypse nichts mitbekommen.Etwa 200 nackte, gedankenlose Menschen befin-den sich in einem mit Hart-gummi ausgekleideten Zylinder von 50 Meter Umfang und 16 Meter Höhe. Bezogen auf die Bodenfläche hat damit jeder einzelne Mensch gerade mal einen Quadratmeter Platz zur Verfügung. Schon in dieser klaustrophobischen Anordnung von Becketts Parabel können wir eine Analogie zur chronisch überbevölkerten spätkapitalisti-schen Industriegesellschaft er-kennen. Das hat schon Max Horkheimer aufgegriffen, indem er in dem Text eine Kritik an der verwalteten Welt vermutete, an einer unter dem Diktat des "kalkulatorischen Denkens" stehenden Gesellschaft, die den emanzipatorischen Anspruch der Vernunft aufgegeben habe.

 

Insgesamt stehen den 200 Menschen gerade mal 15 Leitern zur Verfügung, um von dort aus in Nischen gelangen zu können, die an den Wänden angeordnet sind. Die mit einer liberalen Moral juridifizierte Gesellschaft erlaubt es immer nur einem einzigen Menschen auf einer Leiter zu klettern. Unten stehen die anderen dann an den weiteren Leitern Schlange und warten, bis sie dran kommen. Im Großen und Ganzen ist jeder mit sich selbst beschäftigt und denkt daher nicht daran, anderen etwas anzutun. Das ist ja auch das Schöne an unserer Individualgesellschaft. Jeder kümmert sich um seinen eigenen Scheiß und gut ist es. In Becketts Zylinder bricht dennoch manchmal Gewalt aus. Wenn man die Menschen, die in einer Schlange vor der Leiter stehen zu sehr unter die Lupe nimmt, dann bekommt man es mit allen in der Schlange stehenden Menschen zu tun. Wie ein Körper gehen sie dann auf den Unruhestifter los. Ansonsten werden die Menschen von Licht- und Temperaturschwankungen physisch angetrieben. Zusätzlich hält sie ein Gerücht auf Trab, dass es in irgendeiner der Nischen ein „Zufluchtsstätte zur Natur“ gäbe, oder in der Mitte der Decke eine Klapptür „an dessen Ende angeblich immer noch die Sonne und die anderen Sterne glänzten“. Doch das sind nur Gerüchte. Und so haben einige bereits aufgegeben. Sie suchen nicht mehr. Es ist aber trotzdem nie Platz genug in dem Zylinder, um sich hinzulegen.

 

Es gibt auch in unserer spätkapitalistischen Industriegesellschaft keine metaphysische Rückversicherung mehr. Das machte uns alle zu gedanken- und seelenlosen Krüppeln, deren individuelles Streben nichts weiter ist, als eine Beschäftigungstherapie bis zu unserem bedin-gungslosen Tod. Und wer hier aufgibt, kann sich trotzdem nie vollständig ausruhen. Er wird von den anderen rücksichtslos getreten, wie in Becketts Zylinder auch. Natürlich gleicht die Atmosphäre in Becketts Zylinder einem drittklassigen Asyl für Geisteskranke. Was hat so ein karger Zylinder mit uns zu tun? Wir haben Gott sei Dank schnelle, elegante Autos, Smartphone, Streaming-Fernsehen, eine Konsum- und Kulturindustrie, die uns von unserer eigenen Drittklassigkeit herrlich ablenkt. Natürlich können wir nicht wieder einfach zu tun, als gäbe es einen metaphysischen Ausweg. Der Zug ist endgültig abgefahren. Man kann über die Presbyterianer und Episkopalen dieser Welt lediglich noch schmunzeln oder resigniert mit den Achseln zucken. In einer Szene schildert Beckett die größten Kletterer, die mit den Fingerspitzen die Decke berühren können. Würde man eine ganz ausgezogene Leiter mit vereinten Kräften in die Mitte stellen, könnten die Kletterer nacheinander den Ausgang erreichen, diese Klapptür zu Sonne und Sterne.

 

„Ein Augenblick der Brüderlichkeit“, beschreibt es Beckett. „Aber diese ist ihnen außer bei Gewaltsamkeitsausbrüchen ebenso fremd wie den Schmetterlingen.“ Nicht, weil es ihnen an Mut oder Einsicht mangeln würde. Es liegt – so der Erzähler – an dem „Ideal, das einen jeden verzehrt.“ Wenn man die ersten Jahre unserer digitalisierten Gesellschaft unter einen psychologischen Hut bringen wollte, könnte man sie als die „narzisstischen Jahre“ bezeichnen. Ein Narzisst ist selten solidarisch. Die aktuellen Jahre unserer inzwischen smarten Digitalisierung wären unter dieser Note autistisch. Auch Autisten sind schwerlich solidarisch. Solidarisch waren tatsächlich nur die Nazis. Aber können wir das alles so düster stehen lassen? So hoffnungslos? Ist dieses Fegefeuer auf Erden so verzehrend, dass wir wie Belacqua zu träge geworden sind, das Paradies erreichen zu wollen? Da sitzt der alte Instrumentenbauer aus Florenz an seinem Felsen gelehnt und weiß, dass er sich im Leben nicht genug um Läuterung bemühte, dass er je hoffen könnte, das Paradies zu erreichen. Beckett liebte diese Figur aus dem vierten Gesang des Purgatorium Dantes. Es war Morgen, und Belacqua hatte sich im ersten Mondcanto so festgelesen, dass er weder vor noch zurück konnte (Dante and the lobster, 1932). Wie herrlich ironisch. Das Mondcanto beginnt mit dem zweiten Gesang des Paradiso. Das weite unendliche Meer wird hier geschildert (der Geist) und ein kleines Schiff (der Stoff). Mit einem so kleinen Schiff wie es der Mensch ist, dieses unendliche Meer befahren zu wollen! Der Mut, den es braucht, um in die Unendlichkeit zu starten, ist der Mut, den es braucht zu sterben. Der Mond ist das Zeichen des Krebses. Allnatur, Mutter und Quelle. Kein menschlicher Kopf kann alles erfassen und wird immer nur in seinem kleinen privaten Ideal festhängen, in einem Zylinder fester Größe, rational kalkulierend mit einer sich im Unendlichen verlierenden winzigen Spur Metaphysik. Um Gnade muss man bitten. Gnade! Schreien!

 

 

 

ENDE

 

 

 

 

 

Der fünfte Beitrag 

 

 

 

Wer sich bildet, sollte wissen,

was er nicht weiß

 

Bildungsziel ist, neben der Vermittlung von Wissen, zu lehren dieses vermittelte Wissen auch kritisch hinterfragen zu können. Wer Fakten zusam-menträgt, bestimmt damit auch die Auswahl der Fakten und niemand ist in der Lage heutzutage, ein Wissens-gebiet so vollständig zu überblicken, dass bei Auswahl der Fakten wirklich alle Fakten berücksichtigt wurden. Der subjektive Überblick lässt sich zudem auch nicht ganz vermitteln, da es dem Schüler hier nicht anders geht als dem Lehrer. Sie können nicht alle Fakten aufnehmen und ihre Auswahl der Fakten ist subjektiv. In diesem doppelten Mangel liegt eine Chance für die Bildung. Jederzeit ist jedes Wissen fragil. Da das Wissenssubjekt schon bei einem einzigen Fach nicht mehr sämtliche Fakten überblicken kann, ist jedes Wissen unsicher, da es jederzeit durch einzelne widersprechende Fakten in seiner erkenntnis-theoretischen Schärfe verschwimmt.

 

Der lebhafte Diskurs unserer Wissensgesellschaft verbreitet dabei eine Hauch Scholastik, denn kein einziges Wissenssubjekt kann sagen: So ist es. Alle bleiben wir nicht trotz, sondern aufgrund der Übermenge an Fakten fehlbar und im Bereich der Spekulation. Man könnte darüber verzweifeln, dass selbst dies fragile Wissen in sich selbst nur fragil vermittelbar ist. In den Schulen und Universitäten wird mehr spekuliert als gewusst. Auch das ist ein Primat des Kapitalismus, für den nicht das Wissen im Vordergrund steht, sondern die Ansammlung von Dingen, in diesem Fall Wissensdingen. Schulen und Universitäten sind Wissenskaufhäuser in denen mit Wissen gehandelt und spekuliert wird. Wissen wird verkauft und gekauft, unterliegt allen absurden Mechanismen des Marktes.

 

Schon vorangestellt ist dabei der Wissensmangel des Lernenden. Der Lernende kauft sein Wissen hier nicht nach bestem Wissen, denn darüber verfügt der Lernende ja noch gar nicht. So trifft die subjektive Auswahl von Fakten auf ein Subjekt, das selbst von dieser Reduktion abstrahiert. Der folgende Widerspruch des Lernenden ist damit ein Widerspruch des Mangels von zwei Seiten. Einmal des Mangels des Lehrenden alles zu wissen und andererseits des Mangels des Lernenden, selbst dies mangelnde Wissen zu wissen.

 

Worin liegt nun die Chance der Bildung? Der Widerspruch des Lernenden aus dem Mangel des Mangels weist über die Fakten des jeweiligen Wissens hinaus. Daher kann der Lehrende nie bloß bei der Vermittlung von Fakten verweilen, sondern muss methodisch transparent erklären können, wie er selbst als Lehrender zu seinen Fakten kam. Der Lehrende muss seine Wissensware mit Gütesiegel und Herkunftsnachweis versehen. Nun ist der Lehrende einer Wissensoligarchie unterstellt. Doch der Mangel trifft auch die Oligarchen. Das Gütesiegel ist mehr oder weniger wertlos, was den Inhalt betrifft. Vom Gehalt scheint ein Wissensgütesiegel Wert zu haben, doch der Inhalt eines solchen Siegels ist fragil.

 

Bildung baut immer auf Bildung auf. Hat der Lehrende kein Bewusstsein seines eigenen Mangels, kann er gar nichts wirklich Vernünftiges lehren. Der falsche Philosoph erlangt das Wissen, ohne fähig zu sein, es unter Rücksicht auf die Fähigkeiten seiner Schüler weiterzugeben. (al-Fārābī/ Kitab, arabischsprachiger Philosoph des 9. Jahrhunderts, aus Damaskus). Doch unsere Lehrer tun so, als wüssten sie alles besser, als sei ihr Wissen apodiktisch und nicht anzuzweifeln. Wissen wird so zu einem bloßen Herrschafts-instrument. Im Verbund mit dem ökonomischen Primat des Wissenswachstums und der Wertsteigerung für den Wissensverkauf baut diese Wissensherrschaft nicht auf Wissen, sondern auf Geld-wertigen Nutzen von Wissen.

 
Ein Bewusstsein des Lehrenden über die Fähigkeiten des Lernenden erlangt der Lehrende nur über sich selbst als Lernenden. Doch ein Lehrender, der sich als Lernender darstellt, verringert den ökonomischen Nutzen seines Wissens. Wissen unterliegt den Gesetzen des Marktes. Und die eigene Ware sollte man nicht kritisieren, sondern bunt verpacken und in den Himmel loben. Die Lehrenden werden auf das Niveau von Smartphone-Verkäufern reduziert.

 

Die Autorität des Lehrenden besteht nicht in der Überlegenheit des Wissens, sondern in der Bewusstheit des Lehrenden als Lernender. Wer weiß, was er nicht weiß kann dem Lernenden viel besser ein Bewusstsein für den Mangel an Wissen vermitteln. Doch um zu wissen, was man nicht weiß, braucht man ein Bewusstsein, das den Geld-wertigen Nutzen von Wissen übersteigt. In dieser meta-physischen Lücke des bewussten Nicht-Wissens muss man sich als Subjekt aushalten können.

 

Das Bildungsziel ist nicht die Anhäufung von Wissen, sondern die Vermittlung des Bewusstseins eines Mangels an Wissen. Unser gesamtes Bildungssystem ist in diesem Sinne fehlgeleitet und baut auf einer autoritären Struktur auf, die weit hinter den Begriff der Mündigkeit (Kant) zurückfällt. Die augenblickliche Krise der Demokratie und die Anfälligkeit für Ideologien aller Art ergeben sich aus dieser autoritären Bildungsstruktur. Der Anpassungsdruck des Lernenden verhindert weiter, dass dieser sich des Mangels seines Wissens bewusst werden kann. Gezwungen, Wissen permanent zu akkumulieren treibt dem Lernenden jedes Mangelbewusstsein aus. Wenn aber niemand mehr weiß, was er nicht weiß, ist jedes Bildungsziel verstellt. Wissen vermittelt sich nicht durch weiteres Wissen, sondern durch Bewusstwerdung dessen, was ich nicht weiß.

 

Die pädagogische Irrfahrt seit Jahrzehnten fördert eine Hybris sowohl der Lehrenden als auch der Lernenden. Wenn dem Lernenden nicht vermittelt wird, dass der Lehrende nicht alles weiß, und der Lehrende dies auch nicht weiß, dann wissen beide nichts. Eine solche Bildung ist hohl. Der Lernende stellt schnell fest, dass die Fakten des Wissens mangelhaft sind, weil sie nicht in seinen Kopf hinein kommen. Sie kommen nicht in seinen Kopf hinein, weil der Schein, dass die Fakten schon alles seien, trügt. Dieser Betrug am Lernenden untergräbt die Fähigkeit des Lernenden zu verstehen. Der Lernende misstraut am Ende gar sich selbst und erliegt einer Konfusion, die ihn für Ideologien aller Art empfänglich macht.  Bildungsziel ist nicht die Akkumulation von Wissen, auch nicht die bloße Realitätstauglichkeit dieses Wissens. Bildungsziel ist es, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was man nicht weiß. Der Lehrende gewinnt seine natürliche Autorität, indem er vom Pult herabsteigt und sich dem gleichen Risiko aussetzt wie der Lernende auch. Das bedeutet nicht die permanente Edukation des Lehrenden, denn das wäre wieder nur Akkumulation von Wissen, einem falschen Idealismus geschuldet zu glauben, man könne alles wissen. Es bedeutet vielmehr, dass sich der Lehrende im Moment des Lehrens dem Risiko aussetzt zu lernen. Ein Lehrender der sich weigert vom Lernenden zu lernen, lehrt auch nichts. Aber genau dies ist der traurige Zustand der Bildung heutzutage und genau dies ist autoritär und man muss sich nicht wundern, dass diese autoritären Strukturen eine Demokratie zerstören, die unter dem ökonomischen Primat der Wertschöpfung von Scheinwissen steht.

 

 

ENDE

 

 

 

 

 Der sechste Beitrag 

 

 

 

"VON HAND AUF WERK"

 

 

Stéphan Mallarmé soll – laut dem Journal von Edmund Goncourt – verkündet haben, dass man einen Satz nicht mit einem einsilbigen Wort beginnen dürfe. Goncourt kritisierte den Lyriker daraufhin heftig. Goncourt spottete über „diese Suche nach kleinen Schnitzern“, denn das würde letztlich von allem „Wichtigen, Großen, Bewegenden, das einem Buch Leben verleiht“ nicht nur ablenken, sondern sogar abstumpfen. Julian Barnes kommentierte, dass die Kluft „zwischen realistischer Prosa und symbolistischer Poesie“ nicht größer hätte sein können, als eben hier zum Ausdruck kommt. Die Differenz zwischen dem feinsinnigen, winzigen Satzmesserchen und dem großen, monströsen Geschichtsfleischermesser ist selbst eine Anomalie. Denn beides zählt. Manchmal kann so ein „kleiner Schnitzer“ alles ruinieren, manchmal kann so ein „kleiner Schnitzer“ alles retten. Der Zufall spielt auch hier seine chaotische Rolle. Es ist wie beim Kochen. Um an das Innere der Frucht zu gelangen, braucht man [PE1] das monströse Fleischermesser. Die Frucht selbst will filigran behandelt werden. Ästheten wie Mallarmé sehen nur die Frucht und ignorieren die harte Schale in der sie sich schützt und Realisten wie Goncourt unterliegen dem Irrtum, dass die Frucht nur von ihrer Schale befreit werden müsse, um zum Vorschein zu kommen. Dann machen sie Mus daraus. Doch jedes Symbol ist von einer harten Schale Kontext umgeben und wer nicht gelegentlich das Fleischermesser benutzt gelangt nicht an die Frucht. Blutarme Ästhetik ist die Folge. Die große Kunst besteht darin, die Frucht so zuzubereiten, dass niemand der die Frucht verspeist noch an das Fleischermesser denkt, das man brauchte, um an diese schmackhafte Frucht zu gelangen. Es ist eine Frage der Technik. Aber Technik denkt nicht. Und so braucht jedes Messer, ob groß oder klein, geschickte Hände oder kräftige Arme. Geschickte Hände und kräftige Arme bekommt man nicht geschenkt. So muss man regelmäßig das Große, Wichtige, Bewegende stemmen, von dem Goncourt spricht. Genauso regelmäßig sollte man mit der Lupe die Details des Großen, Wichtigen und Bewegenden studieren und handhaben können, um diese „kleinen Schnitzer“ zu vermeiden, die Mallarmé anspricht. Es ist wie in der Physik. Die Teilchen widersprechen oft dem Ganzen. Für die Schwerkraft sind Quanten irrelevant. Aber ohne die Quanten ist der Rest ebenso irrelevant. In der Schwungkraft zwischen dem Großen und dem Kleinen äußert sich zwischen Prosa und Poesie echtes Sprechen. Wieder ist es die Differenz, die Nicht-Identität von Signifikat und Signifikant die im Sprechen wirkt. Lernt man den Kontext als nicht linear zu begreifen gelangt man an den eigentlichen Kern der Frucht. In diesem Kern finden sich Frucht und Schale in sonderbarer Einheit vor. Das Messer mit dem man diesen Kern dann bearbeitet ist kein Handwerkszeug mehr, es ist die Ewigkeit. In der Dauer selbst vereinigen sich Prosa und Poesie in einer nicht theologischen, völlig Gott befreiten Mystik. Jedes gelungene Kunstwerk verschafft uns eine Illusion von „echter Dauer“; also die Illusion von Ewigkeit. Das ist das Geheimnis künstlerischen Wirkens.

