Gedanken-Akrobatik 

 

 

Meditationen und Reflexionen über Zeitliches und Zeitloses,

oder schwere Kost für kluge Köpfe

Kurzvita

Bernhard Horwatitsch

 

Der Münchner Autor arbeitet als Ausbildungsdozent in den Fächern: Kommunikation, Recht und Ethik, und gibt regelmäßig Kurse in „kreativem Schreiben“ und „Lite-raturgeschichte“ an der Münchner Volkshochschule.

 

Er moderiert mehrere Literaturkreise (Garching, Unterschleißheim, Sendling). Zudem schreibt er regelmäßig für das Grazer Feuilleton-Magazin „Edition Schreibkraft“.  Ebenso veröffentlicht Horwatitsch regelmäßig Kurzgeschichten im Smartstory-Verlag.

 

Bernhard Horwatitsch schreibt schon sehr lange. Warum er das tut, hat er inzwischen vergessen. Am liebsten liest er Jorge Luis Borges, Philipp K. Dick, Franz Kafka und Raymond Carver. Denn die regen ihn zum Schreiben an.

 

 

Buchveröffentlichungen:


„Anleitung zum Scheitern“ (Erzählungen, Witta-Verlag, München) "Das Herz der Dings" (Geschichten über das Leben mit Demenz, Mabuse-Verlag,)

   
"Das Brandlochprojekt" (Essays über Autoren deren Bücher 1933 verbrannt wurden, Andreas Mascha Verlag)

 

Zahlreiche Einzel-Veröffentlichungen von Kurzgeschichten und Essays in verschiedenen Anthologien und Literaturzeitschriften (Lichtwolf, Edition Schreibkraft, Sterz, BISS, Federwelt,  c’t , Noel-Verlag, und viele andere).

Internetseite:

 

www.literaturprojekt.com

 

 

Literaturpreise:


3. Platz U-Books Literaturwettbewerb für erotische Literatur 2005
2. Platz, Kurzgeschichten Wettbewerb der Zeitschrift Kontro-vers 2008

Bündeln Sie alle Ihre geistigen Ressourcen, denn jetzt geht es los mit ....,

 

 

dem ersten Beitrag:

  

 

Die Welt wurde vom nicht nachweisbaren

fliegenden Spaghetti-Monster erschaffen!

(Urheberrechte & Copyrights aller Beiträge © by Bernhard Horwatitsch)

 

Wenn ich in einem Gedankenexperiment mein Leben von Geburt bis zum Tod als etwas Absolutes setzen würde, also, als das einzige, was es gibt, muss ich dieses Sein widerspruchsfrei denken – denn ich kann ja nicht zugleich sein und nicht sein. Doch wie sollte ich es nennen? Man findet keinen univoken, also eindeutigen Begriff dafür. Das heißt, dass ich über mein absolutes und widerspruchsfreies Dasein keine widerspruchsfreie Aussage machen kann. Daraus leitet Thomas von Aquin, der gute alte Doktor Angelicus, seine fünf Gottesbeweise ab, die bis heute zum katholischen Katechismus gehören. Zunächst muss alles einen Urgrund haben mit dem allerersten Anfang. Heute würde man das den Big Bang nennen. Das wäre damit die erste Ursache, die zu einer ersten Wirkung führte. Dazwischen oder davor gab es weder andere Ursachen noch andere Wirkungen. Ich wurde also an einem Freitag vor 57 Jahren geboren. Davor gab es mich nicht. Und damit ich überhaupt irgendetwas tun konnte, das zu einer Wirkung führt, musste ich geboren werden. Nun: wenn man akzeptiert, dass ich geboren wurde, dann muss man auch akzeptieren, dass es eine Zeit gab, in der ich noch nicht geboren war. Aber da wir in unserem Gedankenexperiment mein Leben als absolut gesetzt haben, war dann gar nichts vor meiner Geburt. Wie kam ich dann zur Welt? Das war eben Gott und ist bei Thomas von Aquin das kosmologische Argument.


Wenn ich nun lebe, kann ich entweder groß oder klein sein, dick oder dünn. Ich kann im Laufe meines Lebens mal kluge Dinge tun oder dumme Dinge und so weiter. Das hat Thomas von Aquin schon in seiner Begriffslogik klargemacht, dass es von meinem Leben keine widerspruchsfreie Aussage geben kann. Ich kann von mir nur in Analogien sprechen, in Relationen. Wie komme ich darauf, mich größer oder kleiner, dicker oder dünner, klüger oder dümmer zu sehen? Hierzu ist ein Maßstab nötig. Eine gewisse Ordnung, die ich in meinem Leben ohnehin vorfinde in der Natur, in der ich eben lebe. Diese Grundordnung des Lebens, die für mein Leben eine Grundbedingung ist, existiert wieder unabhängig von mir. Selbst wenn es nur mich gibt von Geburt bis zum Tode und alles, also absolut alles ich bin, dann bin ich dennoch. Und dieses Sein braucht eine Ordnung und Bedingungen die unabhängig von mir sind. Sonst wäre ich nicht und das wäre ein nicht möglicher Widerspruch. Denn ich kann nicht zugleich sein und nicht sein. Das ist bei Thomas von Aquin ein streng materialistisches Argument. Richard Dawkins und andere Pseudodenker seiner Kategorie erkennen zwar das Problem und sie können daher Gott nicht zu 100 Prozent ausschließen. Aber darum geht es gar nicht. Denn in dem Gottesbeweis von Thomas von Aquin wird lediglich fixiert, dass es zwangsläufig etwas geben muss, das über das Seiende hinausgeht, weil das Seiende sonst gar nicht möglich wäre. Und dieses Sein kann nicht zugleich sein und nicht sein, es braucht zugleich irgendeine Ordnung und Bedingung um zu sein. Wir können dieses Sein nicht widerspruchsfrei ausdrücken und das ist das, was wir nicht erklären können und wohl nie erklären werden können und mit Gott etikettieren.

 

Woran ich jetzt glaube (wissen kann man es ja nicht, ich muss es also glauben) ist das andere. Und hier kann man sich sehr wohl streiten. Aber dieser Streit ist unsinnig, da ja niemals jemand Recht bekommen könnte. Es ist in gewisser Art ein Fußballspiel, das ewig dauert und nie einen Sieger ermitteln wird. Ob Moslem oder Christ, ob Hindu oder Buddhist. Darüber wissen wir nichts. Daher ist die Freiheit des Glaubens ein so hohes Gut und die größte Errungenschaft der Aufklärung. Es geht nicht darum Gott abzuschaffen (denn das geht nicht). Es geht auch nicht darum, ihn zu leugnen (auch das geht nicht, denn man kann nur etwas abstreiten, was in irgendeiner Form mit Fakten untermauert oder widerlegt werden kann – von Gott gibt es eo ipso keine Fakten). Nun könnten wir natürlich den allseits beliebten Schwebezustand des Agnostikers einnehmen. Der Skeptiker hat jedoch einen großen Nachteil und das führt ihn erheblich in die Enge. Denn unbestritten ist, dass wir in der Natur, in der wir leben, eine Ordnung vorfinden. Nun können wir durchaus daran zweifeln, dass unsere Theorien über diese Ordnung, der epistemische Status der Physik die Natur nicht vollständig beschreibt. Das wird sie auch nie können. Aber sollten wir deshalb aufhören, sie zu beschreiben? Hier landet der Skeptiker im absurden Abseits. Selbstverständlich verfügen wir über Erkenntnisse und können diese auch anwenden. Sogar falsche Theorien können funktionieren. Mit Hilfe des Atommodells von Niels Bohr (wird gerne als Tröpfchentheorie bezeichnet) baute man die Atomwaffe. Die Theorie war grundfalsch und gilt heute als weitestgehend widerlegt. Der Zweifel an Gott ist dem Abstreiten von Gott sehr ähnlich. Ich kann nichts bezweifeln, was keine Fakten liefert. Wer also nicht glaubt, der scheint zu wissen. Aber bisher wurde noch jede Vorstellung, jede Theorie die absolut gilt, widerlegt. Widerlegt: weil unser Leben nie ganz widerspruchsfrei und damit absolut ist.


Das führt aber nicht in den Zweifel, sondern ganz im Gegenteil zum Glauben. Nicht mit dem Herzen, nicht dass man jetzt wie ein Adventist in Zungen zu reden beginnt und wie ein Irrer die Arme hoch und niederschwingt vor seliger Inbrunst. Nein. Nur rein logisch. Kalt und rational betrachtet können wir vom Absoluten nichts wissen und werden das nie. Das mag man bedauern, aber so ist das nun mal. Was wir nicht wissen, könnten wir natürlich ignorieren. Aber das ist  - wie jede Form der Ignoranz – nur Dummheit. Denn dann geben wir überhaupt auf, uns über die Ordnung und Bedingung unseres Seins Gedanken zu machen. Geben wir dem, was wir nicht wissen einen Raum, dann muss dieser aber frei sein. Freier als alles sonst. Und das ist doch super!! Wir dürfen glauben, was wir wollen und worauf wir so kommen. Und wenn jemand ein fliegendes Spaghetti-Monster verehrt, ist das erlaubt. Dass alles was wir zu wissen glauben, ganz anders sein kann, das hat die Geschichte der Wissenschaft schon mehrmals gezeigt. Aber damit wird nicht alles Unsinn. Es gibt einen Fortschritt in der Erkenntnis der Ordnung und Bedingung des Seins. Unsere Erkenntnis wird nur nie widerspruchsfrei sein, immer nur äquivok vorliegen. Aber ich finde, das können wir aushalten, ja es ist geradezu der Spaß am Leben.

 

 

ENDE

 

 

Der zweite Beitrag:

 

 

 

Hey Bruder, willst du was?

 

 

 

Der eine glaubt, dass das Gehirn die Seele macht (zum Beispiel der Hirnforscher Gerhard Roth) und spricht uns unsere Willensfreiheit grundsätzlich ab. Der andere glaubt wir könnten unser Verhalten selbst konditionieren (zum Beispiel der Motivationscoach Dr. Jens Uwe Martens in einem SZ-Interview) und gibt uns damit wieder die volle Kontrolle zurück. Was stimmt nun? Haben wir einen freien Willen oder nicht? Als guter Philosoph betrachtet man die Begriffe. Der Wille wird meist als Willensakt beschrieben. Das ist eine Handlung mit der ich meine Vorstellung in die Realität umsetze. Für diese Handlung benötigt man eine Form der Energie die dann als Willenskraft bezeichnet wird. Laut dem Motivationstrainer kann man diese Kraft genauso trainieren wie einen Muskel, denn diese Kraft ist das Ergebnis vieler synaptischer Nervenverbindungen in dem Bereich des Gehirns wo dieser Wille angeblich sitzt.

 

Es ist natürlich komplizierter. Damit ich eine Handlung so umsetze, wie ich sie mir zuvor überlegt habe benötige ich alle anderen kognitiven Fähigkeiten. Zunächst brauche ich eine funktionierende Wahrnehmung. Will ich mir einen Kaffee kochen, dann tut sich ein Blinder deutlich schwerer. Oder wenn man eine schwere Ataxie (Störung der Muskelkoordination) hat verschüttet man immerzu das Kaffeepulver. Oder die Sensibilität der Haut ist gestört, dann kann ich mir durch heißes Wasser schwere Verbrennungen zuziehen. Dann muss ich wach sein, mich konzentrieren können, sonst bin ich ständig abgelenkt und komme nie zum Kaffee kochen. Wenn ich schlafe kann ich keinen Kaffee trinken und wenn ich Kaffee trinke kann ich nicht schlafen. Im Gehirn haben wir ein Netzwerk aus Nervenzellen das vom verlängerten Rückenmark bis zum Thalamus reicht. Vom Thalamus aus gehen dann Verbindungen in alle Bereiche des Großhirns. Das ergibt zusammen eine Art Schaltplan. Eine rhythmische Erregung unserer Pyramidenzellen erzeugt Aufmerksamkeit, Wachheit. Von 6 Hz bis 40 Hz sind wir wach, darunter schlafen wir. Bei 0 Hz sind wir wohl tot. Das kann man mit einem EEG gut messen. Dann hat der Thalamus eine Filterfunktion. Thalamus kommt aus dem altgriechischen thalamos, das heißt Schlafgemach. Er filtert und verteilt unsere Wahrnehmung. Einzig der Riechnerv ist nicht über den Thalamus verschaltet und geht unmittelbar in das Großhirn (Neocortex). Daher ist die Anosmie (schwere Riechstörung) ein erhebliches medizinisches Problem.

 

Damit ich mich auf eine Sache konzentrieren kann, muss der Thalamus funktionieren als Schaltstelle meiner Wahrnehmungen. Ein winziges Blutgerinnsel kann hier schon für erhebliche Unruhe sorgen. Gefühlsstörungen und heftige zentrale Schmerzen, motorische Störungen mit einer starren Gesichtsmuskulatur, Zwangsbewegungen der Hände und der Finger und psychische Störungen mit Minderung der Aufmerksamkeit, Reizbarkeit, Ungeduld und Schreckhaftigkeit können darauf hinweisen. Bei fortschreitender Demenz sinken Wachheit und Aufmerksamkeit. Die Wahrnehmungssignale werden einfach nicht mehr weiter geleitet. Das bedeutet zum Beispiel, dass ein derart geschädigtes Gehirn die 40 Hz nicht mehr erreichen kann und der Hirnträger zunehmend schläfrig wird. Veränderungen des Stoffwechsels im Gehirn sorgen für Ungemach. So kann es zu einer verstärkten Produktion von Dopamin kommen durch psychische Traumatisierung. Dann ist man reizbarer und die Wachheit steigt. Man ist überwach (hypervigilant) wie beim PTBS, reizbarer und ängstlicher. Man kann seine Emotionen nicht mehr gut kontrollieren. 

 

Zurück zum Willensakt des Kaffeekochens: Das ist ein Problem (etwas vorgelegtes) das man lösen muss mithilfe koordinierter Handlungs-abläufe, die höhere kognitive Funktionen benötigen. So muss ich schlicht wissen, wo der Kaffee steht. Ich muss wissen wie man den Wasserkocher anschaltet. Ich muss wissen, dass man das Kaffeepulver in den Filter gibt. Kaffee kochen ist daher nicht selten ein wichtiges Einstellungskriterium. Man muss also fähig sein Probleme zu lösen. Das ist eine Aufgabe für die graue Substanz, den Neocortex. Schließlich muss ich über sprachliches Wissen verfügen. Ich muss überhaupt verstehen, was Kaffee bedeutet. Das ist nun schon eine hoch kulturelle Sache. Vor der Entdeckung Amerikas war Kaffee kochen schlicht unmöglich, das Problem existierte nicht mal.  Zuletzt muss man sich noch erinnern können. Sonst müsste man das Kaffee kochen tagtäglich neu lernen. Bei einer anterograden Amnesie (Schädigung des Hippocampus) kann man sich nichts Neues mehr merken. Hier grüßt wirklich täglich das Murmeltier. Der Hippocampus ist unser Arbeitsspeicher für das Gedächtnis. Das sind zwei je zehn Zentimeter große Seepferdchen am Rand des Schläfenlappens. Der wird nachts im Schlaf geleert und die Informationen werden langfristig im Großhirn gespeichert. Das heißt, dass man im Schlaf lernt. Denn erst wenn das retikuläre Aktivierungssystem unter 3 Hz fällt, entsteht Tiefschlaf, die Gehirntemperatur ändert sich und die Filterung wird erhöht. Das Gehirn hat etwas mehr Ruhe von äußeren Einflüssen und konzentriert sich jetzt auf sich selbst. 

 

Im Gehirn geschehen viele wundersame Dinge. Und es ist verständlich, dass Menschen wie Gerhard Roth jetzt glauben, dass wir von diesen Wunderdingen im Gehirn gesteuert werden, quasi selbst nur das Ergebnis dieses Wunders sind. Und je mehr man sich mit dem Gehirn beschäftigt, desto wundersamer wird es.

 

Jetzt aber das Rätsel: Wenn ich über das Gehirn spreche, spricht das Gehirn gerade über sich selbst? Der größte und auch empfindlichste Teil der oben beschriebenen Netzstruktur ist der Locus coeruleus, der himmelblaue Ort. Er ist schwarz pigmentiert und schimmert an der Hirnoberfläche bläulich durch. Eine Zeitlang galt er als Sitz unseres Ichs. Er ist deutlich der größte Knotenpunkt dieses Netzwerkes und wird über Noradrenalin moduliert. Noradrenalin sorgt für eine Modulation der Nervenzellen sobald etwas Neues auf das Gehirn zukommt. Es ist wirklich der Ort des Lernens. Das funktioniert natürlich nur wenn kein Stress da ist und ausreichend (aber nicht zu viel) Aufmerksamkeit. Ansonsten sind diese Zellen weniger aktiv. Wenn ich über das Gehirn spreche, spreche ich nicht über Beethoven. Habe ich eine Vigilanzstörung, kann das durcheinander geraten. Also wenn mir der Staat eine Sozialversicherungsnummer gibt, ich mich durch einen Fingerabdruck im PA zu erkennen geben muss, dann lernt mein Gehirn, dass Sozialversicherungsnummer und Fingerabdruck Teil der komplizierten Einheit Horwatitsch ist. Mein Gehirn hat gelernt, dass mein Vorname Bernhard ist. Und so weiter. Warum fällt das nicht auseinander? Warum finden Sie in ihrem Computer Dateien, wenn Sie danach suchen? Wenn ich über das Gehirn spreche, will ich das. 

 

So ist der Bogen zum Willensakt gespannt. Die Fähigkeit des Gehirn, sich auf etwas zu beziehen (Intentionalität genannt) findet in der oben beschriebenen Netzstruktur statt. Das Gehirn wiederum unterliegt einer natürlichen Ordnung. Wir nennen das eben Evolution. Ob nun unser epistemischer Status der Neuro-wissenschaft vollständig das Gehirn beschreibt, kann man bezwei-feln. Schon sind wir im philosophischen Tiefenraum angelangt.

 

In der Rechtswissenschaft ist der Wille vor allem als freier Wille wichtig. Dazu braucht es Bedingungen. Zwang von außen schränkt die Willensfreiheit ein. Krankheiten schränken die Willensfreiheit ein. Daher überprüft der Richter auch die Willensfähigkeit des Delinquenten, denn ein schwer psychisch gestörter Mensch hat nicht genügend Selbst-kontrolle um für seine Tat verantwortlich zu sein.  Wenn ich Kaffee kochen will, ist das meine Entscheidung. Wenn der Chef will, dass ich Kaffee koche ist es meine Entscheidung dem Willen des Chefs zu entsprechen. Das nennt man dann die Urheberschaftsbedingung. Ich habe Absichten, Gründe, Wünsche und Überzeugungen. Das ist alles angelernter Scheiß (um es postmodern auszudrücken) in meinem Gehirn. Schließlich gibt es Menschen die wollen keinen Kaffee, die trinken lieber Tee (um Tee zu trinken, müsste ich jedoch krank sein). 

 

Jeder hat da dann seine Gründe dafür. Die schönste Zeit zuhause war eben die Kaffeezeit. Nichts geht über eine Tasse Kaffee und eine Zigarette.  Als Baby habe ich weder Kaffee getrunken, noch Zigaretten geraucht. Ich wusste nicht, dass es so schöne Dinge gibt. Dann habe ich gesehen, jeden Tag wie mein Vater trinkt und raucht. Das hat mein Babygehirn moduliert. Dann musste ich lange warten, bis ich alt genug bin um das auch tun zu dürfen. Das war aber nicht freiwillig, sondern gesetzlicher Zwang. Wenn Sie ihr Kind im Vorschulalter eine Zigarette rauchen lassen, machen Sie sich strafbar. Aber rein handlungsanalytisch ist ein Kind im Vorschulalter in der Lage zu rauchen und Schnaps zu trinken.


Der Streit über die Willensfreiheit ist – wieder postmodern gesprochen, eine Art Schwanzvergleich. Denn man muss schon klären, wie es zu einem solchen Streit kommen kann, wenn wir keinen freien Willen haben. Ist das Gottes Plan? Und rums, sind wir mitten in der Metaphysik. Die Neurowissenschaftler wie Gerhard Roth haben sich in scholastisches Fahrwasser begeben. Haben wir jetzt einen freien Willen oder nicht? Entscheiden Sie selbst.

 

 

ENDE 

 

 

 

Der dritte Beitrag:

 

 

 

URTEILE NICHT

Was man so alles bedenken sollte, wenn man denkt, damit man sich nicht alles nur aus-gedacht hat was man dachte.

 

Bei Kant – der Ursache vieler Kopfgeschwüre – ist ein analytisches Urteil a priori zum Beispiel der Satz: Der Schimmel ist weiß. Da die Qualität „weiß“ eben schon im Wort „Schimmel“ enthalten ist. Dem Schimmel wird so nichts hinzugefügt und es ist pure Anschauung – also a priori – da ich – so meine Augen funktionieren – dieses weiß unmittelbar sehe.

 

 

Ein synthetisches Urteil ist dagegen was anderes. Der Schimmel ist drei Jahre alt. Dies setzt eine Bekanntschaft mit einem bestimmten Schimmel voraus und damit ist es nicht mehr a priori, sondern a posteriori, also im Nachhinein (nach der besonderen Bekanntschaft mit dem Schimmel) als zusätzliches Prädikat erkannt worden. Kant ist der Meinung, dass nur solche Urteile den Namen Wissenschaft verdienen. Was ist nun ein synthetisches Urteil a priori?

 

Also eine unmittelbare Erkenntnis von einem zusätzlichen Prädikat? Die Rechenoperation 5+7= 12. Sowohl die 5, als auch die 7 sind analytisch in der Anschauung der Zeit. Also ich sehe unmittelbar 5 Äpfel in der Schale liegen. Das ist bei klarem Verstand nicht zu bezweifeln und aus der unmittelbaren Anschauung gewonnen. Ebenso bei 7 Äpfeln. Aber wenn ich nun 5 Äpfel aus der Schale nehme und sie in die Schale mit den 7 Äpfeln lege, werden daraus 12 Äpfel. Diese 12 Äpfel sehe ich nun und damit ist das ein analytisches Urteil. Aber da ich zuvor eine Operation durchführte und die 5 zur 7 hinzuaddierte, wird die 12 eben synthetisch und das aufgrund meiner Anschauung. Damit habe ich Wissen geschafft. Das ist das Experiment mit dessen Hilfe ich reine Anschauung hervorgerufen habe, durch Synthese. Zucker ist süß. Kaffee ist bitter. Das sind analytische Erkenntnisse a priori. Wenn ich nun den Zucker mit dem Kaffee verrühre, wird der Kaffee süß und das ist eine analytische Erkenntnis a priori. Aber da ich Zucker und Kaffee durch eine Operation zusammenfügte, ist es ein synthetisches Urteil a priori. Die gewonnene Erkenntnis ist nun qua Vernunft die, dass der Zucker den Kaffee süß macht. Kant stellt die Bedingung auf, dass die Metaphysik (Wissen über die letzten Gründe des Seins) nur dann zu sicheren neuen Erkenntnissen gelangen könne, wenn sich auch hier synthetische Urteile a priori fänden. Erst dann haben sie den Status einer Wissenschaft.

 

Wenn ich eine Gotteserscheinung habe, dann liegt entweder ein analytisches Urteil a priori vor oder ich habe eine Augenkrankheit. Mit welchem Experiment könnte man eine Gotteserscheinung hervorrufen? Ganz einfach. LSD verändert die Sinneswahrnehmung. Gott kann man nur mit veränderten (verbesserten?) Sinnen sehen. Nimmt man LSD sieht man Gott. Das Problem ist nicht die Synthese. Das Problem ist die Analyse. Kants transzendentale Dialektik zeigt auf, dass die Gottes-erscheinung selbst nur Schein ist und kein Sein. Und zwar aus der Logik heraus. Jemand mag eine Erscheinung haben und spricht dieser dann den Begriff Gott zu. Kant beweist, dass hier bereits die Existenz Gottes vorausgesetzt wird. Schließlich könnte diese Erscheinung unter Einfluss von LSD alles Mögliche sein. Wer sagt denn, dass es Gott ist. Es könnte auch der Teufel sein, oder ein Außerirdischer, oder eine Luftzirkulation? Kaffee existiert physikalisch und Zucker auch. Die neue Qualität des Kaffees durch Hinzufügen von Zucker ist a priori physikalisch. Die neue Qualität meiner Sinneswahrnehmung durch LSD ist ebenfalls physikalisch. Aber nicht die Interpretation der Qualität. 

 

Gesüßter Kaffee schmeckt mir nicht. Dies ist kein analytisches Urteil, sondern ein ästhetisches Urteil. Ästhetische Urteile beurteilen den Wert und nicht die Qualität und sind damit ein Vorurteil das ich im Bezug meines Selbst auf ein Ganzes stelle. Die Qualität wird durch den relationalen (eine Beziehung darstellenden) Bezug auf mich zu einem Wert. Denn anderen schmeckt gesüßter Kaffee. Wer also apodiktisch behaupten wolle gesüßter Kaffee schmeckt nicht, der verwechselt Anschauung mit Meinung. Im Falle eines Gottesurteils liegt noch nicht einmal ein ästhetisches Urteil geschweige denn ein analytisches Urteil vor. Gott kann man weder anschauen, noch eine Meinung davon haben. 

 

Denn reine Begriffe sind nicht empirisch. Gott ist ein reiner Verstandesbegriff, der nicht mehr abgeleitet werden kann von einem übergeordneten Begriff. Wenn Gott erscheint, kann es dafür keine physikalische Grundlage geben. Das gilt aber auch für den Begriff Natur. Denn auch dies ist ein reiner Begriff der nicht mehr aus einem übergeordneten Begriff abgeleitet werden kann.  Wenn ich also etwas als natürlich bezeichne, liegt keine Erkenntnis vor, denn Natur ist weder anschaulich noch analytisch. Wenn wir also die Natur retten wollen, dann wollen wir etwas retten von deren physikalischen Existenz keinerlei Erkenntnis vorliegt. Was wir retten wollen ist der Planet Erde, seine Wälder, Meere und Tiere Wir wollen die klimatischen Bedingungen der Erde erhalten. Klimaleugner negieren nicht die Existenz von Klima auf dem Planeten, sondern die Existenz von Natur und ziehen aus dieser eigentlich korrekten Annahme den logisch falschen Schluss, dass Kohlendioxid keinen Einfluss haben könne auf die Natur. Das Problem liegt im Mittelbegriff. Es ist der gleiche Fehlschluss wie bei einem Gottesbeweis.

 

Aus der korrekten Annahme, dass LSD die Sinneswahrnehmung verändert, wird der falsche Schluss gezogen, es handele sich bei der LSD-Erscheinung um Gott. Es sind ästhetische Urteile, die der Erscheinung einen Wert beimessen in Relation zu meinem Selbst als Ganzes. Für den einen handelt es sich bei der LSD-Erscheinung um Gott, bei dem anderen nicht. Was für den einen Natur ist, ist es für den anderen ganz und gar nicht. Denn Natur ist ein werthaltiger und damit ästhetischer und normativer Begriff. Es ist ein rein ästhetisches Werturteil und keine wissenschaftliche Erkenntnis. Dass viele Menschen Qualität und Wert verwechseln ist das eine, dass sie aber reinen Verstandesbegriffen sowohl Qualität als auch Wert zufügen, ist nichts weiter als Idiotie.


Womit bewiesen wäre, dass die meisten Politiker Idioten sind. Und jetzt beweisen Sie bitte, ob das ein analytisches oder ein ästhetisches Urteil ist. Vielen Dank für Ihre Mitarbeit.

 

 

 

ENDE

 

 

 

 

 

Der vierte Beitrag

 

 

"OH BRUDER, DA HINAUFZUGEHEN – WAS BRINGT ES?"

 

 

Samuel Becketts Text Le Depèupleur, von Elmar Tophoven kongenial mit „Der Verwaiser“ übersetzt, erschien vor einem guten halben Jahrhundert. So kann heute niemand mehr behaupten, er hätte von der Apokalypse nichts mitbekommen.Etwa 200 nackte, gedankenlose Menschen befin-den sich in einem mit Hart-gummi ausgekleideten Zylinder von 50 Meter Umfang und 16 Meter Höhe. Bezogen auf die Bodenfläche hat damit jeder einzelne Mensch gerade mal einen Quadratmeter Platz zur Verfügung. Schon in dieser klaustrophobischen Anordnung von Becketts Parabel können wir eine Analogie zur chronisch überbevölkerten spätkapitalisti-schen Industriegesellschaft er-kennen. Das hat schon Max Horkheimer aufgegriffen, indem er in dem Text eine Kritik an der verwalteten Welt vermutete, an einer unter dem Diktat des "kalkulatorischen Denkens" stehenden Gesellschaft, die den emanzipatorischen Anspruch der Vernunft aufgegeben habe.

 

Insgesamt stehen den 200 Menschen gerade mal 15 Leitern zur Verfügung, um von dort aus in Nischen gelangen zu können, die an den Wänden angeordnet sind. Die mit einer liberalen Moral juridifizierte Gesellschaft erlaubt es immer nur einem einzigen Menschen auf einer Leiter zu klettern. Unten stehen die anderen dann an den weiteren Leitern Schlange und warten, bis sie dran kommen. Im Großen und Ganzen ist jeder mit sich selbst beschäftigt und denkt daher nicht daran, anderen etwas anzutun. Das ist ja auch das Schöne an unserer Individualgesellschaft. Jeder kümmert sich um seinen eigenen Scheiß und gut ist es. In Becketts Zylinder bricht dennoch manchmal Gewalt aus. Wenn man die Menschen, die in einer Schlange vor der Leiter stehen zu sehr unter die Lupe nimmt, dann bekommt man es mit allen in der Schlange stehenden Menschen zu tun. Wie ein Körper gehen sie dann auf den Unruhestifter los. Ansonsten werden die Menschen von Licht- und Temperaturschwankungen physisch angetrieben. Zusätzlich hält sie ein Gerücht auf Trab, dass es in irgendeiner der Nischen ein „Zufluchtsstätte zur Natur“ gäbe, oder in der Mitte der Decke eine Klapptür „an dessen Ende angeblich immer noch die Sonne und die anderen Sterne glänzten“. Doch das sind nur Gerüchte. Und so haben einige bereits aufgegeben. Sie suchen nicht mehr. Es ist aber trotzdem nie Platz genug in dem Zylinder, um sich hinzulegen.

 

Es gibt auch in unserer spätkapitalistischen Industriegesellschaft keine metaphysische Rückversicherung mehr. Das machte uns alle zu gedanken- und seelenlosen Krüppeln, deren individuelles Streben nichts weiter ist, als eine Beschäftigungstherapie bis zu unserem bedin-gungslosen Tod. Und wer hier aufgibt, kann sich trotzdem nie vollständig ausruhen. Er wird von den anderen rücksichtslos getreten, wie in Becketts Zylinder auch. Natürlich gleicht die Atmosphäre in Becketts Zylinder einem drittklassigen Asyl für Geisteskranke. Was hat so ein karger Zylinder mit uns zu tun? Wir haben Gott sei Dank schnelle, elegante Autos, Smartphone, Streaming-Fernsehen, eine Konsum- und Kulturindustrie, die uns von unserer eigenen Drittklassigkeit herrlich ablenkt. Natürlich können wir nicht wieder einfach zu tun, als gäbe es einen metaphysischen Ausweg. Der Zug ist endgültig abgefahren. Man kann über die Presbyterianer und Episkopalen dieser Welt lediglich noch schmunzeln oder resigniert mit den Achseln zucken. In einer Szene schildert Beckett die größten Kletterer, die mit den Fingerspitzen die Decke berühren können. Würde man eine ganz ausgezogene Leiter mit vereinten Kräften in die Mitte stellen, könnten die Kletterer nacheinander den Ausgang erreichen, diese Klapptür zu Sonne und Sterne.

 

„Ein Augenblick der Brüderlichkeit“, beschreibt es Beckett. „Aber diese ist ihnen außer bei Gewaltsamkeitsausbrüchen ebenso fremd wie den Schmetterlingen.“ Nicht, weil es ihnen an Mut oder Einsicht mangeln würde. Es liegt – so der Erzähler – an dem „Ideal, das einen jeden verzehrt.“ Wenn man die ersten Jahre unserer digitalisierten Gesellschaft unter einen psychologischen Hut bringen wollte, könnte man sie als die „narzisstischen Jahre“ bezeichnen. Ein Narzisst ist selten solidarisch. Die aktuellen Jahre unserer inzwischen smarten Digitalisierung wären unter dieser Note autistisch. Auch Autisten sind schwerlich solidarisch. Solidarisch waren tatsächlich nur die Nazis. Aber können wir das alles so düster stehen lassen? So hoffnungslos? Ist dieses Fegefeuer auf Erden so verzehrend, dass wir wie Belacqua zu träge geworden sind, das Paradies erreichen zu wollen? Da sitzt der alte Instrumentenbauer aus Florenz an seinem Felsen gelehnt und weiß, dass er sich im Leben nicht genug um Läuterung bemühte, dass er je hoffen könnte, das Paradies zu erreichen. Beckett liebte diese Figur aus dem vierten Gesang des Purgatorium Dantes. Es war Morgen, und Belacqua hatte sich im ersten Mondcanto so festgelesen, dass er weder vor noch zurück konnte (Dante and the lobster, 1932). Wie herrlich ironisch. Das Mondcanto beginnt mit dem zweiten Gesang des Paradiso. Das weite unendliche Meer wird hier geschildert (der Geist) und ein kleines Schiff (der Stoff). Mit einem so kleinen Schiff wie es der Mensch ist, dieses unendliche Meer befahren zu wollen! Der Mut, den es braucht, um in die Unendlichkeit zu starten, ist der Mut, den es braucht zu sterben. Der Mond ist das Zeichen des Krebses. Allnatur, Mutter und Quelle. Kein menschlicher Kopf kann alles erfassen und wird immer nur in seinem kleinen privaten Ideal festhängen, in einem Zylinder fester Größe, rational kalkulierend mit einer sich im Unendlichen verlierenden winzigen Spur Metaphysik. Um Gnade muss man bitten. Gnade! Schreien!

 

 

 

ENDE

 

 

 

 

 

Der fünfte Beitrag 

 

 

 

Wer sich bildet, sollte wissen,

was er nicht weiß

 

Bildungsziel ist, neben der Vermittlung von Wissen, zu lehren dieses vermittelte Wissen auch kritisch hinterfragen zu können. Wer Fakten zusam-menträgt, bestimmt damit auch die Auswahl der Fakten und niemand ist in der Lage heutzutage, ein Wissens-gebiet so vollständig zu überblicken, dass bei Auswahl der Fakten wirklich alle Fakten berücksichtigt wurden. Der subjektive Überblick lässt sich zudem auch nicht ganz vermitteln, da es dem Schüler hier nicht anders geht als dem Lehrer. Sie können nicht alle Fakten aufnehmen und ihre Auswahl der Fakten ist subjektiv. In diesem doppelten Mangel liegt eine Chance für die Bildung. Jederzeit ist jedes Wissen fragil. Da das Wissenssubjekt schon bei einem einzigen Fach nicht mehr sämtliche Fakten überblicken kann, ist jedes Wissen unsicher, da es jederzeit durch einzelne widersprechende Fakten in seiner erkenntnis-theoretischen Schärfe verschwimmt.

 

Der lebhafte Diskurs unserer Wissensgesellschaft verbreitet dabei eine Hauch Scholastik, denn kein einziges Wissenssubjekt kann sagen: So ist es. Alle bleiben wir nicht trotz, sondern aufgrund der Übermenge an Fakten fehlbar und im Bereich der Spekulation. Man könnte darüber verzweifeln, dass selbst dies fragile Wissen in sich selbst nur fragil vermittelbar ist. In den Schulen und Universitäten wird mehr spekuliert als gewusst. Auch das ist ein Primat des Kapitalismus, für den nicht das Wissen im Vordergrund steht, sondern die Ansammlung von Dingen, in diesem Fall Wissensdingen. Schulen und Universitäten sind Wissenskaufhäuser in denen mit Wissen gehandelt und spekuliert wird. Wissen wird verkauft und gekauft, unterliegt allen absurden Mechanismen des Marktes.

 

Schon vorangestellt ist dabei der Wissensmangel des Lernenden. Der Lernende kauft sein Wissen hier nicht nach bestem Wissen, denn darüber verfügt der Lernende ja noch gar nicht. So trifft die subjektive Auswahl von Fakten auf ein Subjekt, das selbst von dieser Reduktion abstrahiert. Der folgende Widerspruch des Lernenden ist damit ein Widerspruch des Mangels von zwei Seiten. Einmal des Mangels des Lehrenden alles zu wissen und andererseits des Mangels des Lernenden, selbst dies mangelnde Wissen zu wissen.

 

Worin liegt nun die Chance der Bildung? Der Widerspruch des Lernenden aus dem Mangel des Mangels weist über die Fakten des jeweiligen Wissens hinaus. Daher kann der Lehrende nie bloß bei der Vermittlung von Fakten verweilen, sondern muss methodisch transparent erklären können, wie er selbst als Lehrender zu seinen Fakten kam. Der Lehrende muss seine Wissensware mit Gütesiegel und Herkunftsnachweis versehen. Nun ist der Lehrende einer Wissensoligarchie unterstellt. Doch der Mangel trifft auch die Oligarchen. Das Gütesiegel ist mehr oder weniger wertlos, was den Inhalt betrifft. Vom Gehalt scheint ein Wissensgütesiegel Wert zu haben, doch der Inhalt eines solchen Siegels ist fragil.

 

Bildung baut immer auf Bildung auf. Hat der Lehrende kein Bewusstsein seines eigenen Mangels, kann er gar nichts wirklich Vernünftiges lehren. Der falsche Philosoph erlangt das Wissen, ohne fähig zu sein, es unter Rücksicht auf die Fähigkeiten seiner Schüler weiterzugeben. (al-Fārābī/ Kitab, arabischsprachiger Philosoph des 9. Jahrhunderts, aus Damaskus). Doch unsere Lehrer tun so, als wüssten sie alles besser, als sei ihr Wissen apodiktisch und nicht anzuzweifeln. Wissen wird so zu einem bloßen Herrschafts-instrument. Im Verbund mit dem ökonomischen Primat des Wissenswachstums und der Wertsteigerung für den Wissensverkauf baut diese Wissensherrschaft nicht auf Wissen, sondern auf Geld-wertigen Nutzen von Wissen.

 
Ein Bewusstsein des Lehrenden über die Fähigkeiten des Lernenden erlangt der Lehrende nur über sich selbst als Lernenden. Doch ein Lehrender, der sich als Lernender darstellt, verringert den ökonomischen Nutzen seines Wissens. Wissen unterliegt den Gesetzen des Marktes. Und die eigene Ware sollte man nicht kritisieren, sondern bunt verpacken und in den Himmel loben. Die Lehrenden werden auf das Niveau von Smartphone-Verkäufern reduziert.

 

Die Autorität des Lehrenden besteht nicht in der Überlegenheit des Wissens, sondern in der Bewusstheit des Lehrenden als Lernender. Wer weiß, was er nicht weiß kann dem Lernenden viel besser ein Bewusstsein für den Mangel an Wissen vermitteln. Doch um zu wissen, was man nicht weiß, braucht man ein Bewusstsein, das den Geld-wertigen Nutzen von Wissen übersteigt. In dieser meta-physischen Lücke des bewussten Nicht-Wissens muss man sich als Subjekt aushalten können.

 

Das Bildungsziel ist nicht die Anhäufung von Wissen, sondern die Vermittlung des Bewusstseins eines Mangels an Wissen. Unser gesamtes Bildungssystem ist in diesem Sinne fehlgeleitet und baut auf einer autoritären Struktur auf, die weit hinter den Begriff der Mündigkeit (Kant) zurückfällt. Die augenblickliche Krise der Demokratie und die Anfälligkeit für Ideologien aller Art ergeben sich aus dieser autoritären Bildungsstruktur. Der Anpassungsdruck des Lernenden verhindert weiter, dass dieser sich des Mangels seines Wissens bewusst werden kann. Gezwungen, Wissen permanent zu akkumulieren treibt dem Lernenden jedes Mangelbewusstsein aus. Wenn aber niemand mehr weiß, was er nicht weiß, ist jedes Bildungsziel verstellt. Wissen vermittelt sich nicht durch weiteres Wissen, sondern durch Bewusstwerdung dessen, was ich nicht weiß.

 

Die pädagogische Irrfahrt seit Jahrzehnten fördert eine Hybris sowohl der Lehrenden als auch der Lernenden. Wenn dem Lernenden nicht vermittelt wird, dass der Lehrende nicht alles weiß, und der Lehrende dies auch nicht weiß, dann wissen beide nichts. Eine solche Bildung ist hohl. Der Lernende stellt schnell fest, dass die Fakten des Wissens mangelhaft sind, weil sie nicht in seinen Kopf hinein kommen. Sie kommen nicht in seinen Kopf hinein, weil der Schein, dass die Fakten schon alles seien, trügt. Dieser Betrug am Lernenden untergräbt die Fähigkeit des Lernenden zu verstehen. Der Lernende misstraut am Ende gar sich selbst und erliegt einer Konfusion, die ihn für Ideologien aller Art empfänglich macht.  Bildungsziel ist nicht die Akkumulation von Wissen, auch nicht die bloße Realitätstauglichkeit dieses Wissens. Bildungsziel ist es, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was man nicht weiß. Der Lehrende gewinnt seine natürliche Autorität, indem er vom Pult herabsteigt und sich dem gleichen Risiko aussetzt wie der Lernende auch. Das bedeutet nicht die permanente Edukation des Lehrenden, denn das wäre wieder nur Akkumulation von Wissen, einem falschen Idealismus geschuldet zu glauben, man könne alles wissen. Es bedeutet vielmehr, dass sich der Lehrende im Moment des Lehrens dem Risiko aussetzt zu lernen. Ein Lehrender der sich weigert vom Lernenden zu lernen, lehrt auch nichts. Aber genau dies ist der traurige Zustand der Bildung heutzutage und genau dies ist autoritär und man muss sich nicht wundern, dass diese autoritären Strukturen eine Demokratie zerstören, die unter dem ökonomischen Primat der Wertschöpfung von Scheinwissen steht.

