Bernhard Horwatitschs

 

GEDANKENAKROBATIK

 

 

Beiträge aus dem Jahr 2026

 

 

 

 

10. Beitrag vom 30. Mai 2026

 

Postmoderne Literatur (Teil IV)

 

Die Architektur der Postmodernen

In den 1960er und 1970er Jahren wurde die Postmoderne erstmals programmatisch. Aber nicht in der Literatur, sondern überraschenderweise in der Architektur. Der nordamerikanische 1925 in Philadelphia geborene Architekt Robert Venturi schrieb 1966 das Buch zum postmodernen Architekturprogramm. In Complexity and Contradiction in Architecture wendet sich Venturi gegen die strenge Funktionalität, gegen die so genannte Klarheit und das Entweder-oder der frühen Moderne. Die Bauten seien zu rigide, zu einseitig. Venturi plädiert für eine Architektur, die gleichzeitig mehrere Bedeutungen und Funktionen aufgreift, die Elemente verbindet und Ambivalenz zulässt. Statt Entweder-oder setzte sich Venturi für ein sowohl-als auch ein. Eines seiner Schlagwörter war Messy Vitality, also die vermurkste Lebendigkeit in der sich historisch gewachsene Städte als komplex und widersprüchlich zeigen, und nicht einheitlich, steril und nur quadratisch. Während moderne Bauweisen das Ornament ablehnten, befürwortet Venturi dieses Ornament als positiv in seiner Widersprüchlichkeit. Er sah darin eine Bereicherung und eine Möglichkeit die Architektur menschlicher und lebendiger zu machen. In Barock und Renaissance erkannte Venturi eine Inspiration. Statt dem berühmten less is more prägte Venturi den Ausspruch less is a bore (weniger ist langweilig).

Eine wichtige Brücke zwischen Literatur und Architektur baute der 1939 in Baltimore geborene Charles Jencks. Jencks studierte zuerst englische Literatur und machte danach seinen Master in Architektur. Er griff den Begriff der Postmoderne in der Literatur auf und übertrug ihn auf die Architektur. Seine Schrift The Language of Post-Modern Architecture wurde 1977 veröffentlicht. Jencks wurde berühmt für seinen Ausspruch: „Die Moderne starb am 15. Juli 1972 um 15:32 Uhr“
(Sprengung der Pruitt-Igoe-Wohnsiedlung) Das Pruitt-Igoe-
Wohngebiet in St. Louis umfasste fast 2.800 Sozialwohnungen. Es bestand von den 1950er Jahren bis zum Abriss 1972 und galt als Inbegriff sozialer Kälte und wird in den USA immer noch zitiert als Beispiel für Fehlschläge im sozialen Wohnungsbau. Besonders pervers war die Politik der Rassentrennung, die sich in dem Bau darstellte. Der Komplex sollte in zwei Abteilungen gegliedert werden, nämlich Pruitt für afroamerikanische und Igoe für weiße Einwohner. Die weißen Einwohner zogen schon nach zwei Jahren von Pruitt-Igoe weg.

Die postmoderne Architektur stand für Pluralität und Spiel, für Zitat und Ironie.

 

Das Ende der großen Erzählungen (Grand Récits)

Im Jahr 1979, zehn Jahre nach Fiedlers provokantem Playboy-Artikel Cross the border – close the Gap erscheint der große Gründungstext der Postmoderne La condition postmoderne (Das postmoderne Wissen) von Jean-François Lyotard.

Die Postmoderne ist nun keine kunsthistorische Epoche mehr, sondern sie wird zu einer Gesellschaftsdiagnose. Folgen wir Lyotard, leben wir in einer zwar hochentwickelten Gesellschaft, inzwischen sogar postindustriell. Doch uns fehlen heute die großen Erzählungen, die Metaerzählungen, die großen Sinn- und Rechtfertigungsgeschichten die Wissen, Politik und Moral legitimieren und unsere Fragen nach dem Wert von Wissen, dem Telos unseres Handelns und dem Sinn unserer Geschichte beantworten. Warum ist Wissen wertvoll? Warum sollen wir handeln und warum ist Geschichte sinnvoll? Diese Fragen beschäftigten uns dann über 30 Jahre mit wechselnder Gesichtsfarbe.
Wenn wir heute mit gebannt schockierter Fassungslosigkeit zusehen, wie das große Narrativ Holocaust bröckelt, ein Narrativ das den Sinn der letzten 80 Jahre stiftete (nie mehr wieder diese Barbarei), dann sehen wir auch, dass der Diskurs um die Postmoderne nicht vorbei ist, auch wenn niemand mehr das Wort Postmoderne gerne in den Mund nimmt.

Lyotard sah nun in den hochentwickelten Gesellschaften eine bestimmte Lage des Wissens vorherrschend. Daher haben wir hier eine epistemologische und keine kunsthistorische Darlegung der Postmoderne. Der Zerfall der großen Rechtfertigungsnarrative, der Unglaube gegenüber Metaerzählungen war gewissermaßen der Preis, den wir für unseren Fortschritt zahlen mussten. Lange Zeit schien es bis zur Moderne eine halbwegs einheitliche Vorstellung zu geben darüber, was Wissen ist, was Politik und Moral legitimiert.

Warum ist Wissen wertvoll? Schon die Frage selbst schien vor 200 Jahren noch absurd. Die Aufklärung sprach bei Wissen von Emanzipation (Mündigkeit), der Idealismus versprach uns Selbstverwirklichung des Geistes (Hegels Geist an sich und für sich vereint sich teleologisch zu einer Vernunftmoral). Der Marxismus bastelte aus dem Wissen ein Werkzeug der Befreiung und der Positivismus ein Instrument des utopisch unaufhaltsamen Fortschritts. Daraus entstanden die großen Erzählungen und verliehen dem Wissen ihren Sinn. Dann kam Auschwitz und zeigte, was aus dem Fortschritt werden kann. Der Stalinismus brach unsere Utopie der Emanzipation und der Vietnamkrieg zerstörte unseren Glauben an den Zusammenhang von Vernunft und Moral. Die Technokratie zeigte uns, dass Wissen nicht mehr dem Menschen dient, sondern Systemen. Also führte die Aufklärungs- und Fortschrittserzählung nicht zu Freiheit, Emanzipation und einer durch Vernunft gebesserten Menschheit. Die idealistische Erzählung von Hegel führte nicht zur Selbstentfaltung des Geistes, dessen Wahrheit sich im historischen Prozess erfüllt (Hegels Weltgeist war eine Schnapsidee). Die marxistische Erzählung von der Revolution und der Befreiung der Klassen weckt bestenfalls noch nostalgische Gefühle und dass der Mensch ein autonomes, sinnstiftendes Subjekt sei, wie uns der Humanist erzählte, das ist nicht einmal mehr einen Unterhaltungsroman wert.

Lyotard kommt also zu der Diagnose, dass diese Metaerzählungen ihre Glaubwürdigkeit verloren haben, nicht theoretisch, sondern durch die historische Erfahrung. Totalitarismus, Auschwitz, Kolonialismus und instrumentelle Vernunft sind unsere Erfahrungen. Daher sind Aufklärung, Humanismus und Klassenkampf nicht falsch, sie können sich nur nicht mehr legitimieren, sie sind nicht mehr gesetzmäßig, verloren ihre Konsens-Fähigkeit. Ende der 1970er Jahre beginnt die Digitalisierung und Computerisierung der Verwaltung. Dadurch wird die Wissensspeicherung technisch und ist nicht mehr nur kulturell. Lyotard erkannte bereits früh, dass Wissen zur Ware wird, zur ephemeren Information und zu einer Wettbewerbsressource verkommt. Die Universitäten wurden ökonomisiert und funktionalisiert. Der h-Index wurde zur Metapher des Evaluationsdrucks der Wissenschaften. Nicht was wahr ist zählt, sondern wie oft es in der Fachwelt zitiert wurde. Der Wert von Wissen wurde zu einer administrativen Frage. Ist Wissen wertvoll für den Markt, den Staat oder dient das das Wissen Innovationen, verkommt zur bloßen Neuigkeit um der Neuigkeit willen? Die klassische humanistische Bildung war am Ende. In der Postmoderne ist Wissen nicht mehr wertvoll, weil es wahr ist, sondern weil es nützlich, verwertbar, anschlussfähig ist. Das ist keine Feier, sondern eine Diagnose – fast schon eine Warnung.

 

Lyotard und die Sprachspiele

Für Lyotard ist Wissen keine neutrale Sache. Es muss immer beantwortet werden, warum, wozu und für wen dieses Wissen gilt. Es muss sich rechtfertigen. Lyotard sah daher ein neues Kriterium aufkommen. An die Stelle der Wahrheit tritt die Performativität. Darunter versteht Lyotard Effizienz, Verwertbarkeit und Output. Wissen gilt als gut, wenn es schneller, billiger, berechenbarer und nützlicher ist. Wahrheit wird in der Wissenschaft, in der Bildung und in der Politik durch Funktionalität ersetzt. Ja, sogar die Sprache selbst (Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt, Wittgenstein) wird funktionalisiert. Lyotard übernahm mehr oder weniger Wittgensteins Sprachspiel-Thesen. Jedes Sprachspiel hat eigene Regeln. Daher ist Wahrheit auch immer regelrelativ. So gibt es wissenschaftliche Sprachspiele, politische, juristische, literarische und auch religiöse Sprachspiele. Kein Sprachspiel kann sich legitim über ein anderes erheben.

Nehmen wir ein wissenschaftliches Sprachspiel. Wie spricht der Wissenschaftler? Er spricht in Hypothesen, Belegen, Falsifikationen, Statistiken und Modellen. Als wahr gilt das, was empirisch überprüfbar ist. So sagt der Klimaforscher Die globale Durchschnittstemperatur ist seit 1880 um 1,2° C gestiegen. Diese Aussage ist innerhalb des wissenschaftlichen Sprachspiels sinnvoll. Aber wenn nun derselbe Forscher sagt, dass deshalb alle Menschen moralisch anders leben müssen, verlässt er sein Sprachspiel und spricht plötzlich ethisch, nicht mehr wissenschaftlich. So kann die Wissenschaft zwar Fakten liefern, aber keine Werte begründen.

Nehmen wir als zweites ein politisches Sprachspiel. Wie spricht der Politiker? Er hat Macht, vertritt Interessen, Mehrheiten, schließt Kompromisse und trifft Entscheidungen. Wahr ist hier, was gesetzeskonform ist, die Zustimmung des Parlaments hat und in den Instanzen durchsetzbar ist. Ein Minister sagt wir führen diese Reform ein, weil sie politisch notwendig ist. Das ist wissenschaftlich nicht nachvollziehbar. Es bezieht sich auf die Machbarkeit. In dem Augenblick, wo die Wahrheit dadurch Geltung bekommt, weil sie beschlossen wurde, ist Politik totalitär. Politiker können Entscheidungen treffen, aber nicht die Wahrheit definieren.

Nehmen wir ein juristisches Sprachspiel. Wie spricht der Jurist? Er kennt die Gesetze und Paragraphen, hat gewisse Zuständigkeiten und kennt Präzedenzfälle. Wahr ist für den Juristen die rechtliche Norm. Der Richter sagt zum Beispiel Der Angeklagte ist schuldig nach § 263 StGB. Das ist Betrug durch Vorspielen falscher Tatsachen oder Verheimlichung von Wahrheiten. Das bedeutet nicht, dass der Täter moralisch verwerflich ist (Werbung wäre dann strafrechtlich verboten), es bedeutet auch nicht, dass er als Täter wissenschaftlich bewiesen ist. Es bedeutet nur, dass er juristisch verurteilt wurde. Wenn das Recht behauptet, dass das was legal ist auch recht und gut ist, dann wird es zur Ideologie. Recht ordnet Handlungen, aber es gibt nicht den Handlungen ihren Sinn oder behauptet in ihr eine moralische Wahrheit.

Wie spricht nun der Dichter? Er spricht in Metaphern, nutzt Mehrdeutigkeiten und Ambivalenzen, spricht in Symbolen und fiktionalisiert (stellt sich etwas vor). Wahr ist in der Dichtung das, was Sinn macht und nicht die Fakten. Wenn Franz Kafka schreibt Jemand musste Josef K. verleumdet haben … ist das keine Tatsachenbehauptung, sondern es ist eine existenzielle Wahrheit. In dem Satz drückt sich das Gefühl von Schuld aus, Ohnmacht und Ausgeliefertsein. Wenn der Literat aber das poetisch Wahre als faktisch wahr behauptet, werden die Ebenen verwechselt. Literatur stiftet Sinn, liefert aber keine Beweise im wissenschaftlichen Sinn.

Der Priester spricht von Offenbarung, er glaubt, gibt Zeugnis ab, hält Rituale und Symbole aufrecht. Für den gläubigen Menschen ist Gott wahr im Sinne eines Bekenntnisses. Der Christ sagt Gott ist Liebe. Aber das ist weder ein naturwissenschaftlicher Satz, noch ist es ein politisches Programm und auch kein juristisches Handlungsmotiv. Der Fanatiker sagt Gott will, dass wir alle so leben. Damit wird seine Religion grenzüberschreitend zur politischen Macht. Religion stiftet Sinn (anders als in der Literatur ist dieser Sinn in der Religion normativ und verbindlich), sollte aber zu nichts zwingen.

Der Arzt gibt ganz wissenschaftlich eine Prognose ab, wie lange der Patient noch zu leben hat, der Jurist spricht über die Gesetzeslage und der Politiker spiegelt die Wählermeinung in strategischer Absicht. Der Pfarrer spricht von der Heiligkeit des Lebens und der Romanschriftsteller schreibt einen Roman über einen Sterbenden. Keiner lügt. Aber keiner kann sagen, dass nur seine Wahrheit gilt, nur seine Sprache zählt.

 

Der Widerstreit

Dennoch kommt es nur zu oft zu einem erheblichen Widerstreit, den Lyotard le différend nennt. Dieser Widerstreit ist ein Konflikt bei dem ein nicht artikulierbares Unrecht geschieht, da es keine gemeinsame Regel gibt, nach der die beteiligten Seiten sprechen könnten. Opfer fangen an über ihre Befindlichkeiten zu sprechen. Die Täter oder zuständigen Institutionen (Polizei, Gericht) verlangen Beweise, die nach den Regeln des Opfers nicht lieferbar sind. Ihr Schmerz, ihr Leid verlangt Gehör, aber es gibt keine gesetzliche Regelung dafür. Jetzt wird das Unrecht durch Sprache ausgelöscht. Hier wurde Lyotard oft falsch verstanden. Gerade weil er das Beispiel Auschwitz nahm, schuf er paradigmatisch Missverständnisse. Wenn Lyotard im Zusammenhang mit Auschwitz von Unbeweisbarkeit spricht, meint er nicht die faktische Ebene, sondern die existenzielle Ebene, die er von der juristisch-historischen unterscheidet. Nicht alles Wahre ist beweisbar. Die Ermordeten können nicht mehr sprechen. Es ist nicht mehr vollständig artikulierbar, was sie erfahren haben. Das schlimmste Leid ist ja gerade das, dem die Sprache genommen wurde und so wurde nicht nur ein Unrecht begangen, sondern auch die die Möglichkeit vereitelt, dieses Unrecht voll zu artikulieren.

Am Besten erkläre ich das an einem Erlebnis das ich selbst hatte. Als ich in Buchenwald war, sah ich den Raum, in dem nach der Folterung die übrige Asche zusammen gekehrt wurde. Diese Überreste waren vermischt worden, so hatten die Hinterbliebenen nicht einmal mehr eine Zuordnung des Individuum in Form der Asche. Keine Namen, keine Gräber, keine Trauer, keine Erinnerung im individuellen Sinn. Nur Masse, Austauschbarkeit und Verschwinden. Ja, die Verbrechen wurden bewiesen. Aber die völlige Vernichtung von Individualität lässt sich nicht durch Akten, Urteile oder zahlen zurückholen. Beweise mögen Täter überführen. Aber sie können den Ermordeten nicht mehr ihre Stimme zurückgeben. Die Wahrheit kann die Zerstörung, die Tat nicht aufheben.

 

Das Erhabene

Lyotard knüpft ästhetisch an Kants Begriff des Erhabenen an. Während das Schöne einfach harmonisch ist, in Form und Maß stimmig, ist das Erhabene eine Überforderung. Es ist maßlos und formlos und mich lässt mein Vorstellungsvermögen im Stich. Bei Kant gibt es das mathematisch Erhabene im nicht mehr fassbaren Sternenhimmel. Dieses Universum ist zu groß geworden, um noch als Kosmos bezeichnet zu werden, wie es die Alten taten. Hier gibt es keine Harmonie, kein Maß und keine Schönheit im herkömmlichen Sinn. Man fühlt sich geradezu ohnmächtig gegenüber diesem gewaltigen Universum.

Das dynamisch Erhabene ist bei Kant nicht das Objekt, sondern mein Scheitern am Objekt. Ein Abgrund, ein Sturm, ein Blick ins Unendliche lässt mich am Objekt abprallen wie ein Insekt.

Lyotard griff genau diesen Punkt auf. Das Erhabene ist die Erfahrung, dass es etwas gibt, das zwar gedacht, aber nicht mehr dargestellt werden kann. Der entscheidende postmoderne Schritt den Lyotard hier macht ist es, dass die Vormoderne und die klassische Moderne (im Wesentlichen jedenfalls) das Unsagbare noch zum Ausdruck zu bringen versuchte und daher neue Formen des Ausdrucks schuf. Mit diesen neuen Formen des Ausdrucks (Impressionismus, Expressionismus, innerer Monolog, Montage, Symbolismus, Kubismus, Abstraktion, Atonalität etc.) versuchte die klassische Moderne das Chaos in Ordnung zu überführen. Doch in der Postmoderne zeigt sich die Kunst als Beleg dafür, dass keine Form ausreicht. Kunst hört deshalb nicht auf, die Welt verstummt nicht, die Autoren und Autorinnen legen nicht einfach den Stift weg und sagen: Okay, das war es. Nein. Die Kunst macht nun ihr eigenes Scheitern sichtbar.

Niemand / zeugt für den / Zeugen dichtete Paul Celan und meinte damit, dass er spricht, aber seine Sprache nicht reicht. Die Farbflächen von Mark Rothko, Lanzmanns Shoah Verfilmung die nur aus Stimmen, Gesichter besteht und das Fehlen von Bildern selbst zum Ausdruck hat, Samuel Becketts Namenloser, der sagt ich kann nicht weiter / ich werde weitergehen und damit keine Geschichte mehr erzählt, keine Identität, keine Entwicklung. Das Schweigen wird sprachlich dargestellt, das Scheitern zum Inhalt. Franz Kafka hat uns nie erläutert, was Josef K. getan hat, wofür er verurteilt wird und was das Gericht eigentlich ist. Das ist kein Mangel, das ist Methode. Verfahren, Akten und Dialoge werden durch die Sprache geschaffen, aber die Darstellung funktioniert formal, ergibt aber keinen Sinn mehr. Die Ordnung scheitert. Harmonie würde bedeuten, dass das Ganze irgendwie aufgeht, sich eine Form findet und sich alles schließt. Dieser Harmonie misstraut Lyotard nach den Katastrophen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wenn man das Ungeheure, ja das Ungeheuer ästhetisch beruhigt, deckt man es zu. Daher keine versöhnlichen Bilder, keine geschlossene Erzählung, keine Sinn-Klammern. Nicht, weil Sinn falsch wäre, sondern zu vorschnell Ordnung schafft und Leid glättet und damit durch Sprache auslöscht.
Lyotard will die Wunde offen halten. Das ist kein Kult des Schmerzes, es heißt, dass wir nicht so tun sollten, als sei das Geschehen integriert, verarbeitet und abgeschlossen. Die Offene Wunde bedeutet, dass das Leiden seinen Stachel behalten soll, damit wir es nicht durch Sprache mit einer letzten stimmigen Erklärung zudecken, uns nicht zu leicht trösten lassen und zu früh behaupten, wir verstünden es jetzt.

Das entspricht in etwa meinem Buchenwald-Erlebnis. Ich weiß, was geschehen ist, ich kann es erklären. Aber ich kann es nicht fassen, so sehr ich mich auch anstrenge. Es bleibt unfassbar. Ich erinnere mich auch an das Unfassbare einer Ausstellung in der St. Pauls Kirche (München) in den achtziger Jahren über Hiroshima. Das eindrücklichste Beispiel war der Schatten eines Menschen in eine Mauer eingebrannt. Von diesem Menschen war nichts mehr übrig außer seinen Umrissen, seinem Schatten. Wie soll man das in Worte fassen?