 

 

ENDE

 

 

 

 

Der siebte Beitrag

 

 

 

"HEGEL AUF KANT"

 

 

 

Das Wahre ist das Ganze (Hegel)

 

Es gibt eine alte Nebenschrift von Immanuel Kant, die Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürger-licher Absicht. Schon im Titel offenbart sich der kosmopolitische Ansatz des Aufklärers Kant. Kant benutzt hier den Begriff der „Idee“, was für ihn ein Terminus technicus ist. Kant versteht unter der Idee ein regulatives Ordnungsprinzip. Während unsere sinnliche Anschauung die Phänomene in Zeit und Raum feststellen kann und man sich darauf verlassen kann, dass alles was erscheint sich in Zeit und Raum befindet und das in festen Kategorien des Verstandes, nach Prinzipien der Kausalität oder als einzelnes oder vieles, notwendig oder zufällig, ist das mit den Ideen anders.

 

Ideen sind regulativ. Das heißt, dass sie eine Norm bilden. Bei Immanuel Kant gibt es drei regulative Prinzipien, bestehend aus der Homogenität, Spezifikation und der Kontinuität. Hunde und Pferde sind Tiere. Das heißt das Einzelne ordnet sich dem Allgemeinen unter und umgekehrt findet sich immer noch eine Einteilung des Einzelnen. Dackel und Pinscher sind zwar Hunde, aber sie unterscheiden sich eben auch wieder spezifisch voneinander. Aber sie sind miteinander auch verwandt, das ist die Kontinuität.  Diese Ordnung der Dinge ist nicht transzendental (transzendental ist eine Erkenntnis an sich, wie zum Beispiel „ich denke also bin ich“) gerechtfertigt, sondern subjektiv. Man kann alles auch anders einteilen.

 
Wenn Kant in diesem oben erwähnten Aufsatz von einer Idee der allgemeinen Geschichte spricht, dann möchte er den historischen Fortschritt als ordnende Idee verstanden wissen. Mehr nicht. Gott, Willensfreiheit und Unsterblichkeit der Seele werden in seiner praktischen Vernunft als Ideen gesehen, die man sinnvoll annehmen sollte. Man kann weder die Existenz Gottes beweisen, noch die Freiheit unseres Willens und genau so wenig die Unsterblichkeit der Seele. Doch Gott ist als höchstes Gut und sittliche Vollendung eine leitende Idee. Die Willensfreiheit ist eine Voraussetzung für Moralität. Beweisen kann man es nicht, aber ohne die Freiheit des Willens würde man kein Gesetz gestalten können. Wozu? Die Unsterblichkeit der Seele ist eine Idee, die uns antreibt, immer weiter voran zu schreiten und unser individuelles Ende nicht nach dem Motto „nach mir die Sintflut“ zu leben. Ohne die Idee von der Unsterblichkeit der Seele fehlt uns ein gewaltiges Stück generativer Verantwortung.

 

Hegels Weltgeschichte erhebt dagegen den Anspruch einer transzendenten, also über das Subjekt hinausgehenden Erkenntnis. Hegel operiert hier mit einer durchgehenden Dreierregel. Es gibt den subjektiven Geist, den objektiven Geist und den absoluten Geist. Diese Dreischritte haben Sie bei Hegel immer. Daher kann man Hegel gut lesen, wenn man daran denkt, dass alles bei ihm gedrittelt wird. Aber Hegel denkt sich diese Drittel nicht als Linie, sondern als eine Art Kreis. Denn jedes Drittel ist immer mit vorhanden. Fortschritt ist für Hegel daher kein Hinauf, sondern ein Streben nach Vollendung. Und das Unvollendete ist ein Teil des Vollendeten geworden.

 

Der subjektive Geist ist ebenfalls in drei Teile zerlegt in die Seele (Sinne), das  Bewusstsein (Selbstreflexion) und den Geist (Selbst-bestimmung).


Der objektive Geist ist in die normative Ordnung von  Recht, Moral und Sitte gedrittelt. Hegel unterscheidet also Moral und Sitte. Das macht Kant nicht. Für Kant sind Moral und Sitte gleichbedeutend. Bei Hegel beginnt es mit dem abstrakten Recht, das einfach Regeln zum Eigentum, Vertrag etc. aufstellt und klärt was Recht und Unrecht ist. Das beginnt im Grunde mit den Vieh züchtenden und Ackerbau treibenden Barbaren. Er nennt hier explizit die Ehe und den Ackerbau als maßgebend. Für ihn war die Ehe ein sittliches Verhältnis in dreierlei Hinsicht. Das hat der Alte (wie man ihn im Tübinger Stift nannte) auch mit dem Wort „Aufheben“ gemacht. Einerseits kann man etwas aufheben im Sinne der Negation, dann kann man es aufheben um es zu bewahren und zugleich aufheben im Sinne des Emporhebens. So sah Hegel die Ehe als Aufheben der Romanze und Überführung, Emporheben und Bewahren als eheliche Verbindung. Ein schöner Gedanke.

 

Die Moral ist dann die normative Verinnerlichung dieser Regeln in Form des Empfindens von Schuld und Vorsatz, Absicht und Wohl, das Gute und das Gewissen. Hier bestimmen der Wille und die Reflexion des Willens, indem sich das Subjekt selbst bestimmt. Doch die Sittlichkeit ist bei Hegel als dritte Stufe  überindividuell in drei Weisen vorhanden.  Die Familie in Form von Liebe, da die Familie unmittelbare Substantialität des Geistes darstellt und somit die Grundlage jedes Individuum ist. Dabei ist auch die Auflösung der Familie wichtig, da sie zu weiteren Familiengründungen führt. Wenn man sich nicht löst von seinen Eltern, dann steht die Entwicklung still in irgendwelchen Sippen.

 

Aus all diesen Familien bildet sich naturgemäß die bürgerliche Gesellschaft, die eine Form der Kooperation der familiären Eigeninteressen darstellt. Und aus dieser bürgerlichen Gesellschaft formt sich der Staat als wahre Vereinigung aller Individuen und Wirklichkeit der Sitten.

 

Der Staat ist bei Hegel nicht das Volk. Vielmehr ist der Staat die formelle Verallgemeinerung des Geistes, der Völkergeister. Der objektive Geist drückt sich bei Hegel in den Grundlinien der Philosophie des Rechts aus. Ein Volk ist für ihn noch lange kein Staat. Dazu bedarf es der Realisierung der Form des Rechts. Das vollziehen seine Völkergeister. Und bei Hegel ist der Krieg die Triebfeder zur Bildung von Recht. Was er das Heroenrecht zur Stiftung von Staaten nennt.


Der absolute Geist ist als Kultur in Kunst (Anschauung und Bild), Religion (Gefühl und Vorstellung) und Philosophie (reiner, freier Gedanke) gedrittelt.

 

Während Kants Weltgeschichte eine kosmopolitische Idee vom Fortschritt ist, nur als regulatives Ordnungsprinzip gedacht und keineswegs gewährleistet, ist Hegels Weltgeschichte eine Art Gerichtsgebäude, das die Verwirklichung des allgemeinen Geistes auslegt. Hegels Ordnungsprinzip erhebt den Anspruch einer transzendentalen Erkenntnis, gipfelnd in Hegels berühmten Satz: Was wirklich ist, ist vernünftig und was vernünftig ist, ist wirklich. In diesem hegelschen Sinn haben wir noch keine Wirklichkeit vorliegen, da sie sich noch nicht voll verwirklicht hat. Und wir haben auch keine vollständige Vernunft vorliegen, da die Wirklichkeit noch wirkt.

 

Viele verstehen nicht, dass dieser Dreischritt kreisförmig verläuft. Sie halten Hegels Philosophie daher für brisant und behaupten, Hegel würde so auch eine Diktatur als sittlich ansehen. Das stimmt aber nicht. Der Staat als höchste sittliche Wirklichkeit bürgt für das abstrakte Recht und dieses abstrakte Recht schafft die Moralität des Subjekts, indem das Subjekt dieses abstrakte Recht verinnerlicht und daraus entsteht die Sittlichkeit des Staates, der wiederum das abstrakte Recht verbürgt. Da im Kern die Familie das Zentrum der bürgerlichen Gesellschaft ausmacht und die Kooperation der Familien Grundlage der Sittlichkeit sind, und in Folge dessen, dass auch die Auflösung der Familie in Form von Neugründungen der Familie für einen konsequenten historischen Fortschritt sorgt, erfüllt sich die Sittlichkeit des Staates als wahrer Vereinigung aller Individuen.


Es ist schon aus diesem Blickwinkel klar, dass die aktuellen nationalen Politiken als spektakuläre postlibertäre Demokratien nicht den allgemeinen Geist spiegeln, sondern als Auflösungstendenz der nationalen Einheiten die Weltgeschichte vorantreiben. Die globalen Machtverhältnisse spiegeln sich nicht im Entferntesten in den nationalen Politiken. Während der Absolutismus sich in Hegels Zeitalter auflöste, löst sich nun die nationalliberale Demokratie auf. Der Verlauf: Theokratie – Aristokratie – Absolutismus – Demokratie – und wieder zur aufgehobenen, emporgehobenen Theokratie. Die Auflösung der römischen Demokratie mündete in den Absolutismus. Der Kaiser geht einher mit substantiellen theokratischen Ambivalenzen. Die gesamte Geschichte ist in jedem einzelnen Geschichtsabschnitt vorhanden. Es ist immer die Summe der Weltgeschichte da und das Einzelne kann sich nicht unabhängig von der Summe verwirklichen. Das Endliche und das Unendliche war einst eine Einheit, wurde in der Verwirklichung des Subjekts gespalten und hat sich dann erneuert im Recht. Gegen diese Wucht von Hegels Philosophie des Geistes ist Kant nur ein holzköpfiger Beamter, ein Kategorien sabbernder, Normen hustender Pfeifenraucher. Aber Kant ist der ältere von beiden und Hegel blamierte sich, als er Napoleon für den personifizierten Weltgeist hielt.

 

 

 

ENDE

 

 

 

Der achte Beitrag:

 

 

LUDWIG WITTGENSREIN

 

Ludwig Wittgenstein 1910

Sprache und Sprachspiel

 

Von der logischen Tiefenstruktur zur Sprachhandlung.

 

 

Ludwig Wittgenstein wurde 1889 geboren, als Spross einer wohlhabenden und kinderrei-chen Familie in Wien. Zur Philosophie kam er auf Um-wegen über Bertrand Russell, der in Cambridge lehrte. Wittgenstein war kein besonders guter Schüler, vor allem die technischen, naturwissenschaft-lichen Fächer bereiteten ihm Schwierigkeiten. In Religion und Englisch jedoch hatte er gute Noten. Nach dem Vorbild des Vaters studierte der Sohn dennoch Ingenieurswissenschaft in Berlin. Schließlich lernte Wittgenstein Russell kennen und kam so durch die Anregung seines Mentors und Freunds zur Philosophie.

 

Wittgenstein brauchte Anregung von außen, aber einmal in Gang war er dann sehr überzeugt von seinen Ideen. Als jüdisch-stämmiger Homosexueller dürften ihn nicht nur einmal Steine in den Weg gelegt worden sein. Sein nicht unbeträchtliches Erbe verschenkte er ohne Zögern an seine Freunde. Geblieben ist ihm eine Blockhütte in Norwegen, die offensichtlich niemand haben wollte. Er verstarb 1951. Sein einziges zu Lebzeiten veröffentlichtes Werk ist der Tractatus logico-philosophicus.

 

Beim Lesen der großen Klassiker, etwa Kant und Hegel, brach Wittgenstein die Lektüre stets vorzeitig ab, so sei er nie zu den eigentlichen Problemen dieser Philosophen durchgedrungen, weil ihm die Unklarheit der Sprache Missbehagen bereitete. Er suchte vor allem nach Klarheit und Orientierung.

 

Wittgenstein hinterließ kein philosophisches System, so gibt es zahlreiche Versuche, Kohärenz in seinem Werk zu finden.

 

Philosophie wird in Sprache formuliert, wenn diese Sprache jedoch nicht gut formuliert ist, ist die Philosophie nicht zu verstehen, so Wittgenstein, der nach der idealen Sprache suchte. Die Sprache verhext unsere Gedanken, sagte er, Sprache verzerrt gleichsam unser Denken, umkleidet es.

 

Wittgenstein ging es darum, die reine Sprache dahinter zu finden, quasi den Gedanken zu finden, der in der Sprache steckt, den Gedanken von der Sprache zu entkleiden. Dieses Bedürfnis, die Sprache zu „enthexen“, ergibt sich womöglich auch durch den Einfluss der Aufklärung, der Wittgenstein in England ausgesetzt war und nicht zuletzt durch seinen Mentor und Freund, den Neopositivist und Wissenschaftstheoretiker Bertrand Russell (Hauptwerk: Prinzipia Mathematica, in der Russell die Sprache in mathematische Ausdrucksformen zu bringen sucht).

 

Ludwig Wittgenstein 1930

 

 

Animiert auch von Gottlieb Frege (Begründer der modernen Logik – Präzisierung der Sprache mit Hilfe der Mathematik) sucht Wittgenstein vor allem nach dem Ende des Fragens. Er fragt nach sinnvollen Grenzen des Redens (so wie Kant etwa nach den Grenzen der Erkenntnis). Die Philosophie soll nach Wittgenstein die Grenze des Unsagbaren markieren. Diese Grenze des Unsagbaren vom Sagbaren her zu bestimmen gilt sein Hauptaugenmerk. Man miß-deutete ihn als Wissenschafts-theoretiker, was er jedoch nicht war. Vielmehr setzte er sich mit Worten konkret auseinander. Er spricht vom Abbild der Tatsachen, nicht der Dinge. So könne man zum Baum Baum sagen, aber wie sei es mit Worten wie sogar oder fünf? Was ist sogar für ein Ding? Gibt es eine Fünfheit? Die Logik hat einen rein tautologischen Charakter, das dem Denken und Sein gemeinsame könne nicht ausgesagt, sondern nur gezeigt werden mittels Symbolen, bzw. Zeichen.

 

Daher muss Tiefe in die Sprache hineingedacht werden. Cäsar wird von Brutus ermordet. Oder: Brutus ermordet Cäsar. Das diesen Aussagen Gemeinsame liegt in der Formel aRb. a steht für Cäsar, b steht für Brutus, R steht für Relation. a steht zu b in einer Relation. Sprechen wir also über die Welt, gibt es nur einen logischen Sachverhalt. Da reine Gedanken durch die Sprache verkleidet werden, müssen wir wieder zu einer logischen Form (Tiefenstruktur) kommen.

 

Das Abbild: Grammophonplatte, musikalischer Gedanke, Partitur, Schallwellen, ihnen allen ist ein logischer Bau gemeinsam, sie stehen in einem internen logischen Zusammenhang, beziehen sich gewissermaßen aufeinander.

 

 

Wie kommt nun Wittgenstein von der logischen Form zu etwas Substantiellem? Das Abbild zeigt nicht das Abgebildete. Man schaut durch das Abbild hindurch auf den Sinn des Abbildes, wobei der Verweisungscharakter keineswegs klar ist. Man müsste, um über Sprache zu sprechen, eine Sprache jenseits der Sprache erfinden. Wittgenstein lehnt dies ab. Es bleibt also somit das Zeigen und Schauen.