 

 

ENDE

 

 

 

 

 Der sechste Beitrag 

 

 

 

"VON HAND AUF WERK"

 

 

Stéphan Mallarmé soll – laut dem Journal von Edmund Goncourt – verkündet haben, dass man einen Satz nicht mit einem einsilbigen Wort beginnen dürfe. Goncourt kritisierte den Lyriker daraufhin heftig. Goncourt spottete über „diese Suche nach kleinen Schnitzern“, denn das würde letztlich von allem „Wichtigen, Großen, Bewegenden, das einem Buch Leben verleiht“ nicht nur ablenken, sondern sogar abstumpfen. Julian Barnes kommentierte, dass die Kluft „zwischen realistischer Prosa und symbolistischer Poesie“ nicht größer hätte sein können, als eben hier zum Ausdruck kommt. Die Differenz zwischen dem feinsinnigen, winzigen Satzmesserchen und dem großen, monströsen Geschichtsfleischermesser ist selbst eine Anomalie. Denn beides zählt. Manchmal kann so ein „kleiner Schnitzer“ alles ruinieren, manchmal kann so ein „kleiner Schnitzer“ alles retten. Der Zufall spielt auch hier seine chaotische Rolle. Es ist wie beim Kochen. Um an das Innere der Frucht zu gelangen, braucht man [PE1] das monströse Fleischermesser. Die Frucht selbst will filigran behandelt werden. Ästheten wie Mallarmé sehen nur die Frucht und ignorieren die harte Schale in der sie sich schützt und Realisten wie Goncourt unterliegen dem Irrtum, dass die Frucht nur von ihrer Schale befreit werden müsse, um zum Vorschein zu kommen. Dann machen sie Mus daraus. Doch jedes Symbol ist von einer harten Schale Kontext umgeben und wer nicht gelegentlich das Fleischermesser benutzt gelangt nicht an die Frucht. Blutarme Ästhetik ist die Folge. Die große Kunst besteht darin, die Frucht so zuzubereiten, dass niemand der die Frucht verspeist noch an das Fleischermesser denkt, das man brauchte, um an diese schmackhafte Frucht zu gelangen. Es ist eine Frage der Technik. Aber Technik denkt nicht. Und so braucht jedes Messer, ob groß oder klein, geschickte Hände oder kräftige Arme. Geschickte Hände und kräftige Arme bekommt man nicht geschenkt. So muss man regelmäßig das Große, Wichtige, Bewegende stemmen, von dem Goncourt spricht. Genauso regelmäßig sollte man mit der Lupe die Details des Großen, Wichtigen und Bewegenden studieren und handhaben können, um diese „kleinen Schnitzer“ zu vermeiden, die Mallarmé anspricht. Es ist wie in der Physik. Die Teilchen widersprechen oft dem Ganzen. Für die Schwerkraft sind Quanten irrelevant. Aber ohne die Quanten ist der Rest ebenso irrelevant. In der Schwungkraft zwischen dem Großen und dem Kleinen äußert sich zwischen Prosa und Poesie echtes Sprechen. Wieder ist es die Differenz, die Nicht-Identität von Signifikat und Signifikant die im Sprechen wirkt. Lernt man den Kontext als nicht linear zu begreifen gelangt man an den eigentlichen Kern der Frucht. In diesem Kern finden sich Frucht und Schale in sonderbarer Einheit vor. Das Messer mit dem man diesen Kern dann bearbeitet ist kein Handwerkszeug mehr, es ist die Ewigkeit. In der Dauer selbst vereinigen sich Prosa und Poesie in einer nicht theologischen, völlig Gott befreiten Mystik. Jedes gelungene Kunstwerk verschafft uns eine Illusion von „echter Dauer“; also die Illusion von Ewigkeit. Das ist das Geheimnis künstlerischen Wirkens.

 

 

ENDE

 

 

 

 

Der siebte Beitrag

 

 

 

"HEGEL AUF KANT"

 

 

 

Das Wahre ist das Ganze (Hegel)

 

Es gibt eine alte Nebenschrift von Immanuel Kant, die Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürger-licher Absicht. Schon im Titel offenbart sich der kosmopolitische Ansatz des Aufklärers Kant. Kant benutzt hier den Begriff der „Idee“, was für ihn ein Terminus technicus ist. Kant versteht unter der Idee ein regulatives Ordnungsprinzip. Während unsere sinnliche Anschauung die Phänomene in Zeit und Raum feststellen kann und man sich darauf verlassen kann, dass alles was erscheint sich in Zeit und Raum befindet und das in festen Kategorien des Verstandes, nach Prinzipien der Kausalität oder als einzelnes oder vieles, notwendig oder zufällig, ist das mit den Ideen anders.

 

Ideen sind regulativ. Das heißt, dass sie eine Norm bilden. Bei Immanuel Kant gibt es drei regulative Prinzipien, bestehend aus der Homogenität, Spezifikation und der Kontinuität. Hunde und Pferde sind Tiere. Das heißt das Einzelne ordnet sich dem Allgemeinen unter und umgekehrt findet sich immer noch eine Einteilung des Einzelnen. Dackel und Pinscher sind zwar Hunde, aber sie unterscheiden sich eben auch wieder spezifisch voneinander. Aber sie sind miteinander auch verwandt, das ist die Kontinuität.  Diese Ordnung der Dinge ist nicht transzendental (transzendental ist eine Erkenntnis an sich, wie zum Beispiel „ich denke also bin ich“) gerechtfertigt, sondern subjektiv. Man kann alles auch anders einteilen.

 
Wenn Kant in diesem oben erwähnten Aufsatz von einer Idee der allgemeinen Geschichte spricht, dann möchte er den historischen Fortschritt als ordnende Idee verstanden wissen. Mehr nicht. Gott, Willensfreiheit und Unsterblichkeit der Seele werden in seiner praktischen Vernunft als Ideen gesehen, die man sinnvoll annehmen sollte. Man kann weder die Existenz Gottes beweisen, noch die Freiheit unseres Willens und genau so wenig die Unsterblichkeit der Seele. Doch Gott ist als höchstes Gut und sittliche Vollendung eine leitende Idee. Die Willensfreiheit ist eine Voraussetzung für Moralität. Beweisen kann man es nicht, aber ohne die Freiheit des Willens würde man kein Gesetz gestalten können. Wozu? Die Unsterblichkeit der Seele ist eine Idee, die uns antreibt, immer weiter voran zu schreiten und unser individuelles Ende nicht nach dem Motto „nach mir die Sintflut“ zu leben. Ohne die Idee von der Unsterblichkeit der Seele fehlt uns ein gewaltiges Stück generativer Verantwortung.

 

Hegels Weltgeschichte erhebt dagegen den Anspruch einer transzendenten, also über das Subjekt hinausgehenden Erkenntnis. Hegel operiert hier mit einer durchgehenden Dreierregel. Es gibt den subjektiven Geist, den objektiven Geist und den absoluten Geist. Diese Dreischritte haben Sie bei Hegel immer. Daher kann man Hegel gut lesen, wenn man daran denkt, dass alles bei ihm gedrittelt wird. Aber Hegel denkt sich diese Drittel nicht als Linie, sondern als eine Art Kreis. Denn jedes Drittel ist immer mit vorhanden. Fortschritt ist für Hegel daher kein Hinauf, sondern ein Streben nach Vollendung. Und das Unvollendete ist ein Teil des Vollendeten geworden.

 

Der subjektive Geist ist ebenfalls in drei Teile zerlegt in die Seele (Sinne), das  Bewusstsein (Selbstreflexion) und den Geist (Selbst-bestimmung).


Der objektive Geist ist in die normative Ordnung von  Recht, Moral und Sitte gedrittelt. Hegel unterscheidet also Moral und Sitte. Das macht Kant nicht. Für Kant sind Moral und Sitte gleichbedeutend. Bei Hegel beginnt es mit dem abstrakten Recht, das einfach Regeln zum Eigentum, Vertrag etc. aufstellt und klärt was Recht und Unrecht ist. Das beginnt im Grunde mit den Vieh züchtenden und Ackerbau treibenden Barbaren. Er nennt hier explizit die Ehe und den Ackerbau als maßgebend. Für ihn war die Ehe ein sittliches Verhältnis in dreierlei Hinsicht. Das hat der Alte (wie man ihn im Tübinger Stift nannte) auch mit dem Wort „Aufheben“ gemacht. Einerseits kann man etwas aufheben im Sinne der Negation, dann kann man es aufheben um es zu bewahren und zugleich aufheben im Sinne des Emporhebens. So sah Hegel die Ehe als Aufheben der Romanze und Überführung, Emporheben und Bewahren als eheliche Verbindung. Ein schöner Gedanke.

 

Die Moral ist dann die normative Verinnerlichung dieser Regeln in Form des Empfindens von Schuld und Vorsatz, Absicht und Wohl, das Gute und das Gewissen. Hier bestimmen der Wille und die Reflexion des Willens, indem sich das Subjekt selbst bestimmt. Doch die Sittlichkeit ist bei Hegel als dritte Stufe  überindividuell in drei Weisen vorhanden.  Die Familie in Form von Liebe, da die Familie unmittelbare Substantialität des Geistes darstellt und somit die Grundlage jedes Individuum ist. Dabei ist auch die Auflösung der Familie wichtig, da sie zu weiteren Familiengründungen führt. Wenn man sich nicht löst von seinen Eltern, dann steht die Entwicklung still in irgendwelchen Sippen.

 

Aus all diesen Familien bildet sich naturgemäß die bürgerliche Gesellschaft, die eine Form der Kooperation der familiären Eigeninteressen darstellt. Und aus dieser bürgerlichen Gesellschaft formt sich der Staat als wahre Vereinigung aller Individuen und Wirklichkeit der Sitten.

 

Der Staat ist bei Hegel nicht das Volk. Vielmehr ist der Staat die formelle Verallgemeinerung des Geistes, der Völkergeister. Der objektive Geist drückt sich bei Hegel in den Grundlinien der Philosophie des Rechts aus. Ein Volk ist für ihn noch lange kein Staat. Dazu bedarf es der Realisierung der Form des Rechts. Das vollziehen seine Völkergeister. Und bei Hegel ist der Krieg die Triebfeder zur Bildung von Recht. Was er das Heroenrecht zur Stiftung von Staaten nennt.


Der absolute Geist ist als Kultur in Kunst (Anschauung und Bild), Religion (Gefühl und Vorstellung) und Philosophie (reiner, freier Gedanke) gedrittelt.

 

Während Kants Weltgeschichte eine kosmopolitische Idee vom Fortschritt ist, nur als regulatives Ordnungsprinzip gedacht und keineswegs gewährleistet, ist Hegels Weltgeschichte eine Art Gerichtsgebäude, das die Verwirklichung des allgemeinen Geistes auslegt. Hegels Ordnungsprinzip erhebt den Anspruch einer transzendentalen Erkenntnis, gipfelnd in Hegels berühmten Satz: Was wirklich ist, ist vernünftig und was vernünftig ist, ist wirklich. In diesem hegelschen Sinn haben wir noch keine Wirklichkeit vorliegen, da sie sich noch nicht voll verwirklicht hat. Und wir haben auch keine vollständige Vernunft vorliegen, da die Wirklichkeit noch wirkt.

 

Viele verstehen nicht, dass dieser Dreischritt kreisförmig verläuft. Sie halten Hegels Philosophie daher für brisant und behaupten, Hegel würde so auch eine Diktatur als sittlich ansehen. Das stimmt aber nicht. Der Staat als höchste sittliche Wirklichkeit bürgt für das abstrakte Recht und dieses abstrakte Recht schafft die Moralität des Subjekts, indem das Subjekt dieses abstrakte Recht verinnerlicht und daraus entsteht die Sittlichkeit des Staates, der wiederum das abstrakte Recht verbürgt. Da im Kern die Familie das Zentrum der bürgerlichen Gesellschaft ausmacht und die Kooperation der Familien Grundlage der Sittlichkeit sind, und in Folge dessen, dass auch die Auflösung der Familie in Form von Neugründungen der Familie für einen konsequenten historischen Fortschritt sorgt, erfüllt sich die Sittlichkeit des Staates als wahrer Vereinigung aller Individuen.


Es ist schon aus diesem Blickwinkel klar, dass die aktuellen nationalen Politiken als spektakuläre postlibertäre Demokratien nicht den allgemeinen Geist spiegeln, sondern als Auflösungstendenz der nationalen Einheiten die Weltgeschichte vorantreiben. Die globalen Machtverhältnisse spiegeln sich nicht im Entferntesten in den nationalen Politiken. Während der Absolutismus sich in Hegels Zeitalter auflöste, löst sich nun die nationalliberale Demokratie auf. Der Verlauf: Theokratie – Aristokratie – Absolutismus – Demokratie – und wieder zur aufgehobenen, emporgehobenen Theokratie. Die Auflösung der römischen Demokratie mündete in den Absolutismus. Der Kaiser geht einher mit substantiellen theokratischen Ambivalenzen. Die gesamte Geschichte ist in jedem einzelnen Geschichtsabschnitt vorhanden. Es ist immer die Summe der Weltgeschichte da und das Einzelne kann sich nicht unabhängig von der Summe verwirklichen. Das Endliche und das Unendliche war einst eine Einheit, wurde in der Verwirklichung des Subjekts gespalten und hat sich dann erneuert im Recht. Gegen diese Wucht von Hegels Philosophie des Geistes ist Kant nur ein holzköpfiger Beamter, ein Kategorien sabbernder, Normen hustender Pfeifenraucher. Aber Kant ist der ältere von beiden und Hegel blamierte sich, als er Napoleon für den personifizierten Weltgeist hielt.

 

 

 

ENDE

 

 

 

Der achte Beitrag:

 

 

LUDWIG WITTGENSTEIN

 

Ludwig Wittgenstein 1910

Sprache und Sprachspiel

 

Von der logischen Tiefenstruktur zur Sprachhandlung.

 

 

Ludwig Wittgenstein wurde 1889 geboren, als Spross einer wohlhabenden und kinderrei-chen Familie in Wien. Zur Philosophie kam er auf Um-wegen über Bertrand Russell, der in Cambridge lehrte. Wittgenstein war kein besonders guter Schüler, vor allem die technischen, naturwissenschaft-lichen Fächer bereiteten ihm Schwierigkeiten. In Religion und Englisch jedoch hatte er gute Noten. Nach dem Vorbild des Vaters studierte der Sohn dennoch Ingenieurswissenschaft in Berlin. Schließlich lernte Wittgenstein Russell kennen und kam so durch die Anregung seines Mentors und Freunds zur Philosophie.

 

Wittgenstein brauchte Anregung von außen, aber einmal in Gang war er dann sehr überzeugt von seinen Ideen. Als jüdisch-stämmiger Homosexueller dürften ihn nicht nur einmal Steine in den Weg gelegt worden sein. Sein nicht unbeträchtliches Erbe verschenkte er ohne Zögern an seine Freunde. Geblieben ist ihm eine Blockhütte in Norwegen, die offensichtlich niemand haben wollte. Er verstarb 1951. Sein einziges zu Lebzeiten veröffentlichtes Werk ist der Tractatus logico-philosophicus.

 

Beim Lesen der großen Klassiker, etwa Kant und Hegel, brach Wittgenstein die Lektüre stets vorzeitig ab, so sei er nie zu den eigentlichen Problemen dieser Philosophen durchgedrungen, weil ihm die Unklarheit der Sprache Missbehagen bereitete. Er suchte vor allem nach Klarheit und Orientierung.

 

Wittgenstein hinterließ kein philosophisches System, so gibt es zahlreiche Versuche, Kohärenz in seinem Werk zu finden.

 

Philosophie wird in Sprache formuliert, wenn diese Sprache jedoch nicht gut formuliert ist, ist die Philosophie nicht zu verstehen, so Wittgenstein, der nach der idealen Sprache suchte. Die Sprache verhext unsere Gedanken, sagte er, Sprache verzerrt gleichsam unser Denken, umkleidet es.

 

Wittgenstein ging es darum, die reine Sprache dahinter zu finden, quasi den Gedanken zu finden, der in der Sprache steckt, den Gedanken von der Sprache zu entkleiden. Dieses Bedürfnis, die Sprache zu „enthexen“, ergibt sich womöglich auch durch den Einfluss der Aufklärung, der Wittgenstein in England ausgesetzt war und nicht zuletzt durch seinen Mentor und Freund, den Neopositivist und Wissenschaftstheoretiker Bertrand Russell (Hauptwerk: Prinzipia Mathematica, in der Russell die Sprache in mathematische Ausdrucksformen zu bringen sucht).

 

Ludwig Wittgenstein 1930

 

 

Animiert auch von Gottlieb Frege (Begründer der modernen Logik – Präzisierung der Sprache mit Hilfe der Mathematik) sucht Wittgenstein vor allem nach dem Ende des Fragens. Er fragt nach sinnvollen Grenzen des Redens (so wie Kant etwa nach den Grenzen der Erkenntnis). Die Philosophie soll nach Wittgenstein die Grenze des Unsagbaren markieren. Diese Grenze des Unsagbaren vom Sagbaren her zu bestimmen gilt sein Hauptaugenmerk. Man miß-deutete ihn als Wissenschafts-theoretiker, was er jedoch nicht war. Vielmehr setzte er sich mit Worten konkret auseinander. Er spricht vom Abbild der Tatsachen, nicht der Dinge. So könne man zum Baum Baum sagen, aber wie sei es mit Worten wie sogar oder fünf? Was ist sogar für ein Ding? Gibt es eine Fünfheit? Die Logik hat einen rein tautologischen Charakter, das dem Denken und Sein gemeinsame könne nicht ausgesagt, sondern nur gezeigt werden mittels Symbolen, bzw. Zeichen.

 

Daher muss Tiefe in die Sprache hineingedacht werden. Cäsar wird von Brutus ermordet. Oder: Brutus ermordet Cäsar. Das diesen Aussagen Gemeinsame liegt in der Formel aRb. a steht für Cäsar, b steht für Brutus, R steht für Relation. a steht zu b in einer Relation. Sprechen wir also über die Welt, gibt es nur einen logischen Sachverhalt. Da reine Gedanken durch die Sprache verkleidet werden, müssen wir wieder zu einer logischen Form (Tiefenstruktur) kommen.

 

Das Abbild: Grammophonplatte, musikalischer Gedanke, Partitur, Schallwellen, ihnen allen ist ein logischer Bau gemeinsam, sie stehen in einem internen logischen Zusammenhang, beziehen sich gewissermaßen aufeinander.

 

 

Wie kommt nun Wittgenstein von der logischen Form zu etwas Substantiellem? Das Abbild zeigt nicht das Abgebildete. Man schaut durch das Abbild hindurch auf den Sinn des Abbildes, wobei der Verweisungscharakter keineswegs klar ist. Man müsste, um über Sprache zu sprechen, eine Sprache jenseits der Sprache erfinden. Wittgenstein lehnt dies ab. Es bleibt also somit das Zeigen und Schauen.

 

Später relativiert Wittgenstein in seinen philosophischen Untersuchungen diese reine Form der Logik, er sieht darin nichts Erfindbares, da die logische Form auf nichts verweist. So muss man empirisch vorgehen. So passen rot und rund zusammen, aber nicht rot und grün, da sich dies beißt (Ausschließungscharakter). Das Abbild missfällt Wittgenstein, denn sie gibt keine Sicherheit. Mit Sprache könne man alles und nichts aussagen. Es gibt nichts Verborgenes mehr in der Sprache, keine reine Logik der Form. Man muss suchen nach dem, was da ist.

 

So kommt Wittgenstein zu den Sprachhandlungen. Er entwickelt eine Art Grammatik, nicht im Sinne unserer Natursprachen (Subjekt, Objekt etc.), vielmehr eine allgemeinere, grundsätzlichere Grammatik, welche zur Beschreibung des Kontexts von Sprache und Welt verwendet werden kann. Diese Grammatik dient als Handlungsregel von Worten. Sprachhandlungen finden in der Welt statt und es gibt hier keine Trennung von Sprache und Welt. Die Harmonie zwischen Sprache und Welt entsteht durch den Kontext der Handlungsregeln.

 

 

Das Wort Baum bezeichnet also nicht das Ding Baum, sondern tritt mit dem Ding in eine Harmonie, so dass es Sinn macht, Baum zu sagen. So kann es sinnlose Sprachhandlungen geben, die eben mit dem Kontext nicht in Harmonie stehen. Wenn ich jetzt behaupte, dass gerade ein Elefant durch mein Zimmer geht, während ich dies schreibe, so stört dies den Kontext, die Harmonie dieses Texts als Welt.

 

Wittgensteins Grab in Cambridge

 

Wittgenstein kommt so von der logischen Analyse der Sprache zur Beschreibung der Sprache nach-dem sie verwendet wurde. Wir können also nicht Sprache beschreiben während wir sie verwenden. Der Gebrauch eines Worts ist seine Bedeutung. Die Bedeutung deutet hin auf ein Ding durch das Wort (Frege: Jede Bezeichnung hat eine Bedeutung).

 

Es besteht also zwischen Ding und Wort keine notwendige Korrelation, sondern eine Handlungsharmonie. Wir können die Sprache demnach als ein Spiel auffassen, das nach gewissen Regeln funktioniert. Hier kann man Sprache mit dem Schachspielen vergleichen.

 

 

Von der logischen Form kommt Wittgenstein also zum Spiel, zur Harmonie von Sprache und Welt. Die Regeln sind dabei nicht fundamental, können jederzeit gebrochen werden, und daher kann man erst Regeln herausfinden, nachdem gesprochen wurde.

 

Der Kaiser steht nackt vor seinem Volk. Das Volk wird befragt, wie ihm seine neuen Kleider stehen und das Volk sagt, sie stehen ihm gut. Das Kind jedoch sagt, der Kaiser sei nackt. Im Nachhinein hat das Kind recht, das mehr Wahrheit aussagt als das Volk. Aber im Augenblick ist das Volk in der Mehrheit. Im Nachhinein kann man also die Sprachregel feststellen, die zwischen Volk und Kaiser galt.

 

Sprache/Handlungsregeln verändern sich nicht willkürlich, sondern mit einer gewissen Trägheit.

 

Wittgenstein schlägt also in seiner Philosophie den Bogen von der kristallklaren logischen Form zum weichen Spiel der Handlungsregeln.

 

Findet man eine Wahrheit, ist sie unumstürzbar – angenommen aber, sie ist falsch, was dann?

 

 

Sprache ist nach Wittgenstein eine Handlung unter anderen, ein Operieren mit Zeichen. Es geht dabei um Harmonie und nicht um letzte Aussagen. Wir einigen uns sozusagen immer wieder in diesem Spiel auf unsere Handlungsregeln, die wir im Nachhinein betrachten können.

 

 

 

ENDE

 

 

 

Der neunte Beitrag

 

 

 

THOMAS VON AQUIN

 

 

Der auf einem Schloss etwa 100 Kilometer südöstlich von Rom geborene Thomas von Aquin (1225-1274) war einer der einflussreichsten Kirchenlehrer der römisch-katholischen Kirche. Man nannte ihn auch Doctor Angelicus. Als Hauptvertreter der so- genannten Scholastik (Stubengelehrte) beschäftigte er sich vor allem mit Theologie und stützte sein Gedankengebäude vornehmlich auf Aristoteles.

 

Jenes aber, das der Intellekt als Erstes und gleichsam Bekannteste begreift, und worauf er alles Begriffene zurückführt, ist das Seiende. (aus: de Veritate)

 

Dieses Seiende ist für Thomas erkennbar an den Begriffen. Für Thomas ist Erkenntnis gleichgesetzt mit Offenbarung.  Dies Seiende als Erkenntnis muss uns aber vollkommen widerspruchsfrei gegeben sein.

 

Das erste Prinzip nun, dadurch etwas ist, ist, dass es nicht zugleich sein und nicht sein kann.(aus in Metaphysicam), Gott existiert oder er existiert nicht. Er kann nicht beides zugleich. Dieses widerspruchsfreie Sein aber ist gar nicht beweisbar, es ist allem vorausgesetzt. So ein Wissen nannte Immanuel Kant später „transzendentes Wissen“.

 

Die unterschiedlichen Beziehungen des Seienden zum Sein verhindern, so, dass Sein in einem und demselben Sinn begriffen ist. (de potentia dei).

 

Sein hat verschiedene Bedeutungen. Wir haben die logische Paradoxie vorliegen, dass das Absolute sich nicht selbst als Absolutes enthalten kann. Daher ist alles Einzelne natürlich in Relation zum Absoluten widersprüchlich.  Doch je widersprüchlicher es ist, desto weniger ist es.  Da ja die Widerspruchsfreiheit Wesen des Seins ist.

 

Es scheint also, als hätten wir keinen Begriff von Gott. (Summa Theologica). Somit erkennt Thomas, dass das gänzlich Wider-spruchsfreie keinen Begriff von sich hat. Alles begriffene wird auf etwas nicht Begriffenes zurückgeführt. Bzw. ein Ausdruck wird auf etwas zurückgeführt, was selbst keinen Ausdruck hat, weil es widerspruchsfrei ist. Wir haben nur Analogien. So schrieb Johann Wolfgang von Goethe  am Ende seines Faust-Dramas: Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis …, wir haben mehr oder weniger Kopien von dem, was mit sich selbst vollkommen eins ist. Wäre dies aber nicht, könnten wir die Widersprüche gar nicht denken, hätten wir keinerlei Analogien. Auch hier kann man Goethes Faust-Drama zitieren: Am farbigen Abglanz haben wir das Leben (Vers 4427).


Wir haben Analogien vom Absoluten: sogenannte Analogia entis. 
Der Name Gottes wird analog gebraucht. Was ist der angemessenste Name? Ich antworte: Der, der ist. Und der Intellekt kennt ihn nur in seinen Begriffen, nicht in ihm selbst. (summa theologica). Hier taucht das „ego eimi“, ich bin, der ich bin, auf. Dieser mit sich selbst vollkommen identische Gott kann nie univok ausgedrückt werden, immer nur äquivok.

 

Wahrheit ist die Angemessenheit von Intellekt und Sache. (summa theologica).

 

Diese als „Adäquationstheorie“ (auch Korrespondenztheorie) bekannte Aussage von Thomas ist die erste Formulierung eines Wahrheitsbegriffs. Veritas est adequatio rei et intellectus. Diese Theorie geht von Wahrheit als Übereinstimmung gedanklicher Vorstellungen mit der Wirklichkeit aus. Ihre Vertreter verstehen Wahrheit grundsätzlich als eine Relation zwischen zwei Bezugspunkten und bezeichnen diese als Übereinstimmung, Entsprechung. So sah es Aristoteles bereits. Die annähernd gegenteilige Sicht ist die des antiken Skeptizismus, der die Möglichkeit einer gesicherten, nachweisbaren Erkenntnis von Wirklichkeit und Wahrheit infrage stellt. So dachte zum Beispiel der Philosoph Protagoras. Er sagte: Der Mensch ist das Maß aller Dinge, der Seienden, dass sie sind, der nicht Seienden, dass sie nicht sind.

 

Entsprechung und Übereinstimmung sind bei Thomas von Aquin Analogien. Gott selbst kann man jedoch nicht wissen. Der Intellekt erkennt Gott nicht in sich selbst, sondern in intellektiver Art, aber nicht so, als sei Gott auf diese Art. So liegt er nicht falsch, wenn er in seiner Art bleibt. (Summa Theologica).

 

Der Intellekt ist ja selbst eine Analogie und damit widersprüchlich. Wir können – nach Thomas – durchaus erkennen, dass es etwas über den Intellekt hinaus gehendes gibt, aber selbst hinausgehen können wir nicht. Mit dieser theologischen Skepsis hat Thomas von Aquin die Erkenntnis-Kritik von Immanuel Kant vorbereitet. In der Empirie vertrat Kant dann einen gemäßigten Fallibilismus (= es gibt keine unfehlbare Erkenntnisinstanz).

 

Thomas von Aquin war in gewisser Weise epistemologisch naiv. Vereinfacht gesagt sah Thomas das in etwa so: Wir können Gott im Fernsehen gucken, aber nicht persönlich treffen.


Existiert er denn dann? Oder ist er gar nur ein Hirngespinst? Vatikan-TV? Thomas bringt daher fünf sogenannte Gottesbeweise. Da seit einem offiziellen Erlass von  Leo XIII aus dem Jahr 1879 Thomas von Aquin an allen kirchlichen Schulen gelehrt werden muss, sind diese fünf Gottesbeweise Teil des Katechismus und jeder Schüler einer Oberstufe hat von ihnen (sofern er katholisch ist) schon gehört.

 

1. Alles Bewegte hat einen Beweger, der wiederum bewegt wird. Dies kann aber nicht ins Unendliche gehen. Notwendig läuft alles auf einen ersten Beweger zurück. In diesem erkennen alle Gott. (intellegunt Deum).

 

Was Thomas von Aquin hier mit den Worten des Aristoteles macht, ist schon bemerkenswert. Denn der „unbewegte Beweger“ des Aristoteles (bei Aristoteles sind es genau genommen 47 Bewegungen der Planeten, die er erkennt) wird hier zum ersten Beweger als einem Anfang. Wenn sich eben alles was wir so kennen mehr oder weniger bewegt. Dieses schwingende Universum hat ja auch in der modernen Physik seinen Anfang nehmen müssen. Nichts weiter sagt Thomas.

 

2. Wäre keine erste Ursache aller Wirkungen, so wären auch keine dazwischen liegenden Ursachen und Wirkungen. Also muss es eine erste Ursache geben. Diese nennen wir Gott. (Summa Theologica).

 

Alles braucht seinen Anfang und ein Etwas, das zum ersten Mal in Bewegung geriet. Wäre dem nicht so, gäbe es keinerlei Vielfalt. Gott ist eh nur eine Analogie für diese Ursache für einen Anfang. Keine Ursache, ohne eine Ursache. So einfach.

 

3. Seiendem ist es in der Zeit möglich zu sein oder nicht zu sein. Wenn es aber nichts gibt, das absolut notwendig ist, dann hat es einmal einen Zeitpunkt gegeben, an dem gar nichts war. Auch dann muss es etwas geben, das dem seienden Sein gab. Das heißen alle Gott (dicunt deum) (Summa Theologica).

 

Dies wäre das kosmologische Argument. Es gab nun einmal irgendwann eine Zeit, in der kein physikalisches Objekt vorlag. Aber irgendwoher müssen dann die Objekte kommen. Gott ist nur ein Etikett für diese Unerklärlichkeit. Thomas stellt nur fest, dass man logisch eine ewige Regression ausschließen kann. Das ergibt logisch durchaus Sinn. Ansonsten wäre das ein Zirkelschluss.

 

Zirkelschluss.


Wir alle kennen die berühmte Kinderfrage nach dem Warum. Warum ist das so und so? Wenn man nicht aufpasst, kommt man zweifellos irgendwann in Erklärungsnot. Ein Zirkelschluss als infiniter Regress ist möglich, aber unbefriedigend.

 

Ein Beispiel:

 

Mutter: wir müssen einkaufen gehen.


Kind: warum müssen wir einkaufen gehen?


Mutter: Weil der Kühlschrank leer ist.


Kind: Warum ist der Kühlschrank leer?

 

Passen wir nun nicht auf, ginge es immer weiter (weil wir alles gegessen haben, weil wir Hunger haben, weil unsere Zellen Zucker brauchen, weil es die Evolution so eingerichtet hat, weil?)  Daher antworten wir nicht, wie es angemessen wäre: weil wir alles aufgegessen haben, sondern:

 

Mutter: Weil wir nicht einkaufen waren.

 
Kind: Warum waren wir nicht einkaufen?


Mutter:  Weil der Kühlschrank noch voll war.


Kind: Warum war der Kühlschrank noch voll?


Mutter: weil wir da einkaufen waren.


Kind: Warum waren wir einkaufen?


Mutter: Weil der Kühlschrank leer war.

 

Dieser infinite Regress ist aber nur eine formallogische Struktur und hat mit der Wirklichkeit nur sequentiell zu tun. Der Grund warum wir hier sind, kann ja nicht selbst der Grund dafür sein, warum wir hier sind. Damit widerlegt Thomas das per se ipsum Argument von Anselm von Canterbury. Ob Gott sich selbst gemacht hat oder nicht, können wir gar nicht wissen.

 

Die nächsten beiden Gottesbeweise von Aquin beschäftigen sich mit der Essenz der ersten Ursache.

 

4. Seiendes kann mehr oder weniger etwas sein (z. B. gut, wahr…). Dies kann es aber nur, insofern es sich an einem Maximum misst. Das nennen wir Gott (dicimus Deum) (Summa Theologica).

 

Es ist kein Stufenargument (der Religions-Kritiker Richard Dawkins irrte sich, weil er ein schlechter Philosoph ist, und sehr vergesslich. Philosophen brauchen vor allem ein gutes historisches Gedächtnis, um zu wissen, wann was als gewusst gedacht wurde und wann nicht), sondern es handelt sich um ein Ordnungsargument. Es handelt sich nicht um ein lokales Maximum, also einen Extremwert von dem Thomas spricht, sondern von einem Ordnungselement, wenn x größer als y ist. Das hat Thomas schon am Anfang klar- gemacht in seiner Analogia entis. Es sind unsere Begriffe stets nur Relationen, Beziehungen. Um Relationen sinnvoll nutzen zu können, benötigt man einen Maßstab. Und dafür steht das Etikett Gott. So einfach.

 

5. Alles ist zweckmäßig geordnet. Diese Ordnung kommt von einer Intelligenz. Diese nennen wir Gott. (Summa Theologica).

 

Es ist hier nicht intelligent Design gemeint. Denn da Thomas hier alle physikalischen Objekte einschließt, (also auch Steine, Atome etc.) bedeutet dieses Telos-Argument schlicht, dass auch das, was selbst weder Willen noch Erkenntnis hat einer festen Ordnung unterliegt. Wir haben wieder das Problem einer zugrunde liegenden ersten Ursache. Denn was die Naturwissenschaftler Evolution nennen, braucht eo ipso selbst eine Ursache. Das ist kein intelligentes Design, denn Thomas sagt ganz klar, dass wir gar nicht wissen können, wie Gott selbst ist. Wir haben nur Analogien. Die Evolution mag eine angemessene Analogie sein, ist aber nicht die letzte bzw. erste Ursache von allem. Sie kann es gar nicht sein, denn sie war selbst einmal nicht da und da war dennoch etwas. Von Nichts kann nichts kommen.  Aber davon können wir gar nichts Weiteres wissen. Der Intellekt ist damit die höchste Analogie.

 

 

ENDE

 

 

 

Der zehnte Beitrag

 

 

ARISTOTELES

 

 

Das Leben von Aristoteles

 

 

Aristoteles kam 385 vor Chr. in Stageira zur Welt. Stagira liegt östlich auf der griechischen Halbinsel Chalkidi in Mazedonien. Man nannte ihn daher auch „der Stageirit“. Der Vater von Aristoteles war Leibarzt am mazedonischen Hof Philipp II.  Er genoss eine gute Ausbildung und ging als junger Mann im Alter von 17 Jahren  (367 v. Chr.) nach Athen. Als Mazedo-nier war er in Athen kein aner-kannter Bürger, hatte dort lediglich einen Aufenthaltsstatus und konnte sich auch nicht politisch betätigen. Ob Aristoteles tatsächlich Schüler der Akademie von Platon war, bzw. dort arbeitete, ist ungewiss. Aber dass Aristoteles die Lehre von Platon kannte, ist gewiss.

 

Da der mazedonische König Philipp II. und Athen eigne Interessen verfolgten und die Lage immer unsicherer wurde für einen Mazedonier in Athen, verließ Aristoteles 347 v. Chr. als 37-jähriger Mann Athen. Es folgten einige Jahre auf Wanderschaft, bis Aristoteles als Erzieher des 13-jährigen Alexander 343 v. Chr. an den mazedonischen Hof gerufen wurde.  Es gibt eigentlich keinen erkennbaren Einfluss der Erziehung des Aristoteles auf Alexander den Großen. Wenngleich Alexander der Große sehr gebildet war und die griechische Philosophie hoch schätzte.


Im Jahr 335, als über 50-jähriger, ging Aristoteles noch einmal nach Athen. Zwischenzeitlich hatte Makedonien Athen besiegt und seinen Herrschaftseinfluss auf den Stadtstaat ausgeweitet. Für Aristoteles war es daher weniger gefährlich, nach Athen zu gehen. Er ging an das Lykeum, an das Gymnasium, nicht an die Akademie.

 

 

323 v. Chr. stirbt Alexander der Große und der Einfluss von Makedonien lässt wieder nach. Aristoteles verlässt daraufhin Athen erneut. In Chalkis (zu dieser Zeit unter makedonischem Einfluss) verstarb Aristoteles nur kurze Zeit darauf.

 

 

 

Nikomachische Ethik –Tugendethik des Aristoteles

 

Der Name „nikomachische Ethik“ stammt wohl vom Namen seines Vaters (dem Vater gewidmet) oder vom Namen seines Sohnes (vom Sohn herausgegeben). Zur Echtheit der Schrift lässt sich mit großer Gewissheit sagen, dass sie echt ist. Als Lehrbuch ist sicher auch von Schülern des Aristoteles das eine oder andere beigefügt worden.

 

In seiner Ethik ist es Aristoteles wichtig, vor allem vom menschlichen Handeln zu sprechen, weniger vom allgemein tierischen Handeln. Daher überlegt er zu Anfang, was das menschliche Handeln im Großen auszeichnet. So kommt er auf ein „höchstes Ziel“, das „telos teleioteton“. Das vollkommenste Ziel des Menschen ist immer ein Ziel um seiner selbst willen und nie um eines anderen Willen. Damit schließt Aristoteles viele weltliche Ziele wie Reichtum, Liebeserleben, Weisheit erst einmal aus. Das höchste Ziel um seiner selbst willen ist nach Aristoteles die Eudämonie, das gelungene Leben, oder Glückseligkeit. Diese Glückseligkeit will man nur um seiner selbst willen erreichen. Und sie unterscheidet sich von der reinen sinnlichen Begierde der Tiere, ist nicht hedonistisch. Wenn ich also viel Geld verdienen will, dann dient mir – nach Aristoteles – das Geld lediglich als Vehikel, um mein eigentliches Ziel zu erreichen. Die Glückseligkeit. Wenn ich Sport treibe und mich gesund ernähre, dann dient dieses Handeln dazu, mein eigentliches Ziel zu erreichen. Die Glückseligkeit.

 

Da dieses Ziel nun sehr teleologisch (zielorientiert an dem, was ich will) klingt und gar nicht nach Tugendethik (und als Tugendethik wird die aristotelische Ethik verstanden), gilt es weiter zu klären, was nun ein gelungenes Leben überhaupt ist?

 

Im weiteren Sinne unterscheidet Aristoteles hierfür zwei Verben: Handeln und herstellen.  Während das Herstellen sich auf Dinge, Gegenstände, auf ein Werk außen bezieht, geschieht das Handeln für sich selbst, oder um seiner selbst willen. Beim Herstellen kommt es tatsächlich auf das Ergebnis an. Beim Handeln dagegen nicht, sondern vielmehr geht es beim Handeln um den Prozess. Ziel des Handelns ist inklusiv, nicht dominant. Handeln hat also sein Ziel im eigenen Vollzug. Das Gute zu tun unterscheidet Aristoteles vom guten Ergebnis. Aber es ist schwer vorstellbar, dass etwas Schlechtes herauskommen kann, wenn man etwas gut macht.

 

Diese Aussage: Ziel eines Handelns kann nicht in einem erweiterten Zustand liegen (Herstellen), sondern im Handeln selbst – klingt wieder sehr deontologisch (orientiert an dem, was ich soll und nicht was ich will).

Tugend oder auch Arete (lateinisch virtus) sind bei Aristoteles erst einmal nicht mehr als Tauglichkeit, Vortrefflichkeit. Das deutsche Wort Tugend leitet sich auch ab von dem Verb „taugen“. Tauglichkeit und Tüchtigkeit sind die dazu gebildeten Nominative.

 

Auch ein Baum kann vortrefflich gewachsen sein. Dieses Argument ist bekannt als „Ergon-Argument“. Die Fähigkeit zu leuchten spricht für die Tauglichkeit einer Lampe. Die Fähigkeit Früchte zu tragen spricht für die Vortrefflichkeit eines Fruchtbaums. Und so weiter. Übersetzt auf den Menschen heißt dies im Wesentlichen, dass Tugend bei Aristoteles auf Fähigkeiten reduziert werden.

 

Die Kritikpunkte für das Ergon-Argument liegen natürlich nahe: Spezifizismus, das heißt, dass Aristoteles damit einem geistig Behinderten in Abrede stellt, Glückseligkeit zu erreichen. Weiter unterliegt Aristoteles einem naturalistischen Fehlschluss, da er von der Funktion auf das Tun schließt, als von Sein auf Sollen. Dennoch werden wir später sehen, wenn wir den aristotelischen Tugendkatalog im Einzelnen durchgehen, dass Aristoteles das viel komplexer betrachtet hat und die Kritik des Spezifizismus nicht stichhaltig ist. Der naturalistische Fehlschluss (John Edward Moore lebte von 1873 bis 1958 und entwickelte den naturalistic fallacy in seiner Ethik) ist dagegen schon problematischer. Man kann nicht von einer Beschreibung des Zustands der Welt automatisch auf ein ethisches Gebot schließen, ohne zusätzlich den beschriebenen Zustand der Welt zu bewerten. Was tüchtig und tauglich ist, also tugendhaft, liegt nicht automatisch in der Natur vor. Erst im Nachhinein können wir durch Bewertung des natürlichen Zustands sagen, dass es gut und tauglich ist. Doch hier können wir uns immer wieder irren, zum Beispiel wissen wir nicht sofort, wozu ein Gegenstand oder eine Eigenschaft taugt. Auch eine kaputte Lampe kann tauglich sein, wenn ich sie für ein Kunstwerk verwende, oder einfach als Zierde einsetze.

 

Für Aristoteles jedenfalls ist Tugendethik die Lehre vom richtigen Handeln. Dieses Handeln muss messbar sein. Die Messlatte bei Aristoteles ist hierbei die richtige Haltung, also der Charakter eines Menschen.

 

Der Philosoph Bertrand Russell schrieb in seiner Philosophie-Geschichte daher kritisch, das Buch von Aristoteles wendet sich an ehrbare Menschen mittleren Alters, und solche Leute haben es auch, besonders seit dem siebzehnten Jahrhundert, dazu verwendet, dem Überschwang und Eifer der Jugend einen Dämpfer aufzusetzen. Auf einen etwas tiefer empfindenden Menschen wird es aber wohl geradezu abstoßend wirken. Ich bin nicht ganz seiner Meinung. Vor allem lässt sich das Buch von Aristoteles noch heute sehr gut lesen (natürlich in der deutschen Übersetzung), was für ein Werk, das nun fast 2.500 Jahre alt ist, schon allein bemerkenswert ist. Aristoteles nahm darin auch viel modernes psychologisches Wissen voraus. So machte sich Aristoteles schon viele Gedanken zum Problem der „kognitiven Dissonanz“ (wenn wir etwas anderes wollen, als wir tun). Jeder Raucher kennt das Problem, wenn er verzweifelt versucht, damit aufzuhören und trotz allgemeiner Volksbildung und Durchalphabetisierung und bei voller psychischer Gesundheit mit dem Brustton der Überzeugung sagen kann: „Rauchen erzeugt Krebs, das ist ja wohl erwiesen“, und sich dann genüsslich eine anzündet. Wie schafft es der Mensch, am Abend vor dem Fernsehapparat zu sitzen, sich eine investigative Sendung über die katastrophalen Zustände in deutschen Schlachtbetrieben anzusehen, entsetzt über den Zustand der armen Viecherl, während er sich das billige Rindshack in den Mund stopft? Und wütend schimpfen wir über den Schlachthofbetreiber, der – nach eigener Aussage – gar nicht anders konnte, als polnische Hilfsarbeiter zu zehnt in fünf Quadratmeter große Baracken zu stapeln. Er sei schließlich Unternehmer! Und als wir erfahren, dass die Börsenkurse wieder fallen, machen wir uns ernsthaft Sorgen um die Wirtschaft.