Das ist das Erhabene bei Lyotard. Das ist keine intellektuelle oder rationale Einordnung. Kunst soll nicht sagen so war es, Kunst soll aufzeigen, dass wir daran scheitern. Während also Kant im Erhabenen ein Erlebnis sieht, das unsere Vorstellungskraft sprengt (weswegen die Romantiker, die alle Kant gelesen haben, auch die Einbildungskraft zur Realität erklärten), sieht Lyotard im Erhabenen eine Art moralische Erschütterung. Daher auch die Skepsis gegen jede Art der Ästhetisierung (diese Skepsis äußere auch Primo Levi gegenüber den Erklärungen, wie die Shoah möglich geworden sei).

Die Postmoderne Kunst verweigert den Sinn, zeigt die Differenz und schützt das Unsagbare. War die Kunst einst eine Illustration der Wahrheit, ist sie nun zum ethischen Ort geworden.

Lyotard lehnt Utopien ab, ist gegenüber neuen Gesamtentwürfen skeptisch, verweigert neue Heilslehren oder neue Totalitäten. Die radikale Relativierung von der Wolfgang Welsch spricht, ist hier deutlich sichtbar.

Daher ist die Politik in der Postmoderne lokal, situationsbezogen und sensibel für den Widerstreit (siehe cancel culture). Gerechtigkeit heißt nicht, die Wahrheit durchzusetzen, sondern die Widerstreite (le différend) anerkennen und dem Unsagbaren Raum zu lassen. Dabei ist nicht alles gleich gültig, nicht alles nur noch Meinung. Es gibt viele Sprachspiele und darin sind die Konflikte zwischen den verschiedenen Sprachspielen real. Doch Unrecht lässt sich nicht automatisch in Wahrheit auflösen. Es geht Lyotard um die ethische Verantwortung.

 

Zusammenfassung
Die großen Erzählungen der Moderne (Aufklärung, Idealismus, Humanismus) sind nicht mehr legitimiert. Unser Wissen wird durch Performativität (Effizienz, Verwertbarkeit) geleitet und eine universelle Sprache der Wahrheit (einst die Philosophie) gibt es nicht mehr. Unsere Sprachspiele ist unaufhebbar plural und der Widerstreit dieser Sprachspiele markiert das Unsagbare von Unrecht. Die Kunst versucht das nicht Darstellbare zu bewahren und die Politik muss nun ohne totalitären Anspruch auskommen, denn Gerechtigkeit heißt, dass man Differenzen aushalten kann.

 

Wird fortgesetzt

 

 

 

9. Beitrag vom 15. Mai 2026

 

Postmoderne Literatur (Teil III)

 

 

USA und die Postmoderne

 

Leslie Fiedler und Susan Sontag

 

Zehn Jahre nach Howe und Levin veröffentlichte Leslie Fiedler ein berühmtes Essay im Playboy, Cross the Border – Close the Gap (1969 im Playboy). Schon das Organ der Veröffentlichung kündigt eine große Neuigkeit an. Es ist einer der Schlüsseltexte der frühen amerikanischen Postmoderne. Er ist provokativ, polemisch und ganz bewusst „populär“ platziert. Leslie Fiedler markiert hier einen offenen Bruch mit dem hoch-kulturellen Ernst der Moderne (den zeitgleich auch Susan Sontag vollziehen wird). Fiedler formuliert ein positives, kämpferisches Programm, dessen, was zuvor noch mit Skepsis oder sogar Ablehnung (Howe) beschrieben wurde.

 

The new literature has crossed the border, closed the gap between high art and popular culture.” (Die neue Literatur hat die Grenze überschritten und die Kluft zwischen Hochkunst und Populärkultur geschlossen).

 

Das ist der zentrale Leitsatz des Essays. Fiedler erklärt ausdrücklich, dass Comic, Science-Fiction, Western oder Pornographie kein Verfall sind, sondern eine ganz bewusste Grenzüberschreitung. Es sind legitime kulturelle Ressourcen. Statt dem Gestus der Trauer und Klage, sucht Fiedler in den neuen Formen die Befreiung. The age of Joyce and Mann is over; the age of the comic strip and the western has begun.” (Das Zeitalter von Joyce und Mann ist vorbei; das Zeitalter des Comics und des Westerns hat begonnen).

 

Fiedler historisiert die Moderne nicht, wie das noch Harry Levin tat. Es ist ein antiklassizistischer Affekt mit dem er die Moderne provokant verabschiedet. Was für Irving Howe einen Verlust der Tiefe und des moralischen Ernstes darstellt, ist für Fiedler ein Gewinn an Freiheit. Das vertritt Fiedler mit neuem Selbstbewusstsein.„We must give up the myth of depth in order to recover the pleasure of art.” (Wir müssen den Mythos der Tiefe aufgeben, um das Vergnügen an der Kunst zurückzugewinnen.)

Joyce, Eliot, Pound, Faulkner, sie alle sind elitär, akademisiert, männlich, viel zu ernst und damit lebensfern. Für Fiedler ist die Moderne tot. Sie ist nicht heroisch gescheitert, sondern schlicht museal. Die Grenze (cross the border) die Fiedler meint ist die Grenze zwischen Hochkultur und Populärkultur, die Grenze zwischen der Universität und den Massenmedien, die Grenze zwischen Literatur und Genre, die Grenze zwischen Ernst und Unterhaltung. Fiedler fordert (to cross) eine Überschreitung dieser Grenzen. Auf der anderen Seite ist dann die Science Fiction zu finden, Fantasy, Western, Pornographie, Comics, Horror und all das, was schon die Nationalsozialisten verächtlich als „Schund und Schmutz“ kennzeichnen wollten. „The enemies of this literature are not the philistines but the professors.”

(Die Feinde dieser Literatur sind nicht die Spießbürger, sondern die Professoren.)

Die Lücke (close the Gap) die Fiedler gerne schließen möchte ist die Distanz zwischen Literatur und Leser, der Verlust von Unmittelbarkeit und die Abkopplung von Erfahrung. Moderne Literatur spricht über Sprache und nicht mehr über das Leben. Hier wird es interessant, weil der Vorwurf der sinnleeren Formalisierung von beiden Lagern beiden Gegnern vorgeworfen wird. In diesem blinden Fleck erkenne ich mit dem Auge des Therapeuten die immer noch vorhanden Trauer über den Verlust des Sinns durch die moderne Industrialisierung, die Aufklärung und die Wissenschaften. Für Fiedler soll die postmoderne Literatur erzählen, unterhalten und affizieren. Fiedler fordert Nähe statt Distanz. „The new fiction turns again to myth, to fantasy, to the needs of the child within us.” (Die neue Literatur wendet sich wieder dem Mythos, der Phantasie und den Bedürfnissen des Kindes in uns zu.)

Die Tragödie ist verbraucht, die Ironie produktiver als das Pathos und der Ernst nur autoritär. Die populären Genres sind daher nicht minderwertig, sondern mythisch produktiv und Tat kollektiver Imagination. Die postmoderne Literatur ist hybrid, mischt Hochkultur mit Trivialkultur, liebt das Zitat, das Pastiche (Mischung der Stile). Postmoderne Literatur parodiert und parodiert auch sich selbst. Die inzwischen kanonisierte und museale Moderne hat den Leser ausgeschlossen und die Postmoderne will ihn wieder zurückholen. Hier muss man beinahe lachen, da der Abgesang auf die Postmoderne beinahe ähnlich klang wie dieser Vorwurf an die Moderne. Immer will man den Leser zurückholen. Das ist ja klar. Literatur ohne Leser? Aber welchen Preis wollen wir für diesen unseren geliebten und verehrten, hochgeschätzter und umhegten Leser zahlen?

Dennoch geht es – bei aller Ironie auf die Ironie die sich hier halb zu ernst nimmt – Fiedler um ein wichtiges, ernstes Thema, um die Demokratisierung der Literatur.

 

Fiedlers literarischen Vorbilder sind dann Nabokov, Jorge Luis Borges (den wir noch genauer betrachten werden), Thomas Pynchon (auch ihn schauen wir genauer an), William S. Burroughs. Diesen Autoren gemeinsam ist das Spiel mit den Formen, das Mischen von Genres und eine Selbstreflexion, die sich nicht in Askese (die ja noch Federico de Onís forderte) übt. Interessant ist, dass das Spiel mit den Formen den Leser zurückholen soll. So werden Formalismen aufgebrochen und es entstehen neue Formen. Aber wie jede Form tendieren auch diese neuen Formen zur Erstarrung. Das Problem hier ist, dass es flüssig bleibt. Aber wie lässt sich das dann noch verstehen? Dieses Problem haben die späteren Poststrukturalisten (Derrida, Deleuze, Juri Lotman) aufgenommen und problematisiert.

Aber es ist der erste explizite postmoderne Aufruf in dem Verständnis, das wir heute von der Postmoderne kennen. Es ist anti-elitär, anti-tragisch und pop-affin. Fiedler hat uns vorbereitet auf die Metafiktionen eines Thomas Pynchon, auf die Kultur der Ironie eines Umberto Eco, auf das „anything goes“ das nach ihm Paul Feyerabend in seinem Werk Wider dem Methodenzwang (1975) berühmt gemacht hat. Kritisch einschränken muss man Fiedler natürlich. Denn er verwechselt Demokratisierung mit Marktlogik (Postfordismus). Dort setzt die Kritik von Frederic Jameson an in seinem Aufsatz Logik des Spätkapitalismus (1984). Ich werde noch auf diesen Text zurückkommen. Auch kritisierte man, dass Fiedler den Pop zur neuen Norm erkor. Das hatte ich zuvor bereits gesagt, dass zwischen Beliebigkeit (grenzenlose Verflüssigung) und formaler Erstarrung eine nicht definierbare Grenze verläuft. Insofern ist man dazu verdammt, Borderliner zu sein. Zusammenfassend beginnt die Postmoderne dort, wo Literatur wieder erzählen darf, ohne sich dafür zu entschuldigen (Formverletzung) und wo sie keine Angst vor dem Populären hat. Literatur soll Spaß machen, sonst ist sie keine Literatur, sondern eine mühsame Doktorarbeit, die man gleich nach Herstellung wieder vergisst.

 

Die 1933 in New York geborene Kultautorin Susan Sontag (gestorben 2004) ging ähnliche Wege wie Fiedler, aber mit einem entschieden anderen Tonfall, einer anderen Intention und – finde ich – größerer theoretischer Tiefe. Fiedler war ein populistischer Provokateur, wie sie immer wieder auch nötig sind. Aber Sontag ist genau die ästhetisch-intellektuelle Grenzgängerin, die immer wieder die Grenzen überschreitet, nicht um sie zu schließen, sondern um sie sichtbar zu machen. Wie Leslie Fiedler kritisiert auch Susan Sontag die Kanonisierung der Hochmoderne und die Ritualisierung von Kritik (Interpretation is the revenge of the intellect upon art). Kunst verliert so ihre sinnliche Wirkung (In place of a hermeneutics we need an erotics of art). Auch Sontag richtet ihr Augenmerk auf die Populärkultur. Berühmt ist ihr Aufsatz Notes of Camp aus dem Jahr 1964.

 

Many things in the world have not been named; and many things, even it they have been named, have never been described. One of thes is… the cult name of „Camp“

Camp ist für Sontag keine fest umrissene Theorie, sondern eine bestimmte, sensible Art, Dinge wahrzunehmen. Diese Sensibilität liebt das Künstliche, Übertriebene, Theatralische und wendet sich gegen Natürlichkeit und Ernst. So sieht sie in bestimmten Posen oder Rollen von Greta Garbo Camp. Oder die großen Gefühle in den Hollywood-Melodramen, die überladenen Formen, das historische Spektakel italienischer Opern, alles Überladene, Ornamentale auch in der Architektur oder der Kleidung, in der Federboa, der Perücke, Gold, Lack und Glanz. Alles das ist in gewisser Weise Camp. Kunst nicht nach Wahrheit und Tiefe, sondern nach Stil und Form (also der Oberfläche) bewertet, dabei ironisiert, nicht wirklich ernst (folgenlos). Camp-Kunst scheitert, aber auf eine ästhetisch reizvolle Art. Sie sieht in Oskar Wilde oder Ronald Firbank Autoren des Camp durch die Parodie, das Kokette, Spielerische in ihren Werken. Camp ist nicht politisch, nicht moralisch oder ideologisch, aber auch nicht antipolitisch oder anti-ideologisch oder amoralisch. Camp liebt die Erfahrung und interessiert sich nicht für die Interpretation, lehnt Tiefe und Wahrheit ab,, bevorzugt ein authentisches Genießen. Kafka ist zu existenziell, um Camp zu sein, Beckett zu asketisch, Brecht zu didaktisch. Ironie mit moralischer Absicht ist kein Camp.

 

Susan Sontag präferiert die Erfahrung vor der Interpretation und der Hermeneutik dieser Interpretationen. “What matters is not what art means, but how it is.” Es ist also nicht entscheidend, was Kunst bedeutet, sondern wie sie ist. An die Stelle des Sinns tritt die Wahrnehmung (im Grunde die Sinne) und an Stelle der Geschichte tritt die Präsenz. Der ganze enervierende und auch so durchschaubare Kulturpopanz wird von Susan Sontag abgeschminkt. Statt wie Fiedler den Pop zu feiern, analysiert ihn Sontag, nimmt Pop ernst ohne ihn zu idealisieren. Sontag versucht nicht, ein neues Legitimationsnarrativ zu begründen, sondern untersucht einfach, wie sie sind und dann erkennt sie eben die Übertreibungen und die Artifizialiät in den Science-Fiction-Filmen, oder die pathosgeladene, theatralische Inszenierung in der Nazi-Ästhetik, die sich nicht moralisch rechtfertigt. Sie sieht im Melodram die Überzeichnung, den Kitsch und in der Pornografie die formale Übertreibung und die ritualisierte Darstellung. Es geht ihr also nicht um Bewertungen. Sie verteilt keine Schulnoten an die Kunst, sondern sie sieht hin. Damit ist sie ernster und präziser, aber auch ernster zu nehmen als Leslie Fiedler.

 

 

Wird fortgesetzt

 

 

 


8. Beitrag vom 30. April 2026

 

 

Postmoderne Literatur (Teil II)

 

Toynbee und Musil im Vergleich

 

Bei dem britischen Kulturtheoretiker Arnold Toynbee (1889-1975) taucht der Begriff noch einmal in einem ganz anderen Zusammenhang auf. Bei ihm ist er weder ästhetisch (de Onís) noch philosophisch (Lyotard), sondern geschichtsdiagnostisch (ähnlich wie bei Pannwitz). Gerade das macht Toynbee für eine Genealogie des Begriffs so wichtig. In seinem 12bändigen Werk Der Gang der Weltgeschichte (A Study of History) das er in den Jahren zwischen 1934 bis 1961 verfasste, analysierte er den Aufstieg und Verfall von Kulturen. Anders als Oswald Spengler (Der Untergang des Abendlandes) ist Toynbees Sicht nicht deterministisch, sondern zyklisch angelegt. Seine Kategorien sind Entstehung, Wachstum, Krise, Zerfall und Nachleben. In diesem Sinne verwendet Toynbee den Begriff Postmoderne ab den 1930er Jahren als eine Zeit nach dem Zerfall der westlichen Moderne. Militär, Technik und Bürokratie dominieren die westlichen Industrienationen und es macht sich geistige Erschöpfung breit. Man kann sich diese Sichtweise gut erklären, da das Tempo der industriellen Entwicklung (gerade auch Militär und Technologien) sogar die führenden Intellektuellen überrollte. In seinem berühmten Roman Der Mann ohne Eigenschaften formulierte es Robert Musil so:

 

In Goethes Welt ist das Klappern der Webstühle noch eine Störung gewesen, in der Zeit Ulrichs begann man das Lied der Maschinensäle, Niethämmer und Fabriksirenen schon zu entdecken.
Es bedeutet also kein gar kleines Glück, wenn man dar aufkommt, ... daß der Mensch in allem, was ihm für das Höhere gilt, sich weit altmodischer benimmt, als es seine Maschinen sind. ...Die Welt ist einfach komisch, wenn man sie vom technischen Standpunkt ansieht; unpraktisch in allen Beziehungen der Menschen zueinander, im höchsten Grade unökonomisch und inexakt in ihren Methoden; und wer gewohnt ist, seine Angelegenheiten mit dem Rechenschieber zu erledigen, kann einfach die gute Hälfte aller menschlichen Behauptungen nicht ernst nehmen.

Nach Toynbee war der religiös-moralische Kern in der Moderne noch wirksam und die Führung der kreativen Minderheit noch kulturell innovativ. Doch im postmodernen Zeitalter erstarrt diese kreative Minderheit zu einer nur noch herrschenden Minderheit. Sie ersetzt Sinn durch Macht, Spiritualität durch Technik und Schöpfung durch bloße Imitation. Diese kulturpessimistische Analyse lag im Trend in den 1930er Jahren.

Wen soll das tausendjährige Gerede darüber, was gut und böse sei, fesseln, wenn sich herausgestellt hat, daß das gar keine »Konstanten« sind, sondern »Funktionswerte«, so daß die Güte der Werke von den geschichtlichen Umständen abhängt und die Güte der Menschen von dem psychotechnischen Geschick, mit dem man ihre Eigenschaften auswertet!

So beschreibt es Musil in seinem oben zitierten Roman. Das ist entlarvend, sarkastisch – und zugleich furchtbar nüchtern. Musil beschreibt hier das, was wir heute als funktionales Menschenbild, vielleicht sogar als Datafizierung des Selbst bezeichnen würden. Die Person als ein Profil, das man „auswerten“ kann.

Nicht wer du bist, sondern wie du funktionierst, zählt. Die „Güte“ eines Menschen hängt nicht mehr von Tugenden ab – sondern davon, wie effizient er sich lenken lässt. Das ist wie ein kalter Luftzug durch Kants kategorischen Imperativ.

Toynbee steht der Aufklärung daher skeptisch gegenüber. Der vorherrschende Rationalismus habe die religiösen Sinnressourcen zerstört und der die Religion ersetzende Fortschrittsglaube ist Toynbees Ansicht nur eine Selbsttäuschung.

Darin wiederum unterscheidet sich Toynbee von Musil und darin zeigt sich Robert Musil als der weit hellere und kreativere Geist.

Und so hat es auch schon damals, … Leute gegeben, die den Zusammenbruch der europäischen Kultur voraussagten, weil kein Glaube, keine Liebe, keine Einfalt, keine Güte mehr im Menschen wohne, und bezeichnenderweise sind sie alle in ihrer Jugend- und Schulzeit schlechte Mathematiker gewesen. Damit war später für sie bewiesen, daß die Mathematik, Mutter der exakten Naturwissenschaft, Großmutter der Technik, auch Erzmutter jenes Geistes ist, aus dem schließlich Giftgase und Kampfflieger aufgestiegen sind.

Das ist die klassische kulturkritische Argumentation des frühen 20. Jahrhunderts, die z. B. bei Spengler oder Heidegger prominent ist und die sich Toynbee mit seiner pejorativen Vorstellung der Postmoderne einordnet:

Die Technik ist schuld am Weltkrieg. Die Wissenschaft hat den Menschen vom Ganzen getrennt. Die exakte Vernunft hat das Herz und die Seele getötet.

Musil stellt diese These nicht direkt infrage, aber er durchbricht sie, indem er ihren Ursprung (schlechte Schulnoten) ironisch entlarvt, und gleichzeitig zeigt, wie einfältig und monokausal diese Denkweise ist. Der Fehlschluss: Weil Technik Waffen schafft, ist Mathematik böse. Musils Konter: Das ist ein emotionaler Kurzschluss, nicht Argumentation. Musil verteidigt nicht einfach die Mathematik. Er verteidigt den Geist, der sich bemüht, differenziert zu denken, gegen die geistige Bequemlichkeit der Gefühlsethik. Seine Ironie trifft den „Humanisten“, der Technik hasst, weil er sie nicht versteht, den „Kulturkritiker“, der sich selbst überhöht, ohne in die Tiefe zu denken.

Das sind dann auch die Gründe, warum sich Toynbee nicht durchsetzen konnte mit seiner Definition der Postmoderne. Toynbee wertete zu sehr und seine Nähe zu Spengler hat ihm auch nicht gerade genützt. Toynbees Vorstellungen sind zu religiös grundiert und – wie bei vielen gläubigen Menschen, ist Toynbee nicht Theorie offen (wie man das ganz anders bei Musil sieht). Die spätere Postmoderne verzichtet auf die Verfallsdiagnose und an die Stelle des zyklischen Weltbildes tritt der Diskurs. Religion wird durch Sprache ersetzt (die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt – Wittgenstein).

So stellt Toynbee noch die Frage „Was kommt nach der Moderne, wenn sie ihre Sinnressourcen verbraucht hat?“. Darauf würde Lyotard (zu ihm später ausführlich) antworten: Es gibt kein „Danach“ mehr – nur noch Differenz.