 

Später relativiert Wittgenstein in seinen philosophischen Untersuchungen diese reine Form der Logik, er sieht darin nichts Erfindbares, da die logische Form auf nichts verweist. So muss man empirisch vorgehen. So passen rot und rund zusammen, aber nicht rot und grün, da sich dies beißt (Ausschließungscharakter). Das Abbild missfällt Wittgenstein, denn sie gibt keine Sicherheit. Mit Sprache könne man alles und nichts aussagen. Es gibt nichts Verborgenes mehr in der Sprache, keine reine Logik der Form. Man muss suchen nach dem, was da ist.

 

So kommt Wittgenstein zu den Sprachhandlungen. Er entwickelt eine Art Grammatik, nicht im Sinne unserer Natursprachen (Subjekt, Objekt etc.), vielmehr eine allgemeinere, grundsätzlichere Grammatik, welche zur Beschreibung des Kontexts von Sprache und Welt verwendet werden kann. Diese Grammatik dient als Handlungsregel von Worten. Sprachhandlungen finden in der Welt statt und es gibt hier keine Trennung von Sprache und Welt. Die Harmonie zwischen Sprache und Welt entsteht durch den Kontext der Handlungsregeln.

 

 

Das Wort Baum bezeichnet also nicht das Ding Baum, sondern tritt mit dem Ding in eine Harmonie, so dass es Sinn macht, Baum zu sagen. So kann es sinnlose Sprachhandlungen geben, die eben mit dem Kontext nicht in Harmonie stehen. Wenn ich jetzt behaupte, dass gerade ein Elefant durch mein Zimmer geht, während ich dies schreibe, so stört dies den Kontext, die Harmonie dieses Texts als Welt.

 

Wittgensteins Grab in Cambridge

 

Wittgenstein kommt so von der logischen Analyse der Sprache zur Beschreibung der Sprache nach-dem sie verwendet wurde. Wir können also nicht Sprache beschreiben während wir sie verwenden. Der Gebrauch eines Worts ist seine Bedeutung. Die Bedeutung deutet hin auf ein Ding durch das Wort (Frege: Jede Bezeichnung hat eine Bedeutung).

 

Es besteht also zwischen Ding und Wort keine notwendige Korrelation, sondern eine Handlungsharmonie. Wir können die Sprache demnach als ein Spiel auffassen, das nach gewissen Regeln funktioniert. Hier kann man Sprache mit dem Schachspielen vergleichen.

 

 

Von der logischen Form kommt Wittgenstein also zum Spiel, zur Harmonie von Sprache und Welt. Die Regeln sind dabei nicht fundamental, können jederzeit gebrochen werden, und daher kann man erst Regeln herausfinden, nachdem gesprochen wurde.

 

Der Kaiser steht nackt vor seinem Volk. Das Volk wird befragt, wie ihm seine neuen Kleider stehen und das Volk sagt, sie stehen ihm gut. Das Kind jedoch sagt, der Kaiser sei nackt. Im Nachhinein hat das Kind recht, das mehr Wahrheit aussagt als das Volk. Aber im Augenblick ist das Volk in der Mehrheit. Im Nachhinein kann man also die Sprachregel feststellen, die zwischen Volk und Kaiser galt.

 

Sprache/Handlungsregeln verändern sich nicht willkürlich, sondern mit einer gewissen Trägheit.

 

Wittgenstein schlägt also in seiner Philosophie den Bogen von der kristallklaren logischen Form zum weichen Spiel der Handlungsregeln.

 

Findet man eine Wahrheit, ist sie unumstürzbar – angenommen aber, sie ist falsch, was dann?

 

 

Sprache ist nach Wittgenstein eine Handlung unter anderen, ein Operieren mit Zeichen. Es geht dabei um Harmonie und nicht um letzte Aussagen. Wir einigen uns sozusagen immer wieder in diesem Spiel auf unsere Handlungsregeln, die wir im Nachhinein betrachten können.

 

 

 

ENDE

 

 

 

Der neunte Beitrag

 

 

 

THOMAS VON AQUIN

 

 

Der auf einem Schloss etwa 100 Kilometer südöstlich von Rom geborene Thomas von Aquin (1225-1274) war einer der einflussreichsten Kirchenlehrer der römisch-katholischen Kirche. Man nannte ihn auch Doctor Angelicus. Als Hauptvertreter der so- genannten Scholastik (Stubengelehrte) beschäftigte er sich vor allem mit Theologie und stützte sein Gedankengebäude vornehmlich auf Aristoteles.

 

Jenes aber, das der Intellekt als Erstes und gleichsam Bekannteste begreift, und worauf er alles Begriffene zurückführt, ist das Seiende. (aus: de Veritate)

 

Dieses Seiende ist für Thomas erkennbar an den Begriffen. Für Thomas ist Erkenntnis gleichgesetzt mit Offenbarung.  Dies Seiende als Erkenntnis muss uns aber vollkommen widerspruchsfrei gegeben sein.

 

Das erste Prinzip nun, dadurch etwas ist, ist, dass es nicht zugleich sein und nicht sein kann.(aus in Metaphysicam), Gott existiert oder er existiert nicht. Er kann nicht beides zugleich. Dieses widerspruchsfreie Sein aber ist gar nicht beweisbar, es ist allem vorausgesetzt. So ein Wissen nannte Immanuel Kant später „transzendentes Wissen“.

 

Die unterschiedlichen Beziehungen des Seienden zum Sein verhindern, so, dass Sein in einem und demselben Sinn begriffen ist. (de potentia dei).

 

Sein hat verschiedene Bedeutungen. Wir haben die logische Paradoxie vorliegen, dass das Absolute sich nicht selbst als Absolutes enthalten kann. Daher ist alles Einzelne natürlich in Relation zum Absoluten widersprüchlich.  Doch je widersprüchlicher es ist, desto weniger ist es.  Da ja die Widerspruchsfreiheit Wesen des Seins ist.

 

Es scheint also, als hätten wir keinen Begriff von Gott. (Summa Theologica). Somit erkennt Thomas, dass das gänzlich Wider-spruchsfreie keinen Begriff von sich hat. Alles begriffene wird auf etwas nicht Begriffenes zurückgeführt. Bzw. ein Ausdruck wird auf etwas zurückgeführt, was selbst keinen Ausdruck hat, weil es widerspruchsfrei ist. Wir haben nur Analogien. So schrieb Johann Wolfgang von Goethe  am Ende seines Faust-Dramas: Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis …, wir haben mehr oder weniger Kopien von dem, was mit sich selbst vollkommen eins ist. Wäre dies aber nicht, könnten wir die Widersprüche gar nicht denken, hätten wir keinerlei Analogien. Auch hier kann man Goethes Faust-Drama zitieren: Am farbigen Abglanz haben wir das Leben (Vers 4427).


Wir haben Analogien vom Absoluten: sogenannte Analogia entis. 
Der Name Gottes wird analog gebraucht. Was ist der angemessenste Name? Ich antworte: Der, der ist. Und der Intellekt kennt ihn nur in seinen Begriffen, nicht in ihm selbst. (summa theologica). Hier taucht das „ego eimi“, ich bin, der ich bin, auf. Dieser mit sich selbst vollkommen identische Gott kann nie univok ausgedrückt werden, immer nur äquivok.

 

Wahrheit ist die Angemessenheit von Intellekt und Sache. (summa theologica).

 

Diese als „Adäquationstheorie“ (auch Korrespondenztheorie) bekannte Aussage von Thomas ist die erste Formulierung eines Wahrheitsbegriffs. Veritas est adequatio rei et intellectus. Diese Theorie geht von Wahrheit als Übereinstimmung gedanklicher Vorstellungen mit der Wirklichkeit aus. Ihre Vertreter verstehen Wahrheit grundsätzlich als eine Relation zwischen zwei Bezugspunkten und bezeichnen diese als Übereinstimmung, Entsprechung. So sah es Aristoteles bereits. Die annähernd gegenteilige Sicht ist die des antiken Skeptizismus, der die Möglichkeit einer gesicherten, nachweisbaren Erkenntnis von Wirklichkeit und Wahrheit infrage stellt. So dachte zum Beispiel der Philosoph Protagoras. Er sagte: Der Mensch ist das Maß aller Dinge, der Seienden, dass sie sind, der nicht Seienden, dass sie nicht sind.

 

Entsprechung und Übereinstimmung sind bei Thomas von Aquin Analogien. Gott selbst kann man jedoch nicht wissen. Der Intellekt erkennt Gott nicht in sich selbst, sondern in intellektiver Art, aber nicht so, als sei Gott auf diese Art. So liegt er nicht falsch, wenn er in seiner Art bleibt. (Summa Theologica).

 

Der Intellekt ist ja selbst eine Analogie und damit widersprüchlich. Wir können – nach Thomas – durchaus erkennen, dass es etwas über den Intellekt hinaus gehendes gibt, aber selbst hinausgehen können wir nicht. Mit dieser theologischen Skepsis hat Thomas von Aquin die Erkenntnis-Kritik von Immanuel Kant vorbereitet. In der Empirie vertrat Kant dann einen gemäßigten Fallibilismus (= es gibt keine unfehlbare Erkenntnisinstanz).

 

Thomas von Aquin war in gewisser Weise epistemologisch naiv. Vereinfacht gesagt sah Thomas das in etwa so: Wir können Gott im Fernsehen gucken, aber nicht persönlich treffen.


Existiert er denn dann? Oder ist er gar nur ein Hirngespinst? Vatikan-TV? Thomas bringt daher fünf sogenannte Gottesbeweise. Da seit einem offiziellen Erlass von  Leo XIII aus dem Jahr 1879 Thomas von Aquin an allen kirchlichen Schulen gelehrt werden muss, sind diese fünf Gottesbeweise Teil des Katechismus und jeder Schüler einer Oberstufe hat von ihnen (sofern er katholisch ist) schon gehört.

 

1. Alles Bewegte hat einen Beweger, der wiederum bewegt wird. Dies kann aber nicht ins Unendliche gehen. Notwendig läuft alles auf einen ersten Beweger zurück. In diesem erkennen alle Gott. (intellegunt Deum).

 

Was Thomas von Aquin hier mit den Worten des Aristoteles macht, ist schon bemerkenswert. Denn der „unbewegte Beweger“ des Aristoteles (bei Aristoteles sind es genau genommen 47 Bewegungen der Planeten, die er erkennt) wird hier zum ersten Beweger als einem Anfang. Wenn sich eben alles was wir so kennen mehr oder weniger bewegt. Dieses schwingende Universum hat ja auch in der modernen Physik seinen Anfang nehmen müssen. Nichts weiter sagt Thomas.

 

2. Wäre keine erste Ursache aller Wirkungen, so wären auch keine dazwischen liegenden Ursachen und Wirkungen. Also muss es eine erste Ursache geben. Diese nennen wir Gott. (Summa Theologica).

 

Alles braucht seinen Anfang und ein Etwas, das zum ersten Mal in Bewegung geriet. Wäre dem nicht so, gäbe es keinerlei Vielfalt. Gott ist eh nur eine Analogie für diese Ursache für einen Anfang. Keine Ursache, ohne eine Ursache. So einfach.

 

3. Seiendem ist es in der Zeit möglich zu sein oder nicht zu sein. Wenn es aber nichts gibt, das absolut notwendig ist, dann hat es einmal einen Zeitpunkt gegeben, an dem gar nichts war. Auch dann muss es etwas geben, das dem seienden Sein gab. Das heißen alle Gott (dicunt deum) (Summa Theologica).

 

Dies wäre das kosmologische Argument. Es gab nun einmal irgendwann eine Zeit, in der kein physikalisches Objekt vorlag. Aber irgendwoher müssen dann die Objekte kommen. Gott ist nur ein Etikett für diese Unerklärlichkeit. Thomas stellt nur fest, dass man logisch eine ewige Regression ausschließen kann. Das ergibt logisch durchaus Sinn. Ansonsten wäre das ein Zirkelschluss.

 

Zirkelschluss.


Wir alle kennen die berühmte Kinderfrage nach dem Warum. Warum ist das so und so? Wenn man nicht aufpasst, kommt man zweifellos irgendwann in Erklärungsnot. Ein Zirkelschluss als infiniter Regress ist möglich, aber unbefriedigend.

 

Ein Beispiel:

 

Mutter: wir müssen einkaufen gehen.


Kind: warum müssen wir einkaufen gehen?


Mutter: Weil der Kühlschrank leer ist.


Kind: Warum ist der Kühlschrank leer?

 

Passen wir nun nicht auf, ginge es immer weiter (weil wir alles gegessen haben, weil wir Hunger haben, weil unsere Zellen Zucker brauchen, weil es die Evolution so eingerichtet hat, weil?)  Daher antworten wir nicht, wie es angemessen wäre: weil wir alles aufgegessen haben, sondern:

 

Mutter: Weil wir nicht einkaufen waren.

 
Kind: Warum waren wir nicht einkaufen?


Mutter:  Weil der Kühlschrank noch voll war.


Kind: Warum war der Kühlschrank noch voll?


Mutter: weil wir da einkaufen waren.


Kind: Warum waren wir einkaufen?


Mutter: Weil der Kühlschrank leer war.

 

Dieser infinite Regress ist aber nur eine formallogische Struktur und hat mit der Wirklichkeit nur sequentiell zu tun. Der Grund warum wir hier sind, kann ja nicht selbst der Grund dafür sein, warum wir hier sind. Damit widerlegt Thomas das per se ipsum Argument von Anselm von Canterbury. Ob Gott sich selbst gemacht hat oder nicht, können wir gar nicht wissen.

 

Die nächsten beiden Gottesbeweise von Aquin beschäftigen sich mit der Essenz der ersten Ursache.

 

4. Seiendes kann mehr oder weniger etwas sein (z. B. gut, wahr…). Dies kann es aber nur, insofern es sich an einem Maximum misst. Das nennen wir Gott (dicimus Deum) (Summa Theologica).

 

Es ist kein Stufenargument (der Religions-Kritiker Richard Dawkins irrte sich, weil er ein schlechter Philosoph ist, und sehr vergesslich. Philosophen brauchen vor allem ein gutes historisches Gedächtnis, um zu wissen, wann was als gewusst gedacht wurde und wann nicht), sondern es handelt sich um ein Ordnungsargument. Es handelt sich nicht um ein lokales Maximum, also einen Extremwert von dem Thomas spricht, sondern von einem Ordnungselement, wenn x größer als y ist. Das hat Thomas schon am Anfang klar- gemacht in seiner Analogia entis. Es sind unsere Begriffe stets nur Relationen, Beziehungen. Um Relationen sinnvoll nutzen zu können, benötigt man einen Maßstab. Und dafür steht das Etikett Gott. So einfach.

 

5. Alles ist zweckmäßig geordnet. Diese Ordnung kommt von einer Intelligenz. Diese nennen wir Gott. (Summa Theologica).

 

Es ist hier nicht intelligent Design gemeint. Denn da Thomas hier alle physikalischen Objekte einschließt, (also auch Steine, Atome etc.) bedeutet dieses Telos-Argument schlicht, dass auch das, was selbst weder Willen noch Erkenntnis hat einer festen Ordnung unterliegt. Wir haben wieder das Problem einer zugrunde liegenden ersten Ursache. Denn was die Naturwissenschaftler Evolution nennen, braucht eo ipso selbst eine Ursache. Das ist kein intelligentes Design, denn Thomas sagt ganz klar, dass wir gar nicht wissen können, wie Gott selbst ist. Wir haben nur Analogien. Die Evolution mag eine angemessene Analogie sein, ist aber nicht die letzte bzw. erste Ursache von allem. Sie kann es gar nicht sein, denn sie war selbst einmal nicht da und da war dennoch etwas. Von Nichts kann nichts kommen.  Aber davon können wir gar nichts Weiteres wissen. Der Intellekt ist damit die höchste Analogie.

 

 

ENDE

 

 

 

Der zehnte Beitrag

 

 

ARISTOTELES

 

 

Das Leben von Aristoteles

 

 

Aristoteles kam 385 vor Chr. in Stageira zur Welt. Stagira liegt östlich auf der griechischen Halbinsel Chalkidi in Mazedonien. Man nannte ihn daher auch „der Stageirit“. Der Vater von Aristoteles war Leibarzt am mazedonischen Hof Philipp II.  Er genoss eine gute Ausbildung und ging als junger Mann im Alter von 17 Jahren  (367 v. Chr.) nach Athen. Als Mazedo-nier war er in Athen kein aner-kannter Bürger, hatte dort lediglich einen Aufenthaltsstatus und konnte sich auch nicht politisch betätigen. Ob Aristoteles tatsächlich Schüler der Akademie von Platon war, bzw. dort arbeitete, ist ungewiss. Aber dass Aristoteles die Lehre von Platon kannte, ist gewiss.