 

Über diese besondere Eigenschaft des Menschen Widersprüche zu denken, machte sich Aristoteles ein ganzes Kapitel lang seine heute noch originellen Gedanken.

 

 

 

Die Seelenlehre des Aristoteles

 

Aristoteles unterteilt nun das menschliche Handeln in zwei Felder:

Das theoretische Leben zeigt sich in der Kontemplation, also der Vernunft, und ist damit eigentlich gar kein Handeln. Sehr griechisch ist diese Einstellung. In der Antike führte man noch keine oder so gut wie keine Experimente durch um die Natur zu befragen. Vielmehr war alles reine Beobachtung. Für einen antiken Philosophen wäre es nicht vernünftig gewesen, eine Blume aufzuschneiden, um sie zu analysieren, denn dann wäre die Blume ja zerstört. Was sollte man da noch erkennen können?

 

Das politische Leben ist für Aristoteles das eigentliche Ziel der Ethik. Berühmt ist seine Aussage vom Menschen als „zoon politikon“, als Mitglied einer Gemeinschaft. Und anders als Thomas Hobbes (17. Jahrhundert / siehe deskriptive Ethik) sah Aristoteles das menschliche Glück in der Gemeinschaft. Wir schließen uns – nach Aristoteles – gerne zusammen und lieben die Geselligkeit. Hobbes dagegen meinte, wir schließen uns nur zusammen, weil wir Angst davor haben, dass uns der andere erschlägt und die Gemeinschaft uns davor schützt.

 

Um Aristoteles ganz zu verstehen, benötigen wir auch sein spezielles Seelenmodell, das dem von Platon sehr ähnelt. Primär unterscheidet Aristoteles einen rationalen und einen irrationalen Teil der Seele. Nach Aristoteles gibt es drei Seelen-Vermögen.

Das denkend-vernünftige Vermögen. Das to dianoetikon, die Fähigkeit zu überlegen, zu sprechen, Einsicht zu haben. Heute würden wir das als unsere kognitiven Fähigkeiten bezeichnen.

 

Das sinnlich-begehrende Vermögen. Das to aisthetikon / to orektikon. Unser Streben, unsere Sinne, unser Begehren ist hier gemeint. Wir streben allgemein nach Lustgewinn. Wir brauchen unsere Augen um zu sehen, unsere Ohren um zu hören. Wir sehnen uns nach anderen Menschen, lieben es auch uns zu bewegen und streben danach wieder zur Ruhe.

Das organisch-vegetative Vermögen. Das to threptikon, hier ist vor allem die Ernährung gemeint. Unser Körper benötigt Vitamine, Kohlenhydrate, Treibstoff. Wir wechseln zwischen Schlaf und Wach sein, wir haben wie Tiere oder Pflanzen organisches und vegetatives (Nerven) Leben in uns. Wir reagieren auf Reize teilweise unwillkürlich oder willkürlich.

 

 

 

Die Tugendlehre des Aristoteles

 

Aus diesen Seelenvermögen ergeben sich zwei Tugendgruppen:

Die Verstandestugenden, dianoetische Tugenden. Das sind Fähigkeiten der Weisheit, Klugheit.

 

Die Charaktertugenden, ethische Tugenden, das sind Fähigkeiten in der Beherrschung der Sinne und der Triebe.

 

Damit wird schnell klar, dass es sich hier auch um eine Hierarchie der Fähigkeiten handelt. Denn ohne Klugheit wird man seine Sinne nicht optimal beherrschen können. So unterscheidet Aristoteles weiter in Lebensbereiche und in Gegenstandsbereiche.

 

Die dianoetische Tugend, das theoretische Wissen, Weisheit, Klugheit, wird weiter unterteilt in notwendiges, unveränderliches Wissen. Das Erkennen dessen, worauf kein Einfluss besteht, Dinge, die man schlicht nicht ändern kann, sondern eben nur „erkennen“ kann. Dazu zählen die Wissenschaft, episteme, allgemeines Wissen. Unsere Einsicht, nous, in Prinzipien, das sind die obersten Regeln, Maximen des Wissens, Lehrsätze. Und die Weisheit, sophia, Weisheit ist die Kenntnis der ehrwürdigsten Dinge von Wissenschaft und Einsicht, also die Kenntnis der Gestirne.

 

Ein weiterer Punkt unseres Vernunftwesens liegt darin, kontingentes (zufälliges), veränderliches Wissen, das Tätig sein, also Dinge, auf die man Einfluss nehmen kann, zu verstehen.

 

Dazu zählt Aristoteles die Kunst, techne, einerseits und das Herstellen (poiesis) andererseits. Unter techne und poiesis versteht Aristoteles vor allem das Handwerkliche, also Schreinern, bauen, aber auch musizieren, dichten. So schließt sich der Kreis, denn für einen antiken Philosophen wäre es eine ganz andere Art von Wissen, nämlich auf Zufall beruhendes Wissen, wenn man eine Blume aufschneidet, um sie zu analysieren. Es machte daher nur Sinn eine Blume aufzuschneiden, wenn man auf diese Weise etwas Neues herstellen wollte. Daher war das Experiment nicht gleich bedeutend wie die Erkenntnis durch Beobachtung dessen, was immer gleich sich verhält. Ein Experiment zerstörte ja dieses Immer Gleiche.

 

Die Klugheit, phronesis, ist für Aristoteles die sittliche Einsicht in mein Handeln. Hier spricht Aristoteles von der „zweiten Natur“ des Handelns, der Hexis, im Lateinischen der Habitus. Dies bezieht sich auf das praktische Handeln und ist das eigentliche Feld der Ethik.

 

Ethische Tugenden (Charaktereigenschaften) gibt es bei Aristoteles genau elf. Diese Tugenden zeichnen sich durch den betont interaktiven Charakter aus. Während bei Platon Weisheit, Tapferkeit und Besonnenheit ausreichen, unterscheidet Aristoteles noch weitere Tugenden voneinander. Aristoteles zeigt, dass das „rechte Handeln“ immer genau in der Mitte liegt.

 

 

 

Der aristotelische Tugendkatalog

 

Die Tapferkeit, andreia, liegt zwischen Feigheit und Tollkühnheit. Diese Tugend bezieht sich vor allem auf den Krieg bzw. den Konflikt. Aristoteles bringt das Beispiel eines unerfahrenen Feldherrn, der naiv den Feind angreift und seine Truppen gefährdet, weil er sich als tapfer erweisen will. Dagegen hält sich der erfahrene Feldherr zurück, verlagert seine Truppen und wartet auf eine günstigere Gelegenheit. Daher ist der erfahrene Feldherr durch seine Klugheit tugendhafter. Mut zeichnet sich nicht durch Übermut aus, sondern durch den vernünftigen Einsatz meiner Fähigkeiten. Daher liegt die Tapferkeit als Tugend in der Mitte. Das kann man durchaus subjektiv sehen. Jeder hat seine eigene Mitte, die er suchen und finden muss. Sie ist auch nicht immer gleich. So ist die Tapferkeit nicht nur eine Frage der Gesinnung, sondern auch eine Frage des Trainings. Mut kann man wie einen Muskel trainieren. Dazu benötige ich aber zusätzliche Fähigkeit auf dem Gebiet, wo ich meinen Mut unter Beweis stellen will. Es ist unsinnig, als Nicht-Schwimmer oder ungeübter Schwimmer mutig den Ärmel-Kanal überqueren zu wollen. Jedem sei angeraten, zuvor ein paar Übungs-Einheiten im nahegelegenen Schwimmbad einzulegen.

 

Die Besonnenheit, sophrosyne, liegt zwischen Zügellosigkeit und Stumpfheit. Diese Tugend bezieht sich auf unseren Körper, aber vor allem im Sinne unseres Verhaltens bei Festlichkeiten oder Zusammenkünften. Es gibt hierzu einen schönen Sketch von dem bayrischen Kabarettisten Gerhard Polt. Zwei ältere Herren sitzen im Bierzelt und beobachten, wie die Saalwärter einen anderen Mann aus dem Zelt werfen. Da sagt der eine ältere Mann zum anderen: „Des hob i ma glei dacht (das habe ich mir gleich gedacht), dass mit dem wos ned stimmt (dass mit dem was nicht stimmt).“

 

Der andere ältere Mann schaut ihn fragend an.
„Na, der hod ja bloß a Wasser trunken (der hat ja nur ein Wasser getrunken).“


Besagt: In einem bayrischen Bierzelt nur ein Selters zu trinken, zeugt eher von Stumpfsinn. Allerdings kann es auch mal zügellos werden in bayrischen Bierzelten. Wenn wir in eine Benefiz-Veranstaltung hinein stürmen und das Buffet leer futtern ohne Rücksicht auf den Hunger anderer, oder bei einer ausgelassenen Party in der Ecke stehen und jegliches Gespräch mit den Gästen ablehnen – hier zeigt sich, dass das Leben in einer Gesellschaft gelernt sein will. Und es ist eine Form der Klugheit, sich im jeweiligen Umfeld „mittig“ zu verhalten.

 

Die Freigebigkeit liegt zwischen Geiz und Verschwendung. Dies bezieht sich auf Geld und Haushalten (oikos). Hier dürfte jedem klar sein, was gemeint ist. Es ist besonders bezeichnend, dass in den westlichen Industrienationen die Spendenbereitschaft der ärmeren Bevölkerungs-anteile höher liegt, als bei den reicheren Bevölkerungsanteilen. Wenn ich als Empfänger von Sozialhilfe einem obdachlosen Bettler 100 Euro schenke, zeige ich mich sicher nicht geizig. Aber klug verhalte ich mich dann auch nicht. Wenn ich als Multimillionär diesem Bettler nur zwei Cent in den Hut werfe, ist das schon fast Zynismus. Die Mitte zwischen Geiz und Verschwendung hängt also stark mit den individuellen ökonomischen Verhältnissen zusammen.

 

Die Hochherzigkeit (Großmut, oder auch Altruismus) liegt zwischen Kleinlichkeit und Prahlerei. Auch diese Tugendfähigkeit bezieht sich auf unser Haushalten. Hier bezieht sich Aristoteles auf ein gutes Handeln, das nicht als Pflicht zu sehen ist. In der christlichen Ethik gibt es den schwer auszusprechenden Begriff der Supererogation, das Wort setzt sich aus dem lateinischen Wort „super“ (oberhalb) und „erogare“ (verteilen) zusammen und hier tut man mehr, als die Pflicht verlangt. Nicht wenige Menschen haben sich für andere regelrecht aufgeopfert. Das mussten sie nicht tun. Sie taten es aus einem höheren Gefühl heraus. Wer in ein brennendes Haus stürmt, um ein Kind zu retten, der bringt sich selbst in höchste Gefahr. Der Gesetzgeber verpflichtet uns nicht, das zu tun. Da sollten wir nur die Feuerwehr rufen und abwarten, bis die Profis das regeln. Die müssen es wiederum. Aber die sind ja dafür ausgebildet. Wer nicht warten kann, weil es vielleicht sonst zu spät ist und trotzdem in das brennende Haus stürmt und das Kind rettet, ist daher ein Held. Dieser Großmut kann schiefgehen. Dann ist er ein toter Held. Damit wäre niemandem geholfen. In der großartigen Serie „Fargo“ (die sich nur in Teilen an den originalen Spielfilm der Coenbrüder hält) gibt es eine Szene, in der ein Millionär viel Geld verschenkt, um anderen zu helfen. Leider ist die Welt nicht besser geworden. Schließlich verschenkt er all sein Geld und lebt selbst in Armut. Die Welt ist immer noch nicht besser geworden. Das Letzte, was er verschenken kann, ist sein Leben. Er bringt sich schließlich aus purem Altruismus um. Diese Parabel sagt uns viel über den Edelmut, wenn es schiefgeht.

 

Das Ehrbewusstsein liegt zwischen Ehrsüchtigkeit und Ehrgeizlosigkeit. Sehr schön formulierte es einmal der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer (1788-1860) in seinen „Aphorismen zur Lebensweisheit“: Die Ehre ist das äußere Gewissen und das Gewissen die innere Ehre. Die Ehre ist objektiv, die Meinung anderer von unserem Wert und, subjektiv, unsere Furcht vor dieser Meinung. ... Ruhm muss daher erst erworben werden, die Ehre hingegen braucht bloß nicht verloren zu gehen.


Manche Menschen glühen geradezu vor Ehrgeiz und sie sind süchtig nach der Anerkennung durch andere. Gerade in den westlichen Indus-trienationen wird der Ehrgeiz positiv bewertet als Karriere. Es ist ein Fundament der Moral, dass das Bild, das man sich von sich selbst macht, ununterscheidbar sei von dem Bild von sich, das uns von den anderen zurückgeworfen wird. Doch viele verwechseln dies mit Anerkennung. Anerkennung jedoch ist die Achtung der Bedürfnisse von Menschen, die einem nicht gleichgestellt sind, oder eine andere Meinung vertreten.


Es gibt andererseits auch Menschen, die keinerlei Ehrgeiz haben und denen ziemlich egal ist, was andere von ihnen halten. Das kann eine Tugend sein, ist aber oft eher mangelnde Selbstpflege. Nicht selten liegen hier auch psychische Störungen zugrunde, wie zum Beispiel Suchtverhalten oder eine Depression. Antriebslosigkeit kann dann zum persönlichen Verfall beitragen.

 

Die Seelengröße liegt zwischen Wichtigtuerei und Unbedarftheit. Die Tugendfähigkeiten von Ehrbewusstsein und Seelengröße betreffen unser Ansehen in der Welt. Vom eitlen Geck bis zum demütigen Eremiten spannt sich der Bogen hier.  Die Mitte liegt darin, sein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen, aber auch nicht weit darüber. Wer etwas zu sagen hat, sollte es – bitteschön – auch sagen, wer nichts zu sagen hat, sollte dann doch lieber schweigen. Wir wissen alle, dass in unserer modernen Mediengesellschaft meistens das Gegenteil der Fall ist. Viele Dummköpfe, die nur äußerlich glänzen, breiten sich aus und allzu viele wirklich kluge Köpfe halten sich immer bedeckter, um dem Schmerz zu entgehen, von Dummköpfen angeblafft zu werden.

 

Die Sanftmut liegt zwischen Zornmütigkeit und Zornlosigkeit. Es ist für einen Menschen, der dazu neigt aufzubrausen (cholerischer Charakter) eine besondere Tugend, wenn er es schafft, sich zu beherrschen und es ist für einen Menschen, der jedem Streit aus dem Weg geht, der phlegmatisch zu nichts eine Meinung hat eine Leistung, endlich einmal ein tosendes „NEIN“ zu brüllen. Jeder hat seine eigene Mitte. Und die Sanftmut, die Aristoteles anspricht, bedeutet nicht, dass man den ganzen Tag säuselt wie ein Blatt im Wind. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es wenig Sinn macht, Kinder anzubrüllen. Sie schreien selbst schon laut genug. Aber ich erzielte einen Wirkungstreffer, wenn meine Stimme plötzlich betont leise wurde. Emotionen werden leicht übertragen. Gefühle sind infektiös. Vielen vergeht die Lust am Streiten, wenn sie keinen Widerstand erleben. Die Geschichte lehrte uns auch, dass so manchem Herrscher die Lust am Regieren verging, wenn das Volk sich widerstandslos zeigte.

 

Die Freundlichkeit liegt zwischen Streitsüchtigkeit und Anbiederung. Anders als die Sanftmut steht bei der Freundlichkeit die Frage im Raum, ob ich immer mit Gewalt mein Recht durchsetzen muss. Es gibt Menschen, die ständig widersprechen und es gibt Menschen, die einen umschmeicheln und belecken, bis man sich glitschig wie ein Fisch fühlt. Für sich selbst muss man immer wieder entscheiden, ob man nun nachgibt und es dabei belässt, oder bis aufs Blut widerspricht. Für freundliche Kritik sind die meisten Menschen immer zu haben. Eine einfache Technik der Kommunikation ist die Sandwichtechnik. Wie bei einem Sandwich bringe ich eine Kritik zwischen zwei anerkennenden und lobenden Sätzen unter. Ein Lob – die Kritik – ein Lob. Ich finde es super, wie du dich für deine Belange einsetzt, auch wenn es mir schon zu heftig ist, aber du erstaunst mich mit deinen Argumenten. Das als kleines Beispiel. Übertreiben sollte man das allerdings auch nicht, sonst wird man durchschaut und als hinterlistig bewertet.

 

Die Wahrhaftigkeit liegt zwischen Prahlerei und Tiefstapelei. Angenommen sie laden ihre alten Freunde vom Fußballverein ein, und dann tischen sie Kaviar, Champagner auf und ein eigenes Orchester spielt extra für alle, dann die alten Kumpels, die eigentlich nur einen Kasten Bier und ein paar Tüten Chips erwarteten, etwas irritiert sein. Wenn nun aber ihr Chef mit seiner Gattin zum Abendessen kommt und sie dann zu ihm sagen: „Wieso haben sie nichts zum Essen mitgebracht?“ Nun dann fehlt ihnen die rechte Mitte. Manche Menschen geben an, was sie alles können, was sie alles haben. Andere wiederum tun so, als wären sie gar nichts. Karl und Theo Albrecht, die beiden Begründer der Discounter-Kette ALDI, traten stets auf, als wären sie kleine Kiosk-Verkäufer. Sie hatten Angst davor, entführt zu werden, auf ihren Reichtum reduziert zu werden und so weiter. Sie stapelten auf eine Weise tief, dass es fast nicht mehr als wahrhaftig anzusehen war. Es ist also ein Unterschied zwischen Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Heute würden wir dazu Authentizität sagen.

 

Die Artigkeit liegt zwischen Possenreißerei und Steifheit. Sie erinnern sich, in jeder Schulklasse gab es einen Clown und einen Streber. Der eine machte ständig Faxen und störte notorisch den Unterricht, der andere saß stocksteif da, machte alles nach Vorschrift, meldete sich brav und arbeitete Jahre später beim Finanzamt. Der Klassenclown wurde entweder Alkoholiker oder Künstler.

 

 

Die Tugenden Sanftmut, Freundlichkeit, Wahrhaftigkeit und Artigkeit betreffen unsere Tugendfähigkeit zur Kooperation, sind damit vor allem Friedenstugenden.

 

 

 

Die Tugend der Gerechtigkeit


Die elfte Tugendfähigkeit, die Gerechtigkeit, sehen wir uns genauer an. Denn sie ist die eigentliche Tugendfähigkeit in Friedenszeiten. Für das aristotelische Ideal der Polis, der Gemeinschaft, ist sie zentral von Bedeutung.

 

Gerechtigkeit im weitesten Sinn ist die Beherrschung sämtlicher Tugendfähigkeiten (1-10). Also ähnlich wie bei Platon: Wenn ich weise, tapfer und besonnen bin, bin ich auch gerecht.

 

Im engeren Sinne lässt sich die ausgleichende und austeilende Gerechtigkeit unterscheiden.


Die ausgleichende Gerechtigkeit betrifft den Verkehr zwischen einzelnen Personen. Unter den freiwilligen Verkehr zwischen Menschen fällt alles, was wir heute unter Zivilrecht verstehen würden, wie Kauf und Verkauf, Miete, Darlehen, Bürgschaft. Unter den unfreiwilligen Verkehr zwischen Menschen zählt Aristoteles all das, was wir heute im Strafrecht verhandeln, wie Mord, Körperverletzung, Diebstahl, Raub.


Durch den Verkehr einzelner entstehen stets Vor- oder Nachteile. Der Dieb hat einen Vorteil, wenn er jemandem Geld stiehlt. Wer eine Ware über Wert verkauft hat einen Vorteil, der andere den Nachteil. Wer eine Ware unter Wert kauft wiederum einen Vorteil. Und so weiter. Daher braucht es Richter, die jene entstandenen Vor- und Nachteile in irgendeiner Form ausgleichen. Dies ist die ausgleichende Gerechtigkeit. Dabei spricht Aristoteles von einer „arithmetischen Proportionalität“, indem hier die entstandene Differenz ausgeglichen wird. Der Status, idem wird also wieder als rechte Mitte hergestellt.

 

Die austeilende Gerechtigkeit betrifft die Zuteilung der öffentlichen Güter. Bekannt ist dieses Prinzip als Meritokratie (Zuteilung nach Verdienst). Denn für Aristoteles werden die öffentlichen Güter nach Verdienst verteilt. Die rechte Mitte hier ist eine „geometrische Proportionalität“ nach Quotient. Das heißt, nicht der Bedürftige, sondern der Verdienstvolle erhält Zuteilung der öffentlichen Güter. Da spielt es keine Rolle, was man schon zuvor hatte oder nicht hatte.

 

Aus diesen Tugendfähigkeiten hat Aristoteles einen praktischen Syllogismus entwickelt. Man könnte nun anhand des Tugendkatalogs sagen: Es ist geboten, die Wahrheit zu sagen. Peter sagt nun die Wahrheit. Also hat Peter gut gehandelt, nach dem zuvor proklamierten Gebot. Das ist nun eine sehr pflichtenorientierte Ethik. Hier bezieht sich also nichts auf ein Ziel hin, sondern lediglich auf ein Handeln für sich.

 

Ein teleologischer Schluss dagegen wäre es zu sagen, dass es geboten ist, mein Glück zu vermehren. Peter vermehrt nun sein Glück. Also handelte er gut. In diesem Fall entsteht eine klare und zielorientierte Handlungskette.

 

So lassen sich nun zwei Handlungstypen unterscheiden. Einmal der unerfahrene Mensch, der im Wesentlichen auf seine Klugheit bauen muss, weil er die Situation, in der er handeln muss, noch nicht kennt.

 

Beispiel: Tapferkeit ist im Krieg das höchste Ziel (Nennung der Tugend).

Jetzt anzugreifen realisiert Tapferkeit (Leistung der Klugheit, dies zu erkennen).

 

Also sollte ich jetzt angreifen.

 

Die moralische Fehlerquelle liegt hier im Mittelsatz, die sich auf die Leistung der Tugend bezieht, also auf die theoretische Fähigkeit, bzw. auf die Ausbildung der Vernunft, überhaupt zu erkennen, ob in der jetzigen Situation der Angriff wirklich tapfer wäre. Tapferkeit zu erkennen ist kein Problem. Tapferkeit ist weder feig noch tollkühn. Aber zu erkennen, ob in diesem Moment ein Angriff tollkühn wäre, ist Klugheit, bzw. ob Kneifen jetzt feige wäre, ist Klugheit und appelliert an unsere Vernunft. Erfahrung haben wir noch keine.

 

Ganz anders ist dies beim erfahrenen Menschen:

 

Ein Angriff in Situation X ist tapfer (Leistung der Tugend, durch Erfahrung zu wissen Situation X – Erfahrung – erfordert einen Angriff).

Jetzt ist eine Situation X (Leistung meiner Klugheit, Situation X zu erkennen).

 

Also muss ich jetzt angreifen.

 

Hier liegt die Fehlerquelle im Habitus, also im Obersatz. Denn habe ich meine Tugend falsch ausgebildet, handle ich auch falsch. Wenn in Wirklichkeit Situation X  gar nicht tapfer sondern tollkühn wäre. So habe ich meine Tugend nicht nach der rechten Mitte ausgebildet, sondern neige zur Tollkühnheit. Also sehe ich Situation X – die zu erkennen nicht besonders schwer ist – reagiere aber letztlich falsch, weil ich Situation X falsch einschätze.

 

Nun wird auch die Kritik von Bertrand Russell klarer. Das Buch von Aristoteles wendet sich an ehrbare Menschen mittleren Alters, und solche Leute haben es auch, besonders seit dem siebzehnten Jahrhundert, dazu verwendet, dem Überschwang und Eifer der Jugend einen Dämpfer aufzusetzen. Auf einen etwas tiefer empfindenden Menschen wird es aber wohl geradezu abstoßend wirken. Idee von Aristoteles ist es also gewesen, die Tugend als Erfahrungswissenschaft überprüfbar zu machen.

 

Die Überprüfbarkeit der zweiten Natur dagegen, ist schwierig. Denn die Klugheit als ausgebildeter Habitus kann ja von naturalistischen Fehlschlüssen geleitet sein. So wie heute der Zwang Geld zu verdienen reflexhaft zur Tugend erhoben wird, also dass man auch Geld verdienen soll. Menschen  die in westlichen Industrienationen leben und kein Geld verdienen, werden dann als nicht tugendhaft betrachtet. Darin liegt ein wesentliches Kernproblem der aristotelischen Ethik. Wir müssen also immer überprüfen, ob unsere zweite Natur, unser kulturelles Kapital, unser Habitus tatsächlich gut ist. Doch hier müssen wir regelmäßig an der Überprüfbarkeit dieser Frage scheitern. Eine Anekdote mag das veranschaulichen. Der berühmte Jazz-Trompeter Miles Davis sagte einmal über seinen Konkurrenten Ornette Coleman, dass dessen Spiel respektlos sei gegenüber denen, die ihre Instrumente beherrschen. Tatsächlich stammt Ornette Coleman aus sehr armen Verhältnissen. Er konnte keine Musikschule besuchen und brachte sich das Spielen und Notenlesen selbst bei. Doch niemand hatte ihm gesagt, dass ein Saxofon anders gespielt wird, als es notiert ist. Und so hörte sich seine Musik recht schräg an und führte dazu, dass ihm ein Musiker sogar einmal Geld anbot, nur damit er nicht spielt. Doch heute gilt Coleman als großer Erneuerer der Jazzmusik. In Colemans letzter Scheibe Sound  Grammar spielt Coleman Geige, er spielt viel Geige. Dabei so genial schlecht, dass man aufspringen und „Chapeau“ rufen will auf dass das Geigen nie enden möge. Und auch in der Literatur ist die Geige nicht selten ein disruptives Instrument zur Offenbarung lebendiger Kunst. Schon darin sehen wir, wie schwer es ist. Wir können nicht automatisch davon ausgehen, dass das, was gerade Mode oder Sitte ist, auch zugleich gut ist. Auch Folterknechte sammeln Erfahrungen und sind dann gute Folterknechte …!

 

 

ENDE

 

Der elfte Beitrag

 

 

DER ERLÖSER

 

Streifschuss vom 13. August 21

Anlass:  Es kommt, wie es kommt

Der äußere und der innere Mensch

 

 

Stellen Sie sich vor, Sie haben über 20 Jahre mit einem Menschen eine rege Korrespondenz geführt, sich mit diesem Menschen über alles Mögliche ausgetauscht. Nun sitzt er plötzlich ganz leibhaftig vor Ihnen und entspricht überhaupt nicht den Vorstellungen, die sich über ihn in Ihnen während der ganzen Zeit gebildet haben. Genau so ist es mit unserem Leben. Plötzlich ist es da, mehr oder weni-ger fest und stofflich geworden. Das eigene Leben erscheint überhaupt nicht als das, was man sich darüber vorstellte, als man einmal jung war und man mit der Zukunft nur korrespondierte. Jetzt ist die Zukunft da, von der man einst glaubte, sie beeinflussen zu können. Sie ist aber ganz anders. Gegenüber dem Ideal ist das Leben eine Enttäuschung, weil Schönheit meist durch Nähe einbüßt. Es ist nicht so bunt, nicht so makellos, nicht so mondän, nicht so schillernd, nicht so intensiv, nicht so verwirrend, nicht so außergewöhnlich wie man es sich in seiner Jugend vorstellte.

 

Jetzt, wo es ist wie es ist, dieses Leben, muss man es bis zum Ende behalten. Es geht nicht mehr weg. Alle Versuche dieses fertige Leben loszuwerden, wirken absehbar lächerlich oder sogar bösartig. Menschen, die sich neu erfinden sind am Ende hohle Nüsse. Ihnen ist alles abhandengekommen und mangels jugendlicher Spannkraft können sie das Neue nicht formen. Dafür rächen sie sich auch mal. Die Kraft der jungen Jahre, in denen wir unser Leben so formten, wie es nun ist, ist dahin. Es war eine blinde Kraft, ja die Blindheit war überhaupt Voraussetzung dieser jugendlichen Kraft das Leben zu formen. Wenn alte Menschen versuchen, sich zu regenerieren, verfällt nur ihre Form, ohne dass sich eine neue Form bilden könnte. Menschen die ihre Form verlieren zeigen das Äußere eines Monsters. Denn ihre Kraft ist nicht blind. Diese Kraft deckt auf, was jungen Menschen verborgen blieb und erzeugt so großen Horror. Jeder Versuch der Einflussnahme mündet in der Paradoxie. Ich bin nur zufällig, feixte die Notwendigkeit.


Nun ist es heute so, dass sich kein Leben mehr ganz durchformen kann. Junge Menschen scheitern nicht etwa an der Vielzahl der möglichen Entwürfe. Das war noch das Lebensgefühl der Moderne, in der neue Moden und neue Freiheiten mehr Auswahl suggerierte. Heute sind die 
angebotenen Entwürfe selbst formlos. Es besteht strukturell keine Möglichkeit mehr, den angebotenen Lebensentwurf zu formen. Entwürfe sind Illusionen geworden. Hat man erst die Verpackung entfernt, sieht doch jedes Smartphone gleich aus. Am Ende gleichen auch wir Menschen einander. Nur der Besitz von Dingen, materiellen Dingen und geistigen Dingen bildet Schichten, wie Dinge eben dazu neigen, sich zu schichten, aufzuschichten. Am äußeren Glanz der oberen Schicht zeigt sich der Mangel an Tiefe und Form: Ein geisterhaft leuchtendes Flackern, das man nicht mit den Händen greifen kann. Durch den statischen Druck der weiteren Schichten wird die Form in den unteren Schichten noch am deutlichsten. Aber dort ist sie nicht mehr sichtbar. Die Glanzlosigkeit in den unteren Schichten, deren Leben sich durch die Discounter-Dinge formte, ist kaum erstrebenswert. Wie aus Polyethylen geformte Legobausteinchen bilden die unteren Schichten die Basis für die wabernde und formlose Oberfläche.

 

Das tatsächliche Leben, so wie es ist, ist meist reinste Massenware. Diese Menschen unterscheiden sich in ihren Leben kaum noch.  Die Unterschiede tauchen nur an der formlosen Oberfläche auf, die einen Firnis bilden, der schon beim Auftragen Patina anwarb. So träumen wir der Zukunft unseres Lebens hinterher. Längst ist unser Leben wie es ist, während wir uns in die Vergangenheit träumen, in der wir noch von Zukunft träumen konnten. Der äußere Mensch erscheint daher in seiner vergangenen Form. Der innere Mensch dagegen bleibt sich entweder neurotisch vor sich selbst verborgen oder er deckt sich psychotisch auf. Denn äußerer und innerer Mensch passen nie zusammen. Treffen wir uns auf der Oberfläche, laufen wir in unserem Auftreten unserem eigentlichen Sein Jahrzehnte hinterher. Wir sind antiquierte Menschen, weil wir unser tatsächliches Sein, unser Sein wie es ist, nicht aushalten würden. Es käme zum Denkzerfall und am Ende zum Stillstand, zur völligen Antriebslosigkeit, wenn wir den inneren Menschen aufdecken würden.

 

 

 

ENDE

 

 

 

 

 

Der zwölfte Beitrag

 

 

 

MAN KANN NICHT, NICHT WÄHLEN

 

 

 

Streifschuss: vom 09. September 21

 

Anlass: postdemokratische Wahlpanik

 

 

Man kann nicht,  nicht wählen

 

Ehrlichkeit ist eine sittliche Eigenschaft, die in Vorwahlzeiten oft gesucht und selten gefunden wird. Redlich, aufrichtig, wahrhaftig, offen, gradlinig und fair sind die wenigsten Menschen und am allerwenigsten ist das die Jobbeschreibung eines Politikers.  Ich zapple nun fast sechs Dezennien auf dieser bescheuerten Erde sinnlos herum. Lange genug, sagt mein sich langsam in seine Bestandteile auflösender Organismus. Lange genug jedenfalls, um mir mal einen Augenblick der Ehrlichkeit zu gönnen. Frei nach dem Motto: Was soll’s.

 
Vor etwa einer Woche lag ein Brief in meinem Postkasten. Einer dieser Briefe mit beigefarbenen Umschlag. Finanzamt, Jobcenter, Staatsanwalt? Es war ein Brief der Wahlbehörde. Ich nahm ihn noch mit in meine Wohnung, legte ihn auf die Kommode. Die Folge längerer Bewegung ist Erschütterung. Zwischen Enddarm und Blase liegt eine Drüse in der Größe und Form einer Kastanie, die dann bei jedem Schritt mal auf den äußeren Schließmuskel und mal auf die Blase drückt …, aber darüber wollte ich jetzt gar nicht schreiben.

 

Das sind nur Ausflüchte.  Machen wir es kurz und schmerzlos. Als mir klar wurde, dass in dem beigefarbenen Umschlag ein Brief der Wahlbehörde drin ist, zerriss ich den Brief in einem panischen Anfall mitten durch, ohne ihn zu öffnen. Als wäre ätzende Säure auf der Umschlagoberfläche, warf ich die beiden Briefteile von mir in die Papiertüte mit dem Altpapier. Ja. Ich zerriss den Brief mit der Wahlbenachrichtigung, den Brief, mit dessen Hilfe man zur Wahl berechtigt ist oder Briefwahl beantragen kann. Ich zerstörte meine demokratische Stimme. Und ich bin nicht stolz darauf. Ich war schlicht panisch! Was um Himmelswillen soll ich wählen?

 
Nach den vielen Jahren der Koalition kann ich die CDU und die SPD gar nicht mehr auseinanderhalten. Ihren Wahlversprechen misstraue ich, denn immerhin haben beide Parteien über Jahre auf ihre eigenen Positionen gut verzichtet, sonst wäre realpolitisch eine solche Partnerschaft gar nicht möglich gewesen. Die Grünen kann man sich in einer Koalition mit der CDU genauso vorstellen wie in einer Koalition mit der SPD. Das Klima wollen sowieso alle schützen. Da sind sich alle wählbaren Parteien einig. Nur darüber, wie man das Klima schützt, gibt es die eine oder andere technische Diskussion. Ich habe keine Ahnung, wie man das Klima schützen soll. In diesem Jahr wurden bis jetzt fast 60 Millionen Autos produziert. Auf jede zweite Geburt kommt ein Auto. Womit sollen all diese Autos in Zukunft fahren? Klimaneutral? Keine Ahnung. Die Grünen sind realpolitisch und es wird mit ihnen auch nächstes Jahr eine IAA geben. Warum auch nicht. Die Industrie brauchen wir. Was also – um auf meine Panikattacke zurückzukommen – soll ich noch wählen? Die FDP? Schwierig, denn der politische Wille dieser Partei scheint sich mit dem Wetter zu ändern. Die AFD besteht aus Faschisten, die von Faschisten gewählt wird. Die LINKE könnte man noch wählen. Aber die erreichen grade mal über fünf Prozent. Ein bisschen Sozialismus wäre schön.


Daher zerriss ich meine Wahlbenachrichtigung. Der Rabbi Maimonides aus dem 13. Jahrhundert sagte einmal, eine falsche Entscheidung zu treffen sei besser, als die Hölle einer langen Unentschlossenheit. Und ratsch, vorbei war es mit dem politischen Einfluss des kleinen Herrn Horwatitsch, diesem älteren Herrn aus dem zweiten Stock. Ja. Ich bin überfordert! Und so schloss ich mich einfach der größten Partei an, der Partei der Nichtwähler. Sie ist die bunteste und heterogenste Partei Deutschlands. Zu ihnen gehören Antidemokraten, denen die AFD nicht weit genug geht, harmlose Spinner, die von einem Märchenkönig träumen, von der Komplexität der Welt restlos überforderte wie ich, Ignoranten, die nicht einmal mitbekommen, dass überhaupt eine Wahl ansteht, Vollidioten, die tatsächlich glauben, es sei ein politischer Protest nicht zu wählen, und schließlich Leute die behaupten sie würden wählen, es aber tatsächlich nicht tun, die sich aber schämen, zuzugeben, dass sie zur Partei der Nichtwähler zählen.

 
Nein. Ich bin nicht stolz darauf ein Nichtwähler zu sein. Meine Panik beim Anblick des Briefes war allerdings nicht gewollt. Plötzlich wurde mir klar, dass meine Stimme ebenfalls über Wohl und Wehe der Zukunft unseres Staates mitentscheidet. Ich entschied mich dagegen, mich zu entscheiden. Ich war einfach überfordert! Ich kann über Politiker schimpfen, über den Zustand der Welt jammern und über die Dummheit der Menschen endlos den Kopf schütteln. Aber ich kann doch nicht entscheiden, wie es weiter geht! Klar. Ich könnte mich herausreden, ich wolle eine andere Art der Demokratie, ich sei gegen diese Parteiendemokratie und würde daher nicht wählen.

 

Alles schön und gut. Aber wie ich schon eingangs sagte, nach fast sechs Dezennien in denen ich mich von knapp vier Kilogramm Geburtsgewicht auf fast 120 Kilogramm Lebendgewicht gesteigert habe, will ich mir nicht mehr selbst etwas vormachen. Ich kann und ich will nicht entscheiden wie es weiter geht und ich kann und will auch nicht diejenigen bestimmen, die dann für mich entscheiden. Wie sollte ich Letzteres machen? Wie soll ich hier eine richtige Wahl treffen können? Das ist absurd. Am besten man wählt halt eine der üblichen Parteien. Zumindest wenn man alle fünf Sinne beisammen hat und kein Faschist ist, wählt man auf keinen Fall die AFD. CDU, SPD, die Grünen, die LINKE, sogar (unter Vorbehalt) die FDP kann man wählen. Dann ändert sich ganz sicher nichts.


Denn dieses Paradox müssen die Politiker inzwischen den Wählern verkaufen: Alles muss sich ändern und es bleibt dabei wie es ist. Diese kognitive Dissonanz kann ich nicht mitmachen. Es tut mir weh. Ich spüre fast körperlich die Schmerzen dieser kognitiven Dissonanz. Ich will ja auch, dass alles so bleibt wie es ist und sich komplett ändert. Aber ich will nicht mehr, was ich will.

 

 

Das war der Inhalt meiner Panik, als ich die Wahlbenachrichtigung in zwei Hälften zerriss. Komprimiert. Danach herrschte eine sehr unpräzise Gefühlsmischung aus Erleichterung und Bedauern in meinem Kopf. Gott sei Dank musste ich nicht mehr wählen, aber ich hatte die falsche Entscheidung getroffen. – So wie demnächst Millionen Deutsche. Egal was sie wählen werden.

 

 

 

ENDE

 

 

 

 

 


INTERMEZZO ZUM 26. SEPTEMBER 2021

 

Streifschuss vom

26. September 21

 

Anlass: Heute

 

 

 

Es ist die 20. Bundestagswahl dieses Landes. Am 07. September 1949 tagte er zum ersten Mal. Der schlesische Tischlerjunge Paul Löbe eröffnete die Sitzung in einer Turnhalle in Bonn. Paul Löbe war noch wegen Majestätsbeleidigung und Aufheizung zum Klassenhass im Gefängnis gesessen, so alt war der Mann damals schon. Er gehörte zur alten Garde die für den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich eintraten.  Und in seiner Antrittsrede 1949 machte er es zur ersten großen Aufgabe, Deutschland wieder zu vereinen. Tja. Das wurde dann vierzig Jahre später auch geschafft. Damit wäre alles erledigt und die Nazis können wieder kommen, oder? Unter Beifall der insgesamt 410 Abgeordneten (aus CDU, SPD und FDP) fügte Löbe hinzu: „Uns bewegt nicht, wie es früher geschehen ist, der Gedanke an irgendeine Form von Vorherrschaft; wir wollen mit allen anderen gleichberechtigt in den Kreis der europäischen Nationen treten.“ Vor ein paar Jahren ermordeten sie noch sechs Millionen Juden und dann wollen sie Gleichberechtigung. In seiner Rede sprach Paul Löbe die Opfer des Widerstandes an und die verstorbenen deutschen Soldaten, aber kein Wort von den Juden. Nichts. Nada. Nur ganz allgemein sprach er von den Kriegsopfern aller Völker. Dieses Land, beide, also Deutschland und Österreich hätte man schon damals zwischen Franzosen und Russen aufteilen sollen. Holstein hätte man den Dänen schenken können. Als Wiedergutmachung den Hamburger Hafen den Engländern.

Die Tatsache, dass Angela Merkel die erste amtierende Bundeskanzlerin ist, die sich nicht mehr zur Wiederwahl stellt, spricht dafür, dass der Bundestag fertig ist.


Man sollte ihn noch heute auflösen statt ihn wiederzuwählen. 72 lange Jahre pflegte man hier einen heimlichen Nationalismus, einen Hinterhof-Heil-Fahnen-Nationalismus. Schon Adorno erkannte in einem Gruppenexperiment von 1950 (finanziert von den Alliierten und durchgeführt vom Institut für Sozialforschung), den sogenannten Heimkehrer-Studien, ein großes Demokratie-Defizit. Wie fühlten sich die neuen Demokraten und ehemaligen Soldaten der Wehrmacht, die für die 
Nazis im Krieg waren 1950? Im Gegensatz zur öffentlichen Meinung kursierte unter den Rückkehrern vom Feld eine von dieser erheblich abweichende nicht öffentliche Meinung wie eine zweite Währung. Dies führte zu der Erkenntnis: Das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie ist gefährlicher, als das Nachleben des Nationalsozialismus gegen die Demokratie. Und bedenkt man nun, dass Löbe in seiner Eröffnungsrede des ersten offiziellen deutschen Nachkriegsparlamentes den Beschluss des Ermächtigungsgesetz (1933 in der Berliner Kroll-Oper) lediglich als einen illegalen Akt bezeichnete („Das war ein illegaler Akt, durchgeführt von einer illegalen Regierung. Der Widerstand dagegen war eine patriotische Tat.“), dann kann man sich immer schön herausreden.

