Gedanken-Akrobatik 

 

 

Meditationen und Reflexionen über Zeitliches und Zeitloses,

oder schwere Kost für kluge Köpfe

Kurzvita

Bernhard Horwatitsch

 

Der Münchner Autor arbeitet als Ausbildungsdozent in den Fächern: Kommunikation, Recht und Ethik, und gibt regelmäßig Kurse in „kreativem Schreiben“ und „Lite-raturgeschichte“ an der Münchner Volkshochschule.

 

Er moderiert mehrere Literaturkreise (Garching, Unterschleißheim, Sendling). Zudem schreibt er regelmäßig für das Grazer Feuilleton-Magazin „Edition Schreibkraft“.  Ebenso veröffentlicht Horwatitsch regelmäßig Kurzgeschichten im Smartstory-Verlag.

 

Bernhard Horwatitsch schreibt schon sehr lange. Warum er das tut, hat er inzwischen vergessen. Am liebsten liest er Jorge Luis Borges, Philipp K. Dick, Franz Kafka und Raymond Carver. Denn die regen ihn zum Schreiben an.

 

 

Buchveröffentlichungen:


„Anleitung zum Scheitern“ (Erzählungen, Witta-Verlag, München) "Das Herz der Dings" (Geschichten über das Leben mit Demenz, Mabuse-Verlag,)

   
"Das Brandlochprojekt" (Essays über Autoren deren Bücher 1933 verbrannt wurden, Andreas Mascha Verlag)

 

Zahlreiche Einzel-Veröffentlichungen von Kurzgeschichten und Essays in verschiedenen Anthologien und Literaturzeitschriften (Lichtwolf, Edition Schreibkraft, Sterz, BISS, Federwelt,  c’t , Noel-Verlag, und viele andere).

Internetseite:

 

www.literaturprojekt.com

 

 

Literaturpreise:


3. Platz U-Books Literaturwettbewerb für erotische Literatur 2005
2. Platz, Kurzgeschichten Wettbewerb der Zeitschrift Kontro-vers 2008

Bündeln Sie alle Ihre geistigen Ressourcen, denn jetzt geht es los mit ....,

 

 

dem ersten Beitrag:

  

 

Die Welt wurde vom nicht nachweisbaren

fliegenden Spaghetti-Monster erschaffen!

(Urheberrechte & Copyrights © by Bernhard Horwatitsch)

 

Wenn ich in einem Gedankenexperiment mein Leben von Geburt bis zum Tod als etwas Absolutes setzen würde, also, als das einzige, was es gibt, muss ich dieses Sein widerspruchsfrei denken – denn ich kann ja nicht zugleich sein und nicht sein. Doch wie sollte ich es nennen? Man findet keinen univoken, also eindeutigen Begriff dafür. Das heißt, dass ich über mein absolutes und widerspruchsfreies Dasein keine widerspruchsfreie Aussage machen kann. Daraus leitet Thomas von Aquin, der gute alte Doktor Angelicus, seine fünf Gottesbeweise ab, die bis heute zum katholischen Katechismus gehören. Zunächst muss alles einen Urgrund haben mit dem allerersten Anfang. Heute würde man das den Big Bang nennen. Das wäre damit die erste Ursache, die zu einer ersten Wirkung führte. Dazwischen oder davor gab es weder andere Ursachen noch andere Wirkungen. Ich wurde also an einem Freitag vor 57 Jahren geboren. Davor gab es mich nicht. Und damit ich überhaupt irgendetwas tun konnte, das zu einer Wirkung führt, musste ich geboren werden. Nun: wenn man akzeptiert, dass ich geboren wurde, dann muss man auch akzeptieren, dass es eine Zeit gab, in der ich noch nicht geboren war. Aber da wir in unserem Gedankenexperiment mein Leben als absolut gesetzt haben, war dann gar nichts vor meiner Geburt. Wie kam ich dann zur Welt? Das war eben Gott und ist bei Thomas von Aquin das kosmologische Argument.