 

Da der mazedonische König Philipp II. und Athen eigne Interessen verfolgten und die Lage immer unsicherer wurde für einen Mazedonier in Athen, verließ Aristoteles 347 v. Chr. als 37-jähriger Mann Athen. Es folgten einige Jahre auf Wanderschaft, bis Aristoteles als Erzieher des 13-jährigen Alexander 343 v. Chr. an den mazedonischen Hof gerufen wurde.  Es gibt eigentlich keinen erkennbaren Einfluss der Erziehung des Aristoteles auf Alexander den Großen. Wenngleich Alexander der Große sehr gebildet war und die griechische Philosophie hoch schätzte.


Im Jahr 335, als über 50-jähriger, ging Aristoteles noch einmal nach Athen. Zwischenzeitlich hatte Makedonien Athen besiegt und seinen Herrschaftseinfluss auf den Stadtstaat ausgeweitet. Für Aristoteles war es daher weniger gefährlich, nach Athen zu gehen. Er ging an das Lykeum, an das Gymnasium, nicht an die Akademie.

 

 

323 v. Chr. stirbt Alexander der Große und der Einfluss von Makedonien lässt wieder nach. Aristoteles verlässt daraufhin Athen erneut. In Chalkis (zu dieser Zeit unter makedonischem Einfluss) verstarb Aristoteles nur kurze Zeit darauf.

 

 

 

Nikomachische Ethik –Tugendethik des Aristoteles

 

Der Name „nikomachische Ethik“ stammt wohl vom Namen seines Vaters (dem Vater gewidmet) oder vom Namen seines Sohnes (vom Sohn herausgegeben). Zur Echtheit der Schrift lässt sich mit großer Gewissheit sagen, dass sie echt ist. Als Lehrbuch ist sicher auch von Schülern des Aristoteles das eine oder andere beigefügt worden.

 

In seiner Ethik ist es Aristoteles wichtig, vor allem vom menschlichen Handeln zu sprechen, weniger vom allgemein tierischen Handeln. Daher überlegt er zu Anfang, was das menschliche Handeln im Großen auszeichnet. So kommt er auf ein „höchstes Ziel“, das „telos teleioteton“. Das vollkommenste Ziel des Menschen ist immer ein Ziel um seiner selbst willen und nie um eines anderen Willen. Damit schließt Aristoteles viele weltliche Ziele wie Reichtum, Liebeserleben, Weisheit erst einmal aus. Das höchste Ziel um seiner selbst willen ist nach Aristoteles die Eudämonie, das gelungene Leben, oder Glückseligkeit. Diese Glückseligkeit will man nur um seiner selbst willen erreichen. Und sie unterscheidet sich von der reinen sinnlichen Begierde der Tiere, ist nicht hedonistisch. Wenn ich also viel Geld verdienen will, dann dient mir – nach Aristoteles – das Geld lediglich als Vehikel, um mein eigentliches Ziel zu erreichen. Die Glückseligkeit. Wenn ich Sport treibe und mich gesund ernähre, dann dient dieses Handeln dazu, mein eigentliches Ziel zu erreichen. Die Glückseligkeit.

 

Da dieses Ziel nun sehr teleologisch (zielorientiert an dem, was ich will) klingt und gar nicht nach Tugendethik (und als Tugendethik wird die aristotelische Ethik verstanden), gilt es weiter zu klären, was nun ein gelungenes Leben überhaupt ist?

 

Im weiteren Sinne unterscheidet Aristoteles hierfür zwei Verben: Handeln und herstellen.  Während das Herstellen sich auf Dinge, Gegenstände, auf ein Werk außen bezieht, geschieht das Handeln für sich selbst, oder um seiner selbst willen. Beim Herstellen kommt es tatsächlich auf das Ergebnis an. Beim Handeln dagegen nicht, sondern vielmehr geht es beim Handeln um den Prozess. Ziel des Handelns ist inklusiv, nicht dominant. Handeln hat also sein Ziel im eigenen Vollzug. Das Gute zu tun unterscheidet Aristoteles vom guten Ergebnis. Aber es ist schwer vorstellbar, dass etwas Schlechtes herauskommen kann, wenn man etwas gut macht.

 

Diese Aussage: Ziel eines Handelns kann nicht in einem erweiterten Zustand liegen (Herstellen), sondern im Handeln selbst – klingt wieder sehr deontologisch (orientiert an dem, was ich soll und nicht was ich will).

Tugend oder auch Arete (lateinisch virtus) sind bei Aristoteles erst einmal nicht mehr als Tauglichkeit, Vortrefflichkeit. Das deutsche Wort Tugend leitet sich auch ab von dem Verb „taugen“. Tauglichkeit und Tüchtigkeit sind die dazu gebildeten Nominative.

 

Auch ein Baum kann vortrefflich gewachsen sein. Dieses Argument ist bekannt als „Ergon-Argument“. Die Fähigkeit zu leuchten spricht für die Tauglichkeit einer Lampe. Die Fähigkeit Früchte zu tragen spricht für die Vortrefflichkeit eines Fruchtbaums. Und so weiter. Übersetzt auf den Menschen heißt dies im Wesentlichen, dass Tugend bei Aristoteles auf Fähigkeiten reduziert werden.

 

Die Kritikpunkte für das Ergon-Argument liegen natürlich nahe: Spezifizismus, das heißt, dass Aristoteles damit einem geistig Behinderten in Abrede stellt, Glückseligkeit zu erreichen. Weiter unterliegt Aristoteles einem naturalistischen Fehlschluss, da er von der Funktion auf das Tun schließt, als von Sein auf Sollen. Dennoch werden wir später sehen, wenn wir den aristotelischen Tugendkatalog im Einzelnen durchgehen, dass Aristoteles das viel komplexer betrachtet hat und die Kritik des Spezifizismus nicht stichhaltig ist. Der naturalistische Fehlschluss (John Edward Moore lebte von 1873 bis 1958 und entwickelte den naturalistic fallacy in seiner Ethik) ist dagegen schon problematischer. Man kann nicht von einer Beschreibung des Zustands der Welt automatisch auf ein ethisches Gebot schließen, ohne zusätzlich den beschriebenen Zustand der Welt zu bewerten. Was tüchtig und tauglich ist, also tugendhaft, liegt nicht automatisch in der Natur vor. Erst im Nachhinein können wir durch Bewertung des natürlichen Zustands sagen, dass es gut und tauglich ist. Doch hier können wir uns immer wieder irren, zum Beispiel wissen wir nicht sofort, wozu ein Gegenstand oder eine Eigenschaft taugt. Auch eine kaputte Lampe kann tauglich sein, wenn ich sie für ein Kunstwerk verwende, oder einfach als Zierde einsetze.

 

Für Aristoteles jedenfalls ist Tugendethik die Lehre vom richtigen Handeln. Dieses Handeln muss messbar sein. Die Messlatte bei Aristoteles ist hierbei die richtige Haltung, also der Charakter eines Menschen.

 

Der Philosoph Bertrand Russell schrieb in seiner Philosophie-Geschichte daher kritisch, das Buch von Aristoteles wendet sich an ehrbare Menschen mittleren Alters, und solche Leute haben es auch, besonders seit dem siebzehnten Jahrhundert, dazu verwendet, dem Überschwang und Eifer der Jugend einen Dämpfer aufzusetzen. Auf einen etwas tiefer empfindenden Menschen wird es aber wohl geradezu abstoßend wirken. Ich bin nicht ganz seiner Meinung. Vor allem lässt sich das Buch von Aristoteles noch heute sehr gut lesen (natürlich in der deutschen Übersetzung), was für ein Werk, das nun fast 2.500 Jahre alt ist, schon allein bemerkenswert ist. Aristoteles nahm darin auch viel modernes psychologisches Wissen voraus. So machte sich Aristoteles schon viele Gedanken zum Problem der „kognitiven Dissonanz“ (wenn wir etwas anderes wollen, als wir tun). Jeder Raucher kennt das Problem, wenn er verzweifelt versucht, damit aufzuhören und trotz allgemeiner Volksbildung und Durchalphabetisierung und bei voller psychischer Gesundheit mit dem Brustton der Überzeugung sagen kann: „Rauchen erzeugt Krebs, das ist ja wohl erwiesen“, und sich dann genüsslich eine anzündet. Wie schafft es der Mensch, am Abend vor dem Fernsehapparat zu sitzen, sich eine investigative Sendung über die katastrophalen Zustände in deutschen Schlachtbetrieben anzusehen, entsetzt über den Zustand der armen Viecherl, während er sich das billige Rindshack in den Mund stopft? Und wütend schimpfen wir über den Schlachthofbetreiber, der – nach eigener Aussage – gar nicht anders konnte, als polnische Hilfsarbeiter zu zehnt in fünf Quadratmeter große Baracken zu stapeln. Er sei schließlich Unternehmer! Und als wir erfahren, dass die Börsenkurse wieder fallen, machen wir uns ernsthaft Sorgen um die Wirtschaft.

 

Über diese besondere Eigenschaft des Menschen Widersprüche zu denken, machte sich Aristoteles ein ganzes Kapitel lang seine heute noch originellen Gedanken.

 

 

 

Die Seelenlehre des Aristoteles

 

Aristoteles unterteilt nun das menschliche Handeln in zwei Felder:

Das theoretische Leben zeigt sich in der Kontemplation, also der Vernunft, und ist damit eigentlich gar kein Handeln. Sehr griechisch ist diese Einstellung. In der Antike führte man noch keine oder so gut wie keine Experimente durch um die Natur zu befragen. Vielmehr war alles reine Beobachtung. Für einen antiken Philosophen wäre es nicht vernünftig gewesen, eine Blume aufzuschneiden, um sie zu analysieren, denn dann wäre die Blume ja zerstört. Was sollte man da noch erkennen können?

 

Das politische Leben ist für Aristoteles das eigentliche Ziel der Ethik. Berühmt ist seine Aussage vom Menschen als „zoon politikon“, als Mitglied einer Gemeinschaft. Und anders als Thomas Hobbes (17. Jahrhundert / siehe deskriptive Ethik) sah Aristoteles das menschliche Glück in der Gemeinschaft. Wir schließen uns – nach Aristoteles – gerne zusammen und lieben die Geselligkeit. Hobbes dagegen meinte, wir schließen uns nur zusammen, weil wir Angst davor haben, dass uns der andere erschlägt und die Gemeinschaft uns davor schützt.

 

Um Aristoteles ganz zu verstehen, benötigen wir auch sein spezielles Seelenmodell, das dem von Platon sehr ähnelt. Primär unterscheidet Aristoteles einen rationalen und einen irrationalen Teil der Seele. Nach Aristoteles gibt es drei Seelen-Vermögen.

Das denkend-vernünftige Vermögen. Das to dianoetikon, die Fähigkeit zu überlegen, zu sprechen, Einsicht zu haben. Heute würden wir das als unsere kognitiven Fähigkeiten bezeichnen.

 

Das sinnlich-begehrende Vermögen. Das to aisthetikon / to orektikon. Unser Streben, unsere Sinne, unser Begehren ist hier gemeint. Wir streben allgemein nach Lustgewinn. Wir brauchen unsere Augen um zu sehen, unsere Ohren um zu hören. Wir sehnen uns nach anderen Menschen, lieben es auch uns zu bewegen und streben danach wieder zur Ruhe.

Das organisch-vegetative Vermögen. Das to threptikon, hier ist vor allem die Ernährung gemeint. Unser Körper benötigt Vitamine, Kohlenhydrate, Treibstoff. Wir wechseln zwischen Schlaf und Wach sein, wir haben wie Tiere oder Pflanzen organisches und vegetatives (Nerven) Leben in uns. Wir reagieren auf Reize teilweise unwillkürlich oder willkürlich.

 

 

 

Die Tugendlehre des Aristoteles

 

Aus diesen Seelenvermögen ergeben sich zwei Tugendgruppen:

Die Verstandestugenden, dianoetische Tugenden. Das sind Fähigkeiten der Weisheit, Klugheit.

 

Die Charaktertugenden, ethische Tugenden, das sind Fähigkeiten in der Beherrschung der Sinne und der Triebe.

 

Damit wird schnell klar, dass es sich hier auch um eine Hierarchie der Fähigkeiten handelt. Denn ohne Klugheit wird man seine Sinne nicht optimal beherrschen können. So unterscheidet Aristoteles weiter in Lebensbereiche und in Gegenstandsbereiche.

 

Die dianoetische Tugend, das theoretische Wissen, Weisheit, Klugheit, wird weiter unterteilt in notwendiges, unveränderliches Wissen. Das Erkennen dessen, worauf kein Einfluss besteht, Dinge, die man schlicht nicht ändern kann, sondern eben nur „erkennen“ kann. Dazu zählen die Wissenschaft, episteme, allgemeines Wissen. Unsere Einsicht, nous, in Prinzipien, das sind die obersten Regeln, Maximen des Wissens, Lehrsätze. Und die Weisheit, sophia, Weisheit ist die Kenntnis der ehrwürdigsten Dinge von Wissenschaft und Einsicht, also die Kenntnis der Gestirne.

 

Ein weiterer Punkt unseres Vernunftwesens liegt darin, kontingentes (zufälliges), veränderliches Wissen, das Tätig sein, also Dinge, auf die man Einfluss nehmen kann, zu verstehen.

 

Dazu zählt Aristoteles die Kunst, techne, einerseits und das Herstellen (poiesis) andererseits. Unter techne und poiesis versteht Aristoteles vor allem das Handwerkliche, also Schreinern, bauen, aber auch musizieren, dichten. So schließt sich der Kreis, denn für einen antiken Philosophen wäre es eine ganz andere Art von Wissen, nämlich auf Zufall beruhendes Wissen, wenn man eine Blume aufschneidet, um sie zu analysieren. Es machte daher nur Sinn eine Blume aufzuschneiden, wenn man auf diese Weise etwas Neues herstellen wollte. Daher war das Experiment nicht gleich bedeutend wie die Erkenntnis durch Beobachtung dessen, was immer gleich sich verhält. Ein Experiment zerstörte ja dieses Immer Gleiche.

 

Die Klugheit, phronesis, ist für Aristoteles die sittliche Einsicht in mein Handeln. Hier spricht Aristoteles von der „zweiten Natur“ des Handelns, der Hexis, im Lateinischen der Habitus. Dies bezieht sich auf das praktische Handeln und ist das eigentliche Feld der Ethik.

 

Ethische Tugenden (Charaktereigenschaften) gibt es bei Aristoteles genau elf. Diese Tugenden zeichnen sich durch den betont interaktiven Charakter aus. Während bei Platon Weisheit, Tapferkeit und Besonnenheit ausreichen, unterscheidet Aristoteles noch weitere Tugenden voneinander. Aristoteles zeigt, dass das „rechte Handeln“ immer genau in der Mitte liegt.

 

 

 

Der aristotelische Tugendkatalog

 

Die Tapferkeit, andreia, liegt zwischen Feigheit und Tollkühnheit. Diese Tugend bezieht sich vor allem auf den Krieg bzw. den Konflikt. Aristoteles bringt das Beispiel eines unerfahrenen Feldherrn, der naiv den Feind angreift und seine Truppen gefährdet, weil er sich als tapfer erweisen will. Dagegen hält sich der erfahrene Feldherr zurück, verlagert seine Truppen und wartet auf eine günstigere Gelegenheit. Daher ist der erfahrene Feldherr durch seine Klugheit tugendhafter. Mut zeichnet sich nicht durch Übermut aus, sondern durch den vernünftigen Einsatz meiner Fähigkeiten. Daher liegt die Tapferkeit als Tugend in der Mitte. Das kann man durchaus subjektiv sehen. Jeder hat seine eigene Mitte, die er suchen und finden muss. Sie ist auch nicht immer gleich. So ist die Tapferkeit nicht nur eine Frage der Gesinnung, sondern auch eine Frage des Trainings. Mut kann man wie einen Muskel trainieren. Dazu benötige ich aber zusätzliche Fähigkeit auf dem Gebiet, wo ich meinen Mut unter Beweis stellen will. Es ist unsinnig, als Nicht-Schwimmer oder ungeübter Schwimmer mutig den Ärmel-Kanal überqueren zu wollen. Jedem sei angeraten, zuvor ein paar Übungs-Einheiten im nahegelegenen Schwimmbad einzulegen.