 

Im November 1913 erschien in der expressionistischen Monatsschrift „ die weißen Blätter“ (1913-1920) ein Aufsatz des österreichischen Schriftstellers Robert Musil mit dem Titel „Politisches Bekenntnis eines jungen Mannes“. Einige Passagen dieses Textes hören sich erstaunlich aktuell an. „Einstweilen treiben wir Politik, weil wir nichts wissen“, schreibt Musil darin, weiter schreibt er von den Parteien „sie existieren durch die Angst vor der Theorie. Gegen die Idee, fürchtet der Wähler, lässt sich stets eine andere Idee einwenden. Darum schützen sich die Parteien gegenseitig vor den paar alten Ideen, die sie ererbt haben. Sie leben nicht von dem, was sie versprechen, sondern davon, die Versprechen der andern zu vereiteln.“


Musil kritisiert die sogenannte Realpolitik. „Sie nennen diese gegenseitige Behinderung, die nur kleine praktische Ziele erreichen lässt, Realpolitik.“ Weiter stellt Musil fest: „Sie wollen gar keine Politik machen, sondern Stände vertreten und für bescheidene Wünsche das Ohr der Regierung haben.“ Interessant an dieser Passage ist, dass Musil zwischen Parteien und der Regierung unterscheidet. Denn zeitweise hat die Monarchie in Österreich-Ungarn sogar das Parlament ausgesetzt. Heute dagegen haben die Parteien nicht nur das Ohr der Regierung, sondern bereits den gesamten Körper besetzt. Parteien sind inzwischen die Regierung. Und sie haben sich nicht verändert. Was Robert Musil dort als grade mal 33-Jähriger schreibt, trifft heute noch zu oder sogar verstärkt. „Ich bin überzeugt“, schreibt Musil weiter „dass das wirtschaftliche Programm keiner einzigen von ihnen (der Parteien A. d. A.) durchführbar ist und dass man auch gar nicht daran denken soll, eines zu verbessern.“

Wenn wir heute eine Koalition aus drei Parteien (anders wird es nicht mehr möglich sein hier zu regieren) in den 20. Bundestag wählen, dann haben wir eine Konstellation, die für die nächsten vier Jahre jede Art von tiefgreifender Politik sabotieren wird. Denn – wie Musil schreibt und heute noch gilt, ist es das Ziel jeder Partei, die Ziele der anderen Partei zu verhindern. Wir haben das ja nun die letzten vier Jahre bis zum Überdruss erleben dürfen.

 

 

Bedenkt man, dass Musils Text nur ein halbes Jahr vor Kriegsausbruch veröffentlicht wurde, wirken seine folgenden Worte  besonders erschreckend: „Sie werden weggeblasen, sobald der Wind sich erhebt, wie allerhand Mist, der sich auf stillem Boden angehäuft hat. […] Noch aber ist es still und wir sitzen wie in einem Glaskäfig und trauen uns keinen Schlag zu tun, weil dabei gleich das Ganze zersplittern könnte."

 

 

 

ENDE

 

Der 14. Beitrag

 

 

DEUS SIVE NATURA

 

oder, eigentlich ist alles

nicht der Rede wert

 

 

Wir haben getan, was wir immer schon getan haben

 

Unser 21. Jahrhundert könnte man als Zeitalter der Störung, ja der Belästigung, der permanenten Emissionen bezeichnen. Wir werden zwar älter und immer älter. Aber wir brauchen diese Zeit auch, um all den Belästigungen Herr zu werden. Bis wir endlich Ruhe haben, sind wir ständig in Bewegung. Sogar im Schlaf pumpt unser Herz Blut, zucken unsere Muskeln, entwirft unser Gehirn Pläne. Dass wir am Morgen erfrischt aufwachen, ist eigentlich ein Wunder. Doch kaum sind wir wach, sind wir uns auch noch ständig darüber im Klaren, dass wir wach sind. Wir werden also nicht nur nicht in Ruhe gelassen, sondern ständig wird uns diese Störung auch als Bewusstsein vorgehalten. Und selbst unser Ruhemodus im Gehirn, den die Neurowissenschaftler als Default Mode Network bezeichnen, ist ständig am Machen. Ruhemodus ist ein Widerspruch in sich.

 

 

Vor 350 Jahren war es noch etwas ruhiger. Es gab kein Internet, kein Fernsehen, keine Autos. Wenn die Sonne unterging, war es tatsächlich dunkel. Und vielleicht liegt es daran, dass ein Mann in jener Zeit so etwas denken konnte, was ich nun im Exkurs ein wenig erläutern möchte. Aber auch schon damals war ein Mensch, der einfach nur in Ruhe gelassen werden wollte, um in aller Ruhe seinen Gedanken nachzuhängen, für die anderen Menschen offensichtlich eine Bedrohung.

 

Der Exkurs

 

Gott ist nicht. Das gerade zeichnet ihn aus. Und gerade deshalb muss man Gott aus reiner Einsicht lieben. Diesen merkwürdigen Gedanken entwickelte ein zunehmend hustender Mann im Alter von 30 bis 40, während er Glas schliff in einer Mietwohnung an der Paviljoensgracht in Den Haag. Nun kann man sich vorstellen, dass ein Mann, der Glas schleift für hochwertige Mikroskope, den Durchblick hat. Und der Mann hatte auch die Zeit, nachzudenken. Man ließ ihn in Ruhe. Nicht freiwillig. Wann wird man in diesem Leben schon freiwillig in Ruhe gelassen? Nein. Die Gemeinde hatte ihn schon vor Jahren verbannt. Ach verbannt! Verflucht! Er hatte den Vornamen Benedictus und man verspottete ihn als Maledictus, als lichtscheuen Schreiber, als scheußliches Ungeheuer, als verblendeten Tropf und vieles mehr. Man verbot, sich diesem Mann zu nähern, mit ihm zu sprechen, seine Schriften zu lesen, mit ihm Geschäfte zu machen. Man ließ ihn in Ruhe, um ihn zu bestrafen. Der Mann hat sich nie dagegen gewehrt, dem Bannspruch blieb er fern, seine Wohnung verließ er kaum und seine wenigen Schriften hat er anonym veröffentlicht oder gar nicht. Sie wurden dann zum großen Teil erst posthum herausgebracht und auch da noch lange unter Angabe falscher Namen und falscher Titel. Der Geächtete war bescheiden genug, um von seinem Geschäft des Glasschleifers überleben zu können. Kein böses Wort von ihm. In aller Ruhe dachte er nach, schliff Glas und lebte sein kurzes Leben, bis ihn die Schwindsucht  im Alter von 44 Jahren dahinraffte. Der Mann war Materialist, aber ein so reiner Materialist wie das Glas, das er schliff. So rein und glasklar war sein Materialismus, dass er schon wieder zum Mystiker wurde.

 

Vor 350 Jahren am 27. Juli 1656 wurde die Verbannung gegen den damals noch 23 Jahre jungen sephardischen Juden Bento de Espinosa ausgesprochen.  Über hundert Jahre später, 1785, bricht Friedrich Jakobi – damals noch mit Goethe befreundet – den berühmt gewordenen Spinozastreit vom Zaun. Jakobi war Empiriker, reines Glas ekelte ihn. Im Schmutz zu wühlen hielt er für die einzig vernünftige Art zu leben. Aber die Speerspitze der deutschen Unterhaltungsindustrie des 18. Jahrhunderts (Lessing, Goethe, Herder) verteidigten den von seinen eigenen Leuten verbannten und von Jakobi erneut angegriffenen.  Bedenkt man, was gerade die Deutschen 150 Jahre später den Juden angetan haben, ist solch ein Diskurs im Geburtsalter Deutschlands nicht frei von höherer Ironie. Der Bann gegen Spinoza ist bis heute nicht aufgehoben! Noch 1956 versuchte Herr Douglas den damaligen israelischen Minister-präsidenten Ben Gurion dazu zu überreden die Exkommunikation aufzuheben, und den unter dem Namen Spinoza bekannten Philosophen zu rehabilitieren. Die orthodoxen Juden reichten sofort ein Misstrauensvotum gegen Ben Gurion in der Knesset ein. Ben Gurion machte einen Rückzieher gegenüber den Kaiphas-Leuten. Im Grunde hing Spinoza einfach nur zwei Jahrzehnte lang seinen Gedanken nach. Ich glaube nicht, dass er sehr viel mehr wollte. Aber das wollte er sehr.

 

Alles fing damit an, dass ein achtjähriger Junge in einer Synagoge in Amsterdam mit ansehen musste, wie ein erwachsener Mann erst mit Geißelhieben von der lieben Gemeinde traktiert, und danach gezwungen wurde sich auszuziehen und auf den Boden der Synagoge zu legen. Dann schritt die Gemeinde über ihn hinweg. Alles eine Demonstration der Erniedrigung. Als alles vorüber war, und der so beschämte Mann wieder zu Hause saß mit seiner Pistole, die im Versuch sich zu rächen versagte, richtete der Gedemütigte die Waffe auf sich selbst. Er hieß Uriel da Costa und war ein Religionsphilosoph, der nichts weiter getan hatte, als darauf hinzuweisen, dass sich der Talmud in einigen Regeln nicht an die Bibel hält. Daraufhin sprach man über ihn den Bann. Uriel da Costa kehrte reuig zurück in die Gemeinde. Und das macht man dann mit reuigen Sündern. Religion darf man nicht kritisieren. Das liegt im Wesen von Religion. Demut erreicht man durch Demütigung.

 

Der achtjährige Junge, der das Treiben in der Synagoge beobachtete war Bento de Espinosa, der Gesegnete aus der dornenreichen Gegend, auch bekannt als Baruch oder Benedictus Spinoza. Die Eltern flüchteten vor der portugiesischen Inquisition in die republikanischen Niederlande. Dort wuchs der Junge in der liberalen Republik  des Ratspensionärs Jan de Witt auf. Diesen Mann verteidigte Spinoza stets aufrichtig gegen die Oranier. Zu denken was man möchte, also die Freiheit des Denkens war nie besonders religiös. Und das, obwohl Spinozas philosophische Schlussfolgerung lautete: Amor dei intellectualis.

 

Aber was heißt das? Und was machte Spinoza aus?  Sein Hauptwerk ist die Ethik. Doch was für eine Ethik! Eine Ethik, die von Beginn an ihr eigener Gegenstand ist. Die Causa Sui ist das einzige, was ist. Das „unbedingte Sein“. Dass etwas ist, ist ja unstrittig. Doch so sehr wir uns in Tausenden Jahren Denken bemühten, herauszufinden, was das alles überhaupt im Kern bedeutet – wir ziehen bis heute blank. Bei Spinoza ändert sich da gar nichts. Er sagt im Grunde nur, dass diese Causa Sui die einzige echte Freiheit ist, weil sie eine Freiheit ist, die durch nichts begründet und damit durch nichts gezwungen, bedingt, gefordert ist. Sie ist einfach aus ganz eigenen Stücken. Und immer, wenn wir versuchen, diese Freiheit als etwas zu fassen, entzieht sie sich. Benennen wir Causa Sui, dann ist sie nicht mehr Causa Sui, sondern nur noch ein Attribut von der Causa Sui. Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde. So steht es im 2. Buch Mose. Spinoza legt das fein geschliffene Glas zur Seite, dreht sich etwas weg, um ein wenig zu husten, nicht ohne sich vornehm die Hand vor den Mund zu halten, und sagt dann: Du sollst? Du kannst gar nicht. Denn das, was es selbst ist, ist zugleich immer auch nicht es selbst. Zugleich! Weil es eben immer schon gewesen sein muss, sonst könnte ich es nicht erfassen. Wenn ich es aber erfasse, ist es zugleich auch wieder ein Ausschluss dessen, was ist. Und was ich da erfasse, ist eigentlich nur ein Bild. Denn um es zu erfassen, muss es mir vorgestellt sein. Ich bin aber auch zugleich das, was ich erfasse. Dass ich etwas begreifen kann – und wir können ja durchaus vieles begreifen – diese Fähigkeit nennt Spinoza Intellekt. Die Einsichtsfähigkeit, das Erkenntnisvermögen. Meinen Intellekt wende ich auf eine bestimmte Art und Weise an, und so erkenne ich eine Eigenschaft von etwas, erkenne ich das Attribut, attribuiere ich. Also was ich im Grunde gemacht habe ist das Gemachte selbst, das schon längst in mir angelegt war, weil es eben immer schon gewesen ist. Sonst hätte ich es nicht machen können. Das klingt wunderbar schräg, ist aber simpel, so simpel, dass es uns in seiner brillanten Einfachheit den Kopf verdreht. Nichts in dieser schönen Welt, ob das nun unsere bunte Warenwelt ist, oder die Luft, die wir atmen, war je nie, sondern immer schon. Nur die Art und Weise wie es war – Spinoza nennt dies den Modus – liegt unendlich in unendlicher Art und Weise vor. Daher ist alles Substanz, sub stare. Das, woraus etwas besteht, ist immer schon aus sich selbst heraus.

 
Gott hat damit keine Persönlichkeit, keine Bildhaftigkeit, sondern all dies hängt ihm als Attribut an. Ziehen wir alle Attribute ab, dann ist Gott nicht. Nicht nichts, sondern nicht. Ist das nicht genau ein modernes Bild des Universums, das in erster Linie aus Leere besteht?

Und es war ja klar, dass so ein geradezu intellektueller Buddhismus den ganzen Hokuspokus, auf den die Machthaber religiöser Institutionen bauen, zu entzaubern drohte. In seiner kleinen Mietwohnung in Den Haag entzauberte ein zurückgezogener, bescheiden lebender und stiller Jude all das, was die Menschen daran hinderte, frei zu denken. Und zwar im Kern frei zu denken. Auch wenn Spinoza sinngemäß Sätze sagte wie: Würde ein Pfeil mitten im Flug sich seiner selbst bewusst werden, glaubte er, aus freien Stücken zu fliegen. Wir sind nicht frei, weil wir uns immerzu attribuieren. Indem wir uns als Attribut ausschließen, rauben wir uns auch die Freiheit, weil jedes Attribut als Zuteilung einer besonderen Art und Weise und damit Bedingungen, Notwendigkeiten unterliegt.


Der Amor dei intellectualis aber ist für Spinoza die Zusam-menführung von Affekt und Intellekt. Die Liebe ist ja ein Affekt, ein Erregungszustand, der zuvor von einer erlebten Emotion in Bewegung gebracht wurde. In Spinozas Begriffswelt können wir Intellekt und Gefühl noch nicht trennen. Es war zu seiner Zeit mehr oder weniger eine Einheit. Was aber Spinoza macht, das ist schon zu bewundern. Der Intellekt hat die Fähigkeit sich selbst als Attribut zu attribuieren. Das ist Selbstbewusstsein. Im Gegensatz zu dem Schreibtisch, vor dem ich sitze, bin ich mir meiner selbst bewusst. Da ich mich nun als etwas erkenne, das selbst nur ein Attribut dessen ist, was ich erkenne, erlebe ich einen Mangel an mir selbst. Alles, was nicht ich bin, bin ich. Spinoza sieht ja in der Negation das Wesen des Begriffs. Wenn ich Schreibtisch sage, schließe ich aus, dass der Schreibtisch ein Hund ist, ein Telefon, ein Buch und so weiter. Ich habe durch die Attribuierung „Schreibtisch“ alles andere verneint. Spinoza nennt dies Conatus. Das Wesen des Seins strebt immerzu danach, zu verharren, zu Persistenz.

 

Zu Amor dei intellectualis gelange ich, indem ich diese Verneinung wiederum verneine. Also durch Negation der Negation. Indem ich mich entzeitliche. Da ja alles, was ich erkenne, immer schon gewesen ist und ich dies als immer schon erkenne, komme ich zu der Einsicht meines Zustands. Ich bin mir selbst Substanz, also der Grund, auf dem ich stehe, bin ich selbst. Und dies ist der Pantheismus von Baruch Spinoza, dies ist sein Deus sive Natura. Gott ist in allem als Causa Sui, als Substanz aus sich selbst heraus!

Diesen Durchblick kann man wirklich nur haben, wenn man in Ruhe gelassen wird, und dann in all der Ruhe durch ein fein geschliffenes Glas blickt. Im Grunde war der Bann, der über Spinoza gelegt wurde, ein Philosophie-historischer Glücksfall. Denn der Bann, der Ausschluss aus der Gemeinde ist der zündende Gedanke. Im Zustand dieses Ausgeschlossen seins bemerkte Spinoza ganz rational, dass er weiter lebte. Aus sich selbst heraus, als sein eigener Grund.
Gott ist nicht. Und durch dieses Nicht umgibt und durchdringt er uns vollständig. Und das ewig. Und das Leere, das Nicht ist als reines Abstraktum weiblich. Wobei Spinoza die Ewigkeit nicht als Modus der Zeit begreift, da für Spinoza die Zeit eigentlich ganz seine Bedeutung verloren hat. Zeit ist für Spinoza auch nur ein Attribut. Er meint mit Ewigkeit alles, was war, ist und sein wird in all seinen Formen der Erscheinung. Das, was ich gerade mache (den Text schreiben) und das, was sie jetzt machen (den Text lesen) und das, was irgendwer sonst irgendwo sonst macht, machte und machen wird, all das ist Causa Sui: aus sich selbst heraus seine eigene Ursache.

 

Wer also diesen Gedanken Spinozas in sich aufgenommen hat, der ist dem Irdischen nun wirklich entflohen und in die ewige Singularität des Seins vollständig zurückgekehrt. Was soll ihm all das? Es ist der Gedanke der Unsterblichkeit. Alles verändert sich, aber das ist immer schon so gewesen. Sub specie aeternitatis. Wir haben getan, was wir immer schon tun. Dies zu wissen und zu erleben ist nicht mehr Modus, sondern das Erfahren der Causa sui als Causa sui. Alle Störungen sind aufgehoben, wenn ich mich als etwas erfahre, das nicht mehr attribuiert ist.

 

 

ENDE

 

 

 

 

 

DER 15. Beitrag

 

 

ASSOZIATIONEN 

 

ZUM GESCHICHTE(N)MACHEN

 

Assoziationen

zum Geschichte(n)machen

 

Geschichte gehört zu denjenigen Gegenständen der Erkenntnis, schreibt Dath in seiner Niegeschichte, die sich verändern, wenn man sie untersucht. Nun denke ich, dass mit jeder Geschichte, also auch mit erfundenen Geschichten, das Gleiche geschieht. Sie verändern sich, wenn man sie untersucht. Als Leser ist man lediglich ein Beteiligter. Je aufreibender, je intensiver die Beteiligung, je stärker die Bereitschaft zur Beteiligung und Einlassung, desto gravierender ist der Eingriff in die Geschichte durch Beteiligung an Geschichte. Das betrifft auch erfundene Geschichten und deren Rezipienten. Wer der erfundenen Geschichte eines Romans nur beiläufig folgt, findet darin dann nichts, womit er sich beschäftigen könnte und wird so auch keinen epistemologischen Einfluss auf die erzählte Geschichte nehmen. Was geht es mich an, wenn in China ein Sack Reis umfällt.

 

Sobald ein Autor seinen Rezipienten zur Teilnahme ermuntert, wird die erzählte Geschichte verhandelt. Was bedeuten diese oder jene Ereignisse tatsächlich? In welchem Zusammenhang stehen diese oder jene Figuren eigentlich? Was ist die Moral der Geschichte? Der Autor verteidigt nun sein Urheberrecht und wirkt dabei immer lächerlicher. Die Differenz zwischen faktischer und fiktionaler Wirklichkeit hat sich in den Begriffen des bürgerlichen Geschichte-machens (den Gesetzen der Geschichte) mehr und mehr aufgehoben. Die Grenzen verfließen. Nicht nur im Stoff, sondern auch der Form halber. Einerseits nimmt die Fiktion Anleihen aus der faktischen Wirklichkeit, kann gar nicht anders, um verstanden zu werden, andererseits dient die Fiktion zur Evaluation der faktischen Wirklichkeit. Die bürgerlichen Ideale (zum Beispiel Fortschritt, oder gar Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit /Hegel) lassen sich durch Fiktion überprüfen.

 

Daher ist der Roman die bevorzugte schriftliche Kunstform der Bourgeoise. Doch das Geschichtemachen der bürgerlichen Geschichtsschreibung von Condorcet bis Ian Kershaw, muss immer den Prozess des Geschichtemachens in ihr Geschichtemachen mit einbauen.  In den Reflexionsstufen explodiert die Informationsdichte und führt das ganze Projekt ins Absurde. Der Roman füllt die Lücken im historischen Haus. Ob sich die Fiktion in die Zukunft oder die Vergangenheit richtet ist nicht relevant, denn immer steht die Gegenwart Pate. Der Blick zurück ist bereits durch das Geschehene korrumpiert. Es gibt Romane, die alternative Geschichte erzählen. So erzählte der US-amerikanische SF-Autor Norman Spinrad in seinem Roman „Der stählerne Traum“, wie Hitler überlebte und zum Pulp-SF-Pionier wurde. Hitler schreibt in Spinrads Roman selbst Romane über die Kommunisten, die er als telepathische Kollektivmenschen karikiert.  Wir wissen, dass Hitler nicht überlebte.

 

Der Roman „Lord of Swastika“, den Hitler angeblich schrieb, existiert nicht. Aber auch der Hitler, den Lion Feuchtwanger in seinem ersten Teil der Wartesaal-Trilogie „Erfolg“ beschreibt, existierte nie. Der Unterschied zwischen Spinrads Hitler und Feuchtwangers Hitler liegt im Kern lediglich in der Nähe zum historischen Vorbild. Vergangene Ereignisse werden zum Füllstoff unserer Tagträume. Und unterhalb der Bewusstseinsschwelle erarbeiten wir Bilder und Texte, die, sobald sie dafür tauglich scheinen, aufscheinen in unserer Wahrnehmung. Sie ergänzen die bewusste Arbeit nicht nur, sie grundieren sie geradezu. In den Tiefen des Ozeans entstand das Leben, im Verborgenen. Wer Geschichten schreibt, taucht ab, taucht unter und mit einem Heureka wieder auf. Sowohl die Fiktion, als auch die faktische Geschichte unterliegt einer soziokulturellen Bewertung, Einschätzung. Für gegenwärtige Populationen sind Erfahrungen der Kohärenz wichtig, aber auch Erfahrungen der Differenz. Beides erzeugt eine bipolare Spannung, unter dessen Druck die praktische, emotive und kognitive Schwingungsfähigkeit des Einzelnen sich erhält. Gerade die Intensität dieser Schwingung verursacht ein Gefühl von Konstanz. Gesellschaftliche Brüche entstehen nicht bei hohen Schwingungsgraden, sondern beim Ausleiern der Schwingung.

 

Am Ideal der Antike lässt sich das erläutern. Wahrheit war im antiken Bewusstsein auch schön und das Schöne naturgemäß wahr. Dieses Ideal der Antike funktionierte, weil den meisten Menschen klar war, dass dieses Ideal in der Wirklichkeit nicht erreicht ist. Die Kunst schuf daher Formen, die diesem Ideal dienten. In der Spannung von der Differenz zwischen einer von Phidias geschaffenen Athena aus Gold und Elfenbein und der eigenen durch permanente Schwangerschaft früh gealterten Ehefrau lebte dieses Ideal erst. Ab dem sechsten nachchristlichen Jahrhundert zerfiel diese Kunst und lebte erst wieder in der Neuzeit auf.

 
In der Renaissance erlebte dieses Ideal eine bizarre Blüte, weil Pest und moralischer Zerfall ein solches Schönheitsideal brauchten.  Im Barock geriet das Wahrschöne in den Hintergrund, denn diese Ära lebte von der Spannung zwischen dem Ideal der Regelhaftigkeit und der chaotischen Wirklichkeit. Die Zeichenhaftigkeit des Himmels widersprach in seinem steten Lauf dem chaotischen Schicksal des Einzelmenschen (dem in der Renaissance erwachten Individuum).

 

Das seit der Aufklärung propagierte Bürgerideal künstlerischer Vielfalt lebt in der bipolaren Spannung zur Uniformität der einzelnen Existenzen. Die Möglichkeiten übersteigen unsere Fähigkeiten. Keiner ist mehr in der Lage, eine homogene Einheit seines Daseins zu exemplifizieren. Jede Darstellung von Welt und Geschichte zerfällt augenblicklich und widerspricht dem Kohärenz-Bedürfnis. Das heißt: Unser Bedürfnis nach Zusammenhang in der Darstellung, einer Art einheitlichen Weltanschauung steht in bipolarer Spannung zur kulturellen Vielfalt als Ideal unserer Gesellschaft.

 
Fiktion und faktische Geschichtsschreibung kooperieren beide mit dieser bipolaren Spannung, um die praktische, emotive und kognitive Schwingungsfähigkeit des Einzelnen aufrechtzuerhalten.

 

Die Transformation des soziokulturellen Ozeans unterliegt naturgemäß einer Entwicklung.  Die Differenz zwischen Geschichte-machen als Aufdecken dessen, was wirklich geschehen ist und der Fiktion als Aufdecken der Möglichkeiten und Perspektiven dessen, was geschehen ist oder geschehen könnte, erzeugt eine bipolare Spannung unseres emotiven, praktischen und kognitiven Bewusstseins. Die Differenz zwischen dem was war bzw. ist, und dem was möglich war, bzw. möglich ist, hat die gleiche Grundfunktion wie die Differenz zwischen Gottes Güte und der realen Hungersnot einer mittelalterlichen Lebenserfahrung.


Die Illusion der Möglichkeiten erfahren wir tagtäglich durch die harte Wirklichkeit. Unsere kapitalistische Traumfabrik-Gesellschaft lebt vom real existierenden Alptraum der Menschen.

 
Aus der Vogelperspektive betrachtet, hat jede soziokulturelle Epoche ihr Ideal, das sich negativ vom Mangel ihres Daseins ernährt. Die in der jeweiligen soziokulturellen Epoche erschaffene Kultur spiegelt die  Illusion ihres eigenen Ideals wider.

 

Unsere soziokulturelle Aufmerksamkeit fokussiert sich stark auf Erinnerungen. Seien es Erinnerungen an andere Epochen, seien es Erinnerungen an sich selbst. Dieses im Gedächtnis angesammelte Vermögen, sich zu erinnern, bedarf eines ausgeklügelten auf  Sequenzen und Episoden angelegten Zeitsystems. Fiktion und faktische Geschichte sind daher überproportional an unserem soziokulturellen Ideal beteiligt. Denn sowohl die Fiktion, als auch die faktische Geschichte liefern uns das methodische Rüstzeug im Sinne des Erinnerungsideals zu denken, aber auch den Füllstoff den der einzelne Taucher dann ohne es bewusst wahrzunehmen aus den Tiefen seines Kollektiv-Bewusstseins emporhebt.

 

Die komplizierte Fähigkeit zwischen Fiktion und faktischer Wirklichkeit zu differenzieren, fordert uns. Als der Roman im 18. Jahrhundert seine Erfolgsgeschichte begann bis er als bürgerliche Kunstform unverzichtbar wurde, sprach man noch von Lesewut bzw. einer Lesesucht und sah darin eine Bedrohung. Auf dem Büchermarkt stieg die Produktion von Belletristik und wissenschaftlicher Literatur, während die Produktion religiöser Erbauungsliteratur stark zurückging. Die gesellschaftliche Trans-formation von barocker Regelhaftigkeit zur bürgerlichen Vielfalt und Heterogenität gründet sich im Niedergang des absolutistisch geprägten Adels. Der zunehmende Verlust von Form und Etikette in den adligen Gesellschaften reduzierte das bipolare Spannungs-verhältnis zwischen Regel und Chaos im Barock. Die Welt wurde zu ordentlich, und das Ideal der Regelhaftigkeit brauchte niemand mehr. Eine geordnete Welt benötigt dagegen ein Ideal der Heterogenität und der Vielfalt.


Die Chaostheorie befasst sich nicht mit Systemen, die dem Zufall unterliegen, sondern mit dynamischen Systemen, die mathematisch beschreibbar sind und sich prinzipiell deterministisch verhalten. Die Wissenschaften ordnen weiterhin die Welt. Die Weltbeschreibung wird damit immer feinkörniger. Das Bild einer prinzipiell nicht beschreibbaren Welt, einer vielfach komplexen und sogar unzugänglichen Welt entspricht nicht der Realität. Doch dem Einzelnen erscheint die Welt zunehmend magisch. Wie können ganze Datenpakete von einem fernen Ort innerhalb von Sekunden bei uns ankommen? Schon die Funktion eines Kühlschranks oder eines Telefons fordert die meisten Menschen heraus. Wir gehen in einem Discounter einkaufen und profitieren von der geheimnisvollen Wissenschaft der Logistik. Der Mensch ist heute wesentlich durch technische Artefakte bestimmt, die ein einzelner Mensch nicht mehr versteht. Aber gesamtgesellschaftlich werden all diese technischen Artefakte sehr feinkörnig verstanden.


Fiktion bedient sich dieser Feinkörnigkeit und schöpft ihre Möglichkeiten für das Subjekt weiter ab. Die sogenannte schöne  Literatur verfolgt keine praktischen oder rein kognitiven Zwecke, ist nicht nur politisch oder sozial, sondern auch seelisch und innerlich. Was denken wir, worüber phantasieren wir, was lieben oder hassen wir, wie oder was feiern wir, wie ist unser Alltag, wie könnte er sonst noch sein.  Die schöne Literatur ist im weitesten Sinn Seelen-geschichte, ein Ensemble der handlungsleitenden Gestimmtheiten.  Während unser Leben einem steuerlosen Boot im offenen Meer gleicht, liefert uns die schöne Literatur kohärente Geschichten mit einer Handlungslogik. Innerhalb eines Romans hat alles seine Ordnung.

 

Vielleicht ist unsere Welt tatsächlich schon zu sehr geordnet und verortet? Ein bisschen Irrsinn oder Wahnsinn täte uns allen ganz gut? Unser Ideal ist das Verborgene, Unerforschte. Die real existierende Ordnung der Welt liegt dazu in Spannung. Daher wird die Ordnung immer wieder zerschlagen und was gestern noch für wahr galt, ist morgen bereits ungültig. Diese permanente Reor-ganisation ist ebenfalls Teil unserer kapitalistischen Traumfabrik-Gesellschaft. Die Welt wird immer noch feinkörniger und subatomarer geordnet auf der einen Seite und mit dem Ideal des Geheimnisvollen und Verborgenen immer weiter getrieben und in seine Einzelteile zerlegt. Das Ideal einer heterogenen und vielfältigen Welt ist die Karikatur eines längst fertig gestellten Puzzles. Daher lieben wir Geschichte und Geschichten. Mit ihnen tauchen wir in die Welt hinein, als sie noch nicht erforscht und offen da lag. Doch gerade dadurch schaffen wir auch in der Geschichte und den Geschichten wieder Ordnung. In dieser bipolaren Spannung von längst Bekanntem und Sehnsucht nach Unbekanntem findet sich der Einzelne heute wieder.

 

So wie dieser Text inzwischen seine Kohärenz längst aufgegeben hat, weil er dem Ideal der Sehnsucht nach Unbekanntem zum Ende erlag, stiftet der Versuch, etwas ganz Neues zu entdecken, inzwischen mehr Verwirrung als Ordnung. 

 

 

 

ENDE

 

 

 

 

Der 16. Beitrag

 

Anlass: wir wissen, was wir sehen!

 

 

Aber sehen wir auch, was wir wissen?

 

 

Streifschuss vom 06. Oktober 21

 

Der französische Kubist George Braque gehörte ja zusammen mit Pablo Picasso zu diesen untalentierten Leuten, die – weil sie nicht richtig malen konnten – einfach eine eigene Stilrichtung gründeten. Sie nannten sich „Die Würfler“ und malten geome-trische Figuren, die immer ein bisschen wie ein missglücktes Mathe-Experiment aussehen. Sie, die Kubisten (Würfler) gingen davon aus, dass Objekte nicht im eigentlichen Sinne existieren, nicht für sich selbst sozusagen, sondern nur als Beziehung zwischen Objekten und als Beziehung zwischen fühlenden und erkennenden Lebewesen zu Objekten, die als Beziehung zueinander erkannt werden könnten. Also ein Apfel existiert nicht allein als Objekt, sondern nur als Beziehung zum Baum, an dem er hängt oder zum Teller, auf dem er liegt und als Beziehung zum Obstkonsumenten, der ihn vom Baum pflückt oder auf dem Teller zerhackt.

 
Heute nennt man diese Auffassung Prädictive Coding, was gelehrt klingt, aber ein alter Hut ist und worunter man ein Gehirn versteht, das laufend Prognosen erstellt über zukünftige Ereignisse und diese nach zwei Methoden berechnet. Entweder die eigenen Erwartungen beeinflussen die Wahrnehmung der Wirklichkeit oder die reine kognitive Verarbeitung von Sinnesreizen beeinflusst permanent die eigene Wahrnehmung. Vielleicht ist es auch so, dass viele erwarten, ihr Gehirn würde es schon richtig machen. Was ein großer Fehler in der Sache ist, weil das Gehirn ohne seinen Besitzer ein nicht existierendes Objekt ist und nichts berechnen könnte.


Tatsache ist, dass wir tatsächlich eher sehen, was wir wissen und seltener tatsächlich wissen, was wir wirklich sehen. Das beginnt schon mit der Augenmotorik. Vier Hirnnerven steuern die Augenbewegungen. In einem komplexen Zusammenspiel muss das Auge  Blickzielbewegungen durchführen, sogenannte Mikrosakkaden. Das geschieht ca. dreimal in der Sekunde und hilft dabei, die unterschiedlichen Lichtverhältnisse gleichmäßig auf die Rezeptoren zu verteilen. Wäre der Kopf fixiert und die Augenmuskeln gelähmt, käme es zur Erblindung. Doch zwischen den Blickzielbewegungen bleibt noch ein Rest von 30 Millisekunden übrig. In dieser Zeit sind wir alle blind. Bei ca. 100.000 Sakkaden pro Tag kommen wir immerhin auf eine knappe Stunde in der wir nichts sehen. Was will Gott, dass wir nicht sehen? Doch das ist noch nicht alles. Alle vier Sekunden müssen wir die Augen schließen, um sie zu befeuchten. Während eines Lidschlags sind wir 300 Millisekunden lang blind. Es kommen also noch einmal ein paar Minuten dazu. Doch wir bemerken es nicht. Wir haben nicht den Eindruck vorübergehender Erblindung. Unsere fehlende Wahrnehmung wird durch unser Wahrneh-mungsgedächtnis im präfrontalen Cortex kompensiert. Somit erleben wir einen Teil des Lichtes, das unser Auge formte, als Erinnerung.

 

Erinnerungen, Vorwissen, Erwartungen, Reize. Diese Reihe bildet ein mentales Modell der Wirklichkeit ab und die vorgestellte Wirklichkeit in unserem Gehirn hat gar nicht so viel zu tun mit der wirklichen Wirklichkeit. So ist die Aufnahme kollidierender Elementarteilchen in einer Blasenkammer (Teilchendetektor) ein viel genaueres Abbild der Wirklichkeit als es mein Gehirn grob zusammengeschustert hat.


Es ist daher ein großes Wunder, dass wir uns dennoch in der Welt zu Recht finden und den Weg zum Arbeitsplatz. Doch sollten Sie mal eine Ausrede für Ihren Arbeitgeber brauchen, dann sagen Sie ihm, dass der von ihm zur Verfügung gestellte Arbeitsplatz in Ihrer Erinnerung und Ihrer Erwartung ganz woanders war und Sie daher auch woanders waren an dem Tag, an dem Sie hätten arbeiten sollen. Denn! Was könne man schon für sein Gehirn? Das sei einem gegeben. Die Schule weckte auch nur falsche Erwartungen vom Leben…

 

 

 

ENDE

 

 

 

 

Der 17. Beitrag

 

 

CAFÉ Parsifal

 (heute Café Hummel im 8. Wiener Bezirk)

 

 

Se. Erlaucht hat sich augenblicklich zu der Erkenntnis durch-gerungen, dass es in der Geschichte der Menschheit kein freiwilliges Zurück gibt.

 

Langsam kam die Kamera vom Himmel herunter, durch die Wolken durch, schwenkte über das Schwarze Meer zur Donau, dann scharf links zum Altlerchenfeld, Breitenfeld und zum Ziel Josefstadt, Josefstädter Straße, Café Parsifal, dann durch die Tür, links, zum großen Tisch. Robert schob Martha gerade einen Stuhl hin, setzte sich, bestellte einen Kaffee, zündete sich eine Zigarette an.

 
„Küss die Hand“, sagte Franz zu Martha. Diese deutete im Sitzen einen Knicks an, lächelte, streckte aber die Hand nicht hin. So konnte Franz seinen Handkuss nicht durchführen.

   „Wir waren gerade bei der Liebe“, sagte Egon. „Eine Sommernacht …“, antwortete Robert, blies Rauch aus. „Macht noch keine Ehe. Hugo, erzähl doch noch mal die Geschichte.“

   Franz beendete gerne die Sätze von Robert. Und es war Franz mehr oder weniger egal, wie der Satz wirklich enden sollte. Für ihn waren alle nur merkwürdige Tierfiguren in seiner kleinen Fabelwelt. Und der Vivisekteur Robert war ein Winterschläfer mit gesundem Knochenbau.
    „Das ist eigentlich keine Geschichte. Es ist ein Fall.“
„Immer fällt doch wer in der Geschichte“, meinte Bela. Bela war der Jüngste im Kreis. Nicht nach dem Alter. Er war sogar etwas älter als Robert, nein, er war erst vor kurzem aus Ungarn geflohen. Ihm steckte der Terror noch in den Knochen. Kaffeehäuser waren ihm eher noch Sanatorien.

   „Ja“, sagte Hugo. „Aber in meinem ‚Fall‘ ist es ein nervöser Patient, der in meine Praxis kam und darüber klagte, seiner Partnerin nur beiwohnen zu können, wenn sie dabei gelangweilt sei, ein Buch lese oder einen Apfel esse.“

   „Was in gewisser Weise ein ‚Nebenbeiwohnen‘ wäre, oder?“ Franz zwinkerte Gina zu. Gina erwiderte dieses Augenzwinkern mit einem bösen Blick Richtung Martha. Diese merkwürdige Verschiebung konnte eigentlich nur Robert wirklich verstehen. Gina wurde zu sehr als Frau wahrgenommen und litt unter dieser Einschätzung nicht weniger als Robert, der zu sehr als Mann wahrgenommen wurde. Martha hingegen lebte unter Männern so natürlich wie Flechten oder Farne auf Bäumen. Manchmal ging Martha fast als Mann durch, nicht äußerlich, Martha hatte weibliche Kurven, einen sinnlichen Mund, nein etwas an ihrer Art ließ sie unter Männern selbstverständlich sein, während Gina dies ihr neidete.

„Mein nervöser Patient“, alle lauschten dem Analytiker, der auch Roberts Geheimnisse kannte,  „stellte sich gerne vor, wie sich seine Partnerin, während er in sie eindringt, mit ihrer Freundin über die neueste Damenmode unterhalte. Diese Vorstellung errege ihn absonderlich.“
   „Und was wollte der arme Mann von dir?“ Egon stopfte die Pfeife nach.
   „Absolution?“ Robert sagte das leise. Martha drückte seine Hand.
„Das ist eine Frauenangst.“ Gina musste das sehr laut sagen. Und erntete doch nur ein Augenzwinkern von Franz.

 
„Da muss ich dir widersprechen“, antwortete Hugo. „Die Angst vor der Liebe ist eine Männerangst. Frauen haben Angst vor Gewalt, nicht vor der Liebe. Männer haben keine Angst vor Gewalt. Aber…“,
„vor der Wahrheit, die sich in der Liebe offenbart.“ Bela sagte das mit all seinem ungarischen Feuer.


Alle bis auf Martha rauchten und so hatte sich um diesen altösterreichischen, cis- und auch transleithanischen Kreis eine Wolke gebildet, die kaum noch zu durchdringen war. Innerhalb der Wolke war es merkwürdig klar, wie im Auge eines Hurrikans.


Aber so abgeschottet, nahm unser Kreis nicht alles wahr. Robert saß am günstigsten und konnte einige Tische weiter eine Gruppe junger Männer durch die Rauchschwaden beobachten, die weder rauchten, noch viel sprachen. Sie waren alle gleich angezogen, trugen diese neumodischen braunen Hemden. Ein paar der Männer wirkten brutal, zwei andere aber saßen so schüchtern und verängstigt am Tisch, dass Robert den Eindruck hatte, man hätte sie unter Androhung des Schlimmsten dazu gezwungen, diese Hemden in der Farbe von Kamelscheiße anzuziehen.


Der Gegensatz zwischen den beiden Tischen konnte nicht größer sein. Aber ein einzelnes Objekt existiert gar nicht. Es kann nur als eine Beziehung zwischen Objekten und als eine Beziehung zu einem fühlenden, wissenden Wesen existieren. Kein Baum ohne seinen Boden und Baum und Boden erkennendes und fühlendes Wesen. Während alle jetzt durcheinander sprachen und die Liebe zum Thema hatten, beobachtete Robert den Tisch mit den Jungsozialisten. So bekam er auch als einziger mit, wie einer der Jungsozialisten schwungvoll aufstand und mit geschwellter Brust in ihre Richtung ging. Dann stand dieser Jungsozialist vor dem Tisch der Altösterreicher, eine durch den Rauch verschwommene Figur, die gleichzeitig die Hacken zusammenschlagend und den rechten Arm in die Höhe werfend schrie: „Heil Hitler.“ Das musste er ein paar Mal wiederholen, erst dann nahm man seine verschwommene Gestalt am Tisch der Altösterreicher wahr. Die eben noch heiß über die Liebe diskutierenden Köpfe wandten sich dem Jungsozialisten zu, sahen durch den Rauch seine kackbraun verschwommene Gestalt.

   „Heil Hitler, schämen Sie sich. Sie verpesten hier die Luft.“
Als erster lachte, noch etwas verschämt, Bela. Von der weißen Garde gestählt und abgehärtet. Dann lachte Franz und dann Egon (sehr laut), dann der ganze Tisch. Schallend. Während sie lachten, kam schon der Oberkellner und schob den Jungsozialisten energisch vom Tisch der Altösterreicher weg Richtung Ausgangstür.

 

Die anderen Jungsozialisten folgen unter Protest und ständigem „Heil Hitler“-Rufen ihrem Anführer nach draußen.

Dann war es wieder ruhig. „Was ist dieses High Ilta?“

Bela beugte sich dabei etwas vor und klopfte Asche ab.
   „Da beziehen sich die jungen Herren wohl auf einen vorbestraften Arbeiterführer‘“, meinte Egon. „Ein gewisser Hitler.“


„Immerhin, einer dem Königgrätz noch was bedeutet.“ Ob Robert das ironisch meinte oder ernst, konnte man bei Robert nie genau sagen.
   „Ein Hinterlader?“ Das war nun wirklich deutlich ironisch gemeint von Franz. „Was ist ein Hinterlader?“, fragte Gina.

 

„Das meine Liebe, ist, wenn dir die Liebe keinen Spaß macht“, antwortete Hugo. Franz zwinkerte Gina wieder einmal zu. Doch Gina reagierte darauf gar nicht, nur mit einem wieder ganz verschobenen, Furien haften Blick Richtung Martha. „Und all das ohne die Mechanik des Geistes“, meinte Egon und spielte damit auf die intellektuelle Auseinandersetzung Roberts mit dem deutschen Außenminister an.
  „Vielleicht nicht ohne Mechanik, aber gewiss ohne Geist“, antwortete Franz für seinen Winterschläfer.


Wieder sprachen alle durcheinander, rauchten. Die Kamera drang nun aus der Wolke heraus, schwebte Richtung Ausgangstür, blickte versonnen auf die Josefstädter Straße, wo braun gekleidete Jungsozialisten in kurzen Hosen Flugblätter verteilten, auf dem sie zu einem altdeutschen Volksfest, einer Sonnwende einluden, wo auch ein gewisser Ludwig Klages eine Rede halten würde. Die meisten Menschen blieben stehen, lasen neugierig das Flugblatt und begegneten den Jungsozialisten sehr wohlwollend.