 

Bei Toynbee bezeichnet „Postmoderne“ nicht Pluralität, sondern das Stadium nach der schöpferischen Kraft einer Zivilisation – eine Epoche der Nachahmung, Technisierung und geistigen Erschöpfung.

 

USA und die Postmoderne –

 

Teil 1 Irving Howe und Harry Levin

Nach dem zweiten Weltkrieg gab es – angeführt von den USA - den Nachkriegsboom und in den Museen, den Universitäten und im creative writing wurde die Moderne institutionalisiert. So wurde die einst kritische und oppositionelle Moderne kanonisiert. Es stellte sich die verrückte Frage: Was geschieht, wenn die Moderne selbst zur Tradition wird.

Im Jahr 1959 veröffentlichte der 1920 in New York geborene Hochschullehrer und Sohn eines jüdischen Lebensmittelhändlers einen wichtigen Aufsatz mit dem Titel Mass Society and Postmodern Fiction. Im gleichen Jahr erscheint auch der Aufsatz What was Modernism von dem in Cambridge lehrenden und 1912 geborenen Literaturwissenschaftler Harry Levin.

Das Jahr 1959 markiert damit einen wichtigen nordamerikanischen Knotenpunkt in der Begriffsgeschichte der Postmoderne, und zwar noch vor Lyotard, ohne französische Theorie, und klar literaturkritisch. Der Diskurs um Irving Howe und Harry Levin ist deshalb so aufschlussreich, weil er die Postmoderne als Problem, nicht als Programm verhandelt.

Bei Irving Howe ist der Ton kritisch und eher kulturpessimistisch. Er beobachtet eine Erschöpfung der Hochmoderne, diagnostiziert einen Verlust an Tiefe, moralischem Ernst und historischer Erfahrung. Während bei Dostojewski politische Ideen existenziell sind und Themen wie Schuld, Freiheit und Verantwortung ernst verhandelt werden, kritisiert er bei Émile Zola, dass dessen Sozialkritik in Determinismus kippt (wie bei den meisten französischen Naturalisten die ihre Romane als Form der experimentellen wissenschaftlichen Versuchsanordnung sahen und dem Positivismus huldigten). Dostojewski ist dagegen karnevalesk und seine spieltheoretischen Ausflüge (Parabel von Großinquisitor aus Brüder Karamasow) wären unter heutiger Lesart sogar postmodern.

Der politische Roman muss, wenn er als Literatur bestehen will, der Versuchung widerstehen, Ideen in Parolen zu verwandeln.

 

Darin gilt ihm George Orwell als positives Beispiel, weil moralische Klarheit nicht auf Kosten literarischer Komplexität geht. Das ist etwas, das er bei T.S. Eliot kritisiert, dessen große formale Leistung in kulturelle Elitisierung entgleist. Gegenüber Kafka ist er ambivalent, da hier die Entfremdung nicht ästhetisch, sondern tief existenziell und sozial erfahrbar wird. Irving Howe war insofern kein Antimodernist, sondern ein Kritiker der erstarrten Moderne. Dem Autor Philip Roth wirft er Ironie ohne Tiefe vor, Provokation ohne kulturelle Verantwortung und einen Verlust des sozialen Gedächtnisses. Howes harsche Reaktion auf Portnoy’s Beschwerden (1969) wurde berühmt, dies sei – so Irving Howe – eine Literatur der Selbstentblößung, die ihre Herkunft verspottet, ohne sie verstanden zu haben.

Weiter kritisierte Howe, dass Ironie und Fragmentierung (einst ja Ideen der Romantik) konventionell geworden seien und die Literatur ihren Bezug zur sozialen Wirklichkeit verloren habe. Darin ähnelt seine Kritik erstaunlich der des lateinamerikanischen Literaturwissenschaftlers Federico de Onís. Er ist damit aber auch nahe an Lukács und Adorno. Howe bleibt skeptisch gegenüber bloßer Forminnovation.

 

Harry Levin geht weniger normativ und deutlich analytischer an die Sache heran. Levin fragt sich, was war denn eigentlich Moderne, jetzt, da sie vorbei ist? In dieser Frage setzt er natürlich implizit eine Postmoderne voraus, aber Levin bleibt hier skeptisch. Die Moderne ist für ihn eine spezifische historische Formation, an Urbanisierung und Technik gebunden, die damit eine Krise des Subjekts auslöste. Die Moderne sieht Levin als abgeschlossen und damit periodisiert er, statt einen Verfall zu diagnostizieren.

Modernism has become a tradition, and a tradition cannot remain modern.“ (Die Moderne ist zur Tradition geworden – und eine Tradition kann nicht modern bleiben.)

Der Begriff des Postmodernen bezeichnet hier keinen kulturellen Verfall, sondern die historische Situation nach der Kanonisierung der Moderne. Die Moderne scheitert also nicht, sie erfüllt sich nur historisch und wird damit überholt.

Irving Howe sagte dagegen “When the modern becomes routine, it loses its power to challenge experience.” (In dem Moment, in dem das Moderne zur Routine wird, verliert es seine Kraft, Erfahrung herauszufordern.)

Damit wird klar, dass bei Irving Howe die Postmoderne ein Problem darstellt. Literatur beruhigt, statt zu irritieren. Die formalen Mittel werden zur Simulation, zur bloßen Wiederholung und die Erfahrung als existenzielles Krisenwesen wird ästhetisch abgefedert. “The shock of the new survives only as long as it can still wound.” (Der Schock des Neuen überlebt nur so lange, wie er noch verwunden kann.)

Levin akzeptiert diesen Schock, den Howe betrauert.

 

Dieser Nachkriegsdiskurs zeigt vor allem, dass der Begriff Postmoderne zunächst ein Verlegenheitsbegriff war, der eine Epoche zu definieren versuchte in Abgrenzung zu der nicht mehr tragfähigen Moderne. Es gab hier noch kein neues Paradigma, wie es letztlich durch Jean François Lyotards Philosophie entsteht. Das Entscheidende an diesem Diskurs, der Ende der 1950er Jahre Fahrt aufnahm ist, dass die Postmoderne nicht mit Relativismus-Diskursen begann, sondern mit der Trauer um verlorene Maßstäbe. Dies lässt sich von Rudolf Pannwitz über Arnold Toynbee bis zu Irving Howe feststellen. Es ist eine gewisse Trauerarbeit zu leisten, die im Grund schon in der Moderne selbst begann. Robert Musil hat es in seiner unübertroffenen ironischen Melancholie so formuliert: „Man liegt nicht mehr unter einem Baum und guckt zwischen der großen und der zweiten Zehe hindurch in den Himmel .....man schafft ... man muß Beefsteak essen und sich rühren …“

Aus dieser Trauerarbeit resultiert, dass spätere Theorien zur Postmoderne defensiv oder ironisch sind. Sie reagieren auf einen Verlust und dieser wurde bereits in der Moderne selbst erkannt und später in sich selbst zum Problem.

 

 

Wird fortgesetzt

 

 

 

 

 

7. Beitrag vom 15. April 2026

 

 

Postmoderne Literatur (Teil I)

 

Legende:

Postmoderne Literatur – und das ist gewiss ein Dilemma – ist eine Literatur, von der man behauptet, sie sei eine postmoderne Literatur. Zu den Literaturen zählen Romane von Flan O’Brian, Paul Auster, David Foster Wallace, Umberto Eco oder Thomas Pynchon, aber auch Romane von Christian Ransmayr, Christian Kracht oder Günter Grass. Die Moderne beinhaltet einen Ausdruck der Krisenbewältigung, der dem Einzelnen nach einer Werteerschütterung neue Perspektiven, neue Werte bietet, ein Versprechen äußert, um wieder einen neuen Halt in der Welt zu finden. Die Postmoderne liefert dieses Versprechen nicht. So lässt sich die Postmoderne nur ex negativo zur Moderne definieren als Absage an die Vernunft und den Verlust traditioneller Bindungen.

 

Einleitung

Der Name „Postmoderne“ sagt es schon aus. Es handelt sich um einen Epochenbegriff, etwas, das nach (post) der Moderne kam. Doch gerade der Philosoph, der den Begriff Postmoderne nachhaltig prägte, verweigerte sich der Definition als Epochenbegriff und tatsächlich hat man sich vielfach im Sinne der Vorlage von Jean-Francois Lyotard geeinigt. In der Zeitschrift Kunstforum hieß es unter dem Leitwort „Postmoderne – Quo Vadis?“:

Die ästhetische Wissenschaft heute betrachtet die Postmoderne nicht mehr als einheitliche Epoche, sondern als ein Spektrum von Strömungen, die durch radikale Pluralität, Dekonstruktion von Ganzheitsansprüchen und Aufhebung von Kulturhierarchien (Hochkultur vs. Populärkultur) gekennzeichnet sind, wobei Denker wie Lyotard und Derrida eine wichtige Rolle spielen, während Kritiker die Postmoderne oft mit Irrationalismus und Beliebigkeit verbinden, was zu anhaltenden Debatten über Objektivität und Sinn führt.

Dabei würde sich Jacques Derrida selbst nicht als postmodern betrachten. Er lehnte den Begriff als Zeitgeisterscheinung ab und wollte sich nicht auf das Dogma der radikalen Pluralität (Wolfgang Welsch) reduzieren lassen. Seine Methode des Dekonstruktivismus war eine Sprachtheorie und darauf wollte er es bewenden lassen. Schon hier zeigt sich die Schwierigkeit des Begriffs, der sich von der Moderne ableitet. Aber die Moderne ist ein noch weniger einheitlicher Begriff. Moderne, Modernismus (modernissmo in Lateinamerika), Modernität, Neuzeit, Avantgarde, klassische Moderne, Pariser Moderne, Wiener Moderne. Man ist schnell recht verwirrt über die Begriffsvielfalt. Auch das zeitliche Adverb „nach“ (post) wird immer wieder draufgesetzt. Da gibt es den Poststrukturalismus, der den Strukturalismus ablöste, die Posthistoire, postindustrielle Gesellschaft (Frederic Jameson zur Logik des Spätkapitalismus) Postkolonialismus (Edward Said), heutzutage sogar postfaktisch, post-truth. Wir befinden uns nach diesen Befunden jenseits von Systemen, jenseits von Geschichte als einheitliches Konstrukt, jenseits von nationalen oder imperialen Konstrukten und sogar jenseits aller Wahrheit. Wir sind eine spätkapitalistische, globalisierte (Jameson) Gesellschaft, aber zugleich partikular. Das heißt, wir leben in der Spaltung und zugleich in der Totalen. Anything goes. Wenn alles möglich ist, ist zugleich nichts mehr möglich.

Was aber ist nun unter Postmodernismus zu verstehen? Der Legende nach lässt sie sich nur ex negativo verstehen in Abgrenzung zur Moderne. Aber die Moderne ist ein noch viel unbestimmterer Begriff, als die Postmoderne. Und in der Moderne gibt es gerade die Kritik an der Moderne, aus der sich auch die Postmoderne speist.

Beginnen wir der Reihe nach, um Verwirrung zu vermeiden – wenn es nicht schon zu spät ist. Seit den 1970ern ist er dauerhaft als Begriff etabliert und sein Exerzierfeld war seit den 1970ern überraschenderweise die Architektur. Zahlreiche Bauten der Postmoderne beziehen sich auf den großen Kassensaal von Otto Wagners Wiener Postsparkassenamt 1906. Ein Teilnehmer in einer Architekturversammlung meinte launig, man habe jetzt die Herleitung des Begriffs Postmoderne gefunden, der sich auf die Moderne dieser Post beziehe.

Tatsächlich lehnten viele die Funktionalität der Moderne ab, empfanden sie als trocken und seelenlos. Daher war in der Architektur das Ornament wieder angesagt, das spielerische Zitat, die Ironie, eben die Postmoderne.

Genealogie eines Begriffs

1870

Zum ersten Mal wurde der Begriff Postmodern im Jahr 1870 erwähnt. Der englische Genremaler John Watkins Chapman schlug einen Malstil vor, der moderner sein sollte, als der französische Impressionismus und nannte diesen Malstil postmodern. Der Begriff war in der Welt, auch wenn es sich dabei nur um eine Episode handelte und die heutigen Quellen fast ausnahmslos auf den Philosophen Wolfgang Welsch zurückgreifen. Über den Maler Chapman ist wenig bekannt. Er hat keinen Wikipedia-Eintrag und taucht 80mal bei Versteigerungen auf. Er lebte immer in London. Postmodern mag also so früh aufgetaucht sein und Chapman sein Wortschöpfer. Modern ist ein weit verbreitetes Adjektiv, das sich vom Substantiv Mode ableitet und das bedeutet zunächst ja nur „zeitgemäß“, nach der neuesten Mode, sich modisch kleiden, es ist neuerdings modisch geworden dass… und so weiter. Man ist auch moderat, also gemäßigt, als Moderator hat man eigentlich keine Meinung, sondern kommuniziert die Meinungen der Streithälse. Die Mode ist die Mitte, das wäre dann schon wieder das Medium. Mode und Medium stammen von dem lateinischen Wort „modus“ ab, das Maß bedeutet, oder auch Art. Die lateinische Präposition „post“ bedeutet einfach nach oder hinter, sowohl zeitlich als auch räumlich. Nebenbei, das deutsche Wort für Post leitet sich von den Pferdestationen in Rom ab, den mutationes positae (Wechselstationen), hier ist die Post von ponere für festgesetzt abgeleitet. Modus und ponere kennen wir aus der Logik. Der Modus ponendo ponens, die Art der Festlegung. Wenn A gilt, dann folgt B. Dazu muss A wahr sein. Berühmt ist das Beispiel „Wenn es regnet, wird die Straße nass“. Voraussetzung für diese Folgerung (Festlegung) ist der Satz „es regnet“. Das muss wahr sein. Denn es könnte ja jemand Blumen gegossen haben oder die Feuerwehr war im Einsatz, oder die Straßenreinigung.

Gut also postmodern wäre in dem Sinne etwas ganz anderes, als Chapman vermutlich meinte. Er – bzw. der ihn zitierende Wolfgang Welsch – bezog sich auf die Präposition post. Daher war hier der Epochenbegriff inklusive, denn auf die französischen Impressionisten sollte etwas noch moderneres folgen, also danach kommen, die Postmoderne Malerei. 

1917

Sehr viel konturierter wurde der Begriff von Rudolf Pannwitz verwendet. Der 1881 in Crossen (heute Polen) geborene Philosoph verwendete den Begriff in seinem 1917 veröffentlichten Text Die Krisis der europäischen Kultur.

Pannwitz beschrieb den kommenden Menschen so: der sportlich gestählte nationalistisch bewusste militärisch erzogene religiös erregte postmoderne Mensch ist ein überkrustetes weichtier ein juste-milieu von décadent und barbar davon geschwommen aus dem gebärerischen strudel der groszen décadence der radikalen revolution des europäischen nihilismus.

Das ist eine Reprise an Nietzsche. Nihilismus und Dekadenz sind nietzscheanische Leitbegriffe und der Übermensch ist der von Pannwitz geforderte postmoderne Mensch. Da der Text im original ohne Kommata und komplett klein geschrieben ist, wird man nicht hundertprozentig aus dem obigen Zitat schlau. Im Kontext gelesen liefert Pannwitz eine negative Zeitdiagnose. Es hilft nichts, alle Mühen scheitern, wenn wir uns nicht vollständig erneuern. Dieser neue Typus Mensch wird dann zum „Vollender des Kosmos“, eine Überwindung des Nihilismus und der Dekadenz des modernen Menschen durch den Übermenschen, der durch die negative Postmoderne entsteht. Postmoderne wird zum Pejorativ, zu einer Diagnose der Zeit aber auch und vielleicht vor allem zu einem negativen Initial. Es reicht! Schluss mit diesem Weichtier der Dekadenz und Barbarei und dem Nihilismus. All diese Formen der Moderne sind als Krisenerscheinung eben postmodern und überholt. Erlösung von den Gebrechen und Wirrungen der Moderne durch die Affirmation des Lebens als nietzscheanischer Übermensch.

Originell war das aber auch nicht, eher – so Wolfgang Welsch – nahe am Nietzsche-Kitsch.

1934

Keine zwei Jahrzehnte später – 1934 – verwendete der 1885 in Salamanca geborene und später in Puerto Rico lehrende Literaturwissenschaftler Federico de Onís den Begriff im Sinne einer Stilkorrektur. In seinem Werk Antología de la poesía española e hispanoamericana aus dem Jahr 1934 taucht der Begriff der Postmoderne auf als Gegenbegriff zur Moderne, der Modernismo zwischen 1890 und 1915. Federico de Onís stellt sich gegen die Literatur des Moderismo eines Rubén Darío (1867 in Nicaragua geboren, starb 1916) oder den Kubaner José Martí. Die Richtung des Modernismo war geprägt von extremer Musikalität, formaler Virtuosität, symbolistisch und exotisch. Der Ästhetizismus erinnert an Stefan George und seinen Kreisen. Federico de Onís kritisierte die übersteigerte Form und rhetorische Opulenz dieser Lyrik und diagnostizierte eine Entfernung von Alltag und Realität, sowie eine überzogene Selbstbezüglichkeit. Sein Schlagwort „Rückkehr zu den Formen“ meinte keine Rückbesinnung auf den Klassizismus oder starre Regelpoetik, nicht vorkritische Traditionen sollten wieder aufgegriffen werden. Es ging de Onís nicht um Regression, sondern um eine formale Askese. Es sollten kürzere Gedichte, einfachere Strophen und überschaubare Rhythmen gewählt werden. Die Form galt de Onís als Maß, um ornamentale Überladung zu vermeiden. Die Gedichte sollten verständlich sein, wieder ihren Anschluss an den Leser finden und nicht mehr so hermetisch auftreten. Form als Struktur, die Bedeutung trägt und nicht verdeckt. Tatsächlich forderte de Onís eine Rückkehr zu den überlieferten Gattungen (Sonnett, Lied, Romanze, einfache Erzählformen), aber bewusst und reflektiert. Was waren Forderungen, die mehr an die klassische Moderne oder die neue Sachlichkeit erinnerten. Mit unserem heutigen Verständnis von Postmoderne hat das wenig bis gar nichts zu schaffen. Erfahrung sollte – so de Onís – normativ bleiben und nicht alles Spiel oder Zitat. Heutige Klischee-Vorstellungen erinnern genau an das Gegenteil, der Postmoderne ist alles ein Spiel und mit Zitaten ornamentiert, je virtuoser desto schöner, wird voller Ironie der Leser an der Nase herumgeführt. Die alltäglichen Sorgen, die Intimitäten des Menschen, seine Melancholie und sein menschliches Maß gehen so verloren. De Onís sucht Form gegen Entgrenzung, nicht Differenz gegen Totalität.

Federico de Onís hat insofern einen ganz anderen Inhalt in den Begriff der Postmoderne gelegt, als es später der französische Philosoph Lyotard machte. Lyotard war skeptisch gegenüber jedem Ordnungsbegriff, hielt der Verständlichkeit die Fragmentierung entgegen, dem Maß die Ironie, der Erfahrung das Spiel mit den Zeichen und der von de Onís geforderten Korrektur kontert Lyotard seiner Legitimationskritik. Ich werde später ausführlich darauf zurückkommen und die Entwicklungen vergleichen.

 

 

Wird fortgesetzt

 

 

6. Beitrag vom 30. März 2026

 

 

Staffel 34

 

1*
Was ich erlebt habe in der Liebe ist das Ganze. Um aber das Ganze haben zu können, muss man es sein. Das aber erfordert, dass ich nicht mehr ich selbst sein kann. Dieser Preis war mir immer zu hoch.

2*
Ich sehe die anderen zappeln und denke mir: Nein, so erbärmlich will ich nicht sein. Aber um das nicht zu sein, also selbst nicht genau so zu zappeln wie der Rest der Menschheit, gibt es nur eine einzige Option: Nicht sein.

3*
Der Natur bin ich völlig gleichgültig. Aber die Natur weiß nicht einmal, dass ich davon weiß, wie gleichgültig ich ihr bin.

4*
Sagen wir mal so. Ich bin viel besser, als die meisten. Der Unterschied ist leider, dass ich nicht privilegiert bin. Nie war.

5*
Mir geht es im Endspurt ja nur noch darum, ein Statement zu geben und wahrgenommen zu werden. Dabei ist meine Kulturanalyse schrecklich. Alles nur Bullshit und Pseudodenken.

6*
Immerhin war ich auch in diesem Jahr produktiv. Ich bin es gegen alle ökonomischen Warnungen.