 

Die Besonnenheit, sophrosyne, liegt zwischen Zügellosigkeit und Stumpfheit. Diese Tugend bezieht sich auf unseren Körper, aber vor allem im Sinne unseres Verhaltens bei Festlichkeiten oder Zusammenkünften. Es gibt hierzu einen schönen Sketch von dem bayrischen Kabarettisten Gerhard Polt. Zwei ältere Herren sitzen im Bierzelt und beobachten, wie die Saalwärter einen anderen Mann aus dem Zelt werfen. Da sagt der eine ältere Mann zum anderen: „Des hob i ma glei dacht (das habe ich mir gleich gedacht), dass mit dem wos ned stimmt (dass mit dem was nicht stimmt).“

 

Der andere ältere Mann schaut ihn fragend an.
„Na, der hod ja bloß a Wasser trunken (der hat ja nur ein Wasser getrunken).“


Besagt: In einem bayrischen Bierzelt nur ein Selters zu trinken, zeugt eher von Stumpfsinn. Allerdings kann es auch mal zügellos werden in bayrischen Bierzelten. Wenn wir in eine Benefiz-Veranstaltung hinein stürmen und das Buffet leer futtern ohne Rücksicht auf den Hunger anderer, oder bei einer ausgelassenen Party in der Ecke stehen und jegliches Gespräch mit den Gästen ablehnen – hier zeigt sich, dass das Leben in einer Gesellschaft gelernt sein will. Und es ist eine Form der Klugheit, sich im jeweiligen Umfeld „mittig“ zu verhalten.

 

Die Freigebigkeit liegt zwischen Geiz und Verschwendung. Dies bezieht sich auf Geld und Haushalten (oikos). Hier dürfte jedem klar sein, was gemeint ist. Es ist besonders bezeichnend, dass in den westlichen Industrienationen die Spendenbereitschaft der ärmeren Bevölkerungs-anteile höher liegt, als bei den reicheren Bevölkerungsanteilen. Wenn ich als Empfänger von Sozialhilfe einem obdachlosen Bettler 100 Euro schenke, zeige ich mich sicher nicht geizig. Aber klug verhalte ich mich dann auch nicht. Wenn ich als Multimillionär diesem Bettler nur zwei Cent in den Hut werfe, ist das schon fast Zynismus. Die Mitte zwischen Geiz und Verschwendung hängt also stark mit den individuellen ökonomischen Verhältnissen zusammen.

 

Die Hochherzigkeit (Großmut, oder auch Altruismus) liegt zwischen Kleinlichkeit und Prahlerei. Auch diese Tugendfähigkeit bezieht sich auf unser Haushalten. Hier bezieht sich Aristoteles auf ein gutes Handeln, das nicht als Pflicht zu sehen ist. In der christlichen Ethik gibt es den schwer auszusprechenden Begriff der Supererogation, das Wort setzt sich aus dem lateinischen Wort „super“ (oberhalb) und „erogare“ (verteilen) zusammen und hier tut man mehr, als die Pflicht verlangt. Nicht wenige Menschen haben sich für andere regelrecht aufgeopfert. Das mussten sie nicht tun. Sie taten es aus einem höheren Gefühl heraus. Wer in ein brennendes Haus stürmt, um ein Kind zu retten, der bringt sich selbst in höchste Gefahr. Der Gesetzgeber verpflichtet uns nicht, das zu tun. Da sollten wir nur die Feuerwehr rufen und abwarten, bis die Profis das regeln. Die müssen es wiederum. Aber die sind ja dafür ausgebildet. Wer nicht warten kann, weil es vielleicht sonst zu spät ist und trotzdem in das brennende Haus stürmt und das Kind rettet, ist daher ein Held. Dieser Großmut kann schiefgehen. Dann ist er ein toter Held. Damit wäre niemandem geholfen. In der großartigen Serie „Fargo“ (die sich nur in Teilen an den originalen Spielfilm der Coenbrüder hält) gibt es eine Szene, in der ein Millionär viel Geld verschenkt, um anderen zu helfen. Leider ist die Welt nicht besser geworden. Schließlich verschenkt er all sein Geld und lebt selbst in Armut. Die Welt ist immer noch nicht besser geworden. Das Letzte, was er verschenken kann, ist sein Leben. Er bringt sich schließlich aus purem Altruismus um. Diese Parabel sagt uns viel über den Edelmut, wenn es schiefgeht.

 

Das Ehrbewusstsein liegt zwischen Ehrsüchtigkeit und Ehrgeizlosigkeit. Sehr schön formulierte es einmal der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer (1788-1860) in seinen „Aphorismen zur Lebensweisheit“: Die Ehre ist das äußere Gewissen und das Gewissen die innere Ehre. Die Ehre ist objektiv, die Meinung anderer von unserem Wert und, subjektiv, unsere Furcht vor dieser Meinung. ... Ruhm muss daher erst erworben werden, die Ehre hingegen braucht bloß nicht verloren zu gehen.


Manche Menschen glühen geradezu vor Ehrgeiz und sie sind süchtig nach der Anerkennung durch andere. Gerade in den westlichen Indus-trienationen wird der Ehrgeiz positiv bewertet als Karriere. Es ist ein Fundament der Moral, dass das Bild, das man sich von sich selbst macht, ununterscheidbar sei von dem Bild von sich, das uns von den anderen zurückgeworfen wird. Doch viele verwechseln dies mit Anerkennung. Anerkennung jedoch ist die Achtung der Bedürfnisse von Menschen, die einem nicht gleichgestellt sind, oder eine andere Meinung vertreten.


Es gibt andererseits auch Menschen, die keinerlei Ehrgeiz haben und denen ziemlich egal ist, was andere von ihnen halten. Das kann eine Tugend sein, ist aber oft eher mangelnde Selbstpflege. Nicht selten liegen hier auch psychische Störungen zugrunde, wie zum Beispiel Suchtverhalten oder eine Depression. Antriebslosigkeit kann dann zum persönlichen Verfall beitragen.

 

Die Seelengröße liegt zwischen Wichtigtuerei und Unbedarftheit. Die Tugendfähigkeiten von Ehrbewusstsein und Seelengröße betreffen unser Ansehen in der Welt. Vom eitlen Geck bis zum demütigen Eremiten spannt sich der Bogen hier.  Die Mitte liegt darin, sein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen, aber auch nicht weit darüber. Wer etwas zu sagen hat, sollte es – bitteschön – auch sagen, wer nichts zu sagen hat, sollte dann doch lieber schweigen. Wir wissen alle, dass in unserer modernen Mediengesellschaft meistens das Gegenteil der Fall ist. Viele Dummköpfe, die nur äußerlich glänzen, breiten sich aus und allzu viele wirklich kluge Köpfe halten sich immer bedeckter, um dem Schmerz zu entgehen, von Dummköpfen angeblafft zu werden.

 

Die Sanftmut liegt zwischen Zornmütigkeit und Zornlosigkeit. Es ist für einen Menschen, der dazu neigt aufzubrausen (cholerischer Charakter) eine besondere Tugend, wenn er es schafft, sich zu beherrschen und es ist für einen Menschen, der jedem Streit aus dem Weg geht, der phlegmatisch zu nichts eine Meinung hat eine Leistung, endlich einmal ein tosendes „NEIN“ zu brüllen. Jeder hat seine eigene Mitte. Und die Sanftmut, die Aristoteles anspricht, bedeutet nicht, dass man den ganzen Tag säuselt wie ein Blatt im Wind. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es wenig Sinn macht, Kinder anzubrüllen. Sie schreien selbst schon laut genug. Aber ich erzielte einen Wirkungstreffer, wenn meine Stimme plötzlich betont leise wurde. Emotionen werden leicht übertragen. Gefühle sind infektiös. Vielen vergeht die Lust am Streiten, wenn sie keinen Widerstand erleben. Die Geschichte lehrte uns auch, dass so manchem Herrscher die Lust am Regieren verging, wenn das Volk sich widerstandslos zeigte.

 

Die Freundlichkeit liegt zwischen Streitsüchtigkeit und Anbiederung. Anders als die Sanftmut steht bei der Freundlichkeit die Frage im Raum, ob ich immer mit Gewalt mein Recht durchsetzen muss. Es gibt Menschen, die ständig widersprechen und es gibt Menschen, die einen umschmeicheln und belecken, bis man sich glitschig wie ein Fisch fühlt. Für sich selbst muss man immer wieder entscheiden, ob man nun nachgibt und es dabei belässt, oder bis aufs Blut widerspricht. Für freundliche Kritik sind die meisten Menschen immer zu haben. Eine einfache Technik der Kommunikation ist die Sandwichtechnik. Wie bei einem Sandwich bringe ich eine Kritik zwischen zwei anerkennenden und lobenden Sätzen unter. Ein Lob – die Kritik – ein Lob. Ich finde es super, wie du dich für deine Belange einsetzt, auch wenn es mir schon zu heftig ist, aber du erstaunst mich mit deinen Argumenten. Das als kleines Beispiel. Übertreiben sollte man das allerdings auch nicht, sonst wird man durchschaut und als hinterlistig bewertet.

 

Die Wahrhaftigkeit liegt zwischen Prahlerei und Tiefstapelei. Angenommen sie laden ihre alten Freunde vom Fußballverein ein, und dann tischen sie Kaviar, Champagner auf und ein eigenes Orchester spielt extra für alle, dann die alten Kumpels, die eigentlich nur einen Kasten Bier und ein paar Tüten Chips erwarteten, etwas irritiert sein. Wenn nun aber ihr Chef mit seiner Gattin zum Abendessen kommt und sie dann zu ihm sagen: „Wieso haben sie nichts zum Essen mitgebracht?“ Nun dann fehlt ihnen die rechte Mitte. Manche Menschen geben an, was sie alles können, was sie alles haben. Andere wiederum tun so, als wären sie gar nichts. Karl und Theo Albrecht, die beiden Begründer der Discounter-Kette ALDI, traten stets auf, als wären sie kleine Kiosk-Verkäufer. Sie hatten Angst davor, entführt zu werden, auf ihren Reichtum reduziert zu werden und so weiter. Sie stapelten auf eine Weise tief, dass es fast nicht mehr als wahrhaftig anzusehen war. Es ist also ein Unterschied zwischen Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Heute würden wir dazu Authentizität sagen.

 

Die Artigkeit liegt zwischen Possenreißerei und Steifheit. Sie erinnern sich, in jeder Schulklasse gab es einen Clown und einen Streber. Der eine machte ständig Faxen und störte notorisch den Unterricht, der andere saß stocksteif da, machte alles nach Vorschrift, meldete sich brav und arbeitete Jahre später beim Finanzamt. Der Klassenclown wurde entweder Alkoholiker oder Künstler.

 

 

Die Tugenden Sanftmut, Freundlichkeit, Wahrhaftigkeit und Artigkeit betreffen unsere Tugendfähigkeit zur Kooperation, sind damit vor allem Friedenstugenden.

 

 

 

Die Tugend der Gerechtigkeit


Die elfte Tugendfähigkeit, die Gerechtigkeit, sehen wir uns genauer an. Denn sie ist die eigentliche Tugendfähigkeit in Friedenszeiten. Für das aristotelische Ideal der Polis, der Gemeinschaft, ist sie zentral von Bedeutung.

 

Gerechtigkeit im weitesten Sinn ist die Beherrschung sämtlicher Tugendfähigkeiten (1-10). Also ähnlich wie bei Platon: Wenn ich weise, tapfer und besonnen bin, bin ich auch gerecht.

 

Im engeren Sinne lässt sich die ausgleichende und austeilende Gerechtigkeit unterscheiden.


Die ausgleichende Gerechtigkeit betrifft den Verkehr zwischen einzelnen Personen. Unter den freiwilligen Verkehr zwischen Menschen fällt alles, was wir heute unter Zivilrecht verstehen würden, wie Kauf und Verkauf, Miete, Darlehen, Bürgschaft. Unter den unfreiwilligen Verkehr zwischen Menschen zählt Aristoteles all das, was wir heute im Strafrecht verhandeln, wie Mord, Körperverletzung, Diebstahl, Raub.


Durch den Verkehr einzelner entstehen stets Vor- oder Nachteile. Der Dieb hat einen Vorteil, wenn er jemandem Geld stiehlt. Wer eine Ware über Wert verkauft hat einen Vorteil, der andere den Nachteil. Wer eine Ware unter Wert kauft wiederum einen Vorteil. Und so weiter. Daher braucht es Richter, die jene entstandenen Vor- und Nachteile in irgendeiner Form ausgleichen. Dies ist die ausgleichende Gerechtigkeit. Dabei spricht Aristoteles von einer „arithmetischen Proportionalität“, indem hier die entstandene Differenz ausgeglichen wird. Der Status, idem wird also wieder als rechte Mitte hergestellt.

 

Die austeilende Gerechtigkeit betrifft die Zuteilung der öffentlichen Güter. Bekannt ist dieses Prinzip als Meritokratie (Zuteilung nach Verdienst). Denn für Aristoteles werden die öffentlichen Güter nach Verdienst verteilt. Die rechte Mitte hier ist eine „geometrische Proportionalität“ nach Quotient. Das heißt, nicht der Bedürftige, sondern der Verdienstvolle erhält Zuteilung der öffentlichen Güter. Da spielt es keine Rolle, was man schon zuvor hatte oder nicht hatte.

 

Aus diesen Tugendfähigkeiten hat Aristoteles einen praktischen Syllogismus entwickelt. Man könnte nun anhand des Tugendkatalogs sagen: Es ist geboten, die Wahrheit zu sagen. Peter sagt nun die Wahrheit. Also hat Peter gut gehandelt, nach dem zuvor proklamierten Gebot. Das ist nun eine sehr pflichtenorientierte Ethik. Hier bezieht sich also nichts auf ein Ziel hin, sondern lediglich auf ein Handeln für sich.

 

Ein teleologischer Schluss dagegen wäre es zu sagen, dass es geboten ist, mein Glück zu vermehren. Peter vermehrt nun sein Glück. Also handelte er gut. In diesem Fall entsteht eine klare und zielorientierte Handlungskette.

 

So lassen sich nun zwei Handlungstypen unterscheiden. Einmal der unerfahrene Mensch, der im Wesentlichen auf seine Klugheit bauen muss, weil er die Situation, in der er handeln muss, noch nicht kennt.

 

Beispiel: Tapferkeit ist im Krieg das höchste Ziel (Nennung der Tugend).

Jetzt anzugreifen realisiert Tapferkeit (Leistung der Klugheit, dies zu erkennen).

 

Also sollte ich jetzt angreifen.

 

Die moralische Fehlerquelle liegt hier im Mittelsatz, die sich auf die Leistung der Tugend bezieht, also auf die theoretische Fähigkeit, bzw. auf die Ausbildung der Vernunft, überhaupt zu erkennen, ob in der jetzigen Situation der Angriff wirklich tapfer wäre. Tapferkeit zu erkennen ist kein Problem. Tapferkeit ist weder feig noch tollkühn. Aber zu erkennen, ob in diesem Moment ein Angriff tollkühn wäre, ist Klugheit, bzw. ob Kneifen jetzt feige wäre, ist Klugheit und appelliert an unsere Vernunft. Erfahrung haben wir noch keine.

 

Ganz anders ist dies beim erfahrenen Menschen:

 

Ein Angriff in Situation X ist tapfer (Leistung der Tugend, durch Erfahrung zu wissen Situation X – Erfahrung – erfordert einen Angriff).

Jetzt ist eine Situation X (Leistung meiner Klugheit, Situation X zu erkennen).

 

Also muss ich jetzt angreifen.

 

Hier liegt die Fehlerquelle im Habitus, also im Obersatz. Denn habe ich meine Tugend falsch ausgebildet, handle ich auch falsch. Wenn in Wirklichkeit Situation X  gar nicht tapfer sondern tollkühn wäre. So habe ich meine Tugend nicht nach der rechten Mitte ausgebildet, sondern neige zur Tollkühnheit. Also sehe ich Situation X – die zu erkennen nicht besonders schwer ist – reagiere aber letztlich falsch, weil ich Situation X falsch einschätze.

 

Nun wird auch die Kritik von Bertrand Russell klarer. Das Buch von Aristoteles wendet sich an ehrbare Menschen mittleren Alters, und solche Leute haben es auch, besonders seit dem siebzehnten Jahrhundert, dazu verwendet, dem Überschwang und Eifer der Jugend einen Dämpfer aufzusetzen. Auf einen etwas tiefer empfindenden Menschen wird es aber wohl geradezu abstoßend wirken. Idee von Aristoteles ist es also gewesen, die Tugend als Erfahrungswissenschaft überprüfbar zu machen.