 

Die Kamera stieg langsam gegen den Himmel auf, so wurden die Menschen immer kleiner und bedeutungsloser, die Kamera stieg weiter auf, drang durch eine echte Nikotinfreie Wolke und nun sah man gar nichts mehr. Und wusste auch gar nichts mehr. Vielleicht würde die Kamera jetzt bald bei Gott sein. Aber das – wie gesagt – war längst reinste Spekulation. 

 

 

 

ENDE

 

 

 

 

 

Der 18. Beitrag

 

 

 

ENTROPIE ALS METAPHER

 

 

 

Entropie ist eine extensive physikalische Zustandsgröße. Bei geschlossenen Systemen besteht die große Wahrscheinlichkeit zunehmender Unordnung. So ist ein Kartenspiel anfangs in einem geordneten Zustand und damit auf einem niedrigen Entropie-Niveau. Wenn man die Karten mischt, verändert sich der Zustand. Die Karten geraten in Unordnung und damit auf einen höheren Level der Entropie. Es ist unwahrscheinlich, dass man die Karten durch Mischen wieder in den ursprünglichen geordneten Zustand bringt, aber nicht unmöglich. Je größer allerdings das System ist, desto unwahrscheinlicher wird es, und das Gesetz der Thermodynamik besagt, dass Entropie immer zunimmt, physikalische Zustände sich also immer mehr vermischen, bis sie keine Ordnung mehr vorzuweisen haben. Das gilt für geschlossene Systeme. Der Mensch ist allerdings ein offenes System. Physiker hassen es, wenn man ihnen die Begriffe klaut und sie auf andere Wissensgebiete anwendet. Das mag legitim sein, weil es Verwirrungen vorbeugt. Hier nutze ich den Begriff der Entropie als Metapher.

 

Der biologische Zerfall des Menschen ist eine Ereignisfolge der Reproduktion von Zellen. Der Alterungsprozess ist ein energetisches Problem. Im Laufe meines Lebens gelingt es immer weniger, Energie durch Arbeit und Wärme abzugeben und so den ursprünglich niedrigeren Entropie-Zustand wieder herzustellen. Entropie ist eine extensive Größe. Zeitmachen ist ein innerer Vorgang zur Synchronisation von immer höherer Entropie, also eine Methode, sich in einem zunehmend ungeordneten Zustand zurechtzufinden bzw. ihn wieder in Ordnung zu bringen. Das ist wieder mal ein Paradoxon. Um einen geordneten Zustand (niedrige Entropie) zu erreichen, muss man Energie aufwenden. Nehmen Sie einen Kasten mit Gas. Nun zieht man eine Wand in die Mitte des Kastens. Man presst mithilfe von Energie die Gasteilchen in eine Hälfte des Kastens. Damit hat man einen Zustand niedriger Entropie geschaffen. Aber der Aufwand dazu kostete Energie, die wiederum zu Entropie führt. Die Ordnung in dem Kasten war nur möglich auf Kosten mehr Unordnung außerhalb des Kastens.


Zeit ist nicht nur eine Maßeinheit, sondern eine intellektuelle Arbeit. Denn mit der Zunahme der Entropie verliert man als Subjekt die Orientierung im Lauf der Ereignisse. Zeitmachen ist daher eine Arbeit, um Entropie zu verringern. Zum Beispiel schreibt man ein Buch, um etwas, was geschehen ist, verständlicher zu machen. Das schafft inhaltlich einen Zustand von geringerer Entropie, weil Ordnung in das Geschehen kommt. Ein Buch selbst als physikalischer Gegenstand ist dagegen von extrem hoher Entropie, denn es ist ein Zustand von größter Unordnung der Informationseinheiten. Je dicker das Buch, desto größer die Unordnung, die physikalisch in dem Buch steckt. Physikalisch betrachtet hat eine Wurstsemmel mehr Ordnung zu bieten. Der Preis für intellektuelle Ordnung ist die Zunahme physikalischer Entropie. Um mit Koheleth zu reden: Viel Studieren ermüdet den Leib.
   Hier sieht man dann doch, dass Begriffe nicht bedingungslos auf andere Wissensgebiete übertragen werden können. Doch eine gewisse metaphorische Gültigkeit bleibt bestehen.

 

 

Die Welt braucht eine atlantische Zäsur

 

Wenn wir die Geschichte der Menschheit im Sinne der Entropie betrachten, dann ist der Preis, den wir für unsere historische Ordnung zahlen, offensichtlich.  Geschichte ist dann wie der Kasten mit dem Gas. Je mehr Ordnung wir hineinbringen durch intellektuelle Anstrengung, desto größer wird die Unordnung außerhalb der Gebiete der Geschichte. Das erklärt dann auch die zunehmende Aufspaltung der Wissensgebiete. Es gibt immer mehr Kästen, in die wir Ordnung bringen müssen. Doch immer mehr solcher Kästen verursacht immer mehr Unordnung. Inzwischen gibt es so viele Wissensgebiete, dass sich keiner mehr wirklich auskennt. Auch innerhalb der Wissensgebiete spaltet sich alles schon auf. Wir können als Subjekt kaum noch eine Ordnung im Ablauf der Geschichte erkennen. Es gibt daher Spezialisten für das Mittelalter, für die Antike, für die Neuzeit, für die Moderne, und auch innerhalb dieser Gebiete gibt es bereits Spezialisten. Kein Mediävist hat das gesamte MA im Blick. Als gesamtgesellschaftliche Anstrengung schaffen wir ein paar Generationen Geschichte. Doch dann entgleitet uns diese Ordnung. Im Fluss der Zeit müssen wir zugleich unsere Deutungen immer wieder korrigieren, weil neues Wissen entstanden ist. Wie ich eingangs an den fehlerhaften Bezugssystemen illustrierte, fürchte ich, haben wir kaum noch ein echtes Wissen davon, welche Bezugssysteme tatsächlich in den frühkulturellen Gesellschaften vorherrschte. Auch zur Begriffsgeschichte verlieren wir den Zugriff und verstehen nicht mehr, wie etwas vor ein paar Hundert Jahren wirklich gemeint war.


Der Zustand der gesellschaftlichen Unordnung zeigt sich dabei nur mit gebührendem Abstand. Daher sprach Friedrich Nietzsche auch von seinem Adlerhorst, seiner Vogelperspektive der Wahrnehmung. Die räumliche Perspektive suggeriert ein merkwürdiges Gewimmel. Die zeitliche Perspektive ist dann eine Frage der Geschwindigkeit. Die Menschheit im Zeitraffer suggeriert Ordnung, weil sie weniger Entropie aufweist. Die Informationen sind im historischen Schnelldurchlauf geringer, daher auch die Entropie. Je langsamer man sich jedoch geschichtliche Abschnitte vor Augen hält, desto seltsamer und ungeordneter werden sie, weil die Zunahme der Informationen nun einen höheren Entropie-Level erzeugt.

 

Steht man auf einem Marktplatz einer größeren Stadt, erscheint einem die Menschheit sehr bunt und heterogen. Steht man weit oben und blickt von einem großen Turm auf diesen Marktplatz herunter, sehen alle Menschen ziemlich gleich aus. Räumliche Distanz reduziert die Informationsmenge und führt zu einem Zustand niedriger Entropie und höherer Ordnung.

 

So kann man zum Schluss sagen: Wer mehr weiß, weiß viel weniger, weil die höhere Anzahl an Informationen die Entropie erhöht und so zu Unordnung führt.

 

Simplex ratio veritatis sagte Cicero. Die Wahrheit ist konkret, sagte wiederum Lenin. Ich fürchte, es ist ein bisschen komplizierter. Es scheint eine Tautologie zu sein. Die Wahrheit ist nur einfach, wenn sie einfach ist. Meistens jedoch ist sie mehrfach und dann wird es mit der Wahrheit schwieriger.

Sokrates sagte den berühmten Satz: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Dieses Paradoxon ist damit gemeint. Wer viel weiß, dem erscheint es meistens so, als wüsste er gar nichts. Verwirrung, sagte Konfuzius wiederum, ist der Beginn der Weisheit. Ich denke, was der alte Chinese aus der Zeit der östlichen Zhou-Dynastie aus der Provinz Shandong meinte, ist, dass der distanzierte, verschwimmende Blick jene Grenze markiert, die uns die Grenzen unseres Wissens aufzeigen.

 

 

ENDE

 

 

 

 

Der 19. Beitrag

 

 

WOHER UND WOHIN UND WIE?

 

 

Warum sind wir hier und vermehren uns wie die Karnickel? Wir wissen es nicht. Wir haben zwar zahlreiche Erklärungsversuche unternommen, um den Sinn des Lebens zu ergründen. Aber es waren eben nur Versuche. Daher haben die Philosophen und dann alle anderen Menschen es allmählich aufgegeben, den Sinn des Lebens zu ergründen. Die meisten von uns konzentrieren sich voll und ganz auf den Sinn ihres eigenen Lebens und sind damit mehr als beschäftigt. Fragt man mich jedoch nach dem Sinn meines Lebens, habe ich das ungute Gefühl, es wäre Hybris darauf zu antworten. Warum sollte ausgerechnet mein Leben irgendeinen Sinn haben, den vielleicht ein anderes Leben nicht hat? Das ergibt keinen Sinn. Wenn man über den Sinn wie über irgendeinen Sachverhalt nachdenkt, verhält sich die Sache vor dem Denken anders als nach dem Denken. Es ist tatsächlich eine Art hinterher denken. Die Sache kommt einem hinterher anders vor. Es kommt zum Vorschein, was dahinter ist, aber was dahinter scheint nicht zum vor ist. Wenn ich darüber nachdenke, wie mir das vorkommt, was mir da beim Vordenken nachkommt, dann verstehe ich Walter Benjamins Einräumung, wir würden nicht mit der Sprache denken, sondern in der Sprache. Die Sprache ist oft selbst ganz sinnlos. Sie ist nicht so smart, wie die FDP das gerne hätte. So kommen wir oft nur ex negativo auf irgendeine Spur. Wir sagen „das ist sinnlos“, wenn jemand eine Tätigkeit ausführt, die nicht zu einem erkennbaren Ergebnis führt. Wir bezeichnen es aber auch als sinnlos, wenn jemand ein Gedicht schreibt, oder überhaupt sich für irgendetwas schindet ohne Geld oder irgendeinen Preis dafür zu bekommen. Wozu die Anstrengung? Oder wir empfinden es als sinnlos, wenn sich jemand für etwas Gutes einsetzt, weil wir glauben, dass er das Ideal seiner Anstrengungen nie erreichen kann. Warum für den Umweltschutz engagieren? Die Menschen werden doch eh alles zerstören. Warum sich für die Armen engagieren? Es wird immer Reiche und Arme geben. Warum für den Frieden demonstrieren? Der Mensch wird immer Krieg führen. Und so weiter. Auch mit Kindern sind wir nicht gnädig. „Lass den Unsinn“, sagen wir zum Kind, wenn es etwas macht, das uns zu stören scheint. Dabei ist Unsinn, anders als bei den Unkosten (oder der Unmenge), nicht mehr Sinn, sondern weniger. 

 

„Erzähl keinen Unsinn“, sagt man mir oft, obwohl ich gar kein Kind mehr bin. Andererseits ist man im Werden immer auch noch ein wenig das, was man mal war. Also steckt in uns allen ein Kind, das gerne Unsinn macht oder wenigstens machen würde, wenn man es ließe. Unsinn verstößt gegen Normen. So schafft der Sinn ein normatives Verhältnis zum Leben. Es ist daher eine merkwürdige Unwissenheit, den Sinn des Lebens nicht zu kennen. Wir kennen die normative Grundlage von allem gar nicht. Alle unsere Regeln und moralischen Vorschriften sind im wahrsten Wortsinne aus der Luft gegriffen. Wir leben alle in einer normativen Enge des „Du darf dieses nicht und jenes nicht“. Vieles von dem, was man nicht darf, macht Sinn. Aber warum?  Stehlen, morden und huren wird überall verurteilt. Andererseits fühle ich mich täglich von meinem Vermieter bestohlen, vom Finanzamt, von der Telekommunikationsgesellschaft,

 

den Nahrungsmittelherstellern. Warum dürfen diese mich bestehlen und ich sie nicht? Warum muss ich mich auf dem Arbeitsmarkt (früher auch Sklavenmarkt genannt) zur Hure machen? Das ist nicht nur sinnlos, es ist sogar unmoralisch! Ausbeutung für ein paar reiche Arschlöcher, die sich dann intergalaktische Raumstationen bauen, auf denen sie mit ihren scheiß reichen Freunden sinnlose Partys feiern, während ich auf die nächste Überschwemmung warte?


Nestlé darf mich sogar langfristig mit überzuckerten Nahrungsmittel umbringen, ohne bestraft zu werden. Das Leben ist sinnlos, weil es ungerecht ist oder ist es ungerecht, weil es sinnlos ist? Oder ist Gerechtigkeit eine Frage der Perspektive und für eine arme Socke wie mich ist das Nachdenken über Gerechtigkeit ein zu spät denken? Kann man beim Nachdenken nicht mehr hinterherkommen und ist das Denken dann ganz sinnlos? Ergibt es Sinn, hier herumzusitzen und über Gott und die Welt nachzudenken, ohne je auf ein vernünftiges Denkergebnis zu kommen? Ich könnte diese Zeit jetzt sinnvoll damit verbringen, Geld zu verdienen. Selbst schuld, statt reich.

 

Der Mensch verfügt über Sinne und es ergibt Sinn, Augen zu haben um die Welt zu sehen, Ohren um die Welt zu hören, eine Nase um die Welt zu riechen, Beine um durch die Welt zu gehen und Hände um die Welt anzufassen. Darüber muss man gar nicht groß nachdenken. Aber wie steht es um Blinde, Taube, Gelähmte? Ist ihr Leben jetzt sinnloser als meines? Nicht immer ist das, was einen Sinn ergibt auch ein Sinn. Handlungssinn, Bedeutungssinn, Verstehen. Eine Definition – sagte einmal Hans Jonas – kann Wissen nicht ersetzen. Definitionen sind für den Philosophen wie Klebstoff für den Bastler. Bei der Handarbeit mit Schere und Papier klebt man schnell mal was zusammen, was gar nicht zusammen gehört. Gelegentlich ist das Sinnlose aber schön und berührt so den Sinn. Ein Gedicht mag sinnlos sein, sobald es jemand mit Genuss liest, berührt es den Sinn. Was uns in den Sinn kommt, ist nicht immer sinnvoll und daher filtern wir vieles wieder aus unseren Sinnen heraus. Das ergibt Sinn. Niclas Luhmann sah im Sinn die ständige Aktualisierung von Möglichkeiten. Andererseits ist das Unmögliche gelegentlich sinnstiftend. Oder macht eine Utopie etwa gar keinen Sinn? In gut 50 Tagen beginnt die sinnliche Jahreszeit, die für einen Atheisten schlicht nur kalt ist. Leuchtende Kugeln auf Tannenbäumen ergeben gar keinen Sinn, aber die Stimmung die zur Weihnachtszeit in unseren Landen herrscht, möchte ich nicht missen. Auch wenn Jesus, der Weihnachtsmann, der Nikolaus und andere Fabelwesen nur abergläubischer Unsinn sind, sie berühren unsere Sinne. Wenn Unsinn Sinn macht und das Sinnlose unsere Sinne berührt, dann eröffnet mir die Sprache Räume und dies immer wieder, sogar nach tausenden von gesprochenen Jahren. Ein weiteres sinnloses Wunder.

 

 

 

ENDE

 

 

 

 

 

Der zwanzigste Beitrag

 

 

WER AN Allem ZWEIFELT,

MUSS GLAUBEN!

(oder daran glauben / hihi)

 

 

„Tradition ist bis auf den letzten Rest entflohen. Vorbilder, Normen, feste Formen nützen uns nichts. Wir haben unsere Probleme – seien sie künstlerisch, wissenschaftlich oder politisch – ohne die tätige Mitarbeit der Vergangenheit in voller Gegenwart zu lösen.“ So schrieb es im Jahr 1929 der spanische Intellektuelle José Ortega Y Gasset in seinem berühmten Essay „Aufstand der Massen“. Und dieser Satz trifft auch heute noch einen besonderen Nerv. Wir stehen vor der herkulischen Aufgabe nichts weniger als die gesamte Erde vor dem drohenden Untergang retten zu müssen. Dafür gibt es kein historisches Vorbild. Unser Weltklima entgleist mehr und mehr und Ursache dieser drohenden (und schon existierenden) Katastrophe ist die Ignoranz und die Arroganz der Masse. Das Klima, oder enger definiert „das Wetter“ (IPPC) war uns immer schon scheißegal, solange die Sonne schien. Das Wort „Klima“ stammt aus dem altgriechischen κλίνειν für neigen, krümmen. Das betraf bzw. betrifft die Sonnenneigung. Das Klima bezieht sich nicht auf die Ekliptik, den Neigungswinkel der Erde, sondern auf ihre Kugelform. Früher nannte man das den Himmelstrich, die berühmten Wendekreise. Wenn die Sonne senkrecht über dem Wendekreis der anderen Erdhälfte steht, beginnt der Winter und wenn sie senkrecht über der eigenen Erdhälfte steht, der Sommer. Das Klima sorgt für entsprechendes Wetter und wir nehmen Witterung auf. Es gibt ein Mikroklima und ein Makroklima. Es gibt Klimazonen. Und wir haben ein Klimasystem, das sich aus fünf Sphären zusammensetzt. Wir haben Klimaelemente, die man gut messen kann wie Feuchtigkeit, Temperatur, Druck, Dichte und Geschwindigkeit der Luft.

 
Wir haben inzwischen eine kleine Geschichte des Klimawandels. So entdeckte der Astronom Wilhelm Herschel bereits im Jahr 1801 einen Zusammenhang zwischen einer geringeren Anzahl der Sonnenflecken und schlechten Weizenernten und er beschrieb eine kleine Eiszeit für die Jahre von 1650 bis 1800. Immerhin ein hübscher Stimmungshintergrund für die barocke Epoche, die in diese kleine Eiszeit fällt und deren Vanitas-Verliebtheit.
Das Gefühl der Vergänglichkeit war die führende Empfindung während dieser kalten Jahrhunderte. Als es dann wieder etwas wärmer wurde, dachte sich ein Polizisten-Sohn aus Irland er könnte doch mal das Nachbarhorn des Matterhorns, das Weisshorn (immerhin 100 Meter höher) besteigen. Das war 1861 und dort hatte er offenbar etwas gesehen, gefühlt, erfahren. Denn ein Jahr später beschrieb er erstmals den natürlichen Treibhaus-Effekt: 

„So wie ein Staudamm ein lokales Anschwellen eines Flusses bewirkt, so erzeugt unsere Atmosphäre, die als Barriere für die von der Erde kommende Strahlung wirkt, einen Anstieg der Temperaturen an der Erdoberfläche.“

 

Es dauerte eine weitere Generation, bis der Sohn eines Landvermessers, der Schwede Svante August Arrhenius im Jahr 1896 als erster von einer globalen Erwärmung sprach und dies in einem Zusammenhang mit Kohlenstoffdioxid, das für große Temperatursprünge sorge. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass das erste Konzept für Klimaerwärmung aus dem kalten Schweden stammt.

 

Es dauerte wieder mehrere Jahrzehnte, bis ein englischer Ingenieur die globale Erwärmung nachwies und feststellte, dass die Zahlen nicht auf eine natürliche Erwärmung zurückzuführen seien. Im Jahr 1938 veröffentlichte er einen Artikel in dem er bewies, dass die Menschheit während der vergangenen 50 Jahre 150.000 Mio. Tonnen Kohlendioxid emittiert hat, und errechnete daraus eine jährliche globale Erwärmungsrate von 0,003 °C.


Das war also 1938. Heute spricht man hier vom Callendar-Effekt, denn so hieß dieser englischen Ingenieur, Guy Stewart Callendar.
Trotz weiterer Warnungen in den 1950ern und 1960ern (davor waren wir vor allem damit beschäftigt uns gegenseitig tot zu schlagen – auch eine Klimalösung) kam es erst 1979 zur ersten Weltklimakonferenz.

 

Vor einigen Tagen ging nun die 26. Konferenz in Glasgow zu Ende.  Ausgerechnet der britische Premierminister Boris Johnson bezeichnete die Konferenz als „letzte Chance“ für eine gemeinsame Klimaschutz-Politik – bei einem Scheitern „scheit’re alles“, es sei „eine Minute vor Zwölf“. Zuvor war dieser Mann mit der von Wind und Wetter zerzausten Frisur bereits aus dem europäischen Projekt ausgestiegen und er verströmte die Glaubwürdigkeit eines veralteten Diesel-Motors bei seinen Panik-Worten.

 
Ich möchte aber nicht auch noch Panik verbreiten, indem ich auf unfähige Politiker hinweise, deren Uhren offensichtlich falsch gehen – denn es ist bereits fünf Minuten nach zwölf, glaube ich. Nein, ich möchte noch einmal abschließend den Geist der Tradition aufrufen, den Ortega Y Gasset bereits vor fast 100 Jahren entflohen sah. Vor 2.400 Jahren lebte in der Provinz Izmir der Begründer der akademischen Skepsis. Arkesilaos sagte vor so vielen Jahren schon den Satz aller Sätze: Nichts ist sicher und nicht einmal das ist sicher.

 

Der schottische (wegen Cop26 und Glasgow passend) Philosoph David Hume meinte einmal, dass wir nicht einmal Gewissheit darüber haben, dass morgen die Sonne aufgeht. Er nannte diese Haltung „Fallibilismus“. Und doch habe ich genau das (den Sonnenaufgang) nun bereits über 20.000-mal erlebt und halte es für sehr, sehr wahrscheinlich, dass sie morgen auch aufgehen wird. Also im metaphorischen Sinn, denn die Sonne geht nicht auf, sondern die Erde dreht sich zu ihr hin. Aber das tut sie. Das alles könnte ich genauso gut bezweifeln und dann bliebe mir als letzte Gewissheit nur mein Zweifel selbst, den ich (so René Descartes einst) nicht anzweifeln kann. Mein Vater, der heute 102 Jahre alt werden würde, sagte es treffender als alle Philosophen der Welt es könnten:

 

Egal wie man sich dreht und wendet, der Arsch bleibt immer hinten.
Wer daran zweifelt, der glaubt aber auch alles.

 

 

 

ENDE

 

 

Der 21. Beitrag

 

 

 

MASSENMENSCHHALTUNG

 

Vor knapp hundert Jahren beklagte sich einmal der Spanier Ortega Y Gasset, dass seit Erasmus von Rotterdams „Lob der Torheit“ nichts mehr über die Dummheit geschrieben worden sei, denn – so Y Gasset – die Seiten von Erasmus tun dem Gegenstand nicht genug. Über die menschliche Dummheit sind uns meistens Bonmots überliefert wie die von Anatole France. Er war der Ansicht, die Dummheit sei sogar schlimmer als die Bosheit, denn die Bosheit setze wenigstens hin und wieder aus. Und da hatte er Recht. Denn die Bosheit ist mit lebenslanger Anstrengung verknüpft und gelegentlich ist selbst der inspirierteste Bösian einmal müde, während der Dumme keinerlei Anstrengung fühlt während seines Dummseins und folglich sein ganzes Leben damit zubringt dumm zu sein, ohne dabei je zu ermatten.

 

Doch vielleicht hat sich nie jemand so recht getraut über die Dummheit der Mehrheit zu schreiben, weil es einen verdächtig macht. Robert Musil hielt 1937 in Wien einen Vortrag über das Problemfeld und beginnt diesen so:  „Einer, so sich unterfängt, über die Dummheit zu sprechen, läuft heute Gefahr, auf mancherlei Weise zu Schaden zu kommen; es kann ihm als Anmaßung ausgelegt werden, es kann ihm sogar als Störung der zeitgenössischen Entwicklung ausgelegt werden. Ich selbst habe schon vor etlichen Jahren geschrieben: Wenn die Dummheit nicht dem Fortschritt, dem Talent, der Hoffnung oder der Verbesserung zum Verwechseln ähnlich sähe, würde niemand dumm sein wollen.

 

Von der Masse der vorzüglich Dummen lebenslanges Lernen zu fordern ist so absurd, als würde man von einem Blauwal das Fliegen fordern. Die Masse der Menschen heißt nicht so, weil sie so zahlreich ist, sondern weil sie so träge ist. Es wird ihr nie gelingen, sich zu bewegen, wenn nicht eine Notwendigkeit dies fordert. Insofern überrascht der Widerstand gegen die Impfungen nicht sonderlich. Eher überraschte mich die allgemeine Bereitschaft der Masse, sich impfen zu lassen ohne  gesetzlichen Zwang.  Wir Menschen verfügen über einen gewissen Vorrat an Vernunft. Die meisten von uns vermissen darüber hinaus nichts und richten sich daher mit diesem kleinen Vorrat an Vernunft, an Ideen im Leben ein. Danach verschließen sie ihren Kopf und verharren in diesem geistigen Zustand bis zum Tode. Der Werbespruch der Volkshochschulen (lebenslanges Lernen) richtet sich nicht an einen ganz bestimmten Menschen, sondern an uns Menschen allgemein. Der Adressat des „lebenslangen Lernens“ ist also die Allgemeinheit, die Masse. Diese allgemeinen Menschen aber haben sich längst verschlossen und so prallt der Spruch an ihnen ab, wie ein Gummiball an einer Wand. Es gibt noch nicht einmal einen großen Widerhall. Denn Lernen ist für die Masse ein Vorgang, den sie längst vollzogen haben. Was sie dann noch tun – und was dumme Menschen immer tun, weil sie das keine Kraft kostet – sie spielen das Lernen, ohne je dazu zu lernen. Kinder sind dagegen wirklich offene Wesen. Sie können sich gar nicht so verschließen, wie Erwachsene es tun können. Kinder würden in so einem verschlossenen Zustand jämmerlich zugrunde gehen. Daher können sie auch besser lernen und nehmen alles was man ihnen hinwirft begierig auf. Doch sie bleiben keine Kinder, denn man fordert von ihnen das Gegenteil. Benimm dich, sei vernünftig, ist das Mantra der Erwachsenen gegenüber den wissbegierigen Kindern. Denn Erwachsene sind bereits vernünftig. Sie können hier und wollen hier nichts mehr dazu lernen. Sobald Kinder also vernünftig geworden sind, lernen sie nichts mehr dazu. Wie auch, da ja ihre Vernunft bereits vollzogen ist. Die Masse der Menschen ist so völlig unzugänglich, denn ihr Horizont ist begrenzt und was über diesen Horizont hinausgeht erscheint ihnen absurd. Da sie sich mit ihrer kleinen Menge an Vernunft und Ideen vollkommen fühlen, erkennen sie ihre eigene Narrheit nicht. Der Weise ertappt sich oft nur zwei Finger breit vor einer Torheit und beklagt seine eigene Unvernunft. Der Einfältige hält sich für gescheit und kommt mit seinem armen Geist vollkommen aus. Diese Narren brauchen nicht mehr Vernunft zum Leben und werden nur durch bittere Notwendigkeit zu mehr gezwungen.

 

Unter unseren Anführern gibt es zwei Formen des ducere. Die einen führen, indem sie sich der Masse anschließen und nach ihrem begrenzten Horizont ausschauen. Sie täuschen die Masse, umschmeicheln sie populistisch und rauben sie dann im besten Falle aus. Die anderen versuchen, die Masse über ihren Horizont zu treiben. Sie ermahnen sie ständig und peitschen sie voran, brüllen sie zuweilen unbeherrscht an, denn diese Art des ducere lässt sich nicht ohne Zwang ausüben. Diese letztere Form des ducere wird von der Masse abgelehnt. Man nennt sie dann verächtlich Diktatoren oder Tyrannen. Doch die Masse ist nicht nur dumm, sondern auch träge. Daher lassen sie sich nur behäbig von Tyrannen anbrüllen und zwingen. Dumm und träge kauern sie auf ihrer kleinen Vernunftweide. Das liegt in der Natur ihrer Erscheinung. Und ein störrischer Esel wird schwerlich klein beigeben. Daher lohnt sich der Einsatz von Leckereien, von Zuckerbrot und Peitsche. Ein Jammer dass das so ist.

 

 

 

ENDE

 

 

 

 

 Der 22. Beitrag

 

 

Wie braun ist grün?

 

 

 

Streifschuss vom 04. November 21

 

 

Anlass: Ein Schuss auf die Kultur

 

 

 

In der Sprache der Natur bedeutet Tod Vernichtung. Und dass es mit dem Tode Ernst sei, ließe sich schon daraus abnehmen, dass es mit dem Leben, wie jeder weiß, kein Spaß ist. Wir müssen wohl nichts Besseres, als diese beiden, wert sein. So schrieb es Schopenhauer in seinen Todesreflexionen (im Band II der Welt als Wille und Vorstellung) nieder.

 
Erst ein freudloses und hoffnungsloses Dasein, bedroht von Armut, Hunger und Elend. Dann ein langsamer Tod unter Schmerzen, Atemnot, Selbstekel und einsam in der Abstellkammer eines städtischen chronisch unterfinanzierten Altenheims. Trotz der zehn Milliarden Dollar, die unsere fürsorglichen Regierungen weltweit für die Gesundheit ausgeben, klappt das noch immer nicht. Acht Milliarden Menschen und zehn Milliarden Dollar, also locker eine Milliarde pro Kopf und Jahr! Warum klappt das nicht? Warum muss ein Mensch so erbärmlich leben und noch erbärmlicher sterben? Wohin verschwindet all das Geld? Gegenfrage: Wo kommt es her? – Danke Herr Lindner für diesen nicht konstruktiven Beitrag. – Im Ernst. Das Leben ist kein Spaß und dann sterben wir auch noch, werden konsequent vernichtet! Mit dem Ergebnis: edite, bitite, post mortem nulla voluptas. Ab nach Malle und scheiß auf den Rest? Die Natur war nie, ist nicht und wird nie unser Freund sein. Unser Versuch ihr gerecht zu werden wirkt absurd. Auf jede einzelne Geburt kommt ein produzierter Neuwagen. Klimaneutral? Wird schwierig. Acht Milliarden Menschen wollen Kühlschränke, Fernseher, Computer, elektrische Zahnbürsten. Man kann die Natur verstehen, wenn sie uns zur Gegenwehr Überschwemmungen, Hitzewellen, Pandemien, Krebs und – für die Hoch entwickelten unter uns – das metabolische Syndrom schickt. Jeder morgendliche Laubbläser belegt unsere Feindschaft mit der Natur. Und was ist Natur? Eine Art Gottheit. Und schon Homer sagte, dass allein die Wahrheit das einzige Mittel im Kampf der Sterblichen gegen die Götter sei.

 
Wenn der Mensch als Tier es also tatsächlich hinbekommt, seinen Planeten (seinen Wirt) zu zerstören, kann man ihn als eine Krankheit des Planeten einstufen. Und so wie die aktuelle Lage sich darstellt, stehen menschliche Erfindungen und menschliches Wohlbefinden in einem unmittelbaren Zusammenhang mit Veränderungen auf der Erde, die dazu beitragen, dass alle auf dem Planeten lebenden Lebewesen gefährdet sind.

 
Der Mensch ist eine Bedrohung für alle anderen Tiere, eine Bedrohung für die gesamte Fauna und Flora des Planeten. Das lässt sich nicht wirklich abstreiten. Warum ist das so? Eine merkwürdige Frage. Manche Viren können nicht mit dem Wirt in verträglicher Symbiose leben und sterben so mit dem Wirt, indem sie ihn zerstören. Ähnlich zerstört auch der Mensch seinen Wirt. Der Mensch ist mutiert. Von einem harmlosen Säuger hin zu einem komplexen Geistwesen, das mit seinen umfangreichen und blütenreichen Gedanken und Gedankenspielen nicht mehr mit seinem Wirt kompatibel ist. Der berühmte Soldat und Spion Albert Leo Schlageter sagte einmal das inzwischen unselig geflügelte Wort: Wenn ich das Wort Kultur höre, entsichere ich meinen Browning. Nun ja. Die Politiker, sagt der Mund des Volkes, tun ja nichts. Das stimmt so nicht. Und genau das ist das Beunruhigende (Hinweis an den Joschka Fischer für Liberale, Mi(ni)ster Habeck).

 
Als der Mensch noch in kleinen Gruppen auf der Erde umher streunte und sich lediglich mit Knüppeln gegen die körperlich überlegenen Großtiere wehrte, war das Tier Mensch keine Gefahr für den Planeten. Inzwischen hat der Mensch mehrere Tausend Jahre Kultur auf die Natur gepackt und es erscheint uns so, als wäre fast nichts mehr natürlich aus sich selbst erwachsen im Sinne einer sich selbst erschaffenden Natur. Nahezu alles auf dieser Erde erscheint wie eine menschliche Schöpfung: gemacht und nicht geworden. Dieser Rundumschlag eines unaufhörlich Waren produzierenden Kapitalismus erdrückt jede natürliche Form des Geworden seins. Die große Frage ist also, ob der Mensch eine Kultur erschaffen kann, die in Symbiose mit der Natur lebt, ohne sie permanent durch Verdrängung zu zerstören. Eine Art Paradies mit Internetverbindung und elektrischem Rasiermesser? Halten Sie besser ihren Browning in Griffnähe.

 

 

ENDE

 

 

 

 

Der letzte Beitrag 2021

 

BITTE NICHT LESEN! 

 

Schwere Kost zum Jahresende

(zum Abschluss des Dante-Jubiläumsjahres)

 

 

 

Streifschuss

vom 27. November 21

 

Anlass: Was sowieso keiner hören will,

passt an dieser Stelle gut.

 

Vorsicht! Nicht lesen,

 

dieser Text könnte tödlich sein.

 

 

 

Im Jahr 2020 starben nach der Statistik des RKI 47.000 Menschen an einer Infektion mit Covid-19.  Davon starben 40.000 Menschen unmittelbar daran und die anderen bekamen durch dieses Virus den letzten Todesstoß. Insgesamt verstarben im selben Jahr in Deutschland ca. 980.000 Menschen. Allein 250.000 davon hat der Krebs dahin gerafft und 10.000 haben den Tod selbst herbeigeführt. Über 300.000 Menschen hatten Herz-Kreislaufprobleme und hatten vermutlich mit der Hitze mehr Probleme, als mit der Todesdrohne Nummer eins. Gut 40.000 Menschen starben an einer akuten Vergiftung durch Pilze, Drogen, Gas (zum Beispiel Kohlenmonoxid), Tabletten (zum Beispiel Paracetamol), Schwermetalle, verdorbenem Fisch, ungewaschenem Gemüse. Knapp 2.000 Menschen sind im Mittelmeer ertrunken.


Nein. Das waren keine Badeurlauber.

 
Und 32 Menschen starben 2020 sogar an einer Ohrenerkrankung und des Warzenfortsatzes (an Fisteln oder Karies). Leben ist eben lebensgefährlich!


So viel zur Statistik. Seit zwei Jahren werden täglich Statistiken veröffentlicht, die Tagespresse ist voll mit Todesgrafiken. Doch die häufigsten Todesursachen bleiben weiterhin unerwähnt. Die letzten hundert Jahre wurde der Tod verdrängt. Es erschien beinahe unanständig, zu sterben. Insofern hat das Virus, hat die Seuche eine katalytische Wirkung auf unsere Gesellschaft und zeigt uns die Grenzen unserer Todesverachtung. Die täglichen Corona-Statistiken und ihre Angst verbreitenden Journalisten tragen weiter zur Verdrängung bei. Niemand möchte sich noch damit beschäftigen. Niemand mehr kann das C-Wort noch hören. Die Journalisten wirken wie Aasgeier, die über unsere Toten kreisen. Und die Gesichter von Wieler und Drosten werden zur Allegorie des Todes.

 

Wir sterben! Alle! Manche schon heute, andere morgen. Kein Grund zur Panik. Wir leben ja noch. Und als Lebende ist es uns nicht möglich, uns tot vorzustellen. Denn für jede Art von Vorstellung braucht man ein Bewusstsein und als Toter fehlt genau dies. Uns Lebenden ist lediglich bewusst, dass wir sterben und Statistiken sagen uns da nichts. Die grassierende Seuche macht uns Angst. Wir sollten auch Angst haben. Aber auch vor Krebs. Oder vor Zucker. Ja. Einer der häufigsten Todesursachen ist immer noch der Zucker. Niemand hat ernsthaft vor Zucker Angst und bricht in Panik aus, wenn die Kellnerin einen Zuckerspender auf den Kaffeetisch stellt. Wäre aber vernünftig. Auch das Virus hat es bei einem dicken Pink-Puffer leichter. Zucker ist ein scharfer Kristall, der mit seinen harten Kanten die zarten Arterienwände aufschneidet. Überzuckerte und denaturierte Fertignahrung führt zur Insulinresistenz und der Zucker bleibt in der Blutbahn, zerschneidet die winzigen Arteriolen, die unsere Augennetzhaut mit Blut versorgen. Wir bekommen Schlaganfälle, werden blind, uns faulen die Gliedmaßen ab und wir sterben einen qualvollen und widerwärtigen Tod. Danke Nestlé, danke Mars, danke Kapitalismus. Wir haben viele Seuchen in unserer Gesellschaft und es gibt keinen Grund zur Hoffnung.

 

Wir werden alle sterben. Alle werden vermutlich jämmerlich, qualvoll und unter brüllenden Schmerzen, schlimmer als wir es uns vorstellen können, unter Höllenqualen zugrunde gehen. So viel zum Ende des Dante-Jubiläumsjahres. Aber alles kein Grund zur Panik. Wir leben ja noch. Wir leben. Hurra. Also lasst uns gemeinsam die Seuche verbreiten, fahren wir herum in der Welt, gehen wir auf Massenveranstaltungen, lasset uns feiern und das Leben genießen. Wir sterben eh. Und mit etwas Glück früher als gedacht. Wozu sich impfen lassen? Ein Hoch auf die Barbaren.

 

 

ENDE



Der erste Beitrag 2022

 

 

DIE DUNKLE SEITE DER MACHT

 

Streifschuss vom 07. Januar 2022

 

Anlass: Das Volk wird nicht verarscht,

es ist im Arsch.

 

Die dunkle Seite der Macht

 

Es ist inzwischen eine gewisse Mode geworden, auf Politikern herumzuhacken. Auch die Medienvertreter zwingen die Politiker oft dazu, in diverse Hohlräume zu kriechen, um dort für Absolution zu beten. Dabei sind sie gar nicht so schlecht – verglichen mit dem Volk, das sie regieren müssen. Dieses Volk kriecht derzeit wirklich aus allen Höhlen heraus und macht sich auf eine Weise breit, dass man es nicht mehr übersehen kann. Und wenn man das Volk ständig sehen muss, dann verursacht das zunehmend Übelkeit bei denjenigen, die sich nicht wirklich zum Volk zählen, weil sie es ja regieren müssen. Man muss die Politiker wirklich loben, dass sie sich nicht übergeben, wenn sie mit dem Volk sprechen. Nehmen wir einmal die Querdenker, Verschwörungstheoretiker und all die ganzen Irren aus der Rechnung heraus, dann bleiben immer noch die Spießbürger, die Halbgebildeten, die Ignoranten, die ewig nörgelnden Kleinbürger, die Konsumtrottel, die auch bei Dunkelheit Sonnenbrillenträger (anglizistisch Performer genannt), die Empor-kömmlinge (auch arriviert genannt), die post materiellen Aussteiger (früher  arbeitsscheue genannt). Kurz, die Querdenker und Spinner sind bei Weitem nicht das einzige Problemvolk. Und alle kann man täglich sehen, von Arte bis youtube breiten sie sich aus und verpesten die ohnehin schon staubige Luft.

 

Lediglich 10 Millionen Deutsche lassen sich als regierbar einstufen. Das ist der Anteil der unter 14-Jährigen in diesem Land. Kinder an die Macht? Keine schlechte Idee, denn sobald sie Akne bekommen, kann man sie wieder aus der Macht entfernen.

 

Jetzt ist natürlich auch viel Volk in der Regierung. Man bekommt gerade in einer Demokratie das Volk nicht aus der Regierung raus. Es hat sich da regelrecht eingenistet. So haben immerhin 70 Prozent aller Deutschen wenigstens einen Bachelor (von bacca für Kuh). Wenn man nun unser Kabinett anschaut, stammen alle 17 Minister aus dem Volk. Sie haben ein abgeschlossenes Kuhdium, äh Studium – also wenn man Sozialpädagogik tatsächlich als Studium betrachten kann, denn das ist ja ein Fach das man nicht abschließen kann, so wenig wie Philosophie. Wie oder was wird denn bei (immerhin zwei Minister) Philosophie abgeschlossen?

 

Sechs Anwälte im Kabinett, aber nur zwei Politologen. Eine ehemalige Briefträgerin vertritt einsam das Proletariat. Steffi stammt aus Querdenkenhausen (Sachsenreich) und hat dann nach ihrer Briefträgerkarriere Agrarwissenschaften studiert. Eine Bäuerin, zwei Philosophen, sechs Anwälte, zwei Politologen. Das bildet die Kartoffelgrafik der deutschen Politik und des deutschen Volkes. Denn auch das Volk besteht mehrheitlich aus Anwälten, Rechtsvertretern (wobei auf dem Vorgang des Vertretens der Schwerpunkt liegt, so wie man sich mal eben die Füße vertritt). Das deutsche Volk ist von einer enormen Rechtsgläubigkeit beseelt und hält das Grundgesetz für eine Bibel, geschrieben von langbärtigen Patriarchen, die im Schnitt 900 Jahre alt wurden. Das deutsche Volk ist ein halbgebildetes, dilettantisches, abschlussgeiles Volk, das von der Kreidezeit unmittelbar in die Jurazeit wechselte. Und es passt in die Jurazeit, dass man Atomenergie zur grünen Energie erklärt. Denn Rechtsgläubigkeit glaubt an das Recht, und Recht ist das, was geschrieben steht. Steht dann da geschrieben Atom ist grün, dann ist jeder Pilz essbar. Und das deutsche Volk frisst und frisst. Es wird immer fetter und fetter – man spricht schon von einer „Fetternwirtschaft“ in diesem Land. Alle haben fertig studiert (fertig wie aus und vorbei, haben sich also aus studiert) und werden jetzt nicht mehr klüger, nur fetter. Denn wer ist klüger als die Polizei? Niemand.

 

 

ENDE

 

 

 

 

 

 

 

 

Der zweite Beitrag 2022

 

 

Der Aufstand der Massen

 

 

 

 

Von José Ortega y Gasset 

 

übersetzt ins Deutsche:

von Helene Weyl

 

erstmals erschienen 1931

in der DVA Stuttgart

 

Rasse heute, schrieben Adorno und Horkheimer 1944 (in Dialektik der Aufklärung), ist die Selbstbehauptung des bürger-lichen Individuums, integriert im barbarischen Kollektiv. Und 15 Jahre zuvor schrieb Ortega y Gasset:

 

 

„Es gibt keinen Helden mehr; nur noch den Chor.“ Seit dem berühmten Buch von Gasset hat sich die Weltbevölkerung mehr als verdreifacht. Aber nicht über diese Masse als Wachstum schrieb Gasset sein Essay. Die Individuen, die diese Mengen bilden, gab es vorher, aber nicht als Menge. Gasset spricht von der Sicht-barwerdung der Masse. Damit ist seine Analyse näher an Adorno als an Spengler (den Gasset auch im Text stark kritisiert). 