7*
Lucia ist nicht gestorben, als die Römer sie mit Öl übergossen und anzündeten. Erst als der Pfarrer ihr eine Hostie gab, starb sie. Das Gnadenbrot.

8*
Wenn das Leben wirklich Gottes Wille ist, dann hat er einen eher schwachen Willen. Das Universum ist zum größten Teil tot.

9*
Also. Mein Leben ist Teil einer Programmierung in einer von Zufällen bestimmten Welt. Das ist absurd. Durch meine DNA wurde ich programmiert und kann nicht aus dieser Haut. Die komplexe Welt ist Chaos und von Zufällen bestimmt. Innerhalb dieser Welt kann ich ein Star werden, oder ein Verlierer. Oder ein Verbrecher, oder ein Heiliger. Wo liegt noch der eigene Verdienst? Nur noch in den Nuancen. In den ganz feinen Unterschieden. Also im Bewusstsein, das ohne Konsequenz im Leben, das Leben reflektiert.

10*
Besser ist es, wenn man einfach macht. Seinen Job macht und nicht drüber nachdenkt, was man da macht. So geht es allen. Fast allen. Es gibt ein paar, deren Job ist, drüber nachzudenken. Aber sie denken dabei nicht über ihren Job nach, sondern über die Jobs der anderen. Diese bezahlten Reflektoren sind nur ein Fake, weil sie sich – wie alle anderen – in ihrem Job selbst vergessen.

11*
Es ist wie bei den politischen Parteien. Inhaltlich sind sie alle längst austauschbar. Es kommt nur noch darauf an, über welche Ressourcen die einzelnen Mitglieder verfügen und im Ganzen der Partei zur Verfügung stellen. So kann jeder Kanzler werden, solange er diese Ressourcen zu bündeln versteht. Wahlen sind nur ein weiterer Fake.

12*
Die einfachste Definition von Kapitalismus: Er bringt die Menschen dazu, Dinge zu tun, die sie nicht tun wollen, nur um Geld zu verdienen. Diese Form der materiellen Disziplinierung zivilisiert uns alle. Und die Zahl derer, die davon die Schnauze voll haben, wächst. Wir nähern uns der Anarchie.

13*
Heute Nacht lag ich wach und dachte, so fing es an. Wir Schwingfüßler von Ast zu Ast geflogen, landeten auf der Nase als das große Baumsterben kam. Wir wachten in der Steppe auf und fingen an, auf zwei Beinchen zu laufen. Wir waren die einzigen Tiere, die das machten. Wir guckten uns um und dachten! Wow, ich kann alles um mich herum sehen! Siehst du da hinten! Eine Herde Gazellen, unser Frühstück. Oje, rief der andere Exschwingfüßler. Da ist ein Löwe und wir sind sein Frühstück! Vermutlich wirkt der Mensch seit jener Zeit so gehetzt, weil er zwei Formen des Frühstücks kennt. Oder wie es John Locke ausdrückte: Leben heißt rennen, stehen bleiben heißt sterben.

14*
Ich schreibe Gedanken auf, die ich dann anschließend selbst nicht mehr verstehe. Meine Leistungsfähigkeit ist begrenzt und ich kann mich vielleicht an guten Tagen in eine Höhe bringen, weil ich dazu viel gelesen habe. Aber das habe ich nicht immer parat. Und ich komme vielleicht nie wieder in diese Höhen. Eine KI ist da weitestgehend unbegrenzt.

15*
Als second hand dealer in ideas (so nannte Friedrich von Hajek die Intellektuellen) stelle ich meine eigenen Ideen und Gedanken immer hinten an. Erst kommen die andern, dann ich. Das ist ein Problem.

16*
Neulich erzählte ich in einem Kurs einen Scherz, um das so genannte Oxymoron darzustellen. Das bittersüße im stillen Schrei ist schließlich ein offenes Geheimnis. Gut soweit. Das sagt noch nicht viel aus über die Wirkmächtigkeit dieser seltsamen rhetorischen Figur, die immerhin aus oxys für scharf und moros für stumpf zusammen gesetzt ist. Ich erzählte also folgenden Witz:

Der Lehrer stellt in der Klasse der Primaner folgende Frage: „Wie viel Haare hat ein Pferd?“ Dann fügt er noch hinzu: „Wer mir diese Frage beantworten kann, braucht keine andere mehr zu beantworten.“
Sofort meldet sich der kleine Moritz und sagt: „2 Millionen 189657 Haare.“
Erstaunt fragt der Lehrer:

Woher weißt du das?“

Der Junge antwortet: „Sie haben gesagt, ich brauch auf keine andere Frage mehr zu antworten.“

Es gab ein paar Lacher, ein wenig Schmunzeln und weiter ging mein Vortrag. Doch zwei Tage später erhielt ich eine Email von einer Teilnehmerin. „Lieber Herr, Sie haben neulich ein so herrlichen Witz vom Pferd erzählt, leider habe ich die Zahl dabei vergessen, würden Sie mir diese noch mal mitteilen.“

17*
Es gibt in den vielen Meinungen eine breit gestreute Form der Unwissenheit. Das macht Aufklärung so schwer, weil jeder seiner eigenen Unwissenheit folgt.

18*
Schelling sagt am Ende in seiner Philosophie der Offenbarung, dass das Subjekt in seiner Dynamik als Sein könnendes affirmativ negativ ist, indem es sich entscheidet. Daher ist die eine unvordenkliche Entscheidung von Nicht-Sein zu Sein nicht notwendig, sondern die einzige Tat der Freiheit. Wenn ich sterbe ist das einfach nur ein weiterer Akt meines Sein Könnens.

19*
Der Staat hat Probleme bei der Steuer-Eintreibung. Das war in Frankreich Vorbedingung für eine Revolution. Der Staat zentralisierte sich und die Elite scharte sich um den König. Die britische Aktivistengruppe Oxfam hat 2015 einen Bericht herausgegeben, in dem dargelegt wird, dass die reichsten Personen und Unternehmen weltweit 21 Billionen US-Dollar in einem globalen Netzwerk aus Steueroasen vor den Finanzbehörden der jeweiligen Staaten verstecken. In Deutschland wurde jüngst das Grundgesetz geändert. Ab jetzt werden die Steuerdaten in Berlin zentralisiert und die Länder geschwächt. Der Föderalismus wird zugunsten der Steuer-einnahmen aufgegeben.

20*
Wenn man sich vorstellt, dass der Mensch einer Turnübung die mit einem Grunzen abschließt entstammt, oft aus einem unachtsamen Moment zur Frucht des Leibes geworden, wenn man dann bedenkt, dass dieser unachtsame Moment jahrzehntelanges morbides (weil von Beginn an dem Tode geweiht) Gezappel hervorruft, dann kann man die Antinatalisten natürlich verstehen. Die Lust ist ein Betrug, illusionär und als Wollust eine Katastrophe, die weiteren Betrug hervorruft (Sex sells).

21*
Ein Prozent der Weltbevölkerung verfügt über 40 Prozent des Weltvermögens. 2000 Milliardäre bestimmen die politischen Verläufe wie zum Beispiel die Koch-Brothers von Koch-Industries in den USA, die zusammen 120 Milliarden US-Dollar Vermögen haben. Sie bestimmen, wer Präsident wird und das ohne demokratische Absprache. Wir befinden uns längst im globalen Ausmaß in einer neorömischen Epoche in der super reiche Privatleute den Lauf der Dinge bestimmen.

22*
Der erste Tyrannenmord geschah im Jahr 514 v. Chr. Harmodios und Aristogeiton verübten ein Attentat auf die Tyrannen-Brüder Hippias und Hipparchos. Hipparchos kam dabei zu Tode. Hippias überlebte das Attentat und folterte Harmodios und Aristogeiton zu Tode. Der Anschlag gilt dennoch als Geburtsstunde der Demokratie in Athen, weil anschließend Kleisthenes von den Spartanern in Athen als Statthalter eingesetzt wurde, und dieser führte demokratische Reformen ein.. Harmodios und Aristogeiton waren keine Athener, sie gehörten eingewanderten Stämmen an. Die Brüder Hippias und Hipparchos konnten nur durch freundliche Unterstützung der mit Athen verfeindeten Spartaner gekillt werden.

23*
In unserer Verfassung steht in Artikel 20 GG dass gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung (Gesetzgebung ist an die Verfassung gebunden A. d. A.) zu beseitigen, alle Deutschen das Recht zum Widerstand haben, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist. Dieser Absatz zeigt, dass Ausländer in Deutschland kein Widerstandsrecht haben. Der Absatz wurde ziemlich genau vor 51 Jahren dem Grundgesetz hinzugefügt. Carlo Schmid – der Autor unseres Grundgesetzes – lehnte diese „Aufforderung zum Landfriedensbruch“ noch ab. Es ist völlig strittig wann dieses Abwehrrecht rechtlich gültig wird. Viele Rassisten heutiger Tage halten sich ernsthaft für Widerstandskämpfer und berufen sich auf ihr Widerstandsrecht. Aber schon Immanuel Kant misstraute dem Widerstandsrecht: es könne leicht zum Vorwand Einzelner werden, um sich gegen den Staat zu stellen.

24*
Nun hat der Homo Sapiens viele Tausend Jahre keine Probleme gemacht. Es gab genug Säbelzahntiger und die Waffentechnologie dieser Spezies  steckte noch in den Kinderschuhen. Die Beherrschung des Feuers und die Erfindung des Rades veränderten dann alles. Der erste vom Homo Sapiens selbst erzeugte Funke sprang vor 32.000 Jahren aus Schwefelkies und Feuerstein auf einen Zunderschwamm. Und vor 6.000 Jahren kamen die Sumerer in Vorderasien auf den rollenden Gedanken. Und mit dem rollenden Gedanken wurde auch zum ersten Mal eine Steuer erhoben. Also: Fast 300.000 Jahre ging alles gut mit dem Trockennasenprimaten. Und dann das! Unsere Erde steht kurz vor der Auslöschung durch eine inzwischen zum Parasiten mutierten Spezies. Und die Anführer dieser Parasiten erheben eine Steuer! Möge der Fiskus den Regenwald schützen. Möge der Fiskus den Anstieg des Meeresspiegels zügeln. Möge der Fiskus verhindern, dass der Permafrost sich auflöst. Möge dem Fiskus gelingen, dass sich das Ozonloch wieder schließt.

25*
Der Diktator verbietet einfach allen Menschen das Auto fahren und lässt die Autofabriken schließen, bzw. etwas anderes produzieren. Um das durchzusetzen übt der Diktator Zwang aus. Das geht. Das hatten wir schon oft. Dann geht es auch voran. So aber treffen sich in der Demokratie eine Gruppe schon sehr, sehr müder Menschen, Schlafringe unter den Augen, fahle Koffein- und Nikotin gefärbte Gesichtshaut. Sie diskutieren schon die fünfte Nacht, um zu einer Einigung zu kommen. Mühsam, schleppend und endlich am Morgen der fünften Nacht schütteln sich alle erschöpft die Hände. Der nach einigem hin und her gewählte Vertreter der Sache tritt vor die Presse und verkündet stolz das Verhandlungsergebnis. Und der Journalist? Entsetzen im Blick, ob des lächerlichen Ergebnisses der langen Verhandlungen. Mutlos und erschöpft klagt der Politiker: „Ja was haben Sie denn erwartet?“ Aber Presse und Volk schreien entsetzt und wütend: „Auf jeden Fall nicht das!“

Ja aber was habt ihr denn erwartet ihr Trottel!

26*
Kapitalismus ist eine Massenpsychose.

27*
Der Psychologe Alex Bavelas (*1920) montierte einmal eine Metallbox in den Boden eines Pferdestalls. Wenn das Pferd mit dem Huf darauf stieg, bekam es einen Elektroschock. Wenige Sekunden davor läutete Bavelas ein Glöckchen. Bald erkannte das Pferd einen Zusammenhang mit der Glocke und dem Schmerz. Es hob die Hufe und vermied so den Schmerz. Bavelas montierte die Metallbox wieder ab. Aber das Pferd glaubte weiterhin, es könne durch Heben des Hufes den Schmerz vermeiden. Geben Sie Ihrem Hund jedes Mal, wenn er zum Fressnapf will, einen Stromschlag. Nur dann nicht, wenn Sie zuvor ein Glöckchen klingeln ließen. Der Hund wird schnell begreifen, dass nur dann Essenszeit ist, wenn die Glocke läutet. Anschließend werfen Sie die Glocke weg. Der Hund wird verhungern. Die ursprüngliche Lösung des Problems wurde für den Hund zum Teil des Problems. Ganz genau so ist es bei Menschen mit der Arbeit. Bestrafen Sie einen Menschen immer dann, wenn er ein Produkt herstellt. Nur dann nicht, wenn er für Ihr Unternehmen seine Arbeitskraft vergeudet. Die Lösung des Problems ist längst Teil des Problems geworden.

28*
Die gesamte Ökonomie des Menschen auf diesem Planeten ist nicht kontingent mit der Wirklichkeit. Jeder Angestellte lebt in einem neurotischen Verhältnis zu seinem Arbeitgeber. Der Angestellte glaubt, er würde für seine Leistung bezahlt. Nein. Er wird nur dafür bezahlt, dass er seine Leistung für dieses eine Unternehmen erbringt. Und so kann die Bezahlung ganz unabhängig von der erbrachten Leistung sein, denn die Wirklichkeit des Angestellten korrespondiert nicht mit der Wirklichkeit seiner erbrachten Leistung. Diese Arbeitskonditionierung ist global.

29*
Man sollte sich abgewöhnen zu glauben, man würde einen Nazi schon erkennen. Nein. Die Zeiten, als sie braune Uniformen trugen sind vorbei. Sie sehen heute genauso aus wie wir.

30*
Die großen Volksparteien sind verbraucht. Die populistischen Parteien zerstören sich gerade selbst. Wenn aber niemand mehr wählbar ist, gibt es auch keine Demokratie mehr.


ENDE

 

 

 

 


5. Beitrag vom 15. März 2026

 

 

Biologischer Rausch und digitale Ratio

 

 

 

Wer heute über Wein schreibt, spricht meist von Genuss oder Abgrund; wer über die Künstliche Intelligenz schreibt, von Effizienz oder Ersetzung. Doch dazwischen liegt ein unbesetzter Raum, der so alt ist wie die europäische Literatur selbst. Schon die alten Griechen wussten, dass der pure Rausch (ákratos) den Geist blendet, während die bloße Nüchternheit ihn austrocknet. Sie erfanden den Krater – das Mischgefäß, in dem der dionysische Wein durch das apollinische Wasser gebändigt wurde. In einer Gegenwart, die den öffentlichen Rausch hinter einer Fassade aus Selbstoptimierung versteckt und die Literatur durch eine neue, unsichtbare Regelpoetik glättet, wird die KI zu unserem neuen Mischgefäß. Dieses Essay untersucht die paradoxe Symbiose zwischen der unberechenbaren Tiefe des biologischen Rausches und der kühlen Präzision der digitalen Ratio.

 

Die Wissenschaft bestätigt inzwischen, dass die Wirkung von Alkohol nicht allein von der Gramm-Zahl des konsumierten reinen Alkohols abhängt. Vielmehr werden wir physiologisch wie psychologisch von den diversen Alkoholarten beeinflusst. Wein und Bier haben bei gleicher Alkoholmenge (nach Gramm) unterschiedliche Wirkungen. So ist die Resorptionsgeschwindigkeit von Wein schneller, als die von Bier. Der so genannte Flash wird bei Wein nach 54 Minuten erreicht, bei Bier erst nach 62 Minuten, Schnaps flasht schon nach zehn Minuten (siehe Mack Mitchell at the University of Texas Southwestern Medical Centre). Das heißt, dass Wein schneller zu Kopf steigt, als Bier. Auch in verdünnter Form trifft das zu, denn die Bioverfügbarkeit von Ethanol ist im Bier geringer als im Wein. Alkoholische Getränke enthalten neben Ethanol so genannte Kongenare, das sind Nebenprodukte der Gärung. So hat zum Beispiel Rotwein einen deutlich höheren Gehalt an Fuselölen und Gerbstoffen (Polyphenolen) als Bier, und diese Stoffe können die Wirkung dann schwerer machen und den Abbau von Alkohol im Körper beeinflussen. Bier dagegen enthält Hopfenbitterstoffe, die eine beruhigende, ja sedierende Wirkung ausüben. Das Gefühl der Berauschung ist daher im Vergleich zum Wein weicher. Das mag auch daran liegen, dass Rotwein einen höheren Säuregehalt als Bier hat und so die Magenschleimhaut stärker durchblutet und die Aufnahme von Alkohol dadurch beschleunigt, während Bier die Aufnahme des Ethanols durch komplexe Kohlehydrate verzögert. Das passt gut dazu, dass – dazu später genauer – Schriftsteller wie Hemingway oder Faulkner ihren exzessiven Alkoholmissbrauch durch protein- und fettreiche Nahrung pufferten, weil das die Magenschleimhaut schützt.


Nach einer PMC-Studie (PubMed Central) erwarteten die Teilnehmer bei Wein eine entspannende Wirkung, während Bier mit Geselligkeit assoziiert wurde. Diese Erwartungshaltung – Placebo-Effekt – steuert dann unser Empfinden. So zeigt sich, dass rein physiologisch Wein oft spitzer bzw. schneller wirkt und Bier durch Hopfen und Malzzucker eine trägere, als gemütlich empfundene Wirkung entfaltet.

 

Die alten Griechen haben den Wein immer verdünnt. Es galt bei den Griechen als barbarisch, den Wein pur (ákratos) zu trinken. Wer das Tat, galt als maßlos oder dem Wahnsinn nah. Klassisch für lange Gespräche war es, ein Teil Wein auf drei Teile Wasser zu verteilen. Bei festlichen Anlässe kam ein Teil Wein auf zwei Teile und bei rituellen und spirituellen Anlässen mischte man im Verhältnis 5 zu 3, also mehr Wein als Wasser. Doch das galt schon als riskant und es war den dionysischen Festen geschuldet, die ohnehin dem Wahnsinn sehr nahe standen.

In den Symposions (Trinkgelagen nach olympischen Spielen, wie im Gastmahl von Platon geschildert) war es nicht das Ziel betrunken zu werden, sondern durch starkes Verdünnen den Alkoholpegel so lange als möglich niedrig zu halten, um die geistige Schärfe zu erhalten, die Eloquenz und Diskussionsfähigkeit ermöglichten, ohne die Kontrolle zu verlieren. Nebenbei sorgte der Wein dafür, dass die oft mit Keimen verseuchten Wasserquellen desinfiziert wurden durch den Alkohol. Im Grunde trank man weinhaltiges Wasser. Auch war dieser Wein wohl anders, als den, den wir so kennen. Es war eine sirupartige Substanz mit einem sehr hohen Alkoholgehalt, der sich durch die lange Gärung und die späte Lese ergab. Vermutlich war dieser Wein unverdünnt gar nicht zu genießen. Daher wurden auch Honig, Harz und Meerwasser dazu gemischt.

 

Der dionysische Rausch wurde oft mit der Lyrik assoziiert, als Produkte eines plötzlichen Einfalls, eines intensiven, kurzen und emotionalen Zustands. Der Wein stand und steht (vor allem der Rotwein) symbolisch für Inspiration und Ekstase, für den geistigen Flug. Dionysos war der Gott des Weins und wir kennen gerade Nietzsches Ausführungen darüber in seiner Geburt der Tragödie in der er den Rausch als einen der Grundpfeiler der antiken Philosophie darstellte und in Gegensatz stellte zur apollinischen Form. Sokrates war für ihn der theoretische Mensch, der die Vernunft in einen Gegensatz stellte und so Wissenschaft und Kunst voneinander trennte. Ein folgenschwerer Schritt, der auch mit dem Rausch zu tun hat. Denn Wein kann die Hemmschwelle für abstrakte Metaphern senken, ohne den Geist sofort zu vernebeln. Diese Schwelle für tiefere Einsichten lässt sich nüchtern nicht erreichen. Bier zählt hier eher zu den apollinischen Getränken. Wobei ich dem Bier seine spirituelle Wirkung nicht absprechen möchte. Es braucht beim Bier aber die Gemeinschaft, um spirituell zu erhellen. Wein kann es allein. Dennoch ist Bier durch seine schleichende Berauschung besser für die Prosa und das Panorama geeignet, als Wein, das die tiefe Metapher sucht. Goethe war ein Weintrinker vor dem Herrn und ein Dichter der Tiefe, während Hemingway oder Bukowski zwar talentierte Trinker waren, aber eben nicht wirklich tief. Sie waren direkter und weniger verstiegen. Das könnte die Vermutung zulassen, dass Hochprozentiges zu schnellen Schlüssen reizt. In der Wende zum Realismus zeigt sich schon das, worauf ich zum Ende raus will. Manche Literaturwissenschaftler argumentieren (oder glauben), dass der Wein die Sprache öffnet (ideal für das Verdichten von Bildern in der Lyrik), während Bier die Welt erträglicher macht, während man sie in epischer Breite beschreibt.Es ist die Verbindung von Arbeit und Gebet, die im mittelalterlichen Denken durch Bier wuchs.