 

Die Überprüfbarkeit der zweiten Natur dagegen, ist schwierig. Denn die Klugheit als ausgebildeter Habitus kann ja von naturalistischen Fehlschlüssen geleitet sein. So wie heute der Zwang Geld zu verdienen reflexhaft zur Tugend erhoben wird, also dass man auch Geld verdienen soll. Menschen  die in westlichen Industrienationen leben und kein Geld verdienen, werden dann als nicht tugendhaft betrachtet. Darin liegt ein wesentliches Kernproblem der aristotelischen Ethik. Wir müssen also immer überprüfen, ob unsere zweite Natur, unser kulturelles Kapital, unser Habitus tatsächlich gut ist. Doch hier müssen wir regelmäßig an der Überprüfbarkeit dieser Frage scheitern. Eine Anekdote mag das veranschaulichen. Der berühmte Jazz-Trompeter Miles Davis sagte einmal über seinen Konkurrenten Ornette Coleman, dass dessen Spiel respektlos sei gegenüber denen, die ihre Instrumente beherrschen. Tatsächlich stammt Ornette Coleman aus sehr armen Verhältnissen. Er konnte keine Musikschule besuchen und brachte sich das Spielen und Notenlesen selbst bei. Doch niemand hatte ihm gesagt, dass ein Saxofon anders gespielt wird, als es notiert ist. Und so hörte sich seine Musik recht schräg an und führte dazu, dass ihm ein Musiker sogar einmal Geld anbot, nur damit er nicht spielt. Doch heute gilt Coleman als großer Erneuerer der Jazzmusik. In Colemans letzter Scheibe Sound  Grammar spielt Coleman Geige, er spielt viel Geige. Dabei so genial schlecht, dass man aufspringen und „Chapeau“ rufen will auf dass das Geigen nie enden möge. Und auch in der Literatur ist die Geige nicht selten ein disruptives Instrument zur Offenbarung lebendiger Kunst. Schon darin sehen wir, wie schwer es ist. Wir können nicht automatisch davon ausgehen, dass das, was gerade Mode oder Sitte ist, auch zugleich gut ist. Auch Folterknechte sammeln Erfahrungen und sind dann gute Folterknechte …!

 

 

ENDE

 

Der elfte Beitrag

 

 

DER ERLÖSER

 

Streifschuss vom 13. August 21

Anlass:  Es kommt, wie es kommt

Der äußere und der innere Mensch

 

 

Stellen Sie sich vor, Sie haben über 20 Jahre mit einem Menschen eine rege Korrespondenz geführt, sich mit diesem Menschen über alles Mögliche ausgetauscht. Nun sitzt er plötzlich ganz leibhaftig vor Ihnen und entspricht überhaupt nicht den Vorstellungen, die sich über ihn in Ihnen während der ganzen Zeit gebildet haben. Genau so ist es mit unserem Leben. Plötzlich ist es da, mehr oder weni-ger fest und stofflich geworden. Das eigene Leben erscheint überhaupt nicht als das, was man sich darüber vorstellte, als man einmal jung war und man mit der Zukunft nur korrespondierte. Jetzt ist die Zukunft da, von der man einst glaubte, sie beeinflussen zu können. Sie ist aber ganz anders. Gegenüber dem Ideal ist das Leben eine Enttäuschung, weil Schönheit meist durch Nähe einbüßt. Es ist nicht so bunt, nicht so makellos, nicht so mondän, nicht so schillernd, nicht so intensiv, nicht so verwirrend, nicht so außergewöhnlich wie man es sich in seiner Jugend vorstellte.

 

Jetzt, wo es ist wie es ist, dieses Leben, muss man es bis zum Ende behalten. Es geht nicht mehr weg. Alle Versuche dieses fertige Leben loszuwerden, wirken absehbar lächerlich oder sogar bösartig. Menschen, die sich neu erfinden sind am Ende hohle Nüsse. Ihnen ist alles abhandengekommen und mangels jugendlicher Spannkraft können sie das Neue nicht formen. Dafür rächen sie sich auch mal. Die Kraft der jungen Jahre, in denen wir unser Leben so formten, wie es nun ist, ist dahin. Es war eine blinde Kraft, ja die Blindheit war überhaupt Voraussetzung dieser jugendlichen Kraft das Leben zu formen. Wenn alte Menschen versuchen, sich zu regenerieren, verfällt nur ihre Form, ohne dass sich eine neue Form bilden könnte. Menschen die ihre Form verlieren zeigen das Äußere eines Monsters. Denn ihre Kraft ist nicht blind. Diese Kraft deckt auf, was jungen Menschen verborgen blieb und erzeugt so großen Horror. Jeder Versuch der Einflussnahme mündet in der Paradoxie. Ich bin nur zufällig, feixte die Notwendigkeit.


Nun ist es heute so, dass sich kein Leben mehr ganz durchformen kann. Junge Menschen scheitern nicht etwa an der Vielzahl der möglichen Entwürfe. Das war noch das Lebensgefühl der Moderne, in der neue Moden und neue Freiheiten mehr Auswahl suggerierte. Heute sind die 
angebotenen Entwürfe selbst formlos. Es besteht strukturell keine Möglichkeit mehr, den angebotenen Lebensentwurf zu formen. Entwürfe sind Illusionen geworden. Hat man erst die Verpackung entfernt, sieht doch jedes Smartphone gleich aus. Am Ende gleichen auch wir Menschen einander. Nur der Besitz von Dingen, materiellen Dingen und geistigen Dingen bildet Schichten, wie Dinge eben dazu neigen, sich zu schichten, aufzuschichten. Am äußeren Glanz der oberen Schicht zeigt sich der Mangel an Tiefe und Form: Ein geisterhaft leuchtendes Flackern, das man nicht mit den Händen greifen kann. Durch den statischen Druck der weiteren Schichten wird die Form in den unteren Schichten noch am deutlichsten. Aber dort ist sie nicht mehr sichtbar. Die Glanzlosigkeit in den unteren Schichten, deren Leben sich durch die Discounter-Dinge formte, ist kaum erstrebenswert. Wie aus Polyethylen geformte Legobausteinchen bilden die unteren Schichten die Basis für die wabernde und formlose Oberfläche.

 

Das tatsächliche Leben, so wie es ist, ist meist reinste Massenware. Diese Menschen unterscheiden sich in ihren Leben kaum noch.  Die Unterschiede tauchen nur an der formlosen Oberfläche auf, die einen Firnis bilden, der schon beim Auftragen Patina anwarb. So träumen wir der Zukunft unseres Lebens hinterher. Längst ist unser Leben wie es ist, während wir uns in die Vergangenheit träumen, in der wir noch von Zukunft träumen konnten. Der äußere Mensch erscheint daher in seiner vergangenen Form. Der innere Mensch dagegen bleibt sich entweder neurotisch vor sich selbst verborgen oder er deckt sich psychotisch auf. Denn äußerer und innerer Mensch passen nie zusammen. Treffen wir uns auf der Oberfläche, laufen wir in unserem Auftreten unserem eigentlichen Sein Jahrzehnte hinterher. Wir sind antiquierte Menschen, weil wir unser tatsächliches Sein, unser Sein wie es ist, nicht aushalten würden. Es käme zum Denkzerfall und am Ende zum Stillstand, zur völligen Antriebslosigkeit, wenn wir den inneren Menschen aufdecken würden.

 

 

 

ENDE

 

 

 

 

 

Der zwölfte Beitrag

 

 

 

MAN KANN NICHT, NICHT WÄHLEN

 

 

 

Streifschuss: vom 09. September 21

 

Anlass: postdemokratische Wahlpanik

 

 

Man kann nicht,  nicht wählen

 

Ehrlichkeit ist eine sittliche Eigenschaft, die in Vorwahlzeiten oft gesucht und selten gefunden wird. Redlich, aufrichtig, wahrhaftig, offen, gradlinig und fair sind die wenigsten Menschen und am allerwenigsten ist das die Jobbeschreibung eines Politikers.  Ich zapple nun fast sechs Dezennien auf dieser bescheuerten Erde sinnlos herum. Lange genug, sagt mein sich langsam in seine Bestandteile auflösender Organismus. Lange genug jedenfalls, um mir mal einen Augenblick der Ehrlichkeit zu gönnen. Frei nach dem Motto: Was soll’s.

 
Vor etwa einer Woche lag ein Brief in meinem Postkasten. Einer dieser Briefe mit beigefarbenen Umschlag. Finanzamt, Jobcenter, Staatsanwalt? Es war ein Brief der Wahlbehörde. Ich nahm ihn noch mit in meine Wohnung, legte ihn auf die Kommode. Die Folge längerer Bewegung ist Erschütterung. Zwischen Enddarm und Blase liegt eine Drüse in der Größe und Form einer Kastanie, die dann bei jedem Schritt mal auf den äußeren Schließmuskel und mal auf die Blase drückt …, aber darüber wollte ich jetzt gar nicht schreiben.

 

Das sind nur Ausflüchte.  Machen wir es kurz und schmerzlos. Als mir klar wurde, dass in dem beigefarbenen Umschlag ein Brief der Wahlbehörde drin ist, zerriss ich den Brief in einem panischen Anfall mitten durch, ohne ihn zu öffnen. Als wäre ätzende Säure auf der Umschlagoberfläche, warf ich die beiden Briefteile von mir in die Papiertüte mit dem Altpapier. Ja. Ich zerriss den Brief mit der Wahlbenachrichtigung, den Brief, mit dessen Hilfe man zur Wahl berechtigt ist oder Briefwahl beantragen kann. Ich zerstörte meine demokratische Stimme. Und ich bin nicht stolz darauf. Ich war schlicht panisch! Was um Himmelswillen soll ich wählen?

 
Nach den vielen Jahren der Koalition kann ich die CDU und die SPD gar nicht mehr auseinanderhalten. Ihren Wahlversprechen misstraue ich, denn immerhin haben beide Parteien über Jahre auf ihre eigenen Positionen gut verzichtet, sonst wäre realpolitisch eine solche Partnerschaft gar nicht möglich gewesen. Die Grünen kann man sich in einer Koalition mit der CDU genauso vorstellen wie in einer Koalition mit der SPD. Das Klima wollen sowieso alle schützen. Da sind sich alle wählbaren Parteien einig. Nur darüber, wie man das Klima schützt, gibt es die eine oder andere technische Diskussion. Ich habe keine Ahnung, wie man das Klima schützen soll. In diesem Jahr wurden bis jetzt fast 60 Millionen Autos produziert. Auf jede zweite Geburt kommt ein Auto. Womit sollen all diese Autos in Zukunft fahren? Klimaneutral? Keine Ahnung. Die Grünen sind realpolitisch und es wird mit ihnen auch nächstes Jahr eine IAA geben. Warum auch nicht. Die Industrie brauchen wir. Was also – um auf meine Panikattacke zurückzukommen – soll ich noch wählen? Die FDP? Schwierig, denn der politische Wille dieser Partei scheint sich mit dem Wetter zu ändern. Die AFD besteht aus Faschisten, die von Faschisten gewählt wird. Die LINKE könnte man noch wählen. Aber die erreichen grade mal über fünf Prozent. Ein bisschen Sozialismus wäre schön.


Daher zerriss ich meine Wahlbenachrichtigung. Der Rabbi Maimonides aus dem 13. Jahrhundert sagte einmal, eine falsche Entscheidung zu treffen sei besser, als die Hölle einer langen Unentschlossenheit. Und ratsch, vorbei war es mit dem politischen Einfluss des kleinen Herrn Horwatitsch, diesem älteren Herrn aus dem zweiten Stock. Ja. Ich bin überfordert! Und so schloss ich mich einfach der größten Partei an, der Partei der Nichtwähler. Sie ist die bunteste und heterogenste Partei Deutschlands. Zu ihnen gehören Antidemokraten, denen die AFD nicht weit genug geht, harmlose Spinner, die von einem Märchenkönig träumen, von der Komplexität der Welt restlos überforderte wie ich, Ignoranten, die nicht einmal mitbekommen, dass überhaupt eine Wahl ansteht, Vollidioten, die tatsächlich glauben, es sei ein politischer Protest nicht zu wählen, und schließlich Leute die behaupten sie würden wählen, es aber tatsächlich nicht tun, die sich aber schämen, zuzugeben, dass sie zur Partei der Nichtwähler zählen.

 
Nein. Ich bin nicht stolz darauf ein Nichtwähler zu sein. Meine Panik beim Anblick des Briefes war allerdings nicht gewollt. Plötzlich wurde mir klar, dass meine Stimme ebenfalls über Wohl und Wehe der Zukunft unseres Staates mitentscheidet. Ich entschied mich dagegen, mich zu entscheiden. Ich war einfach überfordert! Ich kann über Politiker schimpfen, über den Zustand der Welt jammern und über die Dummheit der Menschen endlos den Kopf schütteln. Aber ich kann doch nicht entscheiden, wie es weiter geht! Klar. Ich könnte mich herausreden, ich wolle eine andere Art der Demokratie, ich sei gegen diese Parteiendemokratie und würde daher nicht wählen.

 

Alles schön und gut. Aber wie ich schon eingangs sagte, nach fast sechs Dezennien in denen ich mich von knapp vier Kilogramm Geburtsgewicht auf fast 120 Kilogramm Lebendgewicht gesteigert habe, will ich mir nicht mehr selbst etwas vormachen. Ich kann und ich will nicht entscheiden wie es weiter geht und ich kann und will auch nicht diejenigen bestimmen, die dann für mich entscheiden. Wie sollte ich Letzteres machen? Wie soll ich hier eine richtige Wahl treffen können? Das ist absurd. Am besten man wählt halt eine der üblichen Parteien. Zumindest wenn man alle fünf Sinne beisammen hat und kein Faschist ist, wählt man auf keinen Fall die AFD. CDU, SPD, die Grünen, die LINKE, sogar (unter Vorbehalt) die FDP kann man wählen. Dann ändert sich ganz sicher nichts.


Denn dieses Paradox müssen die Politiker inzwischen den Wählern verkaufen: Alles muss sich ändern und es bleibt dabei wie es ist. Diese kognitive Dissonanz kann ich nicht mitmachen. Es tut mir weh. Ich spüre fast körperlich die Schmerzen dieser kognitiven Dissonanz. Ich will ja auch, dass alles so bleibt wie es ist und sich komplett ändert. Aber ich will nicht mehr, was ich will.

 

 

Das war der Inhalt meiner Panik, als ich die Wahlbenachrichtigung in zwei Hälften zerriss. Komprimiert. Danach herrschte eine sehr unpräzise Gefühlsmischung aus Erleichterung und Bedauern in meinem Kopf. Gott sei Dank musste ich nicht mehr wählen, aber ich hatte die falsche Entscheidung getroffen. – So wie demnächst Millionen Deutsche. Egal was sie wählen werden.

 

 

 

ENDE

 

 

 

 

 


INTERMEZZO ZUM 26. SEPTEMBER 2021

 

Streifschuss vom

26. September 21

 

Anlass: Heute

 

 

 

Es ist die 20. Bundestagswahl dieses Landes. Am 07. September 1949 tagte er zum ersten Mal. Der schlesische Tischlerjunge Paul Löbe eröffnete die Sitzung in einer Turnhalle in Bonn. Paul Löbe war noch wegen Majestätsbeleidigung und Aufheizung zum Klassenhass im Gefängnis gesessen, so alt war der Mann damals schon. Er gehörte zur alten Garde die für den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich eintraten.  Und in seiner Antrittsrede 1949 machte er es zur ersten großen Aufgabe, Deutschland wieder zu vereinen. Tja. Das wurde dann vierzig Jahre später auch geschafft. Damit wäre alles erledigt und die Nazis können wieder kommen, oder? Unter Beifall der insgesamt 410 Abgeordneten (aus CDU, SPD und FDP) fügte Löbe hinzu: „Uns bewegt nicht, wie es früher geschehen ist, der Gedanke an irgendeine Form von Vorherrschaft; wir wollen mit allen anderen gleichberechtigt in den Kreis der europäischen Nationen treten.“ Vor ein paar Jahren ermordeten sie noch sechs Millionen Juden und dann wollen sie Gleichberechtigung. In seiner Rede sprach Paul Löbe die Opfer des Widerstandes an und die verstorbenen deutschen Soldaten, aber kein Wort von den Juden. Nichts. Nada. Nur ganz allgemein sprach er von den Kriegsopfern aller Völker. Dieses Land, beide, also Deutschland und Österreich hätte man schon damals zwischen Franzosen und Russen aufteilen sollen. Holstein hätte man den Dänen schenken können. Als Wiedergutmachung den Hamburger Hafen den Engländern.