 

Gasset definiert den Massenmenschen als jemandem, der sich nicht selbst einen besonderen Wert beimisst, sondern sich für Durchschnitt hält und damit auch wohlfühlt, der selbst gar nichts Besonderes sein will, sondern wie alle anderen. Der elitäre Mensch unterscheidet sich so naturgemäß vom Massenmenschen als jemand, dessen Streben sich vom Durchschnitt entfernt. Der durchschnittliche, der gewöhnliche Mensch hat sich zu einer Art herrschaftslosen Herrschaftsform entwickelt. Der damit verbundene Stillstand ist vor allem ein Stillstand der sittlichen Entwicklung. Wenn es keine sittliche Entwicklung gibt, dann verfallen die Sitten. Gewohnheiten erstarren zu unverständlichen und zwanghaften Ritualen. Rituale, die keine Zeremonienmeister mehr haben. Darin ist ein komplexes Problem verankert, denn der gewöhnliche Mensch verfügt nicht über die nötigen Führungsqualitäten, da er nichts Besonderes will. Er ist per Definition amoralisch. Seine Moral definiert sich durch seinen Gehorsam. Gasset definiert im letzten Abschnitt seines Essays, was einen Staat ausmacht und was den modernen Staat von den antiken Stadtstaaten unterscheidet. Der moderne Staat gleicht einem multinationalen Unternehmen mit einem Expansionsdrang. Die Ziele des Staates liegen außerhalb seiner selbst.

 

Doch sobald ein Staat sich mit sich selbst befriedet und keine Expansionsidee mehr hat, sich auf nationalistische Motive einlässt, beginnt seine eigentliche Dekadenz. Der gewöhnliche Mensch, der Massenmensch  hat selbst keine Ziele, keine Motivationen die ihn antreiben. Er benötigt laut Gasset daher eine Führung, er benötigt Herrschaft und geht dann im Gehorchen auf. Dieses Gefüge, das in den Stadtstaaten durch die Sklaverei dargestellt war, konnte nicht halten. Im Gegensatz zum modernen zukunftsorientierten Staat, waren die antiken Stadtstaaten (Hellas, Rom) stärker an der Vergangenheit orientiert.

 

Wenn wir unsere Nation verteidigen, verteidigen wir unser Morgen, nicht unser Gestern, schreibt Gasset über den modernen Staat. Da aber die Stadtstaaten nicht dynamisch waren (Rom war als ewige Stadt konzipiert), wurde der Status quo verteidigt und der ergab sich in den antiken Stadtstaaten eher durch die Reliquien der Vergangenheit, als durch zukünftige Operationen. Daher konnte Rom Cäsar auch nicht verstehen.

 

Die Gewöhnlichkeit, die Ziellosigkeit des modernen Massen-menschen ist ein Mangel an Inspiration. Andererseits – und diesen Teil seiner Analyse darf man nicht übersehen – ist die moderne Welt von unendlichen Möglichkeiten erfüllt und strotzt nur so von wirtschaftlicher, kreativer und wissenschaftlicher Vitalität. Gerade dies hat sich in den vergangenen hundert Jahren seit dem Aufstand der Massen bewiesen. Das Problem dieser Vitalität ist der Überschuss. Der Überschuss an Zukunft. Eine derart dynamische Gesellschaft verfällt ohne unternehmerischen Spirit, ohne Betätigungsfeld für die vorhandene Kraft in Melancholie.  Der Zunahme an Lebensquantität und Intensität fehlen die nötigen Werte, die Qualität. Es geht – schreibt Gasset – dieser Gesellschaft wie dem Herzog von Orleans, von dem man während seiner Regentschaft für Ludwig XV. sagte, dass er alle Talente besitze außer dem einen, sie zu benutzen.  Der moderne Staat ist – nach Gasset – die Einladung menschlicher Gruppen zur gemeinsamen Ausführung eines Unternehmens. Daher ist der moderne Nationalstaat in seiner Wurzel demokratisch (und das ist entscheidender als alle Unterschiede der Regierungsform).  So ist auch die Herrschaftsform durch das Plebiszit des vorherrschenden Volkstypus geprägt. Und das Volk des 20 . Jahrhunderts war ein Durchschnittsvolk. Man kann das heute noch dramatischer feststellen. Der Politiker des 21. Jahrhunderts verkörpert nicht nur den Idealtyp des gewöhnlichen Durchschnitts, er verkörpert auch die dysfunktionale Ideenlosigkeit eines mit effizienter instrumenteller Vernunft ausgestatteten Menschen. Wissenschaftlicher Fortschritt – lautet die bislang nicht widerlegte Ortega-Hypothese – beruht auf der Arbeit von allen Wissenschaftlern, d. h. vor allem auch auf der Arbeit einer großen Masse von Wissenschaftlern mit mittelmäßigem Talent, die nur weniger bedeutende Ergebnisse erzielen würden, wobei die Summe all dieser kleineren Fortschritte aber einen wesentlichen Teil des gesamten wissenschaftlichen Fortschritts ausmache. Der Ameisenstaat aus Spezialisten zerstört mit seinem Partikularismus das Ganze, dekonstruiert den Überblick, den ein Universalist zu haben glaubt. Das Problem bei der Analyse von Gasset ist keine Frage der Beweisbarkeit. Ideen sind seit Kant immer regulativ. Es geht nicht darum, welches Ordnungsprinzip im Recht ist, sondern darum überhaupt eine Ordnung vorzufinden. Die Überkomplexität von industriell geprägten Gesellschaftsformen lässt ein Allgemeines kaum noch zu. Die Homogenität eines Staatsgebildes bildet danach eine natürliche Grenze.

 

Der Massenmensch hat diese Grenze längst überschritten. Seine Spezialisierung weist außerhalb seiner Betätigung weder Homogenität auf, noch Kontinuität. Es ist in der Tat bloße Negation (denn dieser Mensch repräsentiert keine neue Zivilisation, die mit der alten in Kampf liegt, sondern eine bloße Verneinung).  Der Massenmensch nimmt sich Meinungen heraus und bildet sich keine mehr. Denn er vermisst nichts, was über seinen Horizont  hinaus geht. Das Prinzip der Verstockung bedeutet, dass der Massenmensch mit seinem Vorrat an Ideen zufrieden ist.  Das zeichnet den Massenmenschen als einen dummen Menschen aus, dass er seine eigene Narrheit nicht erkennt und sich – so begrenzt er ist – für gescheit hält. Lichtspiele und Rundfunk brauchen sich nicht mehr als Kunst auszugeben. Die Wahrheit, dass sie nichts sind als Geschäft, verwenden sie als Ideologie. Dieser Satz über die Kulturindustrie von Adorno und Horkheimer trifft auch auf die Bildungsindustrie zu. Bildung ist ein Geschäft. Der Massenmensch ist vornehmlich Konsument, Verbraucher. Der Mangel an Geist wird durch einen Überschuss an Produktion kompensiert. Ortega y Gasset konnte oder wollte die ökonomische Realität der Massenökonomie nicht wahrnehmen, nicht die Warenhaftigkeit des Seins. Das hätte ihn genötigt, dem Kommunismus das Wort zu reden. Aber man muss heute kein Kommunist sein, um den Kapitalismus als apokalyptisches Drama zu kritisieren. Nur – und das ist das Problem von dem Gasset schrieb – uns fehlt eine Idee, es anders zu machen. Zu sehr hat sich inzwischen die Autopoesie der Ökonomie in die Mechanik der Gesellschaften eingefressen. Sich eine wachstumslose Wirtschaft nur vorzustellen, stellt sich bereits widersinnig zu unserem Ökonomiebegriff. Wirtschaft und Wachsen sind eine Worteinheit geworden. Gasset attestiert dem Massenmenschen sittlichen Verfall und Amoral, weil ihn die Prinzipien der Kultur kalt lassen und er sich lieber für Automobile und Anästhetika interessiert.

 

Die Welt ist zivilisiert, aber ihre Bewohner sind es nicht; sie sehen nicht einmal die Zivilisation an ihr, sondern benutzen sie, als wäre sie Natur. Gasset erkennt tiefgründig, dass dieser moderne Mensch die von Menschen hergestellte Welt für die eigentliche Welt hält und nicht die Natur selbst. Er verwechselt natura naturata (hergestellte Natur) mit natura naturans (sich selbst schaffende Natur), um es mit diesen aus der Scholastik stammenden Begriffen zu kennzeichnen.  Das tut er, weil er nicht mehr universal an der Herstellung beteiligt ist. Die partikulare Erscheinungsform des Massenmenschen verhindert, dass er sich einen Begriff vom Ganzen machen kann. Die Warenhaftigkeit des Seins suggeriert dem Massenmenschen, dass die Welt selbst warenhaft ist. Die Welt ist käuflich, ein Geschäft. Dies ist immerhin ein letztes Ordnungsprinzip. Gewinnmaximierung, Wachstum. Und das ist die falscheste Idee, die wir aktuell haben könnten. Sie ist auch eine dumme Idee. Es ist eine ideenlose Idee – wenn man so will. Die Frage ist allerdings, ob uns ein elitäres Anspruchsdenken zu einer neuen Idee verhilft, die uns retten kann. Aber jene große Frage muss diesen Seiten fern bleiben; sie ist allzu groß. Sie würde uns dazu zwingen, in ihrer ganzen Fülle die Theorie des menschlichen Lebens zu entrollen …, vielleicht, dass sie bald ein Schrei wird.

 

 

 

ENDE

 

 

 

Der dritte Beitrag 2022

 

 

Das Unbehagen in der Pandemie

 

Anlass dieses Streifschusses: unglücklich, einsam und zölibatär

 

Noch drei Tage bis zum Jahr 114 A.F. Ziel ist eine Gesellschaft, die stabil, steril und infantil ist. Das sind die Leitideen der schönen neuen Welt von Aldous Huxley. Vom Weltstaat sind wir noch ein wenig entfernt. Die Menschen vermehren sich vorzüglich immer noch auf natürliche Weise und werden in der Keimzelle des Terrors (der Familie) zu Neurotikern großgezogen. Der Großteil der bald acht Milliarden Individuen glaubt noch an Geschichte, die in Wahrheit längst Geschichte ist. Die Vergangenheit steht in den Büchern und ist da gut weggeräumt.


Wir lieben unsere Sklaverei und die meisten Menschen flüchten aus Malpais, um glückliche und fleißige Konsumenten wie wir zu werden. John Savage steht derzeit frierend und hungernd an der polnisch-belorussischen Grenze. Freiheit und reichlich Brot für alle zusammen ist weiterhin nicht denkbar. Die Wissenschaft ist noch viel zu frei. Wir müssen noch mehr Steine in Brot verwandeln, noch mehr Sicherheit und Ordnung herstellen, um das Ideal der schönen neuen Welt zu erreichen. Unsere infantile Wegwerfgesellschaft ist vor allem an einem abwechslungsreichen Leben interessiert (wer zu viel nachdenkt – wie ich – leidet schnell unter einem sogenannten Präsenz-Defizit). Doch in den letzten beiden Jahren hat dieses Modell einer infantilen, sich an Spiel und Freizeit orientierenden Gesellschaft pandemische Risse bekommen. Die Ansprüche individueller Freiheiten, die sich in Amüsement und Spiel zum Ausdruck bringen, verstoßen gegen den Willen der Masse. Triebverzicht ist die Parole. Schon 1930 schrieb Sigmund Freud: „Ein gut Teil des Ringens der Menschheit staut sich um die eine Aufgabe, einen zweckmäßigen, d. h. beglückenden Ausgleich zwischen diesen individuellen und den kulturellen Massen-ansprüchen zu finden, es ist eines ihrer Schicksalsprobleme, ob dieser Ausgleich durch eine bestimmte Gestaltung der Kultur erreichbar oder ob der Konflikt unversöhnlich ist.“ In der Politik glaubt man allerdings, man könne Kultur als schmückendes Beiwerk begreifen und mit einem Staatsministerium kontrollieren. So rührig die schwäbische Studienabbrecherin und Ex-Managerin von Ton, Steine, Scherben auch ist (gemeint ist Claudia Roth), und so sehr man ihr Engagement gutheißen mag, das Problem ist nicht sie, sondern die Ignoranz politischer Herrschaft. Kultur ist die Summe unserer Leistungen und Einrichtungen, in denen unser Leben sich von dem unserer tierischen Ahnen entfernt. Kultur dient zwei Zwecken: dem Schutz des Menschen gegen die Natur und der Regelung der Beziehungen der Menschen untereinander. Das klingt nach einer – wie man das heute so plebiszitär nennt – gesamtgesellschaftlichen Anstrengung, die mit der Kontrolle der rechtlichen Rahmenbedingungen für den Kultur- und den Medienbereich (das ist die Aufgabe eines Kulturstaatsministers) nicht wirklich vollständig abgedeckt ist. Den ersten Zweck der Kultur haben wir – ganz ohne Ministerium – übererfüllt. Wir haben uns derart massiv gegen die Natur geschützt, dass sie nun beinahe weg ist. Jetzt schützen wir die Natur gegen die Kultur. Was irgendwie ein Treppenwitz ist oder aus den Annalen der Abderiten stammt. (Ich grüße Wieland und sein Biberach).


Den zweiten Zweck haben wir nicht minder übererfüllt. Über 80.000 Paragraphen regeln unsere Beziehungen. Sicherheit und Ordnung erfüllen den Leitspruch der Stabilität aus der literarischen Vorlage derart, dass wir unser Leben nur noch mit juristischem Beistand praktizieren können. Es ist keine Überraschung, dass 21 Prozent der Bundestagsabgeordneten Juristen sind. Wir verwalten uns zu Tode. Die instrumentelle Vernunft der Politik reduziert den Begriff der Kultur auf  die Vergabe von Filmpreisen und regelt menschliche Beziehungen über die Anwaltskanzlei. Daher glaube ich nicht, dass die derzeitigen gesellschaftlichen Spaltungen von der Politik beherrschbar sind. Politik hat weder die Macht, noch die Mittel dazu. Demokratie als Herrschaftsinstrument reduziert sich auf die Wahl von leicht zerfallbaren kurzfristigen Bündnissen, die im Sinne des Spektakels unorganisiertes Stegreif-Theater aufführen mit der Tendenz zur Verrohung. Der Bürger als Mitwirkender in einem nationalen Passionsspiel.  Das kann den Auftrag nicht erfüllen und wird auch den von Freud diagnostizierten Konflikt nicht bewältigen können. Der Triebverzicht, den moderne Gesellschaften abfordern, wird immer und konstant von Neurosen und Psychosen begleitet werden. Der Beitrag der schönen Künste zur Linderung psychischer Leiden ist bekannt und wird in der Therapie auch eingesetzt. Taugen die schönen Künste auch als Gesellschaftstherapeutikum? Anders gefragt: Sollten die Künste wirklich noch schön sein? Aber was dann? Sind sie mehr als ein wenig Honig für den kratzenden Hals? Kultur ist alles, was wir haben und was uns Menschen auszeichnet. Man kann nicht gegen die Kultur sein, ohne zugleich gegen den Menschen zu sein. Es wird daher Zeit für eine neohumanistische Erneuerung im anti partikularistischen, universalen Stil. Was das wieder bedeutet, darüber denke ich dann weiter nach und verteidige derweil mein Präsenz-Defizit.

 

 

 

ENDE

 

 

 

 

Der vierte Beitrag 2022

 

 

Das Totenschiff

 

Streifschuss:

 

vom 15. Dezember 2021

 

 

 

 

Anlass:

 

Dort ziehen die Schiffe dahin, auch der Leviatan, den du geformt hast, um mit ihm zu spielen… (Psalm 104,26)

 

 

 

Das Totenschiff

 

 

Der Staat ist eine Maschine, ein gewaltiges und mit präziser Technik ausgestattetes, rationales Monster. Wir werden sehen, ob die Neuen sie bedienen können. Denn man kann so eine Maschine auch leicht kaputt machen. Sie ist so komplex und reagiert allergisch auf alles Irrationale. Aber diese Neuen sind so neu nicht. Die meisten von ihnen sind schon die letzten Jahre im Maschinenraum herumgestanden und haben den Staatstechnikern dabei zugeschaut, wie diese an Hebeln ziehen und Knöpfe drücken. Vor jedem einzelnen Maschinenhebel und Maschinenknopf steht nämlich eine Ansammlung von Spezialisten (schlicht Beamte genannt), die verhindern, dass ein politischer Holzkopf  mit seinem wirren Verstand an sie herankommt. Die Spezialisten (die Beamten) haben allerdings einen gewissen Nachteil: Sie kennen nur ihren Hebel, ihren Knopf, den sie bewachen und beschützen. Sie haben keinen Schimmer, wie die Maschine funktioniert, nicht einmal einen Überblick über die vielen anderen Hebel und Knöpfe, die von anderen eingeschränkten Spezialisten bewacht und beschützt werden.

 

Politiker sind nun die vom Volk gewählten Holzköpfe, die vor der Wahl versprochen haben, diesen oder jenen Knopf zu drücken, an diesem oder jenem Hebel zu ziehen. Das Volk wählte sie dafür. Indessen stehen sie gelähmt vor den Spezialisten. Die Spezialisten schütteln ihre Köpfe, mahnen mit dem Zeigefinger.

 

Der Staatsapparat läuft dann erst mal so weiter, wie bisher. Nach und nach tauschen die neu gewählten Holzköpfe die Spezialisten aus, gegen Spezialisten, die eher die Meinung der Holzköpfe vertreten und so werden nach und nach ein paar Hebel in Bewegung gesetzt und der eine oder andere Knopf gedrückt. Doch schnell merken die Spezialisten, dass der Staatsapparat aus der Nähe betrachtet ganz anders funktioniert als gedacht und nun ziehen sie verängstigt die Hebel wieder zurück und drücken die Gegenknöpfe, bis dann alles wieder so ist, wie zuvor. Im Allgemeinen und in den Zeitungen steht dann viel über dieses Hebelziehen und Knöpfe drücken. Man nennt es dann das politische Feuilleton. Ist man – so wie der Kolumnist an dieser Stelle – längere Zeit auf der Erde und schaut sich dieses kuriose Treiben von außen an, dann erscheint einem das alles als recht komisches Marionettentheater. Denn hinter der großen Staatsmaschine stehen schwerreiche Männer, deren Güte es die Maschine verdankt, dass sie funktioniert. Denn diese reichen Männer und Frauen (denn das ist immerhin ein wenig anders geworden) liefern das Geld für die Ersatzteile der Staatsmaschine.

 

Es wäre alles schnell vorbei, wenn man das Finanzamt kaputt macht. Das Finanzamt ist der wichtigste und zentralste Maschinenraum des Staatsapparates. Dort sitzt nun ein kleiner populistischer Sonderling, Chef einer kleinen, populistischen Klientel-Partei. In den nächsten Jahren wird folgendes Bild aus diesem Teil des Maschinenraums zu uns dringen und das politische Feuilleton wird davon berichten: Mit den Händen ringende und nach Vernunft schreiende Spezialisten stürmen aus dem Finanzamt und die große Angst geht um, dass dieser Teil der Maschine, das Herzstück der Maschine zerstört werden könnte. Dann wird man den kleinen Sonderling aus dem Amt jagen und alles wird wieder so sein wie früher. Wir werden uns den Angstschweiß von der Stirn wischen und weise mit den Köpfen nicken. Wir wussten es schon jetzt. Oder alles geht ohnehin den Bach runter und die von mir beschworene Maschine ist sowieso schon jetzt nur noch die Karikatur einer Maschine. Auch das könnte sein.  Dann wäre all das Hebelziehen und Knöpfe drücken nichts weiter als eine Art Truman-Show für die „normalen“ und die „einfachen“ Leute, von denen gerne mal gekalauert wird.

 

 

ENDE

 

 

 

 

 

Der fünfte Beitrag 2022

 

 

Nicht alle Menschen sind schlecht

 

Streifschuss vom 19. März 22

 

 

Anlass: Lernen hat etwas Heimtückisches

 

 

Neulich in einem Kurs fragte ich die Teilnehmer, ob sie den Unterschied zwischen einem Adverb und einem Adjektiv kennen würden. Schweigen. Ein Adjektiv, hakte ich  nach, kennt ihr schon? Ein paar nickten zaghaft. Wozu dient es, fragte ich? Eine ältere Dame zögerlich: zum Beschreiben. Und was beschreibt es? Wie etwas ist.


Gut soweit. Vermutlich würden Sie auch erst einmal abwarten, wenn man Sie auf offener Straße nach der Bedeutung irgendeines Fremdworts fragen würde. Das sei zunächst eingeräumt.

Danach machten die Teilnehmer ihre Schreibübung. Einer las seinen Text dann vor und ich stellte das Wort „manche“ fest. Und sofort- ohne zu zögern – meldete sich eine ältere Dame und merkte ironisch lächelnd an, dies sei aber kein Adverb. Sie wüsste das, denn sie sei Deutsch-Lehrerin.


Das saß! Ja ich schämte mich, dass ich das Wort „manche“ im Eifer des Gefechts für ein Adverb gehalten hatte, wo es doch ein Pronomen ist. Erst am nächsten Morgen, um sechs Uhr früh, als die Wirkung des Schmerzmittels gegen meine Zahnschmerzen nachließ, lag ich grübelnd mit pochendem Molar im Bett; diese Heimtücke! So schoss es mir gemeinsam mit dem Nervenschmerz durchs Gehirn. Zuvor schwieg sie, verbarg sich, gab sich nicht zu erkennen, stellte sich dumm. Sie hätte sich schon auf meine erste Frage nach dem Unterschied von Adverb und Adjektiv melden können, ja müssen. Aber nein. Sie wartete – vermutlich mit Genuss – auf meinen ersten Fehler, um dann ihren Trumpf auszuspielen. Heimtücke, Tücke, List, Hinterhalt, Täuschung. Jemanden klammheimlich ins Messer laufen lassen. Diese Bösartigkeit, die sich der Arglosigkeit seiner Opfer bedient, das ist es, was mich schon lange an den Menschen stört. Und leider sind die meisten Menschen heimtückisch und hinterhältig. Sie lernten es in langer Tradition der Unterdrückung, nicht mit offenen Karten zu spielen. Vielleicht neigen Frauen eher zur Heimtücke, weil sie von Männern jahrhundertelang gedemütigt und unterdrückt wurden und immer noch der Willkür männlicher Gewalt ausgesetzt sind. Aber nicht nur Frauen, auch viele Männer erlebten und erleben Übergriffe auf ihren Körper und ihre Psyche gegen ihren Willen und lernten so Bösartigkeit von der Pike auf. Wer aber nicht offen seine Macht zeigen darf, der zeigt sie heimlich, durch Täuschung und durch Hinterhältigkeit. Es ist gerade aktuell ein interessanter Fakt, denn das ist die Handlungsweise des derzeitigen russischen Machthabers Putin, der sein über 30 Jahre klein gehaltenes Russland nun endlich groß zeigen will, aber es geht nur bösartig durch Lügen, Täuschen und hinterhältigen Überfall. Im deutschen Strafrecht gibt es den heimtückischen Mord. Der Täter nutzt sein Wissen über die Arg- und Wehrlosigkeit seines Opfers aus. Wenn Bösartigkeit ein erlerntes Verhalten ist – und das behaupte ich ja hier – stellt sich die Frage, ob Bösartigkeit gerade bei bildungseifrigen Menschen besonders häufig vorkommt. Ich muss diese Frage leider mit Ja beantworten. Gebildete Menschen sind häufig besonders bösartig und haben es gelernt zu täuschen, zu hintergehen und die Arg- und Wehrlosigkeit ihrer Opfer für ihre Zwecke zu nutzen.

 

Vermutlich gibt es auch hier eine lange Tradition der Wissensfeindlichkeit, die den Wissenden zur Täuschung, zur Heimtücke nötigte. Nicht alle Menschen sind schlecht. Dies zu behaupten, wäre im besten Falle kindisch. Es gibt durchaus gute Menschen. Aber sie sind deutlich in der Minderzahl. Daher kann man mit Machiavelli sagen: ein Mensch, der sich in jeder Hinsicht zum Guten bekennen will, muss zugrunde gehen inmitten von so viel anderen, die nicht gut sind. Dieser Satz von  Niccolò di Bernardo dei Machiavelli ist geradezu die Quintessenz erlernter Bösartigkeit und beweist meine Vermutung, dass man das, was man einmal lernte, nur schwer wieder vergessen kann. Und es belegt auch meine wachsende Abneigung gegen das Wort Bildung. Gerade die schlimmsten Mörder waren sehr gescheit.

 

 

ENDE

 

 

 

 

 

Der sechste Beitrag 2022

 

              Abenteuer Leben

 

Anlass: Wer hat es getan?

Abenteuer Leben

 

Ich hatte gerade einer älteren Dame den Vortritt gelassen. Sie lächelte mich dankend an und wandte plötzlich ihr Gesicht ab, riss ihr Gesicht geradezu von mir weg. Sie hatte vergessen, ihre Maske aufzusetzen. Ein Kalauer ging mir durch den Kopf. Früher wäre es nicht ganz unproblematisch gewesen, wenn man in einem Discounter eine Maske aufsetzt. Nun ging die Dame leicht gebückt, mit ihrer aufgesetzten Maske im Gesicht und schwankend vor mir her. Sie erinnerte mich an den Kohlenklau. Ich folgte ihr in kleinen Schritten den Weg zwischen Gemüse- und Käsetheke entlang, als mich unerwartet mit großer Wucht ein Schlag traf. Ich geriet kurz aus dem Gleichgewicht und Kohlenklau war verschwunden.

  „Vorsicht, junger Mann, Augen auf“, rief ich in ungewohnter Schlagfertigkeit, denn gewöhnlich reagiere ich auf solche Ereignisse erst einen Tag später mit einem Anstieg meines Blutdrucks – eine Gemütsträgheit, der ich vermutlich mein Leben verdanke. Der  tatsächlich junge Mann – das konnte ich aber in der Schnelligkeit nicht wissen, das war also eine rhetorische Wendung, eine Art Diminutiv, um den Gegner zu beschämen – also der rempelnde junge Mann drehte sich nun halb um zu mir und polterte:

    „Mach doch selber deine Augen auf!“

„Ich habe hinten keine Augen“, antwortete ich. Wow, ich war weiter, schlagfertiger als gewohnt. Ja ich weiß. Hinten keine Augen haha. Eine ziemlich ausgelutschte Metapher. Aber für jemanden, der in solchen Situationen sonst nie etwas sagt – immerhin.

   „Sie sind seitlich gegangen“, schrie mich der Mann diesmal siezend an. 
Jetzt musste ich lachen, herzhaft. „Seitlich gegangen“, wiederholte ich kopfschüttelnd, „Sie sind um keine Ausrede verlegen, oder? Sie Trottel.“ Trottel sprach ich aber schon zum Käse, der keine Antwort gab.
Der junge, rempelnde und um Ausreden nicht verlegene Mann hatte längst das Streitgespräch verlassen und war Richtung Fleischtheke abgebogen, im Getümmel des Discounters verschwunden. 

 

Ich würde diesen Rüpel weder im Discounter noch auf der Straße wieder erkennen. Auch, wenn er keine Maske getragen hätte (dieser Satz wäre vor zweieinhalb Jahren noch völlig unverständlich gewesen). Ich erinnere an einen alten Stoiker, der über seinem blau geschlagenen Auge ein Schild mit den Worten „nemo fecit“ hängen hatte. Und für gewöhnlich sehe ich solche Ereignisse ähnlich. Diesmal reagierte ich nur deshalb, weil die Absicht mich zu rempeln so offensichtlich war, dass ich mich dadurch sogar eher geschmeichelt fühlen konnte. Denn meist wird man einfach übersehen. Und absichtslos gerempelt zu werden, das empfinde ich als tiefe Erniedrigung. Also ich kam mir schon immer recht überflüssig vor und hatte oft das Gefühl im Weg zu stehen. Nicht selten war ich an meinem Arbeitsplatz schon einer zu viel und es war keine Arbeit übrig, die ich auch hätte tun können. So empfand ich das, was ich tue als unnötig, da die anderen es schon taten und ich es nur wiederholte. Da fragte ich mich schon, was das soll und wozu ich das jetzt mache.

 

Tatsächlich demotivierte mich das soweit, dass ich es sein ließ. Im Grunde sage ich das auch vom Leben selbst. Es haben schon so viele gelebt und mein Leben ist einfach eine weitere Wiederholung eines fürchterlich banalen Einerleis. Wozu? Das ist nicht das gleiche wie die berühmte Sinnfrage. Es ist eher die wenig bekannte Sinnlosfrage. Und daher fand ich den Rempler dieses jungen Mannes amüsant. Und nicht darauf zu reagieren, wäre eine Unterlassungssünde gewesen. Ich schuldete dem Eifer des Remplers einfach eine anständige Reaktion. Nemo fecit? Nein. Denn dulden ist nicht nur grammatisch ein schwaches Verb. Es hat eine Nähe zum Büßen, und was bitteschön sollte ich büßen? Die Grausamkeiten des Daseins habe ich nicht zu verantworten. Dass der Tod in diesem Leben eine Gnade ist, habe ich nicht zu verantworten. Insofern danke ich dem jungen Rüpel für seinen Hinweis: podex fecit.

 

 

ENDE

 

 

 

 

Ein Doppelpack zum Monatsende

 

 

Reform ...

 

Mitten im Blitzlichtgewitter der Kameras, immer weiter vordringende pelzige Mikrophone, Geschrei, Fragen, die er gar nicht verstand, inmitten einer Masse von Hysterischen, die alle schnell erste Stimmen einfangen wollten. Willy Schönblum drang vor dieser gehetzten Meute immer weiter zurück. Er war nicht da, er war gar nicht da, er war nie da, alles ein Irrtum, das alles hatte gar nicht stattgefunden. Aber es hatte stattgefunden, war geschehen. Willy Schönblum drängte sich durch eine Gruppe Sicherheitsleute, verschwand hinter ihrer schützenden Mauer und schaffte es in das Gebäude hinein. Tür zu, und plötzlich Stille, breite endlose Gänge, cremefarben, nüchtern. Wo ist nur die Toilette, dachte Schönblum. Er musste plötzlich. In all der Aufregung vergisst der Körper nichts, und ginge die ganze Welt unter, man muss trotzdem vorher noch die Blase entleeren. Aber nirgends war eine Toilette, nur geheimnisvoll wirkende Türen, ein paar belanglose Topfpflanzen, nichts, keine Toilette. Schönblum hetzte durch den Gang, wusste längst nicht mehr wo er war, als ihm einer der Sicherheitsleute mit Walky-Talky, Knopf im Ohr, entgegen kam. Der wusste auch nicht, wo es eine Toilette gab. Sie suchten gemeinsam, und wurden gerade noch rechtzeitig fündig.

Erschöpft lehnte sich Schönblum an die geflieste Wand. Wie konnte das alles nur so weit kommen. Es war nicht seine Absicht gewesen, nur einen Denkzettel, auch ein bisschen blinder Aktionismus, nichts Durchdachtes, und jetzt saß er tief im Schlamassel.

Langsam öffnete er die Toilettentür und spähte in den cremefarbenen Gang. Er wusste ja längst nicht mehr, wo er war. Das riesige Gebäude verzweigte sich in ein Labyrinth aus cremefarbenen Wänden. Sollte er rechts gehen? Würde er dann wieder der gehetzten Meute der Journalisten in die Arme laufen? Links gehen? Oder wäre dort der Feind mit Blitzlicht und Pelzmikros? Plötzlich erfasste ihn unendliche Angst, Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn, tropften in den Nacken, die Brust entlang, sammelten sich unter den Achseln, er konnte selbst seine eigene Angst riechen.

So stand er mitten im Gang und wusste weder ein noch aus. Von links sah er nun einen Mann schnell näher kommen, das Sakko flatternd. Der Mann winkte, und als er in Hörweite war, rief er: „Ah, ja, hallo, hallo". Wer war das? Versteinert blieb Schönblum stehen. Es war jedenfalls kein Journalist, keiner mit ärmellosen Lederwesten und Cargohose, kein schlecht sitzender Blazer mit Ledereinsätzen an den Ellbogen. Der Mann trug einen sauberen Maßanzug.

„Herr Kanzler, endlich, da sind Sie ja!"

Schönblum drückte irritiert die Hand des Mannes. Er kannte das Gesicht. Woher nur. Aus dem Fernsehen? Der Name des Mannes wollte ihm nicht einfallen. Schönblum traute sich kaum zu atmen, um nicht selbst seinen Angstschweiß riechen zu müssen, denn wenn er das selber schon roch, roch es auch der andere. Kanzler? Wie denn. Das war er doch noch gar nicht? Aber Schönblum kam nicht zum Denken.

„Das ist ja – was? Irre, unglaublich. Wer hätte das gedacht. Gegen alle Umfragen – ja Mann, irre", faselte der Maßanzug und klopfe Schönblum immerzu auf die Schulter, und zerrte ihn gleichzeitig den Gang entlang. Währenddessen suchte Schönblum fieberhaft nach Lösungen, wie sollte es weiter gehen? Mit wem? Karl? Der hatte ihm öfter bei der Steuererklärung geholfen, der könnte die Finanzen ..., wer noch? Joschi? War der nicht Vegetarier, gut, also Joschi Gesundheitsressor... . Weiter kam Schönblum nicht, denn der Mann mit dem ihm bekannten Gesicht und dem Maßanzug redete weiter penetrant auf ihn ein.

   „Aber vor der müssen Sie aufpassen! Die hat Krallen, aber Hallo, na gut, wir zwei – was?" und schon bekam Schönblum wieder einen Schlag auf die Schulter. Vor wem musste er aufpassen? Schönblum hatte nicht aufgepasst, vor wem ihn dieser Mensch da warnte. Und schon näherten sie sich einer breiteren Nische, von der Lärm drang. Schönblum bremste unwillkürlich ab.

„Aber nein, Mann, bester, die warten doch alle auf Sie! Kommen Sie schon!"

Schönblum wollte nicht kommen, gar nicht. Das war doch alles ein Scherz gewesen. Das war er nicht wirklich! Das ist doch nur ein Traum, nur eine Horrorvision. Hatte er was eingeworfen? Hatte man ihm was in seinen Drink gemischt? War er auf Angeldust? Aber der Mann im Maßanzug zerrte ihn weiter, dem Lärm entgegen.

„Der Pressesaal, die geladenen Journalisten. Mann, Herr Kanzler, die sind geil auf Sie, und wie. Ich komme mit, die werden schauen, wenn wir zu zweit aufkreuzen, was?" Wer war dieser Mann im Maßanzug. Er kannte ihn, er musste ihn aus dem Fernsehen kennen. Ein Alptraum! Abgrundtief, aber schon stieß der Maßanzug die Tür zum Lärm auf, und zog Schönblum mit in den Lärm hinein. Und tatsächlich: Sie hatten gewartet! Kaum war die Tür auf und der Maßanzug mit Schönblum in den Saal getreten, ertönte ein Schuss, ein Knall – was auch immer! Und die Hölle ging los. Der Maßanzug schaute verdutzt zu Schönblum, die sahen sich einen Augenblick wie in Zeitlupe an, und dann sank der Maßanzug auf die Knie, die Hand in Schönblums Sakko verkeilt, zog er ihn mit.

„Ich doch nicht ...," flüsterte der Mann kaum hörbar. Aus dem Nichts waren schwarz gekleidete Sicherheitsleute um sie versammelt, bildeten um Schönblum und den Getroffenen einen Kreis. Weitere Schüsse fielen, Lärm, Geschrei, offenbar Panik. Schönblum kniete neben dem Getroffenen, sah die fragenden Augen des Mannes und hatte dabei selbst eine Frage auf den Lippen: Wer sind Sie eigentlich? Der Mann öffnete noch den Mund, wollte etwas sagen – sich vorstellen? – aber es kam nur noch ein Blubbern aus dem Mund, Blut lief hinterher, und Schönblum sah nun, dass das weiße Hemd des Mannes rot von Blut geworden war. Noch ein letzter Blick, dann bekam Schönblum einen Schlag ab.

Als er erwachte, lag er in einem Krankenhausbett. Es war still. Schönblum war der festen Ansicht, all das sei Gott sei Dank doch nur ein böser Traum gewesen. Am Nachtkästchen lag die Morgenzeitung. Attentäter geistig verwirrt!? Und im Text stand: Vermutlich galt das Attentat dem am Sonntag völlig überraschenden Wahlsieger der Reformpartei. Nur der Zufall wollte es, dass noch Kanzler Erwin Schmidbauer sich gemeinsam mit seinem Nachfolger der Presse stellen wollte. So schoss der offensichtlich geistig verwirrte Attentäter versehentlich auf Schmidbauer. Weiter unten konnte Schönblum den zynischen Satz lesen: Wenn unser frisch gewählter Kanzler auch in seiner Reformpolitik so ein glückliches Händchen hat, dann kann uns um die Zukunft nicht bange sein. Diesen Satz las Schönblum wieder und wieder, zunehmend fassungsloser. Nein, sagte Schönblum zu sich, nein und nochmals nein! Das war nur ein Scherz. Nichts weiter. Aber es war eben kein Scherz! Lange starrte Schönblum an die Decke, im Kopf hatte er ein merkwürdiges Rauschen, und plötzlich standen seine Gedanken still. Nichts, nichts mehr. Gar nichts mehr. Ende. Aus. Ende. Aus, nur das ging durch seinen Kopf, Ende, aus, ende, aus. Die Zeitung fiel ihm aus der Hand, und mit offenen Augen gegen die Decke – ende aus – starrend, verharrte er. Ende, aus. Nie mehr aufwachen. Nicht der Alptraum war der Alptraum, sondern die Realität war der Alptraum. 

 

ENDE

 

 

und … Anselm von Canterbury

 

Dann trat (wie oft, wenn es wirklich nötig ist) ein Mann von großem Verstand auf. Der in den italienischen Alpen in Aosta geborene Anselm von Canterbury (1033-1109) studierte bei Lanfrank le Bec und wurde sein Nachfolger als Erzbischof von Canterbury.

Durch nichts ist jedoch nichts. Es lässt sich nicht einmal denken, dass etwas nicht durch etwas sei. Alles, was ist, ist durch etwas. Und es ist unzweifelhaft, dass alles durch dieses ist, das ihm sein Durch-Sich-Selbst-Sein gibt. Dieses Eine ist die Einheit und das Höchste in allem (Monologion).

 

Alles was ist, ist durch das, denn es gelangt durch sich selbst zum Sein. Diese letzte Ursache hat selbst keine Ursache mehr. Irgendwann muss auch mal Schluss sein. Anselm nannte es das per se ipsum.

 

Es folgt daher, dass, wo diese Selbigkeit nicht ist, nichts ist. Sie ist ihr Sprechen (monologion).

 

Dieses durch sich selbst Seiende wurde bzw. wird fälschlicherweise als Gottesbeweis geführt. Das ist so nicht korrekt. Die Begriffe sind nach Anselm der Grund der Erkenntnis. Er zeigt sich damit als Begriffsrealist.

 

Dieses Einzigartige und einzigartig wunderbare ist der Geist. Denn allein der Geist ist auf diese Weise und alles andere ist nicht oder kaum. Dieser Geist ist je der Vater des durch ihn Gezeugten. Und es ist zugleich unmöglich, dass sie beide verschieden sind. Denn alles andere hat Sein nur durch Analogie zu diesem höchsten Geist.

Alles Seiende, das nicht das durch sich selbst Seiende ist, ist nur eine Analogie. Der Selbstbezug des Seins ist begrifflich. Alles Seiende hat damit a priori seine Bestimmung als jeweiliges Sein. Sonst könnte es gar nicht sein.

 

So sah dich meine Seele, aber nur bis zu einer gewissen Grenze, aber nicht dich, wie du bist. Sie sieht nicht weiter, nicht wegen deiner Finsternis, sondern wegen ihrer eigenen. Sie wird zusammengezogen in ihre Enge, überwältigt durch deine Weite. (Proslogion).

 

Die Bestimmung hat ihre Grenze nicht in Gott, sondern in mir selbst. Ich kann darüber hinausgreifen und dies wiederum als ein Allgemeines erkennen. Dies ist das unum argumentum, das später durch Immanuel Kants Kritik am ontologischen Gottesbeweis Berühmtheit erlangte. Da ich nichts Größeres denken kann, als eben diese letzte Ursache durch sich selbst, gelange ich nur durch das Gebet zu Gott.

 

Daher bist du etwas Größeres, als gedacht werden kann. Denn selbst ein solches, kann gedacht werden, wenn etwas gedacht wird, als dass nichts Größeres gedacht werden kann.(Proslogion).

 

Zugegeben, für solche Sätze muss man Anselm einfach lieben. Ich kann denken, dass ich nichts größeres denken kann. Da ich also in meinem beschränkten Denken an eine Grenze stoße und davon ausgehen kann, dass es da jenseits meiner Beschränkung noch Land geben kann, allein dass ich so ein Land annehmen kann (das wäre eben der Geist, der das kann), stelle ich diesen Selbstbezug her.

 

Diese letzte Grundlosigkeit des per se ipsum ist nicht mehr hintergehbar. Daher ist es. Und dies hat natürlich auch ethische Konsequenzen.


So ist auch der Wille, der um seiner selbst willen will, ein anderer als derjenige, der um einer anderen Sache willen will. (de Libertate alibrii).

 

Credo ut intelligam, ich glaube, damit ich erkennen kann. Die Selbstzerstörung des Intellekts ist der Übergang zum Glauben. Durch den Intellekt kommen wir zum Glauben, eben weil der Intellekt das Größere denken kann. Und so führt sich der Intellekt selbst ad absurdum.  Die Wahrheit muss sich daher immer selbst begründen. Der Wille muss sich selbst wollen.

 

Dies ist absolute Freiheit. Später hat das auch Schelling aufgenommen und auch Hegel gründete sich darauf.

 

Wer sündigt, gibt daher nicht seine Freiheit auf. Aber es ist auch nicht die eigentliche Freiheit, die sündigt. (de libertate alibrii).

 

Das ist eben die Gnade, dass wir die Freiheit haben zu sündigen. Sünde ist damit nicht – wie bei Augustinus noch – die Abwesenheit des Guten, sondern selbst auch Freiheit. Ein Rechtsbegriff von ganz anderer Natur.

 

Dass der Wille sich selbst wollen kann, ist die Gnade. Sie begleitet auch den sündigen Willen. Freiheit und Gnade harmonieren immer, um den Menschen zu retten. (De Concordia).

Das Universale ist nach Anselm logisch vor etwas.

 

Anders wird nämlich etwas gedacht, wenn nur der es bezeichnende Laut gedacht wird, anders, wenn das begriffen wird, was etwas ist. (Proslogion).

 

Nach Anselm ist der Intellekt schon etwas Vorausgesetztes, dass etwas überhaupt thematisiert werden kann. Die Begriffe des Erkennens sind die Voraussetzung des Seienden und nicht nur irgendwelche Nachbildungen des Seienden durch den Intellekt.