 

Das British Medical Journal hat mehrfach den Alkoholkonsum berühmter Autoren untersucht, dabei aber mehr die Quantität, als die Qualität berücksichtigt. Sie publizierten ihre Ergebnisse dabei in humorvollen Weihnachtsausgaben. James Bond zum Beispiel konsumierte weit über den empfohlenen Grenzwerten Alkohol. Ian Fleming schuf mit Bond einen Spion mit einer schweren Leberzirrhose bzw. chronischer Alkoholabhängigkeit. Die Studien des British Medical Journal hoben hervor, dass das Trinkverhalten der fiktiven Charaktere (und meist auch ihrer Schöpfer) als hohes Risiko einzustufen war, selbst wenn dies in der Literatur oft glorifiziert oder als Zeichen von Männlichkeit bzw. Genialität (in dieser patriarchalischen Welt oft das Gleiche) dargestellt wurde. Die Analysen der BMJ-Studien zeigten, dass auch bei Genies keine schützende Wirkung vorhanden war und widersprachen so der gängigen Vorstellung dass hoher oder regelmäßiger Alkoholkonsum - auch oder vor allem bei Genies – harmlos sei. In den literarischen Darstellungen wurde das meist ausgeblendet. Wir kennen das auch von den immerzu saufenden Nordamerikanern in den Filmen. Seit sie nicht mehr rauchen, saufen sie nur noch.

 

Der Wein als vertikaler Rausch schärft die Wahrnehmung und führt ins Innere, was für die Lyrik ideal ist. Bier ist ein horizontaler Genuss, der die Welt und die Geselligkeit umspannt. Doch ab einem bestimmten Punkt verschwimmen diese Unterschiede. Sobald die kritische Menge an Ethanol im Blut erreicht ist, setzt die unspezifische Dämpfung des Zentralnervensystems ein. Dann dominiert nur noch die narkotische Wirkung des Alkohols und die feinen Nuancen der Begleitstoffe (Hopfen vs. Tannine) spielen keine Rolle mehr. Ernest Hemingway hat diesen Punkt öfter dargestellt. Für ihn war der Übergang vom produktiven Schärfen der Sinne zum reinen Betäuben eine schmale Gratwanderung.

 

In der modernen Psychologie wird dieser „Sweet Spot“ gerne mit der Ballmer Peak Theorie kombiniert (satirische Theorie, die besagt, dass Programmierer ihre beste Leistung erbringen, wenn sie eine bestimmte, geringe Menge an Alkohol konsumieren) Es gibt eine sehr schmale Spanne der Blutalkoholkonzentration in der die kreative Problemlösung ihren Höhepunkt erreicht, bevor die kognitive Leistung steil abfällt. Zuerst entstehen großartige Bilder, doch wenn es kippt verliert man die Fähigkeit zu entscheiden, welche dieser Bilder gut sind und welche nur betrunken glänzen. Texte, Lyrik oder Prosa ist egal, brauchen Struktur. Doch sobald der Alkohol die Exekutivfunktionen des Gehirns im präfrontalen Kortex zu sehr dämpft, zerfließt diese Struktur. Das Gehirn gaukelt einem ab einem gewissen Punkt eine Bedeutungsschwere vor. Doch am nächsten Morgen und bei nüchternem Gegenlesen ist das oft banaler Kitsch.

 

Interessant ist hier die Phase des alkoholischen Abbaus. Von William Faulkner gibt es die Anekdote, dass er ein Wanne voll mit Whiskey mit dem Schöpflöffel ausgetrunken habe bis zur Bewusstlosigkeit. Als er aufwachte, fing er an zu schreiben. Im leichten Entzug befindet sich das zuvor gedämpfte Nervensystem in einem Zustand der Übererregung (Rebound-Effekt). Hier gibt es Unterschiede bei Wein und Bier. Das liegt an den unterschiedlichen Abbauprodukten. Tannine und Phenole sorgen beim Wein für eine fiebrige, geistige Aktivität und für Bilder die mehr fragmentiert sind, aber intensiver wirken und so für mehr Tiefe sorgen. Die Bitterstoffe beim Bier (Lupulon und Humulon) wirken länger nach und prägen eine melancholische Schwere beim Abbau. Man überblickt das Panorama und weniger in den Abgrund.

 

Autoren wie William Faulkner oder Charles Bukowski haben ihre Eskapaden mit hochprozentigen Alkoholika überlebt, weil sie protein- und fettreich gegessen haben und sich ihre Mägen auf den konstanten Reiz mit einer verdickten Schleimhaut reagieren. Sie hatten fast alle eine chronische Gastritis, die sie einfach ignorieren. Hinzu kommt, dass der Konsum oft ein performativer Akt war. Faulkner behauptete, er brauche den Whiskey (Mint Juleps) für die Arbeit, aber seine Manuskripte zeigen oft eine präzise, fast chirurgische Überarbeitung im nüchternen Zustand.

 

In der Phase, in der der Alkohol den Körper verlässt, ist die Vigilanz paradox erhöht. Man schläft schlecht, aber die Träume und Halbschlafphantasien haben eine hoch plastische Qualität, die viele Künstler als Rohmaterial nutzen. Es ist der Moment, in dem die Spannung von einer chemischen in eine psychologische Spannung übergeht.

Interessant ist also, dass Autoren früher behaupteten sie würden trinken und gar nicht so viel tranken wie sie behaupteten. Heute behaupten viele Autoren, sie würden gar nichts trinken und tun es heimlich doch. Man kann hier von einem kulturhistorischen Rollentausch sprechen. Wir wechselten vom Zeitalter der Inszenierung des Exzesses in das Zeitalter der Inszenierung der Selbstoptimierung. Gestern galt der Rausch als Gütesiegel, war Alkohol für die Autoren ein Marketinginstrument (ähnlich wie das Rauchen). Wer trank, signalisierte: Ich leide für meine Kunst, ich blicke in Abgründe, ich bin ein Outlaw… Autoren, die dieses Image pflegten, arbeiteten oft disziplinierter, als es der Mythos vermuten ließ. Der Rausch war die Beglaubigung der Authentizität. Heute im 21. Jahrhundert herrscht das Diktat der Funktionalität. Heute herrscht ein massiver gesellschaftlicher Druck zur Performance und Gesundheit. Ein Autor soll heute fit und strukturiert wirken. In einer digital transparenten Welt wirkt der betrunkene Dichter nicht mehr romantisch, sondern unzuverlässig oder gar unprofessionell. Das öffentliche Bild ist heute clean. So wandert der Wein zurück ins Private. Schließlich möchte man die kreative Tiefe des Alkohols immer noch nutzen, aber nicht den sozialen Preis des Trinkers zahlen. Das ist paradox. Wir schätzen die Werke der großen Trinker der Weltliteratur für ihre Intensität, verlangen aber von zeitgenössischen Autoren, dass sie wie Hochleistungssportler funktionieren. Wenn der Konsum ins Geheime wandert, geht auch der ehrlich Diskurs über die Verbindung von Rausch und Kreativität verloren.

 

Man kann das als Sieg des Lektorats über die Ausschweifung bezeichnen. Heute dominiert Verdichtung und Effizienz. Alles was nach alkoholischem Ausflug, nach Abschweifen in die Tiefe oder nach einer dionysischen Girlande riecht, wird als redundant und unfokussiert eliminiert. Texte wirken oft gedämpft (Tranquilizer-Stil), sicher und kontrolliert. Man spürt die Angst, einen Fehler zu machen oder zu weit zu gehen. Oder im Gegenteil herrscht der hektische, hochgradig optimierte Text (Stimulanzien-Stil), der vorwärts peitscht, aber keine Zeit für Reflexion oder posteriore Phantasien lässt.

 

Ein Text, der mit der antiken Weinschorle im Rücken geschrieben wurde, erlaubt sich organische Fehler, hat einen Rhythmus der nicht mechanisch ist. Sprache führt, nicht der Plan. Die Angst vor der Tief, die heutige Autoren kennzeichnet, die clean schreiben und heimlich trinken, führt zu einer seltsamen Inauthentizität. Der Text will ja tief sein, aber er traut sich nicht, die Kontrolle aufzugeben. Es fehlt das Wagnis den Kippmoment zu riskieren, wo der Sweet Spot sauer wird. Doch nur wer an diesem Abgrund wandelt, findet Bilder, die jenseits des Standardvokabulars liegen. Klassiker wirken heute noch modern und lebendig, wenn sie ungeschminkte Protokolle genau dieser Spannung sind. Heute als modern geltende Texte wirken, als wären sie wie unter einer Glasglocke geschrieben worden.

 

Warum das so ist, ist natürlich komplexer als saufen oder nicht saufen. Es hat etwas mit dem öffentlichen Raum zu tun, den die Romantik für die Literatur schuf und damit die Regelpoetik abschaffte. So wie Kants sapere aude verlass dich also nicht auf die Vordenker, wurde auch die Literatur von den Autoritäten unabhängig. Aber heute ist der öffentliche Raum wieder gefährdet, wir stehen an der gegenüberliegenden Grenze. Nur gibt es keine Höfe mehr, die von den Regelpoetikern bedient wurden. Das goldene Zeitalter der Subjektivität (Romantik) erhob den Rausch (der Phantasie) zum legitimen Mittel der Welterkenntnis, verließ den privaten Raum und schuf eine öffentliche Ästhetik. In dieser faszinierenden Gleichzeitigkeit erlebten wir vor 250 Jahren eine Kulturrevolution.

 

Früher gab es eine klare Trennung. Die Regelpoetik (Barock) war der Dienst am Hofe. Dort musste man funktionieren und die Form wahren. Die Romantik hat dann den individuellen Innenraum zum öffentlichen Raum erhoben. Was für eine Aktion! Heute erleben wir eine Re-Formalisierung. Die Öffentlichkeit ist heute kein freier Raum für dionysische Experimente mehr, sondern ein Ort der permanenten Bewertung. Autoren, Künstler stehen unter einem ähnlichen Konformitätsdruck wie einst die Hofpoeten, nur dass der Fürst heute eine Art Algorithmus ist, eine sozialer Konsens. Moralisiert sich der öffentliche Raum und wird clean, ist jede alkoholische Girlande im Text ein Risiko. Gesinnung und Funktionalität sind fragil. Denn es gibt keine Höfe mehr, in denen man geschützt oder angestellt ist. Der Text muss sich selbst schützen und wird vorsichtig, verdünnt sich und neutralisiert sich, um nicht anzugreifen oder angegriffen zu werden. Doch ohne das Wagnis des Ausflugs, der Wein-Tiefe, verkümmert die Literatur zur bloßen Information oder Unterhaltung. Wenn wir die posterioren Phantasien weg zensieren, weil sie zu unordentlich sind, verschwindet die Seele des Textes.

 

Die alten Griechen nutzten zur Mischung des Weines ein Gefäß, das sie Krater nannten. Die künstliche Intelligenz wäre in diesem Sinne kein Ersatz für Sprache, sondern eine Art Krater, ein Katalysator für den verloren gegangenen Raum. KI als eine Art moderner Krater in dem Wissen, Intuition und Rohmaterial zu etwas Neuem vermengt wird.

In einer Welt, in der das Individuum unter dem Druck der Selbstoptimierung steht, böte die KI einen anonymen Resonanzraum. Hier können wir unsere Girlanden und posterioren Phantasien ohne soziale Scham ausbreiten und testen. Die KI fungiert als Sparringspartner, der nicht wertet, sondern die eigene Tiefe spiegelt. Es kommt zu einer Kollaboration zwischen menschlichem Rausch und maschineller Klarheit.

Die aktuelle Skepsis gegenüber KI beruht oft auf der Angst vor der glatten Sprache. Aber in den Händen eines Autors, der die Tiefe des Weins kennt, kann die KI zum Werkzeug werden, um die weggestrichenen Ausflüge zurückzuholen. Schließlich hat die KI Zugriff auf die gesamte Regelpoetik und die gesamte Romantik. Ich nutze diese Fülle, um die Enge der heutigen Funktionalität zu sprengen, indem ich sie mit unvernünftigen Impulsen füttere.

Wenn der reale öffentliche Raum durch Konformität gefährdet ist, entsteht über die KI ein neuer synthetischer Raum. Eine Lösung wäre dann, die KI nicht als Schreibmaschine zu sehen, sondern als Erkenntnisinstrument. KI hält die Spannung aufrecht, die im solistischen Prozess zu früh kippen könnte und verbessert so die Qualität des Sweet Spot.

 

Ich bin selbst ein Kurator meiner vielen Bewusstseinszustände und nehme die trockenen Analysen der KI, tränke sie mit meinem Wein, meinem Bier, meiner Tie4fe und meiner literarischen Geschichte. So bleibt es mein souveräner Akt.

 

Nietzsche definierte in Geburt der Tragödie das Dionysische als den rauschhaften, formauflösenden Drang und das Apollinische als das maßvolle, formgebundene Prinzip. Nietzsche bedauerte, dass mit Sokrates (und mit Euripides) die Grenze gezogen wurde. Cross the border and close the gap beschrieb es vor über 50 Jahren Leslie Fiedler. Heute ist die Welt hyper-apollinisch geworden, alles muss messbar und optimiert sein. Doch die Girlanden, das Dionysische wird als Störung begriffen. Die KI könnte - paradoxerweise das ultimative apollinische Werkzeug – in der Hand des Kreativen zum dionysischen Spiegel werden. Füttern wir die Maschine mit dem Wein unserer Gedanken und lassen wir unseren Rausch artikuliert zurück kehren. Diese synthetische Agora als neuer Hof! Die Agora war in in der Antike der Ort des freien, oft weinseligen Austausches. Die KI kann einen privaten, öffentlichen Raum schaffen, eine geschützte Agora bieten in der das Denken wieder unkorrekt und ausschweifend sein kann. Schmuggelware in die normierte Öffentlichkeit.Während der Autor im Rausch die Tiefe erfährt, liefert die KI die Breite es Weltwissens. Meine Bilder des Rausches werden mit kalter, algorithmischer Präzision fixiert bevor ich wieder nüchtern werde.

 

 

 

 

 

ENDE

 

 

 

 

 

 

 

4. Beitrag vom 28. Februar 2026

 

Best-of-Streifschüsse von 2019 bis 2022 Teil VI

 

 

Die großen Drei

656 Muskeln! Der in der Fläche größte ist der Rückenmuskel, der nach Volumen größte ist der Gesäßmuskel und der stärkste Muskel ist der Kaumuskel. Daher ist unsere evolutionäre Bestimmung? Aufrecht sitzen und fressen. Wenn also mal wieder einer die Evolution ins Spiel bringt, kannst du das anbringen.

Der Rest – immerhin 653 Muskeln – von allem ist nichts weiter als Beschäftigungstherapie. Alles reduziert sich auf drei große Muskeln. Man kann diese auch noch für die Fortpflanzung einsetzen. Gesäß- und Rückenmuskeln sind gut fürs Ficken und normalerweise fickt man nach dem Fressen. Aber man kann vielleicht noch das Küssen dazu zählen, als Werbemethode. Der musculus masseter (Kaumuskel) hat dich zum fressen gern.

 

Ansonsten ist das Leben ein vorübergehendes Happening. Das Problem ist, dass die Grundidee des Lebens ‚aufrecht sitzen und fressen’ meist sehr schlechte Bedingungen zur Verwirklichung vorfindet. Es ist entweder einfach nicht genug da, um zu fressen. Dann muss man aufstehen und rumsuchen, wo es was gibt. Dann kann man oft nicht einfach sitzen bleiben, selbst wenn genug da ist, weil andere Lebewesen einen davonjagen wollen. Dann muss man sich verteidigen. Und nicht selten sind die anderen Lebewesen auch noch die, die man selbst davonjagt. Und schon haben wir die ersten und einzigen Grundlagen unserer Kultur: jagen, sammeln und kämpfen. Der erste Mensch, der ein Buch darüber schrieb, beging den eigentlichen Sündenfall. Reflexion erschuf Bewusstsein und damit alles, was uns Menschen heute auf die Nerven geht. – Wörtlich auf die Nerven …

 

Wenn wir also nicht fressen oder ficken, dann jagen wir, sammeln irgendwas oder kämpfen ums Überleben. Mehr ist das alles nicht. Wer noch nach einem höheren Sinn darin sucht, der gehört zu denen, die Bücher schreiben. Und diese Leute sorgen nur dafür, dass uns noch mehr Schmerz und Elend bewusst wird. Ziemlich öde oder? Jetzt gehöre ich zu denen, die überlebensüberdrüssig sind. Also schreibe ich irgendwas auf. Was mir so durch den banalen Sinn geht und wozu mich mein borniertes Ego verführt. Und wenn ich tief in mich hinein horche und ich ganz ehrlich zu mir selbst bin, dann weiß ich nur zu gut, dass ich lediglich ein bisschen Zauberglitter über diese trostlose Welt kippe. Wozu? Na, weil ich nicht ständig fressen kann, ohne auszusehen wie Daniel Lambert (siehe Abbildung). Im Jahr 1806 wog er 335 Kilogramm und war der dickste Mann der Welt. Er stellte sich der Schaulust gegen Eintrittsgeld zu Verfügung und wurde so immerhin sehr reich, wenn auch nicht alt. Er starb im Alter von 39 Jahren vermutlich an einer Lungenembolie, als er beim Rasieren plötzlich Atemnot bekam. Wäre er nur sitzen geblieben!! Kurz zuvor hatte er noch eine Tour durch London und York gemacht – sitzend. Fat sells. Er tat nur, was die Evolution ist: Aufrecht sitzen und fressen.

 

Die traurige Masse

Noch nie in der Geschichte der Menschheit waren wir uns auf globaler Ebene ähnlicher. Nur ist diese Ähnlichkeit eine sehr oberflächliche Ähnlichkeit, die vor allem auf der Verwischung der Unterschiede beruht, die in einer Massengesellschaft mit Massenproduktion von immer gleichen Dingen logisch ist. Die Verwischung von Unterschieden, die Gleichheit aller Dinge, die wir gebrauchen, das alles führt aber dazu, dass wir uns selber fremd werden. Je ähnlicher wir dem anderen sind, desto fremder werden wir uns selbst gegenüber. Das ist auch logisch. Und es ist daher eine narzisstische Gesellschaft derjenigen, die sich selbst suchen und verwirklichen wollen und dabei immer nur die immer gleichen Vitae rekonstruieren. Der Konsummensch in den reichen Nationen ist hier gemeint. Seine Vitae sind wie die Waren, die er konsumiert reinste Massenprodukte. Menschen dagegen, die von einem Land in ein anderes geflohen sind, vor Diktatur oder Hunger, die werden im reichen Migrationsland nicht akzeptiert, weil sie eine Vita vorweisen, die nicht ist wie die der anderen. Der Hass auf diese Menschen ist nur vordergründig rassistisch motiviert. Ich denke mangels Begriff für die Gefühle, die Migranten bei Konsumenten reicher Nationen auslösen. Denn in Wahrheit neidet man ihnen ihre verwegene Fluchtgeschichte. Sie sind Menschen die im Gegensatz zum verwöhnten und langweiligen Konsumentendasein etwas „erlebt“ haben. Erleben war nach Viktor Klemperer ein Lieblingswort der Nazis. Es sind also sehr widersprüchliche Gefühle, die der postmoderne Rassist und Neonazi des 21. Jahrhunderts „erlebt“. Denn einerseits fühlt er sich überlegen, weil er als Weißer nie Hunger oder Staatsgewalt, oder sogar Krieg erlebt hat, mit Bildung gefüttert wurde und mit Privilegien. Der Rassist und Nazi des 21. Jahrhunderts fühlt sich überlegen, weil er behütet in einer Konsum- und Wissensgesellschaft aufwuchs, ohne existenzielle Sorgen. Allerdings neidet er genau diese existenziellen Erfahrungen dem Migranten. Wer mit einem Schlauchboot unter Todesverachtung über das Mittelmeer schipperte, zuvor von brutalen Schlepperbanden ausgebeutet wurde, und aus einem gefährlichen, kaputten Land kommt, der ist ein großer Held, wenn er das überlebte. Dieser Heldenstatus gebührt jedem geflüchteten Menschen, der all das überlebte. Aber der Rassist und Neonazi ärgert sich maßlos, dass da einer ein Held ist und dem Tod trotzte und mit seiner eigenen Kraft überlebte. Es sind vermeintlich Nazitugenden. Als wären Tugenden an eine Gesinnung gebunden.

 

Der verwöhnte Deutsche

Wir Deutschen zum Beispiel sind durch und durch verwöhnt. Wir helfen einander nicht mehr, sind oft unzufrieden, haben Wutanfälle, akzeptieren keine Grenzen mehr, teilen nicht mit anderen, können uns nicht mehr mit uns selbst beschäftigen (mit Langeweile nicht umgehen, weil ständig was geboten ist). Der verwöhnte Deutsche will stets Aufmerksamkeit, kann nicht mehr warten, wird mit materiellen Dingen überhäuft, ist undankbar, will  für Selbstverständlichkeiten gelobt werden, übernimmt keine Verantwortung mehr, ist manipulativ und muss bestochen werden, nur um Routineaufgaben zu übernehmen. Kurz und gut, die Liste habe ich von der Kinderinfo übernommen, 18 Anzeichen für ein verwöhntes Kind. Trifft alles auf den deutschen Konsummenschen zu. Vor allem der ostdeutsche Wutbürger und Querdenker zeigt all die Eigenschaften, die auch ein verwöhntes Kind zeigt. Und dann kommt natürlich der Neid und Hass auf Menschen dazu, die unter größten Gefahren und existenziellen Herausforderungen ihr Leben meisterten. Die vielen Migranten in unserem Land wissen, was sie geschafft haben. Die Wut auf sie ist Projektion der eigenen Unfähigkeit. Die meisten Vitae der Deutschen sind austauschbar, uninteressant und hochgradig banal. Dem eigenen Überlegenheitsgefühl widersprechen diese Vitae erheblich.

 

Der postmoderne Kleinbürger

Es sind diese Widersprüche aus Prätention und Unfähigkeit, Neid und Projektion, die den typischen postmodernen Rassisten kennzeichnen.
Der Wohlfühl-Kokon unserer spätkapitalistischen Konsumgesell-schaft löst sich langsam auf. Das spüren vor allem die Kleinbürger, denn sie sind die verwöhnten Kinder der Nation. Der so genannte „Normalo“ hat sich ein oder zwei Generationen lang etwas vormachen können, die Illusion aufrechterhalten, er sei auserwählt. Aber nun zeigt sich, dass er nur ein Kleinbürger in einer postmodernen Epoche ist und gar nichts mehr bedeutet und nichts, gar nichts von ihm übrig bleibt. Diese narzisstische Kränkung des postmodernen Kleinbürgers mit seiner austauschbaren Vita wird er blutig rächen wollen. Das sind die Leute, die das Kapitol im Januar 2021 stürmten, das sind die Leute, die in den deutschen Städten ihre Spaziergänge durchführen, das sind die Impfgegner und Möchtegernrevoluzzer, die Rassisten mit ordentlicher Frisur und sauberem Hemdkragen, die sich selbst nicht als Rassisten sehen, sondern nur besorgt sind. Sie sind diese verwöhnten Idioten, zu nichts zu gebrauchen und nicht überlebensfähig. Eine traurige Masse. Sie sind weder besorgt noch kritisch. Sie sind einfach nur frustriert.

 

Illusion der Alternativen

Über das, was die anderen von einem denken sollte man nicht grübeln. Denn man weiß nicht, was sie wirklich denken. Die Köpfe sind mit Haut und Knochen geschützt und die elektrischen Impulse im Innern strahlen nur neutrale Wärme ab.  Natürlich wissen wir andererseits, dass die Gedanken, die sich gewisse Personen über uns machen, unser Wohl und Wehe mitentscheiden können. Es ist diese soziale Hintergrundstrahlung, die uns alle in die Infamie treibt. In einer Versuchsanordnung des Psychologen Solomon Asch sollten acht Studenten feststellen, ob mehrere parallele Linien gleich lang sind. Bis auf einen Studenten waren alle eingeweiht, falsche Antworten zu geben. Der andere Student unterwarf sich nun in 75 Prozent der Fälle der Mehrheitsmeinung der anderen sieben Studenten. Angenommen Sie wären hier der nicht eingeweihte Student und alle anderen Studenten würden Ihnen nicht verraten, was sie denken. Diesem sozialen Horror sind wir tagtäglich ausgesetzt. Der evolutionäre Vorteil lügen zu können geht einher mit dem Vorteil unsere Gedanken verbergen zu können.
Beziehungen zwischen Menschen mit all ihren Empfindungen, Bildern, Vorstellungen, Bedürfnissen sind dennoch keine isolierte Veranstaltung. Da wir oft von schlauen und feinfühligen Menschen dazu aufgefordert werden, uns über die Gedanken der anderen über uns, keine Gedanken zu machen, geraten wir in eine paradoxe Situation, die der Biologe Gregory Bateson in seiner Doppel-bindungstheorie für schizophrene Symptome verantwortlich machte. Schon als Kind werden wir schnell noch unglücklicher, wenn wir nicht den Erwartungen der Eltern entsprechen, die doch alles dafür getan haben, dass wir glücklich sind. Und wenn uns das Essen nicht schmeckt, wo sich der Koch doch so viel Mühe gab, dass es uns mundet? Wäre es nicht klüger, dem Koch zu verschweigen, wie es wirklich schmeckt? Zumal der Koch auch noch unser Lebenspartner ist, den wir auf keinen Fall kränken wollen?

Wir erleben das in jeder erdenklichen Lebenssituation: Zum Beispiel am Rollband im Discounter vor der Kasse. Hinter uns ein weiterer Kunde, vor uns der abschätzende Blick der Kassiererin. So manches frische Obst oder Gemüse wurde nur gekauft, weil der Kauf von Bier und Zigaretten Schamgefühle auslöst. Wenn dann zwischen den Bierflaschen, der Schokolade und der Billigwurst noch eine Gurke liegt oder ein Salatkolben – denken die Leute hinter einem vielleicht, dass man eine Grillparty veranstaltet und das Bier nicht selber trinkt. So wie man sich anständig kleidet, sich rasiert und parfümiert, so unterliegen wir alle der sozialen Kontrolle, ohne ihr offen ausgesetzt zu sein. Der Rat der schlauen und feinfühligen Menschen, nicht an andere und mehr an sich selbst zu denken gerät ebenfalls in Schieflage, denn das klingt doch sehr narzisstisch. An andere zu denken ist damit eine komplizierte Angelegenheit und Ausweis des eigenen Charakters. Wohlwollend an andere zu denken, bedeutet nicht selten, auch wohlwollend von sich zu denken. Wer sich selbst für einen infamen und schlechten Menschen hält, der denkt leichter auch über andere, dass sie infame und schlechte Menschen seien. Wenn wir also nächstes Mal einen unrasierten, nach altem Schweiß und Knoblauch miefenden, griesgrämig dreinblickenden und mit stechendem Blick dreinschauenden Menschen erleben, der vor uns in der Schlange steht und seine Bierflaschen auf das Rollband legt, denken wir nur Bestes von ihm. Nur: Besser riecht der Mensch dann trotzdem nicht. Ein guter Rat wäre es aber auch nicht, zu empfehlen, diese Tatsache diesem Menschen mitzuteilen. Soziale Normen haben auch was Gutes. Sie verschonen uns vor der ungefragten Meinung anderer über uns. Wir tun dann einfach so, als dächten sie so, wie wir. Und irgendwann tun sie es auch so wie wir. Steht uns diese Uniform des Denkens?

 

Komm mir bloß nicht so

Es gibt diesen sehr sinnigen Witz von dem Mann, der zum Therapeuten ging und sagte: „Hören Sie, ich bin offensichtlich verrückt. Jede Nacht versammeln sich alle möglichen Tiere, Löwen, Tiger, Gazellen unter meinem Bett und halten Paraden ab. Können Sie mich davon befreien?“

Der Therapeut meinte zu dem aufgeregten Mann, er solle sich erst einmal auf das Bett dort legen und genauer erzählen.
„Ja wie lange dauert es denn und was kostet das?“, fragte der Mann den Therapeuten.

„Eine Stunde kostet 100 Euro und wir beginnen erst einmal mit 80Stunden und können dann noch weitere 20 Stunden anhängen“, antwortete der Therapeut.

 „Nein“, sagte der Mann nun deutlich empört „so verrückt bin ich auch wieder nicht“, und verabschiedete sich.

Einige Tage später traf der Therapeut diesen Mann zufällig auf dem Markt.
„Wie geht es Ihnen denn?“, fragte ihn der Therapeut.
„Großartig. Mein Schwager hat nur eine Stunde gebraucht, um mich zu heilen.“

„Ach“, sagte der Therapeut, „Ihr Schwager ist auch ein Psychologe?“
„Nein, er ist Schreiner. Er hat einfach die Bettpfosten abgesägt und dann war alles gut.“

Komplexitätsverminderung ist eine schöne Sache. Der berühmte Mathematiker aus dem 18. Jahrhundert Johann Carl Friedrich Gauß war schon als Kind – wie viele Genies – klüger als seine Mitschüler und ging mit seiner neunmalklugen Art allen auf den Keks. Einmal wollte sein Lehrer ein wenig Ruhe haben und gab der Schulklasse, in der auch der kleine Carl Friedrich saß, eine Aufgabe. Sie sollten die Zahlen 1 bis 100 zusammenaddieren. Davon erhoffte sich der Lehrer eine Stunde Pause. Und ich hätte auch mindestens so lange gebraucht. Eins plus zwei ist drei, plus drei ist sechs plus vier ist zehn und so weiter. Der kleine Carl Friedrich war schon nach zwei Minuten fertig und überraschte den Lehrer mit dem richtigen Ergebnis.
„5.050“, sagte Carl Friedrich stolz.

„Ja aber … das stimmt! Wie hast du das so schnell herausbekommen?“ wollte der Lehrer wissen.

„Ganz einfach: eins plus 100 ergibt 101, zwei plus 99 ergibt auch 101, also haben wir es mit 50 Additionen zu tun, die jedes Mal 101 ergeben. Also 50 mal 101 ist 5.050 voila.“ Was also für den kleinen Carl Friedrich eine Hilfe war, war für den Lehrer eine Zumutung. Denn der wollte nur endlich eine Stunde Ruhe vor diesen fürchterlichen, besserwisserischen Kindern haben.

Als ich ein Kind war, wurde mir die Aufgabe gestellt sieben Mal sieben zu errechnen. Ich meldete mich so stolz wie ein kleiner Carl Friedrich und rief laut in die Klasse: „47!“

Ich musste nun eine Stunde in der Ecke stehen und war enttäuscht, weil meine klare Überlegung, dass in einer Rechenart, in der zweimal die Zahl sieben vorkommt, auch im Endergebnis die sieben stehen müsse, schlicht falsch war.

Man kann Komplikationen also auch auf die ganz falsche Art vermindern. Bei einer Uhr ist eine Komplikation ein Zusatzmodul, das den Preis und den Funktionswert der Uhr steigert, in der Medizin dagegen ist die Komplikation eine unerwünschte Folge einer Erkrankung die weiterer Therapie bedarf. Rein sprachlich ist es einfach ein zusammenlegen, zusammenfalten oder zusammenwickeln, woraus sich auch das Wort „Komplize“ ergab. Und ein Komplize, der bei einem Bankraub Schmiere steht, ist keine Komplikation, sondern eine zusätzliche Hilfe. Der Komplize kann natürlich zur Komplikation werden, wenn er gegenüber der Polizei als Zeuge aussagt, um selbst straffrei zu gehen. Was kompliziert oder nicht kompliziert ist, ist damit immer eine Frage der Perspektive.

 

 

 

ENDE

 

 

 

 

3. Beitrag vom 15. Februar 2026

 

 

Best-of-Streifschüsse von 2019 bis 2022 Teil V

 

 

Archimedische Verirrungen

 

Unser Gehirn – heißt es öfter – ist süchtig nach schlechten Nachrichten. Die Wissenschaft nennt es die Negativitätsverzerrung und erklärt dies mit dem evolutionären Vorteil eines Gehirns, das auf Gefahren intensiver reagiert. Eine üppige Futterstelle wäre eine gute Nachricht. Aber da steht auch ein Säbelzahntiger. Das ist die eindeutig schlechte Nachricht. Der Primat, der nun der Futterstelle fernbleibt, weil er dem Säbelzahntiger stärkere Bedeutung verleiht als der üppigen Futterstelle, wird zunächst überleben. Angenommen, eine Zeitung veröffentlicht die fette Schlagzeile „Atomkrieg droht“ und eine andere wiederum die Schlagzeile „Vorerst Frieden in Deutschland“, dann wird vermutlich die Zeitung mit dem Atomkrieg das Rennen um die bessere Quote machen. Eine Zeitung, die ausschließlich gute Nachrichten veröffentlicht, hätte keine Überlebenschance. Es gibt keine Säbelzahntiger mehr, dafür viele negative Schlagzeilen zum Ersatz. Die Welt geht bald unter, wir bekommen alle Krebs, verlieren vorher unseren Job, während die Lebensmittelpreise durch die Decke gehen und die Russen auf dem Vormarsch sind. Jetzt war ich gerade einkaufen. Es gab eigentlich alles zu kaufen, wie immer. Kein Russe, weit und breit zu sehen. Die einzigen panzerähnlichen Fahrzeuge waren protzige SUVs, deren Besitzer offensichtlich die Energiekrise vollständig ignorieren. Könnte es sich hier um einen Backfire-Effekt handeln? Dass es immer noch alle Lebensmittel gibt, keine russischen Soldaten zu sehen sind und die Energiekrise keine Auswirkung auf den Autoverkehr hat, ist doch geradezu eine Bestätigung dafür, dass die Welt untergeht, bald keine Lebensmittel mehr verfügbar sind und die Russen ganz sicher kommen werden. Die Vielzahl kognitiver Verzerrungen – allein 52 verschiedene Sorten kognitiver Verzerrungen werden in einem Wikipedia-Artikel gelistet – lässt mich gehörig an meinem eigenen Verstand zweifeln. Dass ich das Gefühl habe, meinen Verstand allmählich zu verlieren, ist aber nur eine sogenannte Verlustaversion, nämlich die Tendenz, Verluste höher zu gewichten als Gewinne. Auch das ist eine kognitive Verzerrung, eine sogenannte Vermessenheitsverzerrung, das eigene Können, die eigenen Kompetenzen zu überschätzen. Der Verstand wird also überschätzt, vorwiegend der eigene. Wenn ich aber wiederum mich selbst für dumm halte, ist das ein gutes Zeichen, denn der Dunning-Kruger-Effekt besagt, dass gerade die inkompetenten Menschen das eigene Können überschätzen und die Fähigkeiten der anderen dann unterschätzen. Wenn ich mich für dumm halte, bin ich klug. Wenn ich mich für klug halte, bin ich also dumm. Es würde mich also nicht wundern, wenn die Russen tatsächlich kommen (falls sie nicht bereits da sind). Die Welt muss untergehen, sonst wären all diese Verzerrungen doch blanker Bullshit.

 

Babel und Theópneustos

Heute Morgen, als ich langsam erwachte, entstand in mir der Drang, noch einmal genauer über den Turmbau zu Babel nachzudenken, die Stelle in der Bibel nachzulesen. Warum und woher ich diesen Gedanken bekam, weiß ich nicht. Es mag wohl sein, dass es dafür eine natürliche, psychologische Erklärung gibt. Denn ich dachte die Tage zuvor viel darüber nach, ob die Erfindung der Sprache als unabhängiges Zeichensystem uns von der Wirklichkeit zu weit entfernt hat. Laufen wir noch parallel mit unserer planetaren Heimat? Nähern wir uns einem Ziel oder eher dem Ende? Bauen wir gerade diesen Turm? Oder zerstören wir ihn gerade?

Die kurze Erzählung vom Turmbau zu Babel in der Genesis ist sehr berühmt. Doch manchmal vergessen die Kommentatoren, zu erwähnen, dass nicht nur dieses Volk aus dem Osten, das sich in Schinar (heute im Nordwesten Iraks) ansiedelte, um einen hohen Turm zu bauen, eine gemeinsame Sprache sprach, sondern alle Menschen hatten die gleiche Sprache und gebrauchten die gleichen Worte. Die heilige Sprache, die Sprache Gottes, die adamitische Ursprache. Die Genesis beginnt bekanntlich mit einem Akt des Sprechens durch Gott. Er sprach: Es werde Licht. Tag und Nacht, Himmel und Erde wurden erst, als Gott sie benannte. Niemand weiß, in welcher Sprache Gott sprach. Vermutlich war diese Sprache reine Energie, die den Urknall erzeugte. Die frühen Völker sprachen diese gemeinsame Sprache noch nach der Sintflut. Denn diese war der Genesis zufolge vor dem Turmbau. Aber schon vor dem Turmbau in Genesis 10 heißt es, dass sich von den Söhnen Noahs die Inselvölker abzweigten, jedes nach seiner Sprache und seinen Sippenverbänden in seinen Völkerschaften (Gen. 10,5). Die adamitische Ursprache steht und fällt mit Noah. Und das hebräische Wort Noah bedeutet Ruhe. Er war der zehnte Urvater nach Adam und wurde von Gott auserwählt, die Menschheit zu retten, bevor seine Söhne Sem, Ham und Jafet die Menschheit in ihre verschiedenen Völker und Sprachen aufspalteten.

Dass zum Turmbau zu Babel die Menschheit noch die Ursprache Adams sprach, ist verwirrend. Das menschliche Trauma der Sprachverwirrung wird der allgemeinen Lesart nach mit der Hybris verknüpft, sein zu wollen wie Gott. Adam nannte die Tiere nominibus suis, bei ihren Namen. Man könnte versucht sein, zu glauben, dass Adam die Tiere so nannte, wie sie selbst wirklich heißen. Der Hund musste wohl Wauwau geheißen haben, die Katze Miau, die Kuh Muh. Diese onomatopoetische Lautmalerei des kindlichen Verstandes, der die Geräusche der Tiere nachmacht und dabei auf sie zeigt, verweist auf den engen Zusammenhang zwischen Sprechen und Sein. In dem Wort Hund ist nicht mehr viel davon übrig. Wenn man es herausbellt, vielleicht. Aber Dog? Chien? Cane? Kalb? Der Leibarzt von Maria von Ungarn, Johannes Goropius Becanus, versuchte in seinem Buch Origines Antwerpianae nachzuweisen, dass das Paradies in Brabant lag, und der niederländische Dialekt, den man in Antwerpen sprach, die Sprache Adams gewesen sei. Diese Kuriosität ging als Goropianismus (von Leibniz erdacht) in die Kulturgeschichte ein. Gerade in der Zeit des Nation Building im 16. und 17. Jahrhundert wurde in Europa viel darüber geschrieben und geforscht, welche Sprache der adamitischen Ursprache am nächsten käme. Mal war sie italienisch, mal spanisch, mal teutonisch, sogar schwedisch. So unsinnig und kurios es klingen mag, der eigenen Sprache den Vorzug vor anderen geben zu wollen, indem man nachzuweisen versucht, sie habe der adamitischen Ursprache am nächsten gelegen, so interessant ist es wiederum, dass man die eigene Sprache so nahe am eigenen Sein vermutet. Im eigenen Sprechen ist es aber nicht die spezielle Semantik oder Semiotik, auf die es ankommt. Wenn man es umkehrt, wird ein Schuh daraus. Nicht die Sprache trägt das Sein, sondern das Sein trägt die Sprache. Die Unverwechselbarkeit, mit der sich ein Individuum (egal in welcher Sprache) auszudrücken weiß, ist die gemeinsame Grundlage allen Sprechens. Nicht was oder wie wir sprechen, liegt der adamitischen Ursprache zugrunde, sondern vielmehr, dass wir überhaupt sprechen. Goethe dichtete in der Zueignung (Faust): Mein lispelnd Lied, der Äolsharfe gleich, ein Schauer fasst mich … Der Dichter (Äolsharfe) ist hier nur ein passives Instrument, das diese unruhigen Schwingungen aufgreift. Die Äolsharfe wird zum Sinnbild der dichterischen Inspiration, dem Afflatus (Cicero in de natura deorum), dem Ilham (im Gegensatz zur Offenbarung wahy/Islam). Es ist eine private Zwiesprache mit Gott, präexistentes Wissen (und was verschwand, wird mir zu Wirklichkeiten). Ähnlich wie in der Szene „Finstere Galerie“, wo Faust zu den Müttern steigt (V. 6271 bis 6274), erfasst ihn ein Schauer. Faust wird also von etwas „ergriffen“, etwas schüttelt und rüttelt an ihm. Dieses Erfasstwerden gleicht eher dem adamitischen Sprechen. Im kindlichen Wesen zeigt sich dieses gewissermaßen vorsprachliche Begreifen offen. Sprache dagegen, wie wir sie begreifen, erdrückt eher diesen Afflatus durch ihre komplexe Ausdifferenzierung.

Angehaucht von dem, was uns umgibt, umschließt und einschließt, beginnen wir zu sprechen. Dazu atmen wir. Unser Sprechen ist bedeutendes Atmen. Es geht mir oft so, dass ich meine Texte, bevor ich sie schreibe, flüstere. Gelegentlich komme ich dabei in einen Flow und mein inneres Flüstern, leises In-mir-Atmen, läuft parallel mit den Formulierungen auf dem Papier. Es ist daher eine Zwiesprache und die Schrift, die ich nutze, ist das Medium, mit dem ich meine Zwiesprache vermittle. Diese Zwiesprache, dieses in mir Atmen in Worten, bedarf keines Gegenübers. Mein bloßes Sein ist bereits ein Einschluss. Darin bin ich gefangen mit meinem Sein, und mein Sprechen ist eine Art Ausbruch, oder bescheidener formuliert, ein Ausbruchsversuch. Dies ist die Grundlage allen Sprechens, aller Sprachen. Durch das Benennen schließen wir aus, was nicht wir sind. Im Deutschen spricht man es aus. Da ich nicht nur bin, sondern umgeben bin ist mein Sprechen immer im Gespräch mit dem, was mich umgibt. Je offener ich für die Umgebung bin und in ihr atme, desto sprechender bin ich. Die adamitische Ursprache ist daher nicht mehr, aber auch nicht weniger als die Möglichkeit des Sprechens als Tatsache. Dieses schöne deutsche Wort „Tatsache“ vereint die äußere Wirklichkeit mit dem Akt selbst. Nominibus suis meint daher nicht etwa, dass die Tiere so sind wie das Wort, sondern durch die Tat des Benennens erhalten sie einen ontologischen Zustand. Das Wort Baum ist natürlich nicht der Baum selbst. Durch die Benennung wird der Baum zur Tatsache als Baum, wie auch immer er sei. Die sprachliche Reproduktion durch die Potenz des Sprechens als Bestimmung von Tatsachen ist der adamitische Urgrund.


Wir sprechen alles aus. Das muss man sehr wörtlich nehmen. Fasse ich Sprache so weit, von ihr als Tatsache zu sprechen, so ist unser Tun immer ein Sprechen. Das ist nicht so weit hergeholt, wie es sich anhört. Vielmehr deuten wir alles, was wir tun, deuten alles, was überhaupt getan wird, was sich so tut. Wir legen alles aus, breiten es aus. Im Mitteilen liegt vielmehr das Teilen. In dieser Hinsicht hat unser Sprechen inzwischen eine Potenz erreicht, die in der Geschichte noch nie vorhanden war.

Begreifen wir unser Sprechen als gemeinsame Potenz zur Bestimmung von Tatsachen: Wie nah oder wie fern sind wir gerade in unserer modernen, globalisierten und digitalisierten Welt dem Turmbau zu Babel? Wie nah oder fern dem gelobten Land Utopia?

 

Bumm Bumm

Dann erschlugen sie wahllos alle, die ihnen in den Weg kamen. Das Morden dauerte volle fünf Tage und Nächte. (Der römische Senator Cassius Dio über die Babyboomer-Legion).

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts werden 12,9 Millionen Erwerbspersonen bis 2036 das Renteneintrittsalter überschritten haben. Dies entspricht knapp 30 Prozent der dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehenden Erwerbspersonen, bezogen auf das Berichtsjahr 2021. Interessant an dieser Zahl der Woche ist, dass man davon ausgeht, dass das Renteneintrittsalter überschritten wird. Ich gehöre damit als letzter Jahrgang (Boomer ist die Nachkriegsgeneration von 1946 bis 1964) zu den Glücklichen, die man trotz Überreife weiter wurschteln lässt. Wenn ich also mit meinem neu erworbenen Rollator, nur wenig jünger als meine senilen Klienten im Altenheim, einen jungen Kollegen der Generation Z (das sind die armen Socken, die jetzt anfangen müssen zu arbeiten und noch alles vor sich haben) bitte, mir zu helfen, wird dieser Vertreter der Generation Z höflich „Nein, danke“ sagen. Denn so tickt diese junge Generation, laut Wirtschaftswoche. Die Generation Z hat gelernt, sich abzugrenzen. Boomer sagten nie „nein“, sondern bekamen ein Burn-out. Ihr „Nein“ war ein Aufstöhnen. Die depressive Generation (denn Burn-out ist nur das Diminutiv der präsuizidalen Dauer-Boom-Phase) Boomer trafen in den vergangenen Jahren die meisten und wichtigsten Entscheidungen. Buhu heul. Buhumer. Schon unsere flotte Dorothea sah immer so aus, als würde sie gleich losheulen. Das hat ihr langjähriges Amt als Kanzlerin geprägt: Weinerlich und „Ja“ sagend, wurden wir von russischem Gas abhängig und Deutschland zum chinesischen Wirtschaftsflüchtling, weinerlich ja sagend ließen wir zu, dass der Klimawandel einfach weiter wandelt, heulend ja sagend ließen wir zu, dass die uns Boomern folgenden Generationen die Scheiße auslöffeln müssen. Dorotheas Vorläufer dagegen, der schlaue Michel,  schaute noch so wie eine Zitrone. Wer hat meinen Kohl geklaut? Aber Helmut Josef Michael Kohl war noch vor der Machtübernahme der Nazis geboren worden und wusste noch, was stahlharte Arbeit ist. Während unser schöner Robert bereits zur Generation X gehört, die laut Wirtschaftswoche nur gut verdienen und einen sicheren Arbeitsplatz wollen. Annalena dagegen ist ein Millennial. Und die möchten nach einer Shell-Studie lieber Spaß haben bei der Arbeit und sich selbst verwirklichen. Was natürlich für eine Kriegsministerin solch einen Geschmack hat.

Wie auch immer. Diese Kohortenstudien sind voller Verzerrungen. Sie werden ihrem Namengeber aus dem Römischen Reich nicht gerecht. Wie jeder Primus Pilus weiß: Es braucht viel, viel Härte und Disziplin, um eine Legion zusammenzuhalten. Denn der Adler kann nicht fliegen. Und Boomer erst recht nicht.

 

Den Dummen gehört die halbe Welt

Im Verhältnis zu früher gibt es sicher nicht mehr dumme Menschen. Aber in absoluten Zahlen erweckt es doch den Eindruck einer generellen Verblödung der Menschheit. Es gibt diese Minderheit der Exzellenten, den Mainstream und das Heer der Dummen. Der Mainstream wird zunehmend dümmer. Wenn man selbst – so wie ich – nicht zu der kleinen Gruppe der Exzellenten zählt, dann befindet man sich als ein weniger Kluger unter einer ziemlich verblödeten Masse. Dieses dissonante Gefühl drückt sich in Kleinigkeiten aus. So fällt mir auf, dass viele Menschen trotz der Grippewelle und Zunahme schwerer Atemwegserkrankungen keine Gesichtsmaske mehr tragen in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Warum? Weil es nicht mehr verboten ist und nur noch eine Empfehlung. Dumme Menschen gehen aber auf Empfehlungen nicht ein. Der immer kleiner werdende Teil, der etwas Klügeren im Mainstream trägt sie noch. Oder neulich stieg ich aus der U-Bahn aus und stand für einen Moment einer jungen, telefonierenden Frau (ohne Maske) im Weg. Sie machte mit der Hand Wischbewegungen, als wollte sie mich auf ihrem Bildschirm wegwischen. Doch ich bin nicht virtuell. Im öffentlichen Raum, dort, wo der Mainstream täglich seine Arbeits- und Besorgungswege mithilfe öffentlicher Verkehrsmittel vollzieht, herrscht eine Atmosphäre der Ignoranz. Der Mangel an Rücksicht ist dabei überhaupt nicht böswillig. Es ist nur Dummheit. Ein Mangel an Aufmerksamkeitsfähigkeit. Dumme Menschen können sich nicht konzentrieren. Sie sind fahrig, schusselig und weitestgehend damit überfordert, gleichzeitig ein Smartphone zu bedienen und auf ihre Umwelt zu achten. Sie sind dann nicht widerstandsfähig genug, das Smartphone wegzustecken, wenn sie aus der S-Bahn oder U-Bahn aussteigen. Vielmehr gehen sie weiter mit starrem Blick auf ihren Bildschirm. Die Tatsache, dass sie nicht alleine sind, überfordert sie. Die datensetzende Macht durch technische Artefakte tritt in Konkurrenz und das Subjekt wird dabei zum Spielball. Einerseits gibt es das technische Artefakt sich öffnender U-Bahn-Türen, fest vorgegebene Wege führen zur Rolltreppe, meist eng und getaktet. Die einen wollen aussteigen und die anderen einsteigen. Gleichzeitig werden die Menschen im öffentlichen Raum von den dauernden Reizen ihres Smartphones in Beschlag genommen. Beide technische Artefakte wissen nichts voneinander. Der WhatsApp-Anbieter weiß einfach nicht, dass das Nachrichten empfangende und weitergebende Subjekt gerade gleichzeitig in einem den Bewegungsraum begrenzenden Umfeld unterwegs ist. Das Subjekt ist nun zwischen diesen beiden Artefakten wie gefangen. Es müsste eine Entscheidung treffen. Etwa die WhatsApp-Nachricht etwas später schicken, wenn sie wieder einen Überblick hat über ihren Bewegungsraum. Doch gerade dummen Menschen fallen Entscheidungen schwer. Sie lassen sich von Reizen leiten und können ihnen nicht widerstehen. Wenn man nun ständig und in Sekundenbruchteilen Entscheidungen treffen muss, erzeugt dies Stress. Dumme Menschen sind nicht widerstandsfähig genug, werden also dadurch vulnerabel, und so kommt es, dass eine junge Frau eine Wischbewegung macht, obwohl sie einfach einen Schritt zur Seite gehen könnte. Jetzt ist das großartige technische Angebot in unserer wunderbaren Welt ja nicht daran schuld. Als wäre der Kühlschrank schuld, weil ich in ihm die falschen Lebensmittel lagere. Als wäre das Auto schuld, weil ich den Ölwechsel vergessen oder das falsche Benzin getankt habe. Als wäre mein Computer schuld, wenn ich das falsche Programm aufrufe und mit einer PDF-Datei keine Musik abspielen kann. Kurz: Die wunderbare Welt der Überforderung bringt dumme Menschen an ihre Grenzen. Es sind in der Relation nicht mehr geworden. Aber es wurden mehr Menschen gezeugt, und in absoluten Zahlen ist das halt eine Massen-verblödung.

 

Der postpaläolithische Mensch im 21. Jahrhundert

Wir wissen, dass die Menschen im Paläolithikum die Kunst von primitiven Jägern war, die auf einer unproduktiven, parasitischen Wirtschaftsstufe standen, ihre Lebensmittel sammelten oder erbeuteten, nicht erzeugten; allem Anschein nach in lockeren, kaum gegliederten Gesellschaftsformen, in kleinen isolierten Horden, im Stadium eines primitiven Individualismus lebten, vermutlich an keine Götter, kein Jenseits und kein Dasein nach dem Tode glaubten. Als ich das in der Kunstgeschichte von Arnold Hauser las, war ich für einen Moment, einen sogar etwas längeren Moment, etwas verunsichert. Denn gar nicht wenige Menschen leben auch heute so. Und zwar hier, in meiner Nachbarschaft. Wie viele Menschen produzieren tatsächlich nichts oder nichts, von dem sie genauer wissen, was sie da täglich tun, um zu leben. Wenn ich in den Discounter gehe, sehe ich lockere, kaum gegliederte Gesellschaftsformen, Menschen die auf parasitische Weise ihre Lebensmittel einsammeln, die weder an einen oder mehrere Götter glauben, die das Jenseits vollständig dem Diesseits opferten und nachdem sie bezahlt haben (die ihnen kaum bewusste Komplexität des erwirtschafteten Geldes dokumentiert ihren primitiven Individualismus), kehren diese primitiven Jäger mit ihren gesammelten oder erbeuteten Lebensmitteln in ihre kleinen, isolierten Horden-Unterkünfte zurück. Würden nun – wie es ja manche fürchten – die großen Volkswirtschaften zusammenbrechen – ich weiß nicht, aber würde sich dieser heutige Mensch wirklich unterscheiden von den Menschen, die vor über 50 000 Jahren im Paläolithikum lebten? Wer – und jetzt mal ganz ehrlich – wer von uns kann ganz alleine und ohne stromabhängige Technik einen Kühlschrank, eine Waschmaschine, ein Auto, ein Haus bauen? Es gibt noch ein paar – die Glücklichen – Handwerker, die tatsächlich selbst was können. Aber sie sind – wie Kinder – selten. Ich? Ich kann fast nichts. Was sollte ich in einer Welt ohne Volkswirtschaft mit diesem Alphabet groß anfangen? Ich müsste Priester werden. Aber die Leute glauben nicht mehr an diesen Unfug. Der ganze Zauber unserer modernen Welt erscheint mir dann tatsächlich als reinster Popanz. Verstehen Sie, warum mich diese Zeilen von Herrn Hauser (die auch schon bald 100 Jahre alt sind) so irritierten? Was haben wir wirklich drauf, wer sind wir heute wirklich? Unseren primitiven Individualismus leben wir vorwiegend dadurch aus, dass wir Lebensmittel sammeln, und erbeuten. Und ich denke, dass der Mensch vor 50 000 Jahren ebenso friedlich koexistierte, wie der moderne Konsummensch, solange eben genug Lebensmittel für alle zu sammeln, und zu erbeuten sind. Und dass der Mensch im Paläolithikum bereits die impressionistische Kunst vorweggenommen hat, die dann mit dem Aufkommen der Jungsteinzeit und der Magie verloren ging, das lässt auch tief blicken. Und hinzu kommt, dass ich den Eindruck habe, dass durch die Digitalisierung die – einige Jahrhunderte gewohnte – Stabilität der Begriffe durch die Unmittelbarkeit der sinnlichen Eindrücke ersetzt wurde. Wir haben uns also jetzt wieder zurückentwickelt – oder uns verbessert, wenn man dem Alten den Vorzug geben möchte, gegenüber dem Neuen. Der Dualismus des Sichtbaren und des Unsichtbaren wurde wegdigitalisiert. Heute ist alles sichtbar. Das Rationale wurde sensorisch. Unsere moderne Welt ist eine große, eindrucksvolle Höhle von Lascaux.

 

Der Teufel mischt eben immer mit

Jede Art von Wachstum fordert bestehende Systeme heraus. Schon aus dieser Perspektive betrachtet ist der Kapitalismus ein Antisystem. Eine Ökonomie, die auf Wachstum aufbaut, kann die Organisation dieses Wachstums nicht immer kontrollieren. Regulierung von Wachstum widerspricht vielfach dem dynamischen Bedürfnis der kapitalistischen Ökonomie. Ein liberaler Markt ohne staatliche Regulierung zerstört in hoher Geschwindigkeit jedes System. Doch auch jede Form der Regulierung kommt an ihre Grenzen. Ein großer Teil wirtschaftlicher Prozesse wird durch öffentliches Recht reguliert. Die Komplexität dieses Rechts erfordert ausdifferenzierte Spezialisten, weil im Kapitalismus alles wächst. Mit dem Reichtum an Waren wächst die Regulierung aber nicht parallel mit. Das Problem ist ohnehin, dass die Verwaltung des Wachstums nicht synchron läuft mit dem Wirtschaftswachstum selbst. Denn das Regulierungswachstum widerspricht dem Wirtschaftswachstum. Es entsteht eine sehr merkwürdige Dichotomie zwischen Verwaltungswachstum und Wirtschaftswachstum, eine Dichotomie, die rechtsfreie Oligarchenstrukturen geradezu heraufbeschwört. Die moderne Ökonomie wirkt so wie ein gezüchteter Dschungel. Der moderne Massenmensch bewegt sich in diesem Kunstdschungel wie ein vormoderner Mensch und benutzt den in dem Dschungel existierenden Warenreichtum wie einen Fetisch. Der moderne Massenmensch umgibt sich mit Dingen wie mit einem Abwehrzauber. Aber er versteht die Wirkungslosigkeit dieses Reichtums nicht mehr.

Der elsässische Reformator Martin Butzer schrieb vor 500 Jahren: Jedermann läuft hinter jenen Geschäften und Beschäftigungen her, die den höchsten Gewinn versprechen. Das Studium der Künste und Wissenschaften gibt man auf und geht lieber den gewöhnlichsten Beschäftigungen nach. Alle klugen Köpfe, die Gott mit der Fähigkeit zu edleren Studien begabt hat, widmen sich nur noch der Geschäftemacherei, die heute so voller Unehrlichkeit ist, dass es die allerletzte Art ist, mit der sich ein ehrenwerter Mann abgeben sollte.

Und Martin Luther schrieb etwas zur gleichen Zeit in seinem Pamphlet „Von Kaufhandlung und Wucher“: Sie haben alle Ware unter ihren Händen und machens damit, wie sie wollen, und treiben ohne all Scheu die obberührten Stücke: Dass sie (die Preise) steigern oder erniedrigen nach ihrem Gefallen und drücken und verderben alle geringen Kaufleute gleichwie der Hecht die kleinen Fische im Wasser, gerade als wären sie Herren über Gottes Kreaturen und frei von allen Gesetzen des Glaubens und der Liebe.

Mehrere Revolutionen und Weltkriege später ist es wie gehabt. Der einzige Fortschritt liegt darin, dass es noch schlimmer wurde. Einerseits. Andererseits leben wir in einer wunderbaren Traumfabrik. Wir wandeln täglich Steine in Brot – was Jesus noch verweigerte. Mit dem Teufel im Bunde, haben wir wohl nicht mit Gottes Schwäche gerechnet. Er kann immer noch keinen Stein erschaffen, der so schwer ist, dass er ihn selbst nicht heben kann, denn könnte er ihn heben, könnte er ihn ja nicht erschaffen. Gottes Macht ist begrenzt. Der Teufel hat uns unbegrenzte Macht vorgespielt und seine Traumfabrik errichtet. Natürlich sind wir schwachen Menschen darauf hereingefallen. Aber jetzt wissen wir es. Immerhin haben wir ein paar Jahrhunderte gut gelebt. Einige von uns zumindest. Scheinbar. Denn der Teufel hatte immer seine Finger im Spiel.

 

 

ENDE

 

 

 

 

 

2. Beitrag vom 30. Januar 2026

 

Best-of-Streifschüsse von 2019 bis 2022 Teil IV

 

Von Zielen und Sternen

Dass ich selbst schon über viele Jahre einem Leitstern folge, bedeutet nicht, dass ich auch ein Ziel habe. Mit den Sternen ist das so eine Sache. Als Menschen überleben wir sie nicht. Wenn ich morgens aufstehe, sehe ich dieses Licht, dem ich folge. Wenn ich abends zu Bett gehe, ist dieses Licht, dem ich folge, noch immer scheinbar an der gleichen Stelle wie am Morgen. Ich scheine diesem Licht kein Jota näher gekommen zu sein. Und doch folge ich ihm. Einem Telos zu folgen, ohne das Ende zu kennen, ja ohne Hoffnung, es je zu erreichen? Wir kommen und gehen; jeder Augenblick bringt Tausende her und nimmt Tausende hinweg, von der Erde: sie ist eine Herberge für Wandrer, ein Irrstern, auf dem Zugvögel weg eilen. So beschreibt es Johann Gottfried Herder in seinen das ausgehende 18. Jahrhundert prägenden Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. Herder definiert den Menschen als den Mittelring zweenter Welten. Einerseits ist der Mensch ein Tier, erd- und triebverhaftet. Als Tier können wir Menschen unsere Triebe befriedigen. Vielen reicht das schon. Als Mensch streben wir stets zu Höherem, ja im Sinne des damaligen Idealismus streben wir gar zur Unsterblichkeit. Dieser Widerspruch macht uns seit jeher aus. Im Rahmen der kapitalistischen Ideologie der totalen Gesellschaft hatten wir das zwischenzeitlich beinahe vergessen, weil wir als Individuum nur durch totale Anpassung existieren können.  Aber das Tier lebt sich aus, und wenn es auch höheren Zwecken zufolge sich den Jahren nach nicht auslebet, so ist doch sein innerer Zweck erreicht; seine Geschicklichkeiten sind da, und es ist, was es sein soll. Der Mensch allein ist im Widerspruch mit sich und mit der Erde; denn das ausgebildetste Geschöpf unter allen ihren Organisationen ist zugleich das unausgebildetste in seiner eignen neuen Anlage, auch wenn er lebenssatt aus der Welt wandert. (Herder) Unter diesem Blickwinkel erfordert die aktuelle Lage, dass wir als Menschen das Telos freier Selbstbestimmung wieder zurück gewinnen.

Den Verlust unserer Selbstbestimmung beschreibt Adorno in seinen soziologischen Schriften so: Anpassung an die gesellschaftlichen Verhältnisse und Prozesse, welche die Geschichte ausmacht und ohne die es den Menschen schwer geworden wäre, fortzuexistieren, hat sich in ihnen derart sedimentiert, dass die Möglichkeit, daraus ohne unerträgliche Triebkonflikte auch nur im Bewusstsein auszubrechen, schrumpft. Sie sind, Triumph der Integration, bis in ihre innersten Verhaltensweisen hinein, mit dem identifiziert, was mit ihnen geschieht. Der Prozess zehrt davon, dass die Menschen dem, was ihnen angetan wird, auch ihr Leben verdanken. Der Kitt, als der einmal die Ideologien wirkten, ist von diesen einerseits in die übermächtig da seienden Verhältnisse als solche, andererseits in die psychologische Verfassung der Menschen eingesickert.

Dass der Mensch total erfasst wurde, bis in sein Innenleben hinein, das bedeutet, dass nicht mehr Weitsicht, Autonomie und Spontanität, sondern Anpassungsfähigkeit und Konformismus zu überlebensnotwendigen Charakter-Dispositionen wurden. Wir halten die Regie inne über unser Konsumverhalten, mehr nicht. Was wir zurzeit aber erleben - und jetzt komme ich auf das, was ich eigentlich sagen will - was wir gerade erleben in der Pandemie ist die Auflösung dieser Kontrolle. Wir erleben, dass Kulturindustrie, Technikbegeisterung und Sport alleine nicht ausreichend Sinn stiften. Adornos Feststellung der totalen Gesellschaft, trifft nicht mehr zu, hat sich schon vor Corona an den Rändern aufgelöst und trat durch die Pandemie-Tür in die gesellschaftliche Mitte. Wenn aber derart sedimentierte Ideologien zerfallen, dann entsteht ein Sinn-Vakuum. Erfreulicherweise gibt es in der Natur kein vollständiges Vakuum.  Wir alle können nach Auflösung der kapitalistischen Ideologie einer totalen Konsum-Gesellschaft wieder neu lernen, dass der Mensch von Beginn an ein zerrissenes Wesen ist. Es ist offensichtlich, dass eine Ökonomie, die von uns fordert, mehr zu konsumieren als wir als Tier benötigen, nur um das Nötigste zu erhalten, das wir als Tier brauchen, kein freies Telos zulässt. Mit dem Hut der Freiheit gekrönt und mit dem Gurt des Himmels gegürtet, setze fröhlich deinen Wanderstab weiter. (Herder)

 

Woher und wohin und wie?

Warum sind wir hier und vermehren uns wie die Karnickel? Wir wissen es nicht. Wir haben zwar zahlreiche Erklärungsversuche unternommen, um den Sinn des Lebens zu ergründen. Aber es waren eben nur Versuche. Daher haben die Philosophen und dann alle anderen Menschen es allmählich aufgegeben, den Sinn des Lebens zu ergründen. Die meisten von uns konzentrieren sich voll und ganz auf den Sinn ihres eigenen Lebens und sind damit mehr als beschäftigt. Fragt man mich jedoch nach dem Sinn meines Lebens, habe ich das ungute Gefühl, es wäre Hybris darauf zu antworten. Warum sollte ausgerechnet mein Leben irgendeinen Sinn haben, den vielleicht ein anderes Leben nicht hat? Das ergibt keinen Sinn. Wenn man über den Sinn wie über irgendeinen Sachverhalt nachdenkt, verhält sich die Sache vor dem denken anders als nach dem denken. Es ist tatsächlich eine Art Hinterher denken. Die Sache kommt einem hinterher anders vor. Es kommt zum Vorschein, was dahinter ist, aber was dahinter scheint nicht zum Vorist. Wenn ich darüber nachdenke, wie mir das vorkommt, was mir da beim Vordenken nachkommt, dann verstehe ich Walter Benjamins Einräumung, wir würden nicht mit der Sprache denken, sondern in der Sprache. Die Sprache ist oft selbst ganz sinnlos. Sie ist nicht so smart, wie die FDP das gerne hätte. So kommen wir oft nur ex negativo auf irgendeine Spur. Wir sagen „das ist sinnlos“, wenn jemand eine Tätigkeit ausführt, die nicht zu einem erkennbaren Ergebnis führt. Wir bezeichnen es aber auch als sinnlos, wenn jemand ein Gedicht schreibt, oder überhaupt sich für irgendetwas schindet ohne Geld oder irgendeinen Preis dafür zu bekommen. Wozu die Anstrengung? Oder wir empfinden es als sinnlos, wenn sich jemand für etwas Gutes einsetzt, weil wir glauben, dass er das Ideal seiner Anstrengungen nie erreichen kann. Warum für den Umweltschutz engagieren? Die Menschen werden doch eh alles zerstören. Warum sich für die Armen engagieren? Es wird immer Reiche und Arme geben. Warum für den Frieden demonstrieren? Der Mensch wird immer Krieg führen. Und so weiter. Auch mit Kindern sind wir nicht gnädig. „Lass den Unsinn“, sagen wir zum Kind, wenn es etwas macht, das uns zu stören scheint. Dabei ist Unsinn anders als bei den Unkosten (oder der Unmenge), nicht mehr Sinn, sondern weniger. „Erzähl keinen Unsinn“, sagt man mir oft obwohl ich gar kein Kind mehr bin. Andererseits ist man im Werden immer auch noch ein wenig das, was man mal war. Also steckt in uns allen ein Kind, das gerne Unsinn macht oder wenigstens machen würde, wenn man es ließe. Unsinn verstößt gegen Normen. So schafft der Sinn ein normatives Verhältnis zum Leben. Es ist daher eine merkwürdige Unwissenheit, den Sinn des Lebens nicht zu kennen. Wir kennen die normative Grundlage von allem gar nicht. Alle unsere Regeln und moralischen Vorschriften sind im wahrsten Wortsinne aus der Luft gegriffen. Wir leben alle in einer normativen Enge des „Du darf dieses nicht und jenes nicht“. Vieles von dem, was man nicht darf, macht Sinn. Aber warum?  Stehlen, morden und huren wird überall verurteilt. Andererseits fühle ich mich täglich von meinem Vermieter bestohlen, vom Finanzamt, von der Telekommunikationsgesellschaft, den Nahrungsmittel-herstellern. Warum dürfen diese mich bestehlen und ich sie nicht? Warum muss ich mich auf dem Arbeitsmarkt (früher auch Sklavenmarkt genannt) zur Hure machen? Das ist nicht nur sinnlos, es ist sogar unmoralisch! Ausbeutung für ein paar reiche Arschlöcher, die sich dann intergalaktische Raumstationen bauen, auf denen sie mit ihren scheißreichen Freunden sinnlose Partys feiern, während ich auf die nächste Überschwemmung warte?

Nestle darf mich sogar langfristig mit überzuckerten Nahrungsmittel umbringen, ohne bestraft zu werden. Das Leben ist sinnlos, weil es ungerecht ist oder ist es ungerecht, weil es sinnlos ist? Oder ist Gerechtigkeit eine Frage der Perspektive und für eine arme Socke wie mich ist das Nachdenken über Gerechtigkeit ein zu spät denken? Kann man beim Nachdenken nicht mehr hinterher kommen und ist das Denken dann ganz sinnlos? Macht es Sinn, hier herumzusitzen und über Gott und die Welt nachzudenken ohne je auf ein vernünftiges Denkergebnis zu kommen? Ich könnte diese Zeit jetzt sinnvoll damit verbringen, Geld zu verdienen. Selbst schuld, statt reich.

Der Mensch verfügt über Sinne und es macht Sinn, Augen zu haben, um die Welt zu sehen, Ohren, um die Welt zu hören, eine Nase, um die Welt zu riechen, Beine, um durch die Welt zu gehen und Hände um die Welt anzufassen. Darüber muss man gar nicht groß nachdenken. Aber wie steht es um Blinde, Taube, Gelähmte? Ist ihr Leben jetzt sinnloser als meines? Nicht immer ist das, was einen Sinn macht auch ein Sinn. Handlungssinn, Bedeutungssinn, Verstehen. Eine Definition – sagte einmal Hans Jonas – kann Wissen nicht ersetzen. Definitionen sind für den Philosophen wie Klebstoff für den Bastler. Bei der Handarbeit mit Schere und Papier klebt man schnell mal was zusammen, was gar nicht zusammen gehört. Gelegentlich ist das Sinnlose aber schön und berührt so den Sinn. Ein Gedicht mag sinnlos sein, sobald es jemand mit Genuss liest, berührt es den Sinn. Was uns in den Sinn kommt, ist nicht immer sinnvoll und daher filtern wir vieles wieder aus unseren Sinnen heraus. Das macht Sinn. Niclas Luhmann sah im Sinn die ständige Aktualisierung von Möglichkeiten. Andererseits ist das Unmögliche gelegentlich sinnstiftend. Oder macht eine Utopie etwa gar keinen Sinn? In gut 50 Tagen beginnt die sinnliche Jahreszeit, die für einen Atheisten schlicht nur kalt ist. Leuchtende Kugeln auf Tannenbäumen ergeben gar keinen Sinn, aber die Stimmung, die zur Weihnachtszeit in unseren Landen herrscht, möchte ich nicht missen. Auch wenn Jesus, der Weihnachtsmann, der Nikolaus und andere Fabelwesen nur abergläubischer Unsinn sind, sie berühren unsere Sinne. Wenn Unsinn Sinn ergibt und das Sinnlose unsere Sinne berührt, dann eröffnet mir die Sprache Räume – und dies immer wieder, sogar nach tausenden von gesprochenen Jahren. Ein weiteres sinnloses Wunder.

 

ENDE

 

 

 

 

 

 

1. Beitrag vom 15. Januar 2026

 

 

Best-of-Streifschüsse von 2019 bis 2022 Teil III

 

Wasserwaage und Perpendikel

Die Meipolo-Rose – heißt es bei Wikipedia – gilt als Inbegriff der Schönheit. Doch schon Cicero meinte, dass die Schönheit zwei Seiten habe, die Anmut und die Würde. So entdeckte ich die Schönheit oft an ganz unbekannten Orten und war manchmal mit meiner Rührung darüber ganz allein. Goethe suchte in Italien nach der Schönheit, die er in Weimar nicht fand. Offenbar war Charlotte von Stein daraufhin schon ein wenig gekränkt.

Der alte Neptunist Goethe nahm im Unterschied zu vielen anderen deutschen Dichtern und Denkern die zusätzlichen Strapazen auf sich, nach Sizilien zu reisen, das vielen damals nicht mehr zu Europa gehörte. Winkelmann zum Beispiel schickte nur seinen Schüler vor, um dieses einst von den Griechen besetzte Gebiet zu erkunden. Goethe also et arcadia ego. Doch er entdeckte dort nicht nur sein Arkadien. Vielmehr war er entsetzt, als er vor der barocken Villa Palagonia in Bagheria (15 km entfernt von Palermo) stand. 1715 erbaut von dem Dominikaner Napoli als Auftragsarbeit für den Fürsten von Palagonia, stapelten sich auf der schiefen Außenmauer Chimären, Wesen mit menschlichen Körpern und Hahnen- oder Pferdeköpfen, alles barock windschief und manieriert gestaltet und zugleich aus witterungsanfälligem Sandstein. Heute gibt es viele dieser Figuren gar nicht mehr oder es fehlen die Köpfe. Das Widersinnige einer solchen geschmacklosen Denkart zeigt sich aber im höchsten Grade darin, daß die Gesimse der kleinen Häuser durchaus schief nach einer oder der andern Seite hinhängen. So daß das Gefühl der Wasserwaage und des Perpendikels, das uns eigentlich zu Menschen macht und der Grund aller Eurhythmie ist, in uns zerrissen und gequält wird. So beschrieb es Goethe 30 Jahre später in seinem Buch über Italien.

Alles, was gerade ist und symmetrisch, hält länger und gilt auch als schön. Das schiefe und krumme dagegen ist hässlich und geht leichter kaputt. Goethe verachtete Tod und Vergänglichkeit, weil es unangenehm und geschmacklos ist.  Ein Stück Faschismus steckt also schon drin im Klassizismus. Denn es waren nicht die alten Griechen, die schöne, schlanke Säulen bauten, sondern die faschistischen Römer. Die alten Säulen der Griechen waren wuchtig und erinnerten eher an einen Schweinestall, so wie die in den Sumpf gepfählten Säulen des Poseidontempels in Salerno (Paestum). Aber was soll’s. Goethe verwechselte auch die dorische Säule mit der corinthischen Säule. Von allen vier Seiten steigt man auf breiten Treppen hinan und gelangt jedes Mal in eine Vorhalle, die von sechs corinthischen Säulen gebildet wird, schrieb er über die Villa Almerico (La Rotonda). Tatsächlich sind es dorische Säulen. Schönheit ist relativ zum Betrachter und meist ruht sie auf einer ausgeprägten Sinnestäuschung. Hormone und Illusionen, Alkohol und Geilheit, Täuschungen und falsche Vorstellungen prägten und prägen unsere Schönheitsideale mehr als die Wahrheit. Die Wahrheit ist – nun sie ist – ja wo ist sie nur?

Schönheit lässt sich erkennen – ja sicher – aber sie ist nicht neutral. Und die Partei der Schönheit ist nicht immer die bessere Wahl. So manches Abgeschmackte entpuppt sich dann als Inbegriff von Ästhetik. In diesem Sinne besitze ich keine Wasserwaage und bin dennoch menschlich.

 

Warum ist Nebensache

Als ich angetreten, war ich ein verwirrter Jugendlicher mit übertriebenen Vorstellungen vom Leben. Enttäuscht von den Fakten, drohte Verzweiflung. Aber inzwischen weiß ich, dass es keinen Sinn hat, gegen eine Wand zu rennen. Ich renne zwar weiter gegen Wände. Aber ich erwarte mir nichts mehr davon. Ich mache das, weil ich es mir selbst schuldig bin, gegen diese Wände zu rennen. Nicht weil es Sinn macht oder andere von irgendetwas überzeugen könnte (sie sind nicht überzeugbar).

Nicht alles, was man tut, dient einem Zweck und schon gar nicht anderen. Was man für sich selbst tut, ist dieser authentische Irrsinn, den andere nicht verstehen können. Bestimmte Einsichten sind nicht vermittelbar. Sie sind trotzdem Einsichten. Jetzt könnte man sagen, dass sich der Wahn durch die Unteilbarkeit seines Eindruckes ausweist. Aber das wäre voreilig. Denn das Individuum ist doch unteilbar! Ist das Individuum nur ein Wahn? Die Mitteilbarkeit selbst basiert auf der Teilbarkeit. So aber wäre jeder eine Monade mit Türen.

Jeder Raum sollte hin und wieder gelüftet werden, auch der Raum des Individuums. Was dann aber mit der Luftströmung in den Individualraum kommt, ist das Problem. Wir haben nur begrenzte Mittel der Mitteilung. Das Bewusstsein ist oft ein Überbewusstsein, weil man sich mehr bewusst ist, als man mitteilen kann. Die meisten Anteile des Bewusstseins sind von anderen nicht wahrnehmbar. Denn Wahrnehmung ist nur eine von sechs kognitiven Fähigkeiten. Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Wille, Problemlösung, Sprache und Gedächtnis. Sechs extrem komplexe Fähigkeiten, die alle zusätzlich miteinander interagieren. Konnte ich es sehen, hören, riechen, spüren? Kann ich mich daran erinnern? Will ich es überhaupt? Habe ich dazu die Sprache, es auszudrücken? Interessiert es mich überhaupt und kann ich die Sache dann lösen? Und hier soll mir ein anderes Individuum auch noch folgen und die wahre Schnittstelle, die Gemeinsamkeit erkennen, fühlen, lösen und auch wollen? Das ist alles echt nicht so einfach, wie wir glauben. Es erfordert Jahre. Und dann wissen wir nicht einmal, ob diese Jahre nicht einfach eine Form, der Anpassung sind und der Ursprung unseres Ichs verloren ging. Wer sind wir? Wer bin ich? Wie müßig! Ist dieses Ich ein Wahn? Gemeinsinn schlägt die Individualität. Und doch bleibt dieses Bedürfnis, ganz man selbst sein zu wollen und sich selbst als unteilbar wahrzunehmen und auch zu erleben, dies mitzuteilen in irgendeiner Sprache, die wir mit mehr oder weniger Aufmerksamkeit verwenden.

 

Ware und Geist

Der Anspruch auf Autonomie und Eigenständigkeit eines Textes in der Kunst steht im direkten Widerspruch zu dem zugleich bestehenden Anspruch des künstlerischen Textes, kommunizierbar zu sein. Durch ihre bourgeoise Zurichtung als Ware sind die meisten Texte heute nichts weiter als eine Parodie ihrer eigenen Ambition. Brillante Texte scheitern an ihrer Waren förmigen Zurichtung. Als besonders bestechlich und bigott erscheinen gerade die Texte, die als anspruchsvollste Ware den Ladentisch kreuzen und dann weniger sich selbst als vielmehr dem Leser schmeicheln. Während diejenige Kunst, welche kanonisch reflektiert – wozu Kunst einmal fähig war – in den hinteren Regalen verstaubt und nur noch als in Wahrheit ungelesene Referenz in den Feuilletons aufblitzt. Und wozu Kunst fähig sein kann und sein könnte, versinkt in der Apotheose des Dosengelächters einer Fernsehsitcom. Es ist in dieser Barbarei der Gleichzeitigkeit kein Pluralismus tätig, sondern ein Nihilismus. Der Beckett zitierende Moderator einer Late-Night-Show verschüttet Weihwasser in einem Discounter. Dennoch: Kunst bedarf des heiligen Rituals längst nicht mehr. Im postmodernen Zitat ankert die ganze Lobpreisung und äußert sich so im Prozess ihrer eigenen autonomen Grundlage. Dass man ein Bild malt und nicht was es darstellt, ist auch für den Text gültig. Die Mimesis ist nur ein Element im Dienst der künstlerischen Sublimierung. Daher findet man gar nicht so selten in den Wühltischen Sakrales. Die Kunst ist also nicht abgestorben im Hegelschen Sinn, sondern aufgehoben (im äquivoken Wortsinn) in der Banalität unseres Daseins. So weit hat sich die Autonomie der Kunst entwickelt, dass sie nur noch für den auffindbar ist, der selbst diese Autonomie anstrebt. Verstanden wird nur von dem, der versteht. So findet sich in der Ware gar nicht mehr so viel Gebrauch oder Verbrauch, wie es ihrer Intention entspricht. Im Tauschwert spiegelt sich die Illusion von Vielfalt in der Einöde. Tritt man in ein modernes Antiquariat ein, bilden die gestapelten Waren ein Ornament des Bewusstseins des Antiquars. Die repräsentative Kraft des Buches übertönt die Performanz der Texte. Die Illusion der Performanz kommt auch nicht ohne Mimesis zurecht. Doch in der Vielfalt des Diskurses reduziert sich die Mimesis auf die Imitatio. Nihil autem crescit sola imitatione – nichts aber wächst, wo man nur nachahmt – hatte allerdings schon Quintilian gewarnt. Der billige Widerschein des Kaufhauses im Antiquariat ist Aufheben im Hegelschen Sinn. Immer erscheint mir ein neues, noch original verpacktes Buch ehrfürchtig. Nur abstrakt ist mir der Gedanke nah, dass es sich dennoch um Massenware handelt, das seinen Inhalt promiskuitiv jedem anbietet. Im Geschätzten findet sich daher nicht so sehr die Ware, sondern das Mitgeteilte wieder. Indem dies Mitgeteilte mit mir identisch ist, kooperiert das Kunstwerk. Und zugleich ist das seine Differenz. Nicht der Kanon, sondern der Antikanon offenbart die Demarkationslinie zwischen Kunst und Empirie. So können das abgesprengte Rudiment sich heterogen zum Ganzen gefügte und in bloß unterhalten wollender Kunst heroische (überlebensgroße) Momente aufblitzen. In der Warenform der Kunst wird die Warenhaftigkeit des kapitalistischen Marktgeschehens negiert, kraft der Nicht-Identität des Kunstwerks in der Ware selbst. Doch dies zu erkennen, bedarf es nicht nur des Bewusstseins, sondern des Geistes. Es ist die selbstbestimmte Geisteshaltung, mit der die Aufnahme dieser Mitteilung möglich wird. Über diesen Weg wird selbst die billigste Unterhaltungskultur sublimiert. Und in dieser aktiven Sublimierung kann sich bloße Unterhaltung gar nicht mehr halten. Der Königsweg zur Kunst.

 

ENDE