Die Tatsache, dass Angela Merkel die erste amtierende Bundeskanzlerin ist, die sich nicht mehr zur Wiederwahl stellt, spricht dafür, dass der Bundestag fertig ist.


Man sollte ihn noch heute auflösen statt ihn wiederzuwählen. 72 lange Jahre pflegte man hier einen heimlichen Nationalismus, einen Hinterhof-Heil-Fahnen-Nationalismus. Schon Adorno erkannte in einem Gruppenexperiment von 1950 (finanziert von den Alliierten und durchgeführt vom Institut für Sozialforschung), den sogenannten Heimkehrer-Studien, ein großes Demokratie-Defizit. Wie fühlten sich die neuen Demokraten und ehemaligen Soldaten der Wehrmacht, die für die 
Nazis im Krieg waren 1950? Im Gegensatz zur öffentlichen Meinung kursierte unter den Rückkehrern vom Feld eine von dieser erheblich abweichende nicht öffentliche Meinung wie eine zweite Währung. Dies führte zu der Erkenntnis: Das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie ist gefährlicher, als das Nachleben des Nationalsozialismus gegen die Demokratie. Und bedenkt man nun, dass Löbe in seiner Eröffnungsrede des ersten offiziellen deutschen Nachkriegsparlamentes den Beschluss des Ermächtigungsgesetz (1933 in der Berliner Kroll-Oper) lediglich als einen illegalen Akt bezeichnete („Das war ein illegaler Akt, durchgeführt von einer illegalen Regierung. Der Widerstand dagegen war eine patriotische Tat.“), dann kann man sich immer schön herausreden.

 

Im November 1913 erschien in der expressionistischen Monatsschrift „ die weißen Blätter“ (1913-1920) ein Aufsatz des österreichischen Schriftstellers Robert Musil mit dem Titel „Politisches Bekenntnis eines jungen Mannes“. Einige Passagen dieses Textes hören sich erstaunlich aktuell an. „Einstweilen treiben wir Politik, weil wir nichts wissen“, schreibt Musil darin, weiter schreibt er von den Parteien „sie existieren durch die Angst vor der Theorie. Gegen die Idee, fürchtet der Wähler, lässt sich stets eine andere Idee einwenden. Darum schützen sich die Parteien gegenseitig vor den paar alten Ideen, die sie ererbt haben. Sie leben nicht von dem, was sie versprechen, sondern davon, die Versprechen der andern zu vereiteln.“


Musil kritisiert die sogenannte Realpolitik. „Sie nennen diese gegenseitige Behinderung, die nur kleine praktische Ziele erreichen lässt, Realpolitik.“ Weiter stellt Musil fest: „Sie wollen gar keine Politik machen, sondern Stände vertreten und für bescheidene Wünsche das Ohr der Regierung haben.“ Interessant an dieser Passage ist, dass Musil zwischen Parteien und der Regierung unterscheidet. Denn zeitweise hat die Monarchie in Österreich-Ungarn sogar das Parlament ausgesetzt. Heute dagegen haben die Parteien nicht nur das Ohr der Regierung, sondern bereits den gesamten Körper besetzt. Parteien sind inzwischen die Regierung. Und sie haben sich nicht verändert. Was Robert Musil dort als grade mal 33-Jähriger schreibt, trifft heute noch zu oder sogar verstärkt. „Ich bin überzeugt“, schreibt Musil weiter „dass das wirtschaftliche Programm keiner einzigen von ihnen (der Parteien A. d. A.) durchführbar ist und dass man auch gar nicht daran denken soll, eines zu verbessern.“

Wenn wir heute eine Koalition aus drei Parteien (anders wird es nicht mehr möglich sein hier zu regieren) in den 20. Bundestag wählen, dann haben wir eine Konstellation, die für die nächsten vier Jahre jede Art von tiefgreifender Politik sabotieren wird. Denn – wie Musil schreibt und heute noch gilt, ist es das Ziel jeder Partei, die Ziele der anderen Partei zu verhindern. Wir haben das ja nun die letzten vier Jahre bis zum Überdruss erleben dürfen.

 

 

Bedenkt man, dass Musils Text nur ein halbes Jahr vor Kriegsausbruch veröffentlicht wurde, wirken seine folgenden Worte  besonders erschreckend: „Sie werden weggeblasen, sobald der Wind sich erhebt, wie allerhand Mist, der sich auf stillem Boden angehäuft hat. […] Noch aber ist es still und wir sitzen wie in einem Glaskäfig und trauen uns keinen Schlag zu tun, weil dabei gleich das Ganze zersplittern könnte."

 

 

 

ENDE

 

Der 14. Beitrag

 

 

DEUS SIVE NATURA

 

oder, eigentlich ist alles

nicht der Rede wert

 

 

Wir haben getan, was wir immer schon getan haben

 

Unser 21. Jahrhundert könnte man als Zeitalter der Störung, ja der Belästigung, der permanenten Emissionen bezeichnen. Wir werden zwar älter und immer älter. Aber wir brauchen diese Zeit auch, um all den Belästigungen Herr zu werden. Bis wir endlich Ruhe haben, sind wir ständig in Bewegung. Sogar im Schlaf pumpt unser Herz Blut, zucken unsere Muskeln, entwirft unser Gehirn Pläne. Dass wir am Morgen erfrischt aufwachen, ist eigentlich ein Wunder. Doch kaum sind wir wach, sind wir uns auch noch ständig darüber im Klaren, dass wir wach sind. Wir werden also nicht nur nicht in Ruhe gelassen, sondern ständig wird uns diese Störung auch als Bewusstsein vorgehalten. Und selbst unser Ruhemodus im Gehirn, den die Neurowissenschaftler als Default Mode Network bezeichnen, ist ständig am Machen. Ruhemodus ist ein Widerspruch in sich.

 

 

Vor 350 Jahren war es noch etwas ruhiger. Es gab kein Internet, kein Fernsehen, keine Autos. Wenn die Sonne unterging, war es tatsächlich dunkel. Und vielleicht liegt es daran, dass ein Mann in jener Zeit so etwas denken konnte, was ich nun im Exkurs ein wenig erläutern möchte. Aber auch schon damals war ein Mensch, der einfach nur in Ruhe gelassen werden wollte, um in aller Ruhe seinen Gedanken nachzuhängen, für die anderen Menschen offensichtlich eine Bedrohung.

 

Der Exkurs

 

Gott ist nicht. Das gerade zeichnet ihn aus. Und gerade deshalb muss man Gott aus reiner Einsicht lieben. Diesen merkwürdigen Gedanken entwickelte ein zunehmend hustender Mann im Alter von 30 bis 40, während er Glas schliff in einer Mietwohnung an der Paviljoensgracht in Den Haag. Nun kann man sich vorstellen, dass ein Mann, der Glas schleift für hochwertige Mikroskope, den Durchblick hat. Und der Mann hatte auch die Zeit, nachzudenken. Man ließ ihn in Ruhe. Nicht freiwillig. Wann wird man in diesem Leben schon freiwillig in Ruhe gelassen? Nein. Die Gemeinde hatte ihn schon vor Jahren verbannt. Ach verbannt! Verflucht! Er hatte den Vornamen Benedictus und man verspottete ihn als Maledictus, als lichtscheuen Schreiber, als scheußliches Ungeheuer, als verblendeten Tropf und vieles mehr. Man verbot, sich diesem Mann zu nähern, mit ihm zu sprechen, seine Schriften zu lesen, mit ihm Geschäfte zu machen. Man ließ ihn in Ruhe, um ihn zu bestrafen. Der Mann hat sich nie dagegen gewehrt, dem Bannspruch blieb er fern, seine Wohnung verließ er kaum und seine wenigen Schriften hat er anonym veröffentlicht oder gar nicht. Sie wurden dann zum großen Teil erst posthum herausgebracht und auch da noch lange unter Angabe falscher Namen und falscher Titel. Der Geächtete war bescheiden genug, um von seinem Geschäft des Glasschleifers überleben zu können. Kein böses Wort von ihm. In aller Ruhe dachte er nach, schliff Glas und lebte sein kurzes Leben, bis ihn die Schwindsucht  im Alter von 44 Jahren dahinraffte. Der Mann war Materialist, aber ein so reiner Materialist wie das Glas, das er schliff. So rein und glasklar war sein Materialismus, dass er schon wieder zum Mystiker wurde.

 

Vor 350 Jahren am 27. Juli 1656 wurde die Verbannung gegen den damals noch 23 Jahre jungen sephardischen Juden Bento de Espinosa ausgesprochen.  Über hundert Jahre später, 1785, bricht Friedrich Jakobi – damals noch mit Goethe befreundet – den berühmt gewordenen Spinozastreit vom Zaun. Jakobi war Empiriker, reines Glas ekelte ihn. Im Schmutz zu wühlen hielt er für die einzig vernünftige Art zu leben. Aber die Speerspitze der deutschen Unterhaltungsindustrie des 18. Jahrhunderts (Lessing, Goethe, Herder) verteidigten den von seinen eigenen Leuten verbannten und von Jakobi erneut angegriffenen.  Bedenkt man, was gerade die Deutschen 150 Jahre später den Juden angetan haben, ist solch ein Diskurs im Geburtsalter Deutschlands nicht frei von höherer Ironie. Der Bann gegen Spinoza ist bis heute nicht aufgehoben! Noch 1956 versuchte Herr Douglas den damaligen israelischen Minister-präsidenten Ben Gurion dazu zu überreden die Exkommunikation aufzuheben, und den unter dem Namen Spinoza bekannten Philosophen zu rehabilitieren. Die orthodoxen Juden reichten sofort ein Misstrauensvotum gegen Ben Gurion in der Knesset ein. Ben Gurion machte einen Rückzieher gegenüber den Kaiphas-Leuten. Im Grunde hing Spinoza einfach nur zwei Jahrzehnte lang seinen Gedanken nach. Ich glaube nicht, dass er sehr viel mehr wollte. Aber das wollte er sehr.

 

Alles fing damit an, dass ein achtjähriger Junge in einer Synagoge in Amsterdam mit ansehen musste, wie ein erwachsener Mann erst mit Geißelhieben von der lieben Gemeinde traktiert, und danach gezwungen wurde sich auszuziehen und auf den Boden der Synagoge zu legen. Dann schritt die Gemeinde über ihn hinweg. Alles eine Demonstration der Erniedrigung. Als alles vorüber war, und der so beschämte Mann wieder zu Hause saß mit seiner Pistole, die im Versuch sich zu rächen versagte, richtete der Gedemütigte die Waffe auf sich selbst. Er hieß Uriel da Costa und war ein Religionsphilosoph, der nichts weiter getan hatte, als darauf hinzuweisen, dass sich der Talmud in einigen Regeln nicht an die Bibel hält. Daraufhin sprach man über ihn den Bann. Uriel da Costa kehrte reuig zurück in die Gemeinde. Und das macht man dann mit reuigen Sündern. Religion darf man nicht kritisieren. Das liegt im Wesen von Religion. Demut erreicht man durch Demütigung.

 

Der achtjährige Junge, der das Treiben in der Synagoge beobachtete war Bento de Espinosa, der Gesegnete aus der dornenreichen Gegend, auch bekannt als Baruch oder Benedictus Spinoza. Die Eltern flüchteten vor der portugiesischen Inquisition in die republikanischen Niederlande. Dort wuchs der Junge in der liberalen Republik  des Ratspensionärs Jan de Witt auf. Diesen Mann verteidigte Spinoza stets aufrichtig gegen die Oranier. Zu denken was man möchte, also die Freiheit des Denkens war nie besonders religiös. Und das, obwohl Spinozas philosophische Schlussfolgerung lautete: Amor dei intellectualis.

 

Aber was heißt das? Und was machte Spinoza aus?  Sein Hauptwerk ist die Ethik. Doch was für eine Ethik! Eine Ethik, die von Beginn an ihr eigener Gegenstand ist. Die Causa Sui ist das einzige, was ist. Das „unbedingte Sein“. Dass etwas ist, ist ja unstrittig. Doch so sehr wir uns in Tausenden Jahren Denken bemühten, herauszufinden, was das alles überhaupt im Kern bedeutet – wir ziehen bis heute blank. Bei Spinoza ändert sich da gar nichts. Er sagt im Grunde nur, dass diese Causa Sui die einzige echte Freiheit ist, weil sie eine Freiheit ist, die durch nichts begründet und damit durch nichts gezwungen, bedingt, gefordert ist. Sie ist einfach aus ganz eigenen Stücken. Und immer, wenn wir versuchen, diese Freiheit als etwas zu fassen, entzieht sie sich. Benennen wir Causa Sui, dann ist sie nicht mehr Causa Sui, sondern nur noch ein Attribut von der Causa Sui. Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde. So steht es im 2. Buch Mose. Spinoza legt das fein geschliffene Glas zur Seite, dreht sich etwas weg, um ein wenig zu husten, nicht ohne sich vornehm die Hand vor den Mund zu halten, und sagt dann: Du sollst? Du kannst gar nicht. Denn das, was es selbst ist, ist zugleich immer auch nicht es selbst. Zugleich! Weil es eben immer schon gewesen sein muss, sonst könnte ich es nicht erfassen. Wenn ich es aber erfasse, ist es zugleich auch wieder ein Ausschluss dessen, was ist. Und was ich da erfasse, ist eigentlich nur ein Bild. Denn um es zu erfassen, muss es mir vorgestellt sein. Ich bin aber auch zugleich das, was ich erfasse. Dass ich etwas begreifen kann – und wir können ja durchaus vieles begreifen – diese Fähigkeit nennt Spinoza Intellekt. Die Einsichtsfähigkeit, das Erkenntnisvermögen. Meinen Intellekt wende ich auf eine bestimmte Art und Weise an, und so erkenne ich eine Eigenschaft von etwas, erkenne ich das Attribut, attribuiere ich. Also was ich im Grunde gemacht habe ist das Gemachte selbst, das schon längst in mir angelegt war, weil es eben immer schon gewesen ist. Sonst hätte ich es nicht machen können. Das klingt wunderbar schräg, ist aber simpel, so simpel, dass es uns in seiner brillanten Einfachheit den Kopf verdreht. Nichts in dieser schönen Welt, ob das nun unsere bunte Warenwelt ist, oder die Luft, die wir atmen, war je nie, sondern immer schon. Nur die Art und Weise wie es war – Spinoza nennt dies den Modus – liegt unendlich in unendlicher Art und Weise vor. Daher ist alles Substanz, sub stare. Das, woraus etwas besteht, ist immer schon aus sich selbst heraus.

 
Gott hat damit keine Persönlichkeit, keine Bildhaftigkeit, sondern all dies hängt ihm als Attribut an. Ziehen wir alle Attribute ab, dann ist Gott nicht. Nicht nichts, sondern nicht. Ist das nicht genau ein modernes Bild des Universums, das in erster Linie aus Leere besteht?

Und es war ja klar, dass so ein geradezu intellektueller Buddhismus den ganzen Hokuspokus, auf den die Machthaber religiöser Institutionen bauen, zu entzaubern drohte. In seiner kleinen Mietwohnung in Den Haag entzauberte ein zurückgezogener, bescheiden lebender und stiller Jude all das, was die Menschen daran hinderte, frei zu denken. Und zwar im Kern frei zu denken. Auch wenn Spinoza sinngemäß Sätze sagte wie: Würde ein Pfeil mitten im Flug sich seiner selbst bewusst werden, glaubte er, aus freien Stücken zu fliegen. Wir sind nicht frei, weil wir uns immerzu attribuieren. Indem wir uns als Attribut ausschließen, rauben wir uns auch die Freiheit, weil jedes Attribut als Zuteilung einer besonderen Art und Weise und damit Bedingungen, Notwendigkeiten unterliegt.


Der Amor dei intellectualis aber ist für Spinoza die Zusam-menführung von Affekt und Intellekt. Die Liebe ist ja ein Affekt, ein Erregungszustand, der zuvor von einer erlebten Emotion in Bewegung gebracht wurde. In Spinozas Begriffswelt können wir Intellekt und Gefühl noch nicht trennen. Es war zu seiner Zeit mehr oder weniger eine Einheit. Was aber Spinoza macht, das ist schon zu bewundern. Der Intellekt hat die Fähigkeit sich selbst als Attribut zu attribuieren. Das ist Selbstbewusstsein. Im Gegensatz zu dem Schreibtisch, vor dem ich sitze, bin ich mir meiner selbst bewusst. Da ich mich nun als etwas erkenne, das selbst nur ein Attribut dessen ist, was ich erkenne, erlebe ich einen Mangel an mir selbst. Alles, was nicht ich bin, bin ich. Spinoza sieht ja in der Negation das Wesen des Begriffs. Wenn ich Schreibtisch sage, schließe ich aus, dass der Schreibtisch ein Hund ist, ein Telefon, ein Buch und so weiter. Ich habe durch die Attribuierung „Schreibtisch“ alles andere verneint. Spinoza nennt dies Conatus. Das Wesen des Seins strebt immerzu danach, zu verharren, zu Persistenz.