 

Es gibt aber Dialektiker, die die allgemeine Seiendheit (substantia universalia), für einen bloßen Hauch der Stimme halten. In diesen Häretikern ist die Vernunft so verdeckt von materiellen Vor-stellungen, dass sie sich selbst gar nicht von diesen Vorstellungen unterscheiden kann.(de incarnatione Verbi).

 

Dies ist der Angriff auf die Nominalisten, die Begriffe für flatus vocis halten. Etwas zu begreifen ist also nicht nur ein Benennen von etwas, sondern ein Verstehen von etwas, das sich als Seiendes voraussetzt, da ja von nichts, nichts kommen kann. Wie soll denn etwas einen Namen, einen Begriff bekommen, wenn es nicht selbst etwas sei und sich eo ipso schon damit auf sich selbst bezieht? Das macht einfach keinen Sinn. Und trotzdem haben sich bis heute die Nominalisten durchgesetzt und vergeben die Zeichen als wäre damit die Sache selbst nicht schon gemeint. Bis heute ist dieses Dilemma der Sprachphilosophie nicht wirklich letztgültig gelöst. Diese verrückte Differenz von Ausdruck und Sache! Ich erinnere hier auch an Walter Benjamin:

   Es gibt kein Geschehen oder Ding weder in der belebten noch in der unbelebten Natur, das nicht in gewisser Weise an der Sprache teilhätte, denn es ist jedem wesentlich, seinen Inhalt mitzuteilen. (Über die Sprache überhaupt).

 

Ohne Sprache können wir uns gar nicht verständigen. Damit ist Sprache bereits vorausgesetzt. Walter Benjamin ist damit ein Begriffsrealist und ganz bei Anselm. Nun, dass wir im Geiste alle beschränkt sind, das hat Anselm ja in seinem sogenannten Gottesbeweis bereits deutlich gemacht.

 

 

 

ENDE

 

 

 

Der achte Beitrag 2022

 

 

WIR AUSGESTOPFTEN

 

Streifschuss:    vom 01. 12. 2020

 

Anlass:              Wir ausgestopften

 

 

Wind im trockenen Gras –

ein sauberer Scherbenhaufen

 

 

 

 

Auf diese Art geht die Welt zugrunde. Nicht mit einem Knall: mit Gewimmer. So schaut es aus. Und Thomas Stearns hat das damals schön gedichtet. Und heute? Man hat den Sozialismus in Deutschland schon vor langer Zeit umgebracht, so bleibt armen Socken wie mir ja nur noch der Faschismus. Doch der ist eine Mogelpackung. Ich habe das Pech, zu klug zu sein, um auf einen destruktiven und zynischen Machtprimat hereinzufallen. Die, die nicht so klug sind und auf den Geschichtsrelativismus der Neonazis hereinfallen, zu warnen, ist eine mühsame Intention. Vor allem sollte diese düstere Geschichte von sechs Millionen ermordeter Juden, diese düstere Geschichte einer Kriegsschuld mit 70 Millionen Toten, diese düstere Geschichte mit ihren immer noch durch unsere Zeit wabernden Geistern, man sollte diese Geschichte nicht als erhobenen Zeigefinger benutzen und damit missbrauchen.

 

Der geschulte Faschist durchschaut diese Geschichtsinstru-mentalisierung der Edukation. Die Idee eines kosmopolitischen, von Rassismen freien Sozialismus  zu reanimieren, ist auch nicht gerade eine leichte Sache. Zumal da auch nicht grade Samthandschuhe an der Tagesordnung waren. Es ist schon ein Ärgernis, dass nur diese müde und ausgelaugte Demokratie eine Alternative bietet. Es ist, als würde man einen alten, faltigen Mann mit Hoden wie Kartoffelsäcke zur Glorie führen. Der Rest formaler Demokratie in unserer total verwalteten Welt ist ein schlechter Witz. Da lacht der Faschist und haut mit seiner Kruppstahl-Hand feste druff. Und je „wehrhafter“ sich die Demokratie zeigt, desto faschistischer sieht sie dann aus. Sogar diese Müsli-Fressen von den Grünen wollen jetzt eine starke Bundeswehr (Baerbock) und eine europäische Festung. Natürlich dient diese Festung der Verteidigung der Freiheit gegen die autoritären Staaten. Mit Autorität gegen die Autorität? Dieses Paradox werden die Demokraten, die sich wehren, nicht los.

 

Daher könnte es den Demokraten, die sich nicht wehren, so ergehen wie den Kuschelsozialisten (Müntefering im Jahr 2006), der SPD. Die Brutalität und der enorme Anpassungsdruck durch die Ökonomie ist nichts für arme Socken. So Leute wie ich werden weggefegt vom Sturm der Krise. Und nichts wird das aufhalten können. Der Faschismus wird daher kommen wie eine natürliche Erscheinung. Ein Phänomen das nur in seiner Präsentation Unterschiede aufweisen wird. Realistisch betrachtet leben wir längst in einer faschistoiden Demokratie. Sie lächelt uns noch zu und die Polizei bemüht sich noch um Menschlichkeit. Als wäre die Polizei jemals in ihrer Historie für Menschlichkeit zuständig gewesen. Nein. Die Pandämonie hat damit gar nichts zu tun. Das ist nur eine weitere Katastrophe im – Katastrophen gewohnten – Weltgeschehen. Die quer – und mehr verquer – denkenden Gedankenlosen dieser Zeit sind nur Reaktion, nur Reaktionäre in einer Zeit, die den größten Anpassungsdruck seit langem bewirkt.

 

Fortschreitende Digitalisierung ist blind gegenüber der Logik fortschreitender klimatischer Veränderungen. Und es geschieht faktisch so gut wie nichts, um die drohenden Katastrophen wirklich abzuwenden. Verzweifelt wirken die Maßnahmen gegen die Pandemie daher, weil nur eine Front bekämpft wird und wir letztlich umzingelt sind. Die Nazis hatten schon in Weimar ein Gespür für die Katastrophe und so waren sie auch diesmal schon vorher da. Und die zu bestrafen, die sich nicht an die Konventionen halten, das erinnert fatal an die Mentalität des Punitiveness (der Bestrafungslust der autoritären Persönlichkeit). Abulie ist die Folge und das ist ein tragisches Symptom des Verlustes von Geist (unter Geist verstand Hegel Selbstbestimmung). Wir gehen unter, Stück für Stück nicht mit Geschrei, sondern mit einem Wimmer.

 

 

 

ENDE

 Der neunte Beitrag 2022

 

                                             GEHTS JETZT LOS?

 

Streifschuss aus der nahen Vergangenheit vom 3. Januar 2020

 

 

Staffel-Auftakt für

die Golden Twenties

 

Wow! Was für ein Staffel-Auftakt für dieses neue Jahrzehnt. Mit einem ordentlichen Kriegsver-brechen!

Vor knapp zwanzig Jahren hat er dem damaligen Präsidenten der USA noch geholfen, ihren Einsatz gegen die Taliban zu planen, und vor fünf Jahren half er der USA im Kampf gegen den IS.

 

Im Jahr 2013 berichtete The New Yorker über zunehmende Aktivitäten der Quds-Einheit in Syrien. Aus dem Bericht geht auch hervor, dass die Aktivitäten von Al Quds im Irak zeitweise von den Amerikanern toleriert wurden, um sunnitische Aufständische zu bekämpfen. John Kerry persönlich lobte ihn dafür. Aber die Karten wurden neu gemischt. Trump befahl den Mord am iranischen General der Al Quds-Einheit Soleimani, den iranischen Rommel (wie er genannt wurde) und das Militär bezeichnete diesen Mord als defensiven Akt der Selbstverteidigung. Absurd? Was wissen wir schon!  Der Sensenmann wiegt zwei Tonnen, hat eine Topgeschwindigkeit von 500 km/h, eine Reichweite von München nach Island, also ca. 3000 Kilometer. Der Sensenmann wurde Anfang dieses Jahrtausends erstmals in Afghanistan eingesetzt. Der Reaper MQ9. Ist ein UAV (unmanned aerial vehicle), wird via Fernsteuerung durch einen Computer gesteuert. Es ist eine Killerdrohne von General Atomics, einer Firma die bereits seit 1995 solche Killerdrohnen zur Verfügung stellt, jahrzehntelang mit Shell zusammengearbeitet hat und ihre Finger auch fett im Ölgeschäft hat. Das Unternehmen hat in den letzten Jahren Millionen Dollar in ihre Lobby-Arbeit gesteckt, um die Zusammenarbeit mit dem Verteidigungsministerium weiter zu fördern. Und so ein Treffer ist gute Firmenpolitik. Klar. Irgendwelche geopolitischen Hintergründe, die uns normalen Menschen nicht zugänglich sind, haben den großen Präsidenten Donald Duck Trump dazu veranlasst, diesen Befehl zu erteilen. Und der General einer Elitetruppe für Auslandseinsätze für den Iran, einem Land der bösen Achsen, ist ein gutes Opfer. Da General Soleimani  Perser war, aus der Provinz Kerman (Südosten des Iran), hatte er sicher Verständnis für den Zoroastrismus von George W. Bush.

 

Was mich an dieser Pressemeldung so frustriert, ist mein Unwissen über die echten Hintergründe. Wer ist der Böse? War das wirklich Selbstverteidigung? Keine Ahnung. Ich vermute, dass das niemand wirklich weiß, denn die Gründe sind dabei eine Mischung aus den unterschiedlichsten Interessen der Menschen, die auf dieser geo-politischen Bühne ihre Muskeln spielen lassen. Was ist mit dem General? Hatte er eine Familie? Hinterlässt er Kinder, die ihn liebten, die er liebte? Im Iran wird darüber sicher etwas geschrieben. Hier? Nix! Man sieht nur wieder die Fresse von Donald Duck Trump. Und ein paar Wichtigtuer erklären uns Dummen die Welt. Danke dafür. Nur, wofür?

 

 

ENDE

 

 

 

 

 

Der zehnte Beitrag 2022

 

 

 

                            DER STURM

Selbst durch das geschlossene Fenster drang der Lärm der Parade, die jubelnden Massen,  Trommeln, Pfeifen und Trompeten, das rhythmische Schlagen von Soldatenstiefeln. Hanna hatte die Vorhänge zugezogen. Jetzt schob sie den Vorhang ein wenig zur Seite und sah hinaus. Die meisten waren unten auf der Straße hinter der Absperrung und jubelten. Ein buntes Meer aus Menschen, die alle ihre Fahnen schwenkten und winkten. Aber auch an den Fenstern gegenüber, standen viele Leute, dicht gedrängt hingen sie über die Fenstersimse, schrien und winkten den Soldaten zu. Aus jedem Fenster (alle waren weit geöffnet) hing eine Fahne. Hanna widerte das an, der Lärm, die Bereitwilligkeit zum Jubeln. Sie verstand das auch nicht. Was ging in den Menschen vor? Was begeisterte sie derart an einem militärischen Aufmarsch? Warum war der Mensch überhaupt so laut? Hanna zog den Vorhang wieder ganz zu, hielt sich die Ohren zu. Sie ging zum Schreibtisch, um ihr Erinnerungsalbum zu holen, setzte sich an den Küchentisch. Es gab andere Zeiten, dachte sie, bessere. Ruhigere? Vielleicht nicht, aber der Lärm war weniger Krach. Und um dem Irrsinn da draußen etwas entgegenzusetzen, wollte sie sich an diese Zeiten erinnern. Sie schlug das Album an einer willkürlichen Stelle auf. Gott, Albert, Hanna streichelte das Foto, schloss kurz die Augen. Albert war schon vor Jahren von ihr gegangen. Der Krebs hatte ihn besiegt. Aber davor waren es bessere Zeiten. Es war ein altes Foto von ihm, ihre beste Zeit.

 

Damals waren sie Aktivisten gewesen, direkte Demokratie, Globalisierungsgegner, keine Macht den Konzernen. Sie hatten es sogar mal bis in den Stadtrat geschafft. Sie hatten eine Partei gegründet, eine Protestpartei, die SbA (Spaß bei der Arbeit). Und tatsächlich wurde sie in den Stadtrat gewählt. Doch schon die ersten Eindrücke dort waren zermürbend. Im Rathaus saßen kaum noch Politiker. Diskurs feindliche, Kopf lahme Pragmatiker, die die Hand aufhielten und im Trüben fischten. Sie wurde von Lobbyisten bedrängt, die ganz offen korrupt waren. Und ihre Bestechungsangebote machten sie fast bedingungslos und schamlos. Dann hatten sie eine Idee. Albert? Hatte Albert die Idee gehabt? Oder war sie es selbst gewesen? Sie wusste es nicht mehr sicher. Es war schon zu lange her. Aber Hanna erinnerte sich an diese eine tolle Nacht, als sie mit Albert zusammen alle Stifte aus den Büros des Rathauses einsammelten und in einen großen Müllsack füllten. Stifte, die alle Werbegeschenke waren, mit Firmenaufdruck. Durch das dunkle, stille Rathaus, Zimmer für Zimmer, mit Taschenlampe und Müllsack bewaffnet. Albert war ein Meister darin gewesen, verschlossene Türen mit einer Kreditkarte oder einem Stück Draht zu öffnen. Sie nahmen nur die Stifte. Eine harmlose Aktion im Grunde. Aber das Rathaus war nun Stifte frei. Sie informierten die Presse, dass heute was los sei. Mit den anderen Parteimitgliedern (sie waren nur zu fünft), malten sie ein großes Transparent auf dem stand: Stoppt die Lobbyisten. Wir lassen uns nichts mehr vorschreiben. Als die Presse eintraf, hatten sie schon das Transparent ausgerollt und schütteten den Müllsack mit den Werbestiften aus. Irgendwo musste sie doch noch ein Foto davon haben, dachte Hanna. Hier, da. Sie nahm den zusammengelegten Zeitungsausschnitt aus der Folie. Eine ganze Seite im Abendblatt – sie faltete das Blatt auseinander – zeigte sie und Albert von vorne, im Hintergrund, Inge, Karl und Juri, die das Transparent hielten.

 

„Spaßpartei macht Ernst“, lautete die Schlagzeile. Und darunter, die Stifte-klau-Aktion. Der Bericht war etwas reißerisch, aber für diese Zeitung ganz okay. Hanna Appelt, die profilierte Jungpolitikerin mit DKP-Vergangenheit greift zur Privatrevolte gegen den Lobbyisten-Sumpf im Stadtrat, las Hanna. Gut. Strafanzeige, Verbot der Partei, hohe Geldstrafen. Dennoch, dachte Hanna. Gute Aktion. Eine bessere Zeit. Lange betrachtete sie das Foto auf dem Zeitungsblatt. Das war Albert, das war sie, das waren die Zeiten. Kriegstrommeln knallten dumpf gegen die Scheibe, Hanna hielt sich wieder die Ohren zu.

 

Plötzlich schlug jemand laut und kräftig gegen die Tür. Hanna erschrak und spürte ihr Herz im Hals klopfen.

 

„Aufmachen“, hörte sie eine männliche Stimme brüllen und wieder schlug der Mann gegen die Tür. Langsam stand Hanna auf.

 

„Ich komme ja“, sagte sie, aber leise, krächzend. Angst, dachte sie, warum habe ich solche Angst? Von draußen hörte sie dumpf einen jubelnden Aufschrei der Menge und darauf eine Trommelsalve, zwei Schüsse. Wieder Jubel.

   „Aufmachen! Oder ich schlag die Tür ein“, brüllte es von draußen. Hanna öffnete, sie hatte gar nicht zugesperrt. Der Mann hätte einfach reingehen können. Aber sie öffnete die Tür und der Mann schlug diese sofort zur Seite, sodass Hanna wegstolperte, dann drückte er Hanna weiter zur Seite.

   „Was ist hier los?“, brüllte er und ging geradewegs zum Fenster, öffnete es. Laut erscholl jetzt ein Trompetenstoß, darauf ein greller Pfiff und dann Klatschen. Der widerwärtige, protzige Lärm drang jetzt ungehindert durch das offene Fenster.

 

    „Hier drin stinkt’s“, brüllte der Mann noch lauter, weil er jetzt gegen den Lärm von draußen anschreien musste. Er trug eine Uniform, Tarnfarben, sein dichter und schwarzer Vollbart wirkte aber bei ihm gar nicht männlich, eher drollig. In seinen Augen erkannte Hanna etwas Gutmütiges. Ein friedliches Leuchten. Das kontrastierte stark mit seinem Gebrüll und seiner Art hier reinzuplatzen.

   „Was gaffst du so, Alte?“, schrie sie der Mann an.

„Fahne, zack, zack!“


Hanna stand wie angewurzelt da.

   „Fahne“, schrie der Mann fast außer sich, kippte in der Stimme um und gleichzeitig zog er seine Waffe aus dem Halfter, entsicherte sie,

   „Fahne“, schrie er erneut und zielte auf Hanna.

„Du Ungläubige“, schrie er.

   „Du Jüdin“, schrie er.

Hanna war entsetzt. Dieser Imperativ verriet alles. Glaubten wir nicht alle an etwas? Was lief hier nur so schief? Hanna stand da wie angewurzelt. Was wollte der Mann? Was für eine Fahne? Warum kommt der hier rein?

 

Der Mann ging nun auf sie zu und drückte ihr den Lauf seiner Pistole an den Kopf.

  „Fahne!“, schrie er. Erst langsam begriff Hanna, dass er die schwarze Fahne meinte, die aus allen offenen Fenstern hing, nur bei ihr nicht. Sie wusste ja längst, dass der Sturm inzwischen auch hierhergekommen war. Angefangen hatte es mit einem neonazistischen Volkssturm „besorgter Bürger“, doch dann überrollten die Ereignisse von links und rechts alle. Erst fiel die Türkei, die NATO war mit Russland beschäftigt, die USA hatte sich massiv aus der Weltpolitik zurückgezogen und Frankreich war gespalten. Und jetzt stand er in ihrer Wohnung und brüllte. Der Sturm brüllte in ihrer Wohnung. Wo waren jetzt all die freien Menschen?
   „Was ist? Bist du blöd im Kopf?“, schrie sie der Sturm an und drückte den Lauf stärker gegen ihre Schläfe. Dann schüttelte der Sturm seinen Kopf. In seinen Augen leuchtete das Gutmütige wieder auf, Hanna lächelte, versuchte es jedenfalls, und dann schlug der Sturm zu, mit dem Griff hämmerte er ihr gegen die Schläfe. Hanna torkelte, alles verschwamm vor ihren Augen.

  „Du altersschwache Jüdin, du“, sagte der Sturm nun ganz gutmütig, so als wäre er versöhnt mit ihr, steckte die Waffe in den Halfter zurück und schlug ihr mit der Faust ins Gesicht. Hanna stürzte und schlug mit ihrem Kopf gegen den Heizungskörper. Sie lag da, irgendetwas schmerzte, sie war irgendwie gelähmt, konnte aber sehen, alles sehen.
   „Was 'n das hier?“, sagte der Soldat und nahm das aufgefaltete Zeitungsblatt vom Tisch, las kurz und zerknüllte es dann, warf das zu einem unförmigen Ball zerknüllte Zeitungsblatt gegen Hannas Kopf und grinste.

   „Ihr seid alle schon tot“, sagte er und dann ging er zum Schrank, riss ihn auf, warf alles, was er nicht gebrauchen konnte auf den Boden, die Kleider, Hemden, Unterwäsche, alles.

 

„Keine Fahne, was?“, sagte er und ging nun langsam auf Hanna zu. Die lag da mit verdrehten Beinen, konnte sich nicht rühren, nicht sprechen, nur sehen, schrecklich klar sehen. Der Mann zog wieder seine Waffe und sagte ruhig „bi-smi llāhi r-raḥmāni r-raḥīm“. 

 

 

ENDE

 

 

 

 

 

Der elfte Beitrag 2022

 

 

                            Krieg

 

 

General Mannick hatte die Truppen erneut verschoben, um den Angriffen der Hybrid-Armee zu entgehen. Auch Kommandant Verstöven hatte seine Truppe in Sicherheit gebracht. Sie hatten ihr Lager bei Sion aufgeschlagen, am Fuß der Walliser Berge. Der Soldat Tischer überprüfte gerade die Kameraaufnahmen der Drohnen über die Truppenbewegungen des Feindes, als ihm etwas auffiel.
    „Harry“, rief Tischer seinen Kumpanen. „Schau dir das mal an.“
„Ich seh nix“, sagte Harry.

    „Hier und, warte, hier.“


Harry schüttelte nur den Kopf. Aber Tischer fand das merkwürdig. Das waren zwei unterschiedliche Aufnahmen, und doch waren die Bewegungen der Hybrid-Soldaten irgendwie gleich. Tischer sah sich die Aufnahmen noch ein paarmal hintereinander an, während Harry sich gelangweilt schlafen legte.


Es ließ ihm keine Ruhe. Er ging zum Kommandanten.
   „Der Kommandant will nicht gestört werden“, sagte ein Adjutant.
„Es ist wichtig.“

Der Adjutant blickte etwas gequält. Und weil Tischer keine Anstalten machte, zu gehen, legte der Adjutant die Zeitung hin und sagte:

„Na gut.“

Kommandant Verstöven war etwas kleiner als Tischer. Tischer war das etwas peinlich. Er gab ihm die Kameraaufnahmen. „Sehen Sie …“


Verstöven nickte, er zog die Daten auf seinen Laptop, der einen größeren Bildschirm hatte, richtete einen Splitscreen ein und ließ ein Programm im Hintergrund rechnen. Die beiden Aufnahmen liefen nun parallel.
   „Identisch“, sagte Verstöven.

„Kommandant, Sir?“


  „Identisch, die beiden Aufnahmen sind exakt gleich. Verdammte Scheiße. Tu, wie heißen Sie?“

Der Kommandant blickte kaum weg von den Aufnahmen.
  „Tischer, Sir, Kommandant.“

„Schon lang dabei?“

    „Fast von Anfang an.“

„Mann Tischer! Da hätten wir fast den Krieg gegen einen Fotoshop verloren. Mertens …“ schrie Verstöven plötzlich laut. Der Adjutant kam.    

   „Mertens, geben Sie dem Mann da, Tischer, das beste Bier, den besten Braten, den sie in dieser verdammten Schweiz finden können. Identisch. Ich fasse es nicht.“

 

Tatsächlich war die Entdeckung von Tischer kriegsentscheidend. Die Truppen der Humanen holten sich Stück für Stück Gebiete zurück, nachdem klar war, dass die Truppenstärke der Hybriden nur ein Fake gewesen war.

 

Der Krieg konnte beendet werden und die Humanen waren die Sieger.

 

Tischer blieb beim Militär, wurde ein Asy. Ein Aufsucher von Hybriden. Tischer war clever, entwickelte eine eigene Methode, indem er einen Film erzeugte von einer Ratte, die einen Arm frisst. Diesen Film überlagerte er auf die vermeintlichen Hybriden. Während ein Humaner sich täuschen ließ, die Show für echt hielt und glaubte, eine Ratte fresse ihm gerade seinen Arm weg und daher schrie, Zeter und Mordeo schrie, blieb der Hybride ruhig, erkannte schnell, dass es eine Filmüberlagerung war. Auf diese Weise fand Tischer immer schnell heraus, wenn er einen Hybriden erwischt hatte.

 

Und das Mädchen, das jetzt in der Kammer mit dem Rattenfilm saß, das kannte Tischer.

   „Hey, Moment. Wie kommt die da rein?“ Tischer zeigte auf das Mädchen.

    „Hat sich im Sperrbezirk rumgetrieben.“

„Oh“, sagte Tischer und sah, wie das Mädchen, Jutta, seine Nichte, ziemlich entspannt auf die Ratte reagierte. Erst hatte sie zu einem Schrei angesetzt und Tischer atmete schon durch. Das fehlte noch, seine Nichte ein Hybrid. Aber dann lachte Jutta ein glockenhelles Mädchenlachen, tat so, als würde sie die Ratte streicheln und bleckte die Zunge.
   „Mist“, sagte Tischer.

   „Sie ist eine. Bringt sie weg.“

Am nächsten Tag kam seine Tante und flehte ihn an. Aber Tischer war Soldat. Er hatte einen Eid geleistet. Und das Geschäft des Soldaten geht kaputt, wenn man mit Vetternwirtschaft anfängt.

   „Leider, ich kann das nicht tun, Tante Miriam.“ Seine Tante weinte und flehte weiter. Sie bot sogar ihren Körper an, den Tischer angeekelt zurückwies. Er blieb hart. Seine Nichte war ein Hybrid. Und außerdem hatten sie größere Probleme. Die Zahl der Hybride nahm wieder erheblich zu und es gab schon verschiedene Aufstände. Es drohte, wieder Krieg zu geben.

 

Tatsächlich. Die Hybriden hatten ihre Truppen wieder aufgebaut und eine neue Kommandozentrale geschaffen. Sie griffen an. Und sie waren stärker denn je. Tischer, inzwischen zum Kommandanten befördert, musste mit seiner Truppe Reißaus nehmen. Die Soldaten kamen in ein unübersichtliches, urwaldähnliches Gebiet und waren dann plötzlich von Hybriden umstellt, wurden entwaffnet und gefangen genommen.

 

Tischer wurde als gefangener Kommandant zum Kommandanten der Hybride gebracht.

   „Sie?“ Tischer war perplex. „Wie, wieso? Verdammter Verräter“, schrie er jetzt.

    „Entspannen Sie sich. Setzen Sie sich erst mal und hören Sie zu.“
Tischer setzte sich nicht. Er schüttelte nur den Kopf und blitzte mit den Augen.
    „Na, wie Sie wollen“, sagte Verstöven.

„Sie schätzen das falsch ein, lieber Tischer.“

 Tischer spuckte auf den Boden.

   „Es hat keinen Sinn mehr zu kämpfen. Der Krieg ist im Grunde vorbei. Das ist nur noch eine Säuberung. Aber wie Sie sehen, Tischer, sind die Hybriden wie wir. Der Unterschied ist jedenfalls nicht so groß, dass wir nicht koexistieren könnten.“

   „Sie spinnen, Verstöven“, sagte Tischer verächtlich.

„Bringt mich wieder in meine Zelle.“

 

Die Aufnahmen zeigten General Mannick in Friedensverhandlungen mit Oberst Court, dem militärischen Führer der Hybriden.

   „Jetzt ist der Wahnsinn bald vorbei“, sagte Verstöven zu seinem Adjutanten.

   „Was macht Tischer? Ist er schon zur Besinnung gekommen?“ Der Adjutant zuckte mit den Schultern.

   "Wir lassen nach ihm sehen, Sir.“

„Na gut.“

 

Als sie die Türe öffneten, bot sich ein Bild des Schreckens. Der junge Hybrid-Soldat musste sich auf der Stelle übergeben, ehe er Meldung machen konnte. Irgendwie hatte sich Tischer eine Plastikgabel organisiert, den Stil abgebrochen, die Zinken auf den Unterarm gedrückt und so gegen die Wand gelaufen, dass die Zinken in die Haut eindrangen und die Arterie zerfetzte. Dann hatte er noch kräftig mit den Gabelzinken in der Wunde gerührt. Das Blut spritzte überall hin. Tischer machte das Gleiche mit dem anderen Arm. Die Unterarme waren zerfetzt, als hätte man auf sie geschossen.

   „Wie kann man mit ein paar Gabelzinken …“? Verstöven sprach nicht weiter.
   „Er hat gehört, dass Mannick aufgegeben hat“, sagte ein Soldat.

„So ein Idiot“, sagte Verstöven.

   „Wir sind doch fast gleich. Das sind doch kaum Unterschiede.“ Er schüttelte den Kopf und verließ das Gefängnis. Dann nahmen ein paar Soldaten Tischers Leiche, um sie zu entsorgen, wie man das nach Soldatenart macht. Der Krieg war zu Ende. Sieger gab es diesmal keine. Nur viele Tote.

 

 

ENDE

 

 

Der zwölfte Beitrag 2022

 

                 Demokratie für eine Woche

 

 

Erster Tag

Montag

In den Jahren 508/07 bis 322 v. Chr. herrschte in Athen die erste bekannte direkte Demokratie, mit einer Bürgerbeteiligung. Jeder Bürger (ausgenommen Frauen, Sklaven und Fremdarbeiter) konnte an der Volksversammlung sowie an den Gerichtsversammlungen teilnehmen, jeder Bürger war befugt, ein Amt zu bekleiden. Diese Demokratie in Athen bildete sich eher langsam, Schritt für Schritt, im 7. und 6. Jahrhundert v. Chr. heraus. Ein erster wichtiger Schritt waren die Reformen von Solon im Jahre 594 v. Chr. Solon (und wenige Jahrzehnte später Kleisthenes von Athen mit seiner Phylen Ordnung, in der jeder Vollbürger auch einem Stamm zugerechnet wurde) brach die Macht des Adels und schuf die Grundlagen für die politische Beteiligung breiterer Volksschichten, mit der sogenannten Isonomie (Gleichheit aller Vollbürger). Der berühmte Staatsmann und Lyriker Solon gehört zu den sieben Weisen Griechenlands, die Platon in seinem Protagoras-Dialog aufzählt. Solon lebte vor der Gründung des attischen Seebundes und der daraus erwachsenen attischen Demokratie Athens (Vorbild unserer Demokratie), die sich später im peloponnesischen Krieg mit dem Bund der Spartaner bekriegten. Solon korrigierte die großen sozialen Missstände in Athen, indem er die verarmten Bauern von ihren Hypotheken befreite und die Schuldknechtschaft abschaffte. Damit wurde das alte, aristokratische Prinzip der auf Herkunft und Abstammung basierenden gesellschaftlichen Stellung durchbrochen und erweiterte die Beteiligungsrechte für die unteren Schichten des Volkes.

 

Solons bevorzugte Textform war die Elegie. Somit geht der demokratischen Verfassung ein Klagelied voraus, eine Krise. Das kann man auf Europas demokratische Verfasstheit gut anwenden. Der Ruf „Nie mehr wieder“ ist ein Klagelied auf die verheerenden Weltkriege der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wenn die Gemeinschaft (die Polis) in Not gerät, bedarf sie der Eunomie, der guten Gesetze. Eunomia ist eine der Horen, jene Göttinnen, die über das geregelte Leben wachen. Dike (die Gerechtigkeit) und Eirena (der Frieden) sind Schwestern von Eunomia. Solon dichtete über Eunomia „Raues glättet sie, macht der Gier ein Ende, Freveltat schwächt sie, […] sie endet die Werke der Zwietracht, endet schmerzlichen Streites Bitterkeit, und es ist durch sie alles unter den Menschen passend und vernünftig.“

 

 

 

Zweiter Tag

 

Dienstag

 

Ein Epigone Solons ist Aristoteles. Er lebte 200 Jahre später als mazedonischer Flüchtling ohne Bürgerstatus in Athen.  Nach seiner Staatsformenlehre (siehe LW 57 „Von Platon zu Trump“ Timotheus Schneidegger) steht der Begriff der Demokratie für eine Herrschaftsform, die dem Eigennutz dient. Sie steht im Widerspruch zur Politie, in der die armen und die reichen Bürger  zu gleichen Teilen herrschen für das Wohl der Gemeinschaft. Vom Ideal der Politie sind Frauen, Sklaven, Besitzlose und Fremde weiterhin ausgeschlossen. Würden auch Frauen, Sklaven, Besitzlose und Fremde mit herrschen, folgte daraus die schlimmste Form der Demokratie: „Wo die Gesetze nicht entscheiden, da gibt es die Volksführer (griech. Demagogen). Denn da ist das Volk Alleinherrscher, wenn auch ein aus vielen Einzelnen zusammengesetzter. […] Ein solches alleinherrschendes Volk sucht zu herrschen, weil es nicht von den Gesetzen beherrscht wird, und wird despotisch, wo denn die Schmeichler in Ehren stehen, und so entspricht denn diese Demokratie unter den Alleinherrschaften der Tyrannis. Die extreme Demokratie hat eine Tendenz zur Anomie.

 

Fazit: Demokratie ist eine Abweichung vom aristotelischen Ideal.

 

 

 

Dritter Tag

 

Mittwoch

 

Die Gleichheit der Menschen ist eine These aus dem 18. Jahrhundert und es ist eine These, die ich für falsch halte“ sagte einst Lord Balfour bei den Friedensverhandlungen 1918/19 in Versailles. Aber die Zeiten sind vorbei, wo man Asiaten als Schlitzaugen bezeichnen durfte, die Zeiten sind vorbei, wo man Afroamerikaner als Neger bezeichnen konnte. Wer dies trotzdem macht, ist schlicht zurückgeblieben. Aber ist der Mensch wirklich gleich? Natürlich nicht. Der Unterschied geht allerdings nicht durch die Rassen und auch nicht durch die Nationen, er geht durch die Fähigkeiten, durch die Persönlichkeit, durch die Lebensräume und nicht zuletzt durch die Zufälle. Nach dem deutschen Grundgesetz Artikel 3 verpflichtet sich der Staat die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern zu fördern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.

 

In dem Spielfilm Lincoln von Steven Spielberg muss Präsident Abraham Lincoln eine Entscheidung treffen, um den amerikanischen Bürgerkrieg endlich zu beenden. Die Emanzipationsproklamation zum Ende der Sklaverei würde von den Südstaaten niemals akzeptiert werden, wenn darin stünde: Alle Menschen sind gleich. Im 13. Verfassungszusatz der Verfassung der amerikanischen Staaten von Amerika heißt es daher: Jeder Mensch ist vor dem Gesetz gleich. Nicht umsonst hat die Göttin Justitia in ihrer ikonografischen Darstellung die Augen verbunden.


Justitia urteilt ohne Ansehen der Person. Justitia schützt die Menschen vor den Folgen unfreiwilliger Nachteile (Sklaverei, Besitzlosigkeit und Fremdheit) und der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung. Das ist das heutige Ideal. Wir sind gleichberechtigt, aber noch lange nicht in gleichem Maße gleichgestellt. Manchmal gibt es vom menschlichen Richter einen Prominenten-Bonus, manchmal einen Prominenten-Malus. Manchmal ist der Richter gut gelaunt und gibt einen Idioten-Bonus. Vor dem Mittagsmahl in der Kantine ist der Richter hungrig, schlecht gelaunt und gibt dann einen Idioten-Malus. Wenn der Beklagte den Blick nicht halten kann und unsicher wirkt, schwitzt, stottert, ist der menschliche Richter geneigter, ihn für schuldig zu halten. Der menschliche Richter ist fehlbar. In all dem soll der Richter nicht willkürlich sein, sondern geleitet vom Gesetz. Wer nun meint: Alle Menschen sind gleich, irrt sich auf ontologischer Basis. Gleichheit ist ein positives Recht!

 

 

 

Vierter Tag

 

Donnerstag

 

Die Dynamik der kapitalistischen Erfolgsgeschichte überrollt uns, heißt es. Wir verlieren die Orientierung, sind überfordert von all den Entwicklungen, an denen wir hautnah durch die modernen Kommunikationstechnologien und medialen Verbreitungsmöglich-keiten teilnehmen können. Wir suchen also – wie das orientierungslose Menschen so machen – nach Fixpunkten. Wir finden diese Fixpunkte in den tieferen, älteren Schichten unseres Bewusstseins. Die alte Zeit wird dann die gute alte Zeit, nicht weil sie besser war als die heutige Zeit, sondern weil sie uns in der Rückschau übersichtlicher erscheint. Der Psychoanalytiker nennt so etwas eine Regression. Wenn ich meine Libido nicht genital befriedigen kann (so Sigmund Freud) versuche ich eben meine Libido mit älteren prägenitalen Formen anal oder oral zu befriedigen. Es wäre sicher zu einfach, würde man Politiker der AFD oder alte Männer von PEGIDA als „anal fixiert“ beschreiben. Der Zerfall unserer Politie ist kein ödipaler Konflikt.

 

Fazit: wäre jetzt früher, wäre es genauso übersichtlich oder unübersichtlich wie heute.  Sklaven, Besitzlose und Fremde gab es immer schon.

 

 

 

Fünfter Tag

 

Freitag

 

Die aktuelle Zeit ist nicht nur überfordernd, sondern auch fördernd. Wer sich dazu entscheidet, findet heute mehr Orien-tierungsmöglichkeiten als früher. Es findet kein Regress statt. Eher ist es eine Art Echo zu dem Klagelied der Geburt der Demokratie. Was augenblicklich in den nach westlichem Muster gestalteten Demokratien geschieht, ist nur mit Ironie zu verstehen. Es ist eine Klage darüber, dass wir nichts zu klagen haben (ganz im Gegensatz zu den Fremden und Besitzlosen, die Hilfe suchend zu uns kommen). Es geht uns gut oder zumindest besser als früher. In den ersten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts war die Stadt Wien von der „sozialen Frage“ beherrscht. Der autoritäre Bürgermeister Karl Luger nahm sich dieser Frage an und wurde aufgrund seiner sozialen Neuerungen (Wasser, Elektrizität und Wohnungsbau) zum Vorbild von Adolf Hitler. Es war sicher eine spannende, aber keine besonders schöne Epoche. Wien war eine explodierende Stadt. Die Mischung aus Kaiser und Industrie, aus Kostüm und Stahl, bekommt man nicht so leicht in den Kopf. Im 19. Jahrhundert versiebenfachte sich die Bevölkerungszahl Wiens. Um 1900 lebten zwei Millionen Menschen in Wien. Damit war Wien die sechstgrößte Stadt der Welt. Nur gab es kaum Wohnraum. 1910 gab es 400.000 Wohnungen für zwei Millionen Menschen. Das waren aber oft nur Ein- bis Zweizimmerwohnungen. Und nur 5 Prozent der Behausungen in Wien hatten fließendes Wasser und eine Toilette. Dagegen sind die Wohnungsprobleme im 21. Jahrhundert bescheiden. In der Intention ähneln sie sich. Die „soziale Frage“ ist auch heute ein Schlagwort. 

 

 

 

Sechster Tag

 

Samstag

 

Unsere aktuelle demokratische Verfassung ist eine schwache Politie mit einer Tendenz zur post-libertären Repräsentation aller Menschen im Sinne einer Gesellschaft des Spektakels: Dort personalisiert sich die Regierungsgewalt zu einem Pseudostar, hier lässt sich der Star des Konsums als Pseudogewalt über das Erleben durch Plebiszit akklamieren. Aber diese Aktivitäten des Stars sind ebenso wenig verschiedenartig wie wirklich global  (La société du Spectacl Guy-Ernest Debord S. 49)

 

Die gewählten Volksvertreter sind laut Grundgesetz (Artikel 38 GG) nur ihrem Gewissen verpflichtet und an keine Aufträge oder Weisungen gebunden und dienen dem Gemeinwohl. Sie sind – wie es im GG heißt – Vertreter des ganzen Volkes. Aber die Exekutive dominiert die Legislative zugunsten eigennütziger oligarchischer Strukturen.

 

Die neuen Rechten sprechen gerne vom Rechtsstaat und propagieren den Slogan: Wir sind das Volk und Ausländer raus. Ganz im Sinne von Aristoteles analysieren sie einen Zerfall der Polis.  Die Politagenten der etablierten Parteien unserer Politie wirken überfordert und können sich nicht ausreichend abgrenzen. So schreibt Ludwig Hartmann (Spitzenkandidat der Grünen bei der Wahl in Bayern) auf seiner Internetseite: „Was fehlt ist eine Schule, in der alle Kinder gleiche Chancen haben, ihre Träume und Wünsche zu leben. Egal, ob die Mama Flüchtling oder Zahnärztin ist.“ So kommt in Hartmanns Vorstellung ein flüchtender Zahnarzt nicht vor.  Die Unterscheidung zwischen Volk und Flüchtling ist längst gesellschaftlicher Konsens. Gestritten wird über die soziale Teilhaber-Berechtigung unterschiedlicher Gruppen. Dieser Streit tendiert zum Chaos, weil der Kapitalismus unsere Gesellschaft atomisiert. Die Diversität unserer Gesellschaft macht den Begriff „Volk“ zu einem Anachronismus.  Gesellschaftliche Gruppen sind leicht zerfall bare kurzfristige Bündnisse, die im Sinne des Spektakels unorganisiertes Stegreif-Theater aufführen, mit der Tendenz zur Verrohung.

 

 

 

Siebter Tag

 

Sonntag

 

Als ein weiteres Gesellschaftsspektakel kann man auch die vor ein paar Jahren (2018) von ZEIT online und weiteren Medienpartner initiierte Veranstaltung „Deutschland spricht“ betrachten. Ende September 2018 eröffnete der Bundespräsident Frank Walter Steinmeyer in Berlin die Aktion. Die Aktion „Deutschland spricht" hat mehr als 4000 Gesprächspaare zusammengebracht, die verschieden ticken, aber miteinander reden, heißt es in SZ online vom 23. September 18.


Dieses Spektakel wendet demokratische Grundrechte an. Die Meinungsfreiheit, die Versammlungsfreiheit, das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit. Wir haben diese Rechte bereits. „Deutschland spricht“ präsentiert sich als Klinik für solche Menschen, die damit noch nicht umgehen können. Doch wahrscheinlich ist, dass sich in diese Klinik ganz viele gesunde Menschen eingeschlichen haben. Denn den politisch Zurückgebliebenen fehlt meist die Krankheitseinsicht. Denn diejenigen, die das wirklich angeht, wissen oft nicht einmal, dass es sie etwas angeht.

 

Die Presse feiert sich selbst mit dieser Aktion als positives Engagement für die Demokratie. Meinungsfreiheit ist aber nicht selbst die Demokratie. Versammlungsfreiheit ebenso wenig. Wenn ich von München nach Hamburg umziehe, nutze ich das Grundrecht auf Freizügigkeit. Aber niemand käme auf die Idee, dass mein Umzug ein politisches Engagement für die Demokratie sei.

 

Fazit: Die Idee der Demokratie muss nicht neu erfunden werden, sondern nur richtig angewandt.

 

 

 

Mitternacht Sonntag auf Montag 0.00h

 

Vor kurzem saß ich im Klassenzimmer, ich ging gerade die Anwesenheitsliste durch, als die Bildungsreferentin an der Tür stand, mich angrinste und fragte: „Vermisst du nichts?“
   „Nein“, antwortete ich wahrheitsgemäß und schüttelte den Kopf. Aber der Auftritt der Referentin war so beeindruckend, dass ich nach einer kurzen Bedenkzeit doch an meine Gesäßtasche griff, vermutlich weil man meist an seine Gesäßtasche greift, wenn man etwas vermisst. Und tatsächlich! Ich hatte meine Geldbörse verloren. Ich glaube, so wie mir mit der Geldbörse, geht es manchen Menschen mit der Idee der Demokratie. Ihnen schießt die Hitze ins Gesicht, wenn ihnen jemand darüber die Augen öffnet. Wie aber sollten wir wissen, dass es die Idee der Demokratie gibt, wenn wir davon noch nie gehört haben? Wir können ja nicht wissen, was wir nicht wissen (so wie ich von meiner Geldbörse). Allzu schnell könnte man deshalb falsch schlussfolgern, dass Anti-Demokraten immer noch demokratischer eingestellt sind, als Menschen, die von Demokratie nichts wissen, denn sie glauben ja zu wissen, was sie ablehnen. In der Tat kann es so sein, dass man Demokratie ablehnt. Oder, dass man von Demokratie nichts weiß. Es könnte aber auch sein, dass man ein falsches Bild von Demokratie hat (etwa, wenn man die Demokratie mit einer Geldbörse verwechselt und die Geldbörse vielleicht auch noch mit einem Schlagstock).

 

Hätte ich meine Geldbörse für etwas anderes gehalten als das, was sie tatsächlich ist, eben für einen Schlagstock, hätte mich die Bildungsreferentin wahrscheinlich für „unheilbar krank" eingestuft (auch wenn mir aufgefallen wäre, dass mir mein Schlagstock verloren gegangen ist). Womöglich hätte sie mich in eine geschlossene Anstalt einliefern lassen, denn es ist die Geldbörse gewesen, die mir abhandengekommen war und nicht der Schlagstock. 

 

 

 

Nachts

 

Traum vom Volk (kein Traumvolk)

 

Jetzt, wenige Jahre nach dem letzten Systemwechsel, war ich eingeladen vor einer Schulklasse zu sprechen. Ich war der letzte Überlebende der Demokratie. Ich erzählte den Schulkindern, wie das damals war, als alle Menschen ihre eigene Meinung hatten. Dieses Durcheinander der Presse! Diese Journalisten schrieben doch tatsächlich, was sie wollten. Und man konnte sich sogar aussuchen, was man liest. All diese privaten Fernsehkanäle und Internetseiten, zwischen denen man wählen musste. Ja, liebe Kinder, die armen Menschen hatten die Wahl! Wie schrecklich und wie anstrengend.

 

Es gab viele unterschiedliche Parteien. Ha, da lachen wir heute drüber und halten diese Zeit für völlig verrückt. Damals, ich war dabei, liebe Kinder – glaubten die Menschen, der Einzelne hätte Rechte. Rechte! Aber das Volk hat schließlich doch noch gesiegt. Wir haben damals selbst schauen müssen, was wir arbeiten wollen oder in welche Schule wir gehen. Wir mussten selbst aussuchen, was wir studierten. Diese Qualen waren fast unerträglich. Sogar unseren Wohnraum suchten wir selbst. Da lacht Ihr, liebe Kinder, denn heute entscheidet darüber das Volkskomitee der SHV (für stahlhartes Volk). Die Menschen waren so verrückt und richteten Petitionen an die Regierung. Man wollte Minderheiten schützen. Man hat Fremde aufgenommen und auf nationalem Volksboden verteilt. Ja, es gab Volksfeinde, die das gut fanden. Aber das Volk hat gesiegt. Fürchtet euch nicht, liebe Kinder. Für euch wird gesorgt und Ihr müsst nicht selbst denken. Das Volkskomitee schützt euch vor dem bösen Wolf. Das Volkskomitee denkt und lenkt. Damals aber sollte jeder nach seinem eigenen Glück suchen und sollte auch noch selbst überlegen, woran er glaubt. Das war angeblich eine Privatsache. Aber das Volk hat gesiegt. Liebe Kinder. Heute haben wir es gut. Das Volkskomitee weiß, was wir glauben. Für Transzendenz ist gesorgt. Danke Volk. Und so sorgenfrei wie wir heute leben, so voller Sorgen war es noch vor dem Sieg des Volkes. Sogar in der Liebe musste man sich frei entscheiden. Auch das ist nun dem Volkskomitee sei Dank für uns geregelt. So gibt es keine Verwirrung mehr und das KWK (Kindeswohl-Komitee) legt fest, wie die Kinderlein kommen. Die Volksfeinde der Regierung trieben bösartigen Handel mit anderen Regierungen und nannten das Freihandel. Stellt euch vor, liebe Kinder, was das bedeutete! All diese Dinge aus fremden Ländern! Unsere armen Bauern. Heute leben wir von Kartoffeln und Schweinefleisch. Damals haben die Menschen essen müssen, was es in den freien Kaufläden gab. Schrecklich. Aber das Volk hat gesiegt und der Handel unterliegt jetzt dem NWK (Nahrungswohlkomitee). Wir sind noch einmal davongekommen und das Volk hat gesiegt. Ich war dabei und ich sage euch, liebe Kinder: nie wieder Demokratie.

 

 

ENDE

 

 

 

 

 

 

Der 13. Beitrag 2022

 

 

                    Eusebés

 

 

Der griechische Historiker Theopompus lebte 400 vor Christus und stammt von der Insel Chios, aus der nördlichen Ägäis. Er dachte sich ein Land aus, das er Meropis nannte. Überliefert wurde uns diese Geschichte von einem Römer, der viele Jahrhunderte später in Palästina lebte. Theopompos schreibt da von zwei Städten in Meropis: Eusebes („Ort der Frommen“) und Machimos („Ort der Krieger“). Während die fromme Stadt in Überfluss lebe, Feldfrüchte bekäme, ohne dafür die Felder bestellen zu müssen, und ohne jede Krankheit glücklich und fromm lebe, werden in der kriegerischen Stadt die Menschen bereits mit Waffen geboren. Machimos führe ständig Krieg und habe alle Nachbarvölker unterworfen. Schließlich hätten zehn Millionen Krieger von Machimos das Weltmeer überquert, um die Hyperboreer (Nordvolk) anzugreifen. Als sie jedoch sahen, dass diese „die glücklichsten Menschen“ diesseits des Okeanos seien, hätten sie nur Verachtung für sie übriggehabt und es deswegen verschmäht, noch weiter vorzurücken. Eine schöne Utopie- finde ich. Zumal sich die Krieger hier überraschend einsichtig zeigten. Leider ist es eine Utopie.

 

Die Frommen und die Krieger! Heute in bewegten Kriegszeiten wirkt diese Gegenüberstellung plakativ und der Schluss daraus naiv. Doch mich beeindruckte es, dass es einen Ort der Frommen geben könnte, wo alle zufrieden sind und ihr Auskommen haben. Das ist es doch, was wir alle anstreben. Fromm und glücklich – nicht notwendig klug. So nehme ich zumindest an. Aber ich bin ein vergleichsweise naiver Mensch und war erschrocken, als ich einmal den Satz las: In der Amoralität des Meisters spiegelt sich die Arglosigkeit der Kreatur. Thomas Pynchon (Enden der Parabel) traf hier meinen Nerv, denn ich bin allzu oft arglos und nicht selten mahnt man mich an, ich solle so nicht sein. Würde ich wohl gerne. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. In diesem Sinne dachte ich mir eine besondere Quadratur aus, warum ich mich manchmal so ambivalent fühl. Meine eigene Klugheit konkurriert durchaus mit meiner Frömmigkeit. So kam ich auf vier Typen:

 

Es gibt gebildete Menschen. Und es gibt ungebildete Menschen. Wie das Wort schon intendiert, kann man Menschen ausbilden, indem man abbildet, was ist oder sein sollte. Dass sich so mancher gebildete Mensch auch vieles einbildet, sei einmal dahingestellt.

Dann gibt es kluge Menschen und dumme Menschen. Die Klugheit muss man dabei streng von der Weisheit abgrenzen. Denn kluge Menschen neigen dazu, sich schlau und gerissen in einzelnen Situationen zu verhalten, oft mit Tücke und sogar Heimtücke. Daher ist die Klugheit an den Charakter gebunden. Wir können nicht darüber bestimmen, wo und wie wir aufwachsen, uns nicht aussuchen, was uns prägt. Daher lässt sich Klugheit nicht einfach ausbilden. Kluge Menschen benötigen ein spezielles und durchaus kompliziertes gesellschaftliches Biotop, um wachsen zu können. Und selbst das beste und ausgeklügelste Gesellschaftssystem gibt keine Garantie ab, für dauerhafte Klugheit.


So gibt es durchaus sehr gebildete, aber ausnehmend dumme Menschen. Sie stolpern mit ihrem großen Wissen und mit Weisheiten vollgestopft bis an den Rand durch dieses Leben. Wie Don Quixote, der sich an Ritterromanen überlas, oder Hortensius (eine Figur aus Francion von Charles Sorel), oder der ebenso berühmte wie tragische Jupiter Teutsch (aus Grimmelshausens Simplicissimus), der sich an deutschen Heldengeschichten überlesen hat. Diese drei komischen Figuren sind die Prototypen mangelnder Lebensklugheit bei allzu großer Bildung. Sie sind gut, zu gut für diese Welt.

 

Dagegen die gebildeten Klugen. Die gerissen und schlau ihr Allgemeinwissen benutzen, um voranzukommen, gezielt und effektiv dient ihre Bildung dem Erreichen eines konkreten Ziels.

 
Die ungebildeten Dummen gibt es auch. Sie sind jedoch in unserer so bildungseifrigen Gesellschaft rarer geworden. Selbst den Dümmsten unter uns bringt man noch etwas bei. Dabei bilden die gebildeten Klugen die Dummen aus, und ein Schelm, der Böses dabei denkt. Und sollten die gebildeten Dummen die Dummen ausbilden? Nun, da sieht jeder gleich den Pferdefuß.

Wie aber stellen wir uns die ungebildeten Klugen vor? Denn sie werden nicht weniger. Schlau, heimtückisch und gerissen entziehen sie sich den Versuchen ihnen etwas beizubringen. Dank ihrer Klugheit können sie der Bildung ein Schnippchen schlagen und schlagen sich durch die Welt mit Bravour. Nicht selten findet man gerade unter den ungebildeten Klugen die reichsten Menschen. Bildung hat nämlich den Nachteil, die eigene Bösartigkeit zu bremsen durch Reflexion und Erkenntnis. Mit solchen Hemmnissen muss sich der ungebildete Kluge nicht herumärgern. Er (oder sie) kann nach Herzenslust seiner Klugheit frönen. Über die Dummen lachen sie allemal. Während die gebildeten Dummen gerade an den ungebildeten Klugen im Herzen verzweifeln und allmählich verdüstern, kooperieren die gebildeten Klugen mit den ungebildeten Klugen. Der gebildete Dumme hat leider im ungebildeten Dummen keinen Verbündeten.

 

Mit der Zeit – und das möge als Resümee dieser Quadratur dienen – bildet der gebildete Dumme eine ganz spezielle Klugheit aus. Als gebildeter Dummer lernt man von den ungebildeten Klugen vor allem etwas über die Schlechtigkeit des Menschen an sich. Das ist aber bedauerlicherweise ein Fehlurteil und belegt die Dummheit des gebildeten Dummen, der eben immer nur sich bildet, ohne klug zu werden.

 

Es ist fatal und traurig und hier – darauf verweist der Titel dieses streifenden Schusses – trotzdem fromm zu bleiben, ist für die Dummen so schwer als für die Klugen, gleich ob sie gebildet oder ungebildet sind. Verständig, gerecht, fromm und tapfer sind eo ipso die Wenigsten, das dürfte nach diesen Ausführungen keinen mehr sonderlich wundern.

 

 

ENDE

 

 

 

 

                 

 Der 14. Beitrag 2022

 

 

 Kontraktualismus-Theorien

 

Im Selbstverständnis der Moderne büßten die Legitimationsressourcen Tradition, Natur und Gott zunehmend an Kraft ein. Vertragstheorien muss man zwar von den Utopien abgrenzen. Aber aus mehreren Gründen sind sie mit der Utopie stark verwandt. Zumal sie auch die Utopien beeinflussen und die Utopien wiederum die Vertragstheorien. Im Grunde war schon Platons Staat mehr Vertragstheorie als Utopie.

 

Vertragstheorien sind Gedankenexperimente, mal mehr, mal weniger ex lettre. Die Grundidee einer Übereinkunft der Menschen in einer Gesellschaft war in der Stoa aufgekommen als Vorform des Naturrechts im Begriff der Civitas Humana. In der Neuzeit zerstörten die aufkommenden Wissenschaften und Entdeckungen (Kopernikus entdeckt, dass die Planeten um die Sonne kreisen, 100 Jahre später Kepler, dass sie das in Ellipsen tun, Columbus hatte Amerika entdeckt, in 50 Jahren (1628) wird William Harvey den Blutkreislauf entdecken, Buchdruck, 1590 erstes Mikroskop, hundert Jahre später entdeckt Leeuwenhoek die Bakterien usw.) alte Wissenstraditionen, das Bild von der Natur änderte sich zunehmend und die alten Schriften waren nicht mehr gültig. Vor diesem Hintergrund eröffnete sich die Frage, was der Mensch als Einzelner ist. Das Naturrecht kam auf.

 

Althus

Der calvinistische Rechtsgelehrte und Stadtsyndikus (Bürgermeister und Richter) von Emden Johannes Althusius lehrte Anfang des 17. Jahrhunderts, dass der Widerstand gegen ungerechte Herren nicht Aufruhr, sondern Wahrung eigener verletzter Rechte sei. Er benutzte dazu noch die alte epikureische Lehre vom Vertrag, den die Menschen freiwillig zur Gründung eines Staates eingegangen seien.  Bei Epikur war von einer Aufkündigung des Vertrags noch keine Rede. Doch bei Althus wird das möglich, wenn die Obrigkeit ihre Seite des Vertrags nicht erfüllt. Dieses Widerstandsrecht war etwas grundlegend Neues. Er führte das Subsidiaritätsprinzip ein, das bis heute die Sozialethik bestimmt und ein Abwehrrecht gegenüber dem Staat (zum Beispiel Schutz der Wohnung, der Ehe etc.) legitimiert. Auch bei Bedürftigkeitsfragen ist bis heute dieses Prinzip vorrangig, wie zum Beispiel im Erforderlichkeit-Grundsatz des Betreuungsrechts.

 

Thomas Hobbes

 

Karl II über den Leviathan:  Ich habe noch nie ein Buch gelesen, das so viel Aufruhr, Verrat und Unfruchtbarkeit enthielt.

 

Mit dem englischen Frühaufklärer Thomas Hobbes und seiner berühmten Schrift „Leviathan“ tritt ein Denker auf, der geprägt ist von den Ereignissen des 30-Jährigen Krieges. Sein Pessimismus, dass der „Mensch des Menschen Wolf" (homo homini lupus) ist und frei gelassen gäbe es einen „Krieg aller gegen alle“ (bellum omnium contra omnes). Im Naturzustand würde Anarchie, Gewalt und Gesetzlosigkeit vorrangig herrschen.  Nach Hobbes ist der Mensch von Natur aus nicht für die Gesellschaft geeignet. Er ist vielmehr eine Menge dissoziierte Individuen. Soziale Ordnung begründet er auf einen faktisch egoistischen Menschen und dessen Recht auf Selbsterhaltung.  Die Natur ist kein ethisch sinnvolles Ganzes mehr, es gibt keine ewige Ordnung, die man vorfindet und in die man sich hineinfindet, der Mensch erfindet sie neu aus seiner menschlichen Vernunft, die auf seine Interessen (Selbsterhalt) verweist. Hobbes schwankt mal darin, es seien einige böse Menschen, die den Maß volleren Menschen den Krieg aufzwängen und darin, alle Menschen seien so. Der Mensch strebt nicht einfach höhere Ziele an, sondern immer weitere Ziele, als sie je ein anderer erreicht hat. Ehrsucht und Eitelkeit sind sein vorrangiger Zweck. Kein summum bonum (wie bei Aristoteles), sondern ein maximum bonum. Man will immer mehr haben als andere. Das Leben ist ein Wettrennen und aufhören zu rennen hieße sterben. Hier schlägt bereits der Markt gegen die Agora durch. War der Mensch bei Aristoteles noch ein geselliges Tier, ein zoon politicon. So sucht er bei Hobbes die Gesellschaft nicht um der Gesellschaft willen, sondern um sich kompetitiv in ihr zu messen und seinen Selbsterhalt zu fördern. Das gelingt ihm am besten, wenn er so viel Macht und Besitz aufhäuft wie nur möglich und diese Gier findet kein Ende, denn immer hat einer noch mehr.

 

Daher soll sich der Mensch freiwillig einer Autorität unterstellen. Nur durch Zucht und Zwang akzeptiert der Mensch einen Vertrag. Wenn alle Menschen sich einer Autorität unterstellen und damit alle Menschen vor der Autorität nichts sind, dann ist diese Generalität auch für die Autorität geltend, denn diese ist gegenüber allen Menschen gleichfalls nichts. So ein Vertrag hebelt das göttliche Allmacht-Prinzips des Absolutismus aus. Eine Zwangsgewalt basierend auf Klugheitsregeln angewandt als erfahrene Vernunft. So ist Frieden ein Mittel der Selbsterhaltung, Beschränkung ebenso. Es ist ein ethisches Tauschgeschäft: Tu du mir nichts, dann tue ich dir auch nichts. Dieser Vertrag muss von einer Autorität überwacht werden und diese braucht eine Rechtssicherheit. Thomas Hobbes stellte den Grundsatz auf: auctoritas non veritas facit legem. Dieser Grundsatz spielt bis in die heutige Auffassung von Rechtssicherheit hinein (Radbruch`sche Formel). Die Autorität von Hobbes ist mehr eine Abstraktion als ein einzelnes Individuum. Denn der Leviathan ist eine Metapher für die Unzerstörbarkeit des Staates. Dessen Macht führt zur Verbindlichkeit von Verträgen. Verträge auf Vertrauen sind unwirksam.

 

Jean Jacques Rousseau

 

Von ganz anderem Schlag war der Gesellschaftsvertrag von Rousseau. Er meinte: So wenig ein Mensch sich vertragsmäßig in die Sklaverei begeben kann, so wenig kann ein Volk sich einem Fürsten übergeben. Er spottete über die Engländer: Er glaubt frei zu sein, ist es aber nur im Moment der Wahlen; wie diese vorüber, „ist er Sklave, ist er nichts.“ Wie aber kann ein Staat geschaffen werden, worin es keinen einzigen Unfreien mehr gibt, worin der Einzelne in der Gemeinschaft nicht das Geringste vom Ur-Recht seiner Freiheit opfert?

 

Für Rousseau war das die Entäußerung allen Besitzes an die Gemeinschaft. Damit besitzen alle alles. Auch die Entäußerung meiner Freiheit an die Gemeinschaft heißt reziprok, dass meine Freiheit nicht aufgegeben wird, sondern zum allgemeinen Willen. So zwingt der allgemeine Wille (volonté générale) uns frei zu sein.  Der Souverän hat nicht das Recht das Eigentum eines oder mehrerer Individuen anzutasten. Aber er hat jedes Recht, sich die Eigentümer aller anzueignen. Dieser Gemeinwille aller, ist bei Rousseau eine Rechtswirklichkeit, eine Art physische Wahrheit. Rousseau ist damit ein Vertreter einer identitären Demokratie und nicht einer repräsentativen Demokratie.  Dieser Gesellschaftsvertrag von Rousseau wurde von rechts und links gekapert. Er hat auch den Haken, dass es „Volk“ so nicht gibt. Daher liebte Rousseau eher die Kleinstaaterei. Eine Gemeinschaft mit einem allgemeinen Willen muss überschaubar sein. Der Idealstaat von Rousseau war daher subsidiär. Sich selbst versorgend, nicht im Sinne eines Marktes, sondern einer antiken Agora.

 

Fichte

 

Ist es doch die Not, welche am meisten würdelos ducken lässt. Der Arme ist gar nicht imstande, den Kopf so hochzutragen, wie der Stolz es verlangt. (Ernst Bloch)

Johann Gottlieb Fichte wurde am 19. Mai 1762 in Rammenau in der Oberlausitz geboren. Dank der Förderung durch den lokalen Grundherrn konnte er die äußerst ärmlichen Verhältnisse seines Elternhauses hinter sich lassen, eine solide Schulausbildung durchlaufen und ein Studium aufnehmen. Er schlug sich als Erzieher und Hauslehrer durch, bis er durch die Begegnung mit Kant zur Philosophie kam. Seine Schrift „Versuch einer Kritik aller Offenbarung“, 1792 anonym erschienen, wurde zunächst Kant zugeschrieben, ehe dieser den Namen des wahren Autors preisgab.
Über Nacht wurde Fichte berühmt und erhielt eine Professur in Jena. Später lehrte der Philosoph an der neu gegründeten Berliner Universität und wurde ihr erster gewählter Rektor. Er starb 1814 in Berlin.


Anfänglich den Ideen der Französischen Revolution zugeneigt, entwickelte Fichte sich mit dem Beginn des neuen Jahrhunderts mehr und mehr zu einer Art Praeceptor Germaniae, zu einem Vordenker der Deutschen, die er zu richtigen Deutschen erziehen wollte. In seinen „Reden an die deutsche Nation“ aus dem Jahr 1808, die nicht zuletzt unter dem Eindruck der Demütigung Preußens durch Napoleon entstanden, postuliert er eine besondere moralisch-kulturelle Sendung der Deutschen.

„Der deutsche Geist ist ein Adler, der mit Gewalt seinen gewichtigen Leib empor reißt und mit starkem und viel geübten Flügel viel Luft unter sich bringt, um sich näher zu heben der Sonne, deren Anschauung ihn entzückt.“

Schon vorher zeigte Fichte nicht nur eine starke Neigung zu politischem Philosophieren, sondern auch zu Vorstellungen von politischer Autarkie, die mit seinen philosophischen Grundannahmen direkt zusammenhängen. Fichtes Philosophie gründet auf einem sich selbst setzenden Ich, das freilich kein empirisches, sondern ein transzendentales ist. Dieses ideale Ich „setzt“ die obersten Begriffe und Prinzipien der Vernunft, an welchen sich das Individuum theoretisch wie praktisch zu orientieren habe. Gottlieb Fichte (1762 bis 1814) unterschied fünf Hauptepochen, in denen sich die Menschheit vom Unbewussten in die Bewusstheit wandelt. Am Anfang herrscht bloßer Vernunftinstinkt, auf den eine Epoche der Autorität folgt. Danach folgt eine Epoche der Gleichgültigkeit und schließlich kommt die Epoche der Vernunftwissenschaft. Die abschließende, die Epoche der Vernunftkunst meint eine Logik, die Geschichte vom Vorstellungsobjekt trennt.  Ziel ist eine Übereinstimmung des Vorgestellten und Gedachten mit den Gesetzen des Denkens, nicht aber mit den Gegenständen der wirklichen Welt. Geschichte wird zur Utopie, bzw. Utopie zur Geschichte.


In seiner im Jahr 1800 publizierten Schrift „Der geschlossene Handelsstaat“ – eine sozialistische Utopie avant la lettre – entwirft er die Grundzüge eines Staates, der den strikten Maßstäben der Vernunft unterworfen ist, eines Vernunftstaates, der Gesetzgeber seiner selbst ist und das bedrohliche Chaos der zeitgenössischen Gesellschaft zu bändigen vermag. Denn in dieser Gesellschaft, so Fichte,

„…, entsteht ein endloser Krieg aller im handelnden Publikum gegen alle, als Krieg zwischen Käufern und Verkäufern. Und dieser Krieg wird heftiger, ungerechter und in seinen Folgen gefährlicher, je mehr die Welt sich bevölkert. Die Produktion und die Künste steigen und dadurch die in Umlauf kommende Ware an Menge und mit ihr das Bedürfnis aller sich vermehrt und vermannigfaltigt.“

 

Im geschlossenen Handelsstaat hingegen, dessen Regierung die eigene Bevölkerung gegen alle Einflüsse von außen abschirmt, herrschen das vernünftige Gleichmaß und eine strenge Gerechtigkeit, die jedem das Seine zuteilt. Was Fichte hier als erstrebenswerten sozialen Zustand ausmalt, ist aus heutiger Sicht eine Form der totalen Gesellschaft, die von einem bevormundenden und rundum fürsorglichen Staat in ein komfortables Zuchthaus verwandelt wird. Schon der Philosophiehistoriker Eduard Zeller urteilte:

„Ein Idealismus wie der seine ist immer despotisch. Die Bedingungen der Wirklichkeit sind für ihn nicht vorhanden.“


Arnold Gehlen (1904-1976 - der konservative Gegenspieler von Adorno – er prägte den Begriff vom Menschen als „Mängelwesen“) ging 1935 gar so weit, den Fichteschen Nationalismus der „Reden“ und den Sozialismus des „Geschlossenen Handelsstaates“ im Begriff des National-Sozialismus kurzzuschließen. Das hat Fichte ohne Zweifel nicht verdient. Aber unverkennbar ist, wie fremd uns heute eine Gedankenwelt geworden ist, die einen extremen Idealismus mit politischen Zielsetzungen verbindet und diese womöglich noch mit dem Etikett „deutsch“ versieht.

 

Allerdings bedient sich die identitäre Bewegung der Ideen von Rousseau und Fichte. Damit verknüpft ist auch die aktuelle Globalisierungskritik. Bedenkt man das Ausmaß unseres internationalen Handels, sind Fichtes Worte schon auch – zieht man die seiner Zeit geschuldete Deutschtümelei ab – prophetisch.

 

Und ich würde für heutige Zeiten zumindest den Mut empfehlen, politische Ideen zu entwickeln jenseits politischer Sachzwänge und Wirklichkeits-hörigkeit. Wobei ich einkalkuliere, dass Ideen – erst einmal in der Welt – schwer zu töten sind. 

 

John Rawls

 

Rawls konstruiert einen hypothetischen Urzustand in Form einer fairen und gleichen Verhandlungssituation, die die Gerechtigkeitsprinzipien legitimieren soll. In dieser rein theoretischen Situation wird der Gesellschaftsvertrag geschlossen, der anders als in früheren Vertragstheorien nicht den Eintritt in eine bestimmte Gesellschaft regelt, sondern nur bestimmte Prinzipien festlegt, nach denen Gerechtigkeit realisiert werden kann. Annahmen:

freie und vernünftige Personen, die miteinander die Grundstruktur ihrer Gesellschaft, ihre Gerechtigkeitsprinzipien festlegen wollen wie

Interessensharmonie: Zusammenarbeit ist wünschenswert und möglich

Interessenkonflikte: Wie werden die Früchte der Arbeit verteilt?

rationale und auf Erfüllung der eigenen Interessen bedachte Menschen, die jedoch frei von Neid sind.

 

Der Schleier des Nichtwissens (veil of ignorance)

 

Beschreibt einen Zustand der Menschen in einer fiktiven Entscheidungssituation, in dem sie zwar über die zukünftige Gesellschaftsordnung entscheiden können, aber selbst nicht wissen, an welcher Stelle dieser Ordnung sie sich später befinden werden, also unter einem „Schleier des Nichtwissens“ stehen.

 

Rawls geht davon aus, dass in diesem „Urzustand“ („original position“, fälschlicherweise oft als Naturzustand gedeutet) alle Menschen völlig gleich sind und deswegen keine aufeinander oder gegeneinander gerichteten Interessen haben. Ebenso werden sie aus demselben Grunde ihre Entscheidung über die Gerechtigkeitsprinzipien nicht verfälschen können und sich so für einen gerechten Gesellschaftsvertrag entscheiden.

Diese völlige Gleichheit erreicht Rawls, indem er die folgenden Faktoren des Menschen und des menschlichen Lebens als für Gerechtigkeit nicht relevant behandelt:

geistige, physische und soziale Eigenschaften wie Hautfarbe, Ethnie, Geschlecht, Religionszugehörigkeit

Stellung innerhalb der Gesellschaft, sozialer Status

materieller Besitz

geistige und physische Fähigkeiten wie Intelligenz, Kraft

besondere psychologische Neigungen wie Risikofreude, Optimismus

Vorstellung vom Guten, Details des eigenen Lebensentwurfs

Einrichtung der Gesellschaft etwa ökonomischer und politischer Art

Niveau der Gesellschaft zum Beispiel hinsichtlich Zivilisationsfortschritt und Kultur

Zugehörigkeit zu einer bestimmten Generation.

Aus dieser abstrakten Gleichheit folgt die Unparteilichkeit der Menschen, aufgrund derer sie aus einer Reihe von möglichen Gerechtigkeitsprinzipien die Rawlsschen wählen sollten. Darin ist nun keine logische Beziehung zu sehen; es handelt sich um eine in der normativen Gerechtigkeitstheorie argumentativ dargelegte Behauptung.

 

Abschließend

Pacta sunt servanda, heißt es so schön. Doch wie wir im aktuellen Kriegsfall sehen (Februar 2022 griff Russland die Ukraine an, ohne Kriegserklärung und mit vielen Völkerrechtsverletzungen), Verträge sind nur so gut wie ihre Vertragspartner. Nur wo Macht ist, ist auch das Recht. In den traditionellen Legitimationsressourcen (Natur, Gott, Götter) lag die Macht in der Transzendenz unangreifbar und weit über dem Menschen. Diese Transzendenz hat die Aufklärung (sicher zu Recht) zerstört.


Heute erleben wir die Erosion ziviler Verträge (z. B. Sturm auf das Kapitol im Januar 2021 in Washington), autokratische bis totalitäre Systeme beginnen sich immer mehr durchzusetzen.

Gleichzeitig erleben wir eine neue Transzendierung der Natur, sozusagen im Auge der Klima-Katastrophe.

Eine düstere Utopie wäre wohl ein grüner Faschismus. Ein Ende der Verträge ist in Sichtweite und unser Zeitdruck ist enorm.

 

 

ENDE

 

 

 

 

Der 15. Beitrag 2022

 

  Substanzlose Menschenspiele

 

Streifschuss vom 05. Juni 22

 

Anlass: Gedankenspiele

 

Wer an einer Gesellschaft, irgendeiner Gesellschaft überhaupt teilnehmen will, der muss sich dort quasi ins Spiel bringen. Dazu akzeptiert man die in der jeweiligen Gesellschaft aufgestellten Regeln. Lateinisch ludere bedeutet etwa tanzen. Illudere bedeutet umspielen, aber auch spotten. Der von Huizinga geprägte Begriff des Homo ludens bedeutet also im weitesten Sinne nicht nur den spielenden, sich frei an Regeln bindenden Menschen zum Zweck kollektiven Lustgewinns. Es bedeutet auch den auf Festlichkeiten und außergewöhnlichem gerichteten Blick (illucere bedeutet glänzen, und daraus entwickelte sich unser Wort Illusion). So ist der Homo ludens auch der spottende, sich täuschende Mensch. Der spuckende Mensch, der beim Sprechen spuckende Mensch ist der erzählende Mensch, in dem genau all diese Attribute sich vereinen. Erzählen erzeugt eine glänzende Illusion. Es ist ein Spiel mit frei gestalteten Regeln, da die Zeichen die man zur Sprache verwendet in freier Entscheidung festgelegt wurden und keinem Realitätsdruck mehr erliegen. Unsere Kulturen sind spielerische Täuschungen in frei erfundenen Regelwerken. Die Parallelität zwischen unseren Zeichen und der Welt ist aufgelöst, unser Verhalten und unsere Affekte sind nicht mehr eindeutig. Keine Erzählung ist unmittelbar, daher auch nicht wahr. Selbst wahrheitsgetreue Nacherzählungen von Ereignissen sind nicht wahr aufgrund ihres Mangels an Unmittelbarkeit (von Raum und Zeit). Man muss sie glauben, um an ihr Vergnügen zu haben. Und in diesem glauben müssen steckt viel mehr Ernst als Spiel, denn wer die frei erfundenen Regeln nicht glaubt, wird bestraft. In jeder spezifischen Kultur steckt dieses glauben müssen drin. Kultur als im weitesten Sinn frei gewählte Regelhaftigkeit unterscheidet dabei nicht zwischen dem, was ist und dem, was nicht ist. Der Unterschied zwischen einem echten Donner und einem Trommelwirbel wird verwischt. Heute leben die Menschen in weitestgehend zweideutigen Zeichensystemen ohne unmittelbaren Realitätsdruck. Man wird zwar von der Gesellschaft, in der man sich befindet, bestraft, wenn man sich nicht an Regeln hält, aber jeder weiß, dass diese Regeln keine Naturgesetze sind, sondern von Menschen erdacht und komponiert. Kultur erzeugt einen künstlichen Zwang dazu, an etwas glauben zu müssen, das weder wahr noch unwahr ist. Es ist nicht wahr, weil Kulturen im ontologischen Sinn nicht substanziell sind. Ihre Gründe sind immer selbst referenziell. Das Argument Kulturen dienten dem Überleben ist Unfug, sonst hätte ja nie ein Tier überlebt. Gleichzeitig sind Kulturen auch wahr, weil sie über Eigenschaften (Attribute) verfügen. Diese Attribute sind allerdings eine grandiose Selbsttäuschung. Sich an gesellschaftliche Spielregeln halten zu können, bedarf der Fähigkeit zur Unaufrichtigkeit, zumindest zur Mehrdeutigkeit. Tiere können das nicht oder nur sehr geringfügig. Tiere verfügen daher nicht über Kulturen, sondern über ein Repertoire an natürlichem Verhalten. Menschen jedoch verhalten sich in ihrem ganzen Leben meist unaufrichtig und / oder mehrdeutig. Unsere Affekte erleben wir daher als ontologisch indifferente Zustände. Wer sich den Regeln einer Gesellschaft widersetzt, empfindet zum Beispiel Zorn über Ungerechtigkeiten. Ungerechtigkeit oder Gerechtigkeit sind Eigenschaften unserer Kulturen. Träger der Eigenschaften ist der sich darüber täuschende Mensch. In der Natur finden wir weder Gerechtigkeit noch Ungerechtigkeit. Wenn der Trommelschlag die Illusion von Donner erschafft, so erschaffen die kulturellen Eigenschaften die Illusion von Substanz. Lange Zeit haben Mythen und Religionen den Anschein von Substanz vermittelt. Spinoza nannte Gott noch als wesentliche Substanz. Doch Mythen und Religionen sind bereits sich täuschende Erzählungen. Das Problem gottloser Gesellschaften  wie den westlich kapitalistischen Industrienationen – ist nicht ihre Gottlosigkeit (es gibt keinen Gott), sondern der Mangel an einer wesentlichen Substanz überhaupt die ihren Eigenschaften zugrunde liegt. Regeln wirken, wie lose Bündel, die man zu einem virtuellen Ganzen zusammenfügte und die man jederzeit auch anders anordnen könnte. Daraus erwuchs Geschichte. Die Geschichte ist ein Alptraum, aus dem ich zu erwachen hoffe, sagte einst James Joyce. Unser ganzes Leben ist eine Vermittlung. Die menschliche Geschichte ist nichts weiter als eine permanente Unruhe, in der wir vergeblich um Stabilität ringen. Jedes Naturereignis alarmiert uns über die Illusion unserer substanzlosen Existenz. Selbst einen Gewitterregen könnten wir daher als einen Appell betrachten, einen direkten Appell daran, dass wir nicht frei sind. Die Freiheit, die wir Menschen uns nehmen können, ist bestenfalls die Freiheit zur Illusion. Doch diese Spiele der Menschen zeichnen sich wie jedes Spiel durch einen Anfang und ein Ende aus. Nach dem Spiel ist dann immer vor dem Spiel. Um die Illusion von Freiheit aufrechtzuerhalten, müssen wir nicht nur an die frei gewählten Regeln glauben (so als wären sie substantiell), wir müssen sie auch immer wieder erneuern. Dazu bedarf es der Festlichkeit und des Außergewöhnlichen. Da die frei gewählten Regeln keinem Realitätsdruck unterliegen, würden sie beim geringsten Widerstand zusammenbrechen. Wozu sich an solche substanzlosen Regeln überhaupt halten? Um diesen frei gewählten Regeln also eine gewisse Stabilität zu ermöglichen, bedarf jedes gesellschaftliche, kulturelle Regelwerk der Spannung. Nur Konflikte erzeugen Spannung. Menschliche Gesellschaften und Kulturen sind in sich selbst darauf angelegt in Unsicherheiten zu schweben. Konflikte, Kriege, Streit, wie auch immer man es nennen mag, sind die substanziellsten Eigenschaften jeder Kultur, jeder Gesellschaft, deren Grundlage das Erzählen seiner eigenen Rechtfertigung ist, um die Spannung aufrechtzuerhalten und damit den Anschein von Substanz. So wird durch Festlichkeit (gerne nach einem gewonnenen Krieg) und Außergewöhnlichkeit (kulturelle Alleinstellungsmerkmale als Kriegsgrund) der gemeinsame Glaube an die erfundene Erzählung gestärkt. Eine globale Gesellschaft, in der alle Menschen auf dieser Erde miteinander kooperieren, wäre nur möglich, wenn wir außerirdische Gegner hätten. In gewisser Weise ist der gemeinsame Kampf gegen die Zerstörung unserer eigenen Lebensgrundlage so ein außerirdischer Gegner. Wir sind derart massiv in unseren eigenen Illusionen des Erzählens gefangen, dass wir diesen Mangel an Unmittelbarkeit gar nicht mehr wahrnehmen und nicht mitbekommen, dass wir gerade gegen uns selbst kämpfen. Dabei reicht – wie gesagt – ein Regenschauer, ein echter Donnerhall, eine Blume, die wächst ohne gepflanzt worden zu sein, aus, um uns klar vor Augen zu führen, dass wir nur in Unmittelbarkeit existieren. Unsere Kulturen sind durch Vermittlung erzeugte Illusionen von einer Freiheit, die wir nicht haben.

  

Um den Bogen zum Anfang dieses Textes zu spannen: Wir verspielen unsere Existenz. Wofür das lateinische Wort perdere steht, das auch vernichten bedeutet, Zugrunderichten. Die substanzlosen (also grundlosen) Eigenschaften von Kulturen und Gesellschaften führen uns geradewegs in den Abgrund. Ich fürchte – ganz pessimistisch – dies ist der Preis für unsere Menschlichkeit.

 

 

ENDE

 

 

 

 

 

 

 

Der 16. Beitrag 2022

 

 

Filmrolle oder Rollfilm?

 

 

Streifschuss:

vom 04. September 22

Anlass: Rolle ist etwas Walzen-förmiges, zu einer Walze (länglich, mit rundem Querschnitt) Zusammen-gerolltes oder – gewickeltes

 

Filmrolle oder Rollfilm, das ist hier die Frage!

 

Solange ich nicht weiß, was das Ganze soll, wozu sich ereignet, was sich ereignet, kann ich auf diese Welt nur mit einer Art interessierten Neugier blicken, bin dieser Welt damit entfremdet. I would prefer not to, sage ich wie der berühmte Barthleby, allerdings mit einem Schmunzeln und mir meines Statistendaseins bewusst. Aber auch Statisten leiden unter Zahnschmerzen, bekommen Krebs oder eine Fettleber. Wozu denn das?


Der Mathematiker Pierre-Simon (Marquis de) Laplace (1749 bis 1827) entwickelte dazu das Gedankenexperiment eines Dämons, der einer Weltformel gleich alles weiß. Dieser Dämon kennt alle Bedingungen, alle Antezedenzien unseres jetzigen Zustandes. Dieser Determinismus-Dämon macht all mein Tun zu einem bloßen Geschehen. Alles, was ich tue oder was ein anderer tut, ist ein Stück eines größeren Ereignisverlaufes, den niemand vollzieht, der vielmehr geschieht. Und selbst wenn der Determinismus von Pierre-Simon nicht vollständig ist, weil unser epistemologisches Wissen nicht ausreicht, ist die Bedrohung meiner Autonomie enorm. Der schottische Philosoph David Hume (1711 bis 1776) war ein Zeitgenosse von Pierre-Simon. Hume prägte den Begriff des Kompatibilismus, eines weichen Determinismus, der geradezu Voraussetzung meiner Handlungen sei. Hume zitiert dazu den alten Philosophen Chrysippos von Soloi, der etwa 200 Jahre v. Chr. in Athen lebte. Der stellte sich einen schlafenden Hund vor, der von einem bösen Menschen an den Karren gespannt wird. Der Hund erwacht, weil der Karren anfängt sich zu bewegen. Nun entscheidet sich der Hund, einen Spaziergang machen. Er folgt dem ihn ziehenden Karren. Hume wollte darin eine hypothetische Freiheit erkannt haben. Ich sehe darin nur einen Hund, der sich etwas vormacht, was es leichter macht. Wir können – so mein Gedanke - eigentlich nichts machen, nur uns etwas vormachen. Ein dem Hund von Chrysippos ähnliches Bild erdachte sich der holländische Glasschleifer Baruch de Spinoza (1632 bis 1677). Ein fliegender Pfeil, der in der Luft sein Bewusstsein erlangt, glaubt nun er flöge aus freien Stücken. Selbst wenn wir uns die Antezedenzien nur zufällig vorstellen, wir in einer Welt der Wahrscheinlichkeiten oder des Chaos leben, selbst dann sind wir nicht mehr als an einer Karre gebundene Hunde oder abgeschossene Pfeile. Es spielt keine Rolle, ob das zufällig geschah oder die Vorbedingungen von einer höheren Intelligenz geplant wurden. Denn so oder so sind meine und Ihre Handlungen damit ein großer Witz, nicht mehr als ein Schauspiel. „Leben ist nur ein wandelnd Schattenbild, // Ein armer Komödiant, der spreizt und knirscht // Sein Stündchen auf der Bühne und dann nicht mehr // Vernommen wird; ein Märchen ist's, erzählt // Von einem Blöden, voller Klang und Wut, // Das nichts bedeutet.“ So Macbeth im 5. Akt, 5. Szene als Reaktion auf den Tod der Königin. Diesem Satz von Macbeth widerspricht eigentlich alles, was wir empfinden. Aber denken Sie an das Höhlengleichnis von Platon, die Welt als Schatten, als nur Vorgestelltes. Oder denken Sie an die Strophe 4.427 in Goethes Faust: Am farbigen Abglanz haben wir das Leben. Erstaunlich und erschreckend dazu: eine ganz aktuelle Sichtweise der theoretischen Astrophysik. Und das ist jetzt kein Witz! Denn ich habe auch mit Physikern gesprochen. Alle sagten mir, dass diese Theorie große Aussicht hat, unser Universum zu erklären. Die Universität Wien gab 2015 folgende Pressemitteilung heraus: „Auf den ersten Blick scheint jeder Zweifel ausgeschlossen: Das Universum sieht für uns dreidimensional aus. Doch eine der fruchtbarsten Ideen der theoretischen Physik in den letzten beiden Jahrzehnten stellt genau das infrage: Das ‚holographische Prinzip‘ besagt, dass man für die Beschreibung unseres Universums möglicherweise eine Dimension weniger braucht, als es den Anschein hat. Was wir dreidimensional erleben, kann man auch als Abbild von zweidimensionalen Vorgängen auf einem riesigen kosmischen Horizont betrachten.“

 

Unter diesem Aspekt ist das Leben tatsächlich nur ein Schauspiel, eine Projektion von einem fernen Punkt des Universums. Wir sind nur Figuren auf einer Leinwand und die Götter lachen sich schlapp über uns, die wir uns für bedeutend halten. Die spannende Frage ist daher: Wie in aller Herrgotts Namen sind wir auf diese verfluchte Leinwand gekommen? Irgendwer muss uns doch gespielt haben! Solange das nicht geklärt ist …,  spiele ich meine Rolle. Auf einem Rollfilm. Egal was ich mache. Das Skript ist bereits fertig. Und irgendwer war mal, der mich spielte so wie ich jetzt bin. I would prefer not to.

 

ENDE

 

 

 

 

 

 

Der 17. Beitrag 2022

 

lesen Sie auf halbem Weg zu Halloween