Wenn ich nun lebe, kann ich entweder groß oder klein sein, dick oder dünn. Ich kann im Laufe meines Lebens mal kluge Dinge tun oder dumme Dinge und so weiter. Das hat Thomas von Aquin schon in seiner Begriffslogik klargemacht, dass es von meinem Leben keine widerspruchsfreie Aussage geben kann. Ich kann von mir nur in Analogien sprechen, in Relationen. Wie komme ich darauf, mich größer oder kleiner, dicker oder dünner, klüger oder dümmer zu sehen? Hierzu ist ein Maßstab nötig. Eine gewisse Ordnung, die ich in meinem Leben ohnehin vorfinde in der Natur, in der ich eben lebe. Diese Grundordnung des Lebens, die für mein Leben eine Grundbedingung ist, existiert wieder unabhängig von mir. Selbst wenn es nur mich gibt von Geburt bis zum Tode und alles, also absolut alles ich bin, dann bin ich dennoch. Und dieses Sein braucht eine Ordnung und Bedingungen die unabhängig von mir sind. Sonst wäre ich nicht und das wäre ein nicht möglicher Widerspruch. Denn ich kann nicht zugleich sein und nicht sein. Das ist bei Thomas von Aquin ein streng materialistisches Argument. Richard Dawkins und andere Pseudodenker seiner Kategorie erkennen zwar das Problem und sie können daher Gott nicht zu 100 Prozent ausschließen. Aber darum geht es gar nicht. Denn in dem Gottesbeweis von Thomas von Aquin wird lediglich fixiert, dass es zwangsläufig etwas geben muss, das über das Seiende hinausgeht, weil das Seiende sonst gar nicht möglich wäre. Und dieses Sein kann nicht zugleich sein und nicht sein, es braucht zugleich irgendeine Ordnung und Bedingung um zu sein. Wir können dieses Sein nicht widerspruchsfrei ausdrücken und das ist das, was wir nicht erklären können und wohl nie erklären werden können und mit Gott etikettieren.

 

Woran ich jetzt glaube (wissen kann man es ja nicht, ich muss es also glauben) ist das andere. Und hier kann man sich sehr wohl streiten. Aber dieser Streit ist unsinnig, da ja niemals jemand Recht bekommen könnte. Es ist in gewisser Art ein Fußballspiel, das ewig dauert und nie einen Sieger ermitteln wird. Ob Moslem oder Christ, ob Hindu oder Buddhist. Darüber wissen wir nichts. Daher ist die Freiheit des Glaubens ein so hohes Gut und die größte Errungenschaft der Aufklärung. Es geht nicht darum Gott abzuschaffen (denn das geht nicht). Es geht auch nicht darum, ihn zu leugnen (auch das geht nicht, denn man kann nur etwas abstreiten, was in irgendeiner Form mit Fakten untermauert oder widerlegt werden kann – von Gott gibt es eo ipso keine Fakten). Nun könnten wir natürlich den allseits beliebten Schwebezustand des Agnostikers einnehmen. Der Skeptiker hat jedoch einen großen Nachteil und das führt ihn erheblich in die Enge. Denn unbestritten ist, dass wir in der Natur, in der wir leben, eine Ordnung vorfinden. Nun können wir durchaus daran zweifeln, dass unsere Theorien über diese Ordnung, der epistemische Status der Physik die Natur nicht vollständig beschreibt. Das wird sie auch nie können. Aber sollten wir deshalb aufhören, sie zu beschreiben? Hier landet der Skeptiker im absurden Abseits. Selbstverständlich verfügen wir über Erkenntnisse und können diese auch anwenden. Sogar falsche Theorien können funktionieren. Mit Hilfe des Atommodells von Niels Bohr (wird gerne als Tröpfchentheorie bezeichnet) baute man die Atomwaffe. Die Theorie war grundfalsch und gilt heute als weitestgehend widerlegt. Der Zweifel an Gott ist dem Abstreiten von Gott sehr ähnlich. Ich kann nichts bezweifeln, was keine Fakten liefert. Wer also nicht glaubt, der scheint zu wissen. Aber bisher wurde noch jede Vorstellung, jede Theorie die absolut gilt, widerlegt. Widerlegt: weil unser Leben nie ganz widerspruchsfrei und damit absolut ist.


Das führt aber nicht in den Zweifel, sondern ganz im Gegenteil zum Glauben. Nicht mit dem Herzen, nicht dass man jetzt wie ein Adventist in Zungen zu reden beginnt und wie ein Irrer die Arme hoch und niederschwingt vor seliger Inbrunst. Nein. Nur rein logisch. Kalt und rational betrachtet können wir vom Absoluten nichts wissen und werden das nie. Das mag man bedauern, aber so ist das nun mal. Was wir nicht wissen, könnten wir natürlich ignorieren. Aber das ist  - wie jede Form der Ignoranz – nur Dummheit. Denn dann geben wir überhaupt auf, uns über die Ordnung und Bedingung unseres Seins Gedanken zu machen. Geben wir dem, was wir nicht wissen einen Raum, dann muss dieser aber frei sein. Freier als alles sonst. Und das ist doch super!! Wir dürfen glauben, was wir wollen und worauf wir so kommen. Und wenn jemand ein fliegendes Spaghetti-Monster verehrt, ist das erlaubt. Dass alles was wir zu wissen glauben, ganz anders sein kann, das hat die Geschichte der Wissenschaft schon mehrmals gezeigt. Aber damit wird nicht alles Unsinn. Es gibt einen Fortschritt in der Erkenntnis der Ordnung und Bedingung des Seins. Unsere Erkenntnis wird nur nie widerspruchsfrei sein, immer nur äquivok vorliegen. Aber ich finde, das können wir aushalten, ja es ist geradezu der Spaß am Leben.

 

 

ENDE

 

 

Der zweite Beitrag:

 

 

 

Hey Bruder, willst du was?

 

 

 

Der eine glaubt, dass das Gehirn die Seele macht (zum Beispiel der Hirnforscher Gerhard Roth) und spricht uns unsere Willensfreiheit grundsätzlich ab. Der andere glaubt wir könnten unser Verhalten selbst konditionieren (zum Beispiel der Motivationscoach Dr. Jens Uwe Martens in einem SZ-Interview) und gibt uns damit wieder die volle Kontrolle zurück. Was stimmt nun? Haben wir einen freien Willen oder nicht? Als guter Philosoph betrachtet man die Begriffe. Der Wille wird meist als Willensakt beschrieben. Das ist eine Handlung mit der ich meine Vorstellung in die Realität umsetze. Für diese Handlung benötigt man eine Form der Energie die dann als Willenskraft bezeichnet wird. Laut dem Motivationstrainer kann man diese Kraft genauso trainieren wie einen Muskel, denn diese Kraft ist das Ergebnis vieler synaptischer Nervenverbindungen in dem Bereich des Gehirns wo dieser Wille angeblich sitzt.

 

Es ist natürlich komplizierter. Damit ich eine Handlung so umsetze, wie ich sie mir zuvor überlegt habe benötige ich alle anderen kognitiven Fähigkeiten. Zunächst brauche ich eine funktionierende Wahrnehmung. Will ich mir einen Kaffee kochen, dann tut sich ein Blinder deutlich schwerer. Oder wenn man eine schwere Ataxie (Störung der Muskelkoordination) hat verschüttet man immerzu das Kaffeepulver. Oder die Sensibilität der Haut ist gestört, dann kann ich mir durch heißes Wasser schwere Verbrennungen zuziehen. Dann muss ich wach sein, mich konzentrieren können, sonst bin ich ständig abgelenkt und komme nie zum Kaffee kochen. Wenn ich schlafe kann ich keinen Kaffee trinken und wenn ich Kaffee trinke kann ich nicht schlafen. Im Gehirn haben wir ein Netzwerk aus Nervenzellen das vom verlängerten Rückenmark bis zum Thalamus reicht. Vom Thalamus aus gehen dann Verbindungen in alle Bereiche des Großhirns. Das ergibt zusammen eine Art Schaltplan. Eine rhythmische Erregung unserer Pyramidenzellen erzeugt Aufmerksamkeit, Wachheit. Von 6 Hz bis 40 Hz sind wir wach, darunter schlafen wir. Bei 0 Hz sind wir wohl tot. Das kann man mit einem EEG gut messen. Dann hat der Thalamus eine Filterfunktion. Thalamus kommt aus dem altgriechischen thalamos, das heißt Schlafgemach. Er filtert und verteilt unsere Wahrnehmung. Einzig der Riechnerv ist nicht über den Thalamus verschaltet und geht unmittelbar in das Großhirn (Neocortex). Daher ist die Anosmie (schwere Riechstörung) ein erhebliches medizinisches Problem.

 

Damit ich mich auf eine Sache konzentrieren kann, muss der Thalamus funktionieren als Schaltstelle meiner Wahrnehmungen. Ein winziges Blutgerinnsel kann hier schon für erhebliche Unruhe sorgen. Gefühlsstörungen und heftige zentrale Schmerzen, motorische Störungen mit einer starren Gesichtsmuskulatur, Zwangsbewegungen der Hände und der Finger und psychische Störungen mit Minderung der Aufmerksamkeit, Reizbarkeit, Ungeduld und Schreckhaftigkeit können darauf hinweisen. Bei fortschreitender Demenz sinken Wachheit und Aufmerksamkeit. Die Wahrnehmungssignale werden einfach nicht mehr weiter geleitet. Das bedeutet zum Beispiel, dass ein derart geschädigtes Gehirn die 40 Hz nicht mehr erreichen kann und der Hirnträger zunehmend schläfrig wird. Veränderungen des Stoffwechsels im Gehirn sorgen für Ungemach. So kann es zu einer verstärkten Produktion von Dopamin kommen durch psychische Traumatisierung. Dann ist man reizbarer und die Wachheit steigt. Man ist überwach (hypervigilant) wie beim PTBS, reizbarer und ängstlicher. Man kann seine Emotionen nicht mehr gut kontrollieren. 

 

Zurück zum Willensakt des Kaffeekochens: Das ist ein Problem (etwas vorgelegtes) das man lösen muss mithilfe koordinierter Handlungs-abläufe, die höhere kognitive Funktionen benötigen. So muss ich schlicht wissen, wo der Kaffee steht. Ich muss wissen wie man den Wasserkocher anschaltet. Ich muss wissen, dass man das Kaffeepulver in den Filter gibt. Kaffee kochen ist daher nicht selten ein wichtiges Einstellungskriterium. Man muss also fähig sein Probleme zu lösen. Das ist eine Aufgabe für die graue Substanz, den Neocortex. Schließlich muss ich über sprachliches Wissen verfügen. Ich muss überhaupt verstehen, was Kaffee bedeutet. Das ist nun schon eine hoch kulturelle Sache. Vor der Entdeckung Amerikas war Kaffee kochen schlicht unmöglich, das Problem existierte nicht mal.  Zuletzt muss man sich noch erinnern können. Sonst müsste man das Kaffee kochen tagtäglich neu lernen. Bei einer anterograden Amnesie (Schädigung des Hippocampus) kann man sich nichts Neues mehr merken. Hier grüßt wirklich täglich das Murmeltier. Der Hippocampus ist unser Arbeitsspeicher für das Gedächtnis. Das sind zwei je zehn Zentimeter große Seepferdchen am Rand des Schläfenlappens. Der wird nachts im Schlaf geleert und die Informationen werden langfristig im Großhirn gespeichert. Das heißt, dass man im Schlaf lernt. Denn erst wenn das retikuläre Aktivierungssystem unter 3 Hz fällt, entsteht Tiefschlaf, die Gehirntemperatur ändert sich und die Filterung wird erhöht. Das Gehirn hat etwas mehr Ruhe von äußeren Einflüssen und konzentriert sich jetzt auf sich selbst. 

 

Im Gehirn geschehen viele wundersame Dinge. Und es ist verständlich, dass Menschen wie Gerhard Roth jetzt glauben, dass wir von diesen Wunderdingen im Gehirn gesteuert werden, quasi selbst nur das Ergebnis dieses Wunders sind. Und je mehr man sich mit dem Gehirn beschäftigt, desto wundersamer wird es.

 

Jetzt aber das Rätsel: Wenn ich über das Gehirn spreche, spricht das Gehirn gerade über sich selbst? Der größte und auch empfindlichste Teil der oben beschriebenen Netzstruktur ist der Locus coeruleus, der himmelblaue Ort. Er ist schwarz pigmentiert und schimmert an der Hirnoberfläche bläulich durch. Eine Zeitlang galt er als Sitz unseres Ichs. Er ist deutlich der größte Knotenpunkt dieses Netzwerkes und wird über Noradrenalin moduliert. Noradrenalin sorgt für eine Modulation der Nervenzellen sobald etwas Neues auf das Gehirn zukommt. Es ist wirklich der Ort des Lernens. Das funktioniert natürlich nur wenn kein Stress da ist und ausreichend (aber nicht zu viel) Aufmerksamkeit. Ansonsten sind diese Zellen weniger aktiv. Wenn ich über das Gehirn spreche, spreche ich nicht über Beethoven. Habe ich eine Vigilanzstörung, kann das durcheinander geraten. Also wenn mir der Staat eine Sozialversicherungsnummer gibt, ich mich durch einen Fingerabdruck im PA zu erkennen geben muss, dann lernt mein Gehirn, dass Sozialversicherungsnummer und Fingerabdruck Teil der komplizierten Einheit Horwatitsch ist. Mein Gehirn hat gelernt, dass mein Vorname Bernhard ist. Und so weiter. Warum fällt das nicht auseinander? Warum finden Sie in ihrem Computer Dateien, wenn Sie danach suchen? Wenn ich über das Gehirn spreche, will ich das. 

 

So ist der Bogen zum Willensakt gespannt. Die Fähigkeit des Gehirn, sich auf etwas zu beziehen (Intentionalität genannt) findet in der oben beschriebenen Netzstruktur statt. Das Gehirn wiederum unterliegt einer natürlichen Ordnung. Wir nennen das eben Evolution. Ob nun unser epistemischer Status der Neuro-wissenschaft vollständig das Gehirn beschreibt, kann man bezwei-feln. Schon sind wir im philosophischen Tiefenraum angelangt.

 

In der Rechtswissenschaft ist der Wille vor allem als freier Wille wichtig. Dazu braucht es Bedingungen. Zwang von außen schränkt die Willensfreiheit ein. Krankheiten schränken die Willensfreiheit ein. Daher überprüft der Richter auch die Willensfähigkeit des Delinquenten, denn ein schwer psychisch gestörter Mensch hat nicht genügend Selbst-kontrolle um für seine Tat verantwortlich zu sein.  Wenn ich Kaffee kochen will, ist das meine Entscheidung. Wenn der Chef will, dass ich Kaffee koche ist es meine Entscheidung dem Willen des Chefs zu entsprechen. Das nennt man dann die Urheberschaftsbedingung. Ich habe Absichten, Gründe, Wünsche und Überzeugungen. Das ist alles angelernter Scheiß (um es postmodern auszudrücken) in meinem Gehirn. Schließlich gibt es Menschen die wollen keinen Kaffee, die trinken lieber Tee (um Tee zu trinken, müsste ich jedoch krank sein). 

 

Jeder hat da dann seine Gründe dafür. Die schönste Zeit zuhause war eben die Kaffeezeit. Nichts geht über eine Tasse Kaffee und eine Zigarette.  Als Baby habe ich weder Kaffee getrunken, noch Zigaretten geraucht. Ich wusste nicht, dass es so schöne Dinge gibt. Dann habe ich gesehen, jeden Tag wie mein Vater trinkt und raucht. Das hat mein Babygehirn moduliert. Dann musste ich lange warten, bis ich alt genug bin um das auch tun zu dürfen. Das war aber nicht freiwillig, sondern gesetzlicher Zwang. Wenn Sie ihr Kind im Vorschulalter eine Zigarette rauchen lassen, machen Sie sich strafbar. Aber rein handlungsanalytisch ist ein Kind im Vorschulalter in der Lage zu rauchen und Schnaps zu trinken.


Der Streit über die Willensfreiheit ist – wieder postmodern gesprochen, eine Art Schwanzvergleich. Denn man muss schon klären, wie es zu einem solchen Streit kommen kann, wenn wir keinen freien Willen haben. Ist das Gottes Plan? Und rums, sind wir mitten in der Metaphysik. Die Neurowissenschaftler wie Gerhard Roth haben sich in scholastisches Fahrwasser begeben. Haben wir jetzt einen freien Willen oder nicht? Entscheiden Sie selbst.

 

 

ENDE 

 

 

 

Der dritte Beitrag:

 

 

 

URTEILE NICHT

Was man so alles bedenken sollte, wenn man denkt, damit man sich nicht alles nur aus-gedacht hat was man dachte.

 

Bei Kant – der Ursache vieler Kopfgeschwüre – ist ein analytisches Urteil a priori zum Beispiel der Satz: Der Schimmel ist weiß. Da die Qualität „weiß“ eben schon im Wort „Schimmel“ enthalten ist. Dem Schimmel wird so nichts hinzugefügt und es ist pure Anschauung – also a priori – da ich – so meine Augen funktionieren – dieses weiß unmittelbar sehe.

 

 

Ein synthetisches Urteil ist dagegen was anderes. Der Schimmel ist drei Jahre alt. Dies setzt eine Bekanntschaft mit einem bestimmten Schimmel voraus und damit ist es nicht mehr a priori, sondern a posteriori, also im Nachhinein (nach der besonderen Bekanntschaft mit dem Schimmel) als zusätzliches Prädikat erkannt worden. Kant ist der Meinung, dass nur solche Urteile den Namen Wissenschaft verdienen. Was ist nun ein synthetisches Urteil a priori?

 

Also eine unmittelbare Erkenntnis von einem zusätzlichen Prädikat? Die Rechenoperation 5+7= 12. Sowohl die 5, als auch die 7 sind analytisch in der Anschauung der Zeit. Also ich sehe unmittelbar 5 Äpfel in der Schale liegen. Das ist bei klarem Verstand nicht zu bezweifeln und aus der unmittelbaren Anschauung gewonnen. Ebenso bei 7 Äpfeln. Aber wenn ich nun 5 Äpfel aus der Schale nehme und sie in die Schale mit den 7 Äpfeln lege, werden daraus 12 Äpfel. Diese 12 Äpfel sehe ich nun und damit ist das ein analytisches Urteil. Aber da ich zuvor eine Operation durchführte und die 5 zur 7 hinzuaddierte, wird die 12 eben synthetisch und das aufgrund meiner Anschauung. Damit habe ich Wissen geschafft. Das ist das Experiment mit dessen Hilfe ich reine Anschauung hervorgerufen habe, durch Synthese. Zucker ist süß. Kaffee ist bitter. Das sind analytische Erkenntnisse a priori. Wenn ich nun den Zucker mit dem Kaffee verrühre, wird der Kaffee süß und das ist eine analytische Erkenntnis a priori. Aber da ich Zucker und Kaffee durch eine Operation zusammenfügte, ist es ein synthetisches Urteil a priori. Die gewonnene Erkenntnis ist nun qua Vernunft die, dass der Zucker den Kaffee süß macht. Kant stellt die Bedingung auf, dass die Metaphysik (Wissen über die letzten Gründe des Seins) nur dann zu sicheren neuen Erkenntnissen gelangen könne, wenn sich auch hier synthetische Urteile a priori fänden. Erst dann haben sie den Status einer Wissenschaft.

 

Wenn ich eine Gotteserscheinung habe, dann liegt entweder ein analytisches Urteil a priori vor oder ich habe eine Augenkrankheit. Mit welchem Experiment könnte man eine Gotteserscheinung hervorrufen? Ganz einfach. LSD verändert die Sinneswahrnehmung. Gott kann man nur mit veränderten (verbesserten?) Sinnen sehen. Nimmt man LSD sieht man Gott. Das Problem ist nicht die Synthese. Das Problem ist die Analyse. Kants transzendentale Dialektik zeigt auf, dass die Gottes-erscheinung selbst nur Schein ist und kein Sein. Und zwar aus der Logik heraus. Jemand mag eine Erscheinung haben und spricht dieser dann den Begriff Gott zu. Kant beweist, dass hier bereits die Existenz Gottes vorausgesetzt wird. Schließlich könnte diese Erscheinung unter Einfluss von LSD alles Mögliche sein. Wer sagt denn, dass es Gott ist. Es könnte auch der Teufel sein, oder ein Außerirdischer, oder eine Luftzirkulation? Kaffee existiert physikalisch und Zucker auch. Die neue Qualität des Kaffees durch Hinzufügen von Zucker ist a priori physikalisch. Die neue Qualität meiner Sinneswahrnehmung durch LSD ist ebenfalls physikalisch. Aber nicht die Interpretation der Qualität. 

 

Gesüßter Kaffee schmeckt mir nicht. Dies ist kein analytisches Urteil, sondern ein ästhetisches Urteil. Ästhetische Urteile beurteilen den Wert und nicht die Qualität und sind damit ein Vorurteil das ich im Bezug meines Selbst auf ein Ganzes stelle. Die Qualität wird durch den relationalen (eine Beziehung darstellenden) Bezug auf mich zu einem Wert. Denn anderen schmeckt gesüßter Kaffee. Wer also apodiktisch behaupten wolle gesüßter Kaffee schmeckt nicht, der verwechselt Anschauung mit Meinung. Im Falle eines Gottesurteils liegt noch nicht einmal ein ästhetisches Urteil geschweige denn ein analytisches Urteil vor. Gott kann man weder anschauen, noch eine Meinung davon haben. 

 

Denn reine Begriffe sind nicht empirisch. Gott ist ein reiner Verstandesbegriff, der nicht mehr abgeleitet werden kann von einem übergeordneten Begriff. Wenn Gott erscheint, kann es dafür keine physikalische Grundlage geben. Das gilt aber auch für den Begriff Natur. Denn auch dies ist ein reiner Begriff der nicht mehr aus einem übergeordneten Begriff abgeleitet werden kann.  Wenn ich also etwas als natürlich bezeichne, liegt keine Erkenntnis vor, denn Natur ist weder anschaulich noch analytisch. Wenn wir also die Natur retten wollen, dann wollen wir etwas retten von deren physikalischen Existenz keinerlei Erkenntnis vorliegt. Was wir retten wollen ist der Planet Erde, seine Wälder, Meere und Tiere Wir wollen die klimatischen Bedingungen der Erde erhalten. Klimaleugner negieren nicht die Existenz von Klima auf dem Planeten, sondern die Existenz von Natur und ziehen aus dieser eigentlich korrekten Annahme den logisch falschen Schluss, dass Kohlendioxid keinen Einfluss haben könne auf die Natur. Das Problem liegt im Mittelbegriff. Es ist der gleiche Fehlschluss wie bei einem Gottesbeweis.

 

Aus der korrekten Annahme, dass LSD die Sinneswahrnehmung verändert, wird der falsche Schluss gezogen, es handele sich bei der LSD-Erscheinung um Gott. Es sind ästhetische Urteile, die der Erscheinung einen Wert beimessen in Relation zu meinem Selbst als Ganzes. Für den einen handelt es sich bei der LSD-Erscheinung um Gott, bei dem anderen nicht. Was für den einen Natur ist, ist es für den anderen ganz und gar nicht. Denn Natur ist ein werthaltiger und damit ästhetischer und normativer Begriff. Es ist ein rein ästhetisches Werturteil und keine wissenschaftliche Erkenntnis. Dass viele Menschen Qualität und Wert verwechseln ist das eine, dass sie aber reinen Verstandesbegriffen sowohl Qualität als auch Wert zufügen, ist nichts weiter als Idiotie.


Womit bewiesen wäre, dass die meisten Politiker Idioten sind. Und jetzt beweisen Sie bitte, ob das ein analytisches oder ein ästhetisches Urteil ist. Vielen Dank für Ihre Mitarbeit.

 

 

 

ENDE

 

 

 

 

 

Der vierte Beitrag

 

 

"OH BRUDER, DA HINAUFZUGEHEN – WAS BRINGT ES?"

 

 

Samuel Becketts Text Le Depèupleur, von Elmar Tophoven kongenial mit „Der Verwaiser“ übersetzt, erschien vor einem guten halben Jahrhundert. So kann heute niemand mehr behaupten, er hätte von der Apokalypse nichts mitbekommen.Etwa 200 nackte, gedankenlose Menschen befin-den sich in einem mit Hart-gummi ausgekleideten Zylinder von 50 Meter Umfang und 16 Meter Höhe. Bezogen auf die Bodenfläche hat damit jeder einzelne Mensch gerade mal einen Quadratmeter Platz zur Verfügung. Schon in dieser klaustrophobischen Anordnung von Becketts Parabel können wir eine Analogie zur chronisch überbevölkerten spätkapitalisti-schen Industriegesellschaft er-kennen. Das hat schon Max Horkheimer aufgegriffen, indem er in dem Text eine Kritik an der verwalteten Welt vermutete, an einer unter dem Diktat des "kalkulatorischen Denkens" stehenden Gesellschaft, die den emanzipatorischen Anspruch der Vernunft aufgegeben habe.

 

Insgesamt stehen den 200 Menschen gerade mal 15 Leitern zur Verfügung, um von dort aus in Nischen gelangen zu können, die an den Wänden angeordnet sind. Die mit einer liberalen Moral juridifizierte Gesellschaft erlaubt es immer nur einem einzigen Menschen auf einer Leiter zu klettern. Unten stehen die anderen dann an den weiteren Leitern Schlange und warten, bis sie dran kommen. Im Großen und Ganzen ist jeder mit sich selbst beschäftigt und denkt daher nicht daran, anderen etwas anzutun. Das ist ja auch das Schöne an unserer Individualgesellschaft. Jeder kümmert sich um seinen eigenen Scheiß und gut ist es. In Becketts Zylinder bricht dennoch manchmal Gewalt aus. Wenn man die Menschen, die in einer Schlange vor der Leiter stehen zu sehr unter die Lupe nimmt, dann bekommt man es mit allen in der Schlange stehenden Menschen zu tun. Wie ein Körper gehen sie dann auf den Unruhestifter los. Ansonsten werden die Menschen von Licht- und Temperaturschwankungen physisch angetrieben. Zusätzlich hält sie ein Gerücht auf Trab, dass es in irgendeiner der Nischen ein „Zufluchtsstätte zur Natur“ gäbe, oder in der Mitte der Decke eine Klapptür „an dessen Ende angeblich immer noch die Sonne und die anderen Sterne glänzten“. Doch das sind nur Gerüchte. Und so haben einige bereits aufgegeben. Sie suchen nicht mehr. Es ist aber trotzdem nie Platz genug in dem Zylinder, um sich hinzulegen.

 

Es gibt auch in unserer spätkapitalistischen Industriegesellschaft keine metaphysische Rückversicherung mehr. Das machte uns alle zu gedanken- und seelenlosen Krüppeln, deren individuelles Streben nichts weiter ist, als eine Beschäftigungstherapie bis zu unserem bedin-gungslosen Tod. Und wer hier aufgibt, kann sich trotzdem nie vollständig ausruhen. Er wird von den anderen rücksichtslos getreten, wie in Becketts Zylinder auch. Natürlich gleicht die Atmosphäre in Becketts Zylinder einem drittklassigen Asyl für Geisteskranke. Was hat so ein karger Zylinder mit uns zu tun? Wir haben Gott sei Dank schnelle, elegante Autos, Smartphone, Streaming-Fernsehen, eine Konsum- und Kulturindustrie, die uns von unserer eigenen Drittklassigkeit herrlich ablenkt. Natürlich können wir nicht wieder einfach zu tun, als gäbe es einen metaphysischen Ausweg. Der Zug ist endgültig abgefahren. Man kann über die Presbyterianer und Episkopalen dieser Welt lediglich noch schmunzeln oder resigniert mit den Achseln zucken. In einer Szene schildert Beckett die größten Kletterer, die mit den Fingerspitzen die Decke berühren können. Würde man eine ganz ausgezogene Leiter mit vereinten Kräften in die Mitte stellen, könnten die Kletterer nacheinander den Ausgang erreichen, diese Klapptür zu Sonne und Sterne.

 

„Ein Augenblick der Brüderlichkeit“, beschreibt es Beckett. „Aber diese ist ihnen außer bei Gewaltsamkeitsausbrüchen ebenso fremd wie den Schmetterlingen.“ Nicht, weil es ihnen an Mut oder Einsicht mangeln würde. Es liegt – so der Erzähler – an dem „Ideal, das einen jeden verzehrt.“ Wenn man die ersten Jahre unserer digitalisierten Gesellschaft unter einen psychologischen Hut bringen wollte, könnte man sie als die „narzisstischen Jahre“ bezeichnen. Ein Narzisst ist selten solidarisch. Die aktuellen Jahre unserer inzwischen smarten Digitalisierung wären unter dieser Note autistisch. Auch Autisten sind schwerlich solidarisch. Solidarisch waren tatsächlich nur die Nazis. Aber können wir das alles so düster stehen lassen? So hoffnungslos? Ist dieses Fegefeuer auf Erden so verzehrend, dass wir wie Belacqua zu träge geworden sind, das Paradies erreichen zu wollen? Da sitzt der alte Instrumentenbauer aus Florenz an seinem Felsen gelehnt und weiß, dass er sich im Leben nicht genug um Läuterung bemühte, dass er je hoffen könnte, das Paradies zu erreichen. Beckett liebte diese Figur aus dem vierten Gesang des Purgatorium Dantes. Es war Morgen, und Belacqua hatte sich im ersten Mondcanto so festgelesen, dass er weder vor noch zurück konnte (Dante and the lobster, 1932). Wie herrlich ironisch. Das Mondcanto beginnt mit dem zweiten Gesang des Paradiso. Das weite unendliche Meer wird hier geschildert (der Geist) und ein kleines Schiff (der Stoff). Mit einem so kleinen Schiff wie es der Mensch ist, dieses unendliche Meer befahren zu wollen! Der Mut, den es braucht, um in die Unendlichkeit zu starten, ist der Mut, den es braucht zu sterben. Der Mond ist das Zeichen des Krebses. Allnatur, Mutter und Quelle. Kein menschlicher Kopf kann alles erfassen und wird immer nur in seinem kleinen privaten Ideal festhängen, in einem Zylinder fester Größe, rational kalkulierend mit einer sich im Unendlichen verlierenden winzigen Spur Metaphysik. Um Gnade muss man bitten. Gnade! Schreien!

 

 

 

ENDE

 

 

Lesen Sie den fünften Beitrag ab Donnerstag, den 22. Juli 21: 

 

Wer sich bildet, sollte wissen, was er nicht weiß!