 

Zu Amor dei intellectualis gelange ich, indem ich diese Verneinung wiederum verneine. Also durch Negation der Negation. Indem ich mich entzeitliche. Da ja alles, was ich erkenne, immer schon gewesen ist und ich dies als immer schon erkenne, komme ich zu der Einsicht meines Zustands. Ich bin mir selbst Substanz, also der Grund, auf dem ich stehe, bin ich selbst. Und dies ist der Pantheismus von Baruch Spinoza, dies ist sein Deus sive Natura. Gott ist in allem als Causa Sui, als Substanz aus sich selbst heraus!

Diesen Durchblick kann man wirklich nur haben, wenn man in Ruhe gelassen wird, und dann in all der Ruhe durch ein fein geschliffenes Glas blickt. Im Grunde war der Bann, der über Spinoza gelegt wurde, ein Philosophie-historischer Glücksfall. Denn der Bann, der Ausschluss aus der Gemeinde ist der zündende Gedanke. Im Zustand dieses Ausgeschlossen seins bemerkte Spinoza ganz rational, dass er weiter lebte. Aus sich selbst heraus, als sein eigener Grund.
Gott ist nicht. Und durch dieses Nicht umgibt und durchdringt er uns vollständig. Und das ewig. Und das Leere, das Nicht ist als reines Abstraktum weiblich. Wobei Spinoza die Ewigkeit nicht als Modus der Zeit begreift, da für Spinoza die Zeit eigentlich ganz seine Bedeutung verloren hat. Zeit ist für Spinoza auch nur ein Attribut. Er meint mit Ewigkeit alles, was war, ist und sein wird in all seinen Formen der Erscheinung. Das, was ich gerade mache (den Text schreiben) und das, was sie jetzt machen (den Text lesen) und das, was irgendwer sonst irgendwo sonst macht, machte und machen wird, all das ist Causa Sui: aus sich selbst heraus seine eigene Ursache.

 

Wer also diesen Gedanken Spinozas in sich aufgenommen hat, der ist dem Irdischen nun wirklich entflohen und in die ewige Singularität des Seins vollständig zurückgekehrt. Was soll ihm all das? Es ist der Gedanke der Unsterblichkeit. Alles verändert sich, aber das ist immer schon so gewesen. Sub specie aeternitatis. Wir haben getan, was wir immer schon tun. Dies zu wissen und zu erleben ist nicht mehr Modus, sondern das Erfahren der Causa sui als Causa sui. Alle Störungen sind aufgehoben, wenn ich mich als etwas erfahre, das nicht mehr attribuiert ist.

 

 

ENDE

 

 

 

 

 

DER 15. Beitrag

 

 

ASSOZIATIONEN 

 

ZUM GESCHICHTE(N)MACHEN

 

Assoziationen

zum Geschichte(n)machen

 

Geschichte gehört zu denjenigen Gegenständen der Erkenntnis, schreibt Dath in seiner Niegeschichte, die sich verändern, wenn man sie untersucht. Nun denke ich, dass mit jeder Geschichte, also auch mit erfundenen Geschichten, das Gleiche geschieht. Sie verändern sich, wenn man sie untersucht. Als Leser ist man lediglich ein Beteiligter. Je aufreibender, je intensiver die Beteiligung, je stärker die Bereitschaft zur Beteiligung und Einlassung, desto gravierender ist der Eingriff in die Geschichte durch Beteiligung an Geschichte. Das betrifft auch erfundene Geschichten und deren Rezipienten. Wer der erfundenen Geschichte eines Romans nur beiläufig folgt, findet darin dann nichts, womit er sich beschäftigen könnte und wird so auch keinen epistemologischen Einfluss auf die erzählte Geschichte nehmen. Was geht es mich an, wenn in China ein Sack Reis umfällt.

 

Sobald ein Autor seinen Rezipienten zur Teilnahme ermuntert, wird die erzählte Geschichte verhandelt. Was bedeuten diese oder jene Ereignisse tatsächlich? In welchem Zusammenhang stehen diese oder jene Figuren eigentlich? Was ist die Moral der Geschichte? Der Autor verteidigt nun sein Urheberrecht und wirkt dabei immer lächerlicher. Die Differenz zwischen faktischer und fiktionaler Wirklichkeit hat sich in den Begriffen des bürgerlichen Geschichte-machens (den Gesetzen der Geschichte) mehr und mehr aufgehoben. Die Grenzen verfließen. Nicht nur im Stoff, sondern auch der Form halber. Einerseits nimmt die Fiktion Anleihen aus der faktischen Wirklichkeit, kann gar nicht anders, um verstanden zu werden, andererseits dient die Fiktion zur Evaluation der faktischen Wirklichkeit. Die bürgerlichen Ideale (zum Beispiel Fortschritt, oder gar Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit /Hegel) lassen sich durch Fiktion überprüfen.

 

Daher ist der Roman die bevorzugte schriftliche Kunstform der Bourgeoise. Doch das Geschichtemachen der bürgerlichen Geschichtsschreibung von Condorcet bis Ian Kershaw, muss immer den Prozess des Geschichtemachens in ihr Geschichtemachen mit einbauen.  In den Reflexionsstufen explodiert die Informationsdichte und führt das ganze Projekt ins Absurde. Der Roman füllt die Lücken im historischen Haus. Ob sich die Fiktion in die Zukunft oder die Vergangenheit richtet ist nicht relevant, denn immer steht die Gegenwart Pate. Der Blick zurück ist bereits durch das Geschehene korrumpiert. Es gibt Romane, die alternative Geschichte erzählen. So erzählte der US-amerikanische SF-Autor Norman Spinrad in seinem Roman „Der stählerne Traum“, wie Hitler überlebte und zum Pulp-SF-Pionier wurde. Hitler schreibt in Spinrads Roman selbst Romane über die Kommunisten, die er als telepathische Kollektivmenschen karikiert.  Wir wissen, dass Hitler nicht überlebte.

 

Der Roman „Lord of Swastika“, den Hitler angeblich schrieb, existiert nicht. Aber auch der Hitler, den Lion Feuchtwanger in seinem ersten Teil der Wartesaal-Trilogie „Erfolg“ beschreibt, existierte nie. Der Unterschied zwischen Spinrads Hitler und Feuchtwangers Hitler liegt im Kern lediglich in der Nähe zum historischen Vorbild. Vergangene Ereignisse werden zum Füllstoff unserer Tagträume. Und unterhalb der Bewusstseinsschwelle erarbeiten wir Bilder und Texte, die, sobald sie dafür tauglich scheinen, aufscheinen in unserer Wahrnehmung. Sie ergänzen die bewusste Arbeit nicht nur, sie grundieren sie geradezu. In den Tiefen des Ozeans entstand das Leben, im Verborgenen. Wer Geschichten schreibt, taucht ab, taucht unter und mit einem Heureka wieder auf. Sowohl die Fiktion, als auch die faktische Geschichte unterliegt einer soziokulturellen Bewertung, Einschätzung. Für gegenwärtige Populationen sind Erfahrungen der Kohärenz wichtig, aber auch Erfahrungen der Differenz. Beides erzeugt eine bipolare Spannung, unter dessen Druck die praktische, emotive und kognitive Schwingungsfähigkeit des Einzelnen sich erhält. Gerade die Intensität dieser Schwingung verursacht ein Gefühl von Konstanz. Gesellschaftliche Brüche entstehen nicht bei hohen Schwingungsgraden, sondern beim Ausleiern der Schwingung.

 

Am Ideal der Antike lässt sich das erläutern. Wahrheit war im antiken Bewusstsein auch schön und das Schöne naturgemäß wahr. Dieses Ideal der Antike funktionierte, weil den meisten Menschen klar war, dass dieses Ideal in der Wirklichkeit nicht erreicht ist. Die Kunst schuf daher Formen, die diesem Ideal dienten. In der Spannung von der Differenz zwischen einer von Phidias geschaffenen Athena aus Gold und Elfenbein und der eigenen durch permanente Schwangerschaft früh gealterten Ehefrau lebte dieses Ideal erst. Ab dem sechsten nachchristlichen Jahrhundert zerfiel diese Kunst und lebte erst wieder in der Neuzeit auf.

 


In der Renaissance erlebte dieses Ideal eine bizarre Blüte, weil Pest und moralischer Zerfall ein solches Schönheitsideal brauchten.  Im Barock geriet das Wahrschöne in den Hintergrund, denn diese Ära lebte von der Spannung zwischen dem Ideal der Regelhaftigkeit und der chaotischen Wirklichkeit. Die Zeichenhaftigkeit des Himmels widersprach in seinem steten Lauf dem chaotischen Schicksal des Einzelmenschen (dem in der Renaissance erwachten Individuum).

 

Das seit der Aufklärung propagierte Bürgerideal künstlerischer Vielfalt lebt in der bipolaren Spannung zur Uniformität der einzelnen Existenzen. Die Möglichkeiten übersteigen unsere Fähigkeiten. Keiner ist mehr in der Lage, eine homogene Einheit seines Daseins zu exemplifizieren. Jede Darstellung von Welt und Geschichte zerfällt augenblicklich und widerspricht dem Kohärenz-Bedürfnis. Das heißt: Unser Bedürfnis nach Zusammenhang in der Darstellung, einer Art einheitlichen Weltanschauung steht in bipolarer Spannung zur kulturellen Vielfalt als Ideal unserer Gesellschaft.

 
Fiktion und faktische Geschichtsschreibung kooperieren beide mit dieser bipolaren Spannung, um die praktische, emotive und kognitive Schwingungsfähigkeit des Einzelnen aufrechtzuerhalten.

 

Die Transformation des soziokulturellen Ozeans unterliegt naturgemäß einer Entwicklung.  Die Differenz zwischen Geschichte-machen als Aufdecken dessen, was wirklich geschehen ist und der Fiktion als Aufdecken der Möglichkeiten und Perspektiven dessen, was geschehen ist oder geschehen könnte, erzeugt eine bipolare Spannung unseres emotiven, praktischen und kognitiven Bewusstseins. Die Differenz zwischen dem was war bzw. ist, und dem was möglich war, bzw. möglich ist, hat die gleiche Grundfunktion wie die Differenz zwischen Gottes Güte und der realen Hungersnot einer mittelalterlichen Lebenserfahrung.


Die Illusion der Möglichkeiten erfahren wir tagtäglich durch die harte Wirklichkeit. Unsere kapitalistische Traumfabrik-Gesellschaft lebt vom real existierenden Alptraum der Menschen.

 

 
Aus der Vogelperspektive betrachtet, hat jede soziokulturelle Epoche ihr Ideal, das sich negativ vom Mangel ihres Daseins ernährt. Die in der jeweiligen soziokulturellen Epoche erschaffene Kultur spiegelt die  Illusion ihres eigenen Ideals wider.

 

 

Unsere soziokulturelle Aufmerksamkeit fokussiert sich stark auf Erinnerungen. Seien es Erinnerungen an andere Epochen, seien es Erinnerungen an sich selbst. Dieses im Gedächtnis angesammelte Vermögen, sich zu erinnern, bedarf eines ausgeklügelten auf  Sequenzen und Episoden angelegten Zeitsystems. Fiktion und faktische Geschichte sind daher überproportional an unserem soziokulturellen Ideal beteiligt. Denn sowohl die Fiktion, als auch die faktische Geschichte liefern uns das methodische Rüstzeug im Sinne des Erinnerungsideals zu denken, aber auch den Füllstoff den der einzelne Taucher dann ohne es bewusst wahrzunehmen aus den Tiefen seines Kollektiv-Bewusstseins emporhebt.

 

 

Die komplizierte Fähigkeit zwischen Fiktion und faktischer Wirklichkeit zu differenzieren, fordert uns. Als der Roman im 18. Jahrhundert seine Erfolgsgeschichte begann bis er als bürgerliche Kunstform unverzichtbar wurde, sprach man noch von Lesewut bzw. einer Lesesucht und sah darin eine Bedrohung. Auf dem Büchermarkt stieg die Produktion von Belletristik und wissenschaftlicher Literatur, während die Produktion religiöser Erbauungsliteratur stark zurückging. Die gesellschaftliche Trans-formation von barocker Regelhaftigkeit zur bürgerlichen Vielfalt und Heterogenität gründet sich im Niedergang des absolutistisch geprägten Adels. Der zunehmende Verlust von Form und Etikette in den adligen Gesellschaften reduzierte das bipolare Spannungs-verhältnis zwischen Regel und Chaos im Barock. Die Welt wurde zu ordentlich, und das Ideal der Regelhaftigkeit brauchte niemand mehr. Eine geordnete Welt benötigt dagegen ein Ideal der Heterogenität und der Vielfalt.


Die Chaostheorie befasst sich nicht mit Systemen, die dem Zufall unterliegen, sondern mit dynamischen Systemen, die mathematisch beschreibbar sind und sich prinzipiell deterministisch verhalten. Die Wissenschaften ordnen weiterhin die Welt. Die Weltbeschreibung wird damit immer feinkörniger. Das Bild einer prinzipiell nicht beschreibbaren Welt, einer vielfach komplexen und sogar unzugänglichen Welt entspricht nicht der Realität. Doch dem Einzelnen erscheint die Welt zunehmend magisch. Wie können ganze Datenpakete von einem fernen Ort innerhalb von Sekunden bei uns ankommen? Schon die Funktion eines Kühlschranks oder eines Telefons fordert die meisten Menschen heraus. Wir gehen in einem Discounter einkaufen und profitieren von der geheimnisvollen Wissenschaft der Logistik. Der Mensch ist heute wesentlich durch technische Artefakte bestimmt, die ein einzelner Mensch nicht mehr versteht. Aber gesamtgesellschaftlich werden all diese technischen Artefakte sehr feinkörnig verstanden.


Fiktion bedient sich dieser Feinkörnigkeit und schöpft ihre Möglichkeiten für das Subjekt weiter ab. Die sogenannte schöne  Literatur verfolgt keine praktischen oder rein kognitiven Zwecke, ist nicht nur politisch oder sozial, sondern auch seelisch und innerlich. Was denken wir, worüber phantasieren wir, was lieben oder hassen wir, wie oder was feiern wir, wie ist unser Alltag, wie könnte er sonst noch sein.  Die schöne Literatur ist im weitesten Sinn Seelen-geschichte, ein Ensemble der handlungsleitenden Gestimmtheiten.  Während unser Leben einem steuerlosen Boot im offenen Meer gleicht, liefert uns die schöne Literatur kohärente Geschichten mit einer Handlungslogik. Innerhalb eines Romans hat alles seine Ordnung.

 

Vielleicht ist unsere Welt tatsächlich schon zu sehr geordnet und verortet? Ein bisschen Irrsinn oder Wahnsinn täte uns allen ganz gut? Unser Ideal ist das Verborgene, Unerforschte. Die real existierende Ordnung der Welt liegt dazu in Spannung. Daher wird die Ordnung immer wieder zerschlagen und was gestern noch für wahr galt, ist morgen bereits ungültig. Diese permanente Reor-ganisation ist ebenfalls Teil unserer kapitalistischen Traumfabrik-Gesellschaft. Die Welt wird immer noch feinkörniger und subatomarer geordnet auf der einen Seite und mit dem Ideal des Geheimnisvollen und Verborgenen immer weiter getrieben und in seine Einzelteile zerlegt. Das Ideal einer heterogenen und vielfältigen Welt ist die Karikatur eines längst fertig gestellten Puzzles. Daher lieben wir Geschichte und Geschichten. Mit ihnen tauchen wir in die Welt hinein, als sie noch nicht erforscht und offen da lag. Doch gerade dadurch schaffen wir auch in der Geschichte und den Geschichten wieder Ordnung. In dieser bipolaren Spannung von längst Bekanntem und Sehnsucht nach Unbekanntem findet sich der Einzelne heute wieder.

 

 

So wie dieser Text inzwischen seine Kohärenz längst aufgegeben hat, weil er dem Ideal der Sehnsucht nach Unbekanntem zum Ende erlag, stiftet der Versuch, etwas ganz Neues zu entdecken, inzwischen mehr Verwirrung als Ordnung. 

 

 

 

ENDE

 

 

 

 

Der 16. Beitrag

 

Anlass: wir wissen, was wir sehen!

 

 

Aber sehen wir auch, was wir wissen?

 

Darüber lesen Sie hier ab dem 25. Oktober